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Das Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe)

Theodor Däubler: Das Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe) - Kapitel 11
Quellenangabe
typeepic
booktitleDas Nordlicht (Genfer Ausgabe)
authorTheodor Däubler
year1921
firstpub1921
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
titleDas Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe)
pages1239
created20120317
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20140924
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Pan
Orphisches Intermezzo

 

Ich habe »Pan« in den Jahren 1902 und 1903 geschrieben.
Th. D.

 

Pan

        D ie Erde braust dem Sonnenlicht entgegen,
Als flöge sie in des Geliebten Arm:
Sie will sich eng an seine Fülle legen,
Denn sie ergibt sich ihm bewußt und warm.

Die Schöpferglut, die sich im All verschwendet,
Die lebenstrahlend durch das Dunkel schweift,
Wird so den Erdenkindern zugewendet,
Und unser Leben wogt dadurch und reift.

Nun beugt die Erde ihren Felsennacken
Vor Gottes Licht, zu seinem heißen Kuß:
Der Tag kann sie mit Strahlenarmen packen,
Und es durchschauert sie ein Feuerfluß.

Sie ist der Wonne inbrünstig ergeben!
Der Lebenshauch, der ihren Leib umschmiegt,
Scheint überall die Freude zu erstreben,
Denn was ans Licht kommt, wird von ihm gewiegt.

Sie kann, befruchtet durch den Sonnenwillen,
Der kühn und steil durchs ewge Dunkel drängt,
Den Durst der eignen Sonnenkinder stillen,
Denn Lebensmilch ist Licht und Luft vermengt!

Der Sonnentag, der jede Wesensregung
Im reinen Erdenschoße zeugt und säugt,
Entblößt die Demut aus der Urbewegung
Der treuen Erde, die vor ihm sich beugt.

Dann furcht er sie in alle Kinderseelen,
Die er aus dunklen Schlummerbanden engt,
Denn Werden heißt, den Wunsch der Form vermählen,
Und ist der Staub, der sich dem Geist verschenkt.

Der Tag, die Nacht sind beide lichtgeträchtigt!
Das junge Leben schwirrt aus jedem Schwung:
Ein Lichtgedanke, der im Schatten nächtigt,
Erkeimt bereits zum kühnen Lebenssprung.

Der Morgenkranz, den holde Jugendkraft gestaltet,
Der kirchlichrein den Erdball voll umschlingt,
Der aus der Nacht sich immer neu entfaltet,
Ist ewig keusch, wenn er in Sonnenarme sinkt.

Zum Jubeln aufgelegt sind unsre Seelen,
Und doch durch tiefen Friedensdrang gezäumt,
Denn aus der Nacht muß dich der Tag entschälen,
Und du bist dünner Traum, der leicht verschäumt.

Die Sonnenmacht, die mich emporgewunden,
Da uns der Wanderball knapp abgestreift,
Wird einzig selbstbewußt und frei empfunden:
Wir fühlen, wie sie tief ins Wesen greift!

Denn in dich selber schlüpfst du durch die Fügung,
Wie sich die Erde um die Sonne schwingt,
Und Sonnenwollen, ernste Selbstbegnügung
Sind in der Weltbewegung urbedingt.

Die Erde labt uns mit dem Sonnentranke
Und schützt und bettet dich zugleich:
Sie ist der Ruhe guter Grundgedanke,
Sich selbst das Vorbild für das Sonnenreich.

 

        D ir Pan, herrlichem Wesen,
Dir Pan, Gottheit der Wälder,
Bleiben die Lebenden ewge Vermelder
Raschelnden Ruhmes im raschen Verwesen,
Rastlosen Taumels, im Drang zu genesen!
Rauschender Ursprung du, Urquell und Mündung,
Du, aller Blutnatur Säftegeleisung,
Anhalt und Lebenszweck rhythmischer Kreisung,
Überschwall, Todessturz, Wollustentzündung,
Traum über Sternen als irdische Gründung:
Zeig mir die Allnatur deiner Vereisung!

Inhalt und Lebensgrund wird jede Wendung
Heller Gestirne in ernster Vollendung:
Hier auf der Erde die Seelenbesternung
Entflammt sich am Lebenskranz irdischer Kreisung,
Doch geben Gestirne die Richtung und Weisung:
Das Urmaß erschöpft sich in keiner Entfernung!
Am Erdball entstanden wir sterblich, ekliptisch,
Wir sinken und trachten nach Lebenserklimmung!
Hier wurzelt im Grunde der Wesen Bestimmung:
Das Rätsel ist einfach, ist eirund, elliptisch!

Das Leben entsteht wie die Kraft des Passates!
Im Süden erregt und in Schranken gehalten,
Erscheint es im Glanze des Tropenornates:
Ein Hauch des Erhebens durchrauscht alle Falten
Der bunten Gewandung erstarkender Seelen.
Was kaum sich, beim Kreisen der Erde, entwunden
Will fast noch die Bahn des Planeten erwählen,
Doch wird es von Pan gleich im Halme gebunden
Und hurtig am Erd-Rücken weitergetragen.

Nur Weniges kann sich ins Weite verschlagen,
Um rasch dann ins Chaos hinunterzustürzen:
Von Pan läßt sich alles fast fassen und schürzen,
Und rhythmisch gesammelt, entschlüpft es sich später:
Die Träume jedoch schwirren gleich in den Äther.
Das Weltallverlangen ist, einst zu verzittern!
So greift denn die Ruhe als Urmacht ins Leben,
Denn alles will friedlicher, leiser erbeben.
Zuerst muß der Gürtel der Tropen verwittern,
Erst dann kann das Leben, in stummen Gewittern,
Hinauf zu den trägeren Polen sich heben.

Uns scheint unser Trachten nordwestlich zu klimmen,
Harmonisch zu allem, was auftritt, zu stimmen.
Wir halten die Dinge, aus einem entfaltet,
Doch wirst du aus allem entschält und gestaltet.
Wohl lassen vom Weltbau und heimlichen Bösen
Sich allerlei dichte Verhüllungen lösen:
Auch muß da nicht eine die andre vereinen,
Sie können in Frieden zusammen erscheinen.
Der Mensch aber darf nur fünf Pfeiler betrachten,
Doch fühlt er, es wölbt sich, was aufkommt, zusammen,
Denn Dasein ist Ursein und nimmer Entstammen!

 

        N ach Ruhe weht das Weltverlangen!
Die Schöpfung stirbt um ihren Kern.
Doch kannst du nur dein Ich umbangen:
Kein Herz gebiert den Ankunftsstern.

Der Himmelsbau blaut ohne Ende,
In dich getieft und jenseitsfrei:
Wohin die Kühnheit sich auch wende,
Umschließt uns eine Sternenreih.

Gestirne suchen ihre Mitte:
Den Todesstern im Weltenraum!
Sie atmen zu uns ewge Schritte,
Versprühn dabei den Lebensschaum.

Ihr Starrsinn sucht sich zu erfüllen,
Was Schutz erheischt, verkrümmt sich: rund.
Planeten konnten sich erknüllen,
Doch schürt noch Glut in ihrem Schlund.

Das Feuer wird die Schranken brechen!
Einst reißts die Klammern jäh entzwei:
Wenn Flammen den Granit durchstechen,
Durchdonnert ihn ein Lebensschrei!

Ein Glutstrom stürzt, nach der Verwundung
Der Rippen, aus dem finstern Ball.
Denn unterwühlt ward seine Rundung
Durch eignen, innern Flammenschwall!

So wälzen ruhlos sich Gestirne
Durchs mittellose, freie All,
Und runzeln sie die Felsenstirne,
So ahnen sie den Weltverfall.

Doch weiter glaubensheiter schreiten
Die Sterne auf der Bahn des Seins:
Die Rundsucht und die Urflucht streiten
Ums »Fort!« aus dem Ellipsen-Eins!

Ein Anfang, der noch nie bestanden,
Wird so, und froh, weil jung, versucht:
Nach ewigen Ellipsen-Banden
Strebt Geist, der seine Welt verbucht!

In sich verschlingt das Ei die Strahlen:
Die Ewigkeit, des Sturzes Wucht.
Es beugt sich rund zu Ursprungsqualen,
Und seine Mutter ist die Flucht.

 

        E rscheine, Pan, tritt auf im erdbewußten Kreis,
Kein Sieg gelingt, doch nichts verschrumpft, um zu verderben!
Im eignen Kreis gefühlt zu sein, ist das ein Preis?
Was uns entschwand, weiß neuen Anklang zu erwerben,
Was eben wirkt, um unsern Sinnen sich zu zeigen,
Erfassen wir, um es in uns dann zu verschweigen.

Und doch, o Pan, den kurzen Einblick in Momente,
Die unverstanden, doch harmonisch um uns zaubern,
Den faß ich auf: des Daseins dauernde Tangente,
Die rings das Wirbelsein berührt, ich halt sie fest!
Du bist ein andrer stets, verschieden vor den Klaubern
Der Sonnenfrüchte, die sie gierig ausgepreßt.

Und dennoch kannst nur du mich etwas Einsicht lehren,
Denn du allein zeigst mir den Geist in seinem Leibe,
Nur du vermagst ein Rundbild knapp uns zu bescheren:
Und deine Ganzheit schützt davor, daß man beim Fordern übertreibe!
Was tritt zutag? Ich weiß von nichts, das mich umlauert,
Doch trachtet, was bereits erschien, noch aufzutreten:
Es wühlt schon, wirbt, scheint seinen Aufschwung zu verspäten:
Ich weiß, jetzt schwirrt die Welt, in der mein Wesen dauert!
Mir gilt für tot, was Sinn und Wunsch in mir verschmähte,
Und was ich hasse, hab ich sicherlich bereits bedauert.

Wenn ein Gedanke wo entsteht, geschieht das formlebendig,
Zum mindesten in sich begrenzt und selbstverständlich:
Verkettet sind wir mit dem All, nach Maßen,
Die unser Grundempfinden mit der Welt verbinden.
Als jung erscheinen alle Dinge, die wir kaum vergaßen:
Bewußtsein aber heißt, für Fernes Formeln finden.
Und können wir Erscheinungen ganz knapp bemessen,
So wissen wir, wie uns in jede Gegenwart zu pressen!

Kein Mieder, keine Klammer kann als Bild genügen,
Um die verhängnisvolle Enge zu beschreiben,
In die sich stets, auf ihren vielen Wanderzügen,
Die Wesen immer wieder gegenseitig treiben.
Ja! Alles was wir ahnen oder kaum erleben,
Muß scharf und straff in junge Fugen greifen,
Und alles was wir tun, muß ringsum Hebel heben,
Selbst Träume tun es, die ins Garnichts schweifen.

Ach, alles, auch das Loseste, hat volle Geltung auf der Wage
Der Bilder, die vor unsern Sinnen jäh verschwinden
Oder, aufschnellend, den Weg zur Dingempfindung finden;
Ja! Alles was da scheint, daß es die Nachbarschaft benage,
Die Wolken, selbst die Blitze, Nebel auf den Fluren,
Bestehn auch innerlich aus Klammern und Konturen.

Die Sonnentiefe, die wir in uns selbst empfinden,
Läßt jede Lichtfigur und manche Tat vergrauen:
Erlebte Dinge sehn wir blaß und bald verschwinden,
Die Zukunft aber kannst du aus dir selbst erbauen.

Der Stern in uns will übersinnlich Gott erreichen,
Und sein Bewußtsein läßt er durch den Äther schweifen:
Die Fernen sieht er plötzlich schroff und jäh erbleichen,
Weil ihre Nähen in den Menschen übergreifen.

Wir leben in der Sonne! Unsre Seele selbst ist sonnig!
Doch sieht sie vom Gestirne nur die fremde Mitte:
Was uns dann gleicht, empfinden wir als warm und wonnig,
Und lichtgelenkt, beherrscht der Geist bald deine Schritte.

Die Welt erblicken wir, dank unserer Beschränktheit:
Es könnte sich kein lückenloses Sein erfassen!
Die Würde und die Güte fühlt erst die Gekränktheit,
Und in uns selber wühlen wir nach edlen Rassen!

 

        P an, Pan, so öffne deines großen Reiches Pforten,
Und was ich fühlen muß, beschwere du mit Worten.
In deiner Welt wird sich der Geist in Formen kleiden,
Und wer dich kennen will, muß wirklich innig leiden!
In deine Lebenswellen, Jubelsprudel, fällt ein Lot,
Das ist der Ruhedrang, das Urbedürfnis der Natur.
Es singt und trifft und mißt bei dir – und ist der Tod,
Denn jedes Ichbewußtsein ist schon seine Spur!
Mit Lichtgeschlechtern, die ihr Gleichgewicht erkämpfen,
Läßt das Lebendige auf Erden sich vergleichen,
Hier muß die Ruhewucht den Sonnensturm der Wesen dämpfen,
Und nur im Traum kannst du dein Innertum erreichen.
Die Welt muß vollerfüllt sein und mit scharfen Klammern,
Die wir nicht sehn, erreichen sich die Zackenmassen
Der Dinge, die da, allseits wechselnd, sich erfassen;
Wir fühlen sie, wenn wir uns freuen oder jammern,
Doch meistens müssen sie ganz ungeahnt erbleichen,
Denn Pan kann sie für unsre Sinne nicht erreichen:
Wir dürfen den Verstand an Lichtgesichte hängen,
Und trachten dann die Freiheit zu erobern,
Und wenn wir Selbstsucht mit dem Anstand schlau vermengen,
Beherrschen wir den Tag und zählen zu den Obern;
In Wirklichkeit jedoch sind wir dann Springinsfelder,
Ganz ohne edlen Ahnenernst verlorner Wälder!
Ein wahres Gleichgewicht in uns gebiert Gesittung,
Da können dem Verstande Ahnungen entwallen,
Und Pan erfaßt und bannt sie noch in Marmorhallen.
Doch bleibt der Tageshelden flüchtige Verkittung
Ganz ohne Halt mit unsrer Allheit Daseinsketten.
Sie sind von keiner Dauerart; beinah wie Kletten
Umschlingen sie des Urgewissens Trutzbestände:
Sie trachten stets, voll Hast, ihr Einzelglück zu retten,
Denn sie sind schwach, des Lebenssturmes flaches Ende.

 

        O Pan!
Ich trachte allseits deine Dagewalt zu finden,
Doch in der Stille nur hast du dich wahr gezeigt:
Ich wartete und fahndete nach dir, und Linden
Im Walde haben sich dann still im Wind geneigt.

O Pan!
Du scheinst im Waldesatem langsam zu verschwinden
Und zeigst dich auch in der Geradheit, die zum Äther steigt:
Um deine Hauptgedanken legst du sorgsam Rinden,
Und rings verblätterst du die Sehnsucht, die sich leicht verzweigt.

Was ist ein Blatt? Der Wunsch, sich lange grünend zu erhalten.
Die Frucht? Ein Trumpf gegen die Feinde, die rings lauern.
Die Blüten? Lauter Wünsche, Freude zu entfalten.
Der Same? Der Verzicht, unsterblich fortzudauern.

O Pan!
Ich weiß, die Kerne, die sich fest zusammenknollen;
Sind Weltgesetze, die in sich den Halt gefunden;
Aus ihnen wurden stets die ewgen Dinge jung entbunden,
Denn aus Ellipsen läßt sich alles neu entrollen.

O Pan!
Nun sage mir, was ist der Duft, das Gold im Pollen?
Die Glut der Erde, die sich hold zum Licht gewunden,
Die allseits trachtet, Sonnenliebe zu bekunden,
Und der Triumph ist über Not und Tod der Schollen!

*
O Pan! Ich will durch deine Wälder streifen,
Und mein Erschauen soll den Forstgott loben:
So zeige mir, wie Sonnenwünsche reifen
Und Lebensbäche in den Bäumen toben.

O, lasse mich in deinem Kreise lesen,
Denn du erlebst dich selbst in deinen Sprossen:
In Pappeln ängstigt sich beinah dein Wesen,
Weil du darin zu rasch emporgeschossen!

O Pan! Beharrlich ragst du in die Tanne:
In diesem Baum willst du dein Alter adeln,
Ists doch, als ob er Waldlust von sich banne,
Vor allem Nahen wehrt er sich mit Nadeln!

Mir scheinen Eichen, die den Fels zerspalten,
Die Schmerzen einer Gottheit zu verbeißen:
Ja, Pan! Wohl wurzeln deine Kampfgewalten
In Stämmen, die den Boden wild aufreißen!

Gleich einem Kinde spielst du mit dem Winde,
Denn herzlich freut dich alles blaue Leben!
O Pan! Wie linde rauschst du in der Linde!
Du läßt ihr Laub, fast singend, sacht erbeben!

Der Bäume Einfalt scheint zu Gott zu beten,
Er möge ihre stille Unschuld schützen:
Verhecktes Waldgerank und grelle Sumpfraketen
Jedoch betrachten sich kokett in Pfützen.

O Pan! du sehnst, in grünen Efeuranken,
Dich nach der Urgesammeltheit der Wesen:
Drum sollen an dir selber Stämme kranken,
In denen du dich einzeln ausgelesen.

Du willst in Pilzen dich ins Leben klemmen
Und trotzt darinnen tötender Vernichtung:
Du treibst, als Rest, zuletzt in Scharlachschwämmen
Und preßt dein Blut dabei zur Giftverdichtung.

 

        O Urwald, du Sinnbild von Lebensgedanken,
Leibhaftiger Inbegriff tiefer Gefühle,
Die rings sich, vom Mutterland, himmelwärts ranken,
Du seliger Ausdruck vom Waldesgewühle,
Entwurzelter Ursprung der Tiere der Wüste,
O Pan, den ich fahndend als Erdgott begrüßte,
Nun laß dir für herrliche Einblicke danken!
Ich lobe die Bäume, als Gleichnis des Lebens,
Lichttrunkenen, stolzen Sichsonnwärtserhebens!
Ich ruhe auf schaukelndem Wildwaldgewinde.
Ich liebe die Wildnis, ihr Singen im Winde.
Ich hör ihre Lieder des Werdens erklingen,
Ihr Ahnungsgeflatter das Blattwerk durchdringen.
Ich lausche zuerst dem Gebrause der Blätter,
Dann scheint sich, was grünte, zu Flügeln zu paaren,
Und plötzlich gelingt schon das Freudengeschmetter,
Und überall jauchzen der Waldvögel Scharen!
Im Urwalde regt sich bereits das Verlangen,
Das irdische Fordern, sich anzubequemen,
Durch innige Lichtrhythmen rings zu verfemen:
Vom Erdfeuer Inhalt und Wert zu empfangen,
Um langsam den Drang, was sich bietet, zu nehmen,
Durch glimmende Seelenbeginne zu lähmen!
Im Wasser, wo Sumpfblumen wunderbar prangen,
Und Blattpflanzen, was sie verlangen, erlangen,
Wo Rohrgruppen Schlangen und Schlammuscheln schützen
Und stumm sind, als ob sie Geburtsrätsel bergen,
Beginnen auch wirklich der Streitseele Keime.
Denn hier kann, was da ist, im Schöpfungssumpf bleiben
Und rastlos im fetten Morastschlamm und Schleime
Sich weiterverpflanzen und weiterbeleiben.
Das Schilf darf ganz schlaflos und traumlos beharren
Und braucht nicht mit Wurzeln nach Nahrung zu scharren,
Die Luft aber, die sich voll Hoffnung erweitert,
Und die sich durch Tummelwindwirbel erheitert,
Hat flatternde Blätter, auf Bäumen und Sträuchen,
Und seufzende Wesen, die Schreckbilder scheuchen,
Hat schließlich den atmenden Pulsschlag erschaffen,
Denn Seelen entstehen, wo Blutpausen klaffen!
Die Sehnsucht zur Sonne, durch die wir ersprossen,
Die alles in Formen, voll Schlankheit, gegossen,
Hat weiter die Seele gestählt und erzogen,
Bis endlich der Geist ihr in Freiheit entflogen!
Es hat sich der Leib, übersättigt, den Frieden
Und eigenen Willen (als Streiter!) beschieden.
So mußte das erste Bewußtsein erwachen
Und Pan diesen Einfall gar herzlich belachen!
Warum aber trag ich Verlangen zu rasten,
Und nimmer die Lust, stets nach Nahrung zu tasten?
Das ist, weil die Winde der Erde erkalten
Und nimmer den Sommer und Urwald erhalten,
Das ist, weil wir weiter die Sonne ersehnen
Und ihr unsre Lebenserzwingung entlehnen.
So sind wir dem Urwald entwachsen und haben
Mit blassen und zarten Erinnerungsbildern
Und anderen wachenden, wachsenden Gaben
Des Geistes, sich selber sein Sehen zu schildern,
Versucht, unsre Wüste in Eden zu wandeln,
Um drinnen (vor uns!) nach Gesetzen zu handeln.
Das Heldengefühl ist ein Sprosse der Wildnis,
Das Raubtier bereits dessen Gleichnis und Bildnis,
Denn schleierhaft folgte es erst dem Geruche
Und machte sich stumpf, durch den Staub, auf die Suche,
Da mußte sein wiedererwundertes Spüren
Durch Fernen zu irdischen Einsichten führen.
Durch Sonnengesetze versprengt und erhalten,
Hat einst die Natur, allseits, vielfach zerspalten,
Auf einmal Bewußtsein und Sehkraft errungen:
Ihr Werk ist ihr herrlich im Raubtier gelungen,
Denn das ist genau auf die Beute gesprungen!

 

        O Natur, du hast harmonisch,
Welt – und urarchitektonisch –
Vor Äonen schon beschlossen,
Daß vollendet und gegossen,
Deine Schöpferhand die Zwänge
Deines Wirkens tief verschlänge,
Um nach ewigen Gesetzen
Das Bewußtsein festzusetzen!
Halleluja! ruf ich heute,
Denk ich an die ferne Stunde,
Da ein Raubtier seine Beute,
Blutend noch aus frischer Wunde,
Als sein Anrecht voll erkannte
Und, sich merkend, wo sie hauste,
Wenn sein Blutdurst neu entbrannte
Und Begierde es durchbrauste,
Dann zurückkam zu der Stelle,
Um zu würgen, was es brauchte:
Denn das war die helle Quelle,
Der des Menschen Geist enttauchte!
Wars ein Vogel, der aus hohen
Sonnenwarten niederschaute,
Der, um Schluchten zu bedrohen,
Freie Felsenhorste baute?
Der zuerst die Sonnenteile
Seiner klugen Seele spürte
Und den Lichtruf seiner Eile
Mit in Wolkenhöhen führte?
Oder war die Sonnenfreiheit
(Schnelle, Höhe, Wesenstrennung,
Diese holde, goldne Dreiheit,
Urbedingung der Erkennung
Der Natur, ihrer Befehle,
Die nun klar zu uns gedrungen),
In der Wüstenräuberseele
Einer Katze so verschlungen,
Daß sie alles dies enthaltend,
Angeschmiegt ans Erdbedürfnis,
Und den Leib danach gestaltend,
Das Bestehen im Zerwürfnis,
Wie die Sonne es geschaffen,
Doch am klarsten möglich machte?
Eingewurzelt und mit Waffen
Ausgestattet, hat die Spinne,
Der Verstand, der just erwachte,
Alle Netze seiner Sinne
Jedenfalls so zart versponnen,
Daß er seiner sich besonnen
Und im Sonnenkrieg gewonnen!
Einerlei, was angefangen!
Tatsache: in uns gelangen
Wir, als Erdenüberseher,
Unserm Innenlichte näher.
Was sich keinen Wunsch gestattet
Und beharren will, ermattet:
Wälder, Fluren werden kleiner,
Doch die Seele klarer, reiner.
Ja, es siegt das Allerfeinste,
Das das kosmische Verhältnis
Der Gestirne bis ins kleinste
In sich birgt, wie ein Behältnis!

 

        E s hebt die Sonne uns in ichbewußte Kreise
Des Weltendaseins, wo sie voll ergänzt,
Durch Erdensinnentäuschung wunderbarerweise,
Ein Sonnenwesen sich erschuf, das engbegrenzt
Und lustberauscht, auf seiner steilen Erdenreise,
In Form besteht und das sein Glaube überglänzt!
Doch sind die Sonne und die Erde nur die Eltern
Von uns beahnten, welterherrschten Sternentstammern:
Das Land empfängt die Lichtbefruchtung in Behältern
Und schöpft dabei den Sternen gleichgewichtge Klammern.
Und läßt der Sonnenüberschwall sich nimmer keltern,
So füllt auch er nur Lücken, in das Sein gefaltet:
Die Weltellipse, die sich stets zu bilden trachtet,
Trägt in sich selbst Millionen Seelen eingeschaltet;
Ein Wesen ist Bewegung, die ein Leib befrachtet:
Ein Ruck ins All, zum Dasein umgestaltet!
Jedoch bevor man unsern Tierkreis voll betrachtet,
Erscheint die Art, die sich aus seiner Ganzheit spaltet.
Die Schlange kann die Rundung fast allein vollenden
Und aus dem Grunde jeden Wechsel überdauern,
Die Natternbrut wird auch wahrhaftig nie verenden,
Sie wird sich, ewig scheu, in gleicher Form zusammenkauern,
Die Abschäume, verdichtet noch, als Gift verwenden,
Und was nur ihrem Kreis entragt, damit belauern.
Die Echsenart ist von der Erde fast verschwunden,
Doch lebt sie noch, in Lauf- und Kriechtiere gespaltet;
Der Schleicherleib hat Tagrager aus sich entbunden,
Und was dann blieb, verschlang sich oder ist veraltet;
Nur kleine Echsen sehn wir noch in warmen Sonnenstunden
Als Reste einer Tropenwelt, die still erkaltet.
Die Wildlinge der Wälder tragen schlanke Schnelle
Und der Ellipse Stille mit sich fort im Wesen,
Denn die Natur hat sich zu neuer Lebenswelle
Des Sprunges Höhenruck, als Anstoß, auserlesen;
Und Tiere bilden so beim Hüpfen Bogenfälle,
Aus denen andre Richtungsseelen stets genesen.
Was deshalb Hasen, dauernd, zu vollziehn beginnen,
Wird stets von Fuchs und Wolf, im Laufe, fortgetragen,
Und fängt der Aufwärtsschwung an, Geltung zu gewinnen,
So rückt im Maulwurf er in untre Lagen:
Im Bären drängt der Tierkreis wiederum nach innen,
Und der kann schwer nur kriechen, klettern, aufwärtsragen!
Die Rundvernunft des nächsten Kreises ward im Wesen
Der Wüstenkatze, der ein Sonnensprung gelingt,
Voll Macht erfaßt, und schon im Lauern sind Synthesen
Der spätern Richtungen verknüpft: ein Aufruhr schwingt
Den Satz des Tieres, das soeben still gewesen,
In halben Kurven, daß es knapp aufs Opfer springt.
In andern suchte Pan die Haltung zu erstreben!
Und diesem Trachten wurden Affen angepaßt,
Doch war noch keine Sonnenwürde zu vergeben,
Und so erkletterte der Drang den ersten Ast.
Nun können die Makaken zwar ganz lustig leben,
Ihr Tiergedanke aber ist noch karg gefaßt:
Die Affen trägt ja nur der Anlauf zur Bewegung,
Die majestätisch, schlank, im Menschen weiterschreitet.
Ein Geher aber braucht fatal die Überlegung:
Die Ferne, die er fand, hat seinen Geist erweitet,
Und seht, das Faultier hängt nach unten, nach der Regung
Der Kreisnatur, die es vom Lichtweg abwärts leitet.
In solchem Stadium aber sind die Erdenleiden
Noch ungereimt und roh in ihrer Formzerhacktheit,
Die Wesen können, halbbewußt, sich nur beneiden.
Die Wüste herrscht in der groteskesten Verzacktheit:
Statt Seelen muß der Wald die Götter rings bekleiden,
Und nur vom Gurt an trotzt noch ihre Wolkennacktheit!

 

        V on Flimmerlüften war das Nebelmeer verschlungen,
Die Täler dampften sonnvergoldet, frei,
Doch alles, was zum Sonnenglück emporgesprungen,
Trug in sich selbst ein Stück der Daseinswüstenei.

Auf hohen Gipfeln fieberten noch Wolkenmassen
Und ragten steil und schroff ins tiefe Blau empor.
Sie schienen alle Erdensehnsucht zu umfassen,
Bis ihre Hochgestalt sich wetternd auch verlor.

Im Sieg des Lichtes wird die Wüstheit lebenstrunken,
Nur dort, wo noch ein Wolkensaum das Land umzog,
Ist manche Wildnis in ein Gletschergrab gesunken,
Das nun ein Geierschwarm, statt Wolkenflaum, umflog.

Was sonnwärts lebte, schloß, zur eigenen Bewahrung,
Die Tierkreise zu einem strengen Beutering,
Doch fehlte bald den Lichterlesensten die Nahrung,
Denn, was sich an sie schloß, blieb dürftig und gering.

Somit verreckten denn die allermeisten Wesen,
Und Licht und Erde trennte nun ein Wüstensaum:
Das Wachstum mußte bald verschrumpfen und verwesen,
Fast astlos blieb der Mutterstamm vom Lebensbaum.

Die Sonnenrückkehrkrone aber mußte bleiben,
Denn Erdenglutsal fand darinnen Unterkunft.
So schien für seine Blüten nur des Baumes Saft zu treiben,
Und bald entduftete die Tugend der Vernunft.

Vernunft ist ein erworbnes Erbstück unsrer Erde,
Das Widersprüche, ja das Licht der Nacht verknüpft!
Sie gibt uns auch das Pathos freier Herzgebärde,
Da ihr Entschluß nun mit ins Schöpfungswalten schlüpft.

Sie muß in sich die eigne Sonnenhöhe messen.
Sie ist der Erde tieferstrebtes Meisterwerk.
Sie trachtet, wirkend ihren Ursprung zu vergessen,
Und aufs Ermeinte richtet sich ihr Augenmerk.

Sie sucht den Kreis, den sie erfaßt, streng abzuschließen.
Der Menschheit Lasternachschub wird von ihr verdammt,
Und wo sie stark ist, kann sie geistig tief genießen,
Da sie asketischer Notwendigkeit entstammt.

So ward, fast eirund, auch des Menschen Hirnverschalung,
Durch dünne Wirbel dann, das Haupt vom Rumpf getrennt,
Denn nur der Urellipse Teilung und Verstrahlung
Ergeben Weltvernunft und Sonnentemperament.

Des Menschensamen ganz verschieden rasches Schwingen
Gibt künftgen Wesen ihre sonnenfrohe Art,
Wohl muß der Urkeim schon den Sonnenrang bedingen,
Nach dem der Pulsschlag dann den Sonnenrhythmus wahrt.

Vernünftige Erkenntnis der geschlechtlichen Erzeugung
Der Nachwüchse ward bald zum letzten Ruck,
Zur Spaltung in Geschlechter: klare Überzeugung
Befreite erst von allen Zwittertumes Druck.

Denn dieses scheute die Vernunft als unnatürlich,
Zumal es immer jung, als Urinstinkt, ersproß;
Doch blieb auch seine Grunderstickung unausführlich,
Da es stets wieder in den Menschen überfloß.

Das Wechseln ward dann für die Menschen vorbehalten
Und die Geschlechtstrennung der Wildnis größter Drang,
In Sonnenmännchen und in Erdweibchen gespalten,
Erfüllt ja schon das Dasein seinen heilgen Zwang.

Nun schürt jedoch die Erde eine Einheitsflamme,
Die die Vernunft zurück in ihre Kreise weist!
Sie treibt und hält sich steil am Daseinsstamme
Und heilt, was die Natur wild auseinanderreißt.

Im Menschengeiste lohen hehre Farnenwälder
Jetzt hoch empor, und was erstorben ist, ersteht.
Das da sind Edens urversprochne Felder:
Ihr Himmel ist vom Meergewimmel übersät!

Dort oben schimmern Goldpolypen, Purpurschlangen,
Und Riesenperlen ruhn in einem Muschelhof,
Nur Dichter können stets nach ihnen sicher langen,
Und immer fühlt ihr Wesen, irgendwo, ein Philosoph.

Beinahe von der Eingeschlechtlichkeit gereinigt,
Da die Vernunft sie unerbittlich von sich stieß,
Bleibt doch der Mensch noch ernst mit der Natur vereinigt,
Wie sich die Schöpfung dies vom Vollgeschöpf verhieß.

 

        P an!
Was du vom Weltall festgehalten
Und dann in Daseinsformen zwangst,
Gabst du, entwickelt und gespalten
In Wesen, die du selbst durchdrangst,
Dem Licht zurück: doch die Gestalten
Der Wälder fühlen, wie du bangst,
Ein Sonnenreich hier zu verwalten,
Und panisch heißt dann ihre Angst!

Drum hast ein Bündel du geschaffen
Und jung vereint, was du geteilt,
Und da gelang dirs, zu erraffen,
Was deinem Banne fast enteilt.
Du überwandest alles Klaffen,
Das rings sich in die Schöpfung keilt,
Du gabst dem Menschen tausend Waffen,
Und kurz, du hast sein Leid geheilt!

Nun sieht der Mensch dein ganzes Wesen
Und wird zum Spiegel deiner Macht.
Du selbst, der nur bedingt gewesen,
Hast dich, in ihm, zum Gott gemacht!
Das was der Mensch nicht aufgelesen,
Ist meistens um sein Recht gebracht,
Und was ihm schadet, soll verwesen,
Da er das Werden mitbewacht!

Gottähnlich sind wir denn geworden,
Denn jeder züchtet und zerstört!
Und mag der Mensch auch plündern, morden,
Wird doch die Ordnung nicht gestört:
Es gibt im Weltall freie Orden,
In die schon die Vernunft gehört,
Und solche, wo die Wut der Horden
Mit Gott geht: gegen Gott empört!

 

        D ie Sinne, die uns in die Höhe führen,
Durch die das Licht in unser Innres bricht,
Durch die wir selbst die Sternenwelt berühren,
Durch die das Weltgeräusch zur Seele spricht,

Hat sich der Menschengeist berauscht erweitert!
Das Lied ist seinen Lippen bleich entschäumt.
Ein Bildertraum hat seine Welt erheitert:
Er selbst sich gegen Dünkel aufgebäumt.

So ward die Seele wohl von Sonngewalten
In edlem Gleichgewichte aufgetürmt,
Dann konnte sie den Leib noch umgestalten,
Und Schönheitsfreude hat sie bald durchstürmt.

Nach ihrem Dasein unter Sternenthronen,
Nach Maßen, die dem Körper Stolz verleihn,
Erschuf sie Tempel, wo Gedanken wohnen,
Und lud sich Träume in ihr Innres ein.

Jetzt will die Seele lauter Fesseln sprengen,
Da sie ihr Dasein selber überdacht,
So mag der Geist sich aus den Massen engen,
Denn es gelüstet ihn nach Eigenmacht.

Wohl fühlt die Seele, tief in sich verschluchtet,
Die Jugendsprudel, die das Leben birgt,
Und liebt darum den Fluß, der stumm befruchtet,
Wie sie, durch Überschwemmung, Gutes wirkt.

Ein Brunststurm, der die Wildnis jäh belebte,
Kam stets als breiter Uferstrom heran,
Und ward, als es ein stilles Sein erstrebte,
Zum Geist, der frei die Welt begreifen kann!

Ist es Erinnerung, ist es ein Hoffen,
Wenn du in Wolken Welttragödien liest?
Steht noch ein Sonnenreich dem Menschen offen,
Ein Tag, wo jeder Strom zum Lichte fließt?

Die Götter werden zwar in uns geboren,
Doch etwas gibt es, das durch sie geschieht:
Sie werden erst als Seelenhalt erkoren,
Wenn man sie hoch über sich selber sieht!

 

        A ls sich die Seele ihren Körper angegossen,
Da trieb sie Wanderlust stets tiefer in den Wald,
Denn ihrer Tage Einsamkeit hat sie verdrossen,
Und Weiterschreiten ist des Menschen Grundgewalt!

Doch hat im Weibe sich die Freude ihm erschlossen,
In ihr fand jede Sehnsucht ihren Aufenthalt:
In ihren Armen hat der Mann die Welt genossen,
Und auch der Wald hat bald von Liedern widerhallt.

Doch bleibt das Vorwärtsgehn des Herrschens Urbedingung.
Was fliegt und klettert, fällt zurück zum selben Fleck:
Den Wanderer jedoch verlangts nach Weltbezwingung,
Und kühn kürzt er den Weg durch Buschwerk und Geheck.

Beim Bergersteigen träumt sein Geist von Machterringung,
Und tausend Blöcke räumt sein Fuß behende weg:
Des Meeres Anblick bringt sein ganzes Sein in Schwingung,
Und selbst den Wogen trotzt sein Wollen froh und keck.

Im Wandrer ist ein andrer Welttag aufgegangen.
Nun trug die Urvernunft ihn schon in ihren Kreis,
Floß doch, seit langer Zeit, ein irdisches Verlangen
Nach unserm Weltverstand in jedes Sonnenreis.

Was blüht, entblättert lieber, als am Baum zu hangen,
Denn seine Icherfüllung ist ein Lichtgeheiß!
Das ganze Leben webt und bebt aus Todesbangen
Und Sehnsucht nach dem Überwinterer im Eis.

Der Jünglingsmensch war überglücklich, als er fühlte:
Ich trage zartverknüpft das Weltall im Verstand;
Er wußte nur, wieviel sein Lichtgefühl bespülte,
Und daß er holden Sonnenstolz in sich empfand!

Und was aus seinem Innern sich zur Klarheit wühlte,
Fand stets in der Erinnrung ruhigen Bestand,
Und wenn er sich im Wald mit seinem Weibe kühlte,
Was er auch tat, Erfahrung ging ihm sanft zur Hand!

Am liebsten blickte seine Seele in die Ferne,
Und einer Tiefe Widerspiel war ihm die Nacht:
Er wählte, zählte oben seine Lieblingssterne
Und hat die ruhigen zu Freunden sich gemacht.

Doch einen goldnen sah er ganz besonders gerne,
Denn stets hat der vom gleichen Fleck ihn angelacht:
Er wollte, daß sein Weib zum gleichen Lichte lerne,
Und da ist beider Treue hold und voll erwacht.

Er schwor, sein Leben wie die Sterne einzurichten:
Wie er sie wiederfand, nach langer trüber Zeit,
Wenn sich der Himmel langsam anfing aufzulichten,
So käm auch er zurück, ging er auch noch so weit.

Er wollte sich mit einem Eid dazu verpflichten,
Daß er für ewig einem Weibe sich geweiht,
Und mochte, Sternen gleich, ein Wimmeln sich verdichten,
Er wußte fest: er hatte sie allein gefreit!

Dann sang er auch ein Lied, voll klarem Weltempfinden,
Und das sich dennoch nach dem Traum zurückgesehnt:
»Ich werde dich durch Sternenhilfe wiederfinden,
Wann immer ihr mich auch im Wald verschollen wähnt.

Du kannst aus meinem Banne nimmermehr entschwinden:
Denn sieh! der Himmel, der sich über Gipfeln dehnt,
Bestimmt, daß sich nur Herzerkorene verbinden:
Und sieh! mit uns wurden wir beide hold belehnt.

O horch, wie stolz die Welt auf sichern Wegen schreitet,
Wie Hohes strahlt und sich an seinem Glanz erfreut!
Hold ist die Macht, die ganze Lichtfamilien leitet,
Denn dort gehört man sich, ist man auch weit verstreut!

Durch tiefe Flammen wird die Liebe hoch verbreitet,
Doch auch die Treue sei uns streng gebeut,
Und wer gehorcht, folgt einem Gott, der für ihn streitet,
Selbst die Vernunft ist Demut, die uns nie gereut!

Der Sterne stillster soll die Wege uns erhellen!
Er scheint von allen der geliebteste zu sein,
Da sich des Nachts die andern traut um ihn gesellen,
Und hoch und hold auch mancher Stern mit schönerm Schein.

Selbst Sterne, die sich morgens in die Tiefe schnellen,
Umschwirren noch, in weitem Kreis, ihr Sternelein!
Drum führ es mich aus Wildnis stets zu jenen Stellen,
Wo ich dich finden werde: heiter und allein.«

Erfreut durch sein Erfassen hoher Sternenwege,
Schritt nun der Mensch dem Nordstern zu, in kühler Nacht:
Als ob ihm gar an unsern Sonnenrätseln läge,
Hat ihn ein Tagmarsch meistens westwärts fortgebracht.

Wars doch, als ob sich Neugier plötzlich in ihm rege,
Den Sonnentod zu sehn in hehrer Abendpracht:
So ging und zog er stets nordwestlich in die Schräge,
Denn das verlangte seiner Ahnung tiefste Macht.

 

        A ls sich im Menschen jener goldnen Zeiten
Der Wesen Lichtpflanzung langsam geklärt,
Als er erkannt, wie Menschen sich verbreiten,
Daß die Natur uns Schöpferkraft gewährt,
Bekamen Männer Lust und Mut zum Streiten,
Denn jeder faßte, daß er Macht begehrt!

Er wollte Wald und Wild und Wetter trotzen
Und hat sich mancher Waffe schlau bemächtigt,
Die Tiere schienen tatlos zu schmarotzen,
Und bloß die Menschenseele lichtberechtigt:
Und sah sie irgendwo ein Schreckbild glotzen,
So war das Pan, der in den Wäldern nächtigt!

Dann drang der Mensch mit starken Achsenhieben
Vom Orte fort, wo er sein Beil gezimmert,
Und wo er nachts mit seinem Weib geblieben,
Hat stets ein Feuer durch den Wald geschimmert,
Sein Flackern hat fast jedes Tier vertrieben,
Nur wenge haben um den Herd gewimmert.

Einst wollte er die Wildnis blind zerstören
Und alle Tiere, die er antraf, töten!
Wohl schien ihn Zeugungsfeuer zu betören,
Ja, Flammen sollten seine Pfade röten,
Die Götter seinen Menschenwillen hören,
Er hoffte, daß ihm Gluten Mittel böten!

Ganz plötzlich wollte er den Wald entzünden,
Der östlich sich, weit über Höhen, dehnte,
Da stieg jedoch die Furcht aus Seelenschlünden
So jäh empor, daß er sich doppelt wähnte:
Er bebte schrecklich vor den künftgen Sünden
Und fühlte doch, daß er sich danach sehnte!

Da sang der Mann dem Weib von Sonnenplänen:
Es sollte nichts von seiner Ohnmacht ahnen,
Und in dem Lied erfüllte sich das Sehnen
Nach hohen, urempfundnen Sonnenbahnen:
Das Weib jedoch wollte an ihn sich lehnen,
Um ihn zurück zum Erdenglück zu mahnen!

 

        E s war einmal. Der Wald stand halb entblättert,
Und Gold hat sich in alles eingewoben,
Die Vögel aber haben noch geschmettert,
Sie konnten nie genug die Sonne loben!

So klangen ringsum Herbsthymnen der Halden,
Der Jubel, der sich frei zum Lichte schnellte,
Entrang sich auch dem Herzen eines Skalden,
Zu dem sich liedberückt sein Weib gesellte.

Er sang, was er im Wald allein erfahren,
Als er nach Beute und nach Träumen schweifte:
»Ich war so ernst und glücklich, zu gewahren,
Wie alles urverwundert sproß und reifte.

Ich sah, wie Tiere sich ihr Weibchen suchten,
Und Eltern an den Jungen sich erfreuten,
Die sie mit Futter sanft und oft besuchten,
Und etwas Großes muß das wohl bedeuten!

Mein Stolz ward still im Walde überwunden,
Ein frühes Glück erschloß sich meiner Seele,
Ich habe andrer Freuden mitempfunden
Und tat, was meiner Welt das Herz vermähle.

Ich liebte Vögel, die in Rinden schabten
Und Würmlein einem harten Stamm entnahmen
Und dann mit ihnen lieb die Jungen labten:
Und ihre Sanftheit konnte nicht erlahmen!

Am Boden lag ein Wurzelstrunk mit Rinde.
Ich hob ihn auf, ihn meinem Weib zu bringen.
Er glich fast einem Tier mit Schwanzgewinde
Und Flügeln, um sich lustig aufzuschwingen.

Ich habe rasch den Knopf vom vordern Knoten
Zu einer Art von Tierkopf umgestaltet,
Dann machte ich wie Krallen zu den Pfoten,
Und kurz: ich habe lauter Kunst entfaltet.

Die Arbeit ward von Vogelsang begleitet,
Und auch der Wunsch half, sie dann wegzuschenken,
Die Sehnsucht hat zum Traume sich geweitet,
Und plötzlich fing ich an, gar viel zu denken!

Auf einmal ward ich wie von Angst beschlichen:
Es schien mein Werk die Vögel anzuziehen!
Sie kamen, sind nicht bang von mir gewichen:
Ward meinem Wirken Zauberkraft verliehen?

Hab ich vielleicht mein Lied in Holz gesungen?
Wer weiß, ob der Gesang mein Werk beseelte!
Was für ein Wunderding ist mir gelungen,
Als ich mein Tier aus einer Wurzel schälte?

Dann trieb mich plötzlich Sehnsucht heim zum Weibe:
Mir war die Wehmut schwer allein zu tragen;
Doch stand noch über mir die Sonnenscheibe,
Und Sterne können bloß die Pfade sagen.

Ich hörte, wie im Fieber, ringsum Lieder:
Mir kams, als wogte Sehnsucht durchs Gefilde,
Die Luft durchschwirrten Blüten und Gefieder,
Und nie noch war das Licht so hold und milde.

Wie sollte ich den Wunderwald verlassen?
Ich war so ganz im Banne seiner Geister!
Wie sollt ich mich in Form und Worte fassen:
Ich war ja nimmer meines Geistes Meister!

Da schiens, daß Lichter sich zu schwirren mühten,
Weil unsre Wildnis junge Sehnsucht hegte:
Da wars, als ob ein Wirbelwind rings Blüten
Und Federn lustig durcheinanderfegte.

Wohl dacht ich mir: Ihr fahlen Flackerscheine,
Was macht ihr da? Ihr trachtet euch zu fassen!
Ihr lacht und ihr liebäugelt im Vereine,
Und schließlich müßt ihr bald des Nachts erblassen.

Doch bleibt, ihr freut mich recht, ihr flinken Lichter!
Ihr wollt und dürft nicht jäh wie ich entweichen:
Ihr macht mich auf die Heimkehr noch erpichter,
Auch ich mag, was ich liebe, bald erreichen!

Ach, wenn ihr mir im Wald die Richtung zeigtet,
Aus der mir Sehnsucht bang entgegenzittert,
Wenn ihr emporstiegt und euch dorthin neigtet,
Wo ihr mein Weib im stillen Walde wittert!

Wie seid ihr Sonnenblättchen doch so lose,
Oft scheint ihr, gar erwartungsvoll, zu gleißen,
Dann wieder glaube ich, ihr ruht im Moose!
Doch nein, ihr wollt zu fliegen euch befleißen!

Ich griff nach einem Licht, das gleich erzuckte!
Es war bestimmt bereits ein Tier mit Flügeln:
Ich fühlte, daß ein andres mich beguckte,
Und meine Neugier war nicht mehr zu zügeln.

Ich streichelte, was meine Hand umfaßte,
Und fühlte schon in ihr ein warmes Wogen,
Und wie ich auf ein Gurren staunend paßte,
Ist plötzlich eine Taube mir entflogen.

Ich sah mich um, und dunkel ward die Lichtung.
Die Lichter waren fort und schon verschwunden.
Ich aber wußte ihres Fluges Richtung
Und habe, ihnen nach, mein Weib gefunden!«

 

        W ie oft mußte das erste Menschenpaar erstaunen!
Ihm widerlegte täglich eine jüngere Gewahrung,
Was sich schon mächtig eingeprägt hat als Erfahrung:
Es hatten Waldgötter wahrhaftig eigne Launen!

Oft kamen Tiere, die man sonst im Herbst gesehen,
Auf einmal, rudelweise, schon zu milden Zeiten,
Und scheinbar wollten sie das Wanderpaar begleiten,
Doch zögernd nur, ganz nahe, zu den Menschen gehen.

Wohl waren diese Tiere früher gar gefährlich,
Man mußte sie durch Feuer und Geschrei verscheuchen
Und hörte sie das Sturmgeheul der Nacht durchkeuchen:
Auch ihre Hungerblicke funkelten begehrlich.

Nun hatten sie die Angst vor Feuer überwunden,
Denn sie beschnupperten sogar des Menschen Herde:
Sie legten sich daneben – oftmals – still zur Erde
Und wedelten, um ihre Freude zu bekunden.

Der Mensch gewöhnte sich gar rasch an die Begleitung,
Zumal das Weib wollte die Tiere nimmer missen,
Und keines fürchtete sich mehr vor Hundebissen,
Ja, oftmals folgten sie, beim Jagen, ihrer Leitung.

Bald fand das Paar der Tiere Spiele recht ergötzlich,
Beim Laufen sah es sie, vor Hast, sich überstürzen,
Und kurz, sie halfen düstre Wegstunden verkürzen:
So zog man weiter, bis an einem Abend plötzlich – –

Die große Wüste sich vor Menschenaugen zeigte!
Die große Öde schien bedeckt mit roten Rosen:
Ein Blütenmeer war das, wo Pollenwirbel tosen,
Das Weltende, wo sich der Himmel wirklich neigte.

Wohl stand dort eine Goldwand, die das Land umsäumte.
Der Sonne aber griffen Landarme entgegen,
Und diese wehrte sich mit einem Strahlenregen:
Wars doch, als ob sich Licht gegen die Dämmrung bäumte!

Die Sonne warf noch vollen, goldnen Abendpollen,
So weit sie konnte, sterbend, in die Himmelsferne;
Und bald erkeimte sie, denn schon erglimmten Sterne,
Um morgen wieder einen Sonntag aufzurollen.

Der Mensch mußte den Atem anhalten und glaubte!
Die Reise durfte er nicht einmal unterbrechen.
Das wußte er. Wie gerne mochte er von Plänen sprechen!
Wie bloß das Weib in Angst kein Hinhalten erlaubte!

Lang schmiegte sichs an seines Mannes starke Glieder,
Die Seele war geblendeter als seine Augen:
Nur glaubten beide, kaum fürs neue Land zu taugen,
Und sanken müde, einen Gott im Innern, nieder!

 

        E in Wildbach kam von einem fernen Gletscher.
Laut jubelnd, sprang er über manche Wand.
Die Menschen lauschten auf sein Schaumgeplätscher
Und sahn, wie er im Wüstensand verschwand.

»Bevor die langen Schatten sich verbreiten,«
Begann der Mann zu seinem holden Weib,
»Ists mir geboten, durch den Strom zu schreiten,
Da ich im Walde nimmer gern verbleib.«

Da warf die Frau sich selber in die Fluten,
Wo sich ein Goldbad über sie ergoß,
Denn langsam starben schon die Abendgluten,
Und selbst ihr letztes Atemrot verfloß.

Die Braut jedoch erfreute sich am Bade:
Sie tauchte unter, schnellte rasch empor.
Wie Flechten reichte ihr das Naß zur Wade,
Um ihre Schenkel flimmerte ein Flor.

Bis ganz herab zum grünen Rande,
Wo sie in kühlen Schäumen lachend stand,
Verschwand sie halb in einem Schaumgewande,
Und jeden Reiz verwandte sie gewandt.

Der Schleier, der sie brausend hell umschmiegte,
War tief von Sprudelglut durchbebt,
Und wie sie ihren Leib mit Anmut wiegte,
Hat sie das Funkelspiel stets neu belebt.

Sie ließ das Gold nach ihrem Wunsche fallen.
Rubine träufelten auf ihre Hand.
Dem Manne hat das goldne Bild gefallen,
Er trug den Eindruck fort ins andre Land!

Dann blieb er drüben oftmals stumm und traurig
Und sagte nie, warum er schweigsam war,
Doch herzenstief ward ihm so kalt und schaurig,
Oft träumte ihm von goldnem Frauenhaar.

 

        D ie Purpursonne war schon tief hinabgesunken,
Und dunkle Schatten schwankten nun den Fluß entlang,
Schon glühten hoch die allerschönsten Himmelsfunken,
Und da begann das Weib: »Der Abend macht mir bang.

Mir ists, als ob ich aus dem Traumlande entflöhe!
Ich liebte es: mein trautes Glück ist dort erwacht,
Doch in der Wüste greifen Arme in die Höhe,
Als wäre noch ihr schwerstes Tagwerk nicht vollbracht!

Sie müssen wohl die holden Sterne noch entzünden,
Und ach, sie fallen übermüdet schon zurück:
O, würden Mond und Sterne jetzt die Nacht verkünden,
Wie freut ich mich an ihrem großen Kinderglück!«

Dann nahm der Mann sein Weib am Arm und trugs hinüber,
Er watete mit festem Schritt, im raschen Fluß:
Die Schatten wurden hurtig immer trüber,
Und ohne Willen gab sie ihm den ersten Kuß.

Da fielen nun des Weibes dunkelschwarze Haare
Dem Manne über seine Schultern weich herab;
So wuchs der Mut, der Wanderwunsch im Paare:
Da eines stets dem andern, was es fühlte, gab.

Als sie den Wüstenuferrand beinah erreichten,
Versank sein Fuß noch tief in Moos und Tang,
Und einge letzte Strahlen, die nun auch erbleichten,
Vergoldeten noch leicht die Spur vom schweren Gang.

Am Ufer wuchsen schattenbleiche, blaue Blüten.
Das Weib hätte sie gern, zum Schmücken, abgepflückt,
Doch wollt er das, bei ihrer Ankunft, keusch verhüten,
Und fast behutsam hat er sich durchs Feld gedrückt.

Kaum hatten sie der Wüste Blütensaum durchschritten,
Als jedes sich, erschlafft, im Sande niederwarf,
Dann sprach der Mann: »Das Pflücken hab ich nicht gelitten,
Da niemand seinen kleinen Wünschen folgen darf!

Die Welt birgt weniger Gefahr als unser Wesen,
Drum bleiben wir vor unsern Feinden auf der Hut:
Ich weiß nicht, hättest du die Blüten aufgelesen,
So glaub ich, hätten wir nicht friedlich ausgeruht!

Vielleicht umhüllen diese blauen Blumen Lichter,
Die nachts, am Moorrande, zum Flammenreigen ziehn.
Du sahst sie doch im Wald, an manchem Wassertrichter?
Sie locken, haschen sich, um plötzlich zu entfliehn!

Ach, würden sie des Nachts in deinem Haar erglänzen,
So trieben sie mich wohl von deinem Herzen fort,
Denn huschten, schwirrten sie um dich, in irren Tänzen,
So lockten sie mich noch, wer weiß, an welchen Ort.

Du würdest meinen Armen immer mehr entweichen,
Du wärest meinem stärksten Wollen bald entrückt:
Mein Weib, ich könnte dich dann nirgends mehr erreichen,
Und du verschwändest mit dem Lichte, das dich schmückt!

So leg dich nun zu mir, in trauter Seelenstille,
Und warte sanft auf deinen ersten Wüstentraum.
So schlummre denn, nach innen schaue die Pupille:
Drum gute Nacht! Dein warmes Atmen fühl ich kaum –

Den Würmchenglanz, der deine Haare grün besternte,
Vermiß ich leicht – denn Sterne sind in uns erwacht –
– Ja, bald erkeimt, ersprießt in dir des Gutseins größre Ernte –
Und wir lustwandeln nun in dunkler Traumesnacht!«

 

        A ls morgens Mann und Weib im Wüstensand erwachten,
Betrachteten sie rings die Welt und blieben stumm.
Das war, weil sie ihr Träumen langsam überdachten,
Dann blickten sie sich an und wieder schüchtern um.

Doch endlich sprach der Mann zu seinem teuren Weibe:
»Wir sind in dieser Wüste völlig ungewandt,
Drum merke dir, wie ich es mit den Tieren treibe,
Und lerne selbst ihr buntes Leben hier im Sand.

Sie herrschen da und würden sich am Menschen rächen,
Versuchte er in ihrem angestammten Reich,
Was lange schon besteht, aus Übermut zu brechen:
Und geht es an, behandle sie auch Freunden gleich!«

Sie brachen auf. Von voller Wanderlust getrieben,
Verfolgten sie den Fluß auf seinem Wüstenlauf.
Der Urwald ist im Osten weit zurückgeblieben
Und tauchte später, in den Träumen, wieder auf.

Ja, eine innre Wildnis bäumte sich und schäumte
Im Menschen dann empor, die niemals er gekannt,
Denn wenn die Seele voll von Urverlangen träumte,
Erwuchs ein Wald in ihr, den sie sonst kaum empfand.

Nun mußte tausendfach im Menschen sich verbinden,
Was einst, in seinem Walde, einzeln, aufgeragt:
Wohl sollte alles sich in ihm bewußt empfinden,
Was schon auf Erden sich erfaßt hat und getagt.

Als Felsenfinger Wälder immer mehr umkrallten,
Ist auch der Tiere Lenzlust langsam eingeschrumpft:
Im Menschen aber ward der Sonnenflug erhalten,
Und seine Fühlung mit der Erde abgestumpft.

Der Sonnenwechsel blieb dem Herzen vorbehalten,
Als langsam, was ihm trotzte, starr ward, starb.
Der Menschengeist sollte das Sonnenreich verwalten,
Das ihm die Abstammung von Sternen her erwarb.

Denn wir sind hier das älteste Geschlecht auf Erden,
Vom Seelenurgefunkel wunderbar erhellt:
Wir änderten die Haltung, manche Trutzgebärde,
Doch hüten wir das tiefste Feuer in der Welt.

Die Seelen haben sich der Umwelt fast entkleidet
Und nehmen nur die Samenkräfte lichtwärts mit:
Der Urwald aber und was drinnen weiterleidet,
Macht, wenn es hinstürzt, traurig seinen Todesschritt.

Doch hat der Mensch der Wesen Ihmkunft schroff durchbrochen?
Ist er in freie Kreise jählings aufgeschnellt?
Wird er von keinen Kletten seines Seins umkrochen?
Ob sich vom Menschen Überwundenes erhält?

Die hohe Sonneneigenheit der frühen Ahnen
Fiel tränenreich in unsern Schlummerkreis zurück:
Gesittet werden heißt, sich Urwaldpfade bahnen,
Wie Baumrausch doch umseligts uns in jüngstem Glück.

 

        G ar traurig zog der frühe Mann mit seinem Weibe,
Durch Ginster und durch Sand, im wüsten Lande ein,
Es dachte erst, daß er die Tiere rings vertreibe,
Und ach, da fühlten beide sich so sehr allein!

Sie dachten kaum ein Wanderjahr zu überleben.
Doch keinem fiel die Heimkehr ein, kaum eine Rast,
Die Seele will, wenn sie zerschmerzen muß, zum Lichte streben,
Und so geschiehts, wenn sie auch kaum ihr Tun erfaßt.

Als einst das Paar durch Sturm und Nacht dahingezogen
Und ostwärts blickte, ob die Welt sich dort erhellt,
Ist vorher wohl ein Hund um einen Fels gebogen
Und hat sich wedelnd zu den Wanderern gesellt.

Wie ist das Tier und auch der Mensch beglückt erzittert!
Ein Wesensteil von ihm hat seine Spur erkannt,
Der Hund, sein Anhang an den Wald, hat ihn gewittert
Und ist ihm stracks, durch Staub und Hitze, nachgerannt.

Als bald darauf das Paar einmal im Staub geschlendert
Und stille auf sich selbst und in das Licht geblickt,
Begann der Mann: »Wenn unser Wandern sich nicht ändert
Und keine Wüstengottheit Rettungsboten schickt,

So sind wir beiden Menschen und der Hund verloren,
Denn unsre Glieder schlottern schon blaß abgezehrt.
Vielleicht hat gegen uns ein Dämon sich verschworen,
Denn unser Gang durch Sand wird noch durch Durst erschwert!«

Drauf sprach das Weib zu ihm: »Zwar bin ich arg verdrossen,
Denn ich verschmachte fast im sonnenheißen Staub,
Viel Tränen habe ich im Traumestal vergossen,
Doch glaube ich, wir sind für Wüstenstimmen taub.

Vernahmst du nicht das Wiehern unbekannter Tiere?
Sie hetzten öfters schon um unsern Lagerplatz:
Daß sie das Herz nicht mehr aus meinem Blick verliere,
Bemerkst du eins, so schwing dich drauf mit kühnem Satz!«

Des Weibes Rede hat den Mann zur Tat begeistert,
Denn einmal sprang er rauschhaft auf ein schlankes Roß,
Bald hat er auch ein weißes für sein Weib gemeistert,
Und nun war unser Pferd der Menschen Marschgenoß.

Von nun an spähten beide, auf der Wüstenreise,
Nach Tieren, die vielleicht ein Gott für sie bestimmt,
Da sahn sie einige, die wurden seltnerweise
Durch ihre Nähe weder ängstlich noch ergrimmt.

Die Menschen und die Tiere blieben lang verwundert,
Dann kam ein Weibchen, ohne Scheu, ans Weib heran:
Da nichts geschah, erschienen langsam viele hundert,
Und schließlich nahten einige dem Mann.

Dem Weib gefielen bald die vollen Ziegeneuter,
Und drauf entnahm sein Wunsch auch Tiere ihrer Schar:
Der Mensch jedoch wurde nun kühn zum Welterbeuter,
Denn auch aus kahlem Land schwand langsam die Gefahr!

So wurden Wesen fast zu wandelnden Oasen;
In Triften, wo kein Mensch den Schritt hineingewagt,
Vermochten sie das karge Futter abzugrasen,
Und haben nie dem Menschen ihre Milch versagt.

 

        D ie Wüste hat bald schon von Menschen gewimmelt,
Die Wildnis sich waldwärts Verträumter bemächtigt,
Das Licht und die Geistigkeit wurden verhimmelt,
Das Leben jedoch mit Gespenstern geträchtigt.

So mußte der Urwald sich wiedergebären,
Um Blüten der Erdglut dem Lichte zu spenden,
Der Mensch aber sollte der Üppigkeit wehren,
Um edel sein irdisches Werk zu vollenden.

Er suchte den Zwist der Gefühle zu fassen,
Durch Hymnen den Schwung seiner Seele zu fördern,
Er trachtete Laster und Schwächen zu hassen,
Denn tief in sich selbst traf er Blicke von Mördern!

Bald mußten die Sänger am Liede erkranken,
Denn tief liegt bei Dichtungen Gram auf der Lauer:
Die Wehmut beginnt sanft den Wunsch zu umranken,
Und Lieder des Glaubens sind Lieder der Trauer.

O Menschheit, wie bist du mit Rätseln geschwängert!
Du steigst, denn du hast dich zu klimmen gezwungen:
Doch da unser Lichtflug sich herzher verlängert,
So bleibt deine Seele von Ruhe durchdrungen.

Man geht eine Strecke und sieht seine Ziele,
Dann stirbst du und läßt deine Pfade den andern,
Denn groß ist die Tragik im Wechsel der Spiele:
Was da ist, vergeht, und was nicht ist, wird wandern!

Wir ordnen das Dasein nach eigenen Rhythmen,
Die Zucht ist der Geisteskraft erste Bedingung.
Jetzt soll sich die Seele dem Seelenlicht widmen,
Denn Leben ist Dauer der Triebebezwingung.

Das Licht hat uns ragende Höhe beschieden,
Und wird unserm Wesen sein Reichtum entzogen,
So sichtet das Herz seinen seligen Frieden,
Um den aber wird kein Gewissen betrogen.

Versucht der Gedanke, dem Leib zu enteilen,
So schmiegen sich Wünsche ans Seelenbedürfnis,
Auch hier gibt es Wälder, zu holdem Verweilen,
Doch wehe, erfaßt du dabei dein Zerwürfnis!

Der eifernde Geist braucht den Urwald der Seelen,
Denn da kann, was ist, sich zum Urwust entscheiden,
Der Schwächling mag feig seine Sterblichkeit wählen,
Wer Ewigkeit will, sich mit Flammen bekleiden!

Wir folgen der Sonne zu höchster Bestimmung.
Sie gibt die Gesetze und übt sie mit Strenge.
Sie schenkt uns die Gunst edler Rassenerklimmung
Und lichtet der Wildnis beseelende Enge!

 

        D er Verstand ist Mann und Wüstenkönig
Und begreift das Leben fast im Sprung:
Irrte er beim kühnen Satz ein wenig,
Wagt er kaum noch einen andern Schwung.

Er verfolgt die tiefsten Rätsel lauernd,
Grübelt, müht und quält sich suchend ab.
Bückt sich, beugt sich nicht, und selbst erschauernd,
Bleibt, wer forschen kann, bedacht und knapp!

Des Verstandes Jagden sind verwegen,
Und er sucht noch schärfer als der Aar,
Schöpfer werden oft durch ihn verlegen,
Denn sein Urteil ist vernichtend klar.

Grausam spielt er gerne mit der Beute,
Neigt besonders stark zu Spott und List,
Und nur darum achten ihn die Leute,
Nicht, weil er den Weltenraum durchmißt!

Denkt und überlegt er lang und reiflich,
So zerstört er schließlich jeden Wert,
Mystik scheint ihm schal und unbegreiflich,
Und der Zufall wird von ihm gelehrt.

Kunst und Glauben werden bald verschwinden,
Wo der Wüstenkönig herrscht und jagt,
Er verneint das stille Gottempfinden,
Das verklärend im Gemüte tagt.

 

        O Weib, was mußtest du am Wüstenweg erdulden,
Du schmiegtest dich ans eigne rätselhafte Sein,
Gleich dunklen Winterwolken in verschloßnen Mulden,
Sank schwerer Kummer leise in dein Wesen ein.

Du Sonnentochter bliebst den Erdenwünschen günstig,
Dein Fühlen ist verzweigt und Freuden zugeneigt,
Der Lenz, der uns durchzieht, ist blütenreich und brünstig,
Und glücklich, wenn im Weib ein Urwald jung entsteigt.

In dieser Wildnis will, was sich besaß, umfassen,
Da wirft sich Längstverschwundnes Liebesblicke zu,
Da überspringt der Frühling Zucht und Rang der Rassen,
Und was sich rasch gefällt, umschlingt sich auch im Nu.

Das Weib hat uns die Seelenweichheit hold gerettet,
Da sichs aus Sanftheit unserm Lichtgeheiß gefügt;
Es hat die Lust mit der Enthaltung zart verkettet,
Und diesem Widerspruch, durch seine Scham, genügt.

Sanft trägt das Weib in sich die Seelenmacht verschlossen,
Sein Unerklärbares bewältigt kein Verstand,
Doch kann ihm eine Geistesschöpfung kaum entsprossen,
Denn alles sucht im Weib den inneren Bestand.

 

        I hr Seelen, haltet euch in trauter Lust umfangen:
Was ihr an Güte habt, das legt in euren Kuß!
Entzündete die Keuschheit früher eure Wangen,
So glüht auch euer Glück nun einen Seelenguß.

O Weib, so nimm den Mann! Du darfst ihn ganz umschlingen,
Denn seine Wurzeln dringen schon in deinen Schoß.
So lasse seinen Schmerz um dich in Lust verklingen,
Und halte nur sein Glück, als deines Kindes Los!

Ihr Seelen, schöpft nun Atem, da ihr Leben wittert!
O Weib, die Fruchtbarkeit und du, ihr habt gesiegt:
Der Mann ist dein, du bist ja ganz von ihm durchzittert,
Da jeder Wunsch aus ihm in dich hinüberfliegt.

O Seelen, haltet euch in Seligkeit umfangen:
So falle, müde, jedes Sein ins andre Sein.
Ihr müßt in Zukunft immer aneinander hangen,
So schlummert nun, denn eure Küsse schlafen ein.

 

        W ie still es ist. Wo sind der Seele tiefe Stürme?
Sie gleicht dem Meere, das die Flut zur Ruhe bringt,
Mir ists, als ob sie Leben, wie die See beschirme,
Sie kühlt und schützt die Lenznatur, die sie umschlingt.

Dann scheint dirs auch, als sei die See die Erdenseele,
Die Schrecknis mildernd eigner Friedlichkeit entflieht:
Sie wallt empor, damit sich Liebendes vermähle,
Und alle Angst verweht, wo sie durchs Welttal zieht.

O See, o See, so habe doch mit uns Erbarmen!
So sieh den Wüstenabgrund, der im Menschen gähnt,
Du Seelenmilde, nimm uns auf mit offnen Armen,
Bestürme uns, bis unsre Seele ihren Urgrund wähnt.

Wenn wir, verborgen, uns nach stillen Fluren sehnen,
Wo sich das Sonnen-Ich in stummer Nacht vergißt,
So flüchten die Gefühle schon, als Licht der Tränen,
In jenes andre Land, wo jedes Leid erlischt.

O See, o See, du schenkst als Wolke dich der Wüste
Und forderst Tränen aus des Mannes Felsenbrust,
O See, als dich der Mensch zum erstenmal begrüßte,
War seine Seele ihrer Ewigkeit bewußt!

 

        D es Weibes Seele ist ein tiefer Bronnen,
Der klar und rein dem Mann entgegenstrahlt,
Und wenn sich Glücksgefühle drinnen sonnen,
Erwacht des Wassers stille Schreckgewalt.

Du siehst die Freude, die das Weib uns spiegelt,
Doch nicht das eitle, lauernde Geschlecht:
Ein Wirbel wird vom Grunde aufgewiegelt,
Es schwindelt uns, wir sind zu Tod geschwächt.

Es rächen sich in dir die leergelebten Tiefen,
Ihr Ekel gähnt uns aus dem Weib empor,
Die Tiergespenster, die verkettet schliefen,
Belecken sich und kriechen aus dem Venustor.

Doch nein! Hinweg mit diesen Marterträumen,
Das ist ein Augenblick, – der Ehre Tod, –
Ein anderer genügt, um aufzuräumen,
Gespenster folgen jedem Kraftgebot.

O, steigt der Mann mit seinem Weib hernieder,
Und tauchen sie ins große Seelenmeer,
So senkt der einzelne die keuschen Lider,
Und Urgefühle walten stumm und hehr.

Die Schöpfung zittert tief in sich zusammen!
Der Mann, sein Weib: ein junges Weltgewicht,
Versinken in der Nacht, der sie entstammen,
Und bringen dann für uns ein Kind ans Licht.

 

        O Mann und Weib, die Schrecken könnt ihr überwinden,
Die aus dem Urwald ihr in euch verpflanzt:
Ihr wißt ja Seelen tausendfältig zu verbinden,
Denn ihr begeistert euch, wenn ihr im Reigen tanzt!

Ein Wollustwunsch scheint eure Arme auszustrecken,
Und wo ein Finger einen andern nur berührt,
Vermag der Tanz ein eignes Lustgefühl zu wecken,
Das man im ganzen Leibe, wie ein Fiebern, spürt.

Gar schön habt ihr erfaßt, was euch zum Tanz gezwungen,
Denn wenn ihr euch, beim Reigen, Lieblingsblumen reicht,
So ist ein wahres Lenzgefühl in euch entsprungen:
Doch bleibt euch bloß sein Rausch, und es entblättert leicht.

Oft will sich nur ein Übermut aus euch ergießen,
Doch wird ein Reigen auch zum ernsten Opfertanz!
Dann soll der Seelenrausch nur paarweis überfließen,
Denn gläubge Seelen schenken sich einander ganz.

Beim Reigen scheint die Wollust oftmals auszutoben,
Doch für das Leben trefft dann eine freie Wahl!
Ihr zeigt beim Tanz, wie ihr euch seelenschlank erhoben,
Und dann verschenkt den eignen Lenz mit einemmal!

O Mann und Weib, habt ihr euch traut und wahr verstanden,
Durchsorgt kein Zweifel euch, den ihr noch klug versteckt,
Verbürgt ein Herz dem Herzen sich, mit Strahlenbanden,
So falle das Gewand, das euern Leib bedeckt.

Sind eure Wesen voll von Sehnsucht und Verlangen,
So bleibt ihr euch gar lang ein junges, neues Paar,
Ein Weib kann alles, was im Gatten glüht, empfangen:
Gebt eure Überfülle einer Kinderschar.

Die innre Wildnis, die euch oft als Traumbild peinigt,
Gehört euch nicht, gebt sie der Sonnenwelt zurück:
Bemüht euch um ein Feld und bleibt getraut vereinigt,
So findet ihr in euch ein volles Erdenglück.

Beackert und bewaldet rastlos, schmückt die Wüste,
Versetzt den Urwald, aus euch selbst, in blaue Luft:
Ihr tragt ein Schöpferhaupt auf steiler Felsenbüste,
Drum weckt die Schlummerwelt in dunkler Seelengruft.

Doch herrscht dann lichthaft über Wälder, Felder, Gärten,
Fromm werde die Natur nunmehr vom Mann beschenkt,
Beflügelt innre Dinge, die sich alt bewährten,
Und was den Sonnenhochschwung aufhält, sei verdrängt!

 

        H old jubelt die Flur. Eine kühlende Brise
Durchflattert das flimmernde, flatternde Haar
Vergnügter Gespielen, auf blühender Wiese:
Und plötzlich erscheint eine tanzende Schar.

Das sind lauter jauchzende, lustige Kinder,
Doch was sie da singen, verliert sich im Wind.
Das hascht sich und ruft sich, das läuft noch geschwinder,
Das wettet und weiß nicht, ob jemand gewinnt.

Schnell laufen die Mädchen und rascher die Knaben,
Zum Spiel hat sich bald auch Gefallen gesellt:
Das würde sich herzen und möchte sich haben,
Ob eines der Mädchen aus Übermut fällt?

Wie flimmern die Wiesen! Da balgen sich Kinder.
Jetzt wiegen sich Birken. Schon lispelt der Wind.
Die Lenzlüfte werden nun blauer und linder:
Da flüchten die Paare ins Waldlabyrinth.

Dort horchen sie still auf das Flöten der Hirten,
Und allerhand Glocken durchtönen den Wald,
Nun pflücken sich Mädchen die lieblichsten Myrten
Und schmücken damit ihre hohe Gestalt.

Die Wiesen durchrieseln laut plaudernde Bäche,
Dazu zittern Birken, vom Winde gebeugt.
Du fürchtest von mancher, die aufschnellt, sie bräche,
Doch sind schlanke Birken zum Wiegen gezeugt.

Ihr Grün ist zum Spiel mit dem Winde ersprossen,
Es liebt sein Gelispel und heitres Geräusch,
Wohl hat sich ein Laubtraum in Birken ergossen,
Drum sind sie so leicht und doch standhaft und keusch.

Vom Walde her tönen die lustigsten Lieder,
Gar rauschfrohe Bäume durchschüttelt der Wind,
Der Birkenhain schmiegt sich am tiefsten hernieder,
Doch alles bleibt heiter und jedes ein Kind!

 

        T ief unten, im schattigen, windstillen Tale,
Entstanden einst Hütten nach ländlichem Brauch,
Dort richten die Mütter soeben zum Mahle,
Denn über den Bäumen verästelt sich Rauch.

Allabendlich ruft er die Hirten hinunter,
Er gibt ja die Stunde der Ruhe bekannt!
Doch macht nicht das Bergvolk die Rauchblume munter,
Sie wurde die Sorge des Dorfes benannt!

Sowie sie erflattert, faßt Hirten ein Bangen,
Zu dem sich gar langsam erst Freude gesellt:
Sie denken, wie ist es zu Hause ergangen,
Wer weiß, hat ein Feind sich zum Weibe gesellt?

Oft scheint es, als balle sich Kummer zusammen,
Und später, als wäre der Dorfdunst ein Wicht,
Aus Bosheit gekommen, was glückt, zu verdammen:
Und bald fürchten Herzen das eigne Gesicht.

Ergehen sich Hirten, bei Mond erst, nach Hause,
So ängstigt sie oft schon ein rauschender Baum,
Besonders das wuchtende Buchengebrause
Vernestelt gar leicht einen schaurigen Traum.

Umragen den Talhang gespensternde Zeichen,
Wie Fragen in schwankende Schatten gebannt,
So sind das dann Ulmen, die Hauchbildern gleichen:
Sie werden bald wieder als Freunde erkannt!

Am liebsten ist Hirten die friedliche Fichte.
Sie steht vor dem Dorfe, im einfachsten Kleid.
Dort sitzen die Obern zumeist zu Gerichte,
Drum hält sie die Arme zum Schutze bereit!

 

        L ichter müssen zart zersplittern,
Gold erschimmert im Geäst,
Und die Lispelblätter zittern,
Weil die Sonne uns verläßt.

Lauter dunkle Seelenfunken
Schweifen abends durch den Wald,
Der auf einmal, freudetrunken,
Von Gesängen widerhallt.

Ja, er hat an Duft und Pollen
Sich und Luft und Flut betäubt:
Winde wirbeln, Blätter tollen,
Aller Samen wird zerstreut.

Wo sich nur die Zweige regen,
Huscht das goldne Licht herein,
Wo die Winde wilder fegen,
Tanzen Schein und Widerschein.

Wo die Sonne Abschiedsküsse
Auf die grünen Lauben drückt,
Fühlt die Seele wohl, es müsse
Huld erblühn, die alles schmückt.

Sonderbar, die muntern Lichter,
Die nur abends bunt erstehn,
Flimmern, zittern immer dichter,
Wenn sich Hauche auch verwehn!

Flackern sie als goldne Flügel?
Wurde Wind wie Wesen schwer?
Schwirren sacht um warme Hügel
Holde Falter hoch umher?

Da nun buntes Licht im Walde
Immer mehr und still vergraut,
Wird es deinem Herzen balde
Klar sein, ob du wahr geschaut.

Staune, lausche! Tausend Quellen
Sprudeln lauter schon im Wald!
Lieder, Liebe, Lerchen schnellen
Sich in Licht, das heimwärts wallt.

Wie das zwitschert, zaubert, feiert!
Welches Wunder ist erwacht?
Was hat seine Macht entschleiert,
Wann und wo erstrahlt die Pracht?

Goldnes Abendrotgefieder
Schmückt den Vogel, der dich schuf!
O ihr holden Sonnenlieder,
Weckt den Herbst, durch euern Ruf!

O, ihr hohen Schwalbenschwärme,
Fliegt ihr mit dem Sommer fort?
O, ihr sucht verwandte Wärme,
Horcht ihr auf ein neues Wort?

Horch! Nun laufen ganze Rudel
Stummer Tiere in den Wald:
Nun du schweigst! Und nur ein Sprudel
Plätschert, fast mit Stimmgewalt!

 

        G eheimnisse in meiner Kinderseele,
Erklärt euch, denn was habe ich erfahren?
Du Ruhe, während ich mich sinnend quäle,
Ich will ein rätselloses Ich gewahren!

Ich bin mit allen Wesen hell verkettet,
Ach, hätte ich für jedes eine Spende!
Doch hab ich Rehe oft im Traum gerettet,
Denn einge lecken meine bleichen Hände.

Ein Lied, das ich bestimmt allein empfunden,
Wird von den Vögeln mir nun weggesungen,
– Ich habe etwas Ernstes überwunden –
Was hat sich aus mir selber weggerungen?

– Ich lebe doch – da ich mich selber frage! –
Auch trag ich wirklich eines Körpers Schwere –
Nun bett ich ihn auf einem Rosenhage:
Doch sage, Seele, was ist diese Leere?

O Winde, seufzt nicht! schweigt, ihr dunklen Bäume!
O gebt mir keine künftige Erklärung!
Rauscht auseinander, grausenwahre Träume!
Erlöscht, ihr Blüten: fort mit jeder Ehrung!

Wozu denn auch – sie ist doch nicht gestorben –
Sie schläft, das Weib von mir in meinen Armen!
Wie, hätte ich für sie den Sang erworben?
Nun schweigt, ihr Lieder, habt mit mir Erbarmen!

Doch nein! Das Lied wird nie in mir verstummen,
O Orpheus, Eurydice sind bloß Namen!
Der Wind jedoch wird sie den Bäumen summen,
Denn Leid zieht weiter, ohne zu erlahmen!

Die frischen Blüten, die am Friedhof blühen,
Der weiße Stein, der eine Gruft verrammelt,
Die Purpurwolken, die den Schlaf umglühen,
Das Wort, das kaum von den Gefühlen stammelt,

Der Schmerzen nimmerstiller Seelenfriede,
Sein Sagenkreis und Preis für das Entsagen,
Umschlingen alle sich in einem Liede:
Und eine Seele wird es ewig tragen.

Jetzt singt das Lied die weite Lichtentfaltung
Und ist so wahr wie Vogellied und Liebe,
Der Trauer gibt sein Klang die Blaßgestaltung:
O wehe mir, wenn uns kein Sang verbliebe!

Ich hör den Überschwang zur Daseinsklage:
Er naht mir schon, wie könnt ich ihm entrinnen?
Er ist beinahe eine stumme Frage,
Kein Liebeslied, sondern die Not zu minnen!

Die Vögel, die nicht mehr die Jungen finden,
Des Opfers Ohnmacht vor dem Blick der Schlange,
Die Seufzerschluft, ein Tränen: zu verwinden!
Beleben sich zu Orpheus' Opfer-Pilgersange.

So ist das Lied und nicht dein vieles Leiden!
Der Träne Wärme und ihr stilles Schweigen,
Die Nähe Gottes, die wir heiter meiden,
Zu der wir aber, schmerzentschieden, steigen!

 

        I ch kann ihn schon so sanft im Wald vernehmen,
Auch seine Worte kann ich bald verstehn!
Zurück! ich muß mich vor dem Sänger schämen,
Von weiterher soll mich sein Lied umwehn:

»O Orpheus, Trauer trägst du im Gemüte!«
Eröffnet sich beseelt das Weib im Walde.
Nun lispelt es die Lippe jeder Blüte,
Dann schweigt das Lied, und freundlich singt der Skalde:

»Dahin sind meine holden Sommertage,
Verloren hab ich meine traute Braut,
Die Leier, die ich fromm um Trost befrage,
Hat nur den tiefen, meinen Trauerlaut.

Oft perlt ein Tau auf unsre Leidensblume,
Bald flicht sich ihre Krone licht hervor:
Dann bet ich: Bleib, o Schmerz, zu hohem Ruhme
Von unserm Weib, aus hehrem Sternentor.

Mein Weib im Ich, auf Wegen ins Vergessen
Nimm mit, was hier der Stern dir schenkt: mein Lied!
Zu welchem Flug muß sich mein Mut ermessen?
O Grauen! Tiefstes, was mit uns geschieht!

Wenn letzte Stimmen bald um mich verstummen,
Ruft uns des Waldes Trautheit heimlich an.
Ich höre Bienen Ordnungssorgen summen:
Ob sich das Goldgeschwirr verkünden kann?

Ich weiß wohl, so ein kindlich Sterngewirre
Erlieblicht Zeichen einer treuen Welt:
Ob ich mich hier im Totenreich verirre?
Weilt dort das Weib, von meinem Lied erhellt?

Ihr Bienen seid ein Sterngedicht der Erde,
Das sein Geheimnis vor die Sinne rauscht;
Ihr Bienen lehrt das Herz die Lichtgebärde,
Durch die's den Tag für Herkunftsicht vertauscht!

Nun sanft! Das Glimmen wird zu stillen Stimmen!
›Erwarten ist mein Walten!‹ lausch ich traut:
›Da bin ich ja! Dein Nahen ist mein Klimmen:
Das hat das Weib als Schwebekranz geschaut!‹

›O Bienenstrauß, ihr Funken unsrer Liebe!‹
Entlispelt mirs, ›bleibt Sterne um das Weib!‹
Ich bin Erwidrung mir: ›Geweihte Triebe,
O Mann, erbreiten seligsten Verbleib!‹

›Du, goldnes Sterngewirr, mein Bienenschleier!‹
Befrag ich mich, ›wo ist die Königin?‹
›Ich bin bei dir, zu heilger Hochzeitsfeier!‹
Entzückt es weibhaft meinen jüngsten Sinn.

Die Bienen fort? Ach still! Zu Sternenbrücken
Hat sich ihr Kranz im Friedenslicht gefügt.
So mag mir sanft ein Pilgersummen glücken!
Ihr Beter, ob ihr noch nach Auskunft frügt?

Doch Schwalben, die ihr nun den Heimweg findet,
Verlaßt erruhigt euer altes Nest,
Die Liebe, die uns froh in Gott verbindet,
Ist da! und hält euch hier am Boden fest.«

 

        » A ch, wenn doch meine bleiche Braut noch lebte,
Sie war so mein! Seit urgetroffner Wahl!
Auch wo das Schicksal mir entgegenwebte,
Umglühte uns der einzge Sternensaal.

Nun aber schweigt sie, tiefer als die Sterne,
Ihr Schlaf macht sie für meine Rufe taub,
Ich schreie, daß ich mich vom Leid entferne:
Ach, würde ich doch endlich Geist und Staub!

Ich zähle nicht die Lichter, die uns scheiden,
Denn so viel Leiden trennen mich von ihr,
Drum will ich auch die Schmerzen nimmer meiden,
Bringt mich doch jeder leise fort von hier.

Ich fühlte, ach, schon einmal ihre Nähe!
Sie kam des Nachts: ich griff nach der Gestalt!
Da tat ich ihr durch meine Wildheit wehe:
Entsetzt ist sie vor mir zurückgeprallt.

Mir aber sagte eine Kosestimme:
Mein Weg zu dir ist schmerzgeburtenweit.
Sei stark, daß deine Liebe nicht verglimme,
Und wandre fort, durch Tod und Trennungsleid!

Euch Schwalben seh ich wieder heimwärts fliegen,
Ich ahne, wie ihr euern Weg erwägt:
Da Leiber sich an eure Seele schmiegen,
Begreif ich, was ihr flatternd überlegt.

So hört! Wenn wann ein Brand das Dorf zerstörte,
In das euch einst ein Treugefühl berief,
Weil euer Schwarm zu seinem Lenz gehörte,
So weint mit mir. Denn meine Braut entschlief!

Auch meine Sehnsucht flattert hin und wider,
Doch schläft kein Flügel drüber müde ein,
Die Trauer legt sich abends zu mir nieder,
Sie läßt mich kaum im eignen Traum allein.

Ihr Schwalben könnt euch andre Nester bauen,
Da sich um euch kein ewges Wesen quält,
Doch ihre Seele will in meine schauen,
Da ihr mein Nahen über Sterne fehlt!«

 

        Z wischen lauter lauten Unken,
Boten alter Pein und Qual,
Zieht nun Orpheus sternentsunken
Westlich durch ein feuchtes Tal.

In der heitern Dämmerferne,
Wo die Waldeswehmut schweigt,
Sieht er, wie der Kranz der Sterne
Leise, sacht – sich niederneigt.

Ja! Die Nacht wird flimmerdichter,
Bunte Gluten löschen aus.
O! Die holden Himmelslichter
Leuchten uns im Vaterhaus.

Orpheus ist die Nacht vertrauter,
Und er deutet ihre Pracht,
Seine Wälder rauschen lauter,
Wenn ihr Flüsterwind erwacht.

Sie erzählen und verschweigen,
Wenn Geheimheit sie durchweht,
Worte, die der Nacht entsteigen,
Und die Orpheus nur versteht.

So, jetzt läßt er Blättersätze
Sacht an sich vorüberziehn,
Ach, er weiß, um alte Schätze
Blieb das Wittern ihm verliehn.

Orpheus kennt des Windes Wesen,
Weiß des Waldes Lispellied,
Auch ums Meer ist er gewesen,
Als der Geist noch Menschen mied.

Seine Seele liebt die Stürme,
Denn auch sie will flügge sein:
Baut der Geist sich steile Türme,
Setzt die Luft den Falk hinein.

Winde, Raubvögel ergänzen
So der Wünsche stolzes Werk,
Ja, sie finden und bekränzen
Es, wie Wolken einen Berg!

Nun wird von des Wildes Seelen
Orpheus sacht ein Traum gesagt,
Auch die künftgen Wesen quälen
Sich so schwer auf einer Jagd.

Mag ein Herwehn sich gestalten,
Da der Wind so lautlos sank:
Hat der Wald ihn angehalten?
Auch der Sänger atmet bang.

Orpheus kann den Wind verstehen!
Ach, der Saus kam von der See:
Wimmern barg sein sachtes Wehen:
Er brach ab! Gewirrt von Weh.

Wie den Wogen schnell entritten,
Schwankte, kehrt er hilflos um!
Und jetzt knisterts unter Schritten:
Wohl ein Reh? – Nun alles stumm! –

 

        O rpheus faßt es nun vom Meere,
Das ihm tot entgegengähnt:
O wie oft nach dunkler Leere
Sich des Sängers Seele sehnt!

Winzig flimmern sichre Sterne,
Weg der Tag verglommnen Leids!
O, der Dichter atmet gerne
Tiefer Stunde düstern Reiz.

Goldhaft schäumt jetzt, wie verschlagen,
Eine Woge auf den Damm:
O, sie hat noch einen Kragen,
Spitzensaum und Feuerkamm.

Nun ists finster. Linde Winde
Spielen auf dem bleichen Strand,
Still und ähnlich einem Kinde
Tändeln sie im feinen Sand.

Niedlich sind die kleinen Haufen,
Die da etwas aufgebaut –
Kinder wohl, die scherzen, laufen?
Oder lacht der Wind so laut?

Wie, jetzt gibt es kleinen Ärger?
Ach, das bläst sich Hügel um!
Oder wird der Lufthauch kärger?
Nichts doch: nichts! Wird alles stumm?

Horch! Wohl tönt nun aus dem Meere
Schwer ein Mutterruf hervor.
Orpheus ist es, als begehre
Draußen wer, was er verlor.

Arme greifen aus dem Wasser
Haschhaft, rasch nach ihrem Wind,
Orpheus sieht, daß dort ein blasser
Milchgischt, wie aus Brüsten, rinnt.

Lauter Mutterwogen rollen
Ihren Gischterguß ins Licht,
Und er hört die See ergrollen,
Wenn ein Wunsch zusammenbricht.

Wimmelviele Arme fielen
Wildverzweifelt schon zurück,
Denn die winzgen Hauche spielen
Ruhig fort und voll von Glück!

Ach, das sind die Kinderseelen,
Die sich, wie ein sanfter Wind,
Abends sacht zum Spiele stehlen,
Wenn sie uns entstorben sind.

Fast und kaum, am Meeresstrande,
Wird das Auge sie gewahr:
Froh und frei im weichen Sande
Tummelt sich die muntre Schar.

Orpheus weiß, von vielen Kindern,
Die sich blaß hinweggesehnt –
Ach, ihr Weh war nie zu lindern,
Und ihr Blick hat oft getränt.

Leise zog sie's zu Gespielen
An des Meeres Kräuselrand,
Als sie bald dem Tod verfielen,
Waren sie im Heimatland.

Kindlein, die bloß halb erwachen,
Fallen bald zurück in Schlaf,
Schwach nur jubeln sie und lachen,
Immer sind sie still und brav.

Orpheus singt: »Erwünschtes Leben,
Durch den Schlaf vom Tod getrennt,
Traumhaft muß die Seele schweben,
Bis in ihr das Kind sich kennt!

Seine Jugend überwinden
Wird des Menschen Schmerzenspflicht,
Viele Seelen aber finden
Ihren Weg voll Wehmut nicht!

O, ich bin so sanft geblieben,
Ach, mein Geist spielt überm Meer:
Schmerz hat mit mir Scherz getrieben,
Und mein Lied tönt oft so schwer!«

 

        J unger Mond, du gießt die Stille
Deines Wesens auf die See,
O, ein letzter Wellenwille
Wiegt des Meeres weiches Weh.

Wo sich Nacht und Naß umfassen,
Träufeln Tränen auf den Kuß,
Wo noch Winde Spuren lassen,
Glimmt ein Schwan im Silberfluß!

O, dort taucht im Mond ein blasser
Vogel aus den Wogen auf;
Schon verwirbelt er im Wasser,
Wohin perlt sein Traumeslauf?

Schwan, der mich so stolz geblendet,
Blitzt du nimmer um uns her?
Sanft wie Öl, das Frieden spendet,
Schwimmt nun Mondlicht auf dem Meer.

*
Stille, kurze Stunden senken
Schwer sich über Land und See,
Orpheus sucht noch wach zu denken,
Denn er scheut das Traumesweh.

Ja! Das ist die Zeit der Ängste,
Wenn der Alb die Schläfer quält
Oder das Gefühl die längste
Schlummerspanne nimmer zählt.

Aber die Gedanken kreisen
Frei, wie das der Dichter mag,
Und er findet sanfte Weisen
Zu des Herzens leisem Schlag.

Ach, in seine Trauernetze,
Die er über Wolken flicht,
Ists, als ob ein Weib sich setze,
Leise schimmert sein Gesicht.

Eurydice ist erschienen.
Weiß erstrahlt ihr Sterbekleid.
Und mit dichten Mondlichtbienen
Ist die Liebliche beschneit.

Still mit bleicher Trauermiene
Blickt sie auf den Wandersmann,
Und um ihre Taugardine
Drängen Englein sich heran.

O, wie bluten seine Wunden,
Und wie pocht der Puls nun wild!
Wie? der Traum ist schon verschwunden?
Wolken wallten vor das Bild!

Nimmer wird er sie erblicken,
Da sie weit von dannen weilt:
Orpheus fürchtet zu ersticken,
Da ihn Nebel rings ereilt.

Selbst die höchste Sternenkrone
Hüllt sich schnell in Dünste ein,
Und der Wind seufzt, wie zum Hohne:
Orpheus, o! Du bist allein!

Streckt das Meer die Nebelarme
Nach des Mondes Sichelglanz,
Wallen Nymphen mit dem Schwarme
Flügger Elfen flugs zum Tanz.

Doch Gespenster, die da schwanken,
Sind ein finstres Spukgemisch:
Taufgevatterschaften zanken
Sich wie toll um einen Wisch!

Wie sie auf und nieder fliegen,
Füllt sich wild ihr Tummelplatz.
Will ein Nix ein Kebsweib kriegen,
Hascht er sichs mit einem Satz!

Jetzt erwischt des Satans Base
Rasch den drallsten Wolkengnom!
Schwubbs, da packt das Sturmgerase
Einen Papst in seinen Strom.

Bleicher Eile Zwitterbilder,
Klepper, Hektiker aus Schaum,
Sind des Meeres tückischwilder,
Ungestümer Nebeltraum.

Was einmal der Mond besessen,
Seelen, Stürme, Blitz und Meer,
Kann er nimmer alt vergessen:
O, er hat danach Begehr!

Um des Klumpen Durst zu laben,
Wühlt die Erde Wolken auf:
Jeder Stern verschwendet Gaben,
Hilflos oft im Weltenlauf!

Auch die Träume schwerer Nächte
Sind der Mondsucht leicht verwandt,
Unsre Weiblein herzen echte
Wichte aus dem Schleicherland.

Flegel, die sich Träume mieten,
Kobolde und andres Pack
Sind verirrte Seleniten,
Geil und voll von Schabernack.

O, es fluten hier die Seelen
Oft dem Monde lüstern zu:
Hah! Lunatiker vermählen
Sich sogar mit Hund und Kuh.

Nebel, Schrullen, Träume gleichen
Sich in ihrem Mondeskern,
Hui! Sie mimen, pfeifen, schleichen
Miteinander wild und gern.

Gallert-Albe, die veralten,
Haschen rasch nach hagrem Halt,
Packen ihn um Angstgestalten,
Die Geträum zusammenballt.

Schlüpfen, hüpfen sie in Hüllen,
Die der Nebel ihnen leiht,
So verdüstern und erfüllen
Sie die Nacht mit Neid und Streit.

Juden, die sich überlisten,
Lumpen, Lüstlinge aus Dunst,
Diebe zwischen Silberkisten,
Wucherer in hoher Gunst,

Huren, die aus Fenstern nicken,
Alte Laster einer Stadt,
Flunkern vor erstaunten Blicken,
Wie sie Orpheus offen hat.

Wünsche, die in Seelchen leben,
Schlüpfen in den Welttraum ein,
Mädchen, die bei Muttern kleben,
Streben nun zum Stelldichein.

Racker, die ein Fräulein schreckten,
Sieht schon, wo, ein Philosoph,
Nonnen, die den Bischof neckten,
Macht bereits ein Geck den Hof.

Traum und Träumer wechseln solche
Alb-Scherwenzer immerfort:
O, so abgefeimte Strolche
Bleiben nie am selben Ort!

Wuzelwesen, Glast des Hirnes,
Voll von Alb-Erklammrungshang,
Hopsen in des Zielgestirnes
Rundgeträumten Schweifungsschwang.

Hexen, die zu Tieren greifen,
Urgeburten, arg verkrallt,
Schweben steil in halben Schleifen,
Alt wie die Basaltgewalt.

Zwischen fahle Fabelfalten
Ringt dich Sternungs-Zuversicht!
O du kannst dicht oben halten,
Denn da hast du kein Gewicht:

Aufgeregte Seelen streben,
Hilflos auf ein Meer gebracht,
Immer schwer ans Land zu schweben:
Andre sinds in jeder Nacht.

So ein Welttraum überwindet
Tief in sich den schroffsten Spalt,
Bis sich der Granit errindet,
Lugt ein Spuk im Hinterhalt.

Stürzten auch durch unser Wesen
Schlundgewalten aus der See?
Was aus Muscheln sich gelesen,
Zeigt sich heute als Idee!

Wolken, Wälder, was an Tieren
Je auf Erden aufgestampft,
Will die letzte Weltung zieren:
Sie wird hier im Hirn erkrampft.

Durch den Schwang zum Flug erwachen
Schläfer taumelnd in der Luft:
Trachten wir uns loszumachen,
Hangt der Traum in einer Schlucht.

Jagen uns auf einmal Drachen,
Von der Alb-Angst aufgespült,
Suchten Fluchten zu erwachen,
Die schon oft der Tod erwühlt.

Ja! Beim Seelenrundgang finden
Alle Albe tausendmal
Schläfer, die sich angstvoll winden,
Und sie steigern wild die Qual.

Jene Leere, die in Herden,
Träume haschend, plötzlich gähnt,
Daß die Böcke störrisch werden,
Daß man sie besessen wähnt,

Klafft auch oft durch dunklen Schlummer
Stiller Menschen, wie im Schaf,
Und dann silberblitzt ein krummer
Sturz zurück in schwarzen Schlaf.

Was sich aufreckt, wird zur Beute!
Wurmt als erster Weltbeschluß,
Aber Leute altern heute
Hinter ihrem Überdruß.

Auch die Haustiere verrecken
Unumbangt, so im Verlauf,
Doch die steilen Todesschrecken
Tauchen grau in ihnen auf.

Selbst den Menschen halten Ketten
Oft im Traum an einem Fleck,
Und er kann sich nirgends retten:
Panisch ist auch dieser Schreck!

 

        » W as soll mir diese Schaukelpantomime,
Was dieser Spuk in feuchten, fetten Lüften?
Er trägt, ein Weibsgehüpf, die gleiche Miene,
Und lüstern schwankt der Kreis auf fixen Hüften:
Ich aber will, daß er mir redend diene!«
Ruft Orpheus in das Fluchtgegrau aus Grüften.
Ganz langsam vor und hin und her geschoben,
Begrinst ihn nun der freche Troß von Schemen;
Das Weibsgewipp scheint sprachlos und verlottert,
Nur ein Gespenst hält seinen Arm erhoben
Und spräche wohl, doch mag es Bangen lähmen!
Da herrscht der Sänger: »Sprich!« Dann hört er Stottern.
Der Spuk sucht Laut und Zeichen zu verbinden,
Da süße Mundkunst ihm so karg verliehen!
Doch Orpheus hofft, des Raschelns Sinn zu finden!
Er atmet stark, um mit gepreßten Lippen,
Beim Horchen, spannenlang nicht einzuziehen.
Umsonst! Er läßt den Atem völlig stocken
Und sieht nun Wichte immer näher wippen:
Fast scheinen sie ihm eigne Odemsflocken,
Doch schimmern unter ihrem Lichtkleid Rippen.
Ganz langsam regen sich die dürftgen Münder,
Und endlich spricht ein Schaumgebild verständlich:
»O müder Orpheus, krauser Lichtverkünder,
Wir suchen dich, und unser Gruß heißt: Endlich!
O hör uns an, wir sind der Traum der Sünder,
Und Sünde tragt ihr tief in den Gebeinen:
Die Knochen, Knorpel, Fleisch, das euch umwandet,
War Lust, bevor ihr Menschen Lust empfandet.
Wo Licht und Erde sich zum Kuß vereinen,
Muß Leben, mit dem Schreck zugleich, erscheinen.
Auch mir gab Sonnensehnsucht die Beseelung,
Doch schwach war unser Griff nach eurer Erde:
Was ist ein Leib, wenn nicht Geschickserwählung?
Sieh! Jeder wollte, daß er glücklich werde;
Wir tauchten auf und lebten eine Weile:
Verreckt, erlangten wir zum alten Glücke
Stets wiederum die gleichen Körperteile;
Auf einmal aber schlugen Donnerkeile
Der Sonne unsre Erdhüllen in Stücke!
Da euch das lichte Recht nun frei beschieden,
So mußten wir uns zu den Trieben schlängeln
Und wurden dann zu Ränken, euern Mängeln,
Drum werden unsre Trümpfe gern vermieden!
Als Laster, ha! als Feinde euerm Frieden,
Verstießt ihr Menschen uns zu jenen Engeln,
Die euren Seelen Daseinszangen schmieden:
Wir aber zollen hohler Lichthoffnung Verachtung
Und wünschen uns zurück in Glücksumnachtung!
Verdammt, die Liebesketten zu erhalten,
Die weithin, über alle Lasterspalten,
Das Trieblichsein der Geistigkeit verbindet,
Sind wir der Schwindel, den der Mensch empfindet,
Die Viper, die er auf dem Lichtweg findet,
Und das Verderben seiner Erzgestalten,
Bis wir dereinst zu vollem Schlaf erkalten!«
Und Orpheus spricht: »Kann ich euch recht verstehen,
So seid ihr die verpönten Erdenfreuden
Und drum als schal und grausig anzusehen,
Denn in der Lebenswüste Lust vergeuden,
Ist urverdammt: ein trauriges Vergehen!«
Doch blaß umstottern ihn die Schatten:
»Für Menschen bleibts nur Traumwunsch, doch gefährlich,
Beim Wandern im Dereinst hold zu ermatten,
Wir selber wünschen: Klimmt im Leben ehrlich,
Denn so gebührts euch Erdenüberwindern!
Doch im geheimen bleibt etwas begehrlich,
Um eure Pein, mit unserer, zu lindern;
Durch euch wird mir, als Freude, süß erklärlich,
Was unser Schlottertum mit Hoffnung schwängert
Und schwaches Wachsein im Gespenst verlängert;
Es kann uns doch vielleicht, durch List, gelingen,
Ins heitre Leben hochzudringen,
Um oben klare Tage zu verbringen.
Wir wußten kaum wohingeträumt wir wallten,
Da hat dein Wandeltum uns festgehalten!
Nun laß uns fort: wir sind euch nicht gefährlich,
Die Macht der Träume ist im Menschen spärlich!
Dort! spür: dir nahen nackte Kraftgestalten,
Obzwar sie Geistern für verschollen galten,
Kann manche Schein und Dasein kurz vertauschen,
Um sich und euch noch einmal zu berauschen.
Ihr habt auf Erden abermals Mänaden:
Haha! Blick auf, gar feist sind ihre Waden!«

 

        W ahrhaftig! Da wirbeln nun blasse Figuren.
Sie schwingen den Thyrsusstab, grüßen mit Bändern,
Vielleicht ihren Farben aus grauenden Ländern.
Sie kommen im Takte mit goldenden Spuren!
Wer klatscht jetzt? was mag ihren Traumtritt verändern?
»Ich grüß euch, Mänaden auf blühenden Fluren!«
Das glückt dem Geweihten, den Spuk zu belauschen.
Er mag sich den Aufbraus zum Traumball erklären.
Ein Halbmond im Tanz, aus silbernden Bauschen,
Erflimmern, auf Spitzenschritt, Nachtbajaderen.
Nun winkt eine Mohrin. Jetzt lächeln Hetären.
Die Lieblichsten wirbeln ihr Schleiervertauschen.
So muß hold ein Schauspiel die Sinne berauschen!
O, Blicke versprühen Smaragdenbegehren:
Beperlte erschimmern, den Glanz blaß zu mehren,
Die Keckste, ein Mondschalk, beginnt sanft zu sprechen:
»Komm, Orpheus, wir wollen dich lieben und ehren,
Wozu, ohne Tanz mit der Tänzerschar brechen?
Verschenke dich uns, wie Hephaistos, aus Schlünden
Des Ätna, sein Glutherz emporwirft den Sonnen!«
Da antwortet Orpheus: »Zu funkelnden Bünden
Mit Sternen hat Gluten in Geistern begonnen!
Wir wünschen die Blume der Welt zu entzünden:
Sie sprüht in die Nordnacht! Erseligte Bronnen
In Menschen beleben die Spendung auf Erden.
Begeisterten Herzen entblättert das Feuer!
Den Tau senden Sterne: ihr himmlisches Werden
Erblüht unter Frommen! Verstoßne, Bereuer
Umflügelt ein Gotthauch. Gesegneten Herden
Mit blumender Glut nahen Feuerbetreuer!«
»Gewahre«, umhalst ihn ein Weib, »unsre Rosen!
Sie blühen auf schneeweichen, seidenen Decken:
Ihr Atmen erduftet betauendes Kosen
Um Schläfen und Mund. Die Lust kann sie wecken!
Sacht mahnt ihr Zerflattern an schlafende Flammen:
Sie träumen! Doch sinkt bald der Blutrausch zusammen;
So schlummern sie gut, wie sanft reifende Früchte.
Da liegen sie! Zarter als Äpfel im Winter:
Ein schmackhaftes Dauern. O, huldsam gesinnter
Verkünder von Wonnen, durch frühe Gerüchte
Erkommnen Erlauchtseins, beim Segnen der Seelen,
Verbleib uns!« Doch Orpheus ruft: »Schatten, ich flüchte
Vor nachtendem Wünschen zu Sonnenbefehlen!«
Er kann sich mit Sanftheit aus Armen entranken
Und sagt der Gestalt: »Du darfst mich nicht wählen!
Ich mag euern Garten, voll Gaben, durchschwanken,
Um einst mich, in Keuschheit, noch frei zu vermählen!
Ich suche mein Weib in den Schleiern der Sterne:
Noch fühl ich sein Winken, doch hab ichs verloren,
Ich trage ein Herdopfer Feuern der Ferne:
Ersterne mein Herz, vor den strahlenden Toren
Des Heimgangs: dort wartet die Frau hold geborgen.
Auf einmal ersonnt sie: aus uns kommt der Morgen!«
»Ich seh dich dem Zwillingstal leise entschweben.
Du suchst Eurydice!« erzählt die Mänade
Dem Sänger: »wohl spüre ich freundliches Beben
Von Sternen, die himmlischen Zwillinge weben
Das Seelengewand deiner Braut am Gestade
Der traurig Verblichnen! Auch dich haben Flammen
Des sternenden Paares zum Dichter erhoben.
Nun kennst du die Pfade zu euerm Entstammen,
Den Zwillingen magst du dein Opfer geloben,
Doch fort ist das Weib! Bei den ewigen Ammen
Umraunt sie das Deuten von Heldengeschlechtern;
Sie ahnt dort, auch Orpheus gelangt zu den Wächtern
In Strahlen, an Pforten des Heimgangs zu thronen!
Sanft sagt sich die Braut: »Mein Sänger der Milde
Erwandert die Sonne durch Blumengefilde,
Doch ich muß in schimmernder Grottenflucht wohnen!«
Der Dichter fleht lispelnd zu sich und den Sternen,
Doch hörts die Mänade: »Schon silbern die Fernen
Der Urmondumfangnen hervor in das Wehen
Verstorbener Seelen. Ich selbst bin bei Toten!
Ich kann meine kommenden Feindinnen sehen.
Jetzt silbern die Säulen von Friedensgeboten:
Hier weilt Eurydice im Tempel der Ehen!«
Da weint die Mänade und sagt sacht dem Sänger:
»Verbleibe! Die Gänge vor dir werden enger.
Du kannst nicht die Fluren der Träumenden finden,
Doch spürt dich die Braut: das Gerücht macht sie bänger.
Sie weiß dein durch silbernde Wirrnis dich Winden
Und kann dir nicht helfen! So weile: wir scheiden
Nun bald aus dem Grauen der bleichen Gestalten.
Wir folgen dir gern in den Hain eurer Leiden:
Du magst unser Reich an der Sonne verwalten!
Noch kannst du die goldenen Spuren des Stieres,
Der einstens das Weib, als du, Zwilling, die Schwester
Und Gattin verloren, davontrug, gewahren.
Hier siehst du ein Sandmal: bewünsch und umgier es!
Dem Hufschlag des Tieres entschimmerten Nester,
Durchzwitschert von fröhlich beflügelten Scharen
Entblauender Vögel. Sie folgten dem Weibe,
Das brünstig der Stier sich geraubt hat. O Dichter,
Gar weit weilt Europa! Kein Weg zum Verbleibe
Der Braut, die du kürtest, erglimmt dir, durch Lichter
Und wissende Vögel gesäumt. Bleich und weiter
Umträumt dich die treue Gefährtin: ihr Sterben
Entflammte den Stier für Europa. Nun werben
Wir Weiber, im Wandel der Nacht, um Geleiter
Ins Weltsein des Widders zum sternenden Erben
Des irdischen Stieres!« Kaum hört jetzt der Seher
Der Wolkhaften Worte, als blitzend ein Reiter
Auf goldenem Widder dahersprengt. Hold näher:
Er trägt eine Jungfrau! Sein Antlitz ist heiter.
Noch schläft die Genossin. Verwunderte Späher
Am Strande der Weltsee erkennen ihn, rufen:
»Das Hauptjahr wird wir!« Von gestirnten Stufen
Entsausen die drei. Blasse Unterweltsweiber
Erklimmen das Ufer, durchhuschen die Wogen,
Und tummelnde Meerwichte haschen sich Leiber:
Ermenscht überwölbt hold das Meer hoch ein Bogen.
Der Widder schwimmt flügelnd. Da rufen am Strande
Die Späher: »Jetzt herrsche der Jüngling!« Nun stürzt
Dem Reiter die Braut in die jauchzenden Wellen.
Sie kräuseln sich steiler! Zum wartenden Lande,
Das voll von Geruch für den Widder ist, kürzt
Der Stürmer den Seeritt. Erschimmernde Stellen
Erblickt schon das witternde Tier. Über Steine
Entklimmt es – verschwindet. In silberndem Scheine
Bleibt Orpheus vereinsamt. Er seufzt, und er sehnt
Die schaumhaften Weiber herbei, doch die sind
Den Ammen entflohn, zu Müttern gekommen.
Da schwankt noch der Sänger, er ahnt wohl, dort lehnt
Sein Leib leicht an Pfosten: er tastet wie blind,
Wohin er sich stützt. Was er faßt, bleibt verschwommen,
Doch weiß er nun tief, daß, in holdem Gedulden
Behutsam ein Halt, sanft als Hilfe, ergraut.
Jetzt klagt eine Stimme. Sie kommt wie aus Mulden
Gefelsten Geklüftes. Sein Seherherz schaut
Die Wand alter Trennung. Dort singt seine Braut.
Wie Sterne so ferne: »Sei treu, ohne Trauer!
Uns werde Geduld eine himmlische Huld!«
Und Orpheus stimmt ein: »O herrliche Dauer,
Die tief uns geteilt, hier heilt lange Schuld
Sich holender Seelen: wie nah du mir bist,
Ach, einzig Verlorne!« Nun singt nur die Braut:
»Die Meere sind Tränen vor unserer Frist,
Die nimmer verläuft, hart aus Leiden gebaut!«
»Erjammerte Wand!« fährt der Sänger nun fort,
»Wann tilgt diesen Ort ein entschleierndes Wort?«
Ihm klagt Eurydice: »Der wimmernde Mond
In Seelen zerschmerzender Herzen: ein Tod!
Zieht Zähren zu sich. Ein See, hold gewohnt,
Dem Monde zu folgen, erwogt uns, beloht
Von silbernden Schwirrern. Gebiete der Not!«
Und Orpheus hebt an: »Unser Meer ist ein Sang!
Wir geistern empor. Über Sterne und Klang.
Wohl dauert die Mauer: ein seelischer Spalt
Entrückt uns, doch bleibt er, mir Schwankem, der Halt!«
Die Braut singt mit Orpheus: »Mein Ich tief im Lied,
So nah in der Seele, getrennt für den Leib,
Der stirbt, mir verdirbt, dir dem Mann, mir dem Weib;
Erperle die See, die ein Seelenmond sieht.
Erschaudre vor Fischen, mit sternendem Klang!
Sie leuchten aus dir: ich fühle sie bang.
Sie holen uns zwillingshaft heiter empor:
Die Welt wird ihr Ton. Blasser, klingender Flor
Umweht dich. Wir singen. Und mich bringt ein Fisch
Zu Sternen im Ich. Doch ich lisple: Erlisch!
Wir schwimmen als Sonnen vom Boden hervor!«

 

        D unkel? Orpheus lauscht: bekannte Stimmen
Sprechen nahe. Echo schwirrt vom Sinter.
Flügelstürze! Letzte Hellflecken verschwimmen.
Stumm wirds! Wie ein Bienenkorb im Winter.

Blickt er? Silberts durch gezopfte Grotten?
Noch ein Auge! Ferner: Spukgehinke.
Geister, die sich wo zusammenrotten,
Rosen langsam. Jüngste Morgenschminke!

Der Gespenster schwaches Lichtgesicker
Wird Geblätter, Halt und Krone.
Näher schwankt es. Munter wirds und dicker.
Jeder Dunst erblüht als Anemone.

Knapp am Ich, ergraut um seine Lenden,
Steilt sich rasch ein kaltes Ungeheuer
Um den Sänger. Ohne Ruck zum Wenden,
Merkt er durch sich selber Ringgemäuer.

Was zerfinstert? Wohl ein Bauch mit Rippen?
Orpheus krümmt sich. Er ist mitgegossen.
O, nun droht der Unhold umzukippen!
Sturz bleibt in ihn eingeschlossen.

Was den Seher wohl am Sterben hindert?
Könnte er den Geist im Schrei befreien!
Sein Sich-Ausatmen ist schon gemindert:
Ja! Die Stimmen eisern Gitterreihen.

»Wicht, wie wirst du dich im Moloch retten?«
Hört er nun den Kupferkessel brummen.
»Winziger, ich halte dich in Ketten!«
Scheint es noch um ihn herumzusummen.

Kupferklammern strecken das Geäder.
Er steckt viereckig im Götzenbauche:
Stilles Ich bekreisen helle Räder:
Schweigt er, dröhnt der Darm vom Dampfgepfauche!

Was will Orpheus' brauner Saus verkünden?
Auskunft trachtet sacht hervorzudämmern.
Zeichen können sich im Kreis entzünden:
Geister scheinen sie im Takt zu hämmern.

Jetzt erklärt sich ihm die Falle:
Daß der Bauch beim Atmen nicht zerspringe,
Rollen rippenhaft, auf scharfem Dralle,
Grelle dehnbarheiße Kupferringe.

Um verbrauchten Pustdunst auszufauchen,
Können Kiemen sich nach außen stemmen;
Fängt darauf der Bauch an einzuhauchen,
Muß der Sturm des Sängers Brust beklemmen.

O das harte, starre Poltern,
Der Gespenster kaltes Kettenrasseln!
Orpheus spürt Gewimmer, wie beim Foltern,
Starker Flammen funkenreiches Prasseln.

Das ist ein gegoßner Götze!
Halb ein Mensch und doch Maschine!
Mumien heizen ihn, und goldne Klötze
Lodern rußend durch die Erzkamine.

Laut im Bauche surren Firlefanzer,
Die sich brühend durch den Kessel drehen,
Und es dröhnt der Dämpfe Kupferpanzer,
Wenn ihn Winde auseinanderblähen.

Plötzlich schrillt es durch das Lärmen.
Wut heischt Ordnung straffer Kupfermassen.
Deutbar pumperts in den Blechgedärmen:
Zornesröte kann den Dichter fassen.

Der Koloß ertönt: »Des Blutens Kinder,
Jede Gottheit kriecht aus meinem Bauch,
Auch die grausamste wird menschzu linder,
Und dann geht mein Angstschweiß auf in Rauch.

Da die Sonne meinen Erzrumpf sprengte,
Und der Mensch in meinen Halsring biß,
War es Zeit, daß ich mich selbst verschränkte,
Und nun heiß ich Macht der Finsternis.

Orpheus, sieh, es sind noch meine Glieder
Im Gespenste, das ich wurde nackt,
Ja, sogar das warme Ballgefieder
Ward mir, selbst im Geiste, abgehackt!

Einst beim ersten Schritt, von mir zum Kulte
Eigner Ahnen, ging ich fast noch mit.
Wer den Geist in Totenzauber lullte,
War ein Mensch, der um Vernichtung stritt.

Unsern Ursprung hab ich auch vergessen,
Selbst die Drachenbrut liegt mir zu fern:
Doch im Mammut seine Macht ermessen,
Ist nicht schwer, und deshalb tu ichs gern!

Kriecht ein neuer Gott aus meinem Bauche,
Und es war der herrlichste darin,
Tut er es auch jetzt nach altem Brauche:
Wirklich zieht ihn eine Bäuerin.

Rot, wie jedes magre Kind, geboren,
Hat er eine Amme und wird fett,
Geht sein Purpur langsam dann verloren,
Drängen Könge sich ums Wochenbett.

Kommt es schließlich gar zum neuen Glauben,
So erkenn ich meiner Därme Frucht:
Der Gedanke muß im Fleisch verschnauben,
Denn es siegt auch da die Mammutwucht.

Meine Übermacht im Sphärenstreite
Hat im ewgen Ursprung ihren Grund:
Was sich, ohne Anfang, selbst entzweite,
Hält mich offen, denn ich bin ihr Schlund!

Nacht und Ärger steigt aus meinem Trichter
In den Dingen, die entstehen, auf:
Ich vernichte wuthaft alle Lichter
Und beschränke schon den Sternenlauf.

Meine Macht kann sich geheim bekunden:
Was auf mir beruht, sucht einen Kern,
Tief in sich, zum Schutze zu umrunden:
Und dazu bin ich der Mittelstern!

Forscht nach ihm, ihr könnt ihn nirgends finden!
Gäb es ihn, so wäre gar nichts mehr:
Welten aber, die sich weiterwinden,
Ziehen dennoch Kreise um ihn her.

Herrschte ich, so wär ich längst verschwunden,
Alles bliebe eingestürzt,
Nur das Ewge hab ich nie empfunden,
Meine Macht bleibt drum verkürzt!

Doch ich bin die Gegenwart der Dinge,
Schlagbereit und riesenstark!
Wenn ich jetzt mich zur Erinnrung zwinge,
Bleibt mein Umblick trotzdem karg.

Nichts kann die Unendlichkeit umspannen:
Kein Gestirn, in dem mein Wesen glänzt,
Wird das All in seine Kreise bannen:
Überall ist meine Macht begrenzt!

Was ich trachte, ist: mich selbst zu fassen,
Keinen Augenblick setze ich aus,
Auf die Kraft kann ich mich alt verlassen,
Mir gehört das ganze Weltgebraus!

Doch die Ewigkeit ist urvorhanden,
Da der Tanz der Sterne sie beweist:
Könnt ich mich als Mittelstern umranden,
Hätte kein Geheiß die Welt geschweißt.

Schwärme nie von Ferne oder Größe!
Glaube dem, der alle Klumpen dreht!
Jeder Sterbensstern zerwühlt die Blöße
Seiner Nachbarwelt, die untergeht.

Haßerfüllt erweitert er die Wunde,
Saugt sich Geister aus dem Schlund empor;
Neid und Schadenfreude stehn im Bunde
Leidgebärend vor dem Lebenstor!

Scheelsucht ist des Werdenden Erreger,
Was ersprießt, aus eignem Grund, verrucht,
Und der ewge Ruhbedürfnisträger
Überdies zu Trächtigkeit verflucht!

Weißt du es? Der Starrsinn ist mein Schreiten,
Meine Gegenmacht die Ewigkeit,
Und durch diese Ursprungszwistigkeiten
Wird der Raum, geschieht die Zeit!

Feuer freut und heuchelt euch verteufelt:
Angeschmeichelt an den Geist,
Schmerzt es, wenn es einwärts träufelt,
Doch es streichelt auch, was es zerbeißt.

Ja, es lodert, lacht in grellen Scheinen
Meine Höllenfreude froh hervor:
Funken gleichen hellen Edelsteinen,
Und ich fliege noch als Meteor!

Ja! Ich hab das Licht erfunden,
Stürzt es doch dem Ewgen nach;
Hoffte seine Herkunft zu erkunden:
Weiß noch nicht, woran es mir gebrach!

Stille Würde ist mir schon gelungen.
Wie ein Schwan durchschweif ich als Komet
Ruhemeere, die mich nie verschlungen,
Und als Wolke gleich ich dem Gebet.

Wie das Feuer hab ich eure Freuden,
Seligkeiten ähnlich, aufgewühlt:
Sollt sie immer froh zu zweit vergeuden,
Da sich niemals Lust vereinzelt fühlt.

Höre noch – erfahr mein Sein –: durch Flammen
Schür ich zwar die ekle Lebenspest,
Doch da Wesen leibhaft mir entstammen,
Hab ich Seelen ihre Qual entpreßt.

Angst und Martern können mich mit ihnen
Endlich noch versöhnen. Mensch, dein Geist
Kann mir einst vielleicht auch dienen,
Da er schneller als ich selber reist.

Mensch, von Sonnengnaden ein Schmarotzer,
Der dus grausam bis zu dir gebracht,
Glaube mir, du eitler Sonnenglotzer,
Du gehörst durch deinen Darm der Nacht!

Wüstlinge, ihr wollt euch hier entwurzeln?
Alles überwindet einst der Tod!
Rüttelt nicht, euch selber zu entstürzen:
Enten, Menschen, Schweine lieben Kot.

Bleibt euch treu: es wird euch manches schmecken!
Jagd und Hader schaffen Essenslust:
Laßt euch nicht durch Fabelstrafen schrecken,
Neid ersinnt sie, hat er zuzusehn gemußt!

Euern Drang nach Gleichheit muß ich loben,
Wenn ihr dies so klug wie ich versteht:
Jeder Zuschnitt ist schon so verschroben,
Daß im Kind der Vater untergeht.

Doch euch krönt Geschick. Im schlichten Manne
Wurzelt unversehens ein Genie;
Ob ich Ruten lege, Netze spanne,
Diesen Zufall hasch ich dennoch nie!

Sich in eignen Kindern nachbestellen,
Wär ein Dauern, wie es mir entspringt:
Engel doch und Ahnenspuk gesellen
Sich dazu, daß jung ein Wurf gelingt! –

O, ich preis das Land der Pyramiden,
Denn dort sah man ernst und ähnlich aus,
Die Familien waren kaum verschieden,
Gleich war alles, wie bei Maus und Laus.

Orpheus! Zwecklos scheint mir deine Reise,
Laß Verstorbne, die du liebtest, ruhn:
Sag, wozu die neue Wehmutsweise,
Und warum dem Tode Unrecht tun?

Sei beglückt, dich einst ins Grab zu legen:
Diese Welt ist eigne Niedertracht.
Menschen? Glieder, die den Bauch verpflegen,
Mehr den Dünkel, den ich angefacht!

Habt ihr doch die leckern Flammenwedel
Bald als Teufelsteufelei erkannt,
Angefeuert aber, eure Schädel
Dennoch immer wieder angerannt.

Falsch sind auch die warmen Sonnenstrahlen,
Denn sie beißen euch vom Boden los:
Arg sind eure Lichtgefolgschaftsqualen,
Wonne birgt allein der Erdenschoß!

Laßt die Blumenflur die Sonne loben,
Da sie ihr ein kurzes Glück verdankt,
Auch der Vogel solls, den sie erhoben,
Nimmer doch, wer den Verstand erlangt!

Laßt die Sonne euch im Schatten lungern?
Geistesflüge, sagt ihr, gibt sie ein;
Doch hier dreht sichs nur um das Verhungern:
Eure Tugend heißt Genügsamsein!

Alle Spenderlohe ist verflogen!
Wenn der Mensch noch grausam weitersteigt,
Wird er unfrei qualhaft aufgezogen,
Und sein Glück ist das, wozu er neigt!

Orpheus, kannst du meine Nacht verstehen?
Sag, der du mein Rätsel lang benagst,
Muß ich mein Geheimnis eingestehen,
Schon weil du in mir zu atmen wagst?

– Wie, du schweigst? – So muß ich weiterreden.
Blickt mir doch in dir das Schauen klar,
Rasch verknüpf ich die Gedankenfäden,
Reim und Rhythmus bietest du mir dar.

Unhaschbare Daseinsketten schlingen
Bis zur Sonne sich in euch empor:
O, das sind des Menschengeistes Schwingen!
Selbstbedingte Freiheit waltet vor.

Meine Macht, die sichtbar alle Welten,
Rings am Himmel, voneinander trennt,
Kann im Sternengeistesschlund nicht gelten,
Weil ein Hier als lichter Sieg entbrennt.

Um die Herrschaft muß ich mich zerwühlen
Doch ich weile, wo sich Wirken teilt:
Alle einverleibten Geister fühlen
Meine Fesseln, bis ihr Tod sie heilt.

Mit der Sonne war dereinst die Erde
Urverbunden, bis auf einmal, jäh,
Unseres Planeten eignes »Werde!«
Sich zusammenschloß zu Lust und Weh.

Doch die Rückkehr zu der Sonne lohte
Gleich als Leben auf der Erde auf:
Und in uns verkörpert, als Gebote,
Wurde sie der Zweck und Daseinslauf!

Grüble sinnlich dich über die Zeiten,
Da die Erde in die Sonne fällt!
(Und du kannst es, denn in dir geleiten
Wünsche dich in eine andre Welt!)

So verstehst du tief, warum das Leben
Seine Erde ursprunghaft verschmäht:
Jetzt ist Dasein: Werden, Streben,
Einstens war und wird es, was besteht!

Dieses letzte Erd- und Sonnverhältnis
Wird von Mond und Sternen reich ergänzt:
Menschen, ihr seid schäumend das Behältnis
Aller Fülle, die sich mir entgrenzt.

Fängst du an, die Geisterwelt zu wittern:
Glaubst du gar, daß sie auf mir beruht?
Ob die Sterne nur für euch erzittern?
Gibt dir meines Rätsels Kündung Mut?

Orpheus, wenig nur kann ich dir sagen,
Selbst in dir kommt mein Verstand zu kurz!
Blasses ahn ich von den ersten Tagen:
Glaubst du, gab es einen Ursprungssturz?

Schweigst du, Orpheus? – Soll ich fort erwägen?
Etwas weiß ich: ich bin nicht allein!
In Gesetzen kann ich mich bewegen:
Das Gebot in euch ist schon nicht mein!

Jeder Trieb kann mich im Menschen greifen,
Doch benennt ihr nicht, was euch entschlüpft:
Kein Begriff besitzt genügend Schleifen,
Daß er das, was mich erfüllt, verknüpft.

Ich, das Ursprungslose, Unnennbare,
Das sich selbst in Ringgewinde warf,
Wirke, daure, bin und offenbare
Den und das, was man nicht nennen darf!

Doch ich meine, jene innern Mächte
Sind bloß Lockrung, die mich fremd bekämpft,
Denn es wechselt nur in sich das Schlechte!
Oder weißt du, wer mein Strengsein dämpft?

Menschen, seid ihr eines Endes Boten?
Ob die Fülle meiner selbst verschäumt?
Löst der Geist die großen Ordnungsknoten,
Hat in euch sich Chaos aufgebäumt?

Euer Schicksal kann nur ich erraten,
Aber was wir sind, bleibt mir versteckt:
Endlos fast vollbringt ihr weiter Taten,
Zwecklos auch, was euch nicht heilt, noch schreckt!

Leiblich seid ihr Menschen fast nur Schlangen,
Doch der Geist, der euch nach oben reißt,
Möchte höher als die Nacht gelangen,
Und er hat den tiefsten Stern erkreist!

Leben kann ich dieser Welt verheißen,
Bis die Sonnensehnsucht einst verfällt
Und die Erde liebend in die heißen
Mutterarme sich zersternend schnellt.

Folgt der Sonne, denn ihr werdet leben,
Wie ihr es verlangt, weil ihr es müßt:
Sonnenhoch wird euch der Geist erheben,
Zu euch selbst erglüht das Lichtgerüst!

 

        O rpheus sieht sich um. Der Unhold ist verschwunden.
Er bemerkt nun, daß er selber laut gesprochen:
Allen Lebensekel hat er überwunden,
Freude ist sogar in ihm hervorgebrochen!

Doch umgeben ihn noch immer Nebelmauern,
Die versuchen, stumm ihn anzustieren.
Wolkende Gestalten sieht er traumsacht kauern,
Und die meisten weinen, alle aber frieren!

*
Wie fängt da des Schauers Herz an zu pochen!
O, wie weiß er großes Mitleid zu verspüren,
Und schon kommen die Gespenster angekrochen,
Um, ganz nahe, sein Gemüt noch mehr zu rühren!

Hurtig schwingt der Spuk um Orpheus eine Kette,
Und das ist ein Zug von Greisen und von Vetteln;
Plötzlich grinsen zwischen ihnen auch Skelette,
Die, mit ausgestreckten Armen jammernd, betteln.

Die Gerippe klappern hart mit ihren Knochen,
Schmerzensschreie mischen sich ins Nachtgewimmer,
Denn es werden Beine irgendwo gebrochen,
Und noch immer wird der Stimmenwirbel schlimmer!

Hirnbewirbelnd ist das grelle Zähneklappern,
Auch der Späher friert vor Angst und Fiebergrauen,
Doch er stammelt: »Fangt doch takthaft an zu plappern,
Da sich hinter euren Kiefern Worte stauen!«

Nun beginnt der Haufe sich erst freizulachen,
Und dann quiekt ein Stimmchen, schrill, doch blaß verständlich:
»Orpheus, männlich stolz sollte dein Geist erwachen,
Brünstge Gier und Eitelkeit in dir sind schändlich!

Ringe nicht nach Mitleid, spar es dir zum Troste,
Denn wir steigen aus den Gräbern, dich zu warnen:
Die Mänaden, die dein herber Trotz erboste,
Rüsten sich, um dich ermenschlicht zu umgarnen!

Bleibe lieber gleich im bleichen Schattenreiche,
Menschen wirst du oben Neid und Ärger bringen;
Prügeln Jünglinge sich einst um deine Leiche,
Konntest du ihr Herz nicht sanft durch Sang bezwingen!

Sag uns, sehnst du dich zurück zum Erdenjammer?
Furcht und Elend peinigen die falsche Menge,
Nur aus Hunger schwingt der Mensch den Eisenhammer:
Schmerzlich tönen aller Arbeit Sonnenklänge!

Dumm und nutzlos sind die kühnsten eurer Kämpfe,
Seid bedacht, daß Schmerz-Erworbnes nicht zerstiebe,
Forscht, mit Umschau, wie euch Kenntnis Leiden dämpfe,
Doch das leisten schon, zur Vorsicht zwingend, Diebe!

Um ein Mitteltum von Menschen zu erhalten,
Sei gestanden, daß ich Angst und Sorgen schätze,
Auch läßt sich der Bürger gern im Zügel halten,
Sind Verbrechen euch der Vorwand für Gesetze!

Um das Volk vor Trug und Spottlust zu beschützen,
Wollt ihr die Gemüter zäumen und verriegeln,
Doch begänne sich der Staat rasch abzunützen,
Würdet ihr nicht stündlich ihn dadurch besiegeln!

Wahrlich, für das Glück und etwas Zucht der Rotten
Sind die kleinlichen Alltäglichkeiten trefflich,
Doch ein guter Sonntag, mit Gesang und Zoten,
Bleibt für einen Höllenspötter unnachäfflich.

Wisse, Elend und das Eigenfesselnschmieden
Sind für euch das Einzige, nicht bloß das Beste;
Denn durch Hunger und Sichplagen wird vermieden,
Daß der Spaß am Feiertag die Welt verpeste.

Orpheus, auch du, Holder, solltest nicht vergessen,
Daß du nur ein Wüstenwandler bist, und nimmer
Dürftest du, dem Geist zu leben, dich vermessen;
Höre unter deinen Schritten das Gewimmer!

Schmach, die dein Verstand nicht wagt bei Tag zu denken,
Kannst du klar, oft traut, in altem Traum empfinden,
Darum lasse dich durch unser Mahnen lenken,
O, versuche dein Gewissen nachts zu finden!

Weise ist, wer auf das Wünschen frei verzichtet,
Achtung aber allen Trieben zollt, auch bösen!
Glaub mir, was in dir, erkindlicht und gedichtet,
Lacht und leidet, wird sich bald in Prosa lösen!

Orpheus, folg und hilf uns wiederzuerstehen!
Schaffe hold, uns zu erholen, oben Wendung;
Wenn dann bald die Frohsten zu euch übergehen,
Feiern unsre Tiefen auch des Sängers Sendung.

Bettler sind wir nicht, die auf die Kniee fallen!
Doch bevor wir blaß in lauer Nacht vergrauen,
Bitten wir, laß unsre Worte laut erschallen,
Daß wir, ihnen nach, uns noch am Licht erschauen!«

 

        G eier der Verzweiflung krallen
Gierig sich in Orpheus' Herz,
Rücklings wird er überfallen,
Rot erwirklicht sich der Schmerz.

Taumelnd schließt er nun die Augen:
Eine Ohnmacht schleicht heran!
Kann ein Wunsch als Stütze taugen?
Ob er nur noch greifen kann?

Bittre, speibereite Galle
Fühlt er nun vom Mund zum Darm,
Und er glaubt auch, fremd durchwalle
Ihn ein Blutblust fieberwarm.

Doch er mag sich nicht ergeben:
Brächten Hände einen Trank,
Könnte er sich fast erheben,
Schwer ist nur der Aufsprungsschwang!

Nein! Sich eigen zu bewegen,
Geht mit Blei im Blut nicht mehr:
Schlummer wird sich auf ihn legen.
Spukt bekannter Traum umher?

In zerschlissenen Gewändern
Sieht er dort die Nachtgestalt
Mühsam durch Genebel schlendern:
Ach, das lacht ja, schnalzt und lallt.

Bis zum Knie in Dunst versunken,
Bluten Zerrgespenster schwer:
Hier! Sie stinken, sind betrunken,
Schwanken, blicken voll Begehr.

»Räuschen mußt du dich ergeben!
Tollheit bleibt uns eingefleischt:
Nur ein Wahn ist unser Leben!«
Wird der Wandrer angekreischt.

Dann keuchts weiter: »Schelten, Scherzen
Gibt dem Schwanksein erst Gehalt,
Falten glätten, Gram entmerzen,
Gilt für jung und taugt für alt.

Klugheit führt euch leicht zum Geize,
Denn wer nachdenkt, ist besorgt,
Darum sinnt nicht, hascht die Reize,
Die das Leben gerne borgt.

Euch den Leichtsinn zu erklären,
Fällt mir selbst im Rausche leicht,
Und durch meine flotten Lehren
Hab ich oft den Zweck erreicht.

Des Geschickes kühne Sätze
Bringen plötzlich Glück herbei:
Laß dem Geize sein Geschwätze
Und sein bleiches Einerlei!

Mit den Winden munter segeln
Schärft und wahrt den klaren Blick,
Trau nicht der Vernunft von Regeln,
Ins Geschick verführt ein Blick.

Weise, fast so leicht wie Toren,
Stehen fest in dieser Welt;
Wer noch taugt, geht nicht verloren,
Wie er es auch denkt und hält!

Wenig wird ein Mensch erklügeln,
Der aus Früchten Kerne schält:
Den Verstand etwas zu zügeln,
Ist noch eher, was euch fehlt.

Nein, bedenkt nicht lang die Wege,
Folgt doch lieber dem Gefühl,
Bleibt trotz aller Blitzeinschläge
Gegen Rat und Warnung kühl!«

Durch' ein Schauspiel voll Entsetzen
Wird des Sängers Blick gelenkt,
Plötzlich, mit verwegnen Sätzen
Kommt Gewimmel angesprengt.

Wie im ersten Morgengrauen
Kann er Wolken schwanken sehn:
Männer mit betrunknen Frauen
Nahen, sich um ihn zu drehn.

Hebt der Wind dieses Gesindel?
Tanzt da Dunst im Morgenlicht?
Oder faßt ihn selber Schwindel?
Orpheus weiß und sieht es nicht.

»Graust dir noch vor unsern Räuschen?«
Wettert nun ein Weib ergrimmt,
»Künftig soll dich nimmer täuschen,
Was dicht freut und sittsam stimmt.

Sinke, bis ins Mark getroffen,
Frei von Eingebildung, hin,
Nimmer magst du eitel hoffen,
Hab für unser Elend Sinn!

Sieh, was meine Säufer sehen,
Und hier trinkt das Weib, der Mann:
Wo sie durch das Dunkel spähen,
Schleichen Ratten schwarz heran.

Lasterlinge, die zerfallen,
Sehn sich selber rings versprengt:
Eigner Mäuse Nachtentwallen
Drängt und hält sie eingeengt.

Euch, den Menschen, unsern Tieren
Geht einmal der Atem aus,
Doch was wir am Weg verlieren,
Rettet sich noch schnell als Maus!

Ratten seid ihr, feig und kleinlich:
Ichgegier hat dich vertiert!
Ungeziefer ist euch peinlich,
Da ihr euch versteckt und ziert.

Eigne Spuren wegzuwischen,
Seid ihr wohl, aus List, bestrebt,
Und wenn Laster euch entzischen,
Wird ihr Ausfallsloch verklebt.

Doch die Ratten und die Kröten
Springen fort aus euch heraus:
Ach, wie wolltet ihr sie töten?
Euch beerben Wurm und Maus!

Kommt mir mit Gemüt und Güte:
Blickt der Seele auf den Grund!
Laßt das süßliche Getüte:
Eine Maus springt aus dem Mund!

So! Ihr wollt das Schönste, Beste?
Wie das stolz und vornehm klingt,
Doch euch bilden Lebensreste,
Die sich Sonne überschminkt!

Wollt ihr Kenntnisse erbetteln,
Wissen, was euch hier erhält?
Könnt euch rascher nur verzetteln,
Denn was sucht und hascht, zerfällt!

Doch versteht ihrs oft, wie Spinnen
Hinter einem Hirngespinst,
Heller Einsicht zu entrinnen:
Seht, und das bringt euch Gewinst!

Nein! Doch scheint ihr nicht erschaffen,
Euch als Wichte anzusehn:
Nun, so mögt ihr gieren, raffen,
Um noch etwas zu bestehn!

Sänger! Du willst Schatten haschen,
Bist du brünstig aufgeregt?
Mußtest früher lüstern naschen,
Nun ist alles weggefegt!

Fängt dich Liebe an zu plagen,
Wirst du nachts im Bett gejuckt?
Hilft nur das: den Floh erschlagen
Und den Ärger ausgespuckt!«

 

        O rpheus ist in einen schwarzen Schlafsarg eingesunken:
Oder haben die Gespenster sich versteckt?
Weg sind die betrunknen Huren und Halunken:
Kein Getümmel mehr, das ihn als Traum erschreckt!

Doch das gute Dunkel hat nur kurz gedauert.
Schon erwacht der Dichter, traurig und verträumt.
Er entsinnt sich kaum, was ihn zuletzt durchschauert:
Hat der Schlaf sein Wichtgewimmel weggeräumt?

Um ihn her entschleichen noch verkappte Schatten,
Doch zerstreut sie schon erfrohtes Morgenlicht.
Will der Nebelzug ein Nachtgespenst bestatten:
Weinen Wolken, hingeschleppt vors Taggericht?

O, wie ist die bleiche Stunde ungeheuer!
Wähnt der Wandrer nun sein Weib in tiefster Näh?
Spukgestalten fürchten Herzensglut und Feuer:
Führt ihn jetzt ein Geist, so heilt er hold sein Weh!

Eurydice! Kann er seine Braut nun sehen?
Träumt ihm bloß von ihr? Gegründet bleibt der Bund!
Mag sie schon auf seinen Armen sacht entwehen?
Sie verschwebt. Und heilig küßt er noch den Mund!

Schon erblickt er rings nur Leichenzüge.
Nebel schleppen tote Nebel durch das Tal.
Ob der Trauerprunk sich an sein Träumen füge?
Kaum! Denn nun erwacht er schwach aus Abschiedsqual.

Orpheus! Atme, tiefster Huld dich zu besinnen!
Hast du deine Braut nicht traut im Ich gefühlt?
O, du sahst sie wohl um deinen Hals zerrinnen:
Lethes Flut hat dir die Mondhafte entspült.

Orpheus schaudert nun hinab in Traum und Trauer.
Ach, er weiß: ihn herzte, sah die stille Braut.
Doch er traute nicht dem Hauche: ohne Dauer!
Ach, er hat nach Ewigem sich umgeschaut!

 

        O rpheus fühlt, er bleibt verlassen,
Aber nimmermehr allein:
Traumessanfte Hände fassen
Ihn behutsam an: und rein!

Hei! Jetzt rauscht es in den Pappeln!
Streiten Störche um ein Nest?
Oder wiegen sich und zappeln
Lauter Leichen im Geäst?

Windumheulte Wolken drängen,
Orpheus weckend, nah zum Tann:
Viele bleiben drinnen hängen:
Ihr Gehetz zerflügelt dann.

Orpheus packt Besinnungsschauer:
Ach, wie blaß die Braut zerging,
Als sie beide eine Trauer
Und der gleiche Traum umfing!

Mit den Seelen unsrer Fluren
Träumten auch die Toten mit,
Und da folgte Orpheus' Spuren
Eurydicens leiser Schritt.

Nicht allein ist sie vergangen:
Traut erstaunt schwand eine Schar!
Erst verblaßten sacht die Wangen,
Dann ihr Bild, zuletzt das Haar.

Um sie wieder einst zu finden,
Will der Dichter noch einmal
Sanft die Welt als Traum empfinden,
Und er blickt gebeugt ins Tal.

Doch die frische Dämmerstunde
Hat die Nebel zart zerstreut,
Und so wird ihm kaum noch Kunde,
Was nun Schläfer reut und freut.

Nur im Walde hört er klagen;
Hei! Das knistert im Geäst.
Träume, die nach Beute jagen,
Finden ein Gespensternest.

Hinter einem Geisterzuge
Flattert Giergeträume auf,
Doch der Wind würgt sie im Fluge:
Schon zerflügeln sie zu Hauf!

Ja! Der Schläfer Jagdbegehren
Hat das Raubroß rasch entzäumt,
Um den Schreck noch wild zu mehren,
Wird von Hunden mitgeträumt.

 

        O rpheus packt ein Walderschauern:
Er will tiefbefragt erbleichen.
O, er weiß, am Morgen lauern
Traumgespielen unter Eichen.

Wenn die toten Helden wieder
Durch die alten Kronen rauschen,
Kann er in dem Braus der Lieder
Seine Braut vielleicht belauschen!

O, es singen Frauenstimmen
Heldenhymnen uns am hehrsten,
Ihre Triller schwirren, klimmen
Siegreich, wo der Braus am schwersten.

Sie beflügeln die Gefühle
Ihrer Recken, wenn sie streiten:
Höre dich, im Sturmgewühle,
Hold von Frauenlauten leiten!

Orpheus bleibt umlispelt stehen,
Und er läßt, beim Todesritte,
Nebel still vorüberwehen:
Sanft ergreift ihn fromme Sitte!

Sollte Weh sein Herz beschleichen?
Ach, von todesmüden Gäulen
Stürzen weithin blasse Leichen,
Und die Windgefährten heulen.

Dort im kalten Dunkel harren,
Wirbel ringelnd, Spukgestalten,
Die des alten Amtes walten,
Abfall unters Laub zu scharren.

Hohle eingerollte Bäuche
Ruhn veratmend unter Blättern:
Wichte huschen in Gesträuche,
Späte Träumlinge entklettern!

 

        O rpheus wandert. Wo ein Ziel: die Richtung?
Leise blinkt im Wind ihm eine Lichtung,
Wo im Morgenrote Wolkenleiber
Sich, wie traumerwachte holde Weiber,
In betauten Blütenpfühlen regen:
Ach, da wieder traurig, still, verlegen!
Volle Arme tragen Glutgeschmeide,
Hüften hüllen sich in grüne Seide:
Blumenkissen, weiche Purpurdecken,
Morgenflechten, seltne Mondlichtschnecken
Wollen Wimpel froher Morgen hissen!
Ihm sinds Schlangen: zu Gewissensbissen!
Altverscharrte Träume glimmen wieder:
Sanft vertraut beblickt er holde Glieder
Samtig schöner, wollustheißer Frauen.
Höchste Wonne darf sein Auge schauen!
Grauen faßt ihn; ja, verwolkte Zeiten
Wollen Traumgeschleier mild durchblauen:
Bei Geburt besonnter Jugendweiten,
Als er Eurydicen bräutlich kannte
Und zur Liebe singend sich ermannte,
Fühlte er in Fiebertraumgewittern
Ihre Hand auf seiner Stirn erzittern.
Ach, er griff danach. Schon war es Morgen.
Süße Stunde sachtentschlafner Sorgen!
Doch er träumte noch! Entzückt – lebendig!
Seine Blicke glühten wildgeständig.
Seine Hände fühlten ihren Schatten,
Der sich wehrte, liebesanft ermatten;
Rauschhaft sich voll Anmut ihm ergeben
Und die Liebe mit der Lust verweben!
Eurydicen hielt er da umschlungen.
Damals schwanden die Erinnerungen
Trauter Stunden unter andern Träumen.
Doch nun sieht er sich als Schaum, in Räumen
Oder unter Bäumen, die er kannte,
Als er Eurydicen an sich bannte!

 

        E urydice, weiße Braut der Nächte,
Hat, Geträumte, dich mein Traum gekränkt?
Wandelst du errötend durch die Schächte
Tiefen Grauens, das dich steil umdrängt?

»Traute Braut, nach deinem blassen Scheiden,
Eurydice!« denkt der Sänger laut,
»Fühlt ich Reue, schwur ich ab in Eiden,
Hab ich wach, in Scham, dir nachgeschaut!

Ach, dein fahles Bild war bald verdunkelt!
Doch du warst es! Würde hats bezeugt.
Traumhaft traurig hat dein Blick gefunkelt,
Als du dich, umarmt, zu mir gebeugt.

Damals traf mich keines Sternes Strahlen:
Wehmut tränte auf, nicht Tau der Lust!
Haucherahnte, Atmende in Qualen,
Gütig ruhtest du an meiner Brust.

Tückischgrause, frühergraute Stunde,
Gaukelnd hast du mich zur Brunst verführt:
Ich ergab mich dem Granatenmunde,
Den ich pflückte, der mich kühl berührt!

Fieberflammen meiner Inbrunstküsse,
Glüht ihr noch als Brandmal meiner Braut?
Stürzt euch drauf, o löscht sie, Jenseitsflüsse:
Wißt, wie mir vor eignem Unheil graut!

Eurydice! Keusche, reinstes Wesen!
Arg ist, was ein Wunsch an dir verbrach.
Dein bin ich in meinem Traum gewesen:
Keine Wallfahrt tilgt die Schuld und Schmach.

Erst als du aus unserm Glück geschieden,
Wußtest du, was ich dereinst getan!
Doch du schlummertest: du schienst zufrieden.
Bin ich schuldlos: stammle ich im Wahn?«

Was jetzt atmet, lebt geheimer Stille.
Tiefen, Ferne mahnen sanft: Zu spät.
Leise! Zirpt denn nirgends eine Grille?
Alle Wesen schweigen zum Gebet.

 

        S onne, heitres Herrscherauge,
Meine Inbrunst wogt dir zu,
Wenn ich stumm dein Schenkenwollen sauge,
Überströmt mich sichre Ruh.

Sonne, du vergibst die Sünden,
Die ein Wesen hilflos träumt:
Was du wünschst, läßt du verkünden,
Und du züchtigst, wenn man säumt!

Bloß durch kühne Sonnentaten
Kann ich Toten freundlich sein,
Laß ich mich im Schlaf beraten,
Kann das Tagwerk kaum gedeihn!

Das Geträumte überwinden,
Sei, was Wanderern gebührt:
Menschen, voll von Traumempfinden,
Werden leicht zum Rausch verführt.

Euer üppiges Erschauen,
Seelen, streut, beim Schreiten, aus,
Was ihr sät, wird euch erbauen:
Bald verweht geträumter Graus.

Schaffend kann ich Kühnes sagen,
Wenig hat die Welt erprobt:
Sonnenflug ist sichres Wagen:
Übermut sei froh gelobt!

Nur der Sonne kanns gelingen,
Daß ich singend glücklich sei,
Wunder wird der Mut vollbringen,
Macht er uns von Träumen frei!

Werd ich je die Braut vergessen,
Die, als Meine, mich umschlang?
O, ich folge ihr vermessen:
Das ist Orpheus' Morgensang!

 

        D ie Fluren singen ihre frischen Sonnenlieder.
Die späten Nebel legen sich, wie müde Kinder,
In tiefen Schluchten, ihren kühlen Pfühlen, nieder,
O Morgenwind, du wehst noch wonniger und linder!

Auch Orpheus schöpft nun Macht zu neuen Wanderleiden,
Und er vernimmt in sich ein tiefes Flügelschlagen.
Er weiß, nun muß sich Wahn zur Wahrheit alt entscheiden,
Und er beschließt, sein Werdensweh ans Meer zu tragen.

Ist es ein Lied, so mag es dort erst frei ertönen,
Sich, ungesehn, von allem Zwang und Brauch entkleiden,
Die eigene Gestalt durch Uferhuld verschönen,
Und beim Entstehn sich schon an eignen Reizen weiden.

Auch soll sichs, als ein schlankes Weib, im Schaume baden,
Im Morgengold, am heitern Wellenspiel erfreuen:
Erregten Übermut und frohe Salzkaskaden
Erfrischt an schimmernden Gestaden nimmer scheuen!

Am Strande aber steht bewegt ein andrer Sänger,
Der zusieht, wie sich haschhaft Wellen überhetzen.
Zuerst hält Orpheus ihn für seinen Doppelgänger,
Denn oft schon sah er sich zugleich an vielen Plätzen.

Doch späht er scharf, vom andern sich zu unterscheiden:
Ja, während jener heiter und alleinsam schreitet,
Wird er, der Dichter unterweltlich-tiefer Leiden,
Von Tauben und von Rehen, wo er geht, begleitet.

Doch sieht er jetzt: steil kreist auch überm andern Seher
Ein Adler hoch und herrlich, ohne leuchtend zu erlahmen.
Wie stolz er fliegt! Er kommt der Erde selten näher
Und scheint Planetenbahnen sicher nachzuahmen.

Von seiner Seelenhöhe frei, beim Flug, getragen,
Läßt er uns fast sein keusches Wesensrätsel deuten,
Doch niemand mag ihn wohl nach Sein und Herkunft fragen,
Denn schon genügt, was selbstverständlich ist, den Leuten.

Das Ungefüge will, daß man es sich erkläre,
Und du erkennst an stummer Ruhe leicht das Tiefe:
Zwar zischelt und verrät sich uns die Wut der Meere,
Doch tuts der Sturm, und nicht die See, die lieber schliefe!

So wird auch Orpheus stolz vom andern angesprochen,
Wer weiß, ob seinem Wandlertum darnach verlangte?
Wohl fügte sichs, daß ihm, in stummen Trauerwochen,
Nach frohem Wort aus kühnem Munde bangte.

Der Fremde spricht: »Allmächtig ist des Menschen Freude,
Und bloß an ihr kannst du die eigne Höhe messen,
Drum bleibe unbedacht, frohlocke und vergeude
Das innre Glück, das wir ureinzig nie vergessen!

Die Erde ist ein schönes Weib mit vollen Brüsten,
Der Reize Reichtum hütet sie in grünen Hüllen.
Sie fliegt davon! Zu Abenteuern, Flottenrüsten!
Dem Nacktsein nach! Sei Sehnsucht dir und Wunscherfüllen.

Ich hasse Wächter alter Staaten, die zerfallen,
Die statt des Glückes nur ihr Greisentum beschützen,
Die uns von Nächstenliebe und Gesellschaft lallen,
Als müßte jeder sich auf eine Krücke stützen.

O Menschen, merkt das häßliche Verhängnis!
So wie ihr euch über Gesetzlichkeit belehrtet,
Ward unsre Welt zu einem gottlosen Gefängnis,
In dem ihr euch als Kerkermeister selbst verehrtet.

Ihr trachtet nun in kluggefügte Weltgebäude
Und Zahlenkreise, was sich widerspricht, zu pressen.
Doch sage ich: Gedanken habt ihr euch zur Freude
Und nicht, versagte Möglichkeiten zu ermessen!

Ich hasse Heuchler, ein Geschlecht voll Weiberweichheit,
Zu bleichen Lebensweisheiten verfügt euch Schwächung!
Der Heldensinn versinkt in eingezirkter Gleichheit:
Schon fühlt kein Witternder das Glück der Wertzerbrechung!

Ich bin am Anfangsabhang Menschen Machtverkünder,
Erobre Widerkünfte, die ich froh erlese:
Ich liebe, kühn im Wagnis, kluge Buchbegründer
Und hoffe, daß der Mensch durch seine Lust genese!«

 

        E s blickt nun der Fremdling empor zu den Bergen,
Die Wolken, wie Raubvögel schwebend, umwittern,
Zu Schluchten, wo Dunsteulen grau sich verbergen
Und scheu vor Gewittern des Tages erzittern.

Dann sieht er zum Meere, das schwankende Fäuste,
Die Blitze verkrallen, zum Himmel emporballt.
Dann schweigt er und sammelt die tiefste Gewalt,
Als früge er sich, ob kein Zauber ihn täuschte.

Nun ruft er, was hold seine Seele vernommen:
»Höre denn, Mensch, Pan ist erwacht!«
Dann sagt er, was heimlich im Wandrer erglommen,
Daß Pan ihn geführt und zum Meere gebracht.

Er spricht mit den Felsen, er ruft zu den Fluren,
Er sagt es der Sonne, die rätselhaft lacht,
Er meldet den Fluten, die Wunder erfuhren:
»Höre, o Mensch, Pan ist erwacht!

Die Erde verschlang einst die Wucht ihrer Wildnis,
Doch steigt noch des Urwaldes gotthaftes Bildnis
Empor aus den Tiefen ermenschlichter Nacht:
Höre, o Mensch, Pan ist erwacht!

O Dionys, feurige, schäumende Seele,
Im Stein, unterm Wasser, auf Träumen der Flur,
Verkünde Ermächtigten Freiheitsbefehle,
Die herbstzu erjauchzend dein Hochherz erfuhr!

Du herrliches Kind selbsterplötzlichter Weite,
Zersetz der Gesetze gefügige Reih,
Durchschwärme der Welt urgeschlechtliches Ei,
O komme, du Gott, der uns oft schon befreite!

Erscheine im glühenden Schweif der Kometen,
Doch tauch nicht empor als Zerbrecher der Form,
Entsteh unerklärlich, nach göttlicher Norm,
Und beuge den Starrsinn von Sonnenpropheten!

Entreiße den Menschen der Ursprungsbestimmung
Und setze das Glück für die Vorsehung ein:
Dich selbst schafft der Zufall: nach kühner Ergrimmung
Erneut sich in Freuden ein Sonnengedeihn.
Durch dich bloß gelangt holder Leichtsinn zur Macht:
Höre drum, Mensch, Pan ist erwacht!

Ich glaube an keine ergrübelte Einheit,
Ich hasse die ewig sich gleichende Kraft,
Ich weiß, daß die Regel am Ende erschlafft,
Ich mag nicht des Wissens umzirkelte Kleinheit,
Ich setze mir Jupiter stolz auf den Thron
Und lebe sein Wesen, der Sitte zum Hohn:
Ich glaube an Rache, an Willkür und Macht,
Höre drum, Mensch, Pan ist erwacht!

In Haderschaft herrschen nun Götter und Helden,
Da Leben allein durch die Zwietracht entsteht
Und nur durch Gestürme Umneblung verweht!
So komme denn, Hermes, du sollst flügelnd melden,
Wenn Jupiter wieder von schneeigen Spitzen
Herabsteigt, wo Nymphen mit tollen Tritonen
In Grotten und heimlichen Schlupfwinkeln wohnen
Und scherzend die mahnende Gottheit bespritzen.

Jetzt hascht sich dort Jupiter eine der Nymphen!
Schon trägt er die Zappelnde rasch in den Wald,
Doch macht seine Allgewalt urplötzlich halt:
Die Nymphe entwischt ihm – er sucht in den Sümpfen.

Er findet sie nicht: was wird sich erleben?
Er wütet und donnert: die Berge erbeben!
Wohl fühlen nun Felsklüfte Jupiters Wut:
Denn Herden, die lange in Schluchten geruht,
Und Hütten, die furchtlos auf Abhängen kleben,
Verschüttet des Weltherrschers plötzliche Laune.
Bemerkte kein Kind das Gerufe der Faune?
Sie haben doch schrill durch die Wildnis gelacht:
Höre, o Mensch, Pan ist erwacht!

Nun rühren sich urhaft verkrümmte Giganten,
Denn Jupiters Wut hat sie plötzlich geweckt!
Sie rütteln ertagend an Nachbarn mit Kanten,
Doch bleiben die tieferen Riesen verreckt.

Schon hoffen die Wachen auf Sieg und auf Rache,
Sie stelzen sich auf, und Zerberstungsgekrache
Verrät die Empörung verkauerter Riesen,
Die Zeus vom Olymp einst in Schlünde gewiesen.
Ergrimmendes Riesenvolk klimmt nun voll Eifer
Die Höhen, wo Zeus sich verschanzte, hinan:
Der Troß schnaubt, beim Ansturme, blutigen Geifer,
Und plötzlich verdunkelt sich Helios' Gespann!
Die Erde kann lauernde Mächte entladen:
Im Meer, wo ein Zug wilder Riesen verschnob,
Erwachen glast-prasselnde Kraterzykladen,
Laut lacht der erblindete Inselzyklop;
Er schaut seiner Feinde zerbröckelnde Macht:
Höre drum, Mensch, Pan ist erwacht!

Von Schäfchen, den winzigsten Wolken, gezogen,
Kommt Juno, die listig ihr Gatte betrogen,
Vom Ätna herbei, ihre Schande zu rächen:
Die Wölkchen, die wohl holdes Wetter versprechen,
Beginnt nun die Göttin als Flugturm zu sammeln,
Um Zeus den beschneiten Olymp zu verrammeln.

*
Bestürzt merkte Juno das Unheil, das Zeus
Im Zorne den Hirten und Tieren bereitet,
Sie hört noch des Bergausbruchs Brodelgeräusch
Und sieht, wie ein Riese die Täler durchschreitet.
Ihr Herz hat gezagt. Sie ist zweifelnd genaht
Und sinnt nun auf Rache, für Trug und Verrat;
Ihr Antlitz verhüllt sich, aus Ärger und Scham:
Sie fühlt wohl, zu lange verhielt sie den Gram!
Die Dünste der sterbenden Riesen verfauchen,
Da will sie die Göttin, beim Bau einer Mauer,
Zum Schutz ihrer zürnenden Trauer gebrauchen.
Doch Jupiter hat ihren Anschlag gewittert:
Schon sprengt er mit Blitzen den brockigen Wall;
Und Wolken, wie Linnen, vom Sturme zerknittert,
Entwuchten dem Luftbau und donnern beim Fall.
Beim Zinnenbruch werden die Riesen zertreten,
Genebel verschwindet, zu Stürzen zerstreut,
Die Wolken jedoch, die den Öta umwehten,
Umstarren die Urkraft, die Ruhe gebeut.
Nun haben auch späte Giganten verschnauft:
Die Stürme läßt Jupiter hurtig entwischen,
Sich selbst aber zeigt er als riesiges Haupt,
Das Blitze, wie Adern im Zorne, durchzischen.
Die Herrschaft der Stolzen ist wiedergekommen,
Die Macht der Olympier noch froher erglommen,
Sie zeigt ihre heitre und sonnige Pracht:
Höre drum, Mensch, Pan ist erwacht!
*
So hat unsre Seele die Freiheit errungen:
Sie lebt ohne Zweifel, verleugnet den Zweck,
Kein grausamer Wahnwitz hält Menschen umschlungen,
Ein tückischer Spuk hat für uns keinen Schreck!

Nun herrschen die Götter vergnügt und zufrieden:
Sie spenden wie Sterne ihr blühendes Sein,
Wir Menschen entfalten uns frei und verschieden
Und können uns sorglosen Gottheiten weihn.

Die Eigenart schaffe allein die Belebung!
Die Sondergestalt, die sich selber bewacht,
Behauptet ihr Dasein zu jüngster Erhebung:
Höre, o Mensch, Pan ist erwacht!

Der Wahn, daß ein Eigner in Gleichheit verschwindet,
Ward neidreich von Feinden des Lebens erdacht,
Das Ich ist die Kraft, die den Tod überwindet:
Höre, o Mensch, Pan ist erwacht!«

*
Kaum hat nun der Mann diese Worte gesprochen,
So blickt ihm erst Orpheus ins Marmorgesicht,
Sein freies Herz fängt dabei hoch an zu pochen:
Es mahnt ihn an Abschied und Freundschaftverzicht!

Noch findet kein Mund die entfernenden Worte,
Doch fühlt jeder Schritt, wie ihn Fremdheit beschleicht,
Schon träumt sich der Fremde an steilere Orte
Und denkt dabei: Sprich nicht und mach es dir leicht!

Doch Orpheus bleibt kühn und verzückt an der Küste
Und blickt dann zum Manne, der Felsen erklimmt,
Er ruft noch: »Verweile beim Meer, seine Brüste
Versprühen die Lust, die der Mensch übernimmt!«

Wohl hat noch der Wandrer die Worte vernommen!
Hoch steht er und blickt auf das Wunder der See,
Wohl hat ihn ein Heimklang zum Meer überkommen,
Doch zwingenden Felsen zu trägt er sein Weh!

Er rastet versunken, auf felsigem Hange,
Dann ruft er auf einmal zu Orpheus hinab:
»Die Weite, nach der ich voll Inbrunst verlange,
Beherrscht meine Seele von türmendem Kap;

Noch schlummern in mir stille Mittagsgefilde,
Wohl hat sie der sonnige Sommer betäubt,
Doch lauert im Herzen auch grauses Gewilde,
Das weiblich sich gegen Erruhungen sträubt!

Der Meergott entrunzelt die funkelnde Stirne,
Nun scheinen die Meere zum Frieden gewillt,
In mir aber glühen die Schicksalsgestirne,
Sie steigern mich! Nie wird die Sturmlust gestillt!

Jetzt sieht meine Seele geflügelte Schimmel –
Kein Auge wird ihrer am Meere gewahr,
Nur ich überrasche ihr wildes Gewimmel:
O Jubel! Noch steigt meine witternde Schar:

Sie dursten! Sie schlürfen die ruhenden Fluten:
O Meer, welche Würde und Wut du vermengst!
Den Schlünden entbäumen sich lechzende Stuten,
Und jäh überragt sie ein brünstiger Hengst.

Wildwiehergewimmel hat Dünen erklommen!
Das setzt steil herauf! Jeder Spann wird gekürzt.
Gerudel kommt tummelnd, um Rudel, geschwommen:
Wie durstig der Blust sich auf Strandtümpel stürzt.

Hui! Hurtig vertrocknen die salzigen Pfützen,
Noch immer drängt Fliehergefolg steil heran.
Wo soll sich das flüchtige Wolkenvolk schützen?
Die Sonne ruht goldig auf blauem Gespann!

Du, Orpheus, siehst freundlich den Frieden sich weiten,
Du fühlst wohl des Tages ergoldeten Bau,
Doch ich weiß, wie Gluten Gewitter bereiten:
Kein Spuk überrascht mich, ich laure auf Schau!

Ich spüre jetzt Pferdnebel Schwimmhäute spreizen,
Hier rüsten sich Stierhaufen brünstig zum Flug,
Nicht will mehr der Abgrund an Tiergischten geizen,
Im Tagkristall wirbelt ein Wolkenvieh-Zug.

Erstaun, wie sich schleiernde Falter entpuppen,
Ein Wurfversuch wird schroff in Felsen geengt,
Die flüggen Gewolkungen lauern um Kuppen,
Gedrungne verstummen, in Mulden versenkt.

Jetzt fliegen auch Katzen mit winzigen Köpfen;
Sie langen die eine der Pfoten voraus,
Ein haschhafter Schwarm von gewolkten Geschöpfen
Bereitet im Katzenzug Fallangst und Graus.

Ich hasse die Fratzen und Nebelgesichter
Und fordre des Blitzes zermalmenden Schlag,
Dann stürzen die Wichte durch sturmsteile Trichter:
Die Wolken verneigen sich bleich vor dem Tag.

Ich warte darauf! Bald donnert es wuchtig.
Wann blitzt und wo gießt es mit Schaudergewalt?
Die Berge um mich sind zerklüftet und schluchtig,
Schon hör ich, wie felsher mein Echo erschallt!«

Verzückt hat der Fremde durch Felsen gerufen!
Schon folgt er, beim Aufstieg, dem sehenden Geist:
Dumpf, unter ihm, schwinden die Blöcke wie Stufen,
Er weiß, daß ihn Träumen ins Freiheitsland weist.

Schon ahnt er Geschlechter machtheischender Ringer;
Er haßt die Ergebung, den starren Verbleib:
Er sieht sieben kommende Menschenbezwinger,
Er steigt und er fühlt nicht den eigenen Leib!

 

        D er Mittag erstrahlt in kristallener Klarheit,
Und Orpheus erbaut einen Sonnenaltar,
Sein Mund kündet Worte von Weisheit und Wahrheit,
Und morgenfroh lauscht eine friedliche Schar.

Wohl hörten die Hirten vom sanften Erzähler,
Dem Sänger der Milde und Huld in der Welt,
Drum hat stilles Volk sich der einsamen Täler
Beglückt um den freundlichen Richter gesellt.

Der Älteste bittet: »Gib himmlische Kunde,
O sag, sind uns Gottheiten huldvoll gesinnt,
Was ist die Geburt, was die Todeskampfstunde?
Erzähl, wer die Menschengeschicke verspinnt!«

Da lächelt der Dichter und fragt seine Hirten:
»Gesteht, warum ließt ihr die Frauen zu Haus?
O, bringt sie herbei und bekränzt euch mit Myrten,
Beginnt einen Sang, windet Rosen zum Strauß.

Ich bringe, um Götter mit uns zu versöhnen,
Am Sonnenaltare ein Brandopfer dar,
Doch ihr sollt das Fest mit den Bräuten verschönen:
Zieht heimwärts und holt die vergnügliche Schar.

Vernehmt nun ein Gleichnis, hört fein, wie ichs deute,
Und habt ihrs erfaßt, so empfangt meinen Dank:
So rein wie die Flamme ist, seien die Bräute,
Und Götter erfreue ihr aufrechter Gang.

Drum brauch ich, um Liebe und Licht zu verkünden,
Das Lächeln von Mädchen um meinen Altar:
Bevor sie die Herdfeuer mündig entzünden,
Verneige sich hier jedes künftige Paar.

Bringt Bräute, in Farben des Lenzes gekleidet,
Aus Tälern, von Höhen, zum Lichtfeste mit!
Hold hole sich jeder ein Weib, das noch weidet,
So weilt nicht, zieht freudig, beflügelt den Schritt!

Bald mögen die Lieder der Liebe erklingen!
Vereint eure Bräute in buntem Gewand;
Und wollt ihr dann jubelnd den Festreigen schlingen,
So schmettern auch Lerchen aus blühendem Land.

Erscheint, wenn ihr heiratet, fein in Geschmeiden
Und tragt weich gefaltet ein duftiges Kleid,
Doch mögen die Jungfrauen Schmuckstücke meiden:
Weiß, einfach und sanft sei der Bräute Geleit.

Dann singt, was ihr heimlich im Walde gedichtet!
Oft gleichen die Lieder, die Liebe gestehn,
Geschliffenen Steinen, die, kunstsam geschichtet,
Den Gürtel der Frau, die ihr heimführt, besän!

Doch werden Gestorbne zu Grabe getragen,
So sage ein dunkelgekleideter Schwarm,
Mit Harfenbegleitung, die schaurigen Sagen
Von Helden und Frauen in Trauer und Harm.

Ermurmelt Gedenken, so lange ihr schreitet,
Und dann haltet stumm vor dem offenen Grab:
Und wird leis von Seufzern der Nachthauch begleitet,
So sinke die Leiche behutsam hinab!«

 

        D er Dichter hat bebend die Worte gesprochen
Und knickt jäh zusammen; sein Herz weiß bestimmt:
Dahin alles Hoffen, sein Stern ist gebrochen!
Schon fühlt er, wie langsam das Leben verglimmt.

Da schleichen die Hirten hinweg vom Altare:
Auch sie wurden tückisch von Schaudern erfaßt
Und möchten, daß Orpheus sie nimmer gewahre:
Er bleibe sich, einsam erseligt, in Rast!

Schon ziehen sie fort durch die heißen Gelände
Und reden von Opfern, von häuslichem Glück:
Sie denken, sie kämen mit reichlicher Spende
Zu Orpheus, von Bräuten begleitet, zurück.

Ein Jüngling jedoch ist von ihnen gewichen!
Er fühlt in sich selber ein eigenes Lied
Und ist an den Altar zu Orpheus geschlichen;
Dort harrt er geheim, was nun heilig geschieht.

Er fürchtet, ein Kind noch, es sei ungebührlich,
Den Wandrer zu fragen, ihm seltsam zu nahn;
Er grübelt: ihm bleibt sein Ersinnen natürlich,
Ach wäre das Wagnis in Keuschheit getan!

So blickt er denn schweigsam ins knisternde Feuer
Und träumt mit dem Rauch, der sich buschhaft verzweigt.
Er brütet: vielleicht ist sein Wunsch ungeheuer!
Und fühlt sich auf einmal zum Fliehen geneigt.

Doch Orpheus erspürt seine schwankende Nähe
Und sieht ihm ins Auge: er winkt ihn herbei,
Dann grüßt er den Knaben und sagt ihm: »Gestehe,
Mein Sohn, deinen Schmerz, und sei freundlich und frei!«

Bald fängt dann der Jüngling an, sachtsam zu stammeln:
»Ich kenne kein eigenes, quälendes Leid,
Doch sag mir, wie kommts, daß sich Vögel versammeln,
Bevor es dort oben bei Windwetter schneit?

Wer macht es, daß Hunde die Menschen bewachen?
Sie sehen doch fast wie die Wildtiere aus,
Nur können die Augen oft träumen und lachen;
Und stirbt wo ein Hund, trauern Menschen zu Haus.

O sage, warum sich die Tiere so hassen!
Wie kommts, daß im Frühjahr, zu Paaren vereint,
Sie bald ihre wimmernden Jungen verlassen:
Ists wahr, daß kein Reh seine Eltern beweint?

Oft schein ich mir selber den Tieren zu gleichen,
Doch plötzlich dann kann ich sie kaum noch verstehn:
Ich freue mich, wenn sie ihr Weibchen umschleichen,
Auch grämt sich mein Herz, sie so lieblos zu sehn.

Ich bin im Gebirge nicht gerne alleine!
Ich hab eine Braut, unten, ferne im Tal,
Bei ihr aber zieht michs zu anderm Vereine,
Wie schwach ist das Herz bei der lieblichsten Wahl!«

Der Dichter kann lange vergrübelt nicht sprechen,
Doch sagt er dann endlich zu sich und dem Wald,
Es hörts auch der Jüngling: »Ein großes Verbrechen
Am Schweigen im All hat als Welt uns durchhallt!

Der Aufruhr der Lichter, der Ausbruch der Töne
Wird jetzt wieder milder und naht seinem Tod,
Doch leidvoll bleibt ewig der Wesen Gestöhne,
Und Blut ist das Leben, wildflammendes Rot!«

 

        U nd Orpheus singt, umringt von hohem Vogelbogen!
Der Löwe horcht, ein Knabe ist an ihn gelehnt:
»Der Sonne gleich ist unser Geist emporgeflogen!
Dein Herz erweckt ein Stern, der sich nach Sternen sehnt.
Du wirst nicht Sonne, bleibst nicht Erde; du bist Fehde!
Im Lied erglimmt dir Friede: Fehde schafft noch Rede!
Die Seele ist ein Schlund, in Sonne eingesenkt,
Wie See in deine Erde, die uns Wolken schenkt.
Und du wirst Traum! Der jüngste Mond im All!
Du bist ein Brunnen. Unterm Ich erwirbeln Wir:
Ein Sturz in dich ist tiefster Wonne steilster Fall:
Ich zittre still, daß ich in dir mein Ich verlier!
Du hast die Erde, eine Mutter: lieb' sie hold!
Doch bleibst du Sonne: Mond dein Träumen; Taten Sterne!
Der Tod ist oft eine Gestalt im Schleiergold,
Das hoch dein Sonnlich-Sein zu stolzem Flug entrollt.
Das Herz allein birgt Größe: du erdichtest Ferne!
Dein Sterben sei dir Halt: das Ich im Urverloren
Hat fromm, durch Selbstgeburt, den Tod erkoren!
Er hält dich fest. Bei Sonnenhochflut droht Ertrinken:
Kommt Gott in uns, so wollen wir in Ihn versinken,
Doch wird dein Herzensstern den Sturz ins Licht verwinden!
Du bist der Tod. Du wirst dich heimlich wiederfinden!
So wunderbar, so unberührt,
Durch Sonnenfügung jung zu dir geführt,
Du ewig Wort, du oft dein Tod, du Mensch, erkürt,
Mit wachem Geist die Schlummersterne zu verbinden,
Du bist der Flug, das Ich der Sonne zu erreichen!
Doch unsre hellen Schwingen dürfen sich nicht gleichen,
Ihr nennt sie Tugenden, die Seelen unversehrt zu eigen,
Um hold besonntem Traumgetal sanft zu entsteigen.
Wer weiß, ob Ichbesinnungen sich leis erhalten?
Wo bin ich Ewigkeit? In Traum gewolkt die Seelen!
Der Sonnenmündige? stürzt ab: er kann erkalten!
Du findest dich vielleicht, wo wir uns fast verfehlen:
Wohl mag ich euerm Stern die Sonnenwelt verheißen,
Doch fühl ich auch in mir verwünschter Feuer Wüten.
Beim Fluge faßt der Tiefen Flamme meine Flügel,
Sie fürchtet uns, will dich in Finsternisse reißen.
Sie nistet im Genick! Dir. Eier auszubrüten.
Sie blickt wie Giergeier vom Abhang über Hügel:
Dir eingeeignet, unsre Flamme! Traumgefilde
Sind Sonnenlehnen ihr, die Händen traut gehören;
Erfrommter Füße goldnes Spuren mag sie stören.
Sie weiß: der Kundige wird einst die Welt ererben.
Ihr Geisterblick bespäht die Welt zerteilt: in Scherben.
Ein Feld beim Feld, zum Eigentum dich zu betören!
Doch birgt dein Feuerleib noch andre Ungeheuer:
Ein Busch aus Blut, korallenrotes Ganggeäder,
Du drohst der Sonne: Tod! und bist der Sternerfreuer.
Gerechtes Fügen stützt in dir die Himmelsräder,
Doch wirst du, fieberndes Gesträuch, beim Sprung zum Fluge
In eitler Brunst, ein unterweltlicher Entzünder
Von Urverruchtheiten, Erdenker und Verkünder
Des Sonnenabsturzes! Du bist im Sternenzuge
Erfinder eines Mondes, der dir Heimat war,
Bevor der Sonne Ich durch dich Vernunft gebar;
Du ahmst den Mond nach, so dich selbst! vermehrst dich, stirbst!
O Mond im Menschen, Stein im Herzen Urgefahr!
Gewagte Welt, du wirst dein Gott oder verdirbst!«
»Ummenschter Tod: gefürchteter, doch holder Mond!
O bleicher Leichenstein auf Sonnen leiser Nacht!«
Fällt hold der Knabe ein: »Wie hoch dein Kommen thront;
So silbre fern: du hast mich schon zu Gott gebracht!«
»Mein Liebling,« schluchzt nun Orpheus, »halte glücklich ein,
Vielleicht ist unsrer Wagniswelt Beschluß: der Stein!«
»Als ich heranschlich, fing mein Herz an hoch zu pochen:
Ich wollte dich verstehn, du solltest mich beloben:
Ich horchte, als dein Wort die Sonne ausgesprochen,
Und kam zu Gott. Auch du versinkst: still bleibt es oben!«
Das sagt der Knabe und erstummt auf Orpheus' Schoß.
*
Der Sänger lispelt: »Liebling, sing dich los
Von meiner Brust, umwolktem Fels, betannter Schlucht.
Mein Hirtlein, liegst du still im Moos,
So überträume der Gewitterzüge Wucht.
Und bleib um mich, denn wisse: ich bin sichre Flucht!
Mein Liebling lausch: dein Leib ist bloß,
Die Seele rein: ein sternendes Gefäß.
In dir sind Sonnen Gold und groß!
Nimm das Gefäß, so faß dich, folge mir: und drehs
In himmlischer Verschwendung um!

Dann schäumt der Kelch: verschäumt das Du! Der Wald wird stumm.
Gesänge geistern auf wie Wetter eines Sees.
Gestürm erkommt. Die Bäume schütten Schicksal ab.
Ein Sänger muntert Sterne auf: die Welt genest!

Die Eiche hier ist Sternenwuchs. Ein Baum ein Stern!
Die Pappel zittert ihren Stern empor: wird schlank.
Der Wolf sucht seinen Stern und findet Fraß: zu fern
Ist der Gebieter ihm. Dein Sang sei Wolfesdank!

Ein Lied erreicht den Stern. Erfreiter Erde Spende
Entträume dir. Wer Sternen gibt, wird stolz!
Der Mensch sei der Begabung Ende: Geisteswende!
Gesegnet sind die Blätter: edel wird das Holz.
Ein Sterngeschenk, mein Himmel: unser Wald!
Die Erde aber spendet Dank, wo holder Sang erhallt.«
Da ruft das Kind: »Der Bär reckt seinen Stern mir zu,
Der Hund trägt einen freudigen um mich herum.
Das Lamm bringt seinen gütigen zur Ruh.
In Bienen hör ich trautes Sterngesumm!«
Und Orpheus sagt: »Mein froher Sohn,
Ergib dich nur der guten Tiere Führung.
Sie schenken alles dir – und ohne Lohn,
Doch der ist schon ein Fünkchen Rührung.
Die Tierlein werden krank. Um deinen Dank: Erbarmung!
Du bist, wo du auch wandelst, ein Altar: der Thron.
Des Menschen Seele öffnet sich zur Weltumarmung!«
»Ich bring dir Sterne, Vater, bring sie dir zuhauf:
Und sei dein Lied«, ruft froh das Kind, »ein Sternenstrauß!
Hüpft, Schäflein mein, springt, Sternlein, her im Lauf!
Singt, Amseln, Knaben: Sternlein kommt aus Hag und Haus!«
»Der Mensch allein wird Geist und nimmt die Sterne auf!«
Erhebt sich Orpheus' Sang: »Mein Lied ist eine Blume!
Der jüngste Mond, mir stumm ein Wunder: ihre Frucht!
Das Lob der Sonne singt mein Mund der armen Krume:
Der Sterne Aufstieg kennt die fromme Fichtenschlucht,
Der Sterne Ankunft – bunt bemastet, froh die Bucht:
Wir alle dichten unser Lied zum Sternenruhme.
Ich weiß, daß, seit ich bin, auch jedes Sternlein ist:
Mein Blick die Ferne mißt, das Lied sie leis vergißt!«
»Gesegneter!« sagt sanft der Knabe,
»Ich glaube nicht an den versteinten Mond!
Was du da schenkst, ist eine warme Gabe,
So volle Sonne, goldne Welt gelohnt.
Ich hoffe nicht auf deinen Mond!
Dein Sang ist ja so nah. Kein Strahl: ein Mein!
Ein Sonnenwohl, das unter Menschen wohnt.
Ich liebe Wonne, o so gütig, dein und rein!«

 

        A n Orpheus lehnt der Knabe in verzückter Rührung
Und schaut empor in hohe, himmlische Bewegung.
»Jetzt kommen«, spricht sein Mund nach holder Überlegung,
»Lebendge Vögel unter engelhafter Führung,
Die sich nicht blicken läßt, in stillem Kreis zu dir!«
»So sing ich ihnen«, sagt der Sänger, »Freudenschürung!
Erwecke gut die Glut, in Blut von Baum und Tier;
Ein sanftes Feuer glimmt durch milde Erdenkinder:
Aus unsern Herzen sternte tiefer Glutenmund.
Die sachte Flamme macht die Sonnenangst gelinder:
In keuscher Reinheit glüht der Seelen Liebesbund.

So horch! zu Glück durchschauert uns geheimes Feuer,
Das tiefer noch zu Ursprungsfunken dich gemahnt;
Die sind im Menschen wie die Sterne: Freudenstreuer!
Ein freier Gott sei im Gemüte froh geahnt.

Die Mutter Erde soll ein eigner Glanz umglühen!
Sie sei durch Urgeduld aus Sonnenschuld befreit.
Sie glimme selbst! Ihr Leuchten suchen Menschenmühen:
Dem Weib, als freier Sternung, sei mein Lied geweiht.

Ein innrer Feuerbund durchglüht die Sonnenwesen,
Denn Sonne ist der Mensch, die aus dem Boden glimmt.
Dein Erdensonnentum kann frommes Tun erlesen,
Wenn tiefer Griff aus eignem Herzen Flamme nimmt!«

So holdes Wort entgoldete des Sängers Leier.
Und nun verstrahlt so sachter Sonnensang.
Das Kind versteht ihn kaum, doch wonneweiche Schleier,
Umflorte Bilder, weckt noch fort versungner Klang.

 

        » G eliebter!« sagt der Knabe traut zum Sänger,
»Der Flug der Tauben, Habichte wird enger.
Und Sperber drängen sich zu deinem Sang:
Ein Adlerpaar umrauscht sie hoch und lang.«
Und Orpheus fragt: »Erblickst du keine Rehe?
Sie kommen fromm, sie wittern unsre Nähe!
O Schmetterling, auf meines Löwen Ohr,
Hol deine Frau, die sich ins Korn verlor!«
Das gelbe Tierchen folgt, – fliegt fort.
»Nun ist der Löwe voll von goldnen Bienen!«
Der Knabe merkt es, findet flugs das Wort:
»Ein Bär ist da, er trampelt hinter ihnen.
Doch lockt ihn wohl dein honigsüßes Lied:
Hier läuft der Wolf, der Luchs ist auch erschienen;
Dort kommt ein Wolf, wie man ihn selten sieht!«
Und Orpheus zeigt, wie Friedlichkeit geschieht:
»Das ist das leise Lied der sachten Liebe,
Die in den Seelen ewig aufersteht:
Denn stille Wesen sind die Sehnsuchtssiebe
Des Feuerwunsches, der die Flur besät.

Aus allen Blüten lachen Erdengluten,
Die sich den Weg zum Sonnenlicht erahnt,
Doch ihre Lust am Licht mag rasch verbluten,
Da bald die Frucht an Tiefensturz gemahnt.

Erblüht nicht fast die Scham in wilden Tieren,
Wo sich das Elternpaar die Brut bewacht?
Die Lust ist alter Wunsch, sich zu verlieren,
Wenn er, zum Licht befreit, in uns erwacht!

Drum mögen Wesen sich auch treu bewachen,
Wenn ihre Liebe froh zum Lichte lacht!
Die Weltenliebe kann erst spät erwachen,
Hat sich ein Wunder sanft in uns vollbracht!«

Nun stürzt ein Eber durch das Goldgetreide;
Erblickt den Sänger, knickt in seine Knie!
Den Wald durchschallt ein Rausch von grausem Leide:
Dem Seher wirds, als ob ein Wesen schrie!
Mänaden, weiß er, sammelt sich zum Eide,
Dem Orpheus stummer Feind Gewalt verlieh:
Er lebt geheim und wild in unsrer Liebe.
Er ist ein Gott im Blut: die Wucht der Triebe!

Nun schwirren Schmetterlinge, gelb, zu Paaren,
An Orpheus' Leier, gar verlangend an.
Auch Schlangen kann des Sehers Blick gewahren:
Sein Auge hält sie fromm in sachtem Bann.
Ein Kranz von Bräuten, mit geschmückten Haaren,
Umarmt die Au, um den geweihten Mann.
Gekrönt, umgürtet ist die Schar mit Myrten.
Doch ferne lauschen, mit der Braut, die Hirten.

Der Sänger schwärmt: »Gestreute Wesen finden,
Auf Schlangenwegen, Gott, dem jedes gleicht!
Ihr mögt an seine Freiheit Frieden binden:
Bleibt stark, bis Treue das Gemüt erreicht!

Der Vogellieder helle Freudenkette
Erzittert noch als zarter Erdensaum.
Damit des Menschen Leid die Sterne rette,
Ersilbt das Herz den Sprachenbaum, aus Traum!

Du bist die Zuflucht geisternder Gewitter,
Denn aus dem Sprechgeblätter blüht das Wort!
Geschmack im Blut zum Namen: Mensch! ist bitter,
Doch Sterne werden Ich, der Sonnen Hort.

Hört, unsre Worte sind der Freiheitssamen,
Den Geist, als Wind, in tiefe Welt verweht:
Die Lust am Mutterlaut mag nie erlahmen,
Denn du bist fruchtbar, wenn durch Traum beredt!«

Im Wald erschallt ein echoreiches Schreien!
Mänaden, denkt der Dichter, noch ein Wort!
Doch sind das flammend grelle Papageien:
Sie krächzen laut zu ungewohntem Ort.

Ein Ibis, hergereiste Reiherreihen,
Flamingos kommen, Strauße! Fort und fort.
Das Wort ertönt als Sonne: Vögel singen
Des Sängers Lied empor in holden Ringen.

Noch freier greift jetzt Orpheus in die Saiten:
»Erklinge heitergoldnes Sonnenlied,
Die Klänge, die den Sang hinangeleiten,
Sind Sonnenlust, die sich im Schmerz erriet.

Wenn Feuerfreuden aus dem Sänger steigen,
Sind sie aus tiefsten Flammen hergeregt:
Er wird betäubt. Um ihn erwogt ein Reigen:
Wie hold der Rausch den Mutterlaut noch hegt!

Dann mag ein Stimmenregen sich ergießen:
Erseelter Traum wird silbende Gewalt,
Du hörst geredete Gewitter sprießen!
Das Wort erblitzt. Dann grollt ein Samenwald.

Die Erde sprüht den Funkenstrauß der Liebe,
Als Gottesahnungen, ins freie All!
Erflammtes Ich bestürzen Feuertriebe
Zerstürmter Seele vor gesprochnem Wall.«

Der Knabe ruft: »Gesegneter! Gazellen
Erreichen deiner Leier frommen Klang!
Ein Tigerpaar wird sich zu dir gesellen:
Sein Pfauenschwarm umschweift uns nah, – doch bang!

Kamele wandeln klug in alten Fellen:
Von Affen wimmelts, mit verrenktem Gang.
Ich lauf davon, mit Tigern will ich spielen.
Sie bringen mich zu ungenannten Zielen!«

Doch Orpheus singt: »Der Erde Feuersamen
Durchschwängert lusthaft den gesternten Raum.
Einst wird der Geist! Wenn Welten fern erlahmen,
Berauscht der Mensch das All im Liebestraum!

Der Güte Samen ist die volle Blüte!
Er zuckt aus unsern Herzen in die Welt.
Sei sanft, daß deine Huld die Kinder hüte,
Denn Sternlein haben sich zu dir gesellt!«

Auf einmal muß der Sänger tief verstummen!
Der Knabe fort! – Kaum ahnt er, was er sprach.
Sein Wunsch folgt still den Klängen, die versummen:
Er sinnt dem Liede traumergeben nach.
Vielleicht wird sich der Abend schwarz vermummen?
Schon grauts, bevor der Tag zusammenbrach.
Kein Jüngling da? Wer wagt es, ihn zu stören!
Die Hirten konnten fern die Leier hören.

Nun kommen Männer, bringen fette Stiere!
Sie haben sich, beim Sang, nicht vorgetraut.
Doch blieben sie, daß sich kein Klang verliere,
Geheim im Busch, aus dem sie zugeschaut.
Sie schreiten stolz auf ihre Opfertiere!
Ihr Blick ist froh. Und jedem folgt die Braut.
Sie bitten: »Opfre nun auf dem Altare,
Denn Blut entflammt die Glut vom Sonnenaare!«

Der rote Flügelschlag der Scham erzuckt im Dichter.
Er spricht: »Hinweg den Stier, der mich verdrießt!
Erwildertsein durchglüht eure Gesichter:
Verdammt den Opferer, der Blut vergießt.
Doch hier die Hand! Ich rufe euch: Versöhnung!
Ihr bleibt meine geliebte Hirtenschar.
Ein Opferfeuer sei des Sanges Krönung:
Bringt trocknes Holz und Harz für den Altar.«

Nun schürt der Sänger, rasch erblaßt, die Flamme.
Der Mensch, die Tiere fühlen fromme Ruh.
Schon knistern Sternlein aus zerhacktem Stamme,
Und auch die Sonne sieht nun wieder zu.

        O rpheus' Blicke schweifen in die Weite:
Feinde kommen, doch er scheut sie nicht.
Hirten bleiben still sein Talgeleite,
Und er singt, denn sagen ist ihm Pflicht:

»Flammen fühl ich durch die Seele schlagen:
Schwache Schatten hascht des Grüblers Geist!
Tracht ich sie im Zwielicht fortzutragen,
Faß ich Sang: zu Bildern eingeeist.

Milde glimmt die stille Liebeskette,
Aus der Erde in den Geist geblüht.
Heiligt leiser Ehe Lagerstätte:
Sterne werden in der Lust ersprüht!

Durch das Erdgeschlecht, das haßt, sich peinigt,
Klimme prustend pure Erdenglut!
Priester, schürt, was Seelen heilt und reinigt,
Glaube an Erflammtsein gibt uns Blut.

Purpurmut, der unser Wesen schwängert,
Der vom Erdenkerne sonnwärts drängt,
Hilf am Weg, der sich auf uns erlängert,
Freu uns, Macht, die Durstgequälte tränkt!«

Wolken fliegen fluchthaft durch die Täler.
Hirten brechen vom Altare auf,
Ziehn die Stiere fort vom Sternenzähler;
Auch die Bräute folgen schon im Lauf.

»Uns erwarten blutgeweihte Mäler!«
Einer sagt es, und man glaubts zuhauf!
Bang umflügeln Kraniche den Sänger,
Um das Lied der Hirtenkranz wird enger.

Orpheus segnet: »Schwärmt dahin, ihr Lieben!
Taten mögen euern Trieb gestehn;
Wo ein Funke treu und schön geblieben,
Kann ein Wanderstamm zur Sonne gehn.

Feinde! Daß ich eure Geister stähle,
Zückt nach mir! Die Messer sind geschärft.
Leise List belispelt eure Seele:
›Schnür den Hals!‹ daß ihr den Gegner werft!

Doch der Geist, der weiß, daß er in jeden
Sonnensohn, aus Erdenheimweh, kam,
Mahnt uns sanft: Ihr sollt euch nicht befehden,
Werdet reich an Taggewalt und Scham!

Willst den Menschen du aus Sonnenkreisen,
Wo sein Wesensflug ihn hingesetzt,
Oder aus den reinen Taggeleisen
Niederziehn, so ist er tief entsetzt!

Hilfreich rollt ihm Feuer durch die Adern;
Von Bedenken rasch und fest gepackt,
Schwankt er, fängt an hart mit sich zu hadern:
Seine Seele sucht den alten Takt!

Flügle, Gut im Blut, du Glut der Erde,
Feuer, das mir Seelenhuld verklärt,
Durch die Wangen meiner treuen Herde:
Freie Friedlichkeit sei unversehrt!«

Schwalben zittern wie durchbangte Herzen.
Steil entsaust ein trauter Taubenschwarm.
Schafe blöken auf, in wilden Schmerzen.
Hirten packt ein unerhörter Harm.

Weg der Wind, mit seinen Wolkenscherzen!
Orpheus sinkt beim Opfern starr der Arm.
Hauchlos, ohne Laut – harrt die Gemeinde:
Tiefer Schreck gemahnt an nahe Feinde.

Orpheus blickt gefaßt nach oben!
Seine Sonne hat sich schwer bedeckt.
Waldzu läßt er seine Tiere toben,
Pan hat ihre Angst, beim Herd, erweckt!

Hirten aber mag er loben,
Die kein Haggespenst erschreckt;
Seine Lieblinge sind fromm geblieben:
Die Entsetzten mögen fremd zerstieben!

Heller muß er in die Saiten greifen:
»Lauscht dem Tönen, das Erjüngung wagt!
Was Gedanken kühn im Flug ergreifen,
Sei den Mündigen sanft zugesagt.

Reinen Samen will ich hoch verstreuen:
Was ich innerm Lächeln je entlieh,
Soll euch zu Verholdung leis erfreuen,
Glaubt: bevor ich von euch zieh!

Ja! Mein Lächeln gleicht dem Glanz vom Meere,
Wenn er Wellen lustig überspringt,
Und beim Sturz der flugsen Thunfischheere
Wild und blaßverächtlich um sich blinkt!

Einem Meere, das sich langsam kräuselt,
Wenn es Stürme kühn im Busen trägt,
Und schon fiebertraumhaft bebt und säuselt,
Ähnelt auch mein Stamm, der Krieg erwägt!

Wellenschäumen mag ich euch vergleichen:
Wißt ihr, daß ihr tobend mich umdrängt?
Unser Seelensee verlangt nach Leichen,
Manches Schwere liegt nun bald versenkt!

Vor dem Sturme reißen hohle Wellen
Ihre Silbermünder spöttisch auf,
O, ich hör jetzt Hohngelächter gellen:
Wogen, krümmt euch zum Zerstörungslauf!

Laßt mein Wesen, hier in eurer Mitte,
Noch zum Heile rasche Schritte gehn,
Mein Verschenken sei euch letzte Bitte,
Dann will ich die Tote wiedersehn!

Meine Braut mag ich am Weg ereilen!
Ach, wir sind ein unzertrennlich Paar:
Fortgewolkt muß sie verweilen,
Doch schon goldet mir geträumtes Haar!«

Jünglingsscharen stürzen laut zum Sänger:
»Hirten opferten berückt den Stier!
Blut brach auf. Erschwültes Glutgeschwänger
Klaffte! Angst erfaßte Baum und Tier.

Stück um Stück, Bestürzling, Fluchtheiß, Dränger,
Rudelts, tummelts: fort und auf von hier!
Zauber scheint auch Wolken zu betören:
Such die Sonne heilig zu beschwören!«

»Alle Leiber werden auferstehen!«
Ruft der Seher: »Sonne! Traumgemeer!
Weiber, die zum Feind, in Brunst, sich drehen,
Liebe ich bei meiner Wiederkehr.

Aus des Fleisches schwerem Lustbegehren
Hat sich Menschenliebe sanft entschält,
Ihren Weg zu heitern Sonnensphären
Aus Verfußung lächelnd-leicht gewählt.

Seht das Meer mit seinen reichen Brüsten:
Bald besiegt es unsre Geistesmacht!
Schiff und Schiffer wird kein Sturm entrüsten,
Furchtlos schaut der Mann durch Spuk und Nacht.

Vollen Daseins Liebeskette sprengte
Einst der Erde Sonnengegensatz.
Und er schuf Geschlechter. So versenkte
Sich entzweigetiefter Flammenschatz.

Starkes Feuer glüht, verwahrt im Manne,
Sternenher verblitzt beim Schritt im Geist:
Auch das Weib erschwangert Glut, im Banne
Eines Gatten, der sie mondzu neigt.

Wird ein Weibchen hinterrücks genommen,
Wird die Liebe ihm noch oft zum Druck,
Doch das Weib, in dem die Brunst erglommen,
Folgt beim Kosen einem Sonnenruck!

Herz an Herz und Blick in Blick versunken,
Sehn sich Menschen, die sich lieben, an:
O, es jubeln, zucken Seelenfunken
Durch den Mann zum Weib, vom Weib zum Mann!

Liebe können Paare sich verschenken,
Liebe ist der Flamme Daseinstausch:
Mut und Glut, die sich verschränken,
Heiligen den Sinnenrausch!«

Fort ist jeder Vogel! Aufgeflogen.
Bloß die Sonne goldet und frohlockt.
Orpheus' Tiere sind davongezogen;
Nirgends hat die Flucht gestockt.

Nur der Löwe blieb! In holdem Bogen
Wird noch der Altar vom Volk umhockt.
Jünglinge, die Orpheus nicht verlassen,
Wollen im Gesang Vollendung fassen.

Auch des Sängers Liebling ist verschwunden –
Tiger trugen ihn davon! Im Sprung!
Froh verhieß er kühne Hoffnungskunden:
»Horcht: es steigt das Glück! Der Mensch wird jung!

Sonnenglut und Erdenblut verbunden,
Blitzen, donnern: Herzgewitterung!«
Sonne siegte: Heiterkeit! Ein Knabe
Bringt die Worte; des Verwegnen Gabe!

Orpheus singt: »Wir Menschen: Glückes Träger,
Da in uns ein Flammentag gelingt,
Seien auch der Freiheit beste Heger,
Bis ein stiller Geist das All beschwingt.

Unsre Seelen sollen lieben, lieben;
Überschwang wird wunderreich gedeihn:
Blitzend stehts mit Flammenschrift geschrieben:
Ewig wird allein die Liebe sein!«

 

        G ejauchze ist laut durch Gesang vorgebrochen!
Im Walde erbraust eine rasche Bewegung;
Das Herz jedes Hirten fängt wild an zu pochen:
Was tanzt und erwogt da in toller Erregung?

Die Pinien erzucken und schlanke Zypressen,
Auch fallen schon Zapfen von Ästen herab.
Was sucht sich so wild durch die Büsche zu pressen?
Was donnert? Vielleicht der Bacchantenzugtrab?

Ein Schauder umhüllt nun des Dichters Umgebung;
Das Feuer auf marmornem Sonnenaltar
Erstickt fast im eigenen Qualme und Rauch,
Und überall knistert ein morsches Geäst.
Im Walde entstand die Mänadenerhebung:
Mit wallenden Schleiern und fallendem Haar
Erscheint schon die Sippe, nach bacchischem Brauch,
Verwegen und wütend, beim orphischen Fest.
Das eint sich im Walde zum baldigen Kampf!
Und: »Evoë, Evoë!« schallt es im Kreise;
Schon reißen sich listig die jungen Mänaden
Die flimmernden Schleier vom üppigen Leib:
Sie trabten auf Rappen, und Rossegestampf
Verriet durchs Gebirge des Weibertrupps Reise.
Sie rasteten selten, und gern bloß zum Baden:
Für solches Geblüt ist Verlust ein Verbleib!
Nun rufen sie: »Orpheus, wir schlingen die Kette
Vereinender Liebe, von der du gedichtet,
Vom singenden Seher zurück bis zur Wildnis,
Die friedliche Seelen in Stummheit umgibt!«
Nun drängen auch Leiber zur lieblichen Stätte,
Wo Orpheus den Griechen Altäre errichtet,
In Tanznacktheit ein und erheben ein Bildnis
Des Gottes, der Räusche und Blutopfer liebt!
Das tolle Volk singt, verheißt Fleischauferstehung,
Umwirbelt die Hirten, verspricht ihnen Ehung,
Verkündet Erfreudung und häusliches Glück,
Und sprengt wieder bald, ohne Nachtrab, zurück. –

Entzweiung? Verschwunden sind alle Mänaden!
Ein Abgrund ertrichtert? Verfiel ihm die Rotte?
Vorbei auch die schwankenden Waldgaloppaden;
Im Abend am Meere erscheint eine Flotte.

Und Orpheus singt lispelnd: »Unendliche Stille,
O Stille, die Stürme als Pause verbindet,
Umweht meine Seele, – du schweigst, liebster Wille,
Zu künden, bevor mich die Sterbenacht findet!

Ihr Freunde in Buchten, auf ruhenden Booten,
Mein Schicksal verwehrt euch, am Ufer zu landen:
Ihr seid meiner Totenfahrt hilflose Boten,
Gewogt in der Windstille flimmernden Banden!«

 

        M änaden sammeln sich im alten Pinienwalde:
Sie fürchten, draußen fern, die fremde Fischerflotte.
Das ahnt und, ohne Sterbensbangen, sagt der Skalde:
»Hört noch mein Wort! Dann, Feinde, lebt es euerm Gotte!

Es gibt im Geist auf Erden: Sonne-Sein! Kein Scheitern:
Die Schicksalsknoten, die ich kundig vorentwickelt,
Versucht behutsam aus Verschlingung aufzuweitern,
Mein Werk entschmückt ihr nicht, wenn ihr den Leib zerstückelt!

Ich danke euch verblendet rasenden Mänaden,
Ihr müßt in euren Seelen meinen Sang begraben,
Den Haß, Mänaden, werdet ihr durch Mord entladen,
Und eure Söhne werden meine Sonnenknaben!

Was Liebe und was Haß! Ich will der Flamme Wirkung!
Ich weiß, ihr helft, erhellten Pfad ins Ich zu schaffen:
Sein Wunsch zum Lied trifft wieder meine Lichtbezirkung:
Durch euern Wandel werd ich meinen Halt erraffen!

Bei Eurydice hör ich bald den Klang der Dinge
Und wünsche in erleiblichte Musik zu schauen:
Im Totental erwelten tiefgewußte Ringe,
Die Inhaber vom Ich, als Starrgekrust, umstauen.

Du kannst nach mir dich, Unterwelt, nicht mehr gedulden!
Ich habe Menschen, was die Seele sah, gegeben;
Nun schein ich ihnen auch dafür den Leib zu schulden,
Damit sich Völker einst zu meinem Sang erheben!

Ja! Wer einst suchen wird, sein innres Licht zu finden,
Der ist mein Sohn, den ich mit Eurydicen zeugte:
In ihm wird nie geweihte Kindlichkeit verschwinden,
Ob Kummer oder Alter ihn auch niederbeugte.

Was Ewigkeit in sich verschließt, kann nicht veralten!
Kein Sonnensohn wird, hier erborgt, zum Greise werden:
Verbrüderte Geschlechter schüren und verwalten
In sich die hehre Glut zu hohen Opferherden.

Der Mond war ein Versuch, die Sonne zu versöhnen:
Die Erde wollte ihn der fernen Mutter schenken,
Wohl kann des Mondes Licht die Nächte hold verschönen,
Doch nicht mit Milde Erdgeschicke lenken!

Nun will die Erde einen zweiten Mond gebären,
Doch zeugt ihr inneres Erschüttern nur Propheten,
Die ihren Völkern die Entstehungsliebe lehren
Und Urgebote menschlich unter euch vertreten.

Im Inderlande kommt der Erdensohn stets wieder,
Um durch den Geist die Bruchnatur zu überwinden,
Die Tiere selbst verstehen seine Freiheitslieder:
Des Menschen Überhebungen verschwinden!

An unseren Gestaden kommt er urgespalten!
Den irdisch-weiblicheren Teil muß ich vertreten:
Der männliche wird sich, erwartet, einst gestalten
Und durch den Geist die Tierheiten in euch zertreten.

Da wir uns schon, durch das Geschlecht getrennt, erheben,
So müssen wir gemartert und zerfleischt verenden,
Im Land des Bären aber wird erweihtes Leben
Die Flammen seiner Gnadenpracht aus allen spenden!«

 

        D as hallt und das schallt nun noch lauter im Walde!
Viel wiehernde Pferde erscheinen am Feld.
Bacchantische Weiber durchtollen die Halde:
Das schwirrt und erzittert, das raschelt und gellt!

Das singt und durchtummelt sich hurtig und munter,
Das fühlt sich tiefinnerlich sorglos und frei
Und sprengt über Hänge, auf Hengsten, herunter,
Und plötzlich erschallt auch, gleich dreimal, der Schrei:

»Pan!« »Pan!« »Pan!«

Wie? Mag sich der Tag noch am Abend erheitern?
Er ist wie von innersten Gluten berauscht,
Schon werden die Wolken, wie Scharen von Reitern,
Die langsam verbluten, vom Winde zerzaust.

Das Meer schimmert milchig, doch Purpurglutadern
Durchfurchen die tückische, steigende Flut.
Die Wellen zerschellen schon laut an den Quadern,
Und Strandpfützen funkeln wie glühendes Blut.

Horcht! Überall donnern jetzt mächtige Wogen,
Doch willenlos wiegen sich Möwen darauf:
Auch naht schon die Flotte in funkelndem Bogen,
Und muntre Delphine umziehn sie zuhauf.

Nun sind die Mänaden am Strande entkleidet!
Sie haben sich, wie sie das Fischervolk sahn,
Gefreut und am Anblick der Knaben geweidet,
Und lachend gleich Übermutstreiche getan.
»Pan!«

Das hatte sich schon mit den Blicken besessen,
Vom Meere aus wählte sich jeder ein Weib;
Doch Orpheus steht stumm unter steilen Zypressen,
Und manche Mänade begehrt seinen Leib.

Nun ruft wohl die schönste der nackten Gestalten:
»O Träumer vom schäumenden, traurigen Meer,
Ergib dich den stürmischen Seelengewalten:
Versinkst du in mir? O wie wirst du so schwer!

Wir spielen und wühlen in wallenden Flechten,
Nun komm und verbirg hold im Gold das Gesicht,
Empfange die Wollust von sterblichen Nächten,
Entzünde beim Buhlen des Urschauers Licht.

Wie Fluten sich stumm zwischen Wäldern verschluchten,
So dringe dein Wesen ins Mädchentum ein,
Wie Fluren durch Wolken der See sich befruchten,
So wird uns dein Atemzug Hoffnung verleihn!

Ach Orpheus, du bist eine einsame Klippe!
Ergib dich dem Leben, verlang nach Genuß!
O trinke den Jubel von fiebernder Lippe
Und freu dich, ermann dich zum Wollustentschluß!

Genieße das Wogen der fleischlichen Liebe:
Es gleicht doch der Schwall einer pulsenden Brust
Dem windeverwehenden Wellengetriebe:
Das Weib ist die See, voller Seele und Lust!

Doch Orpheus, es machen uns Klippen verlegen,
Wie Sphinxe umfrage ich bang deinen Fels.
Doch merke dir, stellt sich ein Was? mir entgegen,
So spricht unser Gott: Wills nicht fort, so zerschells!«

Doch antwortet Orpheus gefaßt und prophetisch:
»Für euch ist die leibliche Sonne verhängt,
Ihr opfert im Geist einem giftigen Fetisch,
Der Schicksale greift und zu Abgründen lenkt.

Was sprecht ihr vom Leben, Entschleicher der Gräber?
Ihr seid nicht das Meer, ihr Verbreiter von Gier,
Ihr Hüllen von Magen, Gedärmen und Leber,
Der Gott, den ihr bergt, ist ein grausames Tier!

Ihr merkt, wie Erstandenes traurig verschwindet,
Und seht nur die Wesen im Fleische bezirkt,
Den Geist, der durch Formung Gespenster verbindet,
Doch nicht, was ein Widerstand aufgeisternd wirkt!

Die Seele der Klippe, ihr stolzes Beharren,
Verdichtet sich leise zum Wunsch unsrer Welt;
Den keimenden Kern wird ein Körper umstarren,
Denn nimmer vergeht, was sein Urmaß erhält.

Ihr wollt nicht die Liebe, wie ich sie verschenke,
So zieh ich denn fort aus der irdischen Brunst:
Doch wo ich Gedanken ins Dunkel versenke,
Erzittert ein bebender Funke im Dunst!«

 

        G ebilde von Schleiern, Gestalten und Lichter,
Wie selten sie Dichter im Überschwang sahn,
Umwallen den Schmachter. Mänadengesichter!
Sie möchten ihm, vorsichtig anschwebend, nahn.
»Pan!«
Den Dichter ergreift sanfte Reinheit des Tanzes:
Er liebt diesen rhythmisch entfesselten Takt!
Wie freut ihn der Anblick des wallenden Glanzes:
Die tanzenden Weiber sind brünstig und nackt.

Ein Kräuselwind rauscht nun im Haupt von Zypressen.
Die Sonne vollendet verzückt ihre Bahn.
Erseelte beginnen den Tag zu vergessen,
Der Abend verstrahlt seinen rosigen Wahn.
»Pan!«
Jetzt greift noch der Sänger mit Kraft in die Saiten,
Um stolz durch den Klang seinen Sang zu begleiten:
»O Freunde und Feinde!« ertönt seine Bitte,
»Vergebt mir die letzten entscheidenden Schritte:
Wie hat sich die Glut, die ich eben verschwendet,
Unfaßbar vom Lieben zum Streiten gewendet?
Schon hör ich den Kampfruf im Walde erschallen,
Mänaden gewinnen und Jünglinge fallen!
Ich sehe, wie Leiber die Felsen erklettern,
Und kühne Gestalten im Tale zerschmettern.
Verzeiht euerm Seher, ihr treuen Genossen,
Ich habe das Blut holder Unschuld vergossen!
Doch seht auch die Flammen der Liebe aus allen,
Als feurigen Samen, der Erde entwallen!
Bestaunt euern glühenden Gürtel der Zucht,
Erwühlt stillen Innenlichts ruhige Wucht!
Ich fühle die Kraft, mich in andern zu fühlen:
Es können sich Seelen voll Schauer bespülen,
Wir müssen uns freudig das Erdglück versagen
Und Wahrheit durch mutige Taten erwagen!
Schon schwellen die Fluten. Nun strahlt unser Licht.
Hier üben die Gluten im Menschen Gericht!
O seht die Tragödie, nach der ich mich sehne.
Jetzt bildet sich rings eine riesige Szene.
Die Berge, die starr in das Wolkenmeer wuchten,
Verhüllen nun langsam auch unsere Schluchten:
Das Schicksal beginnt sich bereits zu drapieren,
Es will nicht sein tiefes Geheimnis verlieren.
Die Tragik trägt nie ihre Nacktheit zur Schau,
Ihr Bildnis erscheint uns in marmornem Grau.
Die Berge beherrschen das Drama der Täler.
Sie scheinen mir schreckliche Zukunftsverhehler
Und hüllen sich nun in ein Dunstgewand ein,
Um wortlose Schicksalsbetrachter zu sein!«
So träumt und besinnt sich der sehende Dichter,
Dann sieht er im Dämmerschein innere Lichter:
Das Wesen der Berge, der Menschen und Dinge,
Erscheint ihm, als ob es sich innig verschlinge!
Er fühlt seine Seele ums All sich erweitern,
Und Schreckliches kann ihn auf einmal erheitern,
Noch tiefer ergreift er das Gold seiner Saiten
Und singt voller Milde: »Verschwindet, ihr Zeiten
Entwickelter Wünsche und schneller Affekte,
Die einstens die Urgier des Chaos erweckte;
Ich fürchte euch nimmer, ihr Dunstelefanten,
Ihr Rüsselbeschnüffler von Felsrückenkanten!
Ich trotze den Riesen und Nebelgischtbären:
Bald wird sie das Licht meiner Leier verzehren;
Ihr Albatrosscharen auf blutigem Meere,
Ihr Tauwindflamingos und Schaum-Eiderheere,
So kommt mir doch näher! Ich will euch belehren
Und allen die Glut meiner Liebe gewähren!
Ihr Tigergespenster aus sumpfigen Auen,
Erscheint, denn ich will euer Katzenfell krauen.
Delphine, durchschwimmt unsre geistigen Fluten,
In denen Gesänge wie Sonnen verbluten!
Vernehmt nun, ihr Sperber und Schwäne, ich sterbe:
Ich sterbe, ich sterbe; ich weiß, ich verderbe!
Ihr Windwölfe, heult nicht, ich atme ja schwer:
Es werfen sich Panther, zu Paaren, ins Meer!
O Leier, mein Lied, so beschwöre die Löwen!
Zerreißt mich nicht, weibliche Samtleoparden:
Zurück vor dem flammenverheißenden Barden!
Mein Gott! Ich vermag nun mein Lied zu gewahren,
Schon glimmt es und strähnt sich zu goldenen Haaren:
Nun steigts in die Mähnen von Nordlichtgeschlechtern,
Von geistigen Kämpen und Wahrheitsverfechtern.
Schon bleicht und entweicht auch die nächtliche Bräune:
Der Lenz meines Liedes erweckt alle Zäune,
Die grünenden Bäume beginnen zu blühen,
Und Kühnheit in Jünglingen hold zu erglühen;
Ich kann meine strahlenden Völker verkünden,
Ihr herrliches Werden im Weltschoß ergründen!
Nun steigt ja die Glut, die das Weltall vereinigt
Und Seelen von tierischen Nachtlastern reinigt!
Ein nordlichtgestaltetes, sprühendes Leben,
Ein mündiges Volk mit beflügeltem Streben
Verleiblicht mein brünstig empfundenes Lied,
Und seht doch, schon seh ich, wie alles geschieht!
Die Erde verbildlicht sich klar in Gestalten,
Die männlich ihr Wahrheitsgut sehn und verwalten:
Sie scheinen im Rahmen des Tages zu ruhn
Und schon durch ihr Dasein die Erbpflicht zu tun.
Ihr Wesen beflügelt unendliche Taten!
Aus Seelen erhebt sich ein freies Geraten.
Die Umwelt empfängt ihre geistige Nacht:
Durch sie ist Vollendung und Dauer erwacht!«
Nun kniet der Verkünder verzückt auf der Erde;
Er küßt sie und ruft: »Alle Wesensgebärde,
Der Weg eines Tieres, das auflauern geht,
Der Biß jeder Schlange wird hier zum Gebet!
Ich danke euch Feinden des menschlichen Leibes
Und sorglosen, dämmrigen Urwaldverbleibes,
Ihr habt uns verdoppelt und höher gebracht!
Und was haben wir an euch hilfreich vollbracht?«
Nun sucht eine Geierschar Orpheus die Leier,
Voll Gier, zu entreißen. Der Wesen Befreier
Jedoch hat sich wieder vom Boden erhoben,
Um Freunde und Feinde erseligt zu loben:
Nun schmeicheln sich Tiger behutsam heran,
Auch Pfaue umschwärmen den sehenden Mann,
Da singt er: »Wohl haben mich tausend Gewalten,
So Feinde wie Freunde, im Dasein erhalten,
Und ging ich mit euch durch den herrlichsten Wahn,
So lenkten mich Böse auf fruchtbarer Bahn!«
Da tönt es vom Felsen her: »Pan!«
Doch Orpheus singt weiter: »Ihr treuen Hellenen,
Ihr sollt euch das orphische Völkervolk nennen!
Doch ändert sich bald der Geschlechter Gehaben,
Mein Lied aber wird keine Zukunft begraben;
Ich sehe ihm sternenher Fremdlinge nahn:
Der orphische Sang ist ein weltweiser Schwan.«
Da tönt es im Abendwald: »Pan!«
Und Orpheus fährt fort: »Alle freundlichen Rassen
Beginnen von heute an, Wurzel zu fassen:
Was kommen wird, stamme vom orphischen Tage,
An dem ich zu sterben und Ich zu sein wage!
Drum müßt ihr mich heut noch dem Martertod weihn,
Sonst wäret ihr nimmer vom Vatermord rein,
Denn würde, schon morgen, von orphischen Sprossen
Das Blut meines Leibes, auf Erden, vergossen,
So wäre die Menschheit für immer verflucht:
Und ich habe Unschuld zu hegen versucht!«

 

        S chon ist nun die Sonne gesunken,
Das Licht in den Fluten ertrunken.
Der Wind saust; und draußen das Meer.
Ihr Brausen tönt doppelt und schwer.

Der Tag hat, durch Morde verdrossen,
Ermüdet sein Auge geschlossen;
Wie Wimpern zusammengepreßt,
Verschließen es Windwolken fest.

Der Abend ging blutlos verloren!
Die Liebe hat Paare erkoren:
Wer hat, durch sein Hoffen berauscht,
Wohl kaum auf den Sänger gelauscht?

Nun geht ein so mildes Verstehen,
Wie Ruhe vor großem Geschehen,
Auf einmal vollbracht, durch den Wald:
Du horchst, ob kein Urruf erschallt!

Der Wind springt jetzt lustig durch finstre Gefilde,
Und heitre Mänaden beginnen ihr Lied:
»O Sänger der himmlischen Liebe und Milde,
Verschenk dich der Nacht, da die Sonne verschied.

Erzähle, warum diese lustigen Winde
Auf einmal ein jammerndes Klagen durchkreuzt!
Dein Lied, holder Sänger, ist sieghaft und linde,
Und doch hast du oft, tief in Schwermut, geseufzt!

Wie scheinen sich Winde und Lieder zu gleichen!
Sie suchen die Liebe, die leise entrinnt.
Was möchten wohl Schmachten und Singen erreichen?
Sei Mädchen erfreundlicht und huldvoll gesinnt.

Ach Orpheus, besinne dich einsamer Nächte!
Wie war dir so oft vor dem Fortträumen bang!
Du hofftest, daß Schlummer dir Glücksstunden brächte,
Bis spät schon ein Seufzen dein Atmen durchdrang.

So ist einst ihr Traumbild zu dir sanft gedrungen!
Dein Liebchen: und seufzte. Als wärt ihr erwacht.
Da hast du die Maid, hold im Schlummer, umschlungen,
Dein Herz und ihr Atmen zur Ruhe gebracht.

Nun sind unsre Lieder dein Stöhnen im Walde.
Erhör mich, daß Sehnsucht uns nimmermehr täusch!
Du schmachtest, ich liebe: wir sterben so balde;
So leidet auch, liebt urgeheimes Geräusch!
– Orpheus! –«

 

        E s wurde Nacht. Verdeckt sind Sterne und Mond.
Die Hirten liegen, um Orpheus lauschend, gelagert.
Schon starrt alle Schroffheit tief finster betont:
Auch scheinen Zypressen im Schwarz abgemagert.
*
Ein Jüngling spricht –: »Ach Orpheus, milder Meister,
So sag, wozu versteigt sich unsre Flur?
Wo bleibt der sanfte Sang erlauchter Geister,
Ein Liederhauch, der mild vorüberfuhr?!«
Und Orpheus sagt: »Mein Herz ist schwer beklommen:
Nun harrt ein Sturm im dunklen Wolkenmeer,
Sein Nahen hat die Seele bang vernommen;
Im Walde rüstet sich der Feinde Heer.
Sahst du am Abend nicht die Sonnenspangen?
Sie hielten Wolken lange eingepreßt.
Schon war die Furcht vor Sturm in mir vergangen,
Doch wehe, wenn der Tag uns jäh, wie heut, verläßt!«
Was glitzert jetzt gerötet durch den Wald?
Mänaden scheinen Feuer anzufachen.
So manche hat die Rüstung umgeschnallt
Und denkt sich rasch zum Kampf bereit zu machen!
Nun fangen tausend Weiber an zu lachen.
Auf einmal alles still: kein Lärm im Wald.
Doch was? Nun scheint man Fackeln zu erheben!
Wer hat sie, Fäusten gleich, emporgeballt?
Mänaden oder wer? Was fängt drin an zu beben?
Ach nein! So kommt noch nicht der wilde Sturm!
Nur wackelt wohl schon mancher Dunkelturm,
Und es entkriecht ihm auch sein Wolkenwurm,
Doch meistens legt er sich um Felsenkuppen,
Als wäre so ein Gipfel sein Gehäuse.
Auch hängen dran verkrampfte Wolkengruppen,
Wie schlafumfangne, finstre Fledermäuse.
Da spricht der Dichter: »Stürme, fangt doch an zu heulen!
O Wolken, die ihr Hügel überdacht,
Heut schützt ihr keinen stummen Riesen über Nacht!
Schon zittern und bald knittern Nebelsäulen:
Mein Herz, bestehst dus, deinen Weltbruch zu betrachten?
Begänne doch das Sturmeswüten und das Schlachten!«

 

        O Nacht, o unendliche, herrliche Nacht,
Bald wird dir die Menschheit Genesung verdanken!
Du fügst ja, was stürmisch vom Lichte entfacht,
Ursprünglich, lebendig, auf Erden erwacht,
Allmächtig, allmählich, in zwingende Schranken!
Du willst alle Stürme des Tages entladen!
Du suchst deine Ruhe in ewigen Kreisen!
Du singst deiner Schönheit unendliche Weisen,
Um stumm deine stille Vollendung zu preisen!
Es dichtet der Sänger: »Ihr mögt mich zerreißen,
Jetzt siege die selig erhabene Nacht:
Ich habe den Menschen ein Machtwort gebracht,
Nun sollen es andere rauschend verheißen:
Schmerzstillende Mutter, am Ende der Schlacht,
O Nacht, wieder ringsum gestirnte Nacht,
Ich kann dir allein mein Geheimnis beklagen,
Wer Bacchus ist, dir, die es ahnen muß, sagen,
Denn er ist so alt wie du selber, o Nacht:
Und wo deine Jugend im Urwalde lacht,
Ist Bacchus in Sternen und Blumen erwacht.
Er ist ja die Schönheit und Reinheit der Dinge,
Der Schmelz alles Frischen, die Würde des Alten,
Der Ewigkeit alles durchdringendes Walten:
O laß, daß ich Bacchus, erbleichend, besinge!
O Dionys, Liebe des Mannes und Weibes,
Gynandrische Sehnsucht der beiden Geschlechter,
Enthüllung der Weiche des weiblichen Leibes,
Geschickeverflechter und Freund von Gelächter,
Erfüllung der Reize erblühter Epheben;
Asketenverächter und Traumpalastwächter,
Du Wiedergeburt und du ewiges Leben,
O lasse mich jetzt durch dein Seelenreich schweben!
O goldener Gott, große Sonnenerscheinung,
Du endliche Streiter- und Heldenverneinung,
Du männliche Wärme, du Erdenentsprießen,
Ich konnte dich lange als Wandrer genießen,
So schicke den Tau, deinen himmlischen Regen!
Eröffne die Erde! Ich forsche nach Wegen
Zum Reich des Empfangens und Wonneverlangens:
Nun will sich der Wandrer zu Wartenden legen!«

Ende des Intermezzos

 


 

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