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Das Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe)

Theodor Däubler: Das Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe) - Kapitel 10
Quellenangabe
typeepic
booktitleDas Nordlicht (Genfer Ausgabe)
authorTheodor Däubler
year1921
firstpub1921
publisherInsel Verlag
addressLeipzig
titleDas Nordlicht. Erster Teil. Das Mittelmeer (Genfer Ausgabe)
pages1239
created20120317
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20140924
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Neapel

        D u herrschendes Kind im erwachsenen Leben,
Du strahlender Knabe, unglaubliches Meer,
Du hast dich für ewig dir selber ergeben,
Drum bist du so furchtbar unnahbar und hehr.

Erstaune nicht, Kind: nun erscheint ein Gespiele.
Er ist nicht so wild wie der kleinliche Wind.
Er schwellt nicht, es schnellt keiner Fernenlust Kiele,
Er ist wie der Mittag so sinnig und lind.

Sei innig, o Meer, und sei minnig und leise.
Es liebt dich ein Sänger voll Sehnsuchtsgesang,
Die Bitternis schwellt seine weibliche Weise.
Nun sei dir nicht mehr, Meer, um Leidesklang bang.

Entzücke mich, Meer, und sei Freund und Gespiele!
Mein scheuestes Lied, dir ergibt es sich ganz.
Du willst keine Liebe. Du wiegst viele, viele!
Du bist nur Gespiele. Dein Spiel ist dein Glanz.

So sei die Gespielin! Ich will dich genießen.
Sei mehr als Gespielin: mir wird bang und schwer.
Du kannst als Geliebte die Augen nicht schließen.
Stets mehr bist du Meer. Denn ein Meer ist das Mehr.

 

        Z um sternigen Himmel italischer Nacht
Versteigt sich der duftige Odem Sorrents,
Soeben sind Boten des Tages erwacht,
Und wunschvergnügt freun sich die Kinder des Lenz.

Schon schwellt der Orange benebelnder Duft
Fast heimlich herbei und berauscht meinen Sinn,
Hier kühlt stiller Lorbeer die windliebe Luft,
Und Myrten enthaucht es, kaum merkbar: ich bin!

Ins traumhafte Dunkel der Nachtigall dringt
Das klagende Brausen der jauchzenden See:
Den Grotten, den Orgeln der Brandung, entringt
Der Herschwall der Sehnsucht sich ewig und jäh.

Smaragde umschwirren das traumhafte Blau
Vom sacht, noch im Schlaf, sich betauenden Grün.
Und ruhn traut die Tierchen, auf blühender Au,
So können sich Kelche mit Sternlein umglühn.

– Jetzt tagt es, – denn überall sickert das Licht
Ins traurig vergrauende Blauen der Nacht,
Da flüsterts auf einmal im Heckengeflicht:
– Nun kommt schon der Morgen, – ihr Wesen, gebt acht!

Das sind keine Rehe, – das Leben beginnt! –
Was knistert? Wer flüstert? – Was ists, das verstummt?
O seht, wie sich etwas besinnt und entspinnt,
Ich liebe dich, Biene, die immer noch summt! –

Die Sterne verschwinden wie Mythen im Grau,
Nur Sirius, der funkelnde Winterdemant,
Erwartet, wie morgens der Blick einer Frau,
Den Tag, der die Welt, als Gestalt, übermannt.

Die bleiche und träumeumschleierte Erde
Besinnt sich des eigenen Ichs und erwacht:
Dahin ist die Nacht, die Lichtwimmlerherde.
Die Erde, der Tag, der sie freit: alles lacht!

Sie sehen sich, fassen sich: beide erröten!
Ein wonniges Atmen entschnürt sich der Braut,
Mir ists, als ob Wesen zum Gruß sich erböten:
Leicht neigt sich der Lorbeer, im Walde wirds laut!

Auch schüttelt der Wind die verwelkenden Blüten
Von tauüberschimmerten Bäumen herab:
Jetzt regnets beinah, und dir ists, als verfrühten
Die Lichtbringer fast ihren hastigen Trab.

Schon streichelt der Tag nun, mit wonnigem Arme,
Sein innig ergebenes, herrliches Weib,
Und lauter berauschende, wonnige, warme
Gefühle umhauchen den weiblichen Leib.

Die See selbst durchzittern jetzt Wonnegefühle.
Die Felsen und Höhen sind sonnenbestaubt.
Und steil über Dünsten, wie Nachtlagerpfühle,
Erhebt der Vesuv das lebendige Haupt.

Sein Rauch ist so weiß wie ein bräutlicher Schleier
Und flockt durch die Wolken, ersilbernd, herab,
Auch nahen noch Knappen des Tages, als Freier:
Sie kommen zur See, sie biegen ums Kap!

Die helleren Segel erscheinen zuerst.
Bei Capri entflammt sich das mächtigste Schiff.
Du Held, der du stolz deine Schlachtflotte mehrst,
Bedroht dich kein Strudel? Ein Seewirbelriff?

Das segelt, entblendet der finstersten Bucht.
Das ist unsre Große Armada des Lichts,
Sie schlägt, was gespenstert, sofort in die Flucht,
Denn seht doch, schon bleibt von der Dämmerung nichts!

Doch wächst sie noch an!
Wir sehn ihre Macht:
Im Sonnenlichtbann
Gewinnt sie die Schlacht!

Da kommt der Korvetten verschlungene Reih.
Mit schneidender Brise, mit stechendem Strahl
Erfüllt sie die Tat, daß nun Sonnentag sei!
Und immer noch mehrt sich der Lichtschiffe Zahl.

Mit schlängelnden Hälsen, auf schäumendem Gischt,
Zerreißen die Schwänegalionen die See,
Die seidig ergleißend und glutuntermischt
Noch dalag wie milchige Weiten im Schnee.

Jetzt spielen die Schwäne mit Silbergeschirr
Und reißen noch immer mehr einwärts ins Meer:
Wie schwirrt ihr Geklimper und schrilles Geklirr
Ringsum mit den Schiffen des Lichtes einher!

Wie hold mich der sonnige Morgen erfreut!
O seht, jener Wölkchen italische Pracht,
Sie scheinen ja Fächer, mit Flitter bestreut,
Und alles am Meer, alles Strahlende lacht.

Wie selig durchschauert mich irdische Liebe!
Jetzt feiern der Geist, unser Wind ihren Rausch:
Das Werde-Du bricht flink ins Lichtergetriebe,
Der Wind hüpft vergnügt durch sein Wellengebausch.

Jetzt spielt meine Seele mit Pinien im Walde
Und flüstert im Herzen den Sang eines Baums,
Wir beide verstehen dich, Mutter! Und balde,
Italia, umsprüht dich der Hauch meines Traums.

O Pinie, ich stehe auf südlicher Erde,
Wie du, voller Wurzelgesundheiten, fest
Und träume mich fort, über Lust und Beschwerde:
Ich fiebre und flüstre wie du im Geäst.

Du atmest die freiesten Lebensergüsse!
Wohl meint deine Schlankheit den krönenden Geist
Mein Baum, du empfindest fast Seelengenüsse,
Du bist ja ein grünender Psalm, der sie preist!

 

        O b, verliebt in Menelaus,
Paris oder Fausten,
Wollustküsse jemals ganz
Helena berauschten?

Durch die Ahnung ward das Glück
Immer ihr verbittert,
Hat sie doch am Mannesmund
Hades' Hauch gewittert!

Aber ihr Trabantenchor
Schwelgte in Genüssen
Und vergaß im Augenblick
Völlig sich im Küssen.

Einzig im Erinnern kann
Glück sich still erhellen,
Freuden, die ein Mensch ersehnt,
Träumen nur entquellen!

Was sich sacht und langsam sucht,
Faßt sich keusch und zagend,
Plötzlich erst entflammt Genuß,
Alles überragend!

Holde Braut, dein Eigenglück
Loht in der Pupille
Und vermählt sich wehmutsvoll
Meiner tiefen Stille.

Eines Dunkels Trauerlaut
Perlt in deinen Augen,
Ist es doch, als müßte ich
Licht und Leben saugen!

Still im Weib und unberührt
Ruht in ihm ein Friede,
Doch die Liebe haucht ihn weg –
Faßt ich ihn im Liede?

Gilt ein solcher Abschiedsblick
Deinem schönen Leibe?
Fort, beseligter Gesang:
Leben, o verbleibe!

Ahnt die Seele liebend gar,
Daß sich Licht verzehre?
Daß die Schönheit, rasch verhaucht,
Nimmer wiederkehre?

Ragst du, mit dem schlanken Leib,
Weib, doch aus dem Staube,
Und der Jugend schwanker Hauch
Wird sich selbst zum Raube!

Hält, wenn Herz an Herz sich preßt,
Jugend uns umschlungen,
Hat ein Sein sie uns schon oft,
Werdend, abgerungen!

Fort ist unsre Jugend, fort!
Jäh uns weggenommen:
Und in Schöpfungen vielleicht
Über uns erglommen!

Als, noch keusch, an Hellas' Strand
Dies ein Mensch verspürte,
Wars, als ob ihn Wehmut still
Zu sich selber führte.

Und da trat er in den Traum,
Wo die Götter wohnen,
Und die Todeshauche sacht
Liebende verschonen.

Ja! Er sah von Meer und Flur
Schleier auferstehen
Und im Frühling keusch und zart
Den Olymp umwehen.

Und er hörte, wie der See
Wellenwiege rauschte,
Als sich Venus sie fürs Bett
Blumger Pracht vertauschte.

 

        D ie Sonne glüht die Weltgesetze.
Ihr strenges Antlitz gibt sie kund.
Gebote, die man nie verletzte,
Verkündet sie mit Feuermund!

Doch ihre großen, goldnen Strahlenarme
Ergreifen Hände einer andern Welt,
Sie schweifen zu verwandtem Flammenschwarme,
Den ihnen fern ein Stern entgegenschwellt.

Die Sonne birgt, in reichen Lichterhüllen,
In Lebensfalten, die sie schön entrollt,
Geschöpfe, die ihr Lichtgebot erfüllen,
Beschlüsse, die ihr heißer Kuß gewollt!

Ihr waren Kindersterne urverbunden:
Umfaßt von sonnengoldner Mutterwand,
Umrundete die Erde eigne Kunden,
Doch nie verletzte sie ihr Liebesband.

So mag uns Liebe wieder sonnwärts tragen,
Schon flieht die Seele unsre Erdgestalt.
Im Menschen wird der Geist der Sonne tagen;
Der Mann gibt, durchs Gesetz, der Welt den Halt.

Die Sonne ist das Ich der zarten Blüte:
Ein Tief-in-uns, das jubelzu sich drängt,
Die Güte, die einst meinen Stern umglühte
Und seiner Hülle dich, den Kern, entzwängt.

Den Sternen wird des Menschen Ursinn munden.
Doch hat er einmal erst sein Ich erbracht,
Da pfingsteten im All der Erde Kunden:
Das Wort über der Welt ist kühn erwacht.

Zu einem Herzen wird vom Sternenkreise
Das Licht, als Wirklichkeit im Geist, gebannt.
Erst durch der Seele Ruf, im Glutgeleise
Der Erde, hat sich Welt zum Werk bekannt.

O Sonne, du erteiltest den Planeten,
Aus deiner Vollheit, andres Sondersein:
Das Erbtum, eingeknetet, zu vertreten,
Muß jeder kühn als jüngster Stern gedeihn.

Du Fordrungssonne, hoch vom Schenkungsfluge,
Verheißt du Sternen ihren Kindungskuß.
Durch dein Gebot geschiehts im Blutvollzuge,
Daß sich der Freiheitsschrei ereignen muß!

*
Als Lied erblüht, was seltsam ist im Wesen,
Dem Sonnenantlitz bleibt es keusch vertraut:
Du kannst zur Glut im Sonnenkuß genesen,
Hast du im Blut dein Gutsein sanft erschaut.

Wie unergründbar walten Sonnenseile,
Die uns auf Seelenhöhen frei gebracht;
Das Licht ist ich-erspürte Weltensteile:
Bewärmend rings, bis es als Strahl erwacht.

Der Herzen Seltsamkeiten sind erkoren,
Des Menschen Freiheit kühn uns darzutun.
Ein Held ist stolz den Sonnen zugeboren:
Der Adel wird auf Wandel alt beruhn.

Die Menge doch bricht auf zur Sonnenscheibe,
Der Mensch erheischt für sich ein weites Wohl.
Er selbst vollendet sich in seinem Weibe
Und macht das Gold zur Sonne und zum Pol.

Wohl gleicht das Gold erstarrten Sonnenstrahlen,
Gold wollen ist oft Sonnensohnespflicht,
Für Lust erleiden wir auch Schmerz und Qualen,
Denn so will es das Licht: ist Lust doch Licht!

In uns erglüht die Freudenfeuerkette,
Der Erde stummer Kuß zur Sonnenglut,
Und Sonnenwandlung bringt uns sanft zur Stätte,
Wo, unser harrend, Glück auf uns beruht.

Doch hat der Ring der Freuden goldne Schranken,
Gar eng ist drum der Kreis vom Erdenglück:
Selbst Starke, die ihm nahekommen, schwanken,
Denn Sonnerkorne stoßen sie zurück.

Bloß wer zu seinem freien Stern geboren,
Der jauchzt und jubelt unentwegt:
Die Lust wird Licht – sie lacht: in Feigen, Toren!
Das freut mich, daß sie so die Welt bewegt!

 

        O Sonne, Sonne, großer Lichtgedanke,
Der du das Unding zur Gestaltung raffst,
O wüßtest du, wie brünstig ich dir danke,
Daß du ein Kind durch meine Liebe schaffst!

Des Weibes stummer Blick hat mir verraten,
Daß meine Sehnsucht heilge Wurzeln treibt,
Daß Träume wunschhaft sich als Keim bejahten,
Und daß ein Wunsch von dir sich mir beleibt.

Du Kind, mein Kind, du Frucht von meinem Wesen,
Erstehe stark und hold im Mutterschoß:
O du mein Schmerz, sei endlich mein Genesen,
O ringe, ringe dich in Jubel los!

Dann schmieg ich mich, ein Glücklicher auf Erden
Durch die Erkenntnis, an das Lichtgebot:
Einst gabs der Sonnensohn den Sonnenherden,
Wie es am Sonnenantlitz, wechselnd, loht.

Wir Menschen wurden die Beschlußverkünder
Des Daseins, das sich überm Licht erwägt,
Die Einfalt und die Geistigkeitsergründer
Der Dinge, die den Tod in uns gelegt.

Gebt ab, ihr Seelen, was ihr kurz empfunden,
Vertieft in euch, was ihr berauscht erfuhrt,
Uns bleibt der Geist nach euerm Tod verbunden:
Die Echtheit strahlt in jede Nacktgeburt.

 

        E iner Frucht, die reif ist, ähnlich,
Stürzt die Sonne in die See:
Unerdenklich, unerwähnlich,
Ist es abends Abschiedsweh.

Schatten, die uns überraschen,
Da das letzte Licht versinkt,
Scheinen Hände, die erhaschen,
Was im Äther rasch verblinkt.

Wie von lauter Flammenbündeln
Ist das Düster überloht.
Seh ich Argwohn uns bezündeln?
Ob in Wolken Unheil droht?

Fällt der Aar getroffen nieder,
Schwingt das winzge Volk der Luft
Gleich das flitternde Gefieder,
Und schon schwirrts in Kluft und Schluft.

Alles Flimmern, das geblieben,
Dieses letzte Zwitterlicht,
Wie es Flederwische lieben,
Ist auf Haar und Schmuck erpicht.

Weiberaugen, Schminkgesichter,
Federfahne, Ring und Knopf,
Gleißen ärger-öffentlicher,
Widersinn bezwingt den Kopf.

Zwischen Menschen, Wellen, Enten
Hält kein Hirn den Rätseln stand!
Wär es endlich doch, als trennten
Lauter Sterne Meer und Land.

Schmale, kahle Dünen schmiegen
Ihren Leuchtturm dünn ans Meer,
Und ein Glockenschwall von Ziegen
Tönt vom Tale leise her.

Ängstlich wimmern diese Glocken:
Ob ein Heimchen mich umschwirrt?
Nein, ich höre nun Frohlocken,
Eben singt der muntre Hirt!

Schlug ein Held, klug eingebuchtet,
Dort dereinst sein Seegefecht?
Denn jetzt hebt sich, hier entwuchtet,
Plötzlich ein Gewaltgeschlecht!

Still! Die Recken sind Zypressen,
Die in Gruppen wartend stehn
Und den Sonnensturz von Pässen,
Stolz und stumm-verwundert sehn.

Doch sie ringen aus dem Boden,
Sich entwurzelnd fast, empor!
Wollen sie zusammenroden,
Was sich dort an Blut verlor?

Still mein Blick! Denn schwer verbluten
Wolkennarben überm Meer,
Und in letzten Farbenfluten
Schwimmen Knaben hin und her.

Zwischen goldnen Plätscherkronen,
Die ein Tintenblau erwühlt,
Kann sich Schweiß der Plage lohnen:
Kühl wird er hinweggespült.

Seht, das Meer tauscht mit den Wipfeln
Seinen ersten Windesgruß,
Und die Dämmrung gibt den Gipfeln
Ihren blutgen Abschiedskuß.

Doch nun glimmt es vor Altären
Unsrer sanften, lieben Frau:
Stimmen, Wesen, die sie ehren,
Bringen selber sich zur Schau.

Und die Stadt, die sich erhellte,
Gleicht im lichten Nachtgewand
Jetzt von selbst dem Himmelszelte
Mit dem Sommerdämmerrand.

Drüben am Vesuve schwellen
Klammeradern blutig auf,
Seines Wesens Grimmeswellen
Lenken unsern Schicksalslauf.

Er vergräbt sich wild in Pläne
Und erfüllt sie auch sogleich,
Seines Hauptes Schlangenmähne
Unterwirft das Sonnenreich!

In Geschicke fügt er immer
Noch sein strenges Wirken ein,
Stirnenrunzeln, Wutgeschimmer
Sind uns bloß der Widerschein.

Urgefüge erste Bleiche
Fühlt auf einmal Daseinsnot:
Schwanger wird die Wolkenweiche
Gleich und tief vom Geist durchloht.

Dumpfer Allmacht Liebesschäume,
Dunstig, zart: ein Duftgedicht!
Reckten sich, als Lebensträume,
Stracks zur Buhlschaft mit dem Licht!

Zucken immer noch Entschlüsse
Durch des Berges Flammenhaupt?
Drohen uns die Lavaflüsse?
Dort! Und grauenhoch verschraubt!

Kann er gar das Schicksal lenken,
Rührt er langsam seinen Arm?
Welches Volk will er ertränken?
Wo versinkt ein Inselschwarm?

Taucht er Skandinaviens Küsten,
Für Atlantis, aus der Flut?
Mag zum Südsturz er sich rüsten:
Wohin gärt sein Lavablut?

Wutgeburt, Vesuv, es ringeln
Würmer dein Medusenhaupt,
Städte, menschenvoll, umzingeln
Dich, den Wust, der Blust verschnaubt.

Tod und Gift verspritzen Schlangen,
Die in deiner Nacht entstehn:
Lauernd auf den Raub gegangen,
Sprühn sie, wenn sie Leben sehn.

Angeschlemmt mit Züngelflammen,
Selber fast ein Lavabrei,
Drehn sie sich als Strunk zusammen,
Und dann bersten sie entzwei.

Flammendrache, grauser Wühler,
Nur aus Wucht: ein roter Schein!
Deines Grundes Lavafühler
Greifen in das Dasein ein.

Was zerstörst du hier im Leben,
Schäumender Verderbniskrug?
Menschen, Tiere, Wald und Reben
Tötet schon dein Atemzug.

Bis zur Meersirenensippe
Kann sich rot dein Gold verziehn,
Haschhaft auf der Wellenwippe
Wollen Weiblein damit fliehn.

Ja, sie balgen und sie streiten
Raschelnd sich ums Aftergold,
Netze können sie entbreiten,
Und kein Schein, der tollt, entrollt.

Doch der Berg bleibt unheillenkend,
Unerbittlich glutverhüllt:
Wechselweise sich verschenkend,
Ist das Sein mit Schreck erfüllt!

 

        E s schlingen durch Liebe verkettete Stunden
Ein wonniges Band durch die innere Nacht,
Nun können sich Sterne der Unschuld bekunden,
Doch trüben wir gerne, was ferne erwacht.

Die keuschen Gefühle sind winzige Sterne,
Sie können kaum blinken und winken sich zu,
Sie lächeln wie Kinder in lautloser Ferne,
Sie weinen ein wenig und gehn dann zur Ruh.

In uns Urverliebten, in mir und im Weibe,
Beginnt unser Walten im Herzen den Stern.
Wohl bittet mein Weib, o verbleibe mir, bleibe!
In mir aber stürmt es: erferne den Herrn!

Hoch oben! Sie lächeln, die Kleinen, die Freien.
Sie folgen der Mutter natürlichem Wink.
Sie nicken bescheiden in kindlichen Reihen:
Da sind wir und freun uns am eignen Geblink!

Die Sonne ist wolkenreich westlich gegangen,
Doch schleppt sie im Sommer noch Goldschleier nach,
Drum sehn wir auf Möwensee Schaumkronen prangen,
Doch schwindet auch dieses Gefunkel gemach!

Durch innige Küsse der Liebe verschlungen,
Sind Wärme und Lüfte die Buhlen der Welt,
Damit in den triftigen Felsniederungen,
Selbst früh, nicht die Warmbraut dem Lichtgott entfällt.

Wir sehen in Liebe erglühende Sterne,
Still auch der Planeten treuhaftenden Blick,
Und Inseln und Berge in nebliger Ferne:
Das Sterndicht erfüllt, ich erfahr sein Geschick!

Das ist es! Das ist es! drum sind wir geboren:
Die innre Bestimmung entgraut sich stets mehr!
Kein Blick, auch kein Einblick, geht jemals verloren:
Wie kindlich sind Sterne! Und wissend das Meer?

Umblaut euch, ihr Augen: nicht sehn und nichts merken!
Geheimnis, mir herrlich im Weibe erhellt,
Wir können erleben, beleben, uns stärken:
Wir sind zweier Menschen geschlossene Welt.

Wie herzhaft erleiden wir Rätsel der Freude:
In dich leg ich alles, ich bin ja durch dich!
O Freude, o Freude, ihr Traumesgebäude,
Gabs je ein Gedicht, das mit euch sich verglich?

Wo du mich durchwitterst, da bin ich der Meine:
Verschiedene Seelen empfanden einst mich,
Doch du bringst mein Wesen: entkleidet vom Scheine!
Mein Weib, ja ich weiß wohl, du selber bist »Ich«!

Ein rätselndes Schwingen, Erleiden und Fliegen
Erläutert uns leuchtend, erklärlich und wahr,
Ein irdisches Sich-in-der-Ewigkeit-Wiegen
Betäubt, was sich eben dem Tage gebar.

Du dunkelerfunkelte, sterneversprühende,
Dich selber zum Tempel verzaubernde Nacht,
Auch ich bin! Und habe dir glücklich erglühende,
In sich lustverzückteste Hymnen gebracht.

Gespenster des Forderns, zu Lüsten gesteigert,
Ihr kommt über uns! Grundgesondert! Erscheint!
Wenn nichts eurer Brunst, in uns selbst, sich verweigert,
Sind Körper getrennt und die Seelen vereint.

Getrennt ist die Welt, doch sie schickt ihr Gefunkel,
In Schnuppen beseelt, in sich selber zurück:
Wohl weiß das Erstrahlte sein innerstes Dunkel
Und schwellt – und erzittert sich ewig sein Glück!

 

Kosmisches Kind

        O Mensch, du trägst die Sterne durch Gedulden!
Dein pochend Herz verknüpft sich Himmelscharen,
Der Mund wird ihr Ergeistern offenbaren:
Die Urruhe geschieht in Schlummermulden.

Des Menschen Herz beflügelt sich mit Feuer!
Du Eigentum der Sterne, lebst den Himmel,
Du bist die Einfachheit im Lichtgewimmel:
Der Sanfte hält das Weltnachtungeheuer.

In unsern Seelen bergen sich die Sterne:
Sie können schimmern, dürfen lieben, leiden;
Ein Ich versammelt sie zu Freundschaftseiden:
Vereinte Freude überflügelt Ferne.

Warum der Sternenkranz so angsthaft flimmert?
Du fragst darum? Er glimmt auf Weltenscherben!
Die Flammenhast birgt tödliches Verderben:
Die Sterne sind um deinen Schlaf bekümmert.

*
Die Weltgeborgenheit ist Kindesschlummer!
In ihm verweht das Sterben, nebelt Leben.
Das Wunder: Schlummer! Zwischen Sternen schweben
Befriedigt Sonnen, macht uns zukunftsstummer.

Dem junggebornen Monde gleicht ein Kindelein:
Noch birgts der Nächte Samt im Mutterschoße.
Sein Glimmchen schwimmt im Schlummerflussesfloße;
Doch träumt es nicht in Mondes Silberwindelein.

Der Mond vermocht es, Eltern zu bescheren:
Nun hats schon unsichtbare Seidensachen;
Es krümmt zur Sichel sich und auch zum Nachen,
Um sich als Wanderer zum Tod zu kehren.

Die Milch von Vollmonden schwellt Mutterbrüste!
An ihnen wird das Kind zu sich gelangen,
Durch Mondeshuld den Trunk, sein Hemd empfangen:
Dem Weltgelüste sternt die Weibesbüste.

*
Bald wird mein Kind im Schutz Merkurius' tändeln,
Gar hurtig Sinn in Schlummerpausen bringen;
Der Sonne nah, weil froh in lieben Dingen,
Doch schlafverwandt, noch kurz durch Welt zu pendeln!

Komm zu Verstand: die Liebe kernt im Leibe!
Sei Jüngling, der den Knaben männlich rüstet,
Bevor das Weib sich seines Sternes brüstet:
Es wünscht dich liebend, daß der Sieg ihm bleibe!

Durch Sonnenjahre magst du wachsam schreiten,
Auf Ährenglut in Sommermilde blicken,
Zu Kindern hoffen, kommenden Geschicken:
Die Braut in Mondschleiern soll dich begleiten.

Das Kriegsgestirn in dir will dich zerbrechen!
Bleib sonnenstark, vernunftbegabt, besonnen.
Durch Jupiter wird die Verjüngung kühn begonnen:
Saturn läßt dich die Weisheitsworte sprechen.

Die Menschen sind geknüpfte Sternenknoten:
Mit uns besteht der Welt Sich-Selbst-Durchnetzung.
Entlösung schafft gemußte Freiheitssetzung:
Du suchst Erschlingungen zu Sterngeboten!

Ein Ich ist Erzengel im Himmel – Seele.
Durch seine Macht wird das Gestirn bezündelt:
Zum Menschen strahlen Ichtümer verbündelt,
Umwähle eins, das sich, erwußt, entschäle!

Aus Ichgewichtungen ersternen Ketten,
Die weltenbeugend eins ins andre schalten.
Doch Ichsein heißt: geglaubtes Gut verwalten,
Um weltenzeugend Gott für sich zu retten!

Des Himmels Flammensprache fordert Frieden!
Der Kern der Sterne ist ein Ich in Ruhe;
Du fragst das Kind, suchst Gott, schöpfst Bildnis, Truhe:
Dem Schlummernden ist Schwung im Heil beschieden.

 

        H ier lacht die Nacht: das ist die Stadt der tollen Nächte,
Das ist das Land der Liebe und der Liebesrechte:
Jetzt fürchtet niemand mehr die großen Zweifelsmächte,
Noch weilt die Kindlichkeit im schaudernden Geschlechte.

Das herzt sich und lacht. Das tanzt auf der Straße.
Das nimmt sich aus Neigung und küßt sich zum Spaße.
Man liebt, um zu lieben, entjubelt dem Maße
Und ruft sich und winkt sich: das singt auf der Straße.

Das ist die Stadt mit dem gebrochnen Herzen!
Die Erde schämt sich, daß wir tanzen, scherzen.
Die Erde blutet ja vor Mutterschmerzen:
Das ist die Stadt mit dem gebrochnen Herzen.

So komme, so komme, die Reue ist ferne!
Ich habe dich gerne, wir haben uns gerne.
Die Nacht ist beruhigt. Schon flimmern die Sterne.
Wir jubeln und jubeln: die Sterne! die Sterne!

Das ist die Stadt mit dem gebrochnen Herzen!
Die Erde will nicht, daß wir herzen, scherzen,
Sie will uns aus der Herzensnähe merzen:
Das ist die Stadt mit dem gebrochnen Herzen.

Das ist die Stadt, wo ich ein Wesen knickte,
Wo ich beinah vor Bangigkeit erstickte:
Das war kein Kind, das aus dem Fenster nickte,
Das war die Schuld, die mir das Schicksal schickte.

Jetzt springen wir, wirbeln wir, drüber, hinüber!
Vorüber, vorüber, je schneller, je lieber!
Ich juble. Wir singen: ich werde doch trüber.
Ich denke nicht dran, und ich schwärme im Fieber.

Das ist die Stadt mit dem gebrochnen Herzen!
Die Erde will nicht, daß wir herzen, herzen,
Sie will uns aus der Herzensnähe merzen,
Sie blutet aus dem Herzen! aus dem Herzen!

Der Gram erfaßt mich. Ringsum wird es dunkel.
Nur selten blitzt es, wittern wir Gefunkel:
Du hörst und mehrst zugleich das Stadtgemunkel,
Auf einmal ward es überraschend dunkel!

Das Mutterherz blutet! Es blutet und blutet.
Das Unheil wird überall wortlos vermutet.
Was gibt es am Meere? Da grollts und man tutet,
Die Nacht ist vergraut, doch sie blutet! Und blutet!

Das ist die Stadt mit dem gebrochnen Herzen!
Wir können nicht fröhlich sein, jubeln und scherzen,
Jetzt fängt sich der Himmel an furchtbar zu schwärzen:
Das ist die Stadt mit dem gebrochnen Herzen.

»Du Heiliger, Schutzpatron dieser Gefilde,
Maria, du Königin ewiger Milde,
Beschirme die Stadt mit dem bräutlichen Schilde!«
Ertönt es vor manchem beleuchteten Bilde.

Wir wollen uns herzen, besitzen, vergnügen,
Wir lassen uns nimmer durch Flunkern belügen,
Wir müssen uns hier mit dem Fleische begnügen:
Ihr anderen laßt euch betrüben, betrügen.

»Du Mutter, die keine Gewalttat erfahren,
Beschütze, was fromm ist, vor Schreckensgefahren,
Erschaue Gerechte in törichten Scharen!«
Ertönt es: »Und lasse uns Trost offenbaren!«

Nun blutet das Dunkel. Das Mutterherz blutet.
Das Meer blutet auch, und man tutet und tutet!
Die Luft ist geschwärzt und von Schaudern durchglutet,
Der Tag ist verkohlt und die Nacht grell durchblutet.

Das ist die Stadt mit dem gebrochnen Herzen!
Das singt jetzt: »Wir wollen uns eilig noch herzen,
Der Tod ist so schwarz und so ledig an Scherzen!«
Es tönt: »Bringt der Jungfrau gesegnete Kerzen!«

Schon donnert die Luft, und schon tönen die Glocken,
So kann, was da jubelte, nimmer frohlocken:
Auch mag sich jetzt niemand zum Tändeln verlocken,
Nun blutet das Dunkel, nun grollen die Glocken.

Das singt Litaneien, beleuchtet die Straßen!
Wohl wagt es jetzt niemand zu lästern, zu spaßen,
Die Menschen, die lange das Murmeln vergaßen,
Durchmunkeln nun dunkeldurchblutete Straßen.

Das läuft aus den Häusern: die Freude ist ferne!
Das betet in jeder verrauchten Taverne.
Das tapft von Laterne jetzt stumm zu Laterne.
Auf einmal erschallt es: »Die Sterne! die Sterne!«

Das ist die Stadt mit dem gebrochnen Herzen!
Die Menschen fangen plötzlich an zu scherzen.
Das will genießen, jubeln, scherzen, herzen:
Das ist die Stadt mit dem gebrochnen Herzen.

 

        L ebensgold ist jedes Blatt, und es kann nicht sterben.
Alles Same: selbst der Stiel edles Sichverschwenden!
Was da weste, werden wir urbewußt ererben,
Ja, wir folgen immerdar innern Palmenhänden.

Ach es blüht, entzaubert sich unsre Lebenssäule.
Reinheitsrosen schmücken sie. Volle Keuschheitskelche
Überwuchern sich zum Wald. An der Sonne grasen Gäule,
Und im Schatten wittern still freie Friedens-Elche.

Todesschreie gellen tief! Dort in meinen Tiefen,
Hinter Fieberlinden, sind sicherlich die Nester
Dieser argen Hälslinge: ach, wenn sie doch schliefen!
Doch vernimm, sie schlafen ja! –. Schliefen sie noch fester!

Kaum in Fleisch verknüllt, entreißt Geist sich jäh den Eltern:
Was sich nur erhalten kann, mag sich schon besitzen!
O die Lust, doch auch der Tod, schäumt drum aus Behältern,
Die mit Schweiß und Tränen sich ewig überschwitzen!

Eine Sonne sinkt in mir, denn ich sehe Herzen
Sich erfunkeln und der Nacht Wesenspulse pochen,
Augenblicklich freuen mich meine tiefsten Schmerzen,
Doch die Freuden kommen schon – düster angekrochen!

Ja, die Sterne flimmern doch! so wie sie uns scheinen:
Alle hämmern wie ein Herz, züngeln nach Geschicken,
Flackern aus dem Innersten, funkeln nach dem Reinen,
Selig, durch Lebendigkeit, voll sich zu erquicken!

 

        M ein Gedanke hat mir Weib und Kind getötet!
Mörder! Mörder! dröhnt es um mich her,
Nein, es ist das kein Gesicht eines Phantasten,
Meine Seele ist ein wilderregtes Meer.
–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –
Dort scheint mich jenes Licht, das brennt, tief zu verklagen:
Das foltert, tötet mich mit scharfem Speer!
Jetzt splitterts! Nein, es beugt sich bis zum Herzen!
Jetzt stichts so tief, so tief hinein! –
Dort scheucht mich jene rote Blutgardine,
Der langen Gasse einzger Schein!
Er haftet sich an die Erinnrung an.
Er wird der armen Seele blutigroter Fleck.
Wohl wogt ihm meine Wollenssucht entgegen,
Doch immer wieder packt er mich – als Schreck!
Ach, furchtbar schmiegt er sich, als blutge Schlange:
Jetzt taucht er auf, – er taucht empor – mit einem Bild!
Mein Weib seh ich erstarrt in Krämpfen,
Dazu mein Kind, ein blutiges Gebild.
Da liegt sie tot. Von mir erdrosselt:
Mir hat sie zu viel Lebensmuß erwürgt!
Dort seh ich noch die toten Schlangen: blutge Streifen,
Die Schmerzensspangen, die sie totgeschnürt.
Ach, hat die Todesangst ihr Licht vernichtet?
Hat sie aufs Leben wissentlich verzichtet?
Hat sie das alles, alles das, gespürt?
Zu plötzlich faßten sie die Sterbenskrallen,
Gar rasch ist sie dem Erdentod verfallen!
Dort suchte noch ihr Blick nach mir,
Er starrte nach der dunkeln Tür:
Sie spürte Tod und Schmerz in allen Nerven,
Schwer zerrte ja an seinen Mutterwurzeln
Ein jungerkeimtes eignes Sonnensein!
Sie rief vor Angst bestimmt um Menschenhilfe,
Wie läge sonst ein Weib bei ihr, das ich noch nie gesehn:
Es schluchzt noch immer dort an ihrem Totenbette,
Doch mich treibts weiter! Fort von dieser Schreckensstätte!

 

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