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Das Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe)

Theodor Däubler: Das Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe) - Kapitel 3
Quellenangabe
typeepic
booktitleDas Nordlicht (Genfer Ausgabe)
authorTheodor Däubler
year1921
firstpub1921
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
titleDas Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe)
pages1239
created20120317
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20140924
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Prolog

        E s sind die Sonnen und Planeten, alle,
Die hehren Lebensspender in der Welt,
Die Liebeslichter in der Tempelhalle
Der Gottheit, die sie aus dem Herzen schwellt.

Nur Liebe sind sie, tief zur Kraft gedichtet!
Ihr Lichtruf ist urmächtig angespannt.
Er ist als Lebensschwall ins All gerichtet:
Was er erreicht, ist an den Tag gebannt!

Ein Liebesband hält die Natur verkettet;
Die Ätherschwelle wie der Feuerstern,
Die ganze Welt, die sich ins Dunkel bettet,
Ersehnt in sich den gleichen Ruhekern.

Durch Sonnenliebe wird die Nacht gelichtet.
Durch Glut und Glück belebt sich der Planet.
Die Starre wird durch einen Brand vernichtet,
Vom Meer ein Liebeswind verweht.

Wo sich die Eigenkraft als Stern entzündet,
Wird Leben auch sofort entflammt;
Und wenn die Welt sich im Geschöpf ergründet,
So weiß das Leid, daß es dem Glück entstammt.

So muß die Erde uns mit Lust gebären:
Und wird auch unser Sein vom Tag geschweißt,
Die Sterne können uns zu Gott belehren:
Verheißen, daß kein Liebesband zerreißt!

Wir sehn das Leben uns die Jugend rauben:
Es ängstigt uns das Alter und der Tod,
Drum wollen wir an einen Anfang glauben
Und schwören auf ein erstes Urgebot.

Doch bleibt die Ruhe bloß ihr Ruheleben!
Nichts ist verschieden, was sich anders zeigt;
Und vollerfüllt geschieht der Geister Beben,
Auch in uns selbst Natur, die sprechend schweigt!

Beständigkeit wird der Gewinn der Starre,
Doch es ereilt, zermürbt sie Ätherwut;
Und bloß der Geist ist da, daß er beharre,
Da er als Licht auf seiner Schnelle ruht.

Zwar sucht der Weltwurf immerfort zu dauern,
Und er umrundet drum den eignen Kern;
Er kann zum Schutz sich selber rings umkauern,
Doch ist sein Wunsch nicht ewig, sondern fern.

Wohl mag die Welt das Weiteste verbinden,
Der Geist jedoch, der aus sich selber drängt,
Kann urhaft Riesenkreise um sich winden,
Daß überall sein Wirken sich verschenkt.

So sind die Welten immerfort entstanden!
Doch da sich Ewiges dem Ziel entreißt,
Entlösen Sterne sich aus Sternenbanden,
Was die Unendlichkeit im Sein beweist!

Ja Liebe, Liebe will sich Welten schaffen!
Bloß Liebe, ohne Zweck und ohne Ziel:
Stets gleich, will sie stets anders sich entraffen,
Und jung, zu jung, bleibt drum ihr letztes Spiel.

Denn glühte durch das All ein Schöpferwollen,
So hätte Eine Welt sich aufgebaut,
Und traumlos würden Geister heller Schollen,
Im klaren Sein, von ihrem Dunkelgrund durchgraut.

 

        I ch sah dereinst in einen Regenbogen,
Er schien mir aller Stürme stilles Tor;
Dann ward ein Karren plötzlich durchgezogen,
Stark zerrten Büffel ihn leicht weiter vor.

Tief fanden diese Tiere ihre Ferne,
Längst hatte sie der Mensch für sich betäubt,
Sie waren unter uns gekommne Sterne.
Ich sah hinweg, ins Licht, das nie zerstäubt!

O weiße Sonne, deine goldnen Strahlen
Berauschen und erwecken meinen Geist!
Du bist die Arbeit: mit geweihten Qualen
Trifft dein Gebot mich, wenn das Herz vereist.

Was du bedeutest, Sonne, ist der Seele,
Auf dieser Welt, am innigsten verwandt;
Mir ists, als ob die Glut den Kern entschäle,
Denn mein Erbarmen gibt mir selbst Bestand.

Ich bin so bloß wie du, geliebte Sonne,
Und wo ich nackt bin, herrschst du über mich,
Und folg ich dir, so überkommt mich Wonne,
Denn dein Gebot ist mir ganz wesentlich.

Ja! meine Freiheit sind die Weltgesetze.
Der Geist ist Überkraft ihres Vereins.
Dort bin ich tief wie ungehobne Schätze:
Ein Teil des allerjüngsten Eigenseins.

Hier kann mein Geist entsetzlich sich ereifern,
Denn alles, was in ihm sich selbst bestimmt,
Wird durch die Schatten, die ihn blaß umgeifern,
Da sie veraltern und zergehn, ergrimmt.

In mir erglimmt, entkernte Selbstgeheiße,
Du Licht, das mich in Sonnentreffen ruft!
Das klirrt beinah: »Was dich beengt, zerreiße!«
Ihr Urlichttiefen, schützt, was ihr erschuft!

Ich habe jetzt die Welt in mir empfunden,
Und langsam überdenk ich, was geschah;
Ich konnte mich, ergeistet, klar bekunden:
Ich war als Schöpfer mir Geschöpf ganz nah!

Jetzt weiß ich auch vom Grund der Himmelsdinge:
Die Erde trägt im Kern ihr Sonngebot!
Auf Lichtgeheiße sprengt sie Felsenringe,
Und was verstumpfte, zeigt sich goldumloht!

Versucht die Schöpfung in den Raum zu drängen,
Denn zeitlich faßt ihr nicht das Welten-Ei!
Und wißt, in holdgesternten Überschwängen
Erkennt das Urlicht sich und schöpft uns frei.

Wo sich das erste Freudenleuchten spaltet
Und plötzlich in ein Urereignis tritt,
Erscheint der Tag, der sich ins Dasein schaltet,
Und rollt sein Schweigen durch die Sphären mit.

Die Sonne wahrt ihr Wesen stets am hehrsten
Und hat es still der Erde anvertraut;
Sie schimmert nun am Pol, wo sie im Leersten
Der Einheit helles Urgebot erschaut.

Der weiße Erdenkelch, der dort ersprossen,
Verjüngt die Welt durch Urbeschluß
Der Dinge, die sich tief ins Sein ergossen:
So blüht von Stern zu Stern ein Jubelgruß.

Wie es vom Licht die Erde überkommen,
So hegt sie ihr Geschick im eignen Kern,
Und ist im Menschen sein Vertraun verglommen,
Wird sie sofort ein goldner Rachestern.

Auf unsrer Freiheit, unserm Seelenlichte
Beruht der Erde stilles Schaffensgut.
Doch furchtbar geht die Sonne zu Gerichte,
Beherrscht sie nicht der Erde Geist in Glut.

 

        D ie Erde treibt im Norden tausend blaue Feuerblüten
Und übermittelt ihren Sehnsuchtstraum der Nacht,
Drum soll der Mensch auch seinen Flammenkelch behüten,
Wenn er, durch ihn belebt und lichterfüllt, erwacht.

Fürwahr, mir sind die Glutanschürer Gärtnerscharen
Von einer langbegrabnen, auferstandnen Pracht:
Versteinte Wälder wollen sich uns offenbaren,
Und Pilger holen sie aus finsterm Erdenschacht.

Ja! Pilger graben, wühlen sich stets mehr hinunter,
Stets tiefer in der Erdenmutter dunkles Heiligtum;
Ihr Herzschlag, ihr Gehämmerwerk, erhält sie munter:
Asketen aber sind sie zu des Urlichts Ruhm!

Auf ihrer Freiheit, ihrer Glutenkernesnähe
Beruht und tagt das ganze Dasein dieser Welt,
Sie sorgen, daß der Totgeglaubte auferstehe,
Durch sie wird jede Nacht vom Nordlichte erhellt.

So wandeln wir in wunderbaren Flammengärten:
Hoch türmen Feuerlauben sich ins Grau empor;
Die fernen Drachen wurden freundliche Gefährten
Und schimmern still vor meines Weibes sicherm Tor.

Ihr Grubenarbeiter, Ergrübler freier Wunder,
Vertraut dem Irrlicht nicht, das listig euch umschwirrt:
Bleibt unbeirrte, biedre Erdenherzerkunder,
Seid eurer eignen Willenstiere ernster Hirt!

Der Sonne könnt ihr bloß im Erdenschoße nahen,
Dort unten stoßt ihr auf den Sinn von dieser Welt,
Und auch das Licht der Dinge, die noch nie geschahen,
Wird, urbestimmt, durch euch in uns hervorgeschwellt.

 

        F ürwahr, ich habe Tropenwälder schon im Traume,
Als Nord- und Südlicht, wunderbar erblühn gesehn;
Ich fühlte Morgenröten rings im Mittagsraume
Aus unsrer Erde plötzlich kindlich rein entstehn.

Ich faßte mich und nahte manchem jungen Manne
Und lauschte gern auf seines Wesens Wirkungslied;
Ich fand ihn ganz allein und doch im Urlichtbanne,
Und sah, wie er den Kern von alten Schalen schied.

Da schienen lauter Hände mir fast Urwaldfächer!
Ja Knospen gar, aus denen Blüten aufgezuckt;
Und schon ihr Daseinsrausch durchsprühte Scheibendächer
Und hat mit Flammenzungen Düsterheit verschluckt.

In Riesentreibhäusern sind die verschwundnen Wälder
Als grüne Flämmchen und als Blütenschein erwacht,
Der Dampf gemahnte an die heißen Nebelfelder
Von einer tiefvergrauten fernen Lebenspracht.

Und jeder Jüngling hütete die eigne Blüte!
Sowie er kam, entzuckte sie aus seiner Hand.
Aus jedem Wirken glühte aller Kerne Güte,
Doch gleich verglomm der Glanz, sobald sein Gärtner schwand.

Mit Feuerschwertern ward die Starre aufgerieben,
Mit Samenpfeilen selbst das Eisen kühn erweicht,
Sein Blut aus seinem Wesensgrund emporgetrieben,
Die ganze kalte Weiblichkeit vom Geist geeicht.

In die Natur sind lauter Kolben vorgestoßen!
Die Walzen und die Nacken haben rings geschwitzt.
Aus Allem wühlte sich die Sehnsucht nach dem Großen:
Ein Urgewitter hat in Menschenhut geblitzt.

 

        N un seh ich Menschen, von der Erde selbst gehoben,
Zu ihrem Werke, wie zu einem Feste, gehn,
Und Tropenwälder, in ihr Wirken eingewoben,
In freier Sonnenluft auf unsrer Erde stehn.

Nun sind sie schon der Flammenforst der Menschenseele!
Die Einheit, die sich aus der Wechselschalung samt:
Ein ganzes Weltgewitter lebender Befehle,
Das Schweigen, das uns strahlend an uns selber mahnt.

Ich sehe einen Meteor in Menschenhänden
Sich wunderfältig bilden und dem Geist entfliehn:
Ich staune nun vor lauter Feuerbränden
Und sehe zitternd einen Stern nach Norden ziehn.

Das ist ein Eisenleib: ich kann ihn klar erkennen!
Ein Werk, das in sich selbst das Erdenlicht verschließt;
Es will sich stolz von seinem Ursprungsfeuer trennen:
O seht, wie kühn es sich in Fremdheiten ergießt!

Jetzt träum ich nicht: die Gluten werden blasser!
Das ist ein Riesenschiff, das kühn vom Stapel läuft –
Nun zieht es heim. Sein Wesen kennt das Wasser.
Schon wirds von tausend Küssen schäumend überhäuft.

So eilt das Schiff durch seine selbstbewegten Wogen
Und flieht das Land, voll Freude an der Flut,
Doch dann bedenkt es sich und dreht in kurzem Bogen
Rasch um – und weiß sich in des Meeres Hut.

Wohl scheint mir so ein Eisenleib eine Verheißung
Von einer geistgelenkten Meteorenwelt,
Von einer langerwägten, plötzlichen Entreißung
Der fleischgewordnen Seele, die sich lichtwärts schnellt.

 

        A uch ich will wandern, immer weiter heimwärts schreiten;
Mein Geist wird sich im Eis von seiner Furcht befrein,
Um meinen Leib ein blonder Süden hold sich weiten:
Das Meer in meiner Seele eine Träne sein.

Die Einsamkeit umfange mich wie eigne Flügel:
Selbst die Verzweiflung ist für mich ein kühler Wind:
Schon weiten sich voll Glanz der Sehnsucht goldne Hügel:
Ein fremdes Erdenglück umlächelt mich gelind.

Das ist ein Wandern, ach, ein schweres, tiefes Wandern!
Zu viele Gletscher sind bereits in mir erstarrt:
Ich bin ein Hafen, voll von sturmgepeitschten Landern,
Doch für mich selbst sind meine eignen Pförtner hart.

Hinweg! erschallt es. Fort von deinen stillen Seen!
Hinweg von deinem stahlkalten Verstand, hinweg!
Hinweg aus Buchten, wo sich Segel windlos drehen!
Wozu ein Traum an einem urbestimmten Fleck?

Ich aber schaue fort, mich zwingen stärkre Träume,
Sie bannen mich, – da stehn sie, – sehn mich an, – weh mir!
Mein armes Ich, mein Leben, das ich stets versäume,
Auf einem Schwindelgrat sträubt sich mein Willenstier.

Ich will, ich darf nicht in die eigne Tiefe blicken,
Sie zieht mich an, sie quält mich, läßt mich nimmer los:
Ich sträube mich, beschwert mit wirklichen Geschicken,
Mein Tier, mein Nacken bleiben steif: – jetzt keinen Stoß!

Das Übel weicht zurück, ich fühl es an den Haaren;
– Was mich erschreckte, war nicht arg, doch ungewöhnt –
Das Schweigen um mich her hat viel von mir erfahren: –
Ich werde irgendwo im Mittagslicht verhöhnt.

 

        I ch kenne in mir selbst ein Tal, wo alle Bäume,
In Fliederbleiche, zueinander Grüße wehn,
Wo längsterlebte, starrgewordne Schreckensträume
Wie Gletscher über Wolken, auf uns sehn.

Ich liebe dieses Tal, um mich hinauszusehnen:
In weißen Schlössern herrscht mein einzger Feind,
Im Weiher spielen seine Kinder mit den Schwänen,
Und meine Spötter sind in Lauben laut vereint.

Ich nahe einem hohen, offnen Gartengitter,
Ich möchte mich versöhnen, – doch da bellt ein Hund,
Dann eine Meute: rings umschwirrt mich Astgeknitter.
Ich laufe. Jemand ruft: verfluchter Vagabund!

Das Tal ist lang. Unendlich seine Duftalleen.
Ich stürze meinem eignen Schrecken hilflos nach.
Dann bleib ich, wie ein Hirsch, den man getroffen, stehen:
Ich wittre, – ja, wer beißt mich? Ach, der argen Schmach!

Ich lebe noch, somit kann ich noch weiter leben!
»Ich bitte!« sprechen Wege höhnisch rings um mich.
Wohin? Um nicht am gelblich gleichen Fleck zu kleben –
Hinweg vom Wahn! Mein Ich, laß nimmer mich im Stich!

Es geht, wenn mans vermag! Und schließlich kann man helfen:
Ich wandre stiller fort und nahe einer See.
Ich siegte selbst, – hinweg sind alle Märchenelfen, –
Dort unten schweigt der große Freund von meinem Weh.

Das Meer ist grau, doch urgesund und brandet,
Um nicht der Fiebersterne Ruhebett zu sein:
Dort ist der Strand von starkem Algenhauch umrandet!
Schon schlürft mein Wesen sein Geheimnis lüstern ein!

 

        N un heißt es bauen: Schiffe bauen, Holz behauen,
Sich Segel liefern lassen, Bretter hobeln, leimen;
Auch abends wirken, – furchtlos vor dem Dämmerbrauen –
Des neuen Leibes Rippen ohne Tadel reimen.

Nun muß ich auch zum Daseinsakrobaten werden!
Auf Riesenschleifen nieder und dann aufwärts schnellen,
Das Leben nimmer fürchten, heldisch sein auf Erden,
Verworfen werden, aber nimmermehr zerschellen!

– Den Tod verachten? – O, das ist bedeutend schwerer!
Den Denkern glauben? Nebenbuhler, Akrobaten!
Die Dinge werden immer mehr die Lehrer,
Was bleibt uns da, als eine Welt entwußter Taten?

Doch alles das ist mein, nicht Ich, als tiefste Flamme;
Verscheucht man mich, so wird sie immer mehr erwarmen:
Ich weiß, daß ich als Geist von altem Adel stamme,
Verhöhn ich mich, so muß sie meiner sich erbarmen!

Ich will das Meer und alle offnen Religionen!
Hinweg von mir, zurück zu meinem hohen Wesen,
Der helle Kern in mir darf keine Schale schonen!
Doch da ich bin, so heiße es: im Brand genesen!

Geschick! Ein dumpfes Echo unsrer toten Heiden.
Vernunft! Ein längst verfahrner, alter Räderkarren.
Der Glaube? Leider oft die Angst vor Glück und Leiden.
Begeistre dich! so ruft es. Und ich laß mich narren!

Begeistre dich! erschallt es durch das ganze Leben.
Ist doch ein Baum seine Begeistrung, die er meistert:
Du sollst, wie er, mit festen Frühlingsblättern schweben.
Begeistre dich! Sei schon auf Erden ganz begeistert!

 

        N un schweige du als Traum; sieh Welten westwärts träumen!
Doch geh als Du der Erde ihnen ernst entgegen,
Du mußt mit deinem Kern dich gegen Sterne bäumen;
Sei friedlich und sei frei auf allen deinen Wegen!

Mein klarster Strahl, nun sei bereit, mit mir zu wandern:
Doch nein, ich folge dir, du bist bereits im Osten!
Noch seh ich dich nicht ganz, du rätselst fort in andern,
Drum fort, mein Schiff, du gaukelst schon um deine Pfosten.

Wir fahren bald den Sternen, Wind und Meer entgegen,
Dann peitscht der Sturm die Träume mir aus meiner Mähne;
Der Wahn wird sich vor meinem Willen niederlegen;
Geschick, umblitz mich, da ich Macht ersehne!

Sei nicht verzagt, du suchst die Freiheit jüngster Welten,
Die Erdenglut, die nordwärts strebt, um dort zu dämmern!
Doch zieh nach Süden; laß sie rufen, laß sie schelten,
Laß du von deinem Herzen dir dein Schicksal hämmern.

Doch gleich ans Werk, – bleib ruhig und doch unbesonnen,
Den Abend sieh von toten Tageshelden schwärmen,
Doch du vollende nie, was du mit dir begonnen,
Und reizt das Zwielicht dich, so magst du dich erwärmen!

So heiß und heilig, wie die Liebe unsrer Erde,
So eisig wie der Sterne strenge Feuerbahnen!
Entjagt der Tag, verbrennen seine Schlachtenpferde,
So mag das Schauspiel dich an tote Siege mahnen.

Doch ruhst du, ruhe jetzt! – dich völlig zu begreifen, –
Die Nacht erscheint mit ihren längst durchlebten Träumen,
In deinem Tage mag ein andres Wirken reifen,
Laß, was du bannst, nicht dich, vorüberschäumen!

 

        J etzt folgt am Himmelsbogen
Das Licht dem Mutterruf,
Und scheidend noch bewundert
Die Sonne, was sie schuf.

Mit ihren Strahlenarmen
Aus reinem Liebesgold
Umschlingt sie hold das Leben,
Bevor sie weiterrollt.

Aus Tälern und aus Fluren,
Bedeckt mit Waldespracht,
Dem Kleide unsrer Erde,
Entrauscht die kühle Nacht.

Die losen Windesboten
Entschlüpfen dem Geäst
Und herzen einen Nebel,
Der stumm sein Bett verläßt.

Ein letzter Kronenschimmer
Der Sonnen-Elfen bricht,
Und überall betrübt sich
Das bleiche Dämmerlicht.

Zeigt nimmer sich den Blicken
Der Sonne tiefste Macht,
So gleicht doch unsre Liebe
Enthüllter Sternenpracht.

Enträtselte Gefühle,
Ihr wallt zum Himmelszelt!
Und oben blicken Sterne
In Liebe auf die Welt.

 

        Z um Wind und Nebelreigen wehn
Rings Wiesenwische gar geschwind,
Du fühlst sie durch die Fenster sehn,
Ob Träume etwa munter sind.

Hallo! Da folgt ein loser Traum
Dem Schattenwink mit einem Satz
Und gibt dem Waldgespenst aus Schaum
Auf Bauch und Schenkel einen Schmatz!

Der Mond reißt seinen Silberspind
Auf einmal für die Tänzer auf,
Und manche kalte Hand von Wind
Beputzt bereits den Schalkenhauf.

Das zieht sich ganz in Flitter an.
Die Nebel nicken: tut es nur,
Und glaubt, daß man uns trauen kann,
Auch wir sind Träume dieser Flur!

Nun schwebt mit leichtem Windeschritt
So mancher Traum mit seinem Dunst,
Der Mond beleuchtet ihren Ritt,
Und seine Tiere sind in Brunst.

Ein Traum wird über Feld gebracht,
Durch Haine, die noch unbewohnt;
Ein Märchen, das ein Elf erdacht,
Erzählt ihm wer vom Silbermond.

 

        E inst trug der Mond Geschöpfe,
Die wurden immer bleicher,
Denn oben kargten plötzlich
Die vollen Lebensspeicher!

Nun ist man dort verdorben;
Durch Kämpfe und Entbehrung
Geschah der Mondesfluren
Entsetzliche Verheerung!

Doch einst erfüllte traumhaft
Ein Mondvolk Sonngebote
Und ahnte kaum das Ende,
Das ihm durch Feinde drohte.

Die Göttin ihrer Liebe
War unsre kluge Erde,
Ihr sandte man die Träume
Und Seufzer der Beschwerde!

Jetzt gibt es oben Geister,
Doch sind sie ungeboren:
Auch ging für sie die Liebe,
Die sterblich macht, verloren!

Doch glücklich sind sie nimmer,
Sie rühren keine Hände,
Denn geht der Mond in Trümmer
Bedroht auch sie ein Ende!

 

        D ie Nebel fliegen weiter.
Jetzt schüttelt sie der Wind.
Die Nacht ist kühl und heiter,
Den Träumen wohlgesinnt.

Sie ziehen ihre Kreise
Und drehen sich geschwind,
Und ihre rauhe Weise,
Die pfeift der Wirbelwind.

Sie wehen um die Weiden
Der Reihe nach heran,
Und alle ihre Leiden
Erfährt der Baum sodann.

Die Winde könnens wissen,
Sie haltens Leid in Bann:
Ihr Leib ist schmerzzerrissen,
Sie ziehn den Selbstmord an.

Sie scheinen sich zu sträuben,
Sind sie noch blaß und nackt,
Ihr Weigern zu betäuben,
Wenn Frühlingsbrunst sie packt.

Doch ihre winzgen Blätter
Verkünden nirgends Glück,
Wohl sehnt ihr Zweiggekletter
Sich nach dem Nichts zurück.

Des Laubes nasse Schleier
Entrieseln fast dem Baum
Und schleppen bald im Weiher
Den einzig frohen Saum!

Verschiedne Nebel drängen
Sich bleich in das Geäst:
Sie bleiben drinnen hängen
Und schlafen plötzlich fest.

In weichen Wolkendecken,
Im zarten Nebelflor,
Mag manches Rätsel stecken,
Denn flimmrig glänzt das Moor.

Ein Irrlicht huscht herüber
Und tanzt vergnügt am Sumpf,
Doch wird der Wald stets trüber,
Die Luft gar rauh und dumpf.

Nur zwischen Teich und Binsen
Hüpft noch das grüne Licht,
Und einge Nebel grinsen
Mit totem Angesicht.

Das ist der letzte Reigen,
Der um die Sümpfe wallt,
Die kühlen Nebel neigen
Sich ohne Wesenshalt.

Die Nacht hat ausgefunkelt.
Der letzte Stern verblinkt.
Die Welt ist ganz verdunkelt:
Der blutge Mond versinkt.

 

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