Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Däubler >

Das Nordlicht

Theodor Däubler: Das Nordlicht - Kapitel 1
Quellenangabe
typeepos
titleDas Nordlicht
authorTheodor Däubler
booktitleFlorentiner Ausgabe
volume1
addressMünchen/Leipzig
year1910
senderguntram.spoerl@gmx.de
created20020409
Schließen

Navigation:

Theodor Däubler

Das Nordlicht

Prolog

Es sind die Sonnen und Planeten, alle,

Die hehren Lebensspender in der Welt,

Die Liebeslichter in der Tempelhalle

Der Gottheit, die sie aus dem Herzen schwellt.

Nur Liebe sind sie, tief zur Kraft gedichtet,

Ihr Lichtruf ist urmächtig angespannt,

Er ist als Lebensschwall ins All gerichtet,

Was er erreicht, ist an den Tag gebannt!

Ein Liebesband hält die Natur verkettet;

Die Ätherschwelle wie der Feuerstern,

Die ganze Welt, die sich ins Dunkel bettet,

Ersehnt in sich den gleichen Ruhekern.

Durch Sonnenliebe wird die Nacht gelichtet,

Durch Glut und Glück belebt sich der Planet,

Die Starre wird durch einen Brand vernichtet,

Vom Meer ein Liebeswind verweht.

Wo sich die Eigenkraft als Stern entzündet,

Wird Leben auch sofort entflammt,

Und wenn die Welt sich im Geschöpf ergründet,

So weiß das Leid, daß es dem Glück entstammt.

So muß die Erde uns mit Lust gebären,

Und wird auch unser Sein vom Tag geschweißt,

Können doch Sterne uns vom Grund belehren

Und sagen, daß kein Liebesband zerreißt.

Wir sehn das Leben uns die Jugend rauben,

Es ängstigt uns das Alter und der Tod,

Drum wollen wir an einen Anfang glauben

Und schwören auf ein ewiges Urgebot.

Doch ist die Ruhe blos ihr Ruheleben,

Nichts ist verschieden, was sich anders zeigt;

Und vollerfüllt ist selbst der Geister Beben,

Ja, alles die Natur, die sprechend schweigt!

Beständigkeit ist der Gewinn der Starre,

Doch es ereilt, zermürbt sie Ätherwuth,

Und blos der Geist ist da, daß er beharre,

Da er als Licht auf seiner Schnelle ruht.

Es sucht die Welt zwar immerfort zu dauern

Und sie umrundet drum den eigenen Kern,

Sie kann zum Schutz sich selber rings umkauern,

Doch ist ihr Wunsch nicht ewig, sondern fern.

Es mag die Welt das Weiteste verbinden,

Der Geist jedoch, der aus sich selber drängt,

Kann solche Riesenkreise um sich winden,

Daß überall sein Wirken sich verschenkt.

So sind die Welten immerfort entstanden,

Doch da sich Ewiges jedem Ziel entreißt,

Entlösten Sterne sich von Sternesbanden,

Was die Unendlichkeit im Sein beweist!

Ja Liebe, Liebe will sich Welten schaffen,

Blos Liebe ohne Zweck und ohne Ziel,

Stets gleich, will sie stets anders sich entraffen,

Und jung, zu jung, bleibt drum ihr ewiges Spiel.

Denn glühte durch das All ein Schöpferwollen,

So hätte Eine Welt sich aufgebaut,

Und traumlos würden Geister heller Schollen,

Im klaren Sein, von ihrem Dunkelgrund durchgraut.

Ich sah einmal in einen Regenbogen,

Er schien mir aller Stürme stilles Thor,

Dann ward ein Karren plötzlich durchgezogen,

Es zerrten Büffel ihn stets weiter vor.

Es gingen diese Thiere selbst des Weges,

Längst hatte sie der Mensch für sich betäubt,

– Es hieß das noch etwas, – wers kann, erwäg es –:

Ich sah hinweg, ins Licht, das nie zerstäubt!

Oh weiße Sonne, Deine goldenen Strahlen

Berauschen und erwecken meinen Geist,

Du bist die Arbeit, und mit heiligen Qualen

Trifft Dein Gebot mich, wenn das Herz vereist.

Was Du bedeutest, Sonne, ist der Seele,

Auf dieser Welt, am innigsten verwandt,

Es ist, als ob die Glut den Kern entschäle,

Denn mein Erbarmen gibt mir selbst Bestand.

Ich bin so blos wie Du, geliebte Sonne,

Und wo ich nackt bin, herrschst Du über mich,

Und folg ich Dir, so ist das reinste Wonne,

Denn Dein Gebot ist mir ganz wesentlich.

Ja, meine Freiheit sind die Weltgesetze,

Der Geist ist Überkraft ihres Vereins,

Dort bin ich tief wie ungehobene Schätze,

Ein Theil des allerjüngsten Eigenseins.

Es kann mein Geist entsetzlich sich ereifern,

Denn alles, was in ihm sich selbst bestimmt,

Wird durch die Schatten, die ihn blaß umgeifern,

Da sie veraltern und zergehn, ergrimmt.

In mir erglimmt die allerreinste Weiße,

Ein Licht, das mich in Sonnentreffen ruft!

Es klirrt beinnah: "Was Dich beengt, zerreiße!"

"Ihr Urlichttiefen, schützt, was Ihr erschuft! "

Ich habe jetzt die Welt in mir empfunden

Und langsam überdenk ich, was geschah;

Ich konnte mich, mir selber, klar bekunden,

Ich war als Schöpfer mir Geschöpf ganz nah!

Jetzt weiß ich auch vom Grund der Himmelsdinge,

Die Erde trägt im Kern ihr Sonngebot,

Befiehlt das Licht es, sprengt sie Felsenringe,

Und was verstumpfte zeigt sich goldumloht!

Versucht die Schöpfung in den Raum zu drängen,

Denn zeitlich faßt ihr nicht das WeltenEi.

Und wißt, wo Sterne in einander hängen,

Erkennt das Urlicht sich und schöpft uns frei.

Wo sich die erste Weltenweiße spaltet

Und plötzlich in ihr Urereigniß tritt,

Erscheint der Tag, den sie geheim verwaltet,

Und rollt sein Schweigen in die Sphären mit.

Die Sonne wahrt ihr Wesen stets am hehrsten

Und hat es still der Erde anvertraut,

Die schimmert nun am Pol, wo sie im Leersten

Der Einheit helles Urgebot erschaut.

Der weiße Erdenkelch, der dort ersprossen,

Beweist der Welt, daß der Beschluß

Der Dinge, die sich tief in sich ergossen,

Sich unabwendlich ernst ereignen muß.

Wie es vom Licht die Erde überkommen,

So hegt sie ihr Geschick im eigenen Kern,

Und ist im Menschen das Vertraun verglommen,

Wird sie sofort ein goldener Rachestern.

Auf unserer Freiheit, unserm Innerlichte,

Beruht der Erde stille Schaffensglut,

Doch furchtbar geht die Sonne zu Gerichte,

Beherrscht sie nicht ein geistiger Erdtribut.

Die Erde treibt im Norden tausend blaue Feuerblüthen

Und übermittelt ihren Sehnsuchtstraum der Nacht,

Drum soll der Mensch auch seinen Flammenkelch behüten,

Wenn er, durch ihn belebt und lichterfüllt, erwacht.

Fürwahr, es sind die Gluthanschürer Gärtnerschaaren

Von einer langbegrabenen, auferstandenen Pracht,

Versteinte Wälder wollen sich uns offenbaren

Und Pilger holen sie aus finsterem Erdenschacht.

Ja, Pilger graben, wühlen sich stets mehr hinunter,

Stets tiefer in der Erdenmutter dunkles Heiligtum;

Ihr Herzschlag, ihr Gehämmerwerk, erhält sie munter,

Asketen aber sind sie zu des Urlichts Ruhm.

Auf ihrer Freiheit, ihrer Glutenkernesnähe

Beruht und tagt das ganze Dasein dieser Welt,

Sie sorgen, daß das Totgeglaubte auferstehe,

Durch sie wird jede Nacht vom Nordlichte erhellt.

So wandeln wir in wunderbaren Flammengärten,

Es thürmen Feuerlauben sich ins Grau empor,

Die fernen Drachen wurden freundliche Gefährten

Und schimmern still vor meines Weibes sicherm Thor.

Ihr Grubenarbeiter, Ergrübler freier Wunder,

Vertraut dem Irrlicht nicht, das listig Euch umschwirrt

Bleibt unbeirrte, biedere Erdenherzerkunder,

Seid Eurer eigenen Willensthiere ernster Hirt.

Der Sonne könnt ihr blos im Erdenschooße nahen,

Dort unten stoßt ihr auf den Sinn von dieser Welt,

Und auch das Licht der Dinge, die noch nie geschahen,

Wird grundbestimmt durch Euch in uns hervorgeschwellt.

Führwahr, ich habe Tropenwälder schon im Traume,

Als Nord und Südlicht, wunderbar erblühn gesehn,

Ich fühlte Morgenröthen rings im Mittagsraume

Aus unserer Erde plötzlich kindlichrein entstehn.

Ich faßte mich und nahte manchem jungen Manne

Und lauschte gern auf seines Wesens Wirkungslied;

Ich fand ihn ganz allein und doch im Urlichtbanne,

Und sah, wie er den Kern von alten Schaalen schied.

Es schienen lauter Hände mir fast Urwaldfächer,

Ja Knospen gar, aus denen Blüthen aufgezuckt;

Und schon ihr Daseinsrausch durchsprühte Scheibendächer

Und hat mit Flammenzungen Düsterzeit verschluckt.

In Riesentreibhäusern sind die verschwundenen Wälder

Als grüne Flämmchen und als Blüthenschein erwacht,

Der Dampf gemahnte an die heißen Nebelfelder

Von einer tiefvergrauten fernen Lebenspracht.

Und jeder Jüngling hütete die eigene Blüthe;

Sowie er kam, entzuckte sie aus seiner Hand,

Aus jedem Wirken glühte aller Kerne Güte,

Doch gleich verglomm der Glanz, sobald sein Gärtner schwand.

Mit Feuerschwertern ward die Starre aufgerieben,

Mit Samenpfeilen selbst das Eisen kühn erweicht,

Sein Blut aus seinem Wesensgrund emporgetrieben,

Die ganze kalte Weiblichkeit vom Geist geaicht.

In die Natur sind lauter Kolben vorgestoßen,

Die Walzen und die Nacken haben rings geschwitzt,

Aus Allem wühlte sich die Sehnsucht nach dem Großen,

Ein Urgewitter hat in Menschenhut geblitzt.

Nun seh ich Menschen, von der Erde selbst gehoben,

Zu ihrem Werke, wie zu einem Feste, gehn,

Und Tropenwälder in ihr Wirken eingewoben,

In freier Sonnenluft auf unserer Erde stehn.

Nun sind sie schon der Flammenforst der Menschenseele,

Die Einheit, die sich aus der Wechselschalung samt,

Ein ganzes Weltgewitter lebender Befehle,

Das Schweigen, das uns strahlend an uns selber mahnt.

Ich sehe einen Meteor in Menschenhänden

Sich wunderfältig bilden und dem Geist entfliehn,

Ich staune nun vor lauter Feuerbränden

Und sehe zitternd einen Stern nach Norden ziehn.

Das ist ein Eisenleib, ich kann ihn klar erkennen,

Ein Werk, das in sich selbst das Erdenlicht verschließt

Es will sich stolz von seinem Ursprungsfeuer trennen,

Oh seht, wie kühn es sich in Fremdheiten ergießt.

Jetzt träum ich nicht, die Gluthen werden blasser!

Das ist ein Riesenschiff das kühn vom Stapel läuft;

Nun zieht es heim. Sein Wesen kennt das Wasser.

Es wird von tausend Küssen schäumend überhäuft.

Es eilt das Schiff durch seine selbstbewegten Wogen

Und flieht das Land, voll Freude an der Flut,

Doch dann bedenkt es sich und dreht in kurzem Bogen

Rasch um und weiß sich in des Meeres Hut.

Es scheint mir so ein Eisenleib eine Verheißung

Von einer geistgelenkten Meteorenwelt,

Von einer langerwägten, plötzlichen Entreißung

Der fleischgewordenen Seele, die sich lichtwärts schnellt.

Auch ich will wandern, immer weiter heimwärts schreiten,

Mein Geist wird sich im Eis von seiner Furcht befrein,

Um meinen Leib ein blonder Süden hold sich weiten,

Das Meer in meiner Seele eine Thräne sein.

Die Einsamkeit umfange mich wie eigene Flügel,

Selbst die Verzweiflung ist für mich ein kühler Wind.

Schon weiten sich ringsum der Sehnsucht goldene Hügel,

Ein fremdes Erdenglück umlächelt mich gelind.

Das ist ein Wandern, ach, ein schweres, tiefes Wandern,

Zu viele Gletscher sind bereits in mir erstarrt,

Ich bin ein Hafen, voll von sturmgepeitschten Landern,

Doch für mich selbst sind meine eigenen Pförtner hart.

Hinweg, erschallt es, fort von deinen stillen Seen,

Hinweg von deinem stahlkaltem Verstand, hinweg!

Hinweg aus Buchten, wo sich Segel windlos drehen!

Wozu ein Traum an einem urbestimmten Fleck?

Ich aber schaue fort, mich zwingen stärkere Träume,

Sie bannen mich, – da stehn sie, – sehn mich an, – weh mir! –

Mein armes Ich, mein Leben, das ich stets versäume,

Auf einem Schwindelgrat sträubt sich mein Willensthier.

Ich will, ich darf nicht in die eigene Tiefe blicken,

Sie zieht mich an, sie quält mich, läßt mich nimmer los,

Ich sträube mich, beschwert mit wirklichen Geschicken,

Mein Thier, mein Nacken bleiben steif: – jetzt kein Stoß!

Das Übel weicht zurück, ich fühl es an den Haaren;

– Was mich erschreckte, war nicht arg, doch ungewöhnt –

Das Schweigen um mich her hat viel von mir erfahren,

Ich werde irgendwo im Mittagslicht verhöhnt.

Ich kenne in mir selbst ein Thal, wo alle Bäume,

In Fliederbleiche, zu einander Grüße wehn,

Wo längsterlebte, starrgewordene Schreckensträume

Wie Gletscher über Wolken in die Tiefe sehn.

Ich liebe dieses Thal, um mich herauszusehnen,

In weißen Schlössern herrscht mein einziger Feind,

Im Weiher spielen seine Kinder mit den Schwänen

Und meine Spötter sind in Lauben laut vereint.

Ich nahe einem hohen, offenen Gartengitter,

Ich möchte mich versöhnen, doch da bellt ein Hund,

Dann eine Meute, rings umschwirrt mich Astgeknitter,

Ich laufe, Jemand ruft: Verfluchter Vagabund!

Das Thal ist lang, unendlich seine Duftalleen,

Ich stürze meinem eigenen Schrecken hilflos nach,

Dann bleib ich, wie ein Hirsch, den man getroffen, stehen,

Ich wittre, – ja, man beißt mich, ach, der argen Schmach!

Ich lebe noch, somit kann ich noch weiter leben,

"Ich bitte!" sprechen Wege höhnisch rings um mich,

Wohin? Um nicht am gelblich gleichen Fleck zu kleben –

Hinweg vom Wahn! Mein Ich, laß endlich mich im Stich!

Es geht, wenn mans vermag, und schließlich kann man helfen,

Ich wandere stiller fort und nahe einer See;

Ich siegte selbst, – hinweg sind alle Märchenelfen, –

Dort unten schweigt der große Freund von meinem Weh.

Das Meer ist grau, doch urgesund und brandet,

Um nicht der Fiebersterne Ruhebett zu sein,

Es ist der Strand von starkem Algenhauch umrandet;

Es schlürft mein Wesen sein Geheimniß lüstern ein!

Nun heißt es bauen, Schiffe bauen, Holz behauen,

Sich Segel liefern lassen, Bretter hobeln, leimen;

Auch Abends wirken, – furchtlos vor den Dämmerbrauen – ,

Des neuen Leibes Rippen ohne Tadel reimen.

Nun muß ich auch zum Daseinsakrobaten werden,

Auf Riesenschleifen nieder und dann aufwärts schnellen,

Das Leben nimmer fürchten, heldisch sein auf Erden,

Verworfen werden, aber nimmermehr zerschellen!

– Den Tod verachten? – Oh, das ist bedeutend schwerer!

Den Denkern glauben? Nebenbuhler, Akrobaten!

Die Dinge selber werden immer mehr die Lehrer,

Was bleibt uns da, als eine Welt naiver Thaten?

Doch alles das bin ich, nicht meine tiefste Flamme,

Verscheucht man mich, so wird sie immer mehr erwarmen,

Ich weiß, daß ich als Geist von altem Adel stamme,

Verhöhn ich mich, so muß sie meiner sich erbarmen!

Ich will das Meer und alle offenen Religionen!

Hinweg von mir, zurück zu meinem hohen Wesen,

Verzehren muß ich mich und gar nichts darf ich schonen,

Doch da ich bin, so heiße es, im Brand genesen.

Geschick! Ein dumpfes Echo unserer toten Heiden.

Vernunft! Ein längst verfahrner, alter Räderkarren.

Der Glaube! Leider oft die Angst vor Glück und Leiden.

Begeistere Dich! So ruft es! Und ich laß mich narren!

Begeistere Dich! erschallt es durch das ganze Leben,

Es ist ein Baum seine Begeisterung, die er meistert,

Du sollst, wie er, mit festen Frühlingsblättern schweben,

Begeistere Dich! Sei schon auf Erden ganz begeistert!

Nun schweige Du als Traum; sieh Welten westwärts träumen,

Doch Du geh mit der Erde ihnen ernst entgegen,

Du mußt mit Deinem Kern Dich gegen Sterne bäumen;

Sei friedlich und sei frei auf allen Deinen Wegen!

Mein klarster Strahl, nun sei bereit mit mir zu wandern,

Doch nein, ich folge Dir, Du bist bereits im Osten,

Noch seh ich Dich nicht ganz, Du räthselst noch in andern,

Drum fort, mein Schiff Du gaukelst schon um Deine Pfosten.

Wir fahren bald den Sternen, Wind und Meer entgegen,

Dann peitscht der Sturm die Träume mir aus meiner Mähne;

Der Wahn wird sich vor meinem Willen niederlegen;

Geschicke mich umblitzen, da ich Macht ersehne!

Sei nicht verzagt, Du suchst die Freiheit jüngster Welten,

Die Erdengluth, die nordwärts strebt, um dort zu dämmern;

Doch zieh nach Süden; laß sie rufen, laß sie schelten,

Laß Du von Deinem Herzen Dir Dein Schicksal hämmern.

Doch gleich ans Werk, – sei ruhig und doch unbesonnen,

Den Abend sieh von toten Tageshelden schwärmen,

Doch Du vollende nie, was Du mit Dir begonnen,

Und reizt das Zwielicht Dich, so magst Du Dich erwärmen!

Sei heiß und heilig, wie die Liebe unserer Erde,

So eisig wie der Sterne strenge Feuerbahnen;

Verbrennt am Tagesgrab man seine Schlachtenpferde,

So mag Dichs an die Nüchternheit des Siegens mahnen.

Doch ruhst Du, ruhe jetzt, – Dich völlig zu begreifen, –

Die Nacht erscheint mit ihren längstdurchlebten Träumen,

In Deinem Tage mag ein anderes Wirken reifen,

Laß die Natur, nicht Dich, vorüberschäumen!

Es folgt am Himmelsbogen

Das Licht dem Mutterruf,

Und scheidend noch bewundert

Die Sonne was sie schuf.

Mit ihren Strahlenarmen

Aus reinem Liebesgold,

Umschlingt sie noch das Leben,

Bevor sie weiterrollt.

Aus Thälern und aus Fluren,

Bedeckt mit Waldespracht,

Dem Kleide unserer Erde,

Entrauscht die kühle Nacht.

Die losen Windesboten

Entschlüpfen dem Geäst

Und herzen einen Nebel,

Ders Tagesbett verläßt.

Der letzte Kronenschimmer

Der Sonnenelfen bricht

Und überall betrübt sich

Das bleiche Dämmerlicht.

Zeigt nimmer sich den Blicken

Der Sonne tiefste Macht,

So gleicht doch unsere Liebe

Enthüllter Sternenpracht.

Enträthselte Gefühle,

Ihr wallt zum Himmelszelt,

Und oben sehn die Sterne

In Liebe auf die Welt.

Zum Wind und Nebelreigen wehn

Rings Wiesenwische gar geschwind,

Man sieht sie durch die Fenster sehn,

Ob Träume etwa munter sind.

Halloh, da folgt ein loser Traum

Dem Schattenwink mit einem Satz

Und gibt dem Waldgespenst aus Schaum

Auf Bauch und Schenkel einen Schmatz!

Der Mond reißt seinen Silberspind

Auf einmal für die Tänzer auf,

Und manche kalte Hand von Wind

Beputzt bereits den Schemenhauf.

Das zieht sich ganz in Flitter an,

Die Nebel nicken, thut es nur,

Und glaubt, daß man uns trauen kann,

Auch wir sind Träume der Natur !

Nun schwebt mit leichtem Windestritt

So mancher Traum mit seinem Dunst,

Der Mond beleuchtet ihren Ritt

Und seine Thiere sind in Brunst.

Ein Traum wird über Feld gebracht,

Durch Haine, die noch unbewohnt;

Ein Märchen, das ein Elf erdacht,

Erzählt man ihm vom Silbermond.

Einst trug der Mond Geschöpfe,

Die wurden immer bleicher,

Denn oben kargten plötzlich

Die vollen Lebensspeicher!

Nun ist man dort verdorben;

Durch Kämpfe und Entbehrung

Geschah der Mondesfluren

Entsetzliche Verheerung!

Doch es erfüllte einstens

Ein Mondvolk Sonngebote

Und ahnte kaum das Ende,

Das seinen Feinden drohte.

Die Göttin ihrer Liebe

War unsre grüne Erde,

Ihr sandte man die Träume

Und Seufzer der Beschwerde!

Jetzt giebt es oben Geister,

Doch sind sie ungeboren,

Auch ging für sie die Liebe,

Die sterblich macht, verloren!

Doch glücklich sind sie nimmer,

Sie rühren keine Hände,

Denn geht der Mond in Trümmer,

Bedroht auch sie ein Ende!

Die Nebel fliegen weiter,

Es schüttelt sie der Wind,

Die Nacht ist kühl und heiter,

Den Träumen wohlgesinnt.

Sie ziehen ihre Kreise

Und drehen sich geschwind,

Und ihre rauhe Weise,

Die pfeift der Wirbelwind.

Sie wehen um die Weiden

Der Reihe nach heran,

Und alle ihre Leiden

Erfährt der Baum sodann.

Die Winde könnens wissen,

Sie haltens Leid in Bann,

Ihr Leib ist schmerzzerrissen,

Sie ziehn den Selbstmord an.

Sie scheinen sich zu sträuben,

Sind sie noch blaß und nackt,

Ihr Weigern zu betäuben,

Wenn Frühlingsbrunst sie packt;

Doch ihre winzigen Blätter

Verkünden nirgends Glück,

Es sehnt ihr Zweiggekletter

Sich nach dem Nichts zurück.

Des Laubes nasse Schleier

Entrieseln fast dem Baum

Und schleppen bald im Weiher

Den einzig frohen Saum!

Verschiedene Nebel drängen

Sich ganz in das Geäst

Und bleiben drinnen hängen

Und schlafen plötzlich fest.

In weichen Wolkendecken,

Im zarten Nebelflor,

Mag manches Räthsel stecken,

Denn ringsum glänzt das Moor.

Ein Irrlicht huscht herüber

Und tanzt vergnügt am Sumpf,

Doch wird der Wald stets trüber,

Die Luft gar rauh und dumpf.

Nur zwischen Teich und Binsen

Hüpft noch das grüne Licht,

Und einige Nebel grinsen

Mit totem Angesicht.

Das ist der letzte Reigen,

Der um die Sümpfe wallt,

Die kühlen Nebel neigen

Sich ohne Wesenshalt.

Die Nacht hat ausgefunkelt,

Der letzte Stern verblinkt,

Die Welt ist ganz verdunkelt,

Der blutige Mond versinkt.

Die Hymne der Höhe

Wildwabbernde Fackeln, die qualmend verglühen,

Beginnen die Bahre des Tags zu entzünden;

Es gibt im Gebirge kein reifes Verblühen;

Verbluten, Verrauchen, soll Frieden verkünden!

Schon regt sich in Schluchten das traumhafte Leben,

Es fangen Gespenster, in Flammenspiralen,

Sich an in die funkelnde Luft einzuweben,

Und Glastfalter siehst Du ihr Dasein verstrahlen.

Der Hauch und die Seele von farbigen Schäumen

Wird eben von Nebeln zum Meere getragen,

Es scheint, was da blühte, jetzt Wolken zu säumen

Und träumt noch von südlichen, glücklichen Tagen.

Fürwahr, heiter rüstet sich jetzt eine Flotte,

Schon winden sich Segler aus purpurnen Hallen,

Denn meistens beschützt sie der Dom einer Grotte,

Aus Herbstwolkentrümmern und Aderkorallen.

Doch reckt schon, im Thal, sich der Riese des Dunkels

Und hebt mit den Schultern die glühenden Lasten

Des langsam verschwirrenden Tagesgefunkels,

Und tief in den Schluchten scheint alles zu rasten.

Noch einmal zersprengen die Sonnenscheinlanzen

Die Massen und Mauern von Schattentitanen;

Den Gipfeln entstrahlen jetzt Protuberanzen,

Es wird das ein Traumland von lauter Vulkanen.

Es brennen die Höhen. Und Abschiedsignale

Beginnen auf sämtlichen Zinken zu rauchen!

Es wallen auch Blutschatten nieder zum Thale,

Es scheint mir das Jahr heute Nacht zu verhauchen!

Ich sehe die Stunde der Ruhe entschweben,

Es scheinen Gebirge sich grau zu bekränzen,

Der Mond sich, als mildes Gefühl, zu erheben,

Rings Wölkchen in windstiller Andacht zu glänzen.

Es trübt seine Nachtfahrt kein Zittern und Rauschen,

Es wollen sein einmütiges Gipfelerblicken

Die Hoheliedwolken der Sohle belauschen,

Und oben, da scheinen die Sterne zu nicken.

Es funkeln die ewigen Gletschergedanken,

Vom mystischen Blau ihrer Tiefe umwandet;

Sie sind hochgefroren, da gibt es kein Schwanken,

So werden Ideen vom Sterben umbrandet.

Doch sprudeln die Bäche erfolgreich ins Leben

Und selten vergrübeln sich Fluten in Seen,

Der Mond aber liebt es, das heimlichste Weben

Der Dingedurchdringung im Geist zu erspähen.

Es stürmt dort das Wasser wie zaumlose Pferde

Mit wirbelnden Mähnen die Felsen hinunter,

Das Leben behagt dieser brünstigen Heerde,

Sie wittert es schon und das macht sie so munter.

Zu Adern Italiens geweitet, entschwellen

Die Gießbäche brausend dem Gletscherbereiche,

Auch meine Gefühle sind Hochgebirgsquellen

Und stürzen sich südwärts ins breite Geschleiche.

Es faßt mich das Leben: Verwalten und Spenden,

Ist ewig das Wirken von Menschen und Welten,

Wir selber vollenden mit eigenen Händen

Das Ur-Ich, an dem wir schon zeitlos zerschellten.

Ihr Flammen der Liebe, Ihr Lebensgestirne,

Erfunkelt Euch dauernd das gleiche Bestehen,

Und auch die Ideen in meinem Gehirne

Verwirklichen ewig mein geistiges Lehen.

Sie scheinen mir Blüthen im himmlischen Haine,

Oft pflückt sie der Schöpfer mit goldenen Stielen,

Das Dunkel vernarbt aber rasch jene Scheine,

Die Seufzer ums Leben der Schnuppen die fielen.

Die Sterne behaupten durch rhythmische Schnelle

Ihr Lebensgefunkel erleuchteter Sprache,

Verklärt doch des Blutes erlösende Welle

Auch hier, durch Erkenntniß die einsamste Brache!

Die schrecklichen Berge sind Steine auf Leichen,

Die Kohlen im Untergrund Särge, die modern,

Doch werden die Toten dereinst den Bereichen

Der unholden Nacht, urbegeistert, entlodern.

Sie pferchten das Gold in das tiefste Gebirge,

Die Habsucht erspäht noch die Schätze des Geizes,

Dann gilts, daß die eine den andern erwürge,

Und stets siegt das Gold und die Schmach seines Reizes.

Doch Gold ist der Schein eines wirklichen Lichtes

Und sagt uns: "Ihr sollt Eure Reichthümer heben!"

Der Erde entschwellt es, die Seelen durchbricht es,

Erreicht Eures Sternes frohsinniges Leben!

Ihr toten Gesellen, wie soll ich Euch packen?

Ich will Euch erwecken, Ihr werdet mir dienen,

Gespenster, ich krieg Euch, es wird Euer Nacken

Dereinst noch vom lastlosen Tag überschienen.

Ihr felsfinstern Sphinxe, auch Ihr tragt im Kerne

Den geistigen Tag ohne Schluß und Beginnen;

Ich wittre sein Dämmern in innigster Ferne,

Nun heißt es, mit Bergen verbunden, gewinnen!

Ihr stummen Kolosse, Ihr sprecht mit den Gipfeln

Bestimmt eine Sprache zerbröckelnder Formen,

Doch seht, in den Zunge, Geberden und Wipfeln

Belebt sich, erhebt sich, ein Grat ewiger Normen.

Ihr Sterne erhebt mich, Ihr Sterne entzückt mich,

Ich bin außer mir, doch in mir wurzeln Gluthen!

Und deshalb, Ihr Sterne, zerpflückt mich, entrückt mich,

Ich fühle so gerne mein Urlichtvermuthen.

Das Thallied des Werdens erklingt in der Seele,

Es glimmt zu den Gipfeln, noch regt es sich leise,

Jetzt faßt mich die Erde, erfüllt meine Kehle,

Und weither durchschauert uns still ihre Weise.

Jetzt packt sie mich ganz, dann streift sie mich sachter,

Es sucht sich in Rhythmen die Zeit zu vollenden;

Ich bin ja ein Dichter, ein Zustandsverachter,

Und kann, was vergeht, zu den Ursprüngen wenden!

Es ist meine Seele an Freiheit gebunden,

Sie kann sie nicht fliehn und erschöpft sie als Bilder,

Sie lebt und besteht auf unendlichen Kunden,

Und Nordlichterscheinungen sind ihre Schilder.

Die Mondscheingebirge umfrösteln jetzt Winde

Und wärmere Hauche verhüllen und betten

Sich tiefer in hangende Wolkengewinde

Und Sturzbäche rauschen wie silberne Ketten.

Es prangen die Gletscher in Monddiademen,

Es können sich Spitzen mit Perlenschmuck krönen,

Die Stirnriesen scheinen verschleierte Schemen,

Und seltsam, man hört keinen Schreckruf erdröhnen!

Es träumen die Adler, es schlafen die Geier,

Und Mondeulen rüsten sich brünstig zum Fluge,

Es brüten die Weibchen rings sichtbare Eier

Und Raubgier erwühlt sich im hellgrauen Zuge.

Jetzt frierts in den Lüften, und starrblaue Schatten

Beginnen die Nacht in die Thäler zu bannen,

Der Mond übergleißt die verglasenden Matten,

Der Reifvogel kann manchen Grat überspannen.

Die Sterne jedoch überglimmen die Schleier

Der frostigen Mondnacht und regsam verkünden

Sie, züngelnd und sprühend, als Glücksprophezeiher,

Das Bündniß von allen erhabenen Gründen.

Die Treue des Kernes der Erde zu Sternen

Kann leise im irdischen Sein sich bekunden,

Wir sollen die Winke des Werdens erlernen

Und strahlend der wechselnden Übel gesunden.

Es birgt alles Dauernde Urlichtsekunden,

Oft werden wir schwindelhaft einwärts gerissen,

Dann zeigt sich uns, plötzlich, die Welt überwunden

Und weit in uns selber erglimmt das Gewissen.

So treibt auch die Erde die innerste Stille,

Ihr rollendes Wesen, in uns, zu ergänzen,

Drum ist es bestimmt, daß der menschliche Wille

Bedeutung erfunkle, um tief zu erglänzen!

Doch nährt auch der Erdkern rebellische Eile,

Und die fügt sich nimmer an runde Konturen;

Beseeligter Gluthen fast sonnige Theile

Zersprengen, zerbröckeln sich Klammertorturen.

Die Pole umschließen die härtesten Rippen,

Die mittlere Schwere bezwingen blos Reifen,

So kommt der Planet immer wieder ins Kippen,

Und was da beginnt, das gelangt nicht zum Reifen.

Es wandern die Pole und zeugen Entgleisung,

Dem Gluthinnern kann sich die Kruste nicht fügen,

Die Rundform veränderter Axenumkreisung

Des Wuthkerns Ellipsenbrunst nimmer genügen.

Die ruhlose Erde vermochte nicht lange

Die Kinder des Lichtes am Land zu bewirthen,

Und schütze versteckte sie sorgsam und bange,

In sicheren Meeren, die Inseln umgürten.

Jetzt rüttelt die flüssige Lava an Felsen,

Ihr Druck ist zumal am Äquator gar mächtig,

Was helfen Vulkane mit Speichern und Kesseln,

Die Lava zersprengt sie, – die Erde ist trächtig! –

Die Inseln bis Japan erbeben am meisten,

Amerikas Zentrum erlebt keinen Frieden,

Die innere Urgluth vernichtet die Leisten,

Die selbst sich die Rundsucht des Globus beschieden.

Der Lavaball drängt zum magnetischen Pole

Und will sich stets gegen die Erdaxe sträuben,

Er schenkt uns das Nordlicht und trachtet zum Wohle

Des Lebens, des Lichttages Zwang zu betäuben.

Der Mond nun erwartet den Bruder noch immer;

Und läßt oft die Erde aus Sehnsucht erbeben,

Doch diese zersprengt nicht den Mutterschlundglimmer

Und kann nur die Nordlichtpropheten beleben.

Oh Mond, dir zu trauen ist schrecklich gefährlich,

Du trügst uns vielleicht in den freundlichsten Nächten,

Du steinbleiches Bild, ist Dein Wohlwollen ehrlich?

Du bist der Vertreter von furchtbaren Mächten!

Dein Lichtflimmerschleier ist milchig und traurig,

Oh, will er dereinst alles Leben bedecken?

Die Seelen und Mütter durchwühlst Du oft schaurig,

Soll alles, sich wieder gebärend, verrecken?

Geschwächt ist im Innern das Lavagluthtoben,

Das Glastmeer umklammern granitharte Wände,

Die Axe wird immer nur mählig verschoben,

Es zeitigt das Leben sich Dauerbestände.

Es streut ja das Nordlicht, aus goldenem Horne,

Rings Blüthen und Küsse auf Gletscher und Meere,

Setzt flimmernde Schlangen in sprudelnde Borne

Und leuchtet in jeder lebendigen Lehre!

Jetzt scheinen Gebirgssphinxe Götter voll Güte,

Sie tragen ja Gluthen in eiskalten Falten,

Es ist, als ob Gott alles Leben behüte,

Es kann sich nur felsenumschlungen erhalten!

Der Mond muß als ohnmächtiger Schemen erbleichen.

Die Aare umkreisen wie Schöpfergedanken

Die Nordlichtgebirge. Den Thälern entweichen

Rings Nebel wie Weihrauch, der Gottheit zu danken.

Vom Herrgott erfleht unsere Erde den Frieden;

Mit eigenen Flammen entbrennt sie ihr Leben;

Dafür wird der Menschheit Vollendumg beschieden,

Denn uns ist gegeben, wonach wir noch streben.

Venedig

Mir war es einst, als hätte mich der Felsenaar zum Licht getragen,

Da hob mich Zeus, im Flügelthal, zum Unermeßlichgroßen,

Ein Fordern war mein Wonneflug, dem Mannesblick ein Jagen;

Ich wollte fort, blos fort, und nirgends dort, an Ziele stoßen.

Mir ist es oft, als ob ein Gott die keusche Jünglingsseele küre.

Da sah mein Herz, noch jung und frei, um sich die Welt entweichen,

Und Zeus war froh, daß sein Geschöpf nicht Furcht und Höhenbangen spüre,

Ich wollte nichts – und wollte doch das Unerfaßbarste erreichen!

Es könnte sich die Weiblichkeit dem Schwane sanft ergeben,

Den schlanken Hals, voll Lustgewalt, um ihre Glieder schmiegen,

Ihr ganzes Sein, beim Gotteskuß, im größten Glück erbeben,

Doch nein, ach nein, es scheint im Weib die holde Urfurcht doch zu siegen.

Oh Sonne, wirf uns übers Meer die blendendlichte Lebensbrücke,

Die allen folgt, die weit von Dir zerstreut, durch Meere steuern,

Es scheint mir doch, oh Sonnenschein, daß jede Regung dich entzücke,

Denn Küsse sprühn, wo Gondeln ziehn, im Kranz von Lebensfeuern.

Durch Wellen schlängelt es sich her, mein Weltband hellen Sonnenlichtes.

Ein Schwanenhals erscheint es mir, am Gondelkiel und Buge,

Der jedes Boot, das schwankt, umkost, und sieh, aus Goldspiralen flicht es

Ein Sonnennetz und dieses folgt, leicht wogend, auch dem Gondelzuge.

Das Ruder schöpft sich Flimmergold aus morgenblassen Spiegelfluten,

Die Inseln rings umspinnen sich mit wunderhellen Sonneweben,

Und dichter sehe ich, wie Gondeln ringsum mich umsputen,

Oh Rührigkeit, bald wird auch mich ein Glückgespinnst umgeben.

So manches Segel, gelb und rot, umschwebt mich, wie Venedig

Es freundlich mir, als Gruß aus seiner Buntheit, sendet;

Oh Herrin, bleibe mir, dem Schönheitspilger, hold und gnädig,

Es ist mein Blick von deinem Spiegelmeer geblendet!

Venedig, deine Marmorsäulenwälder

Durchstreif ich tausendmal und gerne,

Sie sind die bleichen, steinernen Vermelder

Versunkenen Seins in Meer und Nebelferne.

Arkadien bist du unsrer Welt geworden,

Zu Menschenlust von Menschen aufgerichtet,

Schufst Du Oriente frei in Welschlands Norden,

Und Hellas Geist hat über dir gedichtet.

Doch ist Arkadien nicht durch dich gefallen?

Oft ward das Leben in besiegten Ländern

Wild von Venedigs scharfen Löwenkrallen

Zerzaust, denn so gefiel es Machtverschwendern.

Die Forste breiter Berge, die verkarsten,

Verschwanden bald im Schlamm, wo sie verschimmeln,

Die Eichen, die einst Abhangfelsen barsten,

Versteinern, wo jetzt Kellerasseln wimmeln.

Arkadien hat sich früher ausgebreitet,

Es rauschten Bäche durch Illyriens Schluchten

Zu Leuten, die sich dort ein Glück bereitet;

Venedigs Flotten lagen in den Buchten!

Erwürger trugen sie, roh und verwegen,

Erpresser, die des Landes Kraft entwalgten;

Es heulten ihnen Stürme zwar entgegen,

Die Felsquelladern rings verkalkten,

Doch blieb der Leu auf seinen braunen Matten;

Dann bargen sich die Krumen unter Steinen;

Und Wolken werfen nun violette Schatten

Auf Friedhöfe von Urwäldern und Hainen.

Ob Frühjahrsfrüh, hoch oben auf Arkadiens Bergen,

Erscheine mir in deiner blassen Glut,

Du sollst mir keine Zauberkraft verbergen,

Die noch behutsam in den Keimen ruht.

Das Licht erstrahlt aus großer Morgenferne;

Die Sonnennähe, die uns bald umkrallt,

Entreißt sich erst der Ewigkeit der Sterne,

Wenn sich ein Sonnentag zusammenballt!

Oh Weltenei, mit deiner Sonnenmitte,

Dich sehen wir als einen Strahlendom,

Und drinnen regt, mit leichtem Engelstritte,

Das Leben sich, in stillem Feuerstrom.

Schon bannt das Licht die künftigen Gestalten

Mit Gluthenmacht auf harten, nackten Stein

Und merzt sie tief in steile Felsenspalten

Als Lebensbilder, Formgespenster, ein.

Auf Trümmern seh ich Lichtgedanken thronen,

Wo mancher sich mit Wucht am Felsen hält,

Drum wurzeln, dauern Arten für Aeonen,

Da nie ein Sturm ein Gluthenurtheil fällt.

Die Bäume spenden sich mit vollen Zweigen,

Was jeder hat, an Lust, an Lebensduft,

Wir Menschen aber suchen, was uns tief zu eigen

Und doch getrennt ist durch die Sonnenkluft.

Die Macht des Lichtes, die uns rings versprengte,

Wie dies ein großes Taggebot befiehlt,

Ließ Treugefühle, wo sich Brunst verschränkte,

Als Band zurück, das sich durch Gluth erhielt.

Die Wesen, die den Wurzeln sich entringen,

Vollbringen es durch ihre Eigengluth,

Doch hängt ihr Sinn an sonderbaren Dingen,

Denn tausendfach regt sich verwandtes Blut.

Der Mensch kann die Versuchung von sich streifen;

Er weiß, daß eine Reife in ihm ruht;

Erwacht sie, wird er sich erst ganz begreifen,

Die Wahrheit glimmt in keuscher Weibeshut.

Nur eine Seele kann die Blüthe tragen,

Oft knospt sie lang, bevor sie rasch erwacht,

Ein Augenblick kann einem Auge sagen,

Was Sonnenkinder unter sich vollbracht!

Ach, welche Kluft mag mich vom Weibe trennen,

Von jenem Kind vom gleichem Wesensbaum;

Gestalten kanns die Seele, ja erkennen,

Dem Leibe eilt sie weit voraus im Traum.

Bevor mein Sonnenfesttag aufgegangen

Erblaut mein Schicksal, das ihm blaß entsteigt,

Mit Seelenarmen möcht ich darnach langen,

Ich ahne was sich fern entgegen neigt .

Ja, bloß ein Wesen ist für mich erschaffen,

Ein führt die Sehnsucht uns zum gleichen Ort,

Für Sonnenkinder darf kein Abgrund klaffen,

Man sieht sich und erkennt sich durch ein Wort.

Die Welt kann sich durch Liebe nur erhellen,

Da treu ein Stern des andern Leben hegt,

Ein Weltlichtherz entschnellt nur Schwesterwellen,

Das Lebenslicht, das Liebe trägt und wägt.

So malt die Sonne bunte Frühlingsranken,

Auf Fels und Schlucht, Entwürfe voll von Kraft;

Ihr Mittag bringt des Lebens Vollgedanken,

Aus denen sie die Thatgeburten schafft.

Gedanken, die durch starre Felsen dringen,

Erschöpfen jedes Sein aus Stein und Licht,

Denn bloß notwendige Sonnideen zwingen

Zur Lebenslogik, der die Form entspricht.

Ein Taggeschöpf muß sich zur Sonne kehren,

Der Mensch zumal, denn wir sind glaubensbang;

Mein Innerlicht, dir hehl ich kein Begehren,

Gieb mir ein Weib, mein, rein und seelenschlank.

In deiner Schönheit, Weib, bringst du die Schäume

Der Seelenfluth dem Schöpferkusse dar,

Aus deiner Schlankheit sprudeln weiße Träume

Und Jugendgold verklärt dich wunderbar.

Mir ist es oft als sehnten sich die Blumenwiesen,

In heiterem Lenzesschmuck, nach einem Fernenflug,

Als wähnten sie, als hofften sie, die Winde bliesen

Sie munter fort, als traumhaftbunten Flatterzug.

Nun plötzlich seh ich, wie sich einige regen,

Befreite sie und trägt sie gar ein Lenzgeruch?

Narzissenfelder können ihren Flug erwägen –

Denn Liebenden gelingt der erste Fluchtversuch! –

Nein, weiße Tauben sind es, die mich deutlich täuschen,

Dort weiß ich, daß ich Blüthensehnsucht wahr empfand,

Nun lausche ich der Vögel wirren Fluggeräuschen,

Die erst im Steilgesang ihr Urgewicht erkannt!

Ich selber bin ein Wunsch nach Liebe und Entfaltung,

Der mühsam erst aus Irrgespinnsten bricht;

Mein Weib, wann gebe ich dir lichte Wahrgestaltung,

Wo bist du Kind, das wieder kindlich zu mir spricht?

Ich weiß genau, daß tausend weiße Himmelswiesen

In uns sich suchen, weil sie gleicher Duft beseelt,

Sie wollen sich aus Liebe ferneher erkiesen,

Und keusches Glück hält sie einst sommertreu vermählt.

Ja, keusch ist die Natur, die liebend sich befruchtet,

Denn Reinheit weht vom Mittagsmeer, vom Schneegefild,

Dir gilt mein Lied, oh Gischtsee, die im Felsland buchtet

Und tiefverschluchtet Lebensdurst und Ruhbrunst stillt.

Mir ist es oft, wenn ich die Augen schließe,

Als ob die Welt der eigenen Phantasie

In einem Strom von mattem Golde fließe

Und traumhaft durch die wache Seele zieh.

Das ist das Blut, das die Erinnerungsbilder

Gar traumbeschwingt aus dem Gemüte hebt;

Es ist ein anderes Leben, zarter, milder,

Das aus den Seelengrüften bleich entschwebt.

Die Lichtgestalten haben ausgerungen,

Mit dem Geschicke scheinen sie versöhnt,

Durch meinen Wesenswunsch, beim Flug verschlungen,

Sind sie des Eigenwillens schon entwöhnt!

Jetzt seh ich herbstlich goldene Wälderhallen;

Um Bilder sind die Aeste schön verzweigt,

Dort wo die welken Blätter langsam fallen,

Verstrahlt ein Tag, der Fabelmanen zeigt.

Es tropft das Lebensblut von Bäumen nieder,

Im Wind zerstiebt das gelbgewordene Laub,

Im Walde hallts von Windnachtsschritten wieder,

Am Weg verliert der Herbst den halben Raub.

Sind auch die Blätter bald im Wald verflogen,

Bleibt ihre Seele doch in der Natur,

Das Sonnenroth, das Bäume eingesogen,

Trinkt erst im gelben Herbst die Kreatur.

Die Sommerfreude jauchzt in Vogelliedern,

Als Waldesecho, noch am goldenen Meer,

Die Menschen werden still und sie erwidern

Die Waldestrauer, bang und wehmuthsschwer.

Wenn arme Leute dürre Zweige sammeln,

So lieben sie und sehn sie erst den Wald,

Wenn sie des Waldes Schaudermärchen stammeln,

Wird er der Geister düsterer Aufenthalt.

Du glaubst an einen Hauch der Menschenseele,

Wenn Du den letzten Athemzug erlauscht,

Du glaubst, daß die Natur von sich erzähle,

Wenn sacht ein Wind im Wald zum Abschied rauscht.

Dann ist es mir, als schlichen Sterbewesen

Durch Träume sich in meine Seele ein,

Als Bilder kann ich sie zusammenlesen

Und berge sie im Urerinnerungsschrein.

Die goldenen Ströme flammen auf wie Hallen,

Ein Strahlendom schließt seine Wölbung zu,

Gedanken, die sich stolz zusammenballen,

Entfalten ihre sehnsuchtsfreie Ruh.

Versteinerte Eichen am Grund der Lagune

Beginnen dem Sumpfe mit Wucht zu entwuchern,

Es wächst schon die trutzige Dünenkomune,

Und Kunden erblühen von Nordlandbesuchern.

Es können sich rumpfige Gruppen erreichen,

Es schließen sich Thore, es öffnen sich Brücken,

Es wollen sich wiedererstandene Leichen

Die bleiche, verfeinerte Marmorhand drücken.

Die Seele der alten, versunkenen Wälder

Beginnt sich auf einmal verklärt zu beleben,

Arkadien erwacht, junge Lichtrauschvermelder

Belauschen die Fluthen im Dunkel von Reben.

Es grünt und es blüht unser keusches Venedig,

Erfrischt und verjüngt durch die Reinheit des Meeres,

Gelingt es der Seebraut, des Blutbuhlen ledig,

Ein Freistaat zu sein und ein Herz des Verkehres.

Rialto, die Pulsadern deiner Entfaltung,

Kanäle und Ströme, die ferneher fließen,

Gewähren den Träumen der Pfahlwelt Gestaltung,

Da ringsum verkalkte Gespenstalgen sprießen.

Es tragen die Fluthen vom Osten her Rosse,

Porphyre und Stoffe zum Strande des Piave,

Rabbiner lustwandeln auf grünendem Flosse,

In goldenen Kirchen ertönt hold das Ave.

Die Götter Arkadiens sind wieder erstanden,

Im Schatten von Pappeln schlürft Pan kühle Muscheln,

Sirenen, die schüchtern auf Stranddünen landen,

Beginnen sich Märchen der See zuzutuscheln.

Nun tutet Neptun, bis zum Bauche erhoben,

Und weckt die Tritone, die halb erstickt schnarchen,

Die Fichtentitanen und Brackwasserkloben

Entrecken Holzkronen und Kranzwartenarchen.

Mit glühendem Sonnenstift zeichnet sich Klio

Die Thurmthaten auf, die zum Goldhimmel zucken,

Es flattern die Wespengespenster der Io

Zum Schriftforscher Rio, wo Glastadler spuken;

Promethische Zinnen, mit reinen Erdstimmen,

Erklimmen mit Lebensgischtschwingen den Himmel,

Ein Atemgold kann in der Tiefe erglimmen

Und rings übersprüht es das Menschengewimmel.

Venedig, du selbst bist die klaffende Auster,

In der Aphrodite die Schönheit bekräftigt,

Venedig, es rahmt dich ein zephyrgekrauster

Gischtschleier, der lebhafte Nymphen beschäftigt.

Es weben die Wellen sich Lichtflitterflore,

Die Schleier der Keuschheit entschweben dem Meere;

Venedig, eröffne der Venus die Thore,

Doch stelle dich stolz gegen Lilith zur Wehre.

Oh Farbenstadt Venedig, dir zu Füßen

Verstreut und legt ein grüner Strom Juwelen,

Das Meer will jedes Dogenhaus begrüßen,

Es dürfen nirgends Fluthgeflechte fehlen.

Auf himmelblauem Dunkelgluthengrunde,

Verbrähmt und strickt das Meer vor jedem Schlosse

Prunkteppiche, und seiner Tiefe Funde

Umschwärmen leuchtend jede Seekarosse.

Harmonisch sind des Meeres Sonnenstoffe.

Vor Marmortreppen webt es Züngelspitzen

Und droht verfinsternd steil das GothischSchroffe,

So hilft es sich mit Silberwirbelwitzen.

Die reinsten Flammen sind Türkisen, Rauten,

Doch hebt das Meer oft ganze Perlenspiegel,

Narzissen schwemmt es vor die Schimmerbauten

Und rothe Nelken vor Verwitterungsziegel.

Ein wahrer Prachtdamast ruht vor den Stufen

Der Muttergotteskirche "la Salute",

Das Meer hat allen Prunk emporgerufen,

In diesen Teppich wirkt es Grundtribute.

Die Kirchenkuppel blickt mit mildem Auge

Zur Spenderin der Reinheit auf, zur Sonne,

Da scheint es fast, als labe sich und sauge

Ein Tempelwunsch am stillen Milchtagsbronne.

Venedig, die Empfindungsinseln stiller Stunden

In deinen Fluthen, geb ich dir in Liedern wieder,

Venedig, bunte Fernen sind in dir verbunden,

Verschwundene Numen öffnen hier die Schlummerlider.

Venedig, dankbar bringen dir die Götter Gaben,

Geschenke, wie sie keine andre Stadt empfangen;

Du bist wie Aphrodite, der du gleichst, erhaben,

Du hast erwachend stets ein trautes Brautverlangen.

Bevor dein Bräutigam, das Meer, dich darf gewahren,

Beschaust du dich im Venusspiegel durch die Schleier

Die nächtlich sich auf deinen goldenen Sonnenhaaren

Verdichten, als ein Liebespfand von deinem Freier.

Der Venus Tauben, kaum vom Traume aufgeflogen

Umgurren deine buntgefüllten Wandellauben,

Und Taubenschemen, Schaumphantome goldener Wogen,

Besetzen Zinnen, Kirchenkuppeln aller Glauben.

Es blauen dunkle Fluten um die grünen Augen,

Die glanzlos in den Ebbestunden fast erblinden,

Die Sumpfalgen, die Ströme aus den Furchen laugen,

Beginnen rostigroth rings Tanzkränze zu winden.

Das Licht auf der Lagune ist der Pfau der Hera,

Den Zeus Gemahlin für Venedigs Freundschaft spendet,

Denn hier lebt alles noch in einer Sonnenära,

In der Minerva Helm und Lanze frei verwendet!

Fürwahr, die Götter Hellas leben in Venedig,

Auf der Lagune glitzern Hermes Flügelschuhe,

Das Volk ist findig, eitel, heiter und ruhmredig,

Es fand Merkur in ihm seiner Bewegtheit Ruhe.

Der Dogenpalast, den Phantiome bewohnen,

Behorcht Domgebote, die Rom streng erwogen,

Und alle die blutlosen Staatsabstraktionen

Beleben die Rhythmen der rollenden Wogen.

Der Volkswille wird eine Weltblüthenlese,

Es kreuzen sich Sitten verschiedener Länder,

Venedig, die Stadt jeder Brauchexegese,

Verkleidet das Fremde in eigene Gewänder.

Die Säulen, die prachtvoll den Staatspalast tragen,

Verzieren verschiedene Blattkapitäle,

Man sieht den Akantus aus Zwergstämmen schlagen,

Auf nordischem Schaft grünt die griechische Seele.

Der Mythus der Parsen, der Kult der Hebräer,

Verästelt sich mit dem Ardennengeblätter,

Urkomische Gnome, homerische Seher,

Vertragen sich trefflich als Völkerbaumvetter.

In heidnischer Einfalt erblüht eine Säule,

Ein Mädchen erwacht und gefällt einem Manne,

Bald liebt sich das Paar unterm Bettdeckenknäule,

Und dann legt die Amme ein Kind in die Wanne.

Die Eckpfeiler dieses grotesken Palastes

Bezeichnen die Menschenerkenntniß der Sünde,

Zuerst das Geheimniß, die Eva erfaßt es,

Ihr Adam empfindet der Traurigkeit Gründe.

Am anderen Pfeiler liegt Noah im Rausche,

Es hat ihn der Saft der Vergebung umdunkelt,

Damit nicht der Alte die Wahrheit verplausche,

Hat Wuth aus dem Blick eines Engels gefunkelt.

Das richtige Urtheil, – wie hier zu Gerichte, –

Spricht Salomon weise, am dritten der Pfeiler;

Den Vierten sieht niemand, im innersten Lichte

Der Kirche erstrahlt er als Weltleidenheiler.

Im Erdgeschoß tragen die Ganzunbekannten,

Die Massen des Volkes, die Last des Palastes,

Im Stockwerk darüber, die friedlichverwandten

Geschlechter des großen SanMarkoMorastes.

Auf schlankerem Schafte erblühn hier Gebilde

Verschiedener Stile zu Tragkapitälen,

Der tragische Widder, das Willkürlichwilde

Im Edelblut wittert auf Eichenlaubpfählen.

Ihr furchtbaren Rümpfe und Staatspalastpfeiler,

Ihr scheint mir ein Wuchtgebild wuchernder Wälder

Versteinender Eichen, die schlanker und steiler

Zum Freilichte klimmen, und seid Leidvermelder!

Ihr schnurrigverkrusteten Trumpfkapitäle,

Ihr Eidechsen, Schnecken, Schmarotzer und Räude

Aus Marmor und Moos, ihr seid Meergrundjuwele

Gebilde des Gischtes und Schäume der Freude!

Die Volkskraft am Meere enthüllt und entwindet

Dem wandernden Wasser sein algengeschmücktes

Geschhäftshaus: Venedig, die Einsicht erfindet

Das Stützengerüst, das Gemüt überblickt es!

So flammt denn auf, ihr goldenen Hallen,

Erwache meiner Seele Gold,

Gewaltig mag die Blutfluth wallen;

Erstehe, was zum Tag gewollt!

Oh Sonnentempel, golddurchflossen,

Umwölbe Deinen Pilgersohn,

Du nahtest mir mit Sonnenrossen

Und hältst mich nun in holder Frohn.

In tiefstem Bann magst Du mich halten,

Wann immer ich dich ahnen kann,

Denn rufen mich die Huldgestalten,

So holt mich Helios Viergespann!

Ein Fremdling bin ich, losgerissen,

Befreit vom Boden, der mich schuf,

"Du wirst den Hohn der Dinge wissen!"

Das ist mein Sonnaufforderungsruf.

So flammt denn auf Ihr Abendhallen

Oh Herbstwelt, wölbe Dich empor,

Du Goldschaum sollst Dich aufwärtsballen,

Auf Wolken wohnt der Sonnenthor.

Ich werde hier mein Herz ergründen,

In diesem Tempel ruh ich aus,

Das Gold in steilen Seelenschlünden

Erwühlt in mir ein Gotteshaus.

Die Sterne hab ich lang bewundert,

Sie nahten nicht dem Sehnsuchtsgold,

Und forschte ich selbst ein Jahrhundert,

Ich wüßte nie, was ich gewollt.

Die Nacht hab ich mit Gold umzogen,

Die Sterne deckt ein Feuerflor,

Mein Herz umglüht ein Nordlichtbogen,

Und ich vergesse, daß mich fror.

Ihr hohen Thore aus dem Osten,

Du überstülptes Wunderhorn,

Du Sonnendom mit goldenen Pfosten,

Du bist Byzantiums reifes Korn.

Du hältst in Dir, als voller Same,

Die Wüstenträume eingekerbt,

Daß Asiens Glaube nicht erlahme

Hat Dich Venedig übererbt.

Es ruhen Heilige und Propheten

In manchem goldenen Tempelsarg,

Sie warten demuthsstumm und beten,

Denn ihr Gemüt ist hoffnungstark.

Aus Menschennähe hoben Christen

Die Märtyrer in Sternenglanz,

Den Himmel, den wir sonst vermißten,

Verbildlichte und wahrt Byzanz.

Venedig, Deine Ferngestalten

Bringt unsre Wesenheit ans Licht,

Die spätgeborenen Christen halten

Sich jetzt an Jesus Erdgesicht.

Man holt in goldenen Prozessionen

Des Tempels Sonnenschatz hervor,

Die Engel sollen menschlich wohnen,

Schon öffnet sich das Mittagsthor.

Ein Psalm erklingt, und Davids Name

An sich ist schon ein Hoffnungsborn,

Fürwahr, San Marko ist ein Same,

So goldig wie das volle Korn.

Denn Gold ist der Kometenpollen,

Die Liebe selbst, die Gott erfreut,

Die Wogen auch, die uns umgrollen,

Wenn sie der Lichtsamen bestreut!

Auf dem Markusplatze in Venedig finden

Seit Jahrhunderten stets die gleichen Gruppen,

Denn der Tod kann wirklich gar nichts überwinden,

Aus den Bengeln müssen Eltern sich entpuppen.

Die Gewänder und sein Erbtheil nimmt ein jeder

Wie das Schicksal sie ihm eben träge bietet,

Des Verzinkers Sprößling greift vielleicht zu Leder,

Und ein Bäckersohn entsteht, der Holz vernietet.

Die Belebungsfülle aber bleibt die gleiche,

Nach verebbten Nothformen erscheinen Leute,

Kein Verjüngungsstrom bricht durch die Daseinsdeiche,

In Jahrtausenden ist es genau wie heute.

Die Verblichenen, so scheint es mir, beseelen

Ihre Nachkommen im Jenseits ewig weiter,

Die Langeweile muß sie entsetzlich quälen,

Zeigt sich nirgends ein Gewohnheitsüberschreiter.

Nur die Helden konnte Christi Tod befreien;

Die Gottähnlichkeit ist hier so karg bemessen,

Daß zehntausend Fromme nur zugleich gedeihen,

Der Durchschnitt aber wird in Noth vergessen!

Die Vergeßlichkeit ist unser Trost auf Erden,

Doch wenn zeitlos wir die Dinge übersehen,

Wehe uns, da wir uns ewig hören werden,

Und verstehen, daß wir uns um Nabel drehen.

Täglich strömen Leute aus den finstern Gassen

Von Venedig auf den Platz, um Scherz zu treiben,

Jeder kann das Laster aller andern hassen,

Um demselbverständlicheigenen treu zu bleiben.

Täglich macht der Pöbel seine alten Witze,

Da er einschrumpft, hält er sie beinah für neuer,

Selten nur durchzischen ihn Begeisterungsblitze,

Und aus Übermuth legt er dann Freudenfeuer.

Stilgeberden und die Sprache, die uns bleiben,

Sind die Lichtgeschenke, die wir uns gerettet,

Doch die Menschheit seh ich krampfhaft abwärtstreiben,

Ihre Wucht und Furchtbarkeit hat sie verwettet.

Durch Verschiedenheit kann sich die Welt erkennen,

Und als Gegensatz darf Aehnliches bestehen,

Doch von Fleischgewohnheiten soll man sich trennen,

Sonst wird die Menschheit bald ermattet untergehen.

Liebesräusche kennen nur die Kinderlosen,

Zum Vergnügen wird der Mensch zumeist empfangen,

Seine Seele kriegt im Elternalltag Hosen,

Häubchen werden von Verwandten angefangen.

Spießbürger, Ihr seid fürwahr nicht umzubringen,

Fremde kommen her, die Freiheit zu genießen,

Kann die Lust ein junges Sein beschwingen?

Nur ein Abenteurer mehr wird ihr ersprießen!

Nein und doch, das Liebesfeuer gährt in allen,

Aus dem Erdenkerne will es sich befreien,

Klarer kann es wählen; mag der Leib verfallen,

W ahlgeschlechter wird der Geist zusammenreihen.

Denn die Liebe und das liebende Gewissen

Ist die Lichtinsel für treibende Gefährten,

Hinter Finsternissen, vielen Hindernissen,

Seh ich Fernen, wo sich Lichtwesen bewährten.

Pöbel, stärker als Dein Trachten sind die Plagen,

Die das Feuer anstachelt, wenn Du verwüstest,

Gemeiner Wurm, Du mußt zur Sonne ragen,

Wär es nur, wenn Du im Tod Dein Nichts verbüßtest.

Eigenmächtigwilde, zynische Projekte

Schmiedet jederman, – wie oft, – und muß doch lieben.

Ach, wie häufig man das Heidenthum erweckte,

Lieber Gott, und wir sind Christen doch geblieben!

Ja, ein Brand geht durch die Menschheit, eine Flamme,

Die uns rastlos auffordert, dem Licht zu leben,

Lodre Gluth, in unserm guten Arierstamme,

Würde Du der Wesen, die auf Erden kleben!

Pöbel, nein, ich kann Dich wahrhaft gar nicht hassen,

Weiß ich doch, daß Zukunftsgluten alle leiten.

Ja das Was und das Warum, wer mag es fassen,

Doch genug, wir alle kennen Sehnsuchtsweiten.

Stundenlang kann ich am Markusplatz lustwandeln,

Albernheiten hör ich hier am Tag verhandeln,

Abends trachtet man mit Mädchen anzubandeln,

Garstiger Pöbel, kannst Du gar nicht Dich verwandeln?

Einmal nur im Leben wird der Mensch zum Dichter,

Wenn sich Schwärmerei seiner Natur bemächtigt,

Opfermüthig für die Braut, aufrichtig, lichter,

Wird der Mann, der liebend seine Lust berechtigt.

Mag er da des Eigenthumes Wahrheit ahnen,

Das in fremder Obhut einzig darf bestehen;

Ja, der Same, dem wir heilige Pfade bahnen,

Soll ins Weib, dem er gehört, keusch übergehen.

Würden wir mit Würde den Geschlechtstrieb lenken,

Gäb es weder Diebe noch verdungene Knechte,

Unsre Sucht Besitzgesetze einzurenken,

Ist der Alp und die Erinnerung echter Rechte.

Armes Volk, ein jeder dünkt sich frei vom Ganzen,

Glaub, er sei ein Mann, ein Weib, rein wie Ideen,

Die im Sprachgebrauch sich einfach fortverpflanzen,

Niemand weiß, wie viele Dinge übergehen!

Die Geschlechtlichkeit, das Tiefste, will bestehen,

Menschenzwitter triffst Du deshalb selten,

Wesen doch, die mehr Geschlechter in sich ehen,

Giebt es, da die Ursprungsketten sonst zerschellten!

Markusplatz, du mußt vom Jenseits Macht empfangen,

Ehen sind in aller Welt auf Dir entstanden,

Wieviel Wesensreihen haben hier einst angefangen,

Täglich flichst du Blickblitze zu Liebesbanden.

Zufall sagt man; kann es einen Zufall geben?

Bis der Markusplatz besteht, mag man dran glauben!

Ist es nicht viel einfacher, daß Parzen weben,

Und daß wir die Frucht vom Schicksalsbaume klauben?

Heiter bin ich jetzt gestimmt, die Saat geht weiter;

Heil San Marco Dir, Du stiftest ferne Ehen,

Du beglückst das Volk und Deine Glanzbestreiter,

Ja, ein Stern scheint sich um diesen Fleck zu drehen!

Sonnenschiffe, die am Markusstrande landen,

Lassen hier den Lichtbegriff der Menschheit steigen,

Selbst der Markusthurm, den Sturm und Brunst umbranden

Scheint symbolisch sich nach Osten vorzuneigen.

Was ich denke und empfinde,

Herz im Herzen, ist es wahr?

Schwebt die Seele nicht gelinde

Vor den eigenen Wunschaltar?

Götter kann ich jubelnd krönen,

Doch mein Glück bleibt lange aus;

Kann mich nicht hineingewöhnen,

In das fremde Weltenhaus!

Goldene Traumfäden verflechten,

Freuden in mein Nachtgespinnst,

Wenn sie Dauerglauben brächten,

Wüßte ich, Du bist und minnst!

Alles, alles nur Phantome;

Selbst die Lust eine Idee?

Hoch empor im goldenen Dome

Bäumt und träumt sich Heil und Weh.

Jedes Schicksal trüg ich gerne,

Auch die Sehnsucht die mich plagt;

Käm ein Wink nur aus der Ferne,

Wäre Wahrheit nicht versagt!

Nach dem Tode sinkt der Parze

Nie der Faden aus der Hand,

Nein, sie zieht ihn durch das schwarze

Erdgewebe umgewandt.

Sie verspinnt ihn immer weiter,

Bricht ihn, kreuzt ihn, wies gelingt,

Seh ich dann die Flammenleiter,

Die mich vor den Richter bringt?

Klotho, laß dem Seelenfaden

Des Geschickes Selbstentschluß,

Laß mich kühn im Sturme baden,

Nur die Freiheit ist Genuß.

Hier im Tempel will ich träumen,

Der sich herbstlich aufgebaut,

Unter Heiligen auf Bäumen,

Die im Laub hervorgegraut.

Eigenwillig, Ihr Erbauer,

Habt Ihr diesen Wald gekrönt,

Doch des Herbstes Gold und Schauer

Haben tief emporgethönt.

Unsre Träume haben Grenzen,

Unsre Wünsche, ach, sind kahl,

Wenn die Werke sich beglänze,

Traf sie ein Verhängnißstrahl!

Blos gehorchen soll man, schaffen,

Kunst, wachs in den Sturm hinein!

Schiffer, die nur Gold erraffen,

Bringen Dir den richtigen Stein.

Träume wucherten, Propheten

Ruhten dort im Eigenlicht;

Als Euch Schemen tief durchwehten,

Künstler, schuft Ihr voll Verzicht!

Ja, Ihr hörtet Eichen rauschen,

Was Euch fast in Angst gedrängt,

Wolltet dann den Lärm belauschen,

Habt Euch an den Tag gehängt.

Lachesis, laß meinen Faden

Nie aus deiner Liebeshand,

Halte ihn auf allen Pfaden

An die andern angespannt.

Liebe will ich traut empfangen,

Tausend Wesen hab ich gern,

Ja, der ganzen Menschheit Bangen

Trübt in mir den Freudenstern.

In das Wirrnetz der Moiren,

Greife plötzlich Atropos,

Muß ich einst das Licht verlieren,

Thue rasch, was Gott beschloß.

Glücklich werd ich nie im Leben,

Liebe, Wahrheit, die ich will,

Sind nur Dinge zum Erstreben,

Immer stumm und nimmer still.

Wo ich mich um Kenntniß quäle,

Huschen Irrlichter vorbei,

Flammen die ich rastlos zähle,

Mehren, kreuzen ihre Reih.

Spürend fühl ich nur die Leine,

Unsrer Parzen goldene Schnur,

Jedem, weiß ich, wird das Seine,

Gütig ist die Allnatur.

Glaub ich an den Freiheitschimmer,

An die eigne Willenskraft?

Ja, ich bin ein Lichterklimmer,

Der gehorsam borgt und schafft.

Durch die Numen spukt das Ende,

Das die Sterne treffen muß,

Doch es drängen meine Hände,

Von mir ab, den Athemschluß;

Denn aus einem Machtgeschlechte

Ging ich stolz und kühn hervor,

Götter schuf es sich als Knechte,

König wurde oft ein Thor.

Eines Volkes Stil und Stempel

Heiligt man und nennt ihn Gott,

Fatalisten schänden Tempel,

Nicht der Jakobiner Spott.

Ich gehöre zu den Tauben,

Die der Vorwitz nicht berührt,

An die Freiheit will ich glauben,

An die Gluth die Güte schürt.

Wagt Euch vor Ihr Einzelleute;

Glaubt in Gottes Schutz zu sein,

Wie Ihr fühltet, denkt auch heute,

Völker thun es und gedeihn.

Muß es deshalb Gott auch geben?

Schuf er mich von seinem Thron,

Ward ich durch mein ganzes Streben

Element der Negation!

Das Wasser scheint vom Lande eingesogen,

Es reift ein Nachmittag auf dem Moraste,

Von Purpurfurchen ist der Sumpf durchzogen,

Die Segel hängen schlaff von ihrem Maste,

In Trägheit eingemuschelte Gestade

Umstarrt die See gleich einem Prachtachate,

Die Thürme aber glühn in einem Ätherbade,

Es ist, als ob ihnen ein Lichtgott nahte.

Der Wind, der rothe Barken froh geschaukelt,

Erlaubt den Booten jetzt am Strand zu schlafen,

Die Masten sind von Goldträumen umgaukelt

Und glattes Wasser ebbt um jeden Hafen.

Ganz okergelb, wie aus dem Lehm gezogen,

Bedecken Segel, Netze die sich sonnen,

Den trockenen Strand in einem großen Bogen;

Matrosen schlummern unter morschen Tonnen.

Ich sehe Goldranken die Luft durchrauschen,

Es scheinen heitre Rhythmen rings zu schwirren,

Den seltenen Zauber will ich still belauschen,

Doch horcht man hin, so glaubt man sich zu irren.

Ein Windhauch trägt mir viel zu viel vom Äther,

Vom rothen Dunste in die müden Augen,

Ich schließe sie, bis Abendfarben später,

Gemildert, für die Traumgesichter taugen.

Am Meere flimmern ringsum Briesenschilder,

Es kann der B lick den Glanz nicht mehr ertragen,

Die hohe Sonne aber leuchtet milder,

Es kann der Blick sie um ihr Räthseln fragen.

Oh Sonne, Deine Frohheit kann ich noch ermessen,

Die Fernen suche ich in meiner Tiefe,

Der Gott im Schlummer und im Wachvergessen,

Erscheint mir klar. Es ist, als ob er riefe!

Es lodern die Thürme, es lohen die Masten,

Die Menschen sind ringsum von Flitter umzittert;

Um gotische Eckgibel drängen sich Quasten,

Das Meer scheint mit Quecksilberdraht übergittert.

Die Säulen umschleichen jetzt gelbliche Reben,

Und rothe Reflexe wie herbstliche Blätter

Beginnen Balkone am Strand zu umkleben;

Der Abend erscheint, als des Dionysos Retter!

Venedig, Du hast Hellas Götter empfangen,

Sie brachten Dir alle erhabene Geschenke,

Nun röthest Du selber des Dionysos Wangen,

Den Äther durchschwirren bereits Bacchus Schwänke.

Es wachsen die wispelnden Schatten allmählig;

Kein wucherndes Epheugespenst aber tötet

Die goldenen Dolden, die rings schon unzählig

Der Abend am Marmor noch immer fort röthet.

Die ruhigen Ranken umklammern die Bauten,

Im griechischen Stile, mit Gängen und Lauben,

Hier ist es, als ob Flimmerflechten vergrauten,

Dafür aber strotzen und reifen nun Trauben.

Figuren um Dächer und flache Terrassen

Erscheinen wie Geister, die bleich herabschauen,

Es ist als beseelte der Abend die Massen,

Als wären die Statuen in Bernstein gehauen.

Es scheint sich das Meer an die Ufer zu lehnen,

Der Abend wird schwerer, die Stadt imposanter,

Man könnte jetzt Dionysos über ihr wähnen,

Die ganze Lagune liegt da wie ein Panther.

Sonne, Sonne, holde Sonne,

Spenderin von Lust und Leid,

Eine große Lichtkolonne

Ist zu Streit für dich bereit.

Ringen wir nach deinem Lichte,

Ist es weil uns Gluth durchloht,

Denn mit jedem Lichtverzichte

Droht und folgt uns schon der Tod.

Licht, du kannst uns Richtung geben,

Leben ist ein Sonnenkampf

Selbst die Erdengötter schweben

Eben frei im Abenddampf.

Jeden Leib, alle Gestaltung

Unterwühlt und fällt der Tod,

Doch des Daseinurerhaltung

Überthönt das Abendroth;

Alle Formen, die sich sonnnen,

Stürzt das hohe Mittagslicht,

Hoch in Wolken eingesponnen,

Überlebt uns das Gesicht.

Sonne, du verdammst zum Tode

Und du bist auch die Geburt,

Denn in jeder Sonnenode

West ihr, die ihr heimwärts fuhrt.

Dionys, du bist erhoben,

Sonnentrunken steigst du auf,

Alle Lichtgewordenen loben

Deinen goldenen Wirkungslauf.

Die Strahlen der Sonne sind blutige Speere

Im Kampfe mit Wolken und Finsternisgraun,

Die Ruhe versinkt in dem dunkelnden Meere,

Ich kann kaum hinab in den Grababgrund schaun.

Die Blüthen der Vorwelt erglühen nun wieder,

Die Lenze Italiens erwachen voll Pracht,

Die Lilien Illyriens eröffnen die Lider,

In marmorner Reinheit als Engel gedacht.

Jetzt denk ich an dich, Jacobello del fiore,

Der alle Narzissen der Inseln vereint,

Auch Du sahst die Jungfrau im goldenen Flore

Der Gluthen der Tiefen, der abends erscheint!

Murano, Du Eiland verwunderter Kinder,

Auf Dir knospen Blumen mit Heiligenschein,

Medusenerschauer, als Bechererfinder,

Lustwandeln in deinem lichtinnigen Hain.

Es bluten die Ziegel der alten Paläste,

Im Augenblick, da uns die Sonne verläßt,

Der Abend verglimmt, und es glüht jede Veste

Des Gürtels, in den sich Venedig gepreßt.

Dann folgen die Farben der sanften Geschlechter,

Denn Fliederlicht sprüht über zartes Gestein,

Giorgione und spätere Traumrechtsverfechter

Vermochten es einst hier im Glanz zu gedeihn.

Jetzt schmückt sich der Himmel mit Wolken und Wappen,

Von sämtlichen Völkern zusammengestellt,

Da flattern die Habichte, Warten und Knappen

Von allen vergangenen Geschlechttrn der Welt.

Auch meine Standarte mag aufgerollt fegen:

Die Eindrücke faßt meine Seele im Lauf,

Ich will meine Reime nicht suchen und wägen,

Was Rhythmen mir zuwerfen, das fange ich auf!

Venedig, es ergießt sich Deine Ernte

Aus Blumenseelen in die weite Welt,

Denn jeder Duft, der sich von Dir entfernte,

Trug Samen fort für künftiges Blüthenfeld.

Die Nelken Deiner Vorwelt sind erstanden,

Ihr Zauber hat Carpaccios Traum durchschwebt,

In Basaitis blühenden Guirlanden

Sind wieder Korn und Mohnblumen belebt.

Mansueti hat ein holdes Sonnenmotto,

Das Veilchen blüht in seiner keuschen Hand,

Die großen Glocken des Lorenzo Lotto

Umträumen oft ein goldenes Sommerland.

Bellinis, Du Giovanni, Du Gentile,

Ich pflückte Astern oft in Eurem Traum,

Die Diestel flicht sich dicht zu eurem Stile;

Doch grünt in Eurer Art ein Lorbeerbaum!

Oh Tintoretto, lauter goldene Trauben,

Ein ganzes Erntefeld hast Du erschaut,

Des Herbstes Wolkengold und Kupferlauben

Sind wiederum in Dir emporgegraut.

Venedig, ganz Arkadien ist erstanden,

Dein Veronese übersieht den Lenz,

Die Träumer, die an Deinem Strande landen,

Beräuchern Deine Weltmagnifizenz.

Der Zauber, der ringsum die Nacht aufgerufen,

Beginnt sich vernehmlich am Meere zu regen,

Im Schatten verblauen die marmornen Stufen

Der stillen Paläste an wogenden Wegen.

Der goldene Samen des schaffenden Tages

Ist ringsum im flutenden Meer aufgegangen,

Allüberall flackert und glastet ein wages

Geringel von Aalen und glitzernden Schlangen.

Beim Gondeln begegnen wir Zitterpolypen,

Nebst Austern und anderen Muscheln der Tiefe,

Die ringsum gespenstig am Wellenkamm wippen,

Es ist, ob die See von Gethier übertriefe.

Auch mir will die Seele im Leibe entquellen,

Die Wünsche entsprudeln, gleich Gischtschmetterlingen,

Den innigsten Wellen, die Freuden erhellen;

Ich will, ach ich will mich ins Lichtdasein schwingen.

Ihr Perlen und Spangen am Grund meiner Seele

Oh laßt Lebensfunken den Blicken entsprühen,

Und dann sehnlichähnliche Thränenjuwele

Im nämlichsten Wesen voll Schwermuth erglühen!

Ihr Tage vergraut, Nächte dunkelt vorüber,

Bis endlich die Sonne mein Glück mag bescheinen

Das Herz geht mir über, mein Einblick wird trüber,

Oft möchte ich schluchzen und Felsen wundweinen.

Wann wird mir ein Mund mein Geheimnißwort sagen,

Mein Weib, oh mein Weib, wirst Du je mich verstehen?

Dein Mund muß die Gluth meiner Lippen ertragen,

Mein Schmerz wird zu Dir als mein Glück überwehen.

Die Münder verbrüdern Millionen von Blüthen,

Drum muß jedes Wort, das sie sagen, befruchten,

Ein Mund lispelt Liebe und läßt Stürme wüthen,

Die fern in den Seelen sich fruchtbar verschluchten.

Auf des Tages Abendschleppe

Streut der Mond sein Lichtgeschmeid,

Über ferner Alpentreppe

Funkelt noch das Purpurkleid.

Doch ein Ruhestundenschleier

Glitzert jetzt allein am Meer,

Schwangespenster, Silberreiher

Wimmeln, schwimmen ringsumher.

Wie in einem Irisbecken

Ruht der goldene Honigmond,

Zarte Wolkenhände strecken

Ihn empor, wo Sirius thront.

Viele ersterglimmte Lichter

Nicken wieder schläfrig ein,

Denn des Mondes Flor wird dichter,

Alles, alles funkelt rein.

Da vor unserm Gondelbuge

Rauscht ein weißer Fabelschwan,

Rüstet er sich gar zum Fluge?

Immer huscht er um den Kahn.

Kaum hält unser Fährmann inne,

Taucht das Thier ins Meer hinab,

Und in bleicher Silberrinne

Biegst Du um ein Marmorkap.

In den heimlichen Kanälen

Ist der Schwan dann wieder da,

Dichtumloht von Mondjuwelen

Lenkt und leuchtet er beinah.

Seine weisen Flimmerglieder

Sind viel zarter als ein Traum,

Rings verliert er sein Gefieder,

Oder ist es Gischt und Schaum?

Steile Thürme hoher Bauten

Steigen ringsum jäh empor

Ausweichrufe nur verlauten,

Finster bleiben Thür und Thor.

Oft kann sich der Mond verstecken;

Hinter irgend einem Haus

Will er sich dann vorwärtsrecken –

Plötzlich aber bleibt er aus!

Dunkel wechselt mit der Helle,

Wolken treiben hin und her,

Schneeschein deckt die Riowälle,

Furchtbar dröhnt das ferne Meer.

Stürmen wird es, Wind und Regen

Singen bald ihr Schauerlied,

Und auf stillen Silberwegen

Horch ich dann was rings geschieht.

Oh, es drängt mich wildes Grausen

Hin zum bleichen Dünenmeer,

Wellen, die die Winde krausen,

Reitet jetzt ein Hexenheer.

Ein Stier mit einem Silberhorn

Trägt die Nacht aus Nebelfugen,

Durch Wolkenritzen windverworren

Siehst Du kaum die Sterne lugen.

In schwüle Dünste eingehüllt

Schwärmen düstre Mondlichtseelen,

Der Wölfe Troß, der oben brüllt,

Klefft den Wind aus Silberkehlen.

Die Thiere, noch ganz ungezähmt,

Bleiben rudelweise hocken,

Die Hexen humpeln halbgelähmt,

Viele wollen plötzlich bocken.

Am Hexenbuckel huckepack

Mit weitausgespreizten Beinen

Hockt oft ein Zwerg als plumper Sack,

Gnomen reiten selbst auf Schweinen.

Was hackt sich dort die Flügel aus?

Ach, das sind die Mondlichteulen,

Sie wirbeln rings im wildem Braus,

Oben muß die Bora heulen.

Der Wind verrammelt rasch die Thür

Großer, voller Wolkenberge,

Im Innern aber wühlt dafür

Eine Schaar geringer Zwerge.

Ein Schneegebirg, ein Slavenschloß

Scheint der wilde Sturm zu tragen

Den Ritt auf tollem Nebelroß

Will ein dünner Lichtprinz wagen.

Schon sprengt er vor, er wagt den Sprung

Hin zur Burg der Silbersäle,

Es wohnt da drin in großem Prunk

Eine bleiche Fabelseele.

Wie traumverloren sitzt sie dort,

Spinnt an ihrem Silberrocken,

Die Spindel webt in einemfort

Und verstreut die Mondlichtflocken.

Ich blicke lange dort hinein,

Schön sind diese Wolkenhallen,

Bis Nebel um den Sonnenschrein

Stummer Mondnachtmärchen wallen.

Vom Lido hörst Du Prall auf Prall

Wogenbogen wild zersplittern,

Daß Gischt und Schaum beim Wellenfall

Silberblitze grell durchzittern.

Es scheint hier manches Marmorhaus

Blendendweiß und schroff gezimmert,

Besonders wenns der Wogenbraus

Silberkalt und bleich umschimmert.

Das wurde einst aus Griechenland

Hergefloßt in gleichem Strome,

Der wogte es von Hand zu Hand

Und verklärte es zum Dome.

Jetzt scheint mir, daß ein Silberwurm,

Dort im Meer, ein großer Drache,

Im Mondlichtpanzer nun den Thurm

Des Sankt Georg still bewache!

Auch steigt ein dichter Silberrausch

Aus dem weichen Wogenpfühle

Und schnellt sich rasch als Lebenshauch

In die nächtlichscharfe Kühle.

Es gab so einer Schaumgestalt,

Kaum erwacht in Mondlichtfrieden,

Der Griechengeist einst Formgehalt,

Denn das sind Okeaniden.

Hoch oben, von der Nacht verscheucht,

Fliehen Mondlichtsilberfalter,

Ein Hexenschwarm, der weiterkeucht,

Schleppt sich fort, trotz Sturm und Alter.

So manche Wetterhexe wirft

Blicke aus der Nebelkappe

Und schärft sie, da sie vorwärts schlürft,

Daß sie besser weitertappe.

Am Meeresstrande aber wohnt

Manche Nymphe schmuck und schnippe,

In Silberspiegel wirft der Mond

Frische Jugendkraft der Sippe.

Es schleppt sich nun ein Rittertroß

Schwer heran auf Zottelkleppern,

Gar müde sind schon Mann und Roß,

Wenn sie sich zusammenläppern.

Bis übers Knie sinkt jeder ein,

Weich und schlüpfrig sind die Dünen,

Doch traben sie im Mondenschein

Als verwegene Nebelhünen.

Sie reiten mühsam bis zum Meer,

Ohne alle Sturmnachtrufe,

Und sie verlieren ringsumher

Auf den Dünen Silberhufe.

Es schlottert alles schon vom Leib

Dieser müden Nebelschaaren,

Im Meere grinst ein Hexenweib

Mit verwirrten Mondlichthaaren.

Im Dunst erstickte fast der Wind,

Und es rieselt schon der Regen,

Durch Wolken guckt der Mond geschwind,

Da sich Schleier um ihn legen.

Doch wie der Dunst sich kaum verzieht,

So entsteht ein Mondlichtleben,

Denn wo er sich in Tümpeln sieht,

Bleiben bleiche Krabben kleben.

Die sind des Mondes Wirbelbild,

Sinds im krausen Wellenspiegel,

Dem allerhand Gethier entquillt;

Und am Ufer liegen Igel.

Fern im Schlamme siehst Du noch

Reiter sich und Rosse wälzen,

Die meisten stürzten in ein Loch,

Sieben schleppen sich auf Stelzen.

Ein Panzerschiff im Hafen scheint

Fast ein Wallfisch aus dem Norden,

Ein Unhold, der den Tag verneint,

Stets bereit, das Volk zu morden.

Venedig, bist Du endlich frei?

Eine Albkraft will mich würgen,

Die Panzerfaust, so schwer wie Blei,

Muß den Druck auf Dich verbürgen!

Rom

Ihr Wasserträgerkaryatiden,

Einst wart Ihr Romas Ziegelsklaven

Und heute seid Ihr Invaliden,

Die früh mit hohen Architraven

Sich fort und fort in sich verschlangen,

Bis sie im fernen Apennin

Gar viele Ouellennymphen zwangen,

Vor ihrer Kaiserin zu knien.

Die klaren Bergströme ergossen,

Wie Strahlen, senkrecht sich nach Rom

Und sprangen, sprudelten und flossen

Dort munter als Brillantenstrom.

In Iriskränzen wühltet, spieltet

Ihr Tropfen und Ihr frohen Lichter,

Ihr frischen Blumenschäume kühlet

Der Götter Marmorangesichter.

Dann stürzte Zeus von seinem Thron,

Die Nixen wurden bald verjagt,

Und blasser ward der Glanz der Weltenkrone,

Die siebenzackig sonnwärts ragt.

Ihr Invaliden steht ermattet

In der Campagna nun allein;

Verstümmelt, weinumrankt beschattet

Ihr Ziegen noch im toten Hain;

Voll Trauer seht Ihr wie die Reben,

Sonnentrunken in verschlungenen Reihn

Und stolz auf den Albanerwein,

Rings freudig in die Weite streben.

Ihr Saft quillt goldig aus den Trauben,

Die in des Herbstes Purpurlauben,

Umrankt von grünen Epheuschlangen,

Auf tiefgebeugten Ästen prangen.

Durchglüht den Wald der Abendschein,

Beginnt das Licht rings zu verklingen,

So ists, als ob im Pinienhain

Die schwersten Silberfrüchte hingen;

Orangen scheinen uns zu blenden,

Ein grelles, gelbes Transparent

Verhängt das ferne Firmament,

Und Riesenbäume spenden

Uns roter Äpfel große Last;

Doch geht hinter den Obstgeländen

Der fahle Tag dann bald zur Rast,

So fallen sie gereift vom Ast.

Aus einer Wolke Glastportalen

Besonnt die Glut das Herz der Welt

Und spannt mit ihren goldenen Strahlen,

Hoch über Rom, ein Riesenzelt.

Die Nebel, die sich fest verkneten,

Umzackt ein schroffer Feuerrand,

Dann werden sie zu Goldmagneten,

Denn Glut entsaugt das Gold dem Land;

Und viele scheinen selbst mit Händen

Die Farben ringsum anzuziehn,

Und wo sie Lohe wild verschwenden

Da ists, als ob Vulkane spien!

Ist auch die Sonne schon gesunken,

Erhält sich eine Wolke lange

Die Abendglut in ihrer Wange

Und wälzt sich plötzlich farbetrunken

Ins Dämmergold, das aufwärts schwellt.

Der Himmel scheint ein Erntefeld

Mit reifen Sonnenstrahlenähren,

Die Spukgebilde nun verheeren;

Und viele Kupferkuppeln schimmern

Des Abends um das Kapitol,

Und viele tausend Fenster flimmern,

Wie überklebt mit Goldstanniol.

Der Boden ist verdorrt und braun wie Ocker

Die Hütten und Gebüsche siehst Du kaum,

Die Häuser sind aus Lehm gebaut und locker,

Das ist der nahen Großstadt gelber Saum.

Was leuchtet dort hinter den welken Bäumen?

In tausend Farben schimmert jetzt ein Feld,

Ich sollte so ein Schauspiel nicht versäumen,

Die Todten steigen aus der Unterwelt!

Ich bin zu Allerseelen angekommen,

Oh Rom, schon zeigst Du Dich in buntem Kleid!

Es brennen rings die Blutlampen der Frommen,

Dabei der gelbe Schmerz, das blaue Leid;

Das ist die Saat, die Gottes Licht verstreute

Und die sich Rom in seinem Hain gehegt,

Das da sind lauter brave Weinbergleute,

Die längst der Todesengel fortgefegt.

Feldeinwärts greifen schon die Spinnenfühler

Der Stadt, die jetzt mit einemmal beginnt.

Die Häuser steigen an. Die Luft wird schwüler.

Es zieht mich in das fremde Labyrinth.

Doch überall, hinter den Wuchtzypressen,

Entschwirrt den Friedhöfen ein Schein wie Od.

Ich werde diesen Eindruck nie vergessen,

Ich lobe Rom, dem Hoffnungsroth entloht!

Den Meisten scheinst Du, Rom, dazu erkoren,

Den Frieden immer wieder zu verleihn,

Hat man die Ruhe in der Welt verloren,

So will man Rom, dem Erdenherz, sich weihn!

O Sonnenstadt, Du gießt den großen Massen

Dein Friedensöl in ihre Seelenfluth,

Und selbst den Menschen, die Dein Walten hassen,

Verjüngt Dein Zauber noch den Glaubensmuth.

Ruht doch in Deiner fabelhaften Enge

Die Kraft, die unsern Menschengeist befreit;

Du einst in Dir das größte Machtgepränge

Und wahrst dabei die stolze Eigenheit.

Die Herzblutwellen, die durch Völker rollen,

Entschnellst Du, Rom, durch Deiner Pulse Schlag

Der Welt befiehlt dadurch Dein Herrscherwollen,

Doch diese leistet nur, was sie vermag!

Es rannte mancher Papst mit seiner Stirne

Wohl aus Verzweiflung an die Tempelwand,

Beschränkt erschienen ihm die Christenhirne,

Für Großes reicht kein menschlicher Verstand!

Dann ward durch Romas Wuth die Welt vergiftet,

Die ganze Menschheit hat den Zorn erweckt,

Der Lateran hat Böses angestiftet,

Das Fieber dann die Erde angesteckt!

So war es mir, als ich die Urbs begrüßte,

Und die Campagna hell in Flammen stand,

Ein Pilgerchor, der seine Schuld verbüßte,

Schlich romwärts in den hellen Feuerbrand.

Enthüllt sich mir ein Glücksempfinden,

Kann ich an Deiner Herznatur

Die Seelenruhe wiederfinden,

Oh Rom, befreie mich Dein Azur?

Ein Sonntag ist eine Freude

Und wirklich anders hier in Rom,

Krystall umfunkelt die Gebäude,

Die Luft ist mir ein Lichtphantom.

Es ruht des Himmels blaue Leere

Auf Säulen ganz aus Luft und Licht,

Es gleicht der Äther einem Meere,

Kein Himmelsseegler ist in Sicht.

Die Sonnensäulen stehn auf Plätzen

Und tragen ihren Baldachin,

Die Stunden werden sie versetzen

Und ihre Schatten weiter ziehn.

Ein Lebensdom mit Sonnenpfeilern

Zieht ewig über Meer und Land,

Doch bleibt in trägen Erdverweilern

Sein Wesen völlig unerkannt.

Die Sonnenpsalme, die erschallen,

Singt unsre Seele lichtverwandt,

Und Geister baun sich Tempelhallen,

Wo der Gedanke sich entspannt.

Oft werden Götter überwunden,

Gar bald verlischt ihr hoher Ruhm,

Doch neuer Götzen rasch entbunden,

Verbleibt der Mensch im Heidenthum!

Zur Pauluskirche geh ich täglich,

Es war zuerst blos Zeitvertreib,

Doch liebe ich sie jetzt unsäglich

Und suche dort nach meinem Weib.

Zur Kirche müßt es wiederkehren,

Beglückt wie ich durch ihre Pracht,

Es sollte stets den Rausch begehren,

Der immer wieder hier erwacht!

Der Frau gefallen Kolonnaden,

Die um den Marmorspiegel stehn,

DieÜppigkeit im Knauf entladen

Und sich im Boden wiedersehn.

Es schweift ihr Sinn an Säulengängen

Hinab, hinan und weit zurück,

Sie liebt die fächerfreien Längen

Und Räume, rings beherrscht vom Blick!

Der Petrustempel bleibt hienieden

Zum Einbruch ferner Geister frei,

Es birgt den zweckefremden Frieden

Des Domes aufgerecktes Ei.

In Völkern, die im Kampf gewonnen,

Wird aus dem menschlichen Gehirn,

Dem Weltgesetze eingesponnen,

Sich neue Lebenskraft entwirren.

Es wird der Mensch einst ohne Sorgen

Zum Geist, der gegen Schein sich bäumt

Und unbekümmert um ein Morgen

Die Phantasien ganz entzäumt.

Die Macht sei eingeprägt in Rassen,

Die ihren Staub sich umgeschafft,

Denn sonst verliert sich in den Massen

Der Auserlesenen Sonderkraft.

Dann soll der Mensch in diesen Räumen,

Wo man das Höchste schon erfaßt,

Der Kindheit Gaukelspiel verträumen;

Bei Göttern ist er hier zu Gast.

Unheimlich sind die Dimensionen,

Wo Perspektive fast verschwand,

Den ptolomaeischen Legionen,

Die Eigenmaaße nur gekannt.

Den Raum, die Zeit zu überwinden,

Versucht der Mensch im Petersdom,

Einst werden sie von selbst verschwinden,

Schon bannt uns Ewiges an Rom.

Ein großer Meister, der uns mahnte:

Kopernikanisch sollt Ihr sein!

Und freiere Geschlechter ahnte,

Erbaute seinen Traum in Stein.

Wie bei dem Hirn die Schädeldecke

Sich an die innere Fülle paßt,

So wälzte er die Marmorblöcke

Um die Idee, die er erfaßt.

Er thürmte auf und wölbte mächtig,

Was seiner Ahnung klar entsprang,

Verjüngungskühn, gedankenträchtig

Gebar er seinen Marmorsang.

Der Geistesblitz, der den Planeten

Ins Sternenall hinausgeschnellt,

Begeisterte den Steinpoeten

Zum größten Tempel dieser Welt.

Er ahnte mehr als er vernommen

Und setzte schon das Monument

Gedanken, die noch kaum erglommen,

Wo die Idee schon hell entbrennt.

Ihr Lebensfeinde, schwere Steine,

Wenn Euch ein Sonnensohn bezwang,

Seid Ihr im rhythmischen Vereine

Ein felsgewordener Sonnensang.

Bei allen heißen Meißelschlägen,

Wenn blitzend das Gestein zerspringt,

Wenn Riesentrümmer sich bewegen,

Und irgendwo ein Werk gelingt,

Wenn wir die Säulen sonnwärts stellen,

Was nur Titanenkraft vollbringt,

Wenn die Gebirge selbst zerschellen,

Hast Du, oh Sonne, uns gedingt.

Drum Marmorstein, Du mußt erbleichen,

Du dienst dem Himmelstürmer Geist,

Den keine Fallsterne erreichen!

Der Meteor erlischt, vereist.

Zu seiner Sehnsucht Starre friert er.

Bringt Kandelaber, reich geschmückt!

Stellt sie um Marmorbilder reichgezierter

Bekräftiger, daß Euch viel geglückt!

Die Leuchter schmücken goldene Spangen,

Die Blutrubine starr umglühn,

Smaragde seh ich ringsum prangen,

Brillanten in den Tempel sprühn.

Nun spricht ein sanftes Gold zum Herzen,

Es rauscht mich an wie Feuerklang,

Gar lieblich flimmern stille Kerzen,

Und das Gemüth wird wehmuthskrank.

Ich höre Engel jubelnd singen,

Die Thränen werden deren Kleid,

Und die Musik zu Unschuldsschwingen,

Mein Glück, da gleichst Du meinem Leid!

Die Wuchtkuppel durchbraust ein Psalter,

Hoch oben schwebt ein Cherubim

Als hehrer Hierarchieerhalter,

Denn Art und Adel tagt in ihm!

Hinan zu meinem Götterhimmel!

Hier werde ich zum Kind und schwach,

Mein Traum entrausche dem Gewimmel,

Du Meteor in mir, erwach!

Dir Artemis, der Erstgeborenen

Von Letos hohem Zwillingspaar,

Dem reinsten Weib, dem zuchterfrorenen,

Bringt mein Gemüth den Nachtsang dar .

Dein Speer und Silberpanzer blinken.

Auf wildem Schimmel, ohne Zaum,

Die Halbmondfackel in der Linken,

Durchschweifst Du still den Sternenraum.

Du reitest sicher, ohne Zügel,

Und stürmisch wiehert nun Dein Roß,

Es wittert weißes Nachtgeflügel,

Da schleuderst Du Dein Wurfgeschoß!

Es sprengt Dein nacktes Magdgeleite

Auf Windfliehern um Dich herum,

Wohl keine weicht von Deiner Seite,

Zur Jagdzeit sind sie meistens stumm.

Sie haschen Vögel, die ermüden,

Doch blos die Göttin wirft den Speer,

Nun kommt der Jungfrau, aus dem Süden,

Ein Vogelzug jäh in die Quer.

Um Störche, weiße Tauben, Reiher,

Ein reiches, frühes Lenzgeschenk,

Wirft jetzt der Jagdtroß dichte Schleier,

Und fängt sie listig und gelenk.

Doch vorwärtswirbelnd, wiederkehrend,

Setzt sich der Vogelschwarm zur Wehr,

Sich weiterwindend, rings sich mehrend,

Weicht nimmer dieses Wolkenheer.

Dianas Fakel zu verdüstern,

Scheint ihnen Rettung in der Noth,

Doch bleiben sie von Windverwüstern,

Trotz Muth und Hurtigkeit, bedroht.

Ein Zug von Turteln gurrt, und lüstern

Wirft sich der Jungfrau munteres Pferd,

Jetzt geifernd aus den weiten Nüstern,

In diese Schlacht, die es begehrt.

Ganz wirr, verworren sind die Mähnen

Der Gäule bei der wilden Jagd,

Sie tragen tausend Luftsirenen,

Von Artemis hoch überragt!

Die führt den Troß, der sie begleitet,

Jetzt wüthend ins Getümmel ein,

So weit das Wolkenfeld sich breitet,

Entbrennt der Kampf im Fackelschein.

Sowie die Herrin Beute wittert,

Durchzuckt Begierde ihr Gesicht,

Es blendet, bricht, es blitzt und splittert

Jetzt Britemertis Silberlicht.

Sie will das Wild zu Tod verletzen,

Ganz rücksichtslos wird aufgeschlitzt,

Selene liebt das tolle Hetzen,

Ihr Silberlicht wird rings verblitzt.

Bald wird das Nachtgezücht zerstieben,

Der Hinnmel ist mit Flaum bedeckt,

Der ganze Schwarm ist aufgerieben

Und im Gemetzel lahmgeschreckt.

Den Göttern wird als frohe Kunde

Verkündet, daß die Schlacht vollstreckt,

Es heulen noch die Sturmwuthhunde,

Sie haben heute Blut geleckt.

Der Himmel muß als Mond erscheinen,

Der sich ins Sternenall erstreckt,

Denn hinter Federn und Gebeinen

Liegt nun der Kampfplatz ganz versteckt.

Hoch oben sieht man Kraterschlacken

Von Silbersäumen leicht erhellt,

Und scharf umgrenzt von Mondlichtzacken

Erscheint das große Todtenfeld.

Erstarrt, vereist ist jetzt der Himmel,

Der Mond eroberte ihn ganz,

Und siegreich flicht das Jagdgewimmel

Sich einen Rieseniriskranz.

Nur langsam löst sich das Gefieder,

Es ist der Göttin Jagdtrophäe,

Als Flocken wirbelt es hernieder,

Die Höhen hüllen sich in Schnee.

Als strebten Segler nach dem Orte

Der sichern Rast, mit scharfem Kiel,

Drängt durch das Wogen unserer Worte,

Durch kühner Rhythmen Wechselspiel,

Gleich Pfeilen von entspannter Sehne,

Als Lichtbild, herrlich die Idee:

So tritt aus Nebeln jetzt Selene,

Ganz Hellas glänzt in Silberschnee!

Das Mondlichtnetz umschlingt uns wieder,

Der Himmel ist fast wolkenfrei,

Und Leleithia steigt hernieder,

Sie hilft des Nachts von eins bis drei.

Stets westwärts wehen die Jägerschaaren

Im Mond Muchion übers Meer,

Wie sie Italiens Strand gewahren,

Fliegt flinker noch das freie Heer.

Durch Wälder streifts im Schwebeschritte

Als blasser, weißer Nebelstreif,

Um Wiesen schweifts, mit leichtem Tritte,

Und gleitet schon und schleift auf Reif.

Die Göttin sieht auf fernen Zinken

Des Bruders Troß im Purpurlicht,

Und horch, sie muß zum Aufbruch winken,

Da eine Jungfrau leise spricht:

Zu Wüstensand verbrannte

Der Erde trockener Theil,

Und in die Wildniß sandte

Apoll den ersten Pfeil.

Der Wüstenathem brachte

Ihm nichts als heißen Sand,

Er schmachtete und dachte

Vielleicht an Phöbos Hand.

Die Gluthenstrahlen drangen

Gar tief ins grüne Meer

Und regten das Verlangen

Nach Wolkenschutz und Wehr.

Gar duftige Gestalten,

Vom Wellengang geschnellt,

In Nebelmänteln wallten

Nun in die blaue Welt.

Sie kamen unvermuthet

Zum ausgedorrten Pfeil,

Er war beinah verblutet,

Sie brachten ihm das Heil.

Er wäre bald verkommen,

Er schmachtete im Sand,

Sein Leben schien verglommen,

Die letzte Hoffnung schwand.

Die Nebel kosten, küßten

Den dürre Zukunftsbaum,

Sie labten ihn mit Brüsten,

Erfüllt von Lebensschaum,

Sie sagten: Nicht verzage,

Es wird die Hoffnung bald

Im Boden Wurzel schlagen,

Sie sei Dein fester Halt!

Sie rauschten das mit Wärme,

Erst hörte er sie kaum,

Dann sah er Nebelschwärme

Ringsum im ersten Traum.

Bald drangen frische Kräfte

Zum letzten Federnsaum,

Und grüne Frühlingssäfte

Durchfieberten den Baum.

Oft hat die Langeweile

Die Palme dann gequält,

Von einem andern Pfeile

Ward ihr darauf erzählt.

Zu unverheilten Wunden

Rang sich ihr Sehnsuchtsdrang,

Da ward die Brunst entbunden

Und blühte liebesbang.

Die Hoffnung wollte lieber

In keiner Blume ruhn,

Sie schwang sich noch hinüber,

Als Duft sich zu verthun.

Den andern Baum bethörte

Der Düfte Überschwang,

Sein Blüthenohr erhörte

Was sein Gemüth durchdrang.

Doch hat der Blüthenzungen

Geflüster nicht die Scham

Der Blume gleich bezwungen,

Als sie von Lust vernahm.

Erröthend nur erhörte

Ein Kelch den Duft sogleich,

Die meisten aber störte

Er nicht, sie welkten bleich.

Verdurstend, elend, standen

Die Palmen oft allein,

Die Nebelkinder fanden

Sich lange, lang nicht ein.

Vom alten Baume blieben

Sie ganze Monde fern,

Da ward er aufgerieben,

Es brach sein Lebensstern.

Die letzten Wesensstrahlen

Erblühten noch voll Pracht,

Es sind die Purpurqualen,

Als Abschiedskranz, erwacht!

Oh Göttin, welches Weh durchzittert

Dich sanft, da Du das Licht erlauscht,

Hat es die Keuschheit Dir verbittert,

Hat Dich der Traum vom Baum berauscht?

Von Ästen seh ich Nebel baumeln,

Der Jungfrau Traumlust scheint erwacht,

Sie zagt, ihr bangt, sie könnte taumeln,

Nun blendet sie die eigene Pracht!

Die Stute wiehert, denn es striegelt

Sie schon der erste Sonnenschein,

Ihr Waidweibantlitz aber spiegelt

Der Nemisee entzückend rein.

Die Schönheit, die ihr göttlich deuchtet,

Die ward mit Keuschheit ihr bestimmt,

Drum hat ihr Blick sich leicht befeuchtet,

Sie flieht, da schon der Tag erglimmt!

Es steigt mit der goldenen Leier

Apollo empor in die Welt,

Das Licht ist an sich eine Feier,

Und wer sie empfindet ein Held.

Es lüften sich duftige Schleier,

Es trennt sie der strahlende Schwall,

Und Erdstimmen freuen sich freier

Im sonnendurchglühten Krystall.

Das Gold, das wir alle begehren,

Das ewig der Sonne entrollt,

Erklingt in den weitesten Sphären,

Denn alles ergötzt sich am Gold.

Wo Wölkchen am Himmel erglimmen,

Da schweben auch Englein hervor

Und singen mit kindlichen Stimmen

Des Morgens unendlichen Chor.

Kaum hört man die Stimmlein noch säuseln,

Die Äuglein sind strahlend und klar,

Die Lüfte des Frühlings verkräuseln

Die Flügel, das goldene Haar.

Die Elfen beginnen den Reigen,

Sobald nur ihr Weckruf erschallt,

Man sieht sie den Blüthen entsteigen,

Ihr Lichtschritt durchzittert den Wald.

Sie wirbeln in flimmernden Schäumen,

Sie tragen sie zierlich zur Schau,

Beim Tanzen entfällt ihren Säumen

Erfrischender, perlender Thau.

Sie folgen geschwind Terpsychoren

Und suchen beim Tanze Genuß,

Erhascht von dem Hauche der Horen

Verwehn sie beim brünstigen Kuß.

Jetzt klingen die Lebensgelüste

Zum spendenden Gott aus dem Thal,

Dann sieht er vom Strahlengerüste

Oft Länder, verwüstet und kahl.

Doch brennt er, mit flammendem Stifte,

Der Starre vernichtet, verzehrt,

Lebendige Worte in Trifte

Der Wüste, die Wollust begehrt.

Der Morgenrothstrauß hat sich lang schon erhoben.

Wie Bluttropfenrosen im samtigen Moose

Ihr Knospen verbergen, verglüht nun dort oben

Im Dunkel der Dünste die letzte Frührose.

Den Himmel umflimmern die lieblichsten Farben,

Im Nebel erscheinen Hortensien und Lilien,

Es züngeln im Blüthenkranz glühende Garben,

Und alles das spiegelt die See von Sizilien.

Jetzt will sich die Anmuth vollendet genießen,

Dazu ihre Ruhe im Meere vertiefen,

Der Spiegel erscheint, alle Brisen zerfließen,

Als ob nun die wogenden Seewünsche schliefen.

Es gleicht jetzt der Tag einem ruhenden Löwen

Mit goldig erglühender, sonniger Mähne.

Ganz still ist das Meer. Und fast suchen es Möven.

Es ist, als ob jede im Äther sich wähne.

Erschreckt durch ihr Eigenbild flattern sie weiter,

Um irgendwo Winde und Wogen zu finden.

Es reckt nun Poseidon gewaltig und heiter

Sein Haupt aus der See, alle Zweifel verschwinden.

Die Stirne des Gottes ist gar nicht umzogen.

Im Bann seiner Blicke bestätigt sich alles,

Bedächtig und ernst wird die Schöpfung erwogen,

Er denkt an die Kinder des klaren Krystalles.

Da leuchten die Algen und Aderkorallen,

Die leiblos, fast todesverschont, sich vermehren;

Es leben dort Schwämme und farbige Quallen,

Die hinschwimmend Leiden und Jubel entbehren.

Es ist das kein Leben voll Trauer und Schauer,

Wo Leibes und Todesorkane sich hetzen,

Das Wasser ist schwanger an Schwere und Dauer

Und mag sich in klare Betrachtung versetzen.

Es horchen Tritone dem Chore der Horen,

Sie spielen den Sonntag auf goldenen Trompeten,

Es gehn keine himmlischen Hymnen verloren,

Die herrlich der Leier Apollos entwehten.

Es dringt aus den Liedern ein lustiges Trillern,

Ein schalkhaftes Trällern zufriedener Kinder,

Tritonflossen fangen an ringsum zu schillern,

Da lacht man wahrscheinlich und schwimmt nun geschwinder!

Erfaßt von der Freude am Flimmern und Glänzen,

Versprüht auch der Tag seine scherzhaften Brisen,

Delphine umspringen mit schimmernden Schwänzen

Poseidon, den einfältig lächelnden Riesen.

Die schaumgeborenen Nixen sind übersprudelnd heiter,

Sie schnellen sich im Meere, in wilder Lust empor,

Delphine und Tritone sind meist ihre Begleiter,

Gesellig ist ihr Wesen, voll Leichtsinn und Humor.

Du hörst sie unterm Wasser von Lust und Liebe tuscheln,

Sie plätschern und sie schäkern nach lauter Kindesart,

Sie schauen auf zum Strande, bewerfen ihn mit Muscheln,

Und nun erhebt ein Nix sich mit nassem, langen Bart.

Er möchte gerne Fischern verständlich sein und prahlen,

Er taucht nach Jakobsschalen und schlürft daraus das Salz,

Den Bart auswindend spritzt er jetzt plötzlich Wasserstrahlen,

Und Austern, Tang entzaust er dem Haar auf Wams und Hals.

Die raschen Brandungswogen begehren schon das Leben,

Sie rollen voller Sehnsucht herüber übers Meer,

Sie schwellen starke Lüfte, die über Land entschweben,

Und sie gebären Lieder im blinden Greis Homer.

Sie überfluthen Länder und branden erst in Wäldern,

Entzünden bunte Blumen, verkuppeln sie sogar,

Entschäumen dann als Blüthen den winddurchwogten Feldern,

Sie sind die Macht des Meeres, das alle Kraft gebar.

Du dunkle See, Vertraue Nachts der Sonnenwärme,

Nur was der klare Tag erschafft ist stark und wahr,

Oh Muttermeer, dem Licht gebierst Du Wolkenschwärme,

Denn es befeuchtet und begehrt Dich immerdar.

Ihr falschen Silberblicke doch, im Dunstgespinnste,

Was flackert Ihr so frech, voll geiler Mondesbrunst,

Es ist, als ob ein Geisterbund am Seegrund grinste,

Ihr sucht umsonst nach Lebenslust und Liebesgunst.

Die Liebe seid Ihr nicht, Ihr kalten Augenblicke,

Es kennt die Freude nicht, was sich der Scheelsucht weiht,

Ihr seid kein Samenlicht für Kraft und Glücksgeschicke,

Da ihr zu seelenleer und doch voll Neidsucht seid.

Du siehst die Eos kaum im Traum erzittern,

Bevor sie plötzlich schön und rasch erwacht,

Von Helden träumte ihr und Lichtgewittern,

Vom Sonnengott, der sie zum Weib gemacht.

Es ließ das Traumgesicht sie leicht erröthen.

Und schon geschieht was Eos kaum gedacht,

Apollo kommt, den Dunkelwurm zu tödten,

Und beider Liebe überströmt voll Pracht.

Oh Sonne, unsere holde Lebensmutter,

Von Wolkenschwärmen bist Du eng umdrängt,

Es gleicht ein Mädchen Dir, das Taubenfutter

Und volles Wohlwollen von Herzen schenkt.

Die weißen Flaume wehen leicht belichtet

Zum Sonnenscheine, der sie hold erhellt,

Ihr ganzes Wesen scheint hinangerichtet,

Denn sie entwanden sich dem Thal der Welt.

Jetzt schillern sie, bekränzt mit Thauguirlanden,

Und wie Perlmutter glänzt die Seeglasur,

Im Morgenflor wird Aphrodite landen,

Sie bringt die Lebensmilch in die Natur.

Es grüßt sie Athene mit blitzender Lanze,

In himmlischen Augen erblaut ihre Seele,

Sie schaut auf ihr Hellas im traumgrauen Glanze,

Auf Elfenbeinburgen und Lichtseejuwele.

Gar fröhlich bringt Hermes den Göttern die Kunde

Der plötzlichen Schönheit erblühender Wiesen,

Sein Flug unterrichtet sofort Junos Kunde,

Denn munter erscheint er auf duftenden Brisen.

Es hören die Götter die Lenzlerchen schmettern,

Es jubeln die Schwalben, es gurren die Tauben,

Die Horen beginnen auf Bäume zu klettern,

Um hurtig den Wald und die Flur zu belauben.

Es wecken der Venus leichtschwebende Schritte

Die schlafenden Thiere, Reptilien und Schnecken,

Befreit sind die Muscheln vom schleimigen Kitte,

Es können sich Nattern jetzt wiederum strecken.

Die Sturmfluth des Lenzes, des Lichtes, der Gluthen

Umbrandet die Hügel als reifendes Korn,

Es steigen die Blutdasein fordernden Fluthen

Stets höher, es speist sie ein Ewigkeitsborn,

Im Herbst aber müssen die Reben verbluten,

Dann leert sich der Flora glückspendendes Horn,

Es werden die Faune in Felsspalten tuten,

Und überall zeigt sich die Dürre, der Dorn.

Kein Laub hemmt den Schall mehr; die Zeit heller Klänge,

Die Jäger, das Echo erscheinen im Thal,

Wild wirbelnde Rhythmen verdrängen Gesänge,

Man klatscht und man macht den Bacchantenskandal.

Es fangen die Faune an rings zu erwachen,

Es staken die Schalke in fremdem Revier,

Du hörst sie und gleich darauf Bergschemen lachen,

Und was man auch sagt, hört ein ganzes Spalier.

Es rufen des Herbstes glücksuchende Stimmen,

Es blutet die Rebe, die Gluthen ersehnt,

Sie liebt den Vesuv und sie will ihn erklimmen,

So sonnt sich Ariadne an den Panther gelehnt.

Es wirbelt des Herbstes bacchantischer Reigen,

Es tanzt ihn im Walde ein weiblicher Chor,

Wie Kupfer entflimmern die Blätter den Zweigen,

Es rascheln dabei Tamburellen hervor.

Wie taumelnd erstarrte Titanen verschlingen

Sich Felsen, von Wäldern und Bächen umrauscht,

In Schluchten, wo lustige Sprudel entspringen,

Hat einst die lärnäische Schlange gehaust.

Gigantenkakteen gedeihen auf Wänden,

Um Felshermen züngelt wildwuchernder Wein,

Die Rillen durchklimmt er mit blutigen Händen,

Und Moose umflechten wie Bärte den Stein.

Man sieht sich den Epheu zu Schaukeln verknüpfen,

Und drauf hocken Olme und krötig Gethier.

Vor Grotten beginnen Giftvipern zu hüpfen,

Und drinnen pfeift lüstern ein kleiner Satyr.

Auf Pinien und steilen Zypressen verspinnen

Die Lichter sich langsam zu goldenem Flor.

Es zucken des Abends die purpurnen Zinnen

Der Burgen des Tages zum Äther empor.

Jetzt schreitet uns Bacchus im Walde entgegen,

Das Wetter bedingt seinen launischen Sinn,

Nichts ist ihm an anderer Unbill gelegen,

Mit grünendem Thyrsusstab zieht er dahin.

Am Wagen verschlingt sich das Laub um die Speichen

Es schleppen ihn Panther durch fruchtbare Flur,

Es scheinen die scheckigen Thiere zu schleichen,

Und Epheu entwuchert als Wagenradspur.

Es reicht eine Nympe dem Weingotte Wasser,

Er sieht nur mit funkelndem Blicke hinein,

Und schon wirkt der Zauber. Der Trank edler Prasser

Entschäumt nun der Schale. Es blutet der Wein.

Von Eris, der streitbaren Schwester geleitet,

Von Hermes, dem Gotte der Stürme befreit,

Erscheint uns jetzt Ares, der ungestüm reitet,

Er fühlt sich zu jeder Verheerung bereit.

Er hetzt mit dem Sturme, der Eichen entwurzelt,

Und Windwirbel wälzen sich hinter ihm her,

Es sind schon Begleiter in Schluchten gepurzelt,

Die Thäler durchrast bald ein schreckliches Heer.

Als stürmisches Dröhnen die Trifte durchschallte,

Erweckten Trompeten die schlummernde Wuth,

Und als dann der Marssang in Halden erhallte,

Berauschte die Mannen barbarischer Muth.

Das Land überfluthen rebellische Stämme,

Es stürzen sich Völker auf fruchtbare Flur.

Die Anhöhen krönen lebendige Kämme,

Es wechselt der Berge bewegte Kontur.

Jetzt schleudert man Steine auf steiles Gemäuer,

Mit Brandfackeln dringt man zum Hauptthor hinan.

Es helfen die Winde, sie nähren das Feuer

Und stecken im Stadtgebiet Brandherde an.

Verreckende Menschen durchwühlen Gebeine

Verstümmelter, röchelnder Krieger am Feld,

Und brennender Städte wildlohdernde Scheine

Beleuchten die Schlachtnacht, die Ares durchgellt.

Den Stadtwall verkleiden gigantische Leitern,

Es thürmen sich Lanzenquadrate steil auf,

Doch scheint rings die Angreifertaktik zu scheitern,

Verschnaufende decken die Erde zu Hauf.

Der Kriegsgott zieht lachend durchs ärgste Gedränge,

Es freut ihn das Blitzen von Lanze und Speer,

Es dröhnen jetzt überall Schlachtengesänge,

Und hinter ihm taumelt ein klapperndes Heer.

So wird noch der Grause als Traumbild von Kriegern

Im letzten Momente des Lebens gesehn:

"Oh macht unsere Kinder zu Rächern und Siegern!"

Beginnen dabei, die da fiebern, zu flehn.

Ein sterbender Fürst sieht sein Volk nun in Ketten

Und stumm schon, wie Schemen, in fremde Frohn ziehn,

Man kennt ihn nicht, niemand mehr denkt ihn zu retten,

Wie herzlos macht alle der eigene Ruin!

Der Lichtschein der Fackel der Eris beleuchtet

Entsetzliche Szenen; ein Krieger erschlägt,

Von Blut und von Angstschweiß beschmutzt und befeuchtet,

Den eigenen Genossen, der Werthwaffen trägt.

Die Todten ziehn fort, ohne Abschied zu nehmen,

Der Zug ist noch länger und ärger gepreßt,

Die Krieger verbluten, umgaukelt von Schemen,

Und plötzlich entsteigt zwischen Freveln die Pest.

Sie schließt sich an alle veränderten Farben,

In schwarzen Gewändern durchstreift sie die Nacht;

Harpyen, die schreckliche Gifte erwarben,

Verschleppen was heimlich die Greisin entfacht.

Sie fliegen von dannen, das Nahen der Schaaren

Giebt niemals ein Krächzen und Auflodern kund;

Wir können sie nirgends beim Brüten gewahren

Sie nisten am liebsten in röchelndem Mund.

Sie fliegen stets vorsichtig, durchsichtig, leise

Durch Strecken, die eben der Kriegsgott verheert,

Dann ziehen sie immer noch weitere Kreise,

Und wo sie erscheinen, wird eifrig bekehrt.

Es lassen Propheten oft Jünglinge schlachten,

Die werden den Numen zum Opfer gebracht,

Sie trachten ein Sühnungsgebot zu beachten

Und hoffen, daß Zeus holde Milde erwacht.

Von Betenden, die die Altäre umhocken,

Wird eifrig Erlösung vom Übel erfleht;

Sie möchten den Göttern ihr Mitleid entlocken

Und fühlen sich plötzlich vom Pesthauch umweht.

Ein Jüngling verkam bei der schrecklichen Seuche,

Sein Grab hat ein Mädchen für sich mitbegehrt,

Doch waren im Lande die Opfergebräuche

Verzweifelter Bräute und Wittwen verwehrt.

"Verweigert mir jemand mit Dir fortzuschlafen,

So schwöre ich Rache zu nehmen!" Beschließt

Das Mädchen fanatisch: "Auch mich will ich strafen,

Wie Euch, die Ihr stumpf meinen Buhlen verließt!"

Die Rasende sieht man mit Brandfackeln rennen.

Sie wirft sie in Scheunen. Die Flamme erloht.

Jetzt fängt schon der Seuchenherd an abzubrennen.

Und ringsum die Völker verschont nun der Tod!

Doch früher schon fühlte ein Mann sich erkoren

Und plötzlich von Göttern zum Handeln gedrängt;

Der Angstschweiß bedeckte des Predigers Poren,

Es war seine Sprache von Geistern gelenkt.

Es schien ihm zuerst, daß ihn Tote beklemmten,

Und plötzlich, als würden ihm Worte entwürgt,

Da bald keine Zweifel den Redeschwall hemmten,

So schien ihm die eigene Mission fest verbürgt.

Er hielt alle Menschen um sich für besessen,

Und wirklich aus allen sprach Fieber und Brunst,

Sie schienen orgiastisch die Pest zu vergessen,

Er dünkte sich ringsum von Schweinen umgrunzt.

Er sah, wie die Leiber ihr Leben erhalten,

Bewußtlose Körper von Fäulnis zernagt,

Verkrampften sich, wollten nicht kampflos erkalten,

Da hat er die Worte der Rettung gesagt!

Es stieg ihm ein Frösteln in Nase und Ohren,

Er glaubte sich selber vom Übel erfaßt,

Er hielt sich beim Reden bereits für verloren,

Drum sagte er alles in rastloser Hast.

Er sprach rasch von Flucht und er ward kaum verstanden,

Es schwoll seine Inbrunst, er sah sich gehemmt,

Ein Schwindel war nahe, die Sinne entschwanden,

Er hat sich der Ohnmacht entgegengestemmt.

Es schienen ihn Todte und Träume zu plagen,

Sein innerstes Wesen ist schrecklich entbrannt,

Es konnte sein Herz ohne Hinderniß schlagen,

Es preßte ihn dann eine blutrothe Hand.

Er sprach von der Sonne, von schöneren Ländern,

Er sprudelte Worte vom Auszug hervor,

Er sah alle Menschen in Flammengewändern,

Sie kamen ihm größer, lichtähnlicher vor.

"Ihr alle seid Kinder des himmlischen Glanzes,"

Begann er, von Fieber geplagt und gejagt:

"Ihr leuchtenden Träger des Urflammenkranzes,

Oh sagt, habt Ihr noch nicht den Ausfall gewagt?"

Doch wiederum fühlt er die Nachtflügel schlagen,

Er wehrt sich und bäumt sich, spricht doppelt vom Licht,

Erzählt von dem Gotte im fliegenden Wagen

Und stürzt dann zu Boden, sein Augenlicht bricht.

Da schreien und laufen bereits ganze Schaaren,

Die Sonne hochpreisend zum westlichen Meer.

So lang sie die Krone des Lebens gewahren

Befiehlt noch ein Herzog dem rasenden Heer.

Am Strande besteigen sie eilig Triremen,

Die stürmische Brandung, das Dunkel der Nacht

Vermögen nicht Fahrlustorkane zu lähmen,

Man liefert sich oft um ein Boot eine Schlacht.

Man zimmert sich Flöße, trotz Stürmen und Tosen,

Und fliegt auf die Fluthen mit Weib und mit Kind,

Es stürzen am Wogenmeer thurmhohe Hosen

Hernieder, und Segel zerfetzen im Wind.

Es retten sich Wenige nur in den Booten,

So manches, das steuerlos, dichtgefüllt, treibt,

Vermißt auf dem Meere den sichern Piloten,

Man hört wie die Fluth sich an Bauchplanken reibt.

Wohl glaubt man das Ende des Sturmes zu spüren,

Doch fühlt man sich hilflos, verlassen im Meer,

Man ist nicht im Stande, das Schiffchen zu führen,

Nun scheint die Natur ringsum dunkel und leer.

Doch mag auch das Meer sich im Wind schlummer wiegen,

So wacht es doch weiter und nie wird es ruhn,

Die Liebe, das Leben kann gar nicht versiegen,

Am Ozean nachtet ein seliges Thun.

Oft will er sich dehnen und regungslos glätten;

Doch nimmermehr senkt sich sein schöpfender Arm,

Er schlingt mit den Lüften die ewigen Ketten

Des Lebens und schwellt seinen Nachtwanderschwarm.

Ein Boot sah von ferne ein plötzliches Glimmen,

Es ward nur von wenigen Augen gewahrt,

Doch ging es dem Lichte wie freundlichen Stimmen,

Es freute die Menschen auf stürmischer Fahrt.

Bald war es verschwunden und nimmer zu finden,

Die Schiffer durchspähten das Dunkel der Nacht,

Sie trachteten Fackeln am Bug anzubinden,

Es waren die Masten zusammengekracht.

Bald huschte ein Licht, wie ein Irrlicht, am Meere,

Die Fluth schlug darüber und löschte es aus,

Dann fuhren die Armen der Kreuz und die Quere

Und hörten im Meeressaus garnichts als Braus.

Oft zeigten sich Sterne, als Wolken zerrissen,

Sie blinkten wie Splitter auf blaugrauem Stahl,

Der Taggigant hob dann auf wolkigem Kissen

Den Morgen empor in den Sternbildersaal.

Es schienen noch Berge die See zu begrenzen,

Es schliefen die Wellen, der Morgen war lau,

Man sah oft Sprungbrisen am Meere erglänzen,

Und ringsherum wuchtete wolkiges Grau.

Es springen jetzt Lichtschemen plötzlich zum Meere,

Es lächelt das Wasser, der Himmelsazur,

Die Dünste zertheilen die Tageslichtspeere,

Ein Halbwrack umglüht eine Flammenkontur.

Ein Tag ist erschienen voll goldiger Dauer,

So hold wie ein Jüngling, leichtlockig und blond;

Der Himmel wird dunkler, noch höher und blauer,

Ganz glatt ist die See, die sich wonniglich sonnt.

Die Verschwenderin der Liebe, unsere Sonne leuchtet wieder,

Und das Meer ist von der Wonne ihres Goldes überstrahlt,

Ganze Rudel von Delphinen tauchen auf und tauchen nieder,

Ob das Wasser mit der Sonne und den Meergeschöpfen prahlt?

Alle Wellen sind Impulse, sind der Wunsch nach Windbewegung,

Winde sind die Flucht ins Leben, Sprünge aus dem Ruhezwang,

Und das Leben ist die Sehnsucht und der Flug zur Lichterregung,

Und das Meer ist eine Lunge, voll von großem Athmungsdrang.

Weißes Licht und weiche Lüfte, kommt, das Meer wird Euch empfangen,

Schnellt es Wellen doch mit Armen, ganz aus Gischt und Licht empor,

Seht! Es schleudert Freudenkränze, wo sich Luft und Schaum umschlangen,

Und die fliegen nun vergoldet, wie ein Meergoldmeteor.

Freude siehst Du ringsum funkeln, gar nichts rastet auf den Fluthen.

Athmen will das Meer, nur athmen! Seht den Wind, der ihm entweicht!

Hört ihn kichern, hört ihn plätschern! er, das Kind der Sonnengluthen

Wird die schwülen Lüfte kühlen, wo er nur den Strand erreicht!

Auf den Schiffen die Matrosen werden alle froh und heiter,

Wie ein Traum von Schaumbrillanten zischt der Gischt empor am Kiel,

Ringsum springen die Delphine, unsere munteren Schiffsbegleiter,

Und dann schimmern ferne Riffe, für die Schiffenden ein Ziel.

Jedes Schiff bekommt jetzt Ruder, ja womöglich Steuer, Segel,

Alles regt sich voller Hoffnung, da man fern ein Eiland sah,

Hemden näht man rasch zusammen und man findet Hammer, Nägel,

Und so trägt nach kurzen Stunden manches Boot schon Mast und Raa.

Durch den Zitteräther blinken

Risse traumhafter Gestalt,

Oftmals glaubst Du, sie versinken

Als ein Trugbild ohne Halt.

Silberschwingeninseln schweben

Ferner als der Himmelsrand,

Wenn die Winde sich beleben,

Treibt man bald zu ihrem Strand.

Endlich, endlich kommt man näher,

Und die Rettung scheint gewiß,

Denn es sehn die besten Späher

Nirgends mehr ein Hinderniß.

Sind das Inseln der Sirenen,

Von Smaragden eingefaßt?

Warten auf den Sonnenlehnen

Nymphen auf den seltenen Gast?

Plötzlich wollen alle lauschen,

Jeder fürchtet den Gesang,

Oder hören sie im Rauschen

Etwa schon den Brandungsdrang?

Dennoch geht es anzulegen,

Sagen sich die Schiffer kühn:

Düfte hauchen schon entgegen,

Und die See wird hell und grün.

Schwierig ist es einzufahren,

Wo das Meer, wie eingeschlitzt,

Zwischen lauter sonderbaren

Klippen Silbergischt verspritzt.

Hohe Brandungswogen pressen

Sich voll Wucht durch eine Schlucht,

Und es wachen rings Zypressen

Um die dunkle innere Bucht.

Doch die Einfahrt zwischen Klippen

Wagt kein Boot bei Wellengang,

Denn mit lauter lauten Lippen

Warmt das Meer den Fels entlang.

An die nächste Inseldüne

Wird ein Schiff dann angeweht,

Denn es haben kühle, grüne

Ströme günstig sich gedreht.

Hin zum Strande, wo die Qualle

Nach dem kalten Salze lechzt,

Steuern jetzt die Schiffe alle,

Rings von Möven laut umkrächzt.

Viele wollen strandwärts waten,

Und am feinen Muschelsand,

Den die Schiffer nie betraten,

Ziehen sie jetzt ihr Boot ans Land.

Viele weitverstreute Schiffe

Hat ein Strom zun Strand geschwemmt,

Und es wurde durch die Riffe

Nur ein einziges geklemmt.

Kaum ist durch die Felsenenge

Dieses volle Schiff hindurch,

Tönen gleich Sirenenkläge,

Und am Buchtgrund lugt ein Lurch.

Wie die Menschen näher kommen

Sehn sie ringsum Nymphen nahn,

Einige kommen angeschwommen

Und es wippt dadurch der Kahn.

Manche sehn sie Kurzweil treiben,

Viele tummeln sich herum,

Menschen doch und Nymphen bleiben

Alle, voll Erstaunen, stumm.

Jene mit den Robbenschwänzen

Sind den andern stets voran,

Und sie sehn sich beim Scharwenzen

Klug mit Seehundsaugen an.

"Will ein Fürst sich offenbaren

Der den Namen freundlich nennt?

Will er sein Geheinnis wahren

Als ein stummer Meerregent?

Seinen Wunsch will ich beachten

Läßt er gütig uns ans Land!

Opferthiere will ich schlachten,

Stehn wir erst auf festem Strand! "

Diese klug erwogenen Worte

Sprach vom Schiffe aus, ein Mann,

Und aus hoher Felsenpforte

Trat ein Weib, das sanft begann:

Seid willkommen, Ihr Dämonen,

Hier am stillen Nymphenstrand,

Auf der Insel dürft Ihr wohnen,

Knüpft mit uns ein Freundschaftband!

Seht in jene Flimmerrahmen,

Wie der stille Fürst sich nennt,

Ströme winden seinen Namen

Durch die Flut, die blau entbrennt,

Mag der Wind die Wellen hetzen,

Sichtbar bleibt er immerdar!"

Solches sprach in klaren Sätzen

Jenes Weib mit Wunderhaar.

Darauf stieg sie auf die Klippe,

Wo sich wild die Strömung brach,

Und dort lauschte ihre Sippe,

Wie sie freundlich weiter sprach:

"Fremdlinge, Ihr seid erlesen

Hier in unserer Hut zu sein,

Denn wir sind beherzte Wesen,

Die den Menschen Schutz verleihn.

Durch die Ströme unserer Meere

Wurdet Ihr hierher gebracht,

Der Delphine kundige Heere

Haben Euch dabei bewacht.

Eures Volkes besten Samen

Haben wir in Euch bewahrt,

Ja, wir kennen Eure Namen,

Nun erfahrt von unsrer Art:

Wißt, es wurde jedem Fische

Eine Nymphe hold bestimmt,

Seht, wie in der Salzesfrische

Jede anders taucht und schwimmt,

Rings auf unseren niedern Kuppen,

Wo nur eine Nixe liegt,

Leuchten ganz verschiedene Schuppen,

Wenn ein Weib den Schwimmrumpf biegt.

Häufig senden die Forellen

Ihre Nymphen an das Meer,

Über Felsentrümmer schnellen

Sich die Bachbewohner her.

Seht doch, mit dem Karpfenschwanze

Jenes stille Nixenpaar,

Und, im hellen Sonnenglanze,

Jene Goldmakrelenschaar,

Es sind dort die roten Barben

Stolz auf ihren Schuppenglanz,

Schaut und staunt, in tausend Farben

Flimmert unser Nymphenkranz.

Fische werden sie Euch bringen,

Alles wird Euch hier geschenkt,

In die Netze, in die Schlingen

Wird die Nahrung still gesenkt.

Seid nur gütige Dämonen,

Helft den Nymhen immerdar,

Denn auf unseren Muschelthronen

Herrscht ein böses Otternpaar.

Tief in Grotten soll es wohnen,

Furchtbar wird uns seine Brut,

Nimmer sollt Ihr sie verschonen,

Tödtet sie mit kühlem Muth!"

Kaum war dieser Gruß entflossen,

Trat aus einem Felsenthor

Hold, zum Sonnensang entschlossen,

Die Sirenenfürstin vor:

"Höret nun vom großen Sehnen,

Hier auf dieser Sonnenflur,

Was die Schaar der Felssirenen

Schon an Wundern tief erfuhr. "

Diese holdgesungenen Worte

Wiederholte dann ein Chor,

Und es wuchs am steilsten Orte

Eine Harfe hoch empor,

Gleich umflatterten sie Schwingen;

Durch des Weibes Meistergriff

Ward das Spiel zu Schmetterlingen,

Rings umtanzten sie das Riff.

Stärker war die Meeresbrandung,

Wo ein Kap sich niedersenkt,

Vor der Insel Felsumrandung

Schien ein Gischtstrom hingelenkt.

"Blickt auf unsere Flattermähnen!"

Hub die Felsentochter an:

"Ungekämmt sind die Sirenen,

Doch schon wogt der Schmuck heran.

Unsere größte Augenweide,

Taucht aus dem Brillantenschaum,

Rauschend reicht er das Geschmeide

Aus dem allertiefsten Raum.

Seht, es schnellt zu jeder Stunde

Anderer Schmuck vom Grund empor,

Unser Blick giebt unten Kunde,

Welche Gluth man sich erkor! "

Solches sangen die Sirenen

Und sie flochten Gluth in Haar,

Bis auf ihren Flimmersträhnen

Nichts als Licht zu sehen war.

Dieses floß zum Meer hernieder,

Sprühte zu der Fluth zurück,

Und der Felssirenen Lieder

Sangen hold vom Liebesglück.

Ihre Harfe tönte weiter

Und sie wuchs bei jedem Ton,

Ihres Spieles Stimmungsleiter

Schuf sich eine Formvision.

Denn, statt frischer Silberklänge,

Wurde wildverrungenes Weh

Ein bewegtes Fischgedränge –

Und das fiel dann in die See.

Abend wars mit einem Male,

Ringsum brach das Tagesgold,

Selbst die Nachmittagsopale

Haben sich am Strand verrollt.

"Hört das Wesen unserer Thränen,

Lauscht dem Sonnenabschiedsbrauch,

Hört die Trauer der Sirenen!"

Tönte nun ein Zephirhauch.

"Kommt, Ihr leichten, holden Elfen,

Löst Euch von den Zweigen los,

Kommt Ihr sollt mir spielen helfen,

Denn die Harfe ward zu groß!"

Also sang die Felsentochter,

Als das letzte Gold verglomm,

Und ihr tonweltunterjochter

Elfenchor gehorchte fromm.

Dieser Fürstin stolze Miene

Schien ergriffen, als sie sang:

"Kurz nur krönen uns Rubine,

Wenn der Tag in Blut versank!"

Dunkler Strudel Purpurgluthen

Schäumten, bäumten sich zur Bö,

Lustimpulse, die noch ruhten,

Sprühten plötzlich in die Höh.

In den Himmel wuchs die Harfe,

Elfen spielten überall,

Und zur stummen Daseinslarve

Ward schon mancher Anfangshall.

In der Höhe ihres Fluges

Nahmen Vögel ihren Sang,

Von des holden Elfenzuges

Schöpferharfe, in Empfang.

Helle Abendrosenkränze

Schlangen sich im Hain empor,

Und die wunderbarsten Tänze

Wand dabei der Elfenchor,

Rosen wuchsen um die Klippen

Auf der dunkeln Kuppenflucht,

Endlich aus der Boote Rippen,

In der stummen Inselbucht.

Und da riefen schönheitsbrünstig

Viele Stimmen auf der See:

"Große Göttin sei uns günstig,

Lasse uns in Deine Näh!"

"Hört noch dies von den Sirenen!"

Sang darauf die holde Frau:

"Tiefen Nachtfluthen entlehnen

Wir die reichste Krönungsschau.

Diese Ströme bergen Greise

Blendendhell ist ihr Talar,

Und in stillem Lichtgeleise

Schreiten sie das ganze Jahr.

Nur in Silbermondlichtnächten,

Wenn die Muscheln offen sind,

Suchen sie für uns die echten

Perlen aus dem Kalkgewind.

Seht! Die Strömung bringt uns alle

Perlen her, in ihrem Lauf,

Und sie wirft sie uns beim Pralle

Ihrer Brandung jäh herauf.

Wenn wir dann die Perlen tragen,

Glühen Käfer uns im Haar,

Und in ihrem Silberwagen

Naht uns zart die Elfenschaar.

Lauter leise Elfen laden

Perlen auf, für ihren Wald,

Nächtlich schmücken ihn Dryaden

Lieblich dann und mannigfalt.

Morgens, mit der ersten Wärme,

Wogt der Horenzug heran,

Und es sehn die blonden Schwärme

Sich den Putz der Bäume an.

Und sie blicken voll Entzücken

Auf den Perlenüberfluß,

Auf die Nachtthauzweige drücken

Sie den frühen Blüthenkuß."

Kaum hat so das Weib gesprochen,

Blinkten Meer und Mondenschein –

Plötzlich hat sie abgebrochen,

Und sie lud die Gäste ein.

Kaum war man ans Land gesprungen,

Hörte man den Wald im Wind,

Doch das Meerlied war verklungen,

Und man hielt sich fast für blind.

Alle Menschen, traumumfangen,

Hatte gleich der Durst gequält

Von der Ankunft Furcht und Bangen

Wurde später noch erzählt.

Aus der Insel wilder Myrthen

Ließ ein stilles Hirtenvolk

Sich von Nymphen blind bewirthen,

Wunder gaben ihm Erfolg.

Später lebte dort ein echter,

Fabelschauender Poet,

Denn es hatten Urgeschlechter

Guten Samen ausgesät.

Jupiter hat Großes wollen,

Als Semelen er umschlang,

Und da nahmen jene Schollen

Sein Begehren in Empfang.

Es lebt in Dir, oh Zeus, wie Menschen Dich erfassen,

Die Rumpfnatur und unser Trumpf, die Götterwelt.

In Dir sieht man die Riesen, die Du haßt, erblassen,

Sie klammern sich an Dich, wenn sie Dein Arm zerschellt.

Zyklopen, die beim Absturz selber sich zerquetschten,

Hat noch der Kampf gegen die Götterwelt gestählt,

Als die Titanen einst zum letzten Male fletschten,

Hat sich ihr Satansathem Jovis Licht vermählt.

Sie haben sich versteinernd, noch beim Todesringen,

Umkrallt und ihren Feuerodem selbst gehemmt;

Und schrecklich sieht man ihre Leiber sich umschlingen,

Seit eine starre Kruste unsere Welt umklemmt!

Es lebt in Zeus, was er besiegt hat und zerschmettert,

Die Felsenwucht die unterm Spiegelmeer versinkt,

Der Lebenssturm, der über Wolken weht und wettert,

Der Menschengeist, der ihn im Marmelstein besingt.

Es hauch Dein Mund, oh Jupiter, die Fluchtplejaden,

Und wenn Du lachst, so flattern Nebelkinder auf,

Es können Deine Blicke Wuthblitze entladen,

Es zeugt Dein Donnerwort vom Ernst im Weltenlauf.

Gott, wolltest Du von Deinem Throne Dich erheben,

So hätte alles Wollen seinen Tod erstrebt,

Du aber würdest still und friedlich weiterleben,

Da Deine Allmacht nie vor einem Ende bebt.

Es kann der Reichtum Deines Wesens nicht erlahmen,

Schon ruht des Fatums Ewigkeit in Dir vollbracht.

Die Weltgedanken drängen sich zu Deinem Samen

Und werden Sterne oder Einzelgöttermacht.

Jetzt runzelt sich auf Deiner Stirn der Menschheit Sorge,

Was trübt auf einmal Deine heitere Majestät?

Die Furcht, daß sich der Geist ein anderes Licht erborge,

Zu dem er einst durch Leid vergöttlicht übergeht?

Oh Zeus, Du hehres Angesicht in Hellas Mythen,

Du blaue Himmelsjugend, die sich voll verschenkt,

Nun weichst Du einem Wüstengotte der Semiten,

Der in der Menschheit seine eigene Pein bedenkt.

Oh Rom, Du unermeßlich weiter Machtgedanke,

Du Riesenreich, ohne geniale Religion,

Es widerstand Jupiter Stator nicht dem Zanke

Der fremden Gottteiten vor Vestas Thron.

Als sich der Römer vor den Feinden sicher fühlte,

Als kein Barbar Italiens Flure mehr betrat,

Und ferne sich die Kriegswuth der Quiriten kühlte,

Da ist die Zeit zum Geisterkampf in Rom genaht.

Oh Rom, Du hast bereits zwischen den Ziegelmauern

Gar sanft und gut in trauter Blumenau geruht

Und konntest drum die Götterschlacht nicht überdauern,

Denn stärker als Zäsarenwuth war Glaubensmuth!

Es ward in Rom dereinst ein Tempelbau beschlossen,

In den die Sonne durch die offene Kuppel scheint,

Es ist ihr Licht darin zu jedem Gott geflossen,

Es schien im Pantheon der Weltolymp vereint.

Man wünschte damals wohl nur einem Gott zu dienen

Und ahnte kaum, welch Ei man in die Festung trug,

Man wollte Numen lieben und erbaute ihnen

Den Streittempel, aus dem die Flamme plötzlich schlug.

Die Brandfackel warf einst der Arier Alexander

In eine Tausendglaubensstadt, nach Babylon,

Er schweißte damals viele Götter aneinander

Und setzte sich auf einen neugefügten Thron.

Doch wurde der, wie Babels Kult, ein Ungeheuer,

Er schwankte bald, und alle Tempel wankten mit,

In Babylon entstand ein großes Glaubensfeuer,

Und es vollzog sich da der Geister Rassenübertritt.

Die Ariergötter wurden männlicher und böser,

Der Rachegeist hat Asiens Staaten eingerenkt,

Gezähmten Wandervölkern aber wurde der Erlöser

Vom Sieger, als Versöhnung, in das Herz gesenkt.

Es überkamen die Semiten Indiens Samen,

Hebräer schürten Asiens Gnadenlicht und Heil,

Die Arier handelten in Staatenschicksalsdramen,

Ihr Pfad zur Rasseneinsicht war verkrümmt und steil!

In Rom erst wurde dieser Kampf ganz ausgerungen,

Die Geister sind zu ihrem Stamm zurückgekehrt,

Das Kreuz hat Asiens Überschwemmungsvolk bezwungen,

Das Judenthum sich gegen Christi Wort gewehrt.

Oh Rom, oh Rom, beschließ die Einheit Deiner Sitten,

Du hast über den Weltenlauf zu kühl gedacht,

Die Römer horchten launisch zu, wenn andere stritten,

Ob Jahwe oder Jupiter die Welt gemacht.

Die Numen wechselten im Lande der Quiriten,

Stets nahm man Fremde auf und hat sie umbenannt;

Es durften alle sich in Rom Altäre miethen,

Man hielt von keinem viel und wurde tolerant.

Der späte Römerglaube war nicht bodenständig,

Sonst hätte ihn kein anderer Brauch ersetzt,

Der Kult der Keuschheit aber war bereits lebendig,

Die Muttergottes hat die Vesta nicht verletzt.

Das Feuer ehrten stets Italiens Kinder,

Es ward als das Synbol der Ehrfurt scheu geschürt,

Man übergab ihm Opferlämmer, Widder, Rinder,

Und ward dafür bei seiner Gottheit eingeführt.

Dem Müßiggang verdankt die Frau die frühe Achtung,

War sie es doch, die unkundig für Krieger bat,

Dem Tode schenkt, wer rastlos schafft, fast nie Beachtung,

Doch ist ein Fürwort gut, wenn man den Ende naht!

Wie sind uns heute die Begriffe doch geschwunden,

Um die Geburt verschiedener Glauben einzusehn,

Wie hätte Christi Wort sich können je bekunden,

Hätte kein Urkult dürfen zu ihm übergehn!

Nur wer vermochte sich zu fremdem Leid zu neigen

Und wer die kleinen Freuden ein Volks verstand,

Wer nicht verschmähte sich als Heidenfreund zu zeigen,

Empfing das wahre Heil als der Apostel Hand.

Es blieben Krieger die ihr Leben wild verbrachten,

Als Christen selbst den Sakramenten fern;

Und da sie sterbend erst ihr Seelenheil bedachten,

Vertiefte und verewigte man den Avern.

Es fehlte nicht im alten Rom an Emotionen,

Die Todten wurde öffentlich daselbst verbrannt,

Es freute Rom Bestattungsfeiern beizuwohnen,

Es kam die Plebs der ganzen Urbs herbeigerannt.

Ja, Rom ergötzte sich an Trauerbacchanalien,

Es ward in früher Zeit bereits in Rom gepraßt,

Im Heldenlenze gab es schon die Luperkalien,

Vom Schaulusttaumel ward das ganze Volk erfaßt.

Erlag ein Imperator durch Gewalt dem Tode,

Hat jeder Bürger sich voll Wichtigkeit gedünkt,

Er fühlte seine Rolle bei der Episode

Und liebte Romas Boden, wo ihn Blut gedüngt!

Oh Rom, wer hat mit einer Wölfin Dich verglichen,

Die nimmersatt die Völker um sich her verschlang?

Es hat die Menschen stets ein Angstgefühl beschlichen,

Wenn Botschaft Deiner Siege bis zu ihnen drang.

Dich fürchtete die Welt als Unhold voller Tücke,

Als bösen Dämon, der am Erdenrand besteht,

Sie glaubte, Deine Schwere und Gewalt zerdrücke

Unwiderstehlich was ein anderer Stamm gesät.

So seh ich Dich in Menschen, die Du im Triumphe

Durch Deine Gassen fortschleppst bis zum Kapitol;

Legionen brachten Deinem aufgedunsenen Rumpfe

Die Zufuhr, die ihn labt, denn immer war er hohl!

Zum Spotte und zur Marter zogen Todgeweihte,

In langem Zug, durch manchen aufgesperrten Schlund;

Die Siegespforten und das spöttische Geleite

Der Kriegsgefangenen gab seine Bosheit kund.

So konnte der Besiegten Haß noch nicht erschlaffen,

Sie hatten ihre Ohnmacht allerdings erkannt,

Und dennoch blickten sie voll Wuth auf ihre Waffen,

Die Rom zum Hohne neben die Besiegten band.

Die Männer blieben meistens stumm und wuthvergessen

Und dachten still an neue, nahe Körperqual;

Die Weiber aber schrieen thierisch, wie besessen,

Erfaßte sie die Schmerzensangst mit einem Mal.

Dann wurden sie, ganz ungewohnt länger zu denken,

Urplötzlich still und haben höchstens mitgebrüllt;

Die Römer aber schien die Stumpfheit arg zu kränken,

Denn Folterwuth hat ihren Sinn bereits erfüllt.

Den Qualverfallenen sprachen sie von nahen Schmerzen,

Und haben der Gefangenen Bangen aufgereizt;

Sie wollten erst mit Schreckensgreueln scherzen,

Mit denen sie auch später keineswegs gegeizt.

Verthiert erschienen ihnen meistens die Barbaren

Und nur die Augen kleiner Kinder hell und klug,

Ein Gott dünkte sich jeder unter diese Schaaren,

Und war gewiß, daß er die Zügel würdig trug.

Der Feldherr mußte still an Alexander denken,

Wie er ihn einst auf einem Schlachtenbilde sah,

Und wollte so die Triumphatorrosse lenken,

Was auch voll Pathos und Geberdenspiel geschah.

Es ward des Vaterlandes glücklichen Befreier

Der Bürger Dank beim Einzug festlich dargebracht,

Ein Dichter hat im Auftrage zur Siegesfeier

Ein Widmungslied auf Romas großen Sohn gemacht.

Oh ruhmumstrahltes Rom, mit einer Riesenrose

Verglich ein Sänger Dich im Abendpurpurglanz.

Er sah Dich so, da Flammenfalter leicht und lose

Dich bunt umflatterten, als schwirrten sie zum Tanz.

Er nannte, Roma, Dich die Blüthe edler Freuden,

Den Baum der Griechengöttinnen am Tiberstrand,

Die Stadt in deren Tempeln und Gebäuden

Der Geist des Platon die Gespenster Asiens fand.

Doch scheinst Du, Weltstadt, mir, im klaren Sonnenlichte

Ein Wuchtkrystall, der jede Fluthenflucht bezwingt;

Du birgst, in Dir versteint, die halbe Weltgeschichte,

In der, zum Schutz, die eigene Sonderkeit versinkt.

Du hast wohl fremde Sitten, andern Kult erworben,

Zum Spenden aber war Dein Geist zu klein,

Es hat Dein Volk das Wort des Heilandes verdorben,

Und statt Vergessen lugte Trug aus Deinen Wein.

In Rom erschien der Griechen wunderleichte Muse

Und hat sich an Italiens Lichtfeldern erfreut,

Die Urbs jedoch blieb eine rohe Riesendruse,

Die alles aufsog, was ein freier Geist verstreut.

Das Lied verknöcherte in steifen Gönnerbanden,

Die Kunst war schon vor Alarich in Rom verscharrt,

Das Nazarenerthum hat kurze Zeit bestanden,

Zu todten Formen ist sein Feuerthum erstarrt.

Du wuchsest, Urbs, ohne das Weite zu erstreben,

Die Flora Asiens scheint in Dich hineinkrystallisiert,

Du konntest Dich mit dumpfem Punierprunk umgeben,

Der Rom, das große Erdmuseum, ziert.

Aus den Häusern, von den Schollen

Reißen sich jetzt träge Haufen,

Denn der Weckruf ist erschollen,

Wilde Bestien werden raufen.

Ja, im Zirkus giebt es heute

Einen Kampf von Gladiatoren,

Dann zerfleischte Christusbräute!

Alles drängt schon zu den Thoren,

Hin zum Zirkus der Zäsaren;

Römer, Griechen, Skythen, Mohren,

Können da sich bunt gewahren.

Kinder gingen schon verloren,

Mütter fangen an zu kreischen,

Und gepreßte Kinder krächzen;

Vorwärts wollen alle dringen,

Um sich, selbst durch Schreien, Ächzen,

Ihren Einlaß zu erzwingen.

In dem großen Menschenknäule

Können Diebe Beute haschen,

Und im großen Angstgeheule

Ihre Opfer überraschen.

Vor den argbedrängten Pforten,

Und auch drinnen, auf den Stufen

Des Theaters, allerorten,

Fangen Stimmen an zu rufen:

Bestien seien ausgekommen!

Menschen, die zu rasch geklommen,

Um sich Plätze zu erstürmen,

Die im großen Zirkusbogen,

Sich als Stufen überthürme,

Wollen wieder niederwogen;

Andre hergerannte Leute

Aber bleiben trotzdem hocken!

Draußen noch kam eine Meute

Durch die Aufregung ins Stocken,

Da sich in den engen Gassen

Eine Menschenmenge staute,

Die sich durch die Schreckenslaute

Hat von Angst erfassen lassen!

Endlich drängt die Pöbelschlange

Vor bis zu den letzten Sitzen,

Und die Menge kann nun lange

Noch, im Zirkus wartend, schwitzen.

Diese ganzen trägen Massen,

Die das Welttheater füllen,

Wird, sobald die Bestien brüllen,

Wilder Taumel rasch erfassen;

Alle werden ihre Blicke

Gleich zum grausen Schauspiel wenden,

Wo durch Bisse im Genicke,

Menschen ohne Kampf verenden.

Andere, die sich etwas wehren,

Werden wild zerfleischt verrecken,

Um noch anderes Blutbegehren

Ihrer Zuschauer zu wecken!

Ja, die ganze tolle Meute

Wird dann mit erhobenen Händen

Rings, für ihre Menschenbeute

Tigern lauten Beifall spenden.

Reichgeschmückt ist das Gelichter,

Das da wartet, die Gesichter,

Sind gerötet durch die Hitze,

Und darüber fallen Witze;

Römer lachen und verspotten

Alle fremden Prachtgewänder,

Denn der rombeherrschten Länder

Bunte Völkermassen rotten

Sich im Zirkus bunt zusammen.

Nicht allein das Blutvergießen

Noch das grause Bauchaufschlitzen

Durch die scharfen Krallentatzen

Völlig wilder Wüstenkatzen

Einzig alle unterhalten.

Nein, man lacht und spottet gerne

Über schlechtgeschminkte Falten,

Und was sonst das Hochmoderne,

Wie zum Beispiel Flachsperücken

Reicher schöner Adelsfrauen,

Die sich fast barbarisch schmücken,

Um berückend auszuschauen!

Heute wird man auch die Priester

Fremder Völker hier verlachen,

Denn die bleiben meistens düster,

Wenn die andern Späße machen.

Unten sieht man ein Geknülle

Doch man kann nichts klar erkennen

Und vernimmt nur Wuthgebrülle.

Wilde Schaulüste erbrennen,

Ganze Zirkusreihen schreien

Auf das Staubgewölke nieder,

Viele Stimmen prophezeien

Dem und jenem krumme Glieder.

Kaum verweht die Balgerwolke,

Steht in ihrem Katzenruhme

Eine Bestie vor dem Volke,

Und schon fliegt so manche Blume

Zu den Tigern, die die Christen,

Vor den Blicken Roms, zerfetzten .

Römer wollen sich nun brüsten,

Daß sie wahrlich nicht die letzten

Seien, die im Stande wären,

Gästen, die sie zu sich luden,

Ein Spektakel zu gewähren!

Nubier freuen sich und Juden

Und ganz ebenso Germanen,

Allen ist bereits das Morden,

In geschlossenen Zirkusbahnen,

Ein Bedürfniß fast geworden!

Sieh Rom, es gleicht Dein rundes Prachttheater,

Das Du der Volksbelustigung geweiht,

Führwahr dem größten Menschenflammenkrater,

Der Gluthbrunst wuchtvoll rings um sich verspeit.

Es wird von Rom sein Bestes hier geboten,

Denn als es den Theaterbau begann,

Versuchten Künstler alles zu verknoten,

Was je der Geist voll Trefflichkeit ersann!

Es wurden auf Korinthos schlanke Säulen

Etruriens Bögen ringsum aufgesetzt,

Und Hellas Helden mit geschwungenen Keulen

In Marmor und in Travertin gemetzt!

Die Stufen senkten sich vom Avertine

Zum Thale unterm steilen Palatin,

Dem Hügel mit dem Kaiserbaldachine,

Und alles baute man aus Travertin.

Das war die größte Rennbahn unserer Erde,

Sie hat elliptisch Steinpfeiler umkreist.

Dort bäumten sich die erzgegoßenen Pferde,

Die weither übers Meer nach Rom gereist.

Selbst Obeliske sollten lichtwärts sich erheben,

Auch Sphynxe gab es rings in großer Zahl,

Die Wölfin säugte Rheas Brut daneben,

Der Zirkusherkules war kolossal.

Ich ahne einen Zirkusbrunnen,

Der zwischen stummen Numen plaudert,

Und Buben stechen mit Harpunen

Ins Spundthier, das zu speien zaudert.

Darunter ruht ein Marmorbecken,

Das Steintritone wuchtig tragen,

Und aus den Plätscherfluthen recken

Sich Kinder heiterer Wassersagen.

Als Nixen spielen sie und spritzen

Die Fluth zu losen Lustplejaden,

Und aus den Nebelhemdenschlitzen

Der Weibchen rieseln Gischtkaskaden.

Ich höre Abendhauche säuseln

Und sehe Wimpeln die sich schlängeln,

Ich merke wie sich Kämme kräuseln

Und langsam aus dem Becken drängeln.

Da überspannt die starken Wogen,

Die windbewegt rasch niederschlagen,

Mit einem Mal ein Regenbogen,

Den goldene Sprudelfluthen tragen.

Der Abend hält die Welt umschlungen,

Der Dinge Lichtringe zerrinnen,

Und lauter goldene Wolkenzungen

Beginnen Stimmung zu gewinnen.

So fliegt denn fort, Ihr Himmelszeichen,

Verklagt die blutigen Zäsaren,

Erzählt von stummen Bruderleichen

Den Schaaren, die Begeisterung waren.

Entflattert durch den fernen Äther,

Und Pflügern, die ums Wetter fragen,

Erzählt als rastlose Verräther

Von Zirkus und Zäsarenwagen!

Erklärt Euch Völkern, sprecht zu Numen,

Und giebt es wirklich Rachegeister,

So ruft sie auf, und aller Krumen

Befruchtungswunsch sei Cäsars Meister!

Zu Vipern sollt Ihr Wolken werden,

Und laßt Ihr Euch vom Gluthhauch tragen,

So werdet Ihr mit Lämmerheerden

Im fernen Blau zusammenschlagen.

Ein Wolkenwidder wird sich wehren,

Ihr aber sollt nur Rache schreien,

Mit Blitzen streckt die Lümmelbären,

Der Donner muß den Lenz verleihen.

Das Kriegsvolk, das den Blitz betrachtet,

Wird sich für Speer und Schild entflammen,

Der Priester, der sein Opfer schlachtet,

Hört Götter donnernd Rom verdammen!

Ihr Dünste sollt dann hagelschwanger

Die Wolkenbotschaft weiter tragen,

Und trefft Ihr Bauern an am Anger,

So müßt Ihr sie vom Felde jagen.

Zerschlagt die Äcker der Barbaren,

Die feig um ihre Herde lungern,

Erweckt den Neid auf die Zäsaren

Und laßt die Friedlichen verhungern!

Das Taggerüst steht jetzt in Flammen,

Die Ordnungswelt scheint zu verlohn,

Profile, die von Phoebos stammen,

Entweichen vor Hephaistos Thron.

Den Marmor haben Abendstrahlen

Im Zirkus bis aufs Blut verletzt,

Und allseits wird von Marterqualen

Voll grauser Lüsternheit geschwätzt.

Ein Schiffer spricht dabei von Feuer,

Die man auf Masten oft erblickt,

Er sagt, dann muß man furchtsam steuern,

Da sie ein Gott zur Warnung schickt!

Auf einmal scheint es auch, als schwirrten

Arenaflammen ringsumher,

Sie fallen auf und einige Hirten

Erschreckt ein irres Lichterheer.

Das Abendblut ist abgewaschen,

Der Himmel sieht getigert aus,

Die Nacht wird alles überraschen,

Doch lähmt sie nicht den Zirkusbraus.

Es suchen Viele mit dem Schmuck zu protzen

Und halten Werthsachen ans Licht,

Geschmeide, die von Feuer strotzen,

Sind ringsum lange noch in Sicht.

Auf einmal wird der Himmel röther,

Die Sterne scheucht ein Glanz zurück,

Doch schimmern nur die Christentödter

In ihrem Ruhm und Schlächterglück.

Ein Morgen graut am Firmamente,

Im Zirkus blickt sich niemand um,

Jedoch die letzten Erdmomente

Der Opfer machen Viele stumm.

Die Hatz hat noch nicht ausgewüthet,

Nun ist die Blutgier voll erwacht,

Es dünkt sich niemand ganz vergütet

Und eher um sein Geld gebracht.

Noch immer lechzt man nach dem Kampfe,

Der bringt der Menge wahre Lust,

Sie liebt das wüthende Gestampfe

Der Bestien auf des Opfers Brust.

Der Zirkus weckt die Kriegsbegierden,

Die Lust zu plündern lodert hell,

Der Mensch hängt trotz Manier unnd Zierden

An Schlächtereien und Bordell.

Er will am Abend Lust erreichen,

Er ist durch wilde Brunst erhitzt

Und mancher denkt sich einzuschleichen,

Weil er kein Kaufgeld mehr besitzt.

Im Zirus sterben ringsum Christen,

Unglaublich steigt die Leichenzahl,

Verreckte gibt es mehr als Kisten,

Und noch fließt Blut durchs Marmorthal.

Schon schwelgen die Patrizierkinder

Im Vorgefühl von Bacchanal,

Sie sind obszöne Lustempfinder

Und treffen für die Nacht die Wahl.

Die Weiber, die mit Lümmeln flüstern,

Sind ringsum meistens bleich und dick

Und haschen mit dem Buhlen lüstern

Noch einen letzten Christenblick.

Das letzte Augenlichtgeflacker

Erfreut sie, weil es Wuth aufwühlt,

Dann wird beim Bacchanal der Racker

Und Metzen Sinnenlust gekühlt.

Es sind der meisten Menschen Züge

Bereits verthiert und schweißbedeckt,

Doch keiner sah noch zur Genüge

Wie Tiger Menschenblut geleckt.

Im Zirkus liegen lauter Leichen,

Die Opfer haben ausgezuckt,

Die satten Bestien aber schleichen

Durch Leiber, die sie halb verschluckt.

Es schließt das Leid in Liebestristen

Des Jenseits unsere Lust mit ein,

Das Unheil, das wir boshaft stiften,

Macht unsere Opfer wehmuthsrein.

So zieht denn hin, Ihr tapfern Christen,

Dem Märtyrer ist Licht bestimmt!

Wozu ein blasses Leben fristen,

Wenn dort, in Euch, das Lamm erglimmt?

Die Menschen sind verlorene Schafe,

Die der Zerstörer wild zerstreut,

Dort ferne, hinterm Gabesschlafe,

Erscheint der Hirth, der uns erfreut.

Die Freiheit und die Zucht sind Geister,

Die man auf Erden blind verjagt,

Das Jenseits hilft dem edlen Meister,

In dessen Kunst die Wahrheit tagt.

Ihr Christen, Euer weißes Sterben

Ist wirklich ein beherztes Werk,

Ihr mußtet Euch in Rom verfärben

Und glänzt dafür auf Zions Berg.

Auch Euren Feinden wird verziehen,

Sie gehn mit Euch bei Jesum ein,

Es wurde ihnen Wuth verliehen,

Um Eurer Unschuld Hort zu sein.

Siebenfache Bogenlänge

Überwinden ihre Schwere

Und sie wölben über Hänge

Sich empor zu Belvedere,

Wo ein Kaiser ungezügelt

Allen seinen Lüsten fröhnt

Krauses hat er oft erklügelt,

Doch an seine Staatsverwaltung

Hat die Welt sich bald gewöhnt.

Sie erbaute ohne Murren

Was der Träne Prunkentfaltung

Eines Kaisers je an Schnurren

Und an bunten Luftgebilden

Nur begehrte. Hängegärten

Wurden steil von Künstlergilden

Und assyrischen Gelehrten

Mit dem Gelde aller Länder

Aufgebaut und ausgestattet.

Und der römische Verschwender

Sitzt, von Palmen überschattet,

Auf dem goldenen Herrscherstuhle,

Den die schönste Zierrath schmückt,

Neben ihm ruht seine Buhle,

Deren Lächeln ihn beglückt

Auf des Zirkus Marorstufen

Liegt die Welt zu Neros Füßen,

Die ihn feierlich mit Rufen

Und Applausen will begrüßen.

Plötzlich aber faßt ihn Schwindel,

Vom verachteten Gesindel

Hört er sich als Gottheit preisen,

Und beglückt durch das Gejohle,

Läßt er tausend Gäste speisen!

Denn es liegt ihm viel am Wohle

Seiner freien Unterthanen,

Die in ihm Apollo ahnen.

Jede Kehle schreit sich heiser,

Denn soeben ist der Kaiser

Aufgestanden, und zum Lohne

Winkt er jetzt von seinem Throne.

Wird er auch Befehle nicken?

Ringsum sieht er bleiche Schranzen

Auf die Kaiserwimpern blicken

Und es wachen Praetorianer

Lins und rechts mit blanken Lanzen.

Steil in Stein als Wegebahner

Stehn Kentauren bei den Treppen.

Schwarze Sklaven aber schleppen,

Über Nero hoch erhoben,

Wunderbare Flimmerschilder

Diesen Einfall will man loben,

Denn das sind die Ebenbilder

Ewig funkelnder Gestirne,

Die dem Kaiser und der Dirne,

Die er heute Nacht wird küssen,

Stets gehorsam folgen müssen!

Nero geht mit seine Gästen

Jetzt nach Hause, und vom Westen

Speit ein Riesenungeheuer

Ihm die unverdauten Feuer

Eines Tages schräg entgegen.

Dieses Thier scheint sich zu regen,

Greift es gar nach Romas Zinnen,

Die sich immer dunkler röthen?

Soll ein Brand der Urbs beginnen

Und die Stadtbewohner tödten?

Rom sieht spät den Tag verglimmen

Und die Gluthen sich verfärben,

Doch zum Kaiser flüstern Stimmen:

"Bau ein Rom auf Romas Scherben!

Willst Du Dich mit Zeus verbinden,

Mehr als Helios sollst Du können!

Um die Sonne Dir zu gönnen,

Mußt Du aber Rom entzünden!"

Kaiser Neros Blicke schweifen

Jetzt zum Meer, das sie als Streifen,

Wie ein blutigrothes Zeichen,

Voll Bedeutung, noch erreichen.

Feuerkämme überragen

Albalongas Berggelände,

Hohe Lohezungen schlagen,

Aufgewühlt durch Riesenbrände,

Hinter jenen Hügelketten,

Wie aus Kratern, in die Lüfte.

Doch die Straße stiller Stätten,

Wo die großen Römergrüfte

Ernst aus der Campagna steigen,

Wird nun bald im Dunkel rasten

Und ihr Farbenflimmer schweigen.

Jetzt bereits die letzten Schlacken,

Und auf steilen Mauerzacken

Sieht man auch nur Einzellichter,

Denn die Finsterniß wird dichter!

Etwas später erst beginnen

Des Gebirges steile Wände

In den Schneefeldern und Rinnen,

Wie in Blut getauchte Hände,

Plötzlich wieder aufzuglühen

Und ihr Gold rings zu versprühen.

Nero sind die grellen Scheine

Vor dem Aufbruch noch erschienen

Und er denkt der Berge Weine

Sich bei Festen zu bedienen.

Romwärts will er jener Thäler

Reiche Purpurfluthen lenken,

Daß die künftigen Erzähler

Ihm einst Anerkennung schenken.

In des Kaisers Hirne spukten

Stets die reichsten Bacchanalien

Von ganz Asien und Italien.

Und auf Riesenaquädukten

Sieht er nun nichts mehr als Weine

In den Zirkus sich ergießen

Und sich selber, im Vereine

Mit dem Volk, die Pracht genießen.

In den spätern Naumachien,

Denkt sich Nero, werden Fürsten,

Herrscher ferner Monarchien,

Die nach Ruhm und Reichthum dürsten,

Einzig dann vor Rom verenden.

Und in andern Wasserschlachten

Will ich Haifische verwenden,

Denn ich weiß, vor mir schon brachten

Kaiser grause Krokodile

In den Zirkus. Doch mein Wille

Ist noch größer, und viel weiser

Bin Ich, Nero, Gott und Kaiser.

Lange, lange muß es währen,

Bis der Zirkus sich vom Haufen

Schwüler Gäste kann entleeren.

Endlich wird man sich erlaufen,

Um in engen, dunkeln Gassen

Oft sein Letztes zu verprassen!

Draußen will sich alles letzen,

Dichte Schatten aber setzen

Sich im leeren Zirkus nieder.

Alle Flämmchen rings zerstieben,

Nur ein Saum wie Frühlingsflieder

Ist am Marmor noch geblieben.

Roms verschiedenartige Schänken

Sieht von Menschen man umringen,

Um erst drinnen nachzudenken,

Wie den Abend zu verbringen.

Ungeheure Gruppen branden

Vor dem gelben Tiberwalle,

Einige können drüben landen,

Doch der Thermen Marmorhalle

Hat Verschiedene aus den Gassen

In ihr Inneres gezogen.

Nun verebben rings die Massen

Aufgewühlter Pöbelwogen.

Ganz stille wirds in Neros finsterm Garten,

Wo die Zypressen auf die Winde warten,

Um laut zu ächzen und zu stöhnen.

Und in den Nischen giebt es Marmorbecken

Aus denen Flammen aufwärts lecken,

Um Götter mit der Erde zu versöhnen.

Der Kaiser sieht sie mit Geknister lohen

Und trockene Bäume in dem Hain bedrohen

Es muß ihr Rauch sich im Geäste sammeln,

Wo sich beschwingte, lose Windesschlangen

Im dunkeln Kronendickicht mitverfangen,

Da Pinienhäupter ihren Weg verrammeln.

Umkreist von einem matten Irisbogen

Kommt nun der volle Mond heraufgezogen.

Er ist vom vielen Wandern wohl ermattet,

Er scheint ein trunkenes Auge, roth verschwommen.

Der Kaiser merkt es kaum, daß er erglommen,

Da ihn der Pinienhain tief überschattet.

Er läßt sich in den Gang der Orchideen

Und Rosen, die ihm Duft entgegenwehen,

Von seinen Lieblingssklaven tragen.

Er will sich an den Blüthendüften weiden,

Und Lärm und Lust der Nebenmenschen meiden,

Denn nicht mehr zieht es ihn zu Trinkgelagen.

Der Kaiser denkt jetzt an das GötterEnde.

Oft wars, als ob man Botschaft sende,

Wenn Schnuppen lautlos durch den Äther schirrten,

Es werde Zeus von seiner Höhe stürzen.

Und irrte er dabei zwischen den stillen Myrthen.

So konnte ihm der Fall die Nacht verkürzen.

Die Gäste trinken nun beim Bacchanale

Falernerwein aus tiefer, goldener Schaale,

An Schönheit kann sich jeder Gast entzücken,

Gelöst sind Romas ernste Ehebande,

Denn eine große einzige Guirlande

Umfängt die Menschen, die sich frei beglücken.

Es fröhnt in Neros marmornem Gebäude,

Wer fröhlich ist, der tollsten Sinnenfreude.

Man ließ die Wände wunderbar bekränzen,

Und um die Würde festlich abzumildern,

Verhängte man den ernsten Stein mit Bildern

Und schuf im Riesensaale Blumengrenzen.

Wenn Römer ihre Marmorhallen bauen

Und in die Säulen tiefe Rinnen hauen,

So bleibt die Felsenwucht doch ganz dem Steine,

Und wenn die Künstler längst zu Staub zerfallen,

So lebt das Märchen teiler Marmorhallen

Noch fort und schafft sich langsam Trauerhaine.

Die Säulen zeugen stumm von Sklavenleiden,

Und wenn sie Gluthblumen im Herbst umkleiden,

So sprüht als Rankenschmuck das Blut der Todten

Noch rings hervor in dem Erinnerungsgarten

Der vielen tausend fern und längstverscharrten

Gemarterten, Gefangenen von Despoten.

Es blinken weiße Tempel durch die Lauben

Und um die lauten Brunnen gurren Tauben.

Der Säulen rassescharfer Kanelierung

Entspricht des Dorers adlige Regierung.

Die Hallen zeugen rings von Jugendstärke,

Und stolz auf die Gedankenwelt der Sagen,

Die sie in Stein gemetzt zum Lichte tragen,

Sind diese Bauten traute Meisterwerke.

Versuchte Rom das Schönste sich zu bieten,

So griff es zu den heitern Griechenmythen,

Man zauberte die lieblisten Gelände

Der Odyssee auf roth getünchte Wände.

Gestalten, die im Troerkrieg erscheinen,

Lustwandeln in Elysiums heitern Hainen,

Und ringsum unter Heldenepisoden,

Bedecken Seidenkissen Mosaike,

Mit ihren Fabelwesen der Antike,

Denn jeder Gast singt, trinkt, versinkt am Boden.

Auf andern Wänden leuchten Lustgestalten

Und blonde Knaben, die Guirlanden halten.

Doch von der Decke eines hohen Saales

Beschauen lauter wohlgepflegte Numen

Die muntern Menschen, reichgeschmückt mit Blumen,

Und freun sich am Gebraus des Bacchanales.

Es leben im Weine rebellische Kräfte!

Denn wenn sich der Sommer mit Wolken bedeckt,

Als ob er zum Aufbruch die Sturmsegel reffte,

So wird auch die Wuthgluth der Reben erweckt.

Das Erdfeuer will dann sein Wollen bekunden

Und bleibt nicht mehr länger in Trauben gebunden,

Es fügt sich nicht länger dem Sonnenverzichte,

Es gährt und es sucht seinen Ausbruch zum Lichte!

Solange sich Reben auf Lichthügeln weiten,

Wird Sonnenbegehren den Menschen begleiten,

Denn Traubensaft stärkt uns beim tollkühnen Wagen

Und läßt selbst den Schwankenden nimmer verzagen!

Der Wein ist die Frucht, die den Wildwald vertrieben,

Und ist der Begleiter der Menschen geblieben,

Er soll zur Berauschung und Freude gedeihen

Und Menschen das Jahr hindurch Lichtlust verleihen,

Er bleibt seinem Pfleger und Lichtspender treu,

In beiden sind Liebe und Lenz ewig neu!

Es reift nicht der Same allein in den Früchten,

Es müssen sich Gluthen als Räusche verflüchten.

Berauschen uns Trauben, vom Sommer geschwängert,

So wird unsere Jugend und Wollust verlängert.

Drum singt man und trinkt man zum wärmenden Weine,

Damit uns das Leben urwillig erscheine,

Der Mensch will die Schönheit zur Freude genießen,

Es soll nicht der Liebe die Frucht nur ersprießen,

Es müssen auch Träume der Seele entschweben,

Kultur ist ein bacchisches Erdgluthenleben,

Und wenn sich die Menschen, aus Traumlust, umschlingen,

So soll sie das Feuer der Erde durchklingen,

Und wenn sie, berauscht, lauter Freuden entzünden,

Befruchten sich Seelen in heimlichen Schlünden!

Ein Weib im Saal vergißt des Adels Hoheit,

Die Brunst erhitzte es zu schwüler Roheit,

Das Marterschauspiel voller Blutvergießen

Erweckte seine dumpfen Fleischgelüste,

Und als sie einen Sklaven brünstig küßte,

Begann sie ganz in Wollust zu zerfließen.

Der Jüngling ist im Zirkus aufgefallen,

Sein rothes Kleid, die blanken Achselschnallen

Gefielen dort sogleich verschiedenen Frauen,

Und eine treibt mit ihm jetzt süße Händel!

Es schwingt ganz ruhelos ihr Seelenpendel,

Sie kann sich nicht am Kind zufriedenschauen,

Sie küßt sein Haupt und seines Haares Rosen

Und fühlt die Gier noch immer wilder tosen.

Sie hält sein teures Wesen hold im Arme,

Nein, Lüste sind es, die sie halb ersticken,

Jetzt sieht sie Bilder sich entgegennicken

Und Finger winken ihr im Traumlustschwarme.

Gar feurig glühn des Knaben dunkle Augen,

Sie herzt ihn innig seinen Hauch zu saugen,

Doch treulos schwelgt ihr trübes Lustempfinden

Bei einem andern, der bereits erblaßte

Und dessen blondes Haupt sie nie umfaßte.

Sie sah ihn kaum in wildem Schmerz sich winden

Und seinen weißen Leib im Blut verschwinden –

Er ist dahin, sein holder Blick gebrochen,

Hat er sein letztes Sterbewort gesprochen?

Oh könnte er im Traume noch erscheinen,

Um Unverständliches ihr zuzuraunen

Und sie mit blauen Augen anzustaunen!

Dem Weibe wars, als müßte sie vor Wehmut weinen!

Es drängt sie zum Athmen, sie muß in das Freie,

Sie will, daß ihr Buhle sie dennoch geleite.

Es regt schon der Morgen voll heimlicher Weihe

Die eigene Stimme als rauschender Weite.

Das Murmeln und Singen vom innersten Werden

Befreit ihre Seele von Erdebeschwerden.

Nun fühlt sie sich locker, voll trautem Entzücken,

Statt sinnlichem Fiebern ein seelisches Schwingen,

Sie glaubt nun, sie könne den Sorgen entrücken,

Und horcht auf ein erdhaftes, innerstes Klingen.

Nun ist es, beim Wandeln im Parke, dem Paare,

Als ob sich die Seele der Welt offenbare,

Es sieht wie verwundert die Stille sich weiten

Und ruhige Sterne die Nachtbahn durchschreiten,

Und beide erkennen die Urzwistigkeiten,

Sie meinen, es dürften die Winde nachlassen

Und dennoch kann nachttiefer Braus sie erfassen!

Die Nebel entsteigen der goldenen Ferne,

Da spiegeln die Seelen zufriedene Sterne,

Die Umwelt wird munter, und Rom liegt im Schlummer,

Auf Wolken wie Kissen verschläft es den Kummer.

Fast leichenbleich scheint jetzt die Herrin der Länder,

Wo bleibt das Gebraus seiner Menschenverschwender?

Es schinmern die Berge in ruhigen Linien,

Dem Nebelfeld draußen entragen rings Pinien.

Im Park ein Narziß, wie Ovid ihn sich dachte,

Befchaut sich in chloßtei und horcht auf fein

Es ist, als ob Sehnsucht in ihm tief erwachte,

Denn inmer noch scheint er aus Marmor zu lauschen.

Er trägt und befrägt sich im schlummernden Weiher.

Der Geist dieser Statue begreift nicht das Schweigen.

Dann hüllt er sich langsam in flimmernde Schleier,

Da ringsun der Thau fällt und Lichter entsteigen.

Es werden die Tropfen noch wachsen nd schwellen

Und endlich wie schimmerndes Obst sich erhellen,

Wie Keime zu Augen und Kospen ersprießen.

Es wird auch der Thau sich dem Tage erschließen,

Bald werden die Tropfen das Sonnlicht empfangen,

Um fallreif und flimmernd im Garten zu prangen.

Es sehnt die Natur sich mit wuchtiger Brunst

Der Dämmerung entgegen. Es schwankt schon der Dunst.

Er zweifelt, ob heute das Goldlicht obsiegt.

Vielleicht naht ein Tag, da der Nebel auffliegt:

Doch nein, denn es fiebert das Leben nach Lich,

Das Morgens sich Thaukränze flicht und durchbricht!

Die Kuppen der Berge sind Eisgötterzelte,

Und rings auf den Felsen liegt überall Schnee,

Im Thale erdrosselt der Frühling die Kälte,

Und oben verschanzt sich die Winterarmee.

Wenn westliche Winde dann wonniglich wehen,

Ergrünt um die Eisburg ein lebender Wall,

Die silbernen Panzer verschrumpfen, zergehen,

Und Waldstimmen lispeln vom Schneefestungsfall.

Bald sieht sich der Winter im Lager umzingelt,

Er reißt seine Zelte ab, groß ist die Wucht.

Es hat sich der Schnee schon wie Leinwand geringelt

Und stürzt als Lawine hinab in die Schlucht.

Es tragen die Flüsse die Lenzbotschaft weiter,

Die Schneereste schmelzen, vermischt mit dem Gischt,

Es blühen die Mandeln, der Himmel wird heiter,

Der Winter hat weithin Italien erfrischt.

Den Gießbächen jubeln die Schwalben im Thale

Voll Freude entgegen und alles erblüht,

Das Wasser entbraust jedem Bett und Kanale,

Der Frühling kam diesmal besonders verfrüht.

Die Thauwinde kräuseln die lauen Gefilde,

Da tauchen die Blüthen wie Schaumkämme auf,

Die Weiten umschlingt ihre milchigste Milde,

Stets weißer, blos weiß wird des Lichtlenzes Lauf:

Wie Inseln, umbrandet von schäumenden Wässern,

Erscheinen die Villen, in blühender Au,

Und bergen die Träume von Daseinsvergessern,

Denn oft wohnen Denker in marmornem Bau.

Es rastet die Fluth dort, um ruhig zu wirken,

Und rings bilden Myrthen und Schlehdorn den Haag,

Es treiben bereits viele Linden und Birken,

Und zwischen den Blättern liebäugelt der Tag.

Die langen Alleen beschatten Zypressen,

Ein Teich aber scheint sich durch Rosengerank

Und anderes Dickicht im Park einzupressen,

Und Lorbeer umdunkelt den Gartenfluthgang.

Dem Weiher entragt eine Inselterasse,

Die gleicht einem Schiffe, das Wasserkraut hemmt,

Im Seerosensumpf steckt die breite Rumpfmasse,

Von Blüthen ist selbst das Verdeck überschwemmt!

Dort oben, am Steinboot, im Frühlaub verborgen,

Enttaucht eine Statue, der Flora geweiht,

Doch sieht man kein Mädchen für Lenzopfer sorgen,

Man nennt das den Ort, wo die Kirsche gedeiht.

Es stellte der umbrische, edle Gestalter

Des Bildes die Reine ins friedliche Grün,

Jetzt singen die Vögel und tanzen die Falter

Davor und umher, wenn die Sträuche erblühn.

Es braucht ihr kein Mensch seine Huld zu bezeugen,

Und bleibt auch das Standbild im Dickicht versteckt,

So werden die Bäume sich weiter verneigen,

Und jährlich wird Frühlingsglück wieder erweckt!

Oh Flora, du hast dein Italien der Kriege

So herrlich mit Blüthen und Träumen verschönt,

Dich hätte das römische Volk nach dem Siege

Von Herzen zur Göttin der Liebe gekrönt.

Doch brachten Gelehrte, verzückt, Aphrodite,

Nach Wanderungsjahren, aus Griechenland heim,

Sie senkten den Blick in die Herzensgebiete,

Das Meer aber gab seinen Erdhimmlsreim.

Die See offenbarte auch ihnen die Liebe

Und hat ihre Räthsel stets weiter entrückt,

Sie zog sie hinein in ihr Wellengestiebe

Und hat sie belehrt und doch niemals beglückt.

Man liebt jene goldenen, sichtbaren Bogen,

Das Ende der Welt, das sich ewig entdehnt,

Man weiß wohl und fühlt, man wird immer betrogen,

Und doch folgt ihm stets, wer sich fort von sich sehnt.

Und oftmals erblickt man auch Inseln von Streifen,

Wie Reifen mit Flimmerjuwelen umsprüht:

Der Mann will das Eiland erreichen, begreifen,

Und löst seinen Gürtel, der Keusches umglüht.

Der Grieche zumal schäumte leicht durch die Wogen,

Er hat lauter Fernen lebendig erfaßt,

Das Meer ist den tollkühnen Männern gewogen

Und trägt seine Last oft zu traumreicher Rast.

Drum hat sich den Grieche der Zauber des Meeres

Am Strand ihrer Inseln voll Schönheit enthüllt

Sie sahen am Morgen auf einmal ein hehres,

Lichtinniges Weib, ganz von Erdbrunst erfüllt!

Da war Aphrodite. Auf schäumenden Kronen

Erschien sie und hat ringsum Urmilch verschenkt,

Sie wollte die Kühnen am vollsten belohnen

Und hat Jungfrauaugen vor ihnen gesenkt.

Als Roma die Venus von Hellas empfangen,

Da wurde Italien um Flora gebracht,

Nur selten durchglühte die Lust ihre Wangen,

Und da ist die Keuschheit der Blumen erwacht.

Oh Flora, Dich hätte kein Christlind vertrieben,

Du wärest, als Göttin der Liebe erkannt,

Die Erdmutter Gottes, die Urfrau geblieben,

In der die Geburtsgluth der Gnade entbrannt!

Du Ewigkeitsweib, holde Flora, wir flehen,

Du UnerkanntEinsame, die nicht erstirbt:

Oh, lasse Dein Wesen die Erde umwehen,

Da Jugend im Dufte sich sucht und erwirbt!

Oh, lasse entwurzelte Seelen durch Kränze

Noch einmal am Erdhauch sich bitter erfreun,

Im Duft schwankt die Sinne und Urgefühlsgrenze,

Drum mag man mit Reuethau Blüthen bestreun!

Oh Flora, Du hättest, als Göttin der Liebe

Den vollen Gefühlen des Volkes verwoben,

Als Hoffnungssymbol, im Verheerungsgetriebe

Der Kriege, die Seele der Römer erhoben.

Das Heiligthum Deiner vollendeten Güte,

Oh Flora, erglühte bereits in den Herzen

Der Streiter, in denen ein Wunschgarten blühte,

Um einst dort zu rasten und Gram auszumerzen!

Den Römern erschienen auf Gipfeln, in Triften,

Sowie in der Wüste die lieblichsten Gärten,

Und wenn sie den Ozean furchtlos durchschifften,

So sahen sie Fluren, die Frieden gewährten.

Oh Flora, Dich seh ich ein Glücksland enthüllen,

Du zeigst heitere Villen an Bajäs Gestaden,

Die Greise mit Jünglingen eifernd erfüllen,

Und lauter noch plaudern versteckte Kaskaden.

Umrauscht vom wildsausenden Brandungsgebrause,

Erscheinen Terrassen, die Pfade verknüpfen,

Und diese geleiten zu marmornem Hause,

Um wieder im Dickichte rings zu entschlüpfen.

Die Villen entstanden im Sinne Vitruvius,

Und drinnen erblickte man feurige Schlangen,

Die rings auf den Hängen des fernen Vesuvius

Wie kupferne Klammern und Gluthspangen prangen.

Reflexe, wie Aale und blutrothe Fische,

Enthuschen bei Bajä dem flimmernden Gischte,

Und hie und da hört man ein seltenes Gezische,

Wenn einmal das Mondlicht ein Gluththier erwischte.

Oh großes Rom, mit Deinen stolzen Marmorbauten,

Versteckten Backsteinhäusern und verruchten Gassen,

Als Deine Kinder ihrer Weltmacht ganz vertrauten,

Begannen sie die Stadt beruhigt zu verlassen.

Ein zweites Rom, das an die Festungswälle grenzte,

Ist dann in der Campagna wunderbar entstanden,

Und die Landstadt, die Dich rings und hold umkränzte,

Beschützte ihren Frieden zwischen Laubguirlanden.

Schon Cäsar hat die Wünsche Roms verstanden,

Als er der Allgemeinheit seinen Park vermachte,

Und als die Bürger dann daselbst Erholung fanden,

So freute sich das Volk, weil Cäsar es bedachte.

Dann später wohnten die Patrizier nur in Villen,

Und ihre Baumeister wetteiferten an Können,

Um alle Prachtbedürfnisse von Rom zu stillen

Und sich die Freude freier Künstlerschaft zu gönnen.

Es brachten doch die Bürger zum Palaelienfeste

Bis in das Herz von Rom berühmte Blüthenhügel,

Die Reichen praßten da, das Volk bekam die Reste,

Sogar die Plebs hatte ihr Anrecht auf Geflügel!

Du freudige Stadt, ein entsetzliches Nagen

Durchwühlte Deinen Boden. Vernimmst Du das Klagen?

Oh Rom, hoche auf, unterscheide das Bohren,

Es wird unterirdisch ein Lichtgott geboren!

Die Menge der Anhänger Christi gräbt Gänge,

Um drinnen ihr Leid und sich selbst zu verstecken,

Es ist, als ob innerste Erdgluth sie dränge,

Die Heilkraft des Menschengeschlechtes zu wecken.

Du riesiges Rom, Deine Wälle und Mauern

Vermögen dem Anprall der Feinde zu trotzen,

Verfolgte jedoch, die in Grotten schmarotzen,

Beginnen Dich schon voller Haß zu belauern,

Kein Leib aber wird seinen Wurm überdauern!

Die Heiden verspotten noch immer die Christen

Und nennen sie dumme Bewußtseinsbetäuber

Und schelmische Käuze, die unsichtbar nisten.

Versteckt unter ihnen sind allerdings Räuber,

Von Christo in Schutz seines Kreuzes genommen,

In Manchen ist wirklich auch Reue erglommen.

Sie trachten die blutigen Schemen zu bannen,

Womöglich die Erdgiftinstinkte zu würgen,

Und singen Lichtlieder, die Priester ersannen,

Um Büßern das ewige Reich zu verbürgen.

Verschiedene Graber und Nachgrübler wähnen

In sich und den meisten den Tod der Gelüste,

Da aber erstehen auf einmal Hyänen,

Die Nachtschleicher dessen, der Jesum falsch küßte,

Und diese bschließen die Christengemeinde

Zuerst zu verleumden und dann zu verkaufen.

Denn, meinen sie, liefern wir Rom seine Feinde,

Im Untergrund aus läßt man uns dafür laufen!

Und wirklich die Römer verzeihen den Räubern

Und lassen die Grottenstadt lüften und säubern:

Sie ziehn unter Rom, aus den schimmligen Löchern,

Gestalten, die halbnackt im Kellersumpf waten

Und lebend schon fast zu Skeletten verknöchern.

Auch Priester sind unten in Isisornaten,

Und alle die Narren, so schimpft man die Sekte,

Von der schon so mancher im Zirkus verreckte,

Vertheilt man nun wieder an alle Theater,

Und spottet: nun rette sie dort ihr Gottvater!

Das Christenthum aber ist nicht zu vernichten,

Es steigen die Jünger des Heiles auf Leitern,

Bereit auf die leibliche Lust zu verzichten,

Zurück in die Grüfte, die stets sich erweitern.

Erglimmt die Begierde zum eigenen Entsetzen,

So reißt man dort heimlich die Kleider in Fetzen

Und kratzt eine Stätte, mit blutigen Händen,

Im Urbsuntergrunde, zum Gottesdienst aus.

Die Thatsachen formeln sich hier zu Legenden,

Und singt man, so schallt in den Gängen Gebraus.

Doch lieben die Christen ihr schreckliches Heim,

Und sprechen sie, lispelt die Decke den Reim:

Der Reim ist geboren, der Reim ist erstanden,

Das christliche Lied, in unheimlichen Banden

Vermag aus der Urklage klangwärts zu branden.

Oh Rom, diese Höhlen durchfressen den Boden,

Auf dem Du Dich roth wie ein Morgen erhoben,

Es trachten sich Christen zusammenzuroden,

Um Gott und den Heiland unheimlich zu loben.

Die Leute, die bohrend die Schlünde durchschleichen,

Empfinden ein neues, unstillbares Glück,

Sie trachten gemeinsam das Heil zu erreichen

Und finden davon in sich selber ein Stück.

Gar oft, wenn sie betend und schaffend erschlaffen

Und fieberdurchfröstelt beim Graben verzagen,

Erscheint es beinahe, als könnten Gedanken

Und Geister, allein, weiter schaufeln und schaffen.

Die Weiber erkranken, man gräbt kaum, doch Klagen

Und Seufzer vermögen noch weiter zu nagen!

Ein Priester umgab sich im weitesten Gange

Mit gläubigen, bleichen und Leichengesichtern.

Nun spricht er, beleuchtet von rußenden Lichtern,

Mit winziger Stimme, mit zinndünnem Klange,

Vom Golgathasieg über Satan, die Schlange!

Es schleppen sich immer noch Greise auf Krücken,

Mit Weibern und Kindern, mit wimmernden Stimmen,

Von ringsum herbei, um zu Gott zu entrücken

Und frei durch den Geist Christi Reich zu erklimmen.

"Oh kommt"! ruft der Priester: "Ich will Euch beglücken,

Ihr alle dürft Blüthen der Ewigkeit pflücken,

Ihr selbst seid des Geistes lebendige Kronen,

Und kann auch der Tod Eure Stiele nicht schonen,

So bleibt doch das Licht und der Hauch für Aeonen!

Vernehmt Ihr die Worte, die Jesus gesprochen,

So wird in Euch selber der Winter gebrochen,

Dann träufelt der Tau einer geistigen Taufe

Erfrischend und segnend aus Gott in die Seele.

Ihr folgt tausend Strömen, beim innersten Laufe,

Und sorgt, daß der Trost nimmer unter Euch fehle!

Oh Menschen, nun sind in Euch selbst Christi Saaten

In eigener Wärme im Herz aufgegangen,

So spendet den Pollen mildthätiger Thaten,

Doch scheut Euch, verbergt auch die Scham auf den Wangen,

Und kommt dann, das Blut Christi selbst zu empfangen!

Der Sonmer der Seele wird Lenze befruchten,

Der Ingrimm in Euch Christi Feind niederwuchten,

Ein Lenz aber, der in der Seele erblühte,

Währt ewiglich, sieht man, daß Gott ihn behüte!"

Die Zuhörer fühlen sich ringsum durchschauert

Und lichte Gedanken, von Sorgen umkauert,

Die alle zu schwach zum Erblühen geblieben,

Beginnen nun spürbar durchs Dunkel zu sieben.

In Träumen entstand wohl bereits manche Ranke

Aus Eden vor Menschen und zauberte Auen

Vor sündige Sinne. Der Anhaltsgedanke

Jedoch war zu schwach, um sich tief zu erschauen,

Und ließ die Gelüste ein Reizschloß erbauen.

Am Ewigkeitskeim konnte Erdfaulheit nagen,

Gewohnheiten durften die Hoffnung verlachen,

Durch Christum jedoch wird Elysium jung tagen,

Die Gluthfrucht im Schwachen am stärksten erwachen!

Oh Rom, ein gewaltiges Hämmern und Bohren

Zernagt Deinen Boden und will nicht verstummen.

Es haben sich Christen tief unten verschworen,

So höre, das unheimlich steigende Summen!

Die Christen beginnen den Leib zu kasteien,

Um so jede Gier aus der Seele zu merzen

Und völlig den Geist aus dem Staub zu befreien,

Denn alles das, glauben sie, können die Schmerzen!

Das Christenthum hat seine Wurzeln geschlagen

Und schon unterwühlt es den römischen Boden,

Es wird bald, als Baum, in den Sonnenraum ragen,

Und einst überschattet es Friedensperioden.

Nur wird es beim Wachsen Rom früher zerspalten

Und alle Theater und Tempel zerschmettern,

Doch spendet es dann mit helllohdernden Blättern

Und ewigen Blüthen der Welt Urgewalten.

Es wird als Befruchter von Geistesgeschlechtern

Den Völkern um sich holde Jugend verleihen.

Durchpilgert von heiligen Glaubensverfechtern

Wird dann ein gesegnetes Weltreich gedeihen,

Und sollte der Baum auch in Rom einst verdorren,

So werden schon Schößlinge ringsum ersprießen,

Denn endlich wird dennoch die Wahrheit entworren

Wir werden sie alle gemeinsam genießen!

Ein Priester dort unten erträgt nicht das Bohren,

Die Martern, die Sorgen, das ewige Hämmern.

Es ist ihm als ginge die Jugend verloren,

Als müßte er nutzlos in Kerkern verdämmern.

Es kann schon ein Fühlen die Lüsternheit schüren,

Es packt ihn auf einmal ein Ekeln und Grausen,

Ganz freudlos in Gruben verschüttet zu hausen,

Und schon wird er flüchtig, ein Weib zu verführen.

Doch hält ihn dort oben bald Trauer umklammert,

Er sieht seines Körpers fast todähnliche Blässe,

Er fühlt, daß er nun trost und hoffungslos jammert,

Und abermals sinnt er von Dunkel und Nässe.

Verfinstert erscheint ihm die Seele der Heiden,

Er hält sie für schlechte, verlotterte Buben,

Ein ewiges Licht aber, weiß er, sind Leiden

Und Jubel der Bruderschaft, tief in den Gruben.

Es scheint ihm auf einmal ein Irrlicht die Pfade

Der Innerlichkeit und der Stadt zu erhellen.

Es huscht durch die Sinne, es scheint ihn zu schnellen –

Da ruft er: "Oh Herr, habe Nachsicht und Gnade!"

Doch folgt er dem Tanzlicht durch Gärten und Gassen

Und trachtet dann Buhlinnen rasch zu bekehren,

So rufen die Leute: "Was sind das für Lehren,

Fürwahr, er ist toll und man müßte ihn fassen."

Nun will er die Zukunft von Rom prophezeien

Und wie die Sibyllen das Ende der Götter

Verkünden und Tempelaltäre entweihen!

Da ruft aber plötzlich ein anderer Spötter:

"Fürwahr, es braucht niemand in Rom zu verzagen,

Viel besser als Narren, kann Janus uns sagen,

Ob dunkle Epochen mit flunkernden Sehern

Sich uns, den Beherrschern des Erdrundes, nähern.

Doch nein, Ihr könnt still wie der Gott – ohne Grauen,

Den Feinden zum Trotze – ins Zukunftslicht schauen!"

Da ruft jener Priester emphatisch und zornig:

"Ihr Heiden seid bleicher als wir in den Schächten,

Und ist unser Weg auch verborgen und dornig,

So will ich doch wieder im Schlund Gott verfechten!"

Nun hält man den Priester für völlig verschroben

Und läßt ihn auch, trotz seines Blutfluches, laufen;

Doch ihm ist es plötzlich, als müßte er toben

Und weinen, er ist ja gemein wie der Haufen!

Er ist der Gemeinschaft der Christen entflohen

Und hat sich auch wieder den Lüsten ergeben,

Man wird ihn bestimmt als Verräther bedrohen.

Er tappt aber trotzdem zurück durch die Gänge,

In denen die Christen voll Bangigkeit schleichen,

Er fürchtet dabei seiner Obrigkeit Strenge

Und freut sich dann wieder, das Heim zu erreichen.

Nun wird er, er kann es wahrhaftig nicht fassen,

Von allen Genossen mit Jubel empfangen,

Man wartete lange, voll Angst und mit Bangen

Auf ihn, der die Grottenverstecke verlassen.

Es scheint sein Erscheinen sogar zu entzücken,

Er sieht, wie die meisten sich demüthig bücken,

Sie glauben, er sei aus der Gruft zum Bekehren

Und Spenden des Heiles urplötzlich verschwunden

Und habe als Flüchtling das Rechte gefunden,

Damit ihm die Freunde die Reise nicht wehren!

Sie hofften, es werde der Herr ihn geleiten,

Und beteten öfters, es möge gelingen,

Gefahrlos die feindliche Stadt zu durchschreiten

Und vielen das Wort des Erlösers zu bringen.

Der Priester war schwach und er konnte sein Treiben

Dort oben in Rom keiner Seele bekennen,

Doch hoffte er ferner asketisch zu bleiben

Und nimmer im Fieber ins Freie zu rennen.

Auf einmal jedoch kam die Lustsehnsucht wieder

Und glühende Brunst fuhr ihm jäh durch die Glieder.

Da warf sich ihm aber ein Mädchen zu Füßen.

Sie kam in die Gruft, für Vergangenes zu büßen,

Sie zitterte lange, jetzt kann sie kaum flehen

Und muthvoll ihr teuflisches Fühlen gestehen.

Doch ruft sie auf einmal mit blutigem Mund:

"Oh heiliger Bruder, mein Herz ist so wund,

Ich starrte in Moder und garstigem Dunst,

Ich stöhnte, oh Heiland, entraff mich der Brunst,

Ich habe gefastet, ich sprach mein Gebet,

Es haben sich Bilder im Kreise gedreht,

Ein Jüngling erschien mir, auf schäckigem Thier,

Doch kam nicht der Heiland herunter zu mir.

Ich faßte den Knaben, er hat mich geküßt,

Da pochte mein Herz und es wuchs mein Gelüst,

Ich weiß, – oh ich hab ihn im Traume gedrückt

Und herrlich mit Blüthen und Thränen geschmückt.

Die Venus, vor der ich mich früher geneigt,

Hat sicherlich diese Gestalt mir gezeigt.

Denn bat ich um Männer vor ihrem Altar,

So zeigte sich gleich eine herrliche Schaar.

Ach, wie mich noch jetzt die Erinnerung quält:

Ich habe da stets, was mich reizte, gewählt,

Doch nun packt mich immer die Sorge im Traum,

Erwach ich, so würgt mich der modrige Raum.

Gespenster erfüllen die furchtbare Leere,

Sie stürzen auf mich, ich fühl ihre Schwere,

Oh hilf mir, ich weiß, ich bin immer noch geil,

Der eigene Kalvarienberg ist mir zu steil,

Oh rette mich, du, und versprich mir das Heil! "

Nun bückt sich der Priester und spricht voller Güte:

"Der Heiland erhört Deinen innigen Ruf,

So bete mit mir, daß der Herr Dich behüte.

Denn siehe, er liebt was er leiderfüllt schuf.

Umarme die Wände und küsse die Erde,

In der wir verborgen den Heiland erflehn,

Und wisse, es ruht Christi folgsame Heerde

In Grüften, um einstens noch rein zu erstehn!

Oh wisse, wir können die Erde nicht schänden,

Sie haucht sich jungfräulich die Pestschemen weg,

Nach Kriegen und Aufruhr, nach gräßlichen Bränden

Umgrünt sie, versteckt sie den schandhaften Fleck,

Sie birgt uns in sich, da wir Rom einst zerstören,

Die Stadt, die wie Babylon, brunsterhitzt praßt,

Doch muß man sich erst gegen sich keusch empören,

Bevor man das Übel der Heidenurbs haßt.

Die Gluth dieser Erde, die hier uns erkoren,

Die Feinde des Fiebers im Darme zu sein,

Hat gleichfalls den Heiland jungfräulich geboren

Und will, daß nun wir unterm Kreuze gedeihn!"

In sich aber greift und erfaßt jener Priester

Das Grauen des Zwiespaltes, der ihn bewegt,

Er beichtet, befragt sich und innerlich liest er

Dabei ein Gebot, das sein Wesen zerlegt.

Er schluchzt: "Mutter Gottes, Du helles Gewissen,

Du glühender Wunsch, der das Dunkle zertheilt,

Der Schmerz hat die Nebel der Seele zerrissen,

Und Du hast mein furchtsames Herz dann geheilt.

Maria, Du liegst in unendlichen Wehen,

Du Erdmutter, Mutter, Du leidest in Gruben,

Im Schlunde der Urbs, die als Urgrund entstehen.

Wir schwanken, uns schwindelt in wunschdumpfen Stuben,

Wir irren und walten durch weltgraue Räume

Und sind nur die Wurzeln für Träume, für Bäume.

Maria, auch Du mußt Dich einsam erkunden,

Wir wühlen für Dich und wir schlagen Dir Wunden,

Wir wollen verschrumpfen, doch Du sollst einst tragen

Und Sonnen verfinsternd der Erde entragen.

Oh Heiland, nun hab ich Dich wahrhaft gefunden,

Du ruhtest so traurig und stumm in dem Grab,

Dann bluteten plötzlich, oh Herr, Deine Wunden,

Da ich Dich, Dein Mörder, bleich angesehn hab.

Das Blut aber leuchtete sanft in der Tiefe,

Es wurde die Erde auf einmal erhellt,

Und mir war, als schimmerte, sickerte, liefe

Es ringsum ins sonnlichtbeackerte Feld.

Ich sehe es noch in den Weinbeeren reifen,

Der Gabe an Dich, guter Heiland, erwacht,

Wir können die Saat Deines Blutes begreifen,

Die Herbsternte strahlt in unsagbarer Pracht!

Es fließt Deine Milch, in verzücktem Gebete,

Und reifen im Lichte Geschlechter heran,

So legt in dem Baum, den die Schöpferhand säte,

Der Sohn seine Liebe und Fruchtbarkeit an.

Es wachsen die Wesen, in Streit und in Liebe,

Und geben ersterbend lebendigen Geist,

Auch ich habe Beeren und Ranken und Triebe

Im Urgrund der Seele, die Gott ewig preist!

In mondbleichen Nächten, beim sternstillen Morgen,

Erleuchtet und kräftigt der Sohn mein Gebet,

Die Gluth, die im Schooße der Erde verborgen,

Berauscht meinen Wein, wenn die Wärme verweht.

Ach, ferne vom Tage und lautem Verhalten

Giebt ganz sich der Mensch seiner Herzlichkeit hin.

Oh Heiland, dann magst Du in mir wachsam walten,

Ich lache, ich weiß, daß ich ganz bei Dir bin.

Du kannst mich zu Dir, viel zu tief zu Dir ziehen,

Dann seh ich, getilgt ist die furchtbare Schuld,

Denn Gnade ist mir, für mich selber, verliehen,

Ich trage die Reue und Scham mit Geduld!"

Ganz erschöpft vom Bacchanale findet Nero keinen Schlaf,

Und es dringt aus fernen Räumen sanft verklingende Musik

Bis zum Kaiser noch herüber, weil sie keine Thüren traf.

Und da flüchtet das Gewölke. Neros Träumemosaik

Zeigt ihm Rom im Purpurkleide, aufgebaut aus Abendpracht.

Das Gestöhne ferner Flöten hat den Dunst nun ganz verzweigt.

Und in Neros Traumregionen ist ein grauser Schwarm erwacht,

Der aus seinen Seelenkerkern zügellos und wild entsteigt.

Freches Lachen, schrille Schreie, wie das raschelt, wie das klingt,

Wie das Zittern straffer Saiten Schloß und Riegel rasch bezwingt,

Wie es Fieberfeuer schürt, selber nun als Lohe glüht,

Bis im Traumgluthstrom des Kaisers mancher Feind als Schatten brüht!

Nero folgt nur seiner Neigung, ob er fiebert oder tobt,

Schrecklich ist das Machtbedürfniß im tiberischen Geschlecht,

Nero kann es nicht vertragen, wenn man Kaiser Claudius lobt,

Weil sich der an fernen Fürsten noch im Innern Roms gerächt.

Viel zu weit sind jetzt die Grenzen im vollstreckten Römerreiche,

Und so feiern Satrapien selber ferne den Triumph.

Es entwachsen Kolonien ringsum schon dem Urbsbereiche,

Und es blühen Freudenstätten ferne zwischen Wald und Sumpf.

Nero aber will, trotz allem, Großes seinen Römern bieten,

Und da glaubt er plötzlich, es entspricht des Volkes Appetiten,

Fängt er an die Traumgestalten wirklich durch die Gluth zu hetzen,

Ganz entschieden, denkt er, wird man mich dafür unendlich schätzen,

Denn es schläft kein Weltbeherrscher, immer schwelgt er nur und träumt!

Es umschleichen ihn stets Schleier, wie ein schnellverträumter Trug.

Plötzlich sieht er Fürsten taumeln, ihr Gewand war roth gesäumt,

Und er sah auch, wie aus Wunden furchtbar grell ein Feuer schlug.

Dieses Bild hat ihn gereizt und er denkt nun mit Gefallen,

Wie besiegte Völkerstämme furchtbr enge Fesseln tragen,

Wie auf einmal, aus der Höhe, Flammenmassen niederfallen

Und die Menschen rasch vertilgen, weil sie ihm nicht mehr behagen.

Ja, er sieht nun blasse Sklaven sich durch Feuerschlangen winden,

Endlich auch die Senatoren, die ihm immerhin noch trotzen,

Und die ganzen Menschenknäule dann im Flammendunst verschwinden,

Plötzlich aber andere Fratzen aus den Nebelfalten glotzen,

Doch es grämt ihn, daß das Feuer gar so wuchtig weiterschwoll

Und der Rauch so schnell entfauchte, ihm den Marterreiz zu nehmen.

Plötzlich gellt ein heiseres Lachen. Nero hört, man nennt ihn toll.

Und es kreischen schon und kichern, rings um ihn, vermummte Schemen.

Flammen werden wohl erscheinen, wenn die Masken niederrollen,

Denkt der Kaiser. "Aber nein doch, seht, es sind die frechen, tollen

Christen!" ruft er: "Die statt meiner, Rom, die Welt beherrschen wollen!

Nero wagt man toll zu nennen, mich, den größten Römerkaiser?"

Brüllend hat er sich erhoben und er schreit nun: "Spottet leiser!"

Und er fleht, zum Traum gewendet: "Kreischt doch nicht mit schrillen Stimmen,

Denn die Welt könnte Euch hören!" Da ihn jene fort ergrimmen,

Will er jetzt im eigenen Inneren Rauch und Dunst heraufbeschwören,

Denn die Christen, dieser Auswurf, dürfen keine Allmacht stören!

Solche Qualen der Beschimpfung kann ein Kaiser nicht ertragen,

Und so läßt er Lästerchristen rasch aus ihren Höhlen holen

Und sie rings auf hohe Kreuze für ihr freches Höhnen schlagen.

Darauf läßt er Holz entzünden, denn sie sollen schnell verkohlen.

Dieses Schauspiel findet Anklang, die verdroßenen Weltbesieger

Lassen, unterm Boden Romas, ringsum nun nach Menschen scharren,

Nach dem Maulwurf suchen emsig jetzt Hyänen, Hund und Tiger,

Und man zwingt auch viele Sklaven mitzubrüllen: "Wir sind Narren,

Denn wir glauben an die Marter, spannt uns vor die Judenkarren!"

Ja, es müssen schwarzverhüllte, todtgeweihte Karawanen

Wechselweise ihre Wagen, voll von Christen, vorwärtsziehen,

Und da giebt es ganz verschiedene Bürger, Freie, Unterthanen,

Aber Keinem wird von allen Gnade oder Recht verliehen.

Wie ein Wurm wird nun die Sekte aus dem Darme Roms gerissen.

Doch es trauern nicht die Christen, denn ganz rein ist ihr Gewissen.

Sie bemerken kaum die Feinde, sie vernehmen kein Gekicher,

Ihr Gebet giebt ihnen Stärke, denn nun müssen sie verscheiden.

Und sie ziehen fest und tapfer, ihres Martertodes sicher,

Hin zur Stätte ihrer letzten, gottgefälligen Erdenleiden.

Viele glauben es genügt nicht, um zu Gott sich aufzuschwingen

Stark und gläubig auszuharren, und Verlästerung und Qual

Scheinen ihnen viel zu wenig, um den Himmel zu erringen,

Und sie singen Gott bestürmend fromme Lieder im Choral.

Fieberangstdurchzuckt erreicht nun dieser Wurm die Marterstätte,

Hurtig werden schon die Christen auf die Kreuze angenagelt,

Und man ruft, wie einst bei Christo: "Bittet Gott, daß er Euch rette!"

Und von hohen Flammenstößen sieht man, wie es Funken hagelt.

Rom, besonders um das Forum, wird durch diesen Brand bedroht.

Doch man schürt das Feuer weiter, hocherfreut, daß etwas loht!

Niemand denkt jetzt an Gefahren, mit Gejubel und mit Johlen

Sieht der grausam rohe Haufen jene Christen dort verscheiden.

Alle brüllen, klatschen Beifall, das die Feinde nun verkohlen,

Denn man liebt es, sich an Leiden anderer Menschen frech zu weiden.

Ach, die wilde Feuermarter, wie sie einreißt, wie sie schneidet!

Doch Gedanken und Gefühle voll von Liebe, Todgeweihte,

Die Ihr für den Henkerkaiser und sein feiges Krongeleite,

Hoch zu Gott empor gerichtet, weil er mit der Schöpfung leidet,

Heben Euch zu Dessen Rechten, Nero noch zur linken Seite!

Wie aus Weltenessen stäuben stets lebendige Gedanken,

Und sie legen, wo sie können, Feuer in den Hirnen an.

Heute aber prasseln sichtbar Bäume mit Raketenranken

Und entzünden in den Seelen, was sich nur empören kann.

Glühend rother Bast wie Zunder löst sich los von todten Christen

Und entschwebt ihnen wie Tauben, denn so niedrig ist sein Flug,

Und es kann auch dieses große Gluthgefieder ringsum nisten:

"Feuer!" hört man plötzlich rufen, wo der Sturm den Zug hinschlug!

Eingeäschert ist schon manches jämmerliche Backsteinhaus,

Jeder Brand aber bringt Freude, denn man weiß doch, Nero baut

Jedem gerne neue Häuser und drum giebt es Saus und Braus.

Trunken tanzt man um Ruinen, Rohheit wird nun ringsum laut,

Leichtsinn ist die nächste Folge, mit dem Feuer kann man spielen!

So ein Brand ist doch ein Schauspiel, wie es niemand früher kannte,

Nichts ist schöner als ein Feuer, wenn die morschgewordenen Dielen

Funkenstiebend rasch verprasseln und die Balken imposante

Wuth entflammen; traurig ist nur, wessen Haus nicht mitverbrannte!

Trunken und im Trubel drängen sich die Massen hin zum Kaiser,

Der erleuchtet durch der Kreuze helles, grelles Fackelflackern

Sich das Marterschauspiel ansieht. Viel zu schrill jedoch und heiser

Gellt ihm jetzt das wilde Schreien von so dünkelhaften Rackern!

Ja, er glaubt ein Machtbewußtsein aus dem Volksgebrüll zu hören –

Gar nichts aber, denkt er, darf durch Lob des Kaisers Allmacht stören.

Jetzt erstürmt der böse Pöbel plötzlich Neros schöne Gärten.

Durch des Pincios holde Haine tollt die angetrunke Menge

Und entleert sich vor den Büsten von Heroen und Gelehrten,

Und vor Virgils Marmorstandbild lallt der Haufen Lottersänge.

Ringsum fahndet er nach Christen, um sie rasch ans Kreuz zu schlagen,

Da man aber keine findet, fängt man an darum zu losen.

Kreuze sind schnell aufgerichtet, tausend Mordgesellen tragen

Schon ein todgeweihtes Mädchen, das sie erst noch lüstern kosen,

Jetzt zum rasch geschaffenen Richtplatz. Keinem Opfer hilft sein Brüllen.

Heute müssen Ungezählte noch als Ruß die Nacht erfüllen!

Die dunkelsten Gluthen des Juli verbluten,

Es scheint ein entschwundenes und kurzes Vermuthen

Glückssprühenden Lebens der Welt zu entsteigen,

Sie fühlt ihrer Spannung tiefrhythmisches Schweigen.

Es quillt wie ein Leuchten aus herbstlichen Narben,

Die Asche der Farben, die brennend erstarben,

Erblaßt und verzittert, und Frühlichtbestäubung

Versenkt alle Schleier der Farbenbetäubung.

Erschlaffen die Strahlen, die Wonne erwecken,

Entstehen Lichtflechten, die Gluth zu bedecken,

Es scheinen sich Netze auf Farben zu legen,

Und Nerven beginnen sich ringsum zu regen.

Die waren einst selber die Freude, die Farben,

Und ahnten im Lenze, nach sonnlosem Darben,

Den Aufruhr des Sommers, sein fühlendes Schaffen,

Und spüren bereits sein urjähes Erschlaffen.

Es liebt die Natur diese drückende Schwüle,

Sie ahnt ihre leiblichsten Muttergefühle,

Sie läßt sich von glühenden Küssen betäuben,

Und fügt sich in Alles, sie kennt ja kein Sträuben!

Sie schweigt, ihrer Wonne, der Sonne ergeben,

Sie schützt ihr der Starre entbundenes Leben,

Und stirbt dann der Sommer, verweht ihr Empfinden,

Sie kann sich mit allen Gestalten verbinden!

Nur kurz hat die Schwüle des Juli gedauert,

Schon fühlt sie, wie Müdigkeit matt auf ihr kauert,

Es flüchtet die Gluth über blühende Zäume.

Und fühlst Du? Ihr Abschied erschüttert die Bäume.-

Es baute sich Nero auf Antiums Gestaden

Ein Lustschloß mit marmornen Prachtkollonaden,

Und eben erfreut sich der Kaiser im Schatten

Am heitern Getriebe auf sonnigen Matten.

Er sieht, wie sich Blüthen im Zephyr entblättern,

Um scheinbar als Flügel ins Blaue zu klettern

Und wieder zu fallen, wenn andere fliegen,

Um träumend sich wieder auf Halmen zu wiegen!

Es ist ihm, als warteten Pinien am Hügel,

Mit riesigen Kronen wie offene Flügel,

Aufs Machtwort des Lichtes, sich selbst zu besiegen

Und übernatürlich zur Sonne zu fliegen!

Er hört ein Geplätscher, aus steinerner Muschel,

Als wäre es Liebender leises Getuschel,

Und wirklich, ein Pärchen in Marmor gehauen,

Kann dort seine Schönheit im Weiher erschauen.

Im Sonnenlicht aber erfrischen Fontänen

Den Garten mit hellen, gelockerten Strähnen,

Die Marmordelphine und Nixe verschnauben,

Damit sie am Mittag wie Perlen verstauben. –

Ein Regenkreis soll diese Borne umranden,

Ihr Thau aber sprüht auf die Gartenguirlanden,

Die Erzkinder, rings voller Lust und Behagen,

Am Brunnenrand winden und mühelos tragen.

Das Wassergeräusch und Gefächle von Kühle

Liebt Nero besonders bei drückender Schwüle;

Da scheint ein Campagnatag weithin zu rauchen,

Um Abends in blutigem Dunst zu verhauchen.

Dann will sich der Äther mit Nebel verhängen

Und allseits die Kreise des Lebes verengen,

Die Küste darf gar keine Welle bespülen,

Es scheint selbst die See dann die Schwüle zu fühlen.

Vermag sie dem Land keine Briefe zu schicken?

Sie scheint heute wirklich in Dunst zu ersticken.

Die Sonne versinkt hinter glühenden Streifen,

Doch Nero will weiter den Garten durchschweifen.

Er wartet bis Sterne ihn freundlich begrüßen,

Bald legt sie das spiegelnde Meer ihm zu Füßen;

Denn er ist der Gott, der die Erde verwaltet,

Schon wundert er sich, daß der Dunst sich nicht spaltet.

Der Kaiser beginnt jetzt zu schimpfen, zu fluchen,

Er will es durch wüthendes Schreien versuchen,

Die Götter und Sterne des Himmels zu wecken

Und selbst die Olympier durch Christum zu schrecken.

Nun ruft er, er läßt sich bekehren und taufen

Und will dann die Sterne den Göttern abkaufen,

Dafür aber Rom als sein Opfer anzünden,

Wenn Götter ihm Antwort durch Sterne verkünden.

So wandelt der Kaiser noch lange am Strande

Und blickt auf den Himmel mit purpurnem Rande,

Die Lichter des Abends sind noch nicht erglommen:

Was zögert das Dunkel herüberzukommen?

Es blicken dann endlich drei Sterne hernieder,

Doch haben sie Höfe, wie blutige Lider,

Sie wollen nicht einfach wie sonst herabsehen,

Und alles, voll Milde auf Erden verstehen.

Ihr Blick ist verfinstert und fast ohne Leben,

Nicht reuelos schöpfender Liebe ergeben,

Doch kann sie der Kaiser verweint fast gewahren,

Und hält sie für Zeichen der himmlischen Schaaren.

Er sagt sich, da Götter mich ganz anerkennen,

So muß ich zum Danke die Urbs niederbrennen,

Und bau ich dann Tempel mit goldenen Hallen,

So will ich sie plaudernd mit Hermes durchwallen.

Er will, daß die Welt sein Erträumen erlerne,

Denn denkt er, so krümmt sich sein Sinn in die Ferne!

Er kann lauter raumfreie Haine entfalten,

Und zeitlos, ganz grundferne Bauten gestalten.

Doch plötzlich entsinnt er sich göttlicher Spender

Und blickt dann zum Himmel, wo röthliche Ränder

Noch immer die spärlichen Sterne verschleiern,

Denn ringsum die Nebel sind finster und bleiern.

Es hat sich die Dämmerung noch nicht ganz verzogen,

Er sieht einen heftigen, flitternden Bogen

Von Osten empor sich stets heller erheben,

Daß selbst in der See jetzt Reflexe erbeben!

Es läßt ihn besonders die Richtung erstaunen,

Er glaubt an ein Schauspiel olympischer Launen,

Da sagt sich der Kaiser: nach göttlichem Rechte,

Erleuchte auch ich bald die feindlichen Nächte!

Er sieht sich bereits von der Gluthurbs umgeben,

Wo goldene Wimpel den Fenstern entschweben,

Es dünkt ihn, es grüßen ihn Feuerdämonen

Die lange schon lauernd die Häuser bewohnen.

Doch stehen auf einmal die schrecklichen Recken

In Kellern und Dachkammern auf, schlagen Decken

Und Treppen schnell ein, und die Rieseneinbrecher

Entragen den Lucken der brennenden Dächer.

Die Glutharme greifen voll Wuth und begehrlich

Nach allem was nah ist und feuergefährlich,

Dabei aber trachten die Flammentitanen,

Sich immer noch andere Gassen zu bahnen.

Die lockern Gesellen, mit zackigen Zungen,

Sind sicherlich schon zu den Tempeln gedrungen

Und Flammengestalten, mit furchtbarem Hauche,

Entwachsen rings Arme und Häupter am Bauche.

Es sieht sie der Kaiser sich himmelwärts bäumen,

Und ihn, der ein Gott wird, im Kreise umzäumen,

Darauf, als ein lohender, goldener Reigen,

Tief huldigend ringsum vor ihm sich verneigen.

Doch Nero träumt nimmer! Wahrhaftige Gluthen

Beginnen der dunstigen Nacht zu entbluten,

Es wurden die Wolken zu Lippen und Wunden,

Der Mond und die Sterne sind völlig verschwunden.

Jetzt hört er auch plötzlich ein menschliches Schreien,

Es scheine der Boden rings Feuer zu speien,

Doch gleich darauf: "Rom brennt! es ist ganz verloren,

Es hat sich die Plebs mit dem Heere verschworen!"

Es wollte der Kaiser die Brandfackel werfen,

Drum denkt er die Aufsicht im Land zu verschärfen,

Er sinnt schon nach Strafen für jene Entzünder

Und sieht sich zugleich auch als Roms Neubegründer.

Dann glaubt er, es wollte ihn Zeus freudig stimmen,

Und deshalb ließ Hermes die Häuser erglimmen;

"Es folgte ein Gott", ruft er, "meinen Befehlen,

So kommt denn, wir wollen beim Brande nicht fehlen!"

Es glaubt nun der Kaiser sein Werk zu genießen,

Nicht soll ihn der Anschlag von Andern verdrießen,

Er freut sich noch heute im Feuer zu prassen,

Ja, strahlend will Nero sein Antium verlassen.

Es scheinen ihm Qualme, durch irdisches Tosen

Und Wettern, entblätterte himmlische Rosen,

Doch immer noch andere erglühen dort oben,

Wo Träume sich plötzlich als Bäume erhoben!

Es haben die meisten ihr Viertel verlassen,

Es schleichen jetzt Diebe, verwegen und dumm,

Durch öde und schmutzige, brennende Gassen

Und schleppen die Beute fortplündernd herum.

Es folgen schon allseits den Räubern und Mördern

Die Flammentitanen mit flatterndem Bart.

Es scheinen auch Stürme ihr Wüthen zu fördern

Und nirgends bleibt irgend ein Stadttheil erspart.

Es stürzen sich Winde, in riesigen Wirbeln,

Ins lodernde Rom und zerschleudern es wild,

Es knattem rings Balken, wo Glastfalter schwirbeln,

Der Hunger der Gluthen wird nimmer gestillt!

Die gräßlichen Brände der Hauptstadt entfachen

Die Funken vom mittleren Feuersbrunstheerd,

Es tönt dort beständig ein furchtbares Krachen,

Die ganze Suburra ist längst schon verheert.

Wenn brennende Bretter beim Einsturz zerschellen,

Erheben sich Funken mit Asche vermischt,

Dann können Raketen sich plötzlich entschnellen

Und lohen, wenn es im Vipernneste dann zischt.

Die Stadt überrascht nun ein gräßlicher Regen

Von Funken, den Keimen zu künftigem Brand,

Und gleich darauf wollen sich Glastschlangen regen,

Gar gierig umzüngeln sie jegliche Wand.

So wie sie dann Pfosten und Balken erschleichen

Umschlingen sie sie, wie durch Hunger ergrimmt,

Es lodern sofort alle Bretter und Speichen.

Der Brand, der die Hügelstadt siegreich erklimmt,

Muß bald den Palast der Cäsaren erreichen!

Am Boden versengen besoffene Leute,

Die plötzlich die Gluth in Spelunken erfaßt,

Es stürzt aus den brennenden Häusern die Meute

Der Räuber fast immer zugleich mit dem Glast;

Denn Menschen beneiden die Gluth um die Beute

Und plündern beinahe mit ärgerer Hast.

Verworfene Weiber durchjohlen mit Dieben

Die Trümmer und scheinen verteufelt vergnügt,

Und werden sie endlich vom Feuer vertrieben,

So rauft sich das Pack, weil kein Raub ihm genügt.

Schon will man nach Christen zum Peinigen suchen,

Die Menge ist wieder zum Martern geneigt,

Der Pöbel beginnt auf die Juden zu fluchen

Und ruft: "Diese Schmutzbrut von Ratten entsteigt

Den Grüften von Rom, um die Stadt einzuäschern,

Drum spüret nach ihnen mit Hunden und Häschern!"

Doch findet der Pöbel nicht viele zum Hetzen,

Der Blutdurst der Massen wird noch nicht gestillt,

Es ist nach dem Rauben von Plunder und Schätzen,

Jetzt mancher zum Morden und Schänden gewillt.

Man flucht auf die Numen und huldigt dem Kaiser,

In Rom wird jetzt nimmer an Götter geglaubt,

Die Stadt hält es sicher für richtiger, weiser,

Wenn jeder die Wuth gegen Schemen verschnauft.

Es haben ja doch beim Verbrennen Penaten

Die Pflicht als beschützer der Heerde verletzt,

Hingegen kann niemand des Kaisers entrathen,

Denn dieser hat stets, was da brannte, ersetzt.

Es freun sich die Römer, wenn Tempel abbrennen,

Wer wird sich zu Göttern, ohnmächtig ihr Gut

Vor Feuer zu schützen, noch weiter bekennen?

Fürwahr, die Olympier vernichtet die Gluth

Geschädigter Menschen, in Fieber und Wuth!

Entlaufene Sklaven, Soldaten und Metzen

Verprassen Geraubtes in wildem Genuß.

Sie plünderten, raubten zuerst auf den Plätzen

Und schwelgen jetzt roh auf der Insel im Fluß.

Der Äsculaptempel wird schleunigst erbrochen,

Im Inneren predigt ein junger Prophet,

Es scheint ihm das Blut in den Adern zu kochen,

Er schwört, daß er Zion als Lichtbraut erspäht.

Er fiebert von Sodom, Gomorrha, den Städten,

Die einstens Jehova mit Schwefel zerstört,

Er weiß es, die Bibel mit Rom zu verketten,

Und ruft, daß Gottvater, durch Frevel empört,

Beschlossen hat, Rom durch den Brand zu zerstören:

Er habe bereits Christi Jünger gesandt,

Die Welt noch zur Einkehr zu Gott zu beschwören,

Doch wurden sie alle verkannt und verbrannt.

Die Christen erschracken beim Sprengen der Pforten,

Sie wurden auch gleich von der Menge geplagt,

Doch hat es der Priester, mit feurigen Worten,

Zu sprechen und weiter zu donnern gewagt.

Es horcht nun der Mob auf den tapfern Zeloten,

Der alle Patrizier und Reichen verklagt,

Dem Volke, aus Goldgier und Hochmut verboten

Zu haben, verbrüdert und glücklich zu sein,

Doch Christus läd alle zum Abendmahl ein!

Er spricht von Verzeihung und Gnadenverleihung,

Vom himmlischen, allen verheißenen Reich,

Von Herrschaft der Liebe und Knechtebefreiung,

Und siehe, es wirkt diese Predigt sogleich!

Der Pöbel versteht seinen Gott der Zerstörung,

Und fängt schon, in wilder und blöder Empörung,

Im Tempel des Gottes der Heilsmächte an

Die Opfergeräte in Stücke zu schlagen.

Es findet dabei wo ein Mann einen Wagen,

Und rasch macht ein Haufe daraus ein Gespann.

Es wird einer Christin das Büßergewand

Auf einmal mit Johlen vom Körper gerissen,

Und Buben und Greise sind eben beflissen

Das Mädchen zu schmücken; mit komischem Tand

Bedeckt, steht die Nackte nun oben im Karren,

Und der fängt schon an, über Dielen zu knarren!

Obszön hergerichtet, voll Tempelbehängen,

Begleitet von höhnischen Pöbelgesängen,

Erscheint nun die Christin, den Ihren entrissen,

Im Freien. Und kraftlos als prächtiger Bissen

Gepriesen, entschwinden ihr endlich die Sinne,

Da heißt es, es schlafe die Göttin der Minne!

Bedroht durch die Flammen, verfolgt von der Hitze,

Verläßt man die Insel, die Feuer umloht.

Es droht noch der Priester und schreit nach dem Blitze,

Da schlägt ihn ganz einfach die Volksmenge todt.

Darauf zieht die Meute hinab zum Emporium

Und schlägt, in der Unordnung komisch vereinigt,

Ein liederlich klingendes MassenBrimborium.

Und trifft man wo Christen, wird flott losgepeitscht,

Ja, selbst alle Mächtigen, die nicht entflohn,

Begegnen in Rom jetzt verwerflichem Hohn.

Die Flammen erfaßten die Schläue Boreas,

Da sind alle Winde dem Gotte entsaust,

Nun werden die Güter der Erben Äneas

Von Stürmen und Flammen zusammen zerzaust.

Die Gassen durchhallt wildes Brausen und Pfauchen,

Und oft dröhnt und donnert es plötzlich und kurz,

Das heißt dann, in Häusern, die lodern und rauchen,

Erfolgte ein Dachstuhl und Stützbalkensturz.

Es zerrt mancher Flüchtling des Hauses Penaten

Noch krampfhaft hervor aus dem gräßlichen Brand,

Und rechnet aufs Glück seiner künftigen Saaten,

Auf Zukunft und Wohlstand, durch eigene Hand!

Das Volk läßt sich schwer durch die Hitze vertreiben,

Es hängt noch am grauen, verlorenen Gut,

Und will nah beim Grab seiner Habe verbleiben

Und denkt still an das, was für immer dort ruht.

Doch langsam beginnt es nach oben zu drängen,

Es weiß sich vielleicht höher besser gefeit,

Doch liebt es auch sehr sich in Knäule zu engen

Und drückt sich an anderer Leiber und Leid.

Es suchen die Reichen sich hoch zu versammeln,

Auf kühleren Hügeln, vor Feuer geschützt,

Beschließen sie gleich jeden Weg zu verrammeln,

Damit nicht das Volk diesen Rückzug benützt.

Es muß sie die unklare Zukunft verstimmen,

Besitzende Menschen sind meistentheils scheu,

Sie zittern, wenn Herr oder Diener ergrimmen,

Und hassen und fürchten was fremd ist und neu.

Sie trachten, die raschen Entschlüsse zu meiden,

Sie haben sie oft schon, zu spät erst, gefaßt,

Sie bangen auch jetzt für die Götter der Heiden

Und wünschen dabei nichts als Aufschub und Rast.

Ja freilich, sie schmähten am liebsten, am stärksten,

Und schwer nur verbeißen sie Kummer und Wuth,

Es trifft doch das Feuer die Reichen am ärgsten,

Denn gar nichts verliert die plebejische Brut!

Doch hoffen sie, Nero wird alle beschenken,

Zumal, die das Feuer zu Bettlern gemacht,

Besitz in verläßliche Hände zu lenken,

Bewährt sich doch immer zum Stützen der Macht.

Gar viele erklären die Christen für schuldig

Und tuscheln, sie hätten die Hauptstadt zerstört;

Doch sagt man es nicht, und schweigt lieber geduldig,

Solang man nicht Neros Vermuthung gehört.

Dann wollen die Reichen vor ihm sich verneigen und stöhnen,

Bis endlich sein Herz sich der Ihren erbarmt;

Noch können sie Keiner die Christen verhöhnen,

Sie fühlen sich alle ein wenig verarmt.

Sie trachten nur Nero für sich zu gewinnen

Und sinnen nach Macht durch zäsarische Huld;

Und nennt dann der Kaiser die Träger der Schuld,

So wollen sie die ganz ins Trugnetz verspinnen.

Die Reichen geloben den Thron zu erhalten,

Sie haben im Freistaat das Alte gestützt,

Seit jeher gefiel ihnen machtvolles Walten,

Und oftmals schon haben sie Kaisern genützt!

Sie lassen sich immerdar schützen und führen,

Sie sind doch der Bürgerschaft sicherer Theil,

Auch können Propheten die Reichen nicht rühren

Und selten nur sind sie im Staatsdienste feil.

Das, denken sie, muß doch ihr Kaiser bedenken

Und ihnen, blos ihnen, sein Wohlwollen schenken!

Wahrhaftig sie sind auch kein schwankender Haufe,

Sie haben nur Sinn für die sichtbare Macht,

Sie folgen dem Strome auf jeglichem Laufe

Und haben es stets wie die Starken gemacht;

Ja, sinkt auf der Waage unsichtbarer Mächte

Die Schaale des Neuen auf einmal beschwert,

So herrschen sie weiter; durch eherne Rechte

Wird wiederum der, der das Geld hat, geehrt!

Sie bleiben die Staats und Familienerhalter,

Die Herrscher in jeglicher Generation,

Sie lassen ihr Recht als Gesellschaftsverwalter

Bestimmt ihren Enkeln und meistens dem Sohn!

Doch seht nur, sie ehrten doch auch die Penaten,

Und brachten stets Opfer nach herrschendem Brauch,

Sie ließen für Jupiter Mastochsen braten

Und freuten ihn so durch den speckigen Rauch.

Sie stellten sich stets zum Olympe am besten,

Indem sie zu Ehren der Götter gepraßt,

Sie opferten immer bei häuslichen Festen,

Wie es Göttern und Priestern auf Erden gepaßt!

Ja, wurde bei Reichen ein Hymen geheiligt,

So hat man auch Opfergelage bestellt,

Stets waren die Götter beim Jubel betheiligt,

Und neidlos hat Zeus sich zu Menschen gesellt.

Nun haben die Götter die Reichen verlassen,

Sie denken, warum wurde Rom nicht verschont,

Was wollen sie, thun sie, man kann es nicht fassen –

Fürwahr ihre Freundschaft hat gar nicht gelohnt!

Besonders Vulkan wird von allen verlästert,

Es heißt schon, wo bleibt die hieratische Zucht,

Es sind diese griechischen Götter verschwestert,

Und Gift birgt der Inzucht verwerfliche Frucht.

Nun spricht ein Patrizier die folgenden Worte:

"Oh Jupiter Stator, beherrsch uns allein,

Wir halten zu Deinem gesetzlichen Horte,

Damit wir auf Erden fast sorglos gedeihn.

Erscheine als Adler und schrecke die Schlange,

Die fürchterlich wüthet, zurück in den Staub;

Es weilt ihre ringelnde Brut schon zu lange

Hier oben, Dein Rom wird ein Unterweltsraub!

Zertritt diesen Gluthwurm mit schmerzlosem Fuße,

Er knete sich rasch zum verzuckenden Knäul,

Oh Jupiter, hör uns, auch wir thuen Buße,

Gebiete dem furchtbaren Furiengeheul!

Wir lieben Dich, Jupiter, Herr unserer Schlachten,

Du solltest, Du guter und leuchtender Gott,

Die anderen Numen zu Tode verachten,

Sonst stürzt Dich noch einst ein Olympierkomplott.

Wir wollen von nun an nur Dir auf Altären,

Was Du und was andere Götter begehren,

Zur Huldigung opfern, den Widder, den Stier,

Die Taube, das Schaf, jedes reinliche Thier,

Auch Sklaven, verlangst Du es, schenken wir Dir,

Der Kaiser und wir!" und es ruft schon die Menge:

"Oh Jupiter, herrsche allein auf der Welt,

Wir weihen Dir Tempel, und Feiergesänge

Ertönen für Dich, der die Ordnung erhält!"

Es greift jetzt der Brand nach den weitesten Gassen.

Als hungriger, allesverschluckender Wurm

Beginnt er die Vorstädte rings zu erfassen,

Und seht, seinen Durst löscht ein furchtbarer Sturm.

Doch müssen im Bauch die Metalle sich stauen,

Sie reißen des Drachen Gedärme entzwei,

Und was nicht die heißen Geweide verdauen,

Entfließt seinem Wanste als zuckender Brei.

Der Pöbel verläßt nun die dumpfigen Stätten

Des Lasters, in denen der Brand ihn bedroht,

Man drängt aus den Schenken, sein Leben zu retten,

Und sieht sich schon himmelhoch, grellroth umloht.

Gewürgt von entsetzlichen Plagen und Sorgen

Verlieren die Menschen ihr letztes Vertraun,

Die Nacht ist voll Schrecken, und was bringt der Morgen?

Sie denken mit Grauen ans baldige Graun.

Jetzt fängt auch die gräßlichste Gier an zu schnauben,

Es folgt das Gelichter dem eigenen Drang,

Es kann sich nun allerhand Raublust erlauben,

Denn plötzlich sind Mörder die Meister vom Strang.

Es grinst die Begierde aus thierischen Zügen,

In Blutblicken fuchtelt die Schurkennatur,

Die Nasen verkrümmten entsetzliche Lügen,

Ein Mord ließ auf jeglicher Stirn seine Spur.

Ein Schrei seines Opfers durchgellte die Ohren

Von jedem Gesellen, der Trümmer durchsucht,

Die Ohrmuscheln sitzen wie knapp angefroren,

Das sagt, so ein Kopf ist von uran verflucht.

Da zieht so ein Haufe, mit Beute beladen,

Die Straßen entlang und verspottet Merkur,

Er ruft ihn, verspricht ihn zu Festen zu laden,

Doch zeigt sich vom Gott keine irdische Spur.

Da pfeift nun der Mob und ein wildes Geschrei

Erklärt, daß er nimmer die Raubgottheit sei!

Der Pöbel macht Aufruhr und schwört, daß er Ares

Allein seinen Diebsantheil abtreten will,

Er flucht und verspricht, daß des Kriegsgottaltares

Gesprenkelter Marmor vom März bis April,

Und dann von September bis Ende des Jahres,

Von Lenzzicken, Ferkeln und HerbstwurfHausthieren

Bedeckt sein wird, um seinen Tisch zu garnieren!

Es kommen jetzt abermals flüchtige Soldaten

Und Sklaven mit wimmernden Kindern und Frauen.

Sie mögen die Asche mit Opfern durchwaten

Und grausam sich, ringsum, am Grauen erbauen.

Oft tragen sie die noch zurück in Spelunken,

Wo Schwache, wie irre, den Flammen erst trotzen:

Doch wirbeln von überall glitzernde Funken,

Und alles beginnt in das Feuer zu glotzen.

Nun fangen die Römer an doch sich zu wehren,

Es packt sie die alte, fanatische Wuth,

Und siehe, sie treiben die Räuber mit Speeren

Und Steinen zurück in die zischelnde Gluth.

Sie sehen oft Mütter im Feuer verschwinden,

Und viele zerfetzen vor Schmerz ihr Gewand,

Die suchen verwirrt ihre Kinder zu finden,

Doch Mörder und Opfer vertilgt schon der Brand.

Es wagt es kein Mann, sie der Gluth zu entreißen,

Und schließlich, wen kümmert das Weibergeschrei?

Sie suchen den eigenen Gram zu verbeißen,

Und stehn, wenn ein anderer schluchzt, stumm dabei.

Es greifen die Gluthklauen immer noch weiter,

Das schnaubende Feuer wird nimmermehr satt,

Es glimmt und es klimmt auf der Hügelurbsleiter

Von Gasse zu Gasse, zum Saume der Stadt.

Es nahen von allseits die Flammen den Schaaren

Von Römern und Fremden in furchtbarer Noth.

Sie können nichts anderes als Feuer gewahren,

Das Grab ihrer Habe ist blutroth umloht,

Die Gluth leckt rings weiter, doch sonst herrscht der Tod!

Das Feuer an sich aber wird zum Gespenste,

Der Gott, der dem Moses im Strauche erschienen,

Und der über Daniel in Babel erglänzte,

Dem jetzt neben Juden auch Christen fromm dienen,

Hat eben sein Antlitz den Römern gezeigt,

Und sehet, das Volk hat vor ihm sich verneigt!

Bedrängt durch das Plündern und Morden der Horden,

Erstickt und bedroht durch den qualmenden Brand,

Sind alle beinahe zu Kindern geworden:

Da dünkt sich ein Träumer vom Himmel gesandt.

Er plappert emphatisch, zum Volke gewendet,

Es hätten die Götter die Tempel geschändet,

Und dann hat er laut in die Flammen geschrieen:

"Ihr Numen habt Eure Altäre bespieen!

Du Mars, hast die Pfeiler des Staates zerschlagen

Und nicht einmal Hera und Hesta verschont,

Die Flammen Hephaistos verdüstern den Wagen,

In dem herrlich Phöbos, der Sonnengott, thront.

Wir werden an Jesum von Nazareth glauben!

Wir wollen ihm Opferaltäre erbaun!

Es mögen die heidnischen Götter verstauben!

Wir können dem Jupiter nimmermehr traun!"

Die Worte des Priesters erschüttern die Menge,

Sie dünkt sich wahrhaftig von Göttern genarrt,

Doch fühlt sie zugleich die entsetzliche Strenge

Des Neuen, das dort aus der Gluthsäule starrt.

Sie konnte noch nie solche Wuthrede hören,

Was heute erscholl, hat noch niemand gewagt,

Sie will sich noch immer nicht offen empören,

Doch wird alles Alte forsch weiterbenagt.

Wer kann es verstehen, daß Götter verkommen?

Doch seht Euch nur um, allzuwahr ist der Greuel!

Der Herr aber, der seinen Weltthron erklommen,

Verschüchtert noch immer den hilflosen Knäuel

Von Heiden, den Funken und Sprühgarben taufen.

Und plötzlich spricht wiederum einer im Haufen,

Und zwar der verstockteste, grausamste Heide,

Der früher den Pöbel zum Morden verführt,

Von christlicher Hülfe, von siegreichem Leide

Und Herrschaft der Armen, die Jesum erkührt.

Ein anderer sagt mit ekstatischen Gesten,

Er sei aus den Höhlen der Christen entflohen,

Er kenne das Walten der Sekte am besten

Und fühle nun wieder sein Christenthum lohen.

Er habe sich völlig dem Heiland verschrieben,

Da dieser die Menschen als Brüder beschützt,

Er sei auch ein christlicher Priester geblieben

Und habe schon oft der Gemeinschaft genützt.

So werden die Bürger, die Rom tief betrauern,

Dem Christenthum langsam gewogen gestimmt,

Sie müssen sich selber so innig bedauern,

Daß endlich der Heiland in ihnen erglimmt.

Sie denken, ein Gott der sich selber gepeinigt,

Erspart uns, die leiden, bestimmt seinen Hohn.

Ein Gott, der in sich alle Welten vereinigt,

Und der seinen eigenen, leiblichen Sohn

Den Menschen geopfert hat, wird uns beschützen

Und freundlich beim Aufbau von Rom unterstützen.

Ein Weib kommt nun plötzlich wie rasend gelaufen.

Es scheint durch Geschautes verblüfft und verzückt.

Ein eisiges Staunen erfaßt schon den Haufen,

Er wird, wie aus Angst, auseinandergerückt.

Jetzt hält diese Frau ihre Hände erhoben,

Als folgte sie, sehend, der hellsten Vision.

Erst mag sie das Kreuz und die Märtyrer loben,

Und nun schreit die schauende, wilde Person:

" Ich habe zwölf Kinder auf einmal verloren,

Sie wurden vom höllischen Feuer verzehrt! "

Sie hätte acht Söhne dem Staate geboren

Und selber mit üppigen Brüsten genährt,

Nun hätten die Götter die Heimath vernichtet

Und die und sie alle zu Grunde gerichtet.

Nun sucht sie und scharrt sie, im Schutt der Ruinen,

Ihr Schreien hat furchtbar die Brandnacht durchgellt,

Es ist ihr des Heilandes Mutter erschienen:

Sie sieht sie als leuchtende Herrin der Welt.

Nun schwört sie, sie werde zum Throne gerufen,

Es habe die Mutter sich zu ihr geneigt

Und gleich dann, auf herrlicherleuchteten Stufen,

Ihr rings ihre Kinder als Engel gezeigt.

Nun ist sie im Taumel zu Boden gesunken,

Sie glaubt, sie hat himmliche Milde getrunken,

Es hat ihr die Jungfau die Lichtbrust gereicht

Und drum ist ihr plötzlich so wonnig und leicht.

Doch faßt sie sich wieder. Voll brünstigem Verlangen

Zum Volke zu reden, beginnt sie nun laut:

" Ich habe den Heiland, hoch über den Schlangen

Der lodernden Welten, voll Ruhe erschaut! "

Zuerst ist das alles nur schweres Gestotter,

Sie zerrt noch, zerzaust ihren Sprachenballast,

Doch plötzlich entwirrt und enthaspelt sie flotter

Die trefflichsten Worte, zu Sätzen gefaßt.

Stets schriller beginnt sie zu wüthen, zu wettern,

Als schlüge sie Blitze aus stahlhartem Stein,

Sie ruft, sie wird Götteraltäre zerschmettern

Und gleich darauf setzt sie den Weltheiland ein.

Schon folgen ihr Mütter und leidende Frauen,

Die viele verloren, die Kinder, den Mann,

Sie wollen von nun an der Leidmutter trauen,

Die schmerzensreich ewige Gnade gewann.

Nun zieht sie, im Zuge, in offene Gefilde,

Rings sieht sie den Dunst und die arge Gefahr,

Im Himmel erschaut sie die Göttin der Milde

Und baut ihr daselbst einen Sternenaltar.

Ja, Sterne sind wahrhafte Boten der Güte,

Denn immer, wenn lodernde Helle erblaßt,

Sobald nur der Blutring des Tages verglühte,

Erscheinen sie alle als Spender der Rast.

Ihr innerstes Wesen ist seelig beflügelt.

Ihr gläubiges Funkeln verstrahlt Gottes Macht.

Ihr Minnen ist frei und ihr Chaos gezügelt,

Und was da erkeimt, wird von ihnen bewacht.

Im Dasein der Sterne, den schützenden Müttern,

Sind Sorgen und Freuden urewig gepaart,

Drum muß auch ihr Leuchten die Frauen erschüttern,

Die sich schwach und hülfbedürftig gewahrt.

Die nächtliche Ewigkeit, sehen sie, spendet

Erlöschende Sterne der sterblichen Welt,

Die Milde der glücklichen Lichtfürsten sendet

Uns Erdkindern Grüße, durch Mitleid erhellt.

Nun flüstern die Mütter, wir werden allnächtlich

Uns hier, unter Bäumen, oft wiederum sehn,

Oh bleiben wir, tagsüber, reinlich und rechtlich

Und lassen wir Nachts uns von Schauern umwehn.

Oh bringen wir Blüthen, die Sterne des Tages,

Zum holden und herrlichen Gottesaltar,

Dann freuen die Augen des weltlichen Haages

Der Sterne urkindliche, liebliche Schaar.

Jetzt singen die gläubigen Weiber: "Wir pflücken

Die Blüthen der Felder, um Gott zu erfreun,

Wir wollen versammelt uns lieben und schmücken

Und dann wie die Blätter uns weithin zerstreun!"

Als vielerlei Länder Sybillen gebaren,

Hat Romulus Wölfin sie alle gesäugt,

Und jetzt stürzt ein Jude das Reich der Cäsaren,

Und ihn hat das Leid aller Menschen gezeugt.

Er ist ein unendlicher Seelenerwecker,

Er hat an dem Kreuze die Erde befreit,

Er ist aller Völker Verheißungsvollstrecker,

Und wer an ihn glaubt, überflügelt das Leid.

Es hat ihn die Weibheit der Erde getragen,

Er ist, wie das Licht, der Jungfräulichkeit Kind,

Er leidet das Leben und kennt keine Klagen,

Und schenkt uns sein Blut, wie ein Herbstwald dem Wind!

Es folgen ihm Weiber und gläubige Männer,

Durch ihn sind sie Alle zu sterben bereit,

Er ist unser gütiger Herzenserkenner,

Und wer ihn erfreut, ist von Zweifeln befreit.

Er machte die schweigenden Tiefen empfindlich,

Und als er die Römer zur Kreuzigung zwang,

Da wurden die Leidenden unüberwindlich,

Denn groß ist der Büßenden fürstlicher Gang.

Von glühenden Zungen, die Unheil verkünden,

Ist ringsum die Urbs des Genusses umloht,

Und Flammen, die Leiber und Seelen entzünden,

Bereiten den Gottheiten Sorge und Not.

Weltungeheuer, aus Zunder und Feuer,

Es sind Deine Numen in Satans Gewalt,

Es wird schon das Burgen und Tempelgemäuer

Von gräßlichen Klauen des Brandes umkrallt.

Die Auen des Pan sind unheimlich verglommen

Und Flammengedanken verschlingen sich tief

In Seelen, die leibliche Botschaft vernommen!

Erwacht ist der Weinberg, der still und stumm schlief!

Die Krallen des Brandes verschleudern die Steine

Der Tempel der alten, versinkenden Welt,

Verwüstet sind weithin die heiligen Haine,

Es haben Popheten die Eichen gefällt.

Ganz Rom kann die brennenden Tempel erblicken,

Die Numen sind alle vom Feuer bedroht,

Sie werden aus Angst in den Flammen ersticken,

Es naht ihr lebendiger, lodernder Tod.

Denn seht, diese Flammen beschützen das Leben,

Sie sind schon ein furchtbares Zukunftsgespenst,

Es kann sich der Erdgeist oft drohend erheben,

Doch er ist es, der uns mit Freuden bekränzt.

Der Boden muß ringsum Ideen gebären,

Die Erde trägt ewige Wälder im Schooß,

Sie labt,wer da Durst hat, mit Reben und Ähren,

Und wenn wir verzweifeln, so zeigt sie sich bloß.

Denn nackt sind die Flammen, ja Rankenskelette

Das hastige Wesen vom wachsenden Wald.

Gar vieles erzählen uns brennende Städte,

Und Roma entleuchtet Jehovahs Gewalt!

Doch Nero, von brüllenden Löwen umgeben,

Erblickt nur ein Schauspiel von singendem Gold,

Und wenn seine Bestien, vor Schrecken, erbeben,

So fürchtet er gar nichts, denn Zeus ist ihm hold!

Die Katzennatur scheint an Flammen zu saugen,

Vielleicht wird ihr Wüstenbedürfniß gestillt,

Die Grausamkeit gleißt schon aus grünlichen Augen,

Der Brand macht die Thiere erschrocken und wild.

Der Kaiser jedoch merkt kein Zerren und Pfauchen,

Er sieht nur ins Feuer, das Wunder versprüht,

Er schaut,- doch er ahnt nicht, daß Götter verhauchen,

Da jegliches Denken ihn fürchterlich müht.

Die nächsten Geschlechter begruben die Numen

Und haben sich Tempel aus Trümmern gebaut,

Ihr Gott aber wuchs nicht aus römischen Krumen

Er hat auch nicht einfach ins Weltwerk geschaut.

Man wählte den Gott, der Ägypten gegeißelt

Und der seine Feinde im Meere ertränkt,

Man hat ihn sofort im Gedanken gemeißelt

Und so dessen mystisches Wesen gekränkt.

Man gab ihm bewegliche, griechische Glieder,

Ein jüdisches Haupt und etruskischen Rumpf,

Man webte sein Wesen in christliche Lieder

Und sang sie zu Ostern zum Sonnentriumph.

So müssen im Brande die Götter vergehen,

Das Bildniß des Zeus ist schon lange gestürzt,

Es haben die Stürme, die fürchterlich wehen,

Dem Feuer den Weg über Hügel verkürzt.

Die Flammen zerstören die Marmoraltäre,

Doch unberührt dauert des Weltherrschers Thron,

Dort schützt bald der Papst seine römische Lehre,

Dann später das Reich und die Inquisition.

Oh Weltenleu, oft streubst Du Deine Flammenmähne,

Entloht der Urbs der Feuerabglanz Deiner Wuth?

Oh sage Löwe: was bedeuten Purpursträhne?

Es brüllt der Mensch. Das Holzwrack knarrt. Es tobt die Gluth.

Sind Gallier drinnen, um nach Römergold zu scharren?

Die Gänse schnattern nicht, fort ist der Latiermuth!

Erscheint ein Triumphator dreist am Siegerkarren,

Soll Rom im Brand den Abglanz seiner Kraft gewahren?

Barbaren sind es und sie werden hier beharren!

Dort kommen sie mit windverworrenen, goldenen Haaren!

Es sträubt die Feuermähne die Zerstörungslust

Von frechen Söldnern und von freien Kriegerschaaren!

Die haben kaum von Gold und Goldesmacht gewußt,

Und wie sie ungestüm die Tempelpforten sprengen,

Erscheint in Manchen plötzlich Gott im Flammenwust!

Die Römer sehn sie wild zertrümmern und versengen,

Sie suchen Gott im Feuerheerd und Abendhauche,

Und Rom beginnt sie drum mit Wasser zu besprengen.

Wie eine Wittwe wühlt die Urbs, im eigenen Rauche,

In der Campagna sich ins Grab von ihrem Geiste,

Sie scharrt und stöhnt und liegt dann stumm auf ihrem Bauche,

Das Gold ist fort und tot der Aar, der sie umkreiste!

Das Weltgenie von Rom war todt.

Der Löwe hatte kurz geröchelt,

Die Leiche aber weiter fort die Welt verpestet.

Ihr voller Rumpf der sich durch lauter Raub gemästet,

Schwoll an, und wie ein Aas im Straßenkoth

Bedrohte er die Welt mit arger Fiebersnoth.

Doch Rom, die Stadt des stumpfen Mittelweges,

Blieb selbst noch skeptischabergläubisch groß.

Sie wuchs, denn sich zu füllen blieb ihr Loos,

Doch sie behielt auch ferner etwas Träges.

Ihr guter Bürgersinn gab ihr Gedanken

Und stellte sie in keiner Lage bloß.

Verletzten sie des Nachbars Räuberpranken,

So gab sie plötzlich ihm den Todesstoß.

Oh Rom, ich sehe, wie Du meistens Dich vertheidigst:

Die Völker, die Italien mitbewohnten,

Propheten, die Dein Mittelmaaß beleidigt,

Die Sklaven, die sich gegen Rom verteidigt,

Und jeder Feind, der Deiner Macht genaht,

Ward von der Göttin Roma überfahren.

Du übertrumpftest schließlich das Triumvirat,

Stets konnte sich Dein Bürgergeiz die Macht bewahren.

Zertrümmert lag das Werk der herrlichen Cäsaren,

Doch Rom, das immer siegreich seinen Feind zertrat,

Besiegte nun durch seinen Glauben die Barbaren.

Das Wort ward durch das Römerthum zur That,

Die Urbs verschmähte nicht vom Besten anzunehmen,

Denn niemals liebte sie, was arg zurückgeblieben,

Das Kühnste mußte schließlich sich nach Rom bequemen,

Denn Rom besteht und die Propheten werden aufgerieben.

Gedeihe,großes Rom, bestelle Dir Konzile

Verknüpfe alles was Du irgend schlau vermagst,

Es gilt Dein Wollen einem großen Lebensziele,

Dem Werk, in dem Du selber unvergleichlich tagst.

Versuche, Rom, in Deiner Kirche das zu fördern

Was irgendwie sich an Dein Machtverlangen schmiegte.

Du wirfst die Weltrebellen zu gemeinen Mördern,

Und biegst, zerknickst, was Deinem Sieg entgegenliegt.

Es braucht der Mensch den Mittelweg, um still zu wandeln,

Und den hat Rom für alle Völker reingefegt,

Die Abgewichenen wird es gerne mild behandeln,

Da keine Schwäche Rom sich in die Wege legt.

Den Tartarus vertiefte es zur Christenhölle

Und hat dadurch den Einsturz seiner Macht gehemmt:

Sein Geist war da, damit die Zahl der Christen schwölle,

Und seine Kraft hat Riesenfluthen eingedämmt.

Oh Rom, Du wecktest Schätze, die in Heiden schliefen,

Du hast Dir Grundverschiedenes angepaßt,

Du hörtest tausend Stimmen, die nach Rettung riefen,

Und trugst der Weltkultur unendlich große Last.

Du zogst die Welt in Deinen Bann erhabener Ruhe,

Du sammeltest die Worte, die Du rings erfrugst,

Du legtest fremdes Gut in Deine goldene Truhe,

Um die Du dichte Schleier des Vergessens schlugst.

Jetzt fühle ich der Schönheit Flügelschläge,

Im Norden ist die Lilie Frankreichs aufgegangen,

Die Christenliebe wird in Marmorblöcken rege.

Es scheint der Fels nach Sonnenformen zu verlangen,

Es klimmt ein Frühjahr steil empor an Kathedralen,

Und über Thürmen seh ich Schönheitsgipfel prangen.

Das Leben läutert sich aus unempfundenen Qualen,

( Denn nichts zu fühlen ist der Fluch im schweren Steine,)

Zu Formen, die lebendig ihrer Nacht entstrahlen.

Es trachten lauter Sonngeburten im Vereine

Als Pfeilerbündel langsam sich emporzurecken,

Denn alles Irdische verneint das Steile, Reine!

Es scheinen Osterglocken allerliebste Schnecken,

Verkrümmte Lurche, Olme, Echsen, stumpfe Würmer,

Die reinste Teufelsbrut, im Steine zu erwecken.

Fürwahr, es ruft mit ernstem Glockenschlag der Thürmer

Ein ganzes Schlummerreich empor ans Licht, ins Leben,

Und weist: Oh folgt dem Menschen, Eurem Sonnenstürmer!

Ihr Wesen alle, laßt Euch froh zum Licht erheben,

Ihr Schwalben, sehnt Euch her nach stolzen Menschenwerken,

Ein Taubenschwarm soll immerdar dem Bau entschweben!

Ermüdet mag der Wanderer einen Dom bemerken,

Die Schönheit ihm fast engelsgleich entgegenfliegen,

Des Münsters Himmelssehnsucht jeden Pilger stärken!

Es mögen Wünsche domwärts in der Luft sich wiegen,

Und sollte unterwegs die Büßer Furcht beschleichen,

So möge Schönheit alle Zweifel gleich besiegen.

Es kann kein Engel zwar von seinem Sockel weichen,

Noch je der Glockenklang ihm goldene Flügel leihen,

Doch seine Schönheit wird uns immerdar erreichen!

Jetzt schweben holde Engel schon in langen Reihen

Vom Dom herab und leiten uns in hohe Hallen,

Um Seelen durch beschlossene Ruhe zu befreien!

Das Innere scheint mir in Italien aufzuwallen:

Da sieht der holde Franz in eigener Innerferne

Die gleiche Gluth wie Frankreich, hinter Blutkrystallen!

Sein Münster wölbt sich über Gottes liebe Sterne,

Selbst Vögel nisten traut in seinen Kathedralen,

Denn was da liegt und leidet hat er innig gerne.

Er scheint mir fast die liebe Frau auf Glas zu malen.

Warum? Ich weiß es nicht: Auf einem stillen Anger

Erscheint mir seine Jungfrau hinter Gnadenstrahlen.

Sie ist für mich der ganzen Welterlösung schwanger,

Es fangen Frühlingsblüthen an um sie zu lachen,

Doch wird ihr Antlitz immer traumhafter und banger.

Besonders blaß erscheint sie durch das Lenzerwachen,

Sie ahnt vielleicht bereits in ihrem Muttertraume

Den eigenen Sohn im Kampf mit irgend einem Drachen.

Da zwitschern aber alle Vögel laut im Zaume

Und wollen wohl die Angstgedanken so verscheuchen,

Doch seht, auch Engel blasen schon im Wolkenflaume.

Das singt aus voller Brust und aufgeblähten Bäuchen,

Das braust, daß es die Jungfrau rasch im Haag erwecke,

Denn Frühlingsstürme werden bald das Land durchkeuchen.

Doch hegt der Heilige besonders eine Hecke,

Wo Blüthen bunt aus blassem Glase bluten,

Und predigt Vögeln dann in einer grünen Ecke.

Das alles ist ein hohes Lied der Erdengluthen,

Ein Heilsversprechen jeder kleinen Vogelstimme,

Ein wunderbares Dichterthum und Grundvermuthen!

Das singt von Höhen, die der Mensch erklimme,

Von einer Liebe, die das Sternenall umarme

Und die in Werken sich ihr Weltgesetz bestimme!

Nun schnitzt der Heilige, in seinem tiefem Harme,

In einer Sprache, die wie Holz so gern erblühte,

Auf einmal Jesum, daß Er unser sich erbarme!

Die Sprache, die beim Trab von Virgils Vers erglühte,

Die wie ein Roß die Recken stolz ins Treffen führte,

Wird plötzlich so, als ob sie sanft zu sein sich mühte.

Ja, sie erweichte, als Franziskus sie berührte.

Nun tönt sie hold und giebt des Heiles Stimme wieder,

Es ist, als ob sie lusthaft seine Hand verspürte.

Es bleibt der Heilige bei seinem Werke bieder,

Er hat nur seinen Gott in frisches Holz geschnitten,

Doch keiner blickte je so treu vom Kreuze nieder.

Das ist ein Christus, der für alle ausgelitten,

Umgraut vom Dunkel einer alten Tempelecke,

Erfährt er wohl bereits das Gut, das er erstritten.

Jetzt hascht ein rother Strahl empor zur kalten Decke,

Vielleicht ein Wiederschein der Gluth, die er entzündet,

Doch ists, als ob die Hölle sich nach oben recke!

Die Sünder schlängeln sich zum Heil, das er verkündet,

Doch wieder nein, das rothe Licht, das da erzittert,

Ist ruhig wie ein Herz, das sich mit Gott verbindet.

Wer weiß,was dieses Lämpchens Einfalt alles wittert?

Wie dem auch sei, das Werk, mit dem er uns bedachte,

Ward bei der Arbeit nie durch Zweifelsangst verbittert.

Er sähte stets und sah die Saat, die bald erwachte,

Sein Leib war Früh und Abendgluth, die nach dem Sturme

Schon häufig heitere Überraschungsstunden brachte.

Nicht Glocken, Schwalben rufen uns von seinem Thurme.

Es siebt die Erdengluth durch Kathedralenranken,

Sie hat sich rings in kühnem Schnörkelwerk verkrustet,

Das Lebensfieber sprengt nun alle Leibesschranken!

Erschaut die Gluth, die in den Zinken weiter prustet,

Seht NotreDame, das sich trotz Teufelsspott erhoben,

Verweilt, wo Nachts der Sturm durch finstere Bögen hustet!

Dort harrt ein Nonnenzug und scheint den Tod zu loben.

Er fleht vielleicht, er möge sie dem Tag entreißen,

Denn hier ist Licht nur bleich in Trauer eingewoben.

Doch höher oben seh ich Marmorengel gleißen,

Die scheinen schon im Himmel Hymnen anzustimmen,

Und drunter trachten Drachen Schmerzen zu verbeißen.

Doch wollen Freuden rings die Leiden überklimmen,

Es strebt und klettert drum das ganze Domgefüge

Vorbei an Wuthgebilden, die in Stein ergrimmen.

Es ringeln sich und wandeln lauter Schneckenzüge,

Wie Schicksalstreppen und astrale Schreckgewinde,

Bedenklich aufwärts über Spuk und Teufelslüge.

Hier ist es ganz, als ob der Stein die Form empfinde

Und sich im Thurm zum Himmelssturme selbst ermannte,

Es ist, als ob ein Dom die Welt in sich verbinde.

Oh Bau, jetzt kommt der Geist, den Dir Italien sandte.

Er wandelte und blickte lange in Ruinen,

Er liebt und er begreift Dich schon, man nennt ihn Dante.

Das Frankenthum erfaßt er in Terzinen,

Er ist ein Massenfolterer und Dichter,

Und rings umschielen ihn verblüffte Mienen.

Es ist, als ob im eigenen Höllentrichter

Er Wurfspiralen, Schatten, rhythmisch bändigte,

Denn seht, im Wirbel glotzen Schreckgesichter!

Es ist, als ob sie Gott in sein Belieben händigte,

Er wird ein Geisterrichter und ein Seelenkomponist,

Heil Dante Dir, der solche Fahrt beendigte!

Du bist ein Weiser, aber dennoch schon ein Christ,

Ein Welscher, der die Massen liebt und heimlich lauert,

Ob einer das Verstellen kurz vor ihm vergißt.

Doch Gnade jedem, der ertappt, vor ihm zusammenschauert,

Denn kalt ist er und jetzt sogar ein Menschenhasser,

Er sieht, versteht kein Laster, das sich dumpf verkauert.

Wie lugt die Faulheit doch, verdummt aus grauem Wasser.

Wo Lebensmilde nie durch dicke Deiche bricht,

Da steckt im EigenDreck der Geizhalz wie der Prasser.

Dem Dichter winkt gar oft ein schreckliches Gesicht,

Das ist dann meistens wer, den er im Leben kannte,

Und häufig lauscht er hin, was so ein Schatten spricht.

Doch da er jeden Zufall aus der Welt verbannte,

So fühlt er eine urgerechte Welt im Ich

Und deshalb rührt auch selten nur ein Schicksal Dante!

Durch innere Zwiste führt der Genius einen Strich,

Da tritt, mit blutigem Haupt, die Tragik erst zu Tage

Und grinst das Wesen an, das sich mit Gott verglich.

Dann ists, als ob das Höllenlachen aufwärts rage,

Als ob die Grausamkeit sich jäh mit Fleisch bekleide,

Und selbst die Starre falsches Lächeln noch vertrage.

Es ist, als ob ein todter Blick am Leid sich weide,

Stets heller, hohler, höher hallt das Höllenlachen,

Und alles grinst und girrt, verkrallt im Lasterrachen.

Das sind die Zangen der Materie, Sünden, Seuchen,

Auch Unzuchtzähne, Fieberbiber, Ursturzmächte,

Gewissensbisse, die uns hin und wieder scheuchen.

Des Schleudergeistes Ohnmacht im Geschlechtsgefechte

Verkrampft, was in uns heult, zum eigenen Steinsymbol,

Zur Höllenplastik ewig starrer Seelenmächte!

Verdammtes kreist da, ohne Axe, ohne Pol,

Die Selbstmörder sind ewig in den letzten Zügen,

Der Urblick zwinkert grundlos tief und schrecklich hohl.

Da muß die Wuth sich in das Welterbeben fügen,

Und das will rastlos, unerlösbar seinen Tod.

Du kannst den Höllengrund zerreißen, nicht durchpflügen!

Es giebt wohl keine Rettung mehr im Sünderkoth,

Und dringt darum auch Wuth und Spott aus dem Morast,

So stößt den Schreier Dante ruhig weg vom Boot.

Vielleicht hat er bereits das Paradies erfaßt,

Es dringt sein Geist wohl ahnungsvoll in Christi Nähe,

Doch nichts als Dites Stadt entflammt ihm seine Hast.

Es ist, als ob sie ganz aus Wuth und Glast entstehe,

Schon sieht er Thürme, Trümmer schaurig funkeln,

Wer weiß, ob nicht ein Schmerz die Festungsstümpfe blähe?

Seht, Nackenmauern, dick bespickt mit Giftfurunkeln,

Umschwirren Seufzerschwärme, die den Schlaf verloren,

Und Weh entströmt aus Thüren, die in uns verdunkeln.

Oh, das sind Schlünde, Münder, Feuerflammenohren,

Gehirne, Bäuche, die sich nimmersatt verzehren,

Gebisse, Spuk wie Speichel vor den Höllenthoren.

Es brennen Gluthen, ohne etwas zu bekehren,

Sie säubern nichts und sind doch grauenvoll und mächtig,

Und nirgends wird sich ihrer je ein Mensch erwehren!

Ach, ewig bleibt die Erde an Verdammten trächtig,

Und dennoch, – was dort schleicht,- das sei mit Recht verachtet,

Ja, Nachsicht ist der Höllenabkunft sehr verdächtig!

Was sich verstellt und einwärtsschielend sich betrachtet,

Bleibt immerdar der Qual im Höllenschlund verfallen,

In dem das Fleisch, wenn schuldlos selbst, doch nötig schmachtet,

Da blos als Gegensatz die Seelen heimwärts wallen!

Entreißt der Geist von Dante sich aus Höllenkrallen?

Belebt, vermengt er noch dazu den Rassenschleim?

Durch ihn wird manches fremde Lied in Rom erschallen!

Horcht, jetzt entwindet sich sein Wunsch als Satansheim,

Mit Himmelsrhythmen sprengt er jede Geistesfessel

Und spielt nur mehr mit Bildlichkeiten und dem Reim.

Denn peitscht sein Feuergeist auch im Verderbenskessel

Die Seelen noch im starren Kreislauf auf und nieder,

Vertauscht er doch schon Höllenthron und Richtersessel.

Er giebt der Christenheit ihr Rechtsbewußtsein wieder.

Er zeigt den Menschen als ein armes Erdensein

Und nennt den Leib ein urverfluchtes Leidensmieder.

Es gilt, aus diesem sich im Geiste zu befrein,

Ist in den Körper doch die Seele blos gebettet,

Und in der Dichtung faßt sie schon den Freiheitsschein!

Wo Dante Büßer durch ihr Seufzen kühn verkettet,

Da hat er rasch den Bann des Einzelseins gebrochen

Und Seelen, als des Wortes Widerhall, gerettet.

Des Handelns Einklang hat der Dichter ausgesprochen,

Wir hören ihn und übergeben ihn den andern,

Und deshalb kommen Büßer vielfach angekrochen.

Verbunden müssen sie dem Heil entgegen wandern,

Doch wieder einzeln und entlöst der Gluth entschweben,

Denn Seelen werden abermals zu Salamandern!

Einst wirst Du stark wie irgendwelches Urerbeben,

Das stets an Rachefelsen, freudenkündend, rüttelt,

Und schreist den Freiheitsschrei, den alle jetzt erstreben!

Denn einst genesen wir vom Fieber, das uns schüttelt,

Ist der Erlösungsruck von Dantes Büßerseelen

Doch ein Gebet, das zwischen Gott und uns vermittelt.

Das Christenthum vermochte sein Genie zu schweelen,

Er wurde zum Symbol, das Jesus Kraft erkannte,

Und konnte, aus Vernunft fast, dessen Lehren wählen.

Oh Du Verbannter, unerfaßbar herber Dante,

Oh sage, was bestimmte Dich fürs Heil zu werben,

Ich glaube und mag glauben, daß dich Liebe sandte.

Du suchtest frische Dornen unter Tempelscherben

Und konntest Worte Platons und von andern Weisen,

Damit in unsere Gesetztestafeln kerben.

Du sahst, wie lang der Geist auf Christum hingewiesen,

Und wie ihn ein verstecktes Volk hervorgebracht,

Und hast dafür die große Vorsehung gepriesen!

Selbst Aristoteles ist jung in Dir erwacht,

Den Himmel bautest Du nach Maaßen alter Heiden,

Ward Ptolemäus doch der Schwerpunkt neuer Macht.

Oh Dante, nun verstand Dein Geist nicht blos das Leiden!

Ein Christ schon, fühltest Du den Überschwang der Gnade,

Aus deren Wesen sich die Lebenswege scheiden.

Damit sich jede Innergluth zu Gott entlade,

Ward uns die Freude am Verschiedenen gegeben,

Und schließlich wandeln wir auf unserm Lieblingspfade!

In allen Völkern sollte sich das Heil beleben,

Und Dante war der Kirche ein beherzter Streiter,

Doch konnte sich sein Geist hoch über Rom erheben!

Seht alle Völkerengel schweben auf der Himmelsleiter

Empor zum Licht und sind wie Kühnheit, Adel, Treue,

Erhabene und helle Himmelsbahnbeschreiter.

Oh, daß nur keiner seines Fühlens Echtheit scheue,

Verschiedene Menschen, alle Völker sind willkommen,

Daß jeder nur in sich die Gottheit freue!

Alltäglich wird das Paradies von uns erklommen

Durch Christi Licht ist manche Albgewalt zerstoben,

Und um den Gnadengrund ein Engelskranz erglommen.

Der will im Chor den Wechsel aller Wesen loben,

Und statt der sieben stummen Regenbogenfarben,

Die Ewigkeit bedeuten, wenn Gewitter toben,

Erscheinen Engel, die sich Thatenglanz erwarben,

Und Gottes Ewigkeit im Tagewerk verkünden,

Und alle uns durchstrahlen ihre Flammengarben.

Sie suchen sich zugleich im Fühlen zu verbünden

Und durch den Herzschlag Ewiges zu unterbrechen,

Um rhythmisch nochmals in den Kreislauf einzumünden.

Oft wollen wir zu Gott mit goldenen Glocken sprechen,

Und da entsprüht der Seele englische Musik,

Und alles lobt den Herrn in freien Feuerbächen.

Das Zeitgefühl, das einstens urharmonisch schwieg,

Bevor der Raum sich eigentlich hineinergossen,

Erwirbelt sich bewußt als Rhythmenmosaik.

Die Klangrubine, die ganz klar in uns ersprossen,

Beruhn beinah auf unserm tiefsten Daseinshalt,

Da sie der Zeit, doch ohne Rauminstinkt, entflossen!

Du volle Allgewalt, die durch die Seelen schallt,

Du sollst als Wort den Eindruck meines Ichs erhärten,

Oh, mache mich zu einer freien Lichtgestalt!

Ihr Fieberblüthen meiner Wunsch und Wollustgärten,

Laßt meinen Seelenhüter hehr in Euch enttauchen,

Kommt, Cherubims mit urgezückten Flammengerten!

Aus Zauberbeeten mag die Himmelssehnsucht hauchen

Und wandle bodenlos und stumm durch meine Seele,

Und Gold soll, um ihr rothes Michumwehen, rauchen!

Seht, nun entstehen Engel ohne jede Fehle,

Es blendet mich jetzt ihre grelle Helmenhelle,

Doch ist es schon, als ob ein Hauch sich drüber schweele.

Nun wogt ein grüner Frauenchor zur Gnadenquelle,

Ein ernster Stolz bewegt ihr weises Erdgehaben,

Doch sind sie blos der Lenz der blauen Traumeswelle.

Nun braust auch diese schon, berauscht durch Schöpfergaben,

Die sie in sich verbirgt, gewaltsam durch mein Fühlen,

Und spricht von Greisenernst und Jubeln munterer Knaben.

Wahrhaftig, Kinder singen rings auf Wolkenpfühlen,

Wie mild erweichen mich die Schwingen dieser Geister

Die das Gemüth erwärmen und mein Fieber kühlen.

Ein Saumschwall innerer, regenbogenglanzumkreister

Vertreter mystischer, wie nichtigster Gewalten

Erscheint uns jetzt, geführt von einem stillen Meister.

Duccio da Buoninsegna

Unfaßbare, unendlich ferne Grundgewalten

Beginnen wie aus Schlünden rings hervorzuklingen,

Um demuthsvoll um Unsere Liebe Frau zu walten.

Fast unsichtbar sind ihre lila Cherubsschwingen,

Und es vermag ihr Chor die liebe Himmelsweise

Durch Erdenrhythmen unverletzbar zu verschlingen.

Es thront die Muttergottes hehr im Engelskreise,

Den unser Dasein in die Ewigkeit erhoben,

Und übertönt der Sterne einfache Geleise.

Der Mutter Wesen ist aus Menschlichkeit gewoben,

Erbleichend darf blos Sirius ihre Pracht begrüßen,

Und unser Hoffen ihre Muttersorgen loben.

Des Mondes Todessichel starrt zu ihren Füßen,

Der Sterne zwölf, durch ihre Bahnen urverbunden,

Erscheinen blos, um in ihr Wesen einzufließen.

Es trachten andere, sich zu einem Reif zu runden,

Und kein Versuch geht je im Mutterschooß verloren,

Selbst Sternensehnsucht kann, alsThat, der Mensch bekunden!

Piero della Francesca

Ganz makellos erstrahlt, wer unser Heil geboren,

Es ist, ob Ewiges von keiner Sünde wüßte,

Jungfräulichkeit hat sich zur Schöpfungsgluth erkoren!

Es schwellt des Weibes Minne ihre hellen Brüste,

Doch ihre Milch sind Sternennebel die vergrauen,

In ihrem Blick geht jeder Sonnentag zur Rüste.

Die Welten scheint ein Fünkchen Güte aufzubauen,

Und nichts als Gnade strahlt aus ihren stillen Augen

Die Eine Weltidee spannt ihre Flügelbrauen.

Der Mutter Wangen können alle Thränen saugen,

Was zählt ein bloßer Mond in solchem Perlenbilde?

Ihr Nacken mag zum höchsten Königsleiden taugen!

Wie Arme Hände werden, wird die Macht zur Milde,

Die Würde kann sich unter ihrem Halse stauen,

Der Adel birgt sich hinter ihrem Schulterschilde.

Aus dem Profile ragt das Lebensgrundvertrauen,

Es scheint ihr Haupt, gekrönt von holden, goldenen Flechten,

Die Möglichkeiten der Kometen zu erschauen.

Es ist, als ob die Auen ihr ein Opfer brächten,

Und Duft und Liebeshauche sich zusammenrafften

Und ihre Schöpferin mit ihrem Kleid bedächten.

Mag doch der Duft an allem, was ihm hold ist, haften,

Um so ein menschliches Gedenken zu erwecken,

Denn Hauche sind es, die der Jungfrau Anmuth schafften!

Oh seht, wie Düfte sie gar einfältig bedecken,

Wie plötzlich lauter Hauche sich zu Bauschen schwellen

Und so den keuschen Leib vor unserm Blick verstecken.

Daß ewig Düfte sich um ihre Glieder wellen,

Verbirgt des Erdenfrühjahrs junges Waldverwandeln,

Denn Lenz muß sich zu Lenz in stiller Reih gesellen!

Ich seh ein Hemd, gewoben aus dem Hauch der Mandeln,

Als Duft und Pracht der Jungfrau um den Leib sich legen,

Natur, wie zart willst Du Dein Menschenwerk behandeln!

Die Sonne scheint für Dich, Marie, den Strauch zu hegen,

Dem Rosenströme, Purpurfluthen hold entrauschen,

Für Dich, der Strahl in Kelchen Liebe anzuregen.

Denn Königin, Du zeigst Dich nun in Purpurbauschen,

Du wirst zum Sinnbild aller thronenden Gewalten,

Doch um die Schultern scheinst Du Düfte zu vertauschen.

Denn Veilchenhauch legt dort sich auf die Mantelfalten,

Du willst die Demuth leicht auf Deinem Wesen spüren,

Um in der Welt voll milder Huld zu walten!

Wer tritt nun schaudernd durch die goldenen Himmelsthüren,

Oh Jungfrau, sieht Dich Dante jetzt in Deiner Größe?

Er wagt es nicht, den Saum von Dir nur zu berühren!

Doch ists, als ob er Leben in Gebilde flöße,

Die seinem Innern rein wie ein Gebet entsteigen,

Verträgt doch seine Urvollendung keine Blöße!

Er scheint mir selbst ein Baum mit reichen Blüthenzweigen,

Ein hoher Stamm, an dessen Wurzeln Menschen nagen

Und dessen Äste Liebeswinde weiter neigen.

Er lauscht wie Andere gegenseitig sich verklagen,

Es wollen seine Wurzelfühler Leid verspüren,

Um alles Menschliche durch sein Gefühl zu tragen.

Genie, wer trachtet nicht Dein Wesen einzuschnüren?

Du darfst, Du kannst an Altersschwäche nimmer sterben,

Und deshalb muß der Mensch Dein Feuer furchtbar schüren.

Es wird die Wurzeln Dir der Nageneid verderben,

Denn jeder fühlt sich durch Dein Riesensein beraubt,

Und thut Dir weh, um Dich dann rascher zu beerben.

Doch Dantes Lebensbaum hat sich stets mehr belaubt,

Da seine Seele blos das Paradies ersehnte,

So leuchtete es endlich in sein Dichterhaupt.

Ein Engelschor, den seine Seele wirklich wähnte

Und der sonst unerfaßt am Grund der Seelen weilte,

Verhauchte Blüthen, die sein Baum ersterbend thränte,

Und vieles, was der Mond zerrüttet hatte, heilte!

Buonaventura Berlinghieri

Oh Rom, Du Stadt des Heiles und der großen Wunder,

Du Licht des Glaubens, das die Christenheit durchleuchtet,

Wir alle fühlen uns durch Deinen Trost gesunder!

Ihr Aussatzkranken, die Ihr Euer eigenes Weib verscheuchtet,

Gesteht, vermochte Rom nicht Euer Leid zu bessern?

Ihr sagtet nein, da Ihr verwirrt vorüberkeuchtet!

Kein Papst vermag es, Eiterwunden zu bewässern,

Den Kranken allen, die ein grauses Übel peinigt,

Hilft kein Gebet, noch sonst ein Arzt mit Trank und Messern.

Von Sünden aber wird der Mensch in Rom gereinigt,

Der Vatikan vergiebt die Schuld der Erzbefleckten,

Denn Heiden haben Heilige zu diesem Zweck gesteinigt!

Simone Martini

"Dort wo die Märtyrer das Gnadenwerk vollstreckten,

Da wird uns Elenden der reichste Trost gespendet!"

Denkt mancher Pilger, dessen Muth Legenden weckten.

Wie mancher sich, von Rom aus, wieder heimgewendet,

Erblickte er, mit voller Lust im Lenz den Flecken,

Der seinen Tagesmarsch, als nahes Ziel, beendet.

In junger Pracht, erwachten rings Toskanas Hecken,

Gar schöne Mädchen kamen ihm des Wegs entgegen,

Und keine schien vor fremden Pilgern zu erschrecken.

Auf alle Wegen sah man sich das Leben regen,

Oft Söldner vor den Schänken leicht ihr Geld verspielen,

Ein Fräulein gar am Fenster ihre Flechten pflegen,

Antonio del Pollajuolo

Verschiedene Wirthe nach den Pilgersäckeln schielen.

Oft stumme, dunkle Mädchen, unter niedern Thüren,

Erröthen, wenn sie schmucken Jünglingen gefielen.

Masaccio

Dann kam ein Wirth die Pilger in sein Haus zu führen,

Und da sie lahm und müde vor den Schänken harrten,

War es das Erste dort, die Schuhe zu entschnüren.

Sanodi Pietro

Dann wollten sie behaglich auf die Mahlzeit warten,

Zu Haus jedoch, gewahrte einer, voll Vergnügen,

Pisanello

Drei Mädchen wunderbar in einem Nelkengarten.

Botticelli

Es waren Schwestern mit den selben schönen Zügen,

Die sich soeben um den gleichen Freier stritten,

Mit einem andern wollte keine sich begnügen.

Sie riefen, keine hätte jemals es gelitten,

Daß eben der mit einer andern sich vermähle,

Und käm ein Prinz dafür für sie herangeritten!

Ihr goldenes Haar durchblitzen Prachtjuwele,

Und jede konnte, selbst im Streit, den Anstand wahren,

Vielleicht, damit der Fant, als Klügste, sie erwähle!

Sie wollten jetzt schon alle Reize offenbaren,

Die Streitbarste trug in den Flechten grüne Spangen,

Die fast wie Schlangenwunder in dem Goldwust waren.

Die Zweite schien bei jeder Kopfwendung zu bangen,

Sie hatte Perlen still um ihren Hals gewunden,

Und leichtes Fieber schlug ihr öfters in die Wangen.

Der Jüngsten Art und Scherze schienen zu bekunden,

Daß sie der Brautschhaft sich am allernächsten wähnte,

Auch schien, dem Lächeln nach, der Zank ihr fast zu munden.

Pisanello

Wie sie das Köpfchen sanft an ein Geländer lehnte,

Umschwirrten dieses Schmetterlinge, die der Nelke

Fast glichen, die von ihrer Brust sich aufwärtssehnte.

Denn keine Blume will, daß sie verblätternd welke,

So schienen Herz und Nelken etwas zu erwarten,

Und endlich knarrten auch der Laube Kreuzgebälke.

Boticelli

Der langersehnte Jüngling war nunmehr im Garten,

Pisanello

Und für die Jüngste hat er gleich ein Beet geplündert,

Doch setzten sich darauf rasch Falter aller Arten.

Boticelli

Kein Zweifel hat den Fant, bei seiner Wahl, behindert.

Er ging zur Jüngsten hin, die ihn so bang ersehnte.

Die Andern schwiegen. Ward dadurch ihr Schmerz gelindert?

Rasch reichten sie der Braut, die nun am Bräutigam lehnte,

Pisanello

Schnellabgerissene, schmetterlingsumhuschte Blüthen

Botticelli

und gingen dann von dannen, da ihr Auge thränte.

Masaccio

Als dies der Fremdling sah, so mußte er darüber brüthen,

Doch ward er weg vom Traum zum Abendmahl geladen,

Das, wohl aus Müdigkeit, die Pilger stark verfrühten.

Dort hörte er statt holder Freierserenaden

Den Sang von Pilgern, die soeben romwärts zogen,

Und auch er selbst empfahl sich da Marias Gnaden!

Giotto

Wie Abendvögel kamen Männerstimmen angeflogen,

Und endlich konnte er des Liedes Worte auch verstehen,

Sie baten sanft die Jungfrau: "Sei uns Elenden gewogen!"

Sie sangen: "Schenk die Gnade uns, die wir von Dir erflehen!"

Sei freundlich und durch Güte tilge unsere Sünden,

Dein Lächeln ist so lind und mild wie stilles Frühlingswehen.

Oh steig hinab zu unseres Herzens Gluthenschlünden,

Oh kühle unsere Seelen, wie ein Lenzhauch unsere Brüste,

Und hilf uns gnadenvoll das Reich des Sohnes zu begründen!

Maria, geht ein heißer, langer Tag zur Rüste,

So mag, wer seine Heimath liebt, Dich holde Mutter loben,

Dann ists als ob der Himmel sich mit Funkelsternen brüste.

Die Sterne sind in Deinen Mondlichtschleier eingewoben,

Der Gürtel Deiner Reinheit ist der Milchstrom ferner Sterne,

Und unsere Seelen werden über ihm zu Dir erhoben.

Gar tief erfaßt man Dich in seines Wesens Glaubenskerne,

Wir danken Dir, daß Du uns Leid und Liebesahnung schenktest,

Doch hilf uns jetzt, denn wir verzweifeln oft, ob deiner Ferne.

Als Du den ersten Liebesblick ins Weltendunkel senktest,

Da konnte gar kein Augenblick mehr zeitlos je verzittern,

Da Du bereits in jedem Glück zur Weltekstase drängtest.

Bald wandte sich der Sonnenball hervor aus Lustgewittern,

Und bis zu uns empor, die wir uns selbst durch Dich erworben,

Vermochte keine Wuth, kein Trotz die Urfluth zu verbittern!

Ward dann ein Schöpfungstag auch durch des Bösen List verdorben,

So konnte doch Dein Thränenmeer den Heiland uns gebären;

Du weinst, Marie, daß wir durch eigene Schuld gestorben!"

Neroccio da Siena

Wie konnte dieser Sang nun eines Pilgers Herz beschweren,

Denn dieser blieb zurück, aus Reue sich am Rain zu winden,

Er schluchzte laut, denn unermeßlich war sein Bußbegehren.

Ein anderer Pilger, der nach Haus zog, sollte so ihn finden,

Er neigte sich zu ihm herab und flüsterte ganz leise:

"So hör auf mich, Du armer Mensch, laß alle Sorgen schwinden!

Es winkt der Friede Dir nach einer solchen schweren Reise,

Du gehst bestimmt zum Himmel ein, der Papst wird Dir vergeben!"

Der andere aber schrie: "Er rettet mich auf keine Weise!"

Er stöhnt: "Verteufelt war von Kindheit an mein ganzes Leben!"

Da sagt der andere darauf: "Der Papst ist voller Macht und Güte,

Es scheint ein Jünglingsherz in seinem Inneren zu erbeben!

Er ist kein Greis, ob er uns auch mit weißem Haupt behüte,

Denn als er mir verziehen hat, da schwanden mir die Sinne,

Es war, als neigte sanft zu mir sich eine Frühlingsblüthe.

Es schien, als streifte sie den Schnee herab, daß er zerrinne,

Da fühlt ich keinen alten Mann, ich ward so voll von Leben,

Ich wußte, sah nur, daß ich Trost für alle Zeit gewinne!"

"Umsonst ist meine Pilgerfahrt, ganz nutzlos mein Bestreben!"

Rief abermals der Wandersmann und wandte sich am Boden:

"Es kann sich kein Gebet von mir, bis hin zu Gott erheben!

Der Böse will aus meinem Ich sein Theil zusammenroden,

Ich fühle, wild verzweifelnd mich bereits in seinen Krallen,

Und zahl schon, vor Vertragsverfall, mit Satansepisoden.

Die Seele fleucht den Leib bereits, die Seele die verfallen,

Oh sieh, wie sie die Glieder krümmt, um höllenwärts zu fegen,

Nun büß ich ewig, ewig lang für dieses Erdenwallen.

Ich war fürwahr ein herber Fant, ein wüster, trüber Degen,

Nur war ichs schon von Angeburt, ich mußte eben tödten.

Doch eines Tages konnte sich in mir die Reue regen.

Wie glühte da das Hoffnungsroth empor aus Sturmesnöthen,

Voll Einfachheit schien da mein Sein zu Gottes Welt zu stimmen,

Der nächste Morgen aber war ein höllisches Erröthen!

So muß die Schönheit in der Welt den Bösen arg ergrimmen,

Ach, welchen Bruch vollbrachte er, als ich mein Glück verachtet,

Ich warf es weg, es durfte nichts als Haß in mir erglimmen!

Doch was ich that, war stets bewußt. Mein Sinn war nie umnachtet.

Als Sünder war ich immer frei, mein Blick war niemals kühler,

Ich habe selbst mich schrecklich kalt aus starrem Trotz betrachtet.

Verdammt bin ich in Ewigkeit, ich armer Satansschüler,

Ich füge mich nicht mehr ins Reich, das Gott für uns geschaffen,

Schon fühle ich der Höllenhast verkrümmte Gluthenfühler.

Der Abgrund, den ich selbst erschuf wird nun unendlich klaffen,

Und Schatten werden mir des Nachts von jetzt ab stets erscheinen

Und traurig singend oder stumm, durch dumpfes Dunkel gaffen!

Sie singen schon: Wir wollen uns im Mutterschoß vereinen,

Dich hätte blos ein Fünkchen Glück in Gotteswelt gerettet,

Doch stießest Du die Mutter fort, drum müssen wir nun weinen!

Es hätte jede That von uns mit Gott Dich jung verkettet,

Das Böse schmiegt ans Gute sich, sonst gäb es keine Güte,

Doch hast Du uns kein einzigmal im Herzen eingebettet.

Da jedes Einzelne von uns, um Dich sich nutzlos müthe,

So sei samt Deinem Schlag verdammt, stets wird der Fluch sich mehren,

Wir nisten nun als Schreck in Deinem ruhlosen Gemüthe.

Auch unser Abgang von der Welt kann Hader rings gebären,

Die Hölle ist entsetzlich tief und steigt, wenn Sünder sinken,

Ihr Haß ist furchtbar, kann sie doch die ganze Welt begehren!

Ja wirklich, sieh, ihr Thor versperren rostgefeite Klinken,

Sie will mit ihrem Dunkelschlund rings Schatten geil erschnappen,

Ich fühle mich ganz rettungslos, stets schneller, gluthwärts hinken!"

Das rief der Pilger und er riß sein Kleid dabei zu Lappen,

Im Staube wälzte er sich bleich, als wär er schon ein Schatten

Und stand dann auf und schwankte weg, um romwärts fortzutappen.

Ein anderer Zug, der heimwärts ging, schien langsam zu ermatten,

Da sang er denn ein geistlich Lied, voll Gottesfurcht und Würde,

Dann ging die Reise mit Gesang viel leidlicher von statten.

Man stimmte an: "Es trägt der Mensch fürwahr die schwerste Bürde,

Doch arg und bitter wär sie nur, wenn Gott uns nicht auf Erden

Den eigenen Sohn, als Trost und Glück, stets reicher schenken würde.

Drum greifet froh nach Gottes Gunst, verzagt nicht bei Beschwerden,

Das wäre wohl ein trüber Fant, der Gottes Hand verschmähte,

Der könnte sich, statt erfurchtsvoll, fürwahr nur dumm gebärden!"

Da plötzlich wars, als ob die Schaar ein Wunderbild erspähte,

Es blitzte im Olivenhain, man sah wo Perlenreifen,

Und alles war so silberfrisch, da Wind im Haine wehte.

Es schien dort eine Wurmgestalt wie durch den Wald zu greifen,

Dann wars der Trasimenersee, zu Füßen eines Weibes,

Denn kalte Hauche sah man klar rings Marmorberge streifen.

Fürwahr, im Mondlicht zeigten sich die Formen eines Leibes,

Das war ein eigenes Wunderding, das an die Götter mahnte,

Und schien entrückt, gar weit entrückt, vom Hauch des Erdgetreibes!

Es wartete, wie kühlbewußt auf Macht, die es schon ahnte,

Es war ein Wolkengötterbild, das in Italien reifte,

Und plötzlich schiens, als ob ein Streif von ihm, sich seewärts bahnte.

Und als die Briefe auf der Fluth wie auf und nieder schweifte,

Da schien der Dunst ein Arm zu sein, der Perlensträhne fischte,

Die wohl die Göttin, Morgens früh, von ihrem Leibe streifte.

So lag der Schmuck bei Tag im See, wo sich sein Glanz erfrischte,

Und kam dann immer nur ans Licht, die Göttin hold zu schmücken,

Dann wars, als ob sein Perlenblau mit Silber sich vermischte.

Doch konnte da die Göttin wohl die Menschen leicht entzücken,

Und tauchte je das Strahlennetz dann auf, voll Lichtgezitter,

So thats der Wind; doch schiens ein Arm beim Fischen zu verrücken!

Zypressen wachten stumm im Thal, man hielt sie leicht für Ritter,

Und Ölbaumreihen ruhten rings wie müde Bajaderen,

Und schliefen sie, durchglimmte stets ihr Dunstlaub Mondlichtflitter.

Doch schien ihr Wesen kaum der Schlaf bedeutsam zu beschweren,

Gar manche sprang frisch auf zum Tanz, wo andere sich umschlangen,

Und eine Ausgestreckte schien schon Wollust zu begehren.

Das Mondlicht war das Flockenbett für mancherlei Verlangen,

Und tausend Lagen gaben sich, die Bäume wie die Schatten,

Es sahn die Pilger, wie sie schon nach andern Posen rangen!

Die Heimfahrt ging den Pilgern nun gar rasch und gut von statten,

Ein Jüngling, der mit ihnen zog, erzählte dann im Norden:

"Italien wollte einen Blick mir in sein Herz gestatten!"

Er sprach: "Ich bin in jenem Land ein anderer Mensch geworden!

Dort spielte, nackt und wunderbar, ein Jüngling auf der Leier,

Der Schwestern neun umrauschten ihn und lauschten den Akkorden.

Gar rhythmisch um den Leib gewellt, umwallten sie die Schleier,

Sie wogten sacht wie Fliederduft und ließen sich nicht haschen,

Auch war ihr Anblick leicht verwischt, wie nur ein Hauch im Weiher.

Doch kann man sie beim Tanze oft im Mondlicht überraschen,

Mit Feuerklängen schmücken sie die rauschenden Gewänder,

Und streuen in Wirbeln dann Brillanten aus den Faltentaschen.

Mit Funkelpracht umgürten sie im Schwung die Schleierränder,

Dann ists, als ob die Klänge rings zu Gluthen übersprühten,

Und so ihr Erdenfeuer sich mit jedem Takt veränder!

Umhaucht ist jener ferne Hain von Oleanderblüthen,

Olivenwälder dehnen sich noch weithin um die Lichtung,

Um ihr Geheimnis vorderhand noch eifrig zu behüten.

Den Wald jedoch durchdringt der Klang von jenes Jünglings Dichtung,

Stets zittern Silberblätter mit, als ob sie Wind bewegte,

Und jeder Ölbaum birgt bereits dort jener Rhythmen Richtung.

Dort ists, als ob der nächste Tag sich langsam mondwärts regte,

Gespenstig schien mir jeder Baum, vor dem sein eigner Schatten,

Zu Mittag, wie um Mitternacht, sich dünn zur Ruhe legte!"

Als eines Morgens, noch im Lenz, rings auf Toskanas Matten,

Sich Pilger ihrem Heimatland gar frei und munter nahten,

Da wollte mancher Einer sich dort lange Rast gestatten.

Sie warfen ihre Stäbe weg und gruben mit dem Spaten

Im Wald nach einem Wurzelstrunk, der wulstig wär und knotig,

Und bei der Arbeit konnte dann ein Lied zumeist gerathen.

Nicht immer war es kunstgerecht, nein schwulstig oft und zotig,

Es trug in sich das rohe Maaß verknorrter Wurzelknoten

Und sprühte voll von Übermut aus seiner herben Gothik.

Es wußte nichts von Silbenzahl, von steifen Kunstgeboten,

Und gab sich selbst den neuen Guß, den Leib, der ihm behagte.

Der Druck blieb dann als Werk zurück. Die Flammen, die entlothen!

Ja, alle Schöpfung, die bestand, das heiß, dem Stein entragte,

Vermied allein den Untergang, denn Dasein ist das Leben,

Doch blieb sie nur dem Tode gleich, der, was sie schuf, verjagte.

Dann konnte sie fast wie der Tod sich plötzlich fremd erheben,

Und fing sich gleich, ganz Leiblichkeit, voll Wollust an zu regen,

Denn jedes will die reifste Form des Einzelseins erstreben.

Es ist ein Sein, auf sich gestellt, fast leidlos und verwegen,

Auf sich allein besteht die Lust und das bewirkt das Leben!

Der Tod kommt, weil wir unbewußt den Weg uns selbst verlegen.

Die Erde trächtigt allerorts berauschendes Erbeben

Und hält es sich millionenhaft durch brunstgeschaffene Rudel,

Als Haas entspringt der Lenz dem Busch, als Schwalbe fortzuschweben.

Ein Feigenbaum erscheint beinah ein grüner Wollustsprudel,

In dem die Erde Freude spürt, da sie ihn doch belebte.

Damit das Jüngste munter sei, herzt nun ein Kind ein Pudel.

Es ist, als ob das Blüthenglück am Zaun als Bohne klebte,

Als ob ein lustiges Frühlingslied, gar quellenfrisch gesungen,

Sich plötzlich mit dem ganzen Rausch recht inniglich verwebte.

Der eine sang: "Welch forscher Bursch, kam just vom Busch dahergesprungen.

Der Lenz, das Kind der Winterswuth,

Ist es bestimmt und bläst aus vollen Lungen.

Er ist ein starkes, junges Blut

Und freut sich mit den Lerchen,

In Nestern weckt er schon die Brut

Und klappert mit den Störchen! "

Ein Anderer hat sein Lied verfaßt

Und singt es schaurig wie ein Märchen:

"Der Engel Deines Hasses reißt mit Hast

Mir alte Wunden auf am Marterpfahl,

Ich seh Dich nicht und finde dennoch keine Rast.

Du träumst mit Lust von meiner Höllenqual,

Doch zieh ich weiter durch den Wald in wonniglichen Lüften,

Und freu mich stets am grünen Saal mit seinem gelben Lichtportal!"

Jetzt steht ein Zug geblendet still, umschwirrt von Honigdüften,

Und es vermögen sich die Pilger kaum der Sinne zu bedienen,

Es ist, als stünde ihr Verstand vor lichtdurchsprühten Sonnenklüften.

Es sind die Dinge rings um sie mit einem Irisring erschienen,

Und endlich glaubte mancher doch, er höre ringsumher ein Summen,

Und wehrte sich mit seinem Arm, als wärs ein Schwarm von Bienen.

Und in den Lüften klar und warm schwoll immermehr das dumpfe Brummen.

Doch drang durch keinen Zitterzweig die Spur von einer Leibgestaltung,

Im Goldrausch wollte nichts entstehn, noch das Gemurre rings verstummen.

Doch plötzlich sahn sie einen Keil, wie eine rothe Lichtzerspaltung,

Durchs Flimmergrün, mit festem Schritt, dem Pilgerzug entgegentreten,

Das war dann mancher Wandersmann, der romwärts ging mit edler Haltung.

Es zog wohl oft ein Kriegerherz, dort romwärts für sein Heil zu beten,

Denn mancher Knappe war dabei und wirklich sang ein Troß von Rittern:

"Oh Herr, wir ziehen von den Dingen weg, die unser Herz verdrehten."

Dann ging es fort: "Wir thaten viel, um Deine Freude zu verbittern,

Doch sehn wir auf dem Golgatha von Lanzenknechten Dich umgeben,

Und ihr und unser Speer muß gleich vor Deiner Huld zersplittern.

Vergießt Du auch Dein Herzeblut, kann sich in Dir kein Zorn beleben,

Die Seele bleibt ganz makellos, ob auch die blutigen Eiterflecken

Den Leicham dort am Marterkreuz als schwarze Krusten rings umkleben.

Es konnte sich der Geist dafür entscheidend aus dem Körper recken,

Und blau wird jetzt der Himmelsbau, zu dem die Wünsche sacht ersprießen,

Wo noch mit weißen Wolken Dich die Sünden schwer bedecken!

Dann aber kannst Du, durch den Mond, des Nachts Dein Sternenhaus erschließen,

Und jeder, der dann Christum minnt, schaut solche Prachtgestaltung

Und fühlt in sich von überall die große Liebe minnig fließen.

Dann sehn wir hoch im Sternendom die ewige Heilsentfaltung,

In uns ersteht ein Gnadenthal voll stillem Himmelsschimmer

Und alles das verschenkst Du uns für kurze Fleischenthaltung!"

Vorüber zog der Ritterzug, und bald verschwand er im Geflimmer,

Da sang die Schaar, die heimwärts zog, ein geistlich Lied mit vollen Stimmen

Und hörte in den Pausen noch den andern Chor wie ein Gewimmer.

Alessio Aldovinetti

Sie sang: "Oh Mutter, hör auf uns, Du kannst alleine nicht ergrimmen.

Die Ritter mögen Christi Reich mit List und Lanzen kühn bewahren,

Doch Du bleibst Königin des Heils, die Heiligen sind die Immen.

Drum halte treu und sündenrein die Seele Deiner Pilgerschaaren,

Die Schleier, die Du wonnig trägst, sind Nebel leichten Iristhaues,

Und rothes Strahlengold durchglüht den goldenen Schwall von Deinen Haaren.

Als Mittagkleid umwallen Dich die Hüllen unseres Himmelsbaues,

Am Abend aber streifst Dus ab, in Gold und Purpur Dich zu zeigen,

Und fällt es in das Meer, so strahlts wie das Geglitzer eines Pfaues.

Im Rosenhemde magst Du früh dem Sternenkleide sacht entsteigen,

Oh Jungfrau, Jungfrau, hör auf uns: Maria, Jungfrau, bleib uns gnädig,

Und wandere hehr durchs Himmelreich, wenn Stürme Völker niederneigen.

Die Schöneit, die Dein Sein umstrahlt, was Dich enthüllt, ist sonnenfädig

Und knüpft sich jung und neu aus uns, hervor aus unserm Lichtersehnen,

Verzeih uns, Jungfrau, doch es macht Erkenntniß Deiner Huld ruhmredig

Nicht wir sinds, die Dir Schönheit leihen, nein wenn die Menschen Schönheit wähnen,

So wird von Dir und Deinem Sohn uns dessen Ahnung blos beschieden,

Denn auf den Strömen Deines Heils kann jeder sich durchs Weltall dehnen!"

So war, was man beim Pilgern sang, stets wahr und dennoch sehr verschieden,

Ein Kreuzzug, eine Romfahrt gab den Seelen herrliche Belehrung,

Wer hinzog, war von Angst gepeitscht, wer heimging barg den Frieden.

Verschiedentlich wie die Natur blieb drum der Seelen Lichterhebung.

Doch die Bewegung ging durch Rom. Dort konnte jeder sich bekennen.

Denn da erst faßte man zumeist des Eigenwesens Selbstbestrebung.

Die kleinste Regung gab das Heil. Es sollte überall erbrennen.

Es konnten Offenheit und Scham den lieben Herrgott gleich erfreuen.

Es war, als wollte sich von uns der beste Theil der Seele trennen.

Die Meisten konnten ihren Fehl, des Lebens Sünden tief bereuen,

Und kreuzte man sich dann am Weg, so zog man stets in anderer Richtung,

Daß keine je die andere wog, um jede Wirkung zu zerstreuen.

Ja wahrlich, Rom barg in der Welt, in sich, die größte Wunschverdichtung,

Die Massen wälzten sich herbei, sich ihres Dünkels zu entkleiden,

Und Völker gingen draus hervor, denn rasch ergab sich deren Sichtung.

Veredelten die Christenwelt doch Gaubenszwang und Alltagsleiden,

Ob jetzt ein Kaiser oder Papst auch grausam ihre Macht gewannen,

So waren doch die Folgen gut, sie konnten Glück von Größe scheiden!

Die Zukunft sehnte sich zum Volk, wie Lust und Bildung zu Tyrannen,

Die Kirche herrschte durch den Geist, schon mehr durch Kraft als wahren Glauben

Und trotzte kühn dem Schwabenschwert, des Kaisers kriegserfahrnen Mannen.

Stets wollte sich das Äußerste der Macht durch List berauben,

Der Einfalt blieb der Alltag hold und ließ sich selbst zum Heil belügen,

Die wuchs in gerader Ehrlichkeit und ließ die Wildheit dann verschnauben.

Es können Schwert und Fegegluth zur Staatenführung kaum genügen,

Man braucht auch Herrschergier und Noth, um Menschen menschlich zu vereinen,

Denn blos wenn man das Recht erzwingt, gelingt es Reiche fest zu fügen.

Oh Rom, wie konntest Du den Rausch, der Dich umschwoll, in Formen gießen?

Hier weitete des Nordens Bau sich abermals zur Heidenhalle,

Es tauchten wieder Tempel auf, wie Jovis Priester sie verließen.

Es schien, als ob des Franken Geist zur Pilgerfahrt nach Süden walle,

Und plötzlich wie Orvietos Dom und wie Spoletos Kathedrale

Zu Deinen Füßen, altes Rom, bezwungen auf die Knie falle!

Das Römerthum entreißt sich nie der Erdenwucht mit einemmale,

Gar erdenfreudig strebte hier die stolze Gothik gleich ins Weite

Und wandelte, aus Wonnedrang, den ersten Dom zum hellen Saale.

Doch wars, als ob die Erde selbst die Würde solcher Kunst bestreite,

Die Edelform entstieg dem Grab, denn was man rings nach Tempeln scharrte,

Bedeuchte es, daß Überschwang zum Einfachen von selber leite.

Man sah, wie Brunellescos Trotz zur wuchtigen Rustika erstarrte,

Und wie nach Mystik und nach Furcht, nach langem Himmelsreichbegehren,

Der Mensch nun mehr vernünftig Thun und kluge Wirklichkeit erharrte,

So fügte man auch Stein auf Stein, gar bald nach heiteren Lebenslehren.

Im Norden aber scheinen sich Gerippe gegen Fleisch zu wehren,

Der Geist, der sich von Roms Bestimmtheit weg und weiterkritisierte,

Vermochte plötzlich eine Form nach eigener Artung zu gebären.

Die schale Leiblichkeit, die bald zur Lasterfratze halb verthierte,

Ward selbst als Sinnbild eitler Lust im Kirchenschnörkelwerk vermieden,

Drum sah man auf dem Domen kaum ein Spukbild mehr, das niederstierte.

Man sah, berechnete Verquickungen von seltenen Unterschieden

Und spitzte alles Wissen zu, um himmelwärts hinanzuklettern,

Und steifte sich beim Thürmen stets auf Krönungspyramiden.

Gar manches Münster trotzte so, fast erdentrückt, den Himmelswettern

Und ward dadurch ein Ebenbild geklärter, geistiger Empfindung,

Gereifter Reinheit, ders gelang, die Teufelsmächte zu zerschmettern.

Die Säule, keine Stütze mehr, erkannte sich als Formverbindung,

Im Dome konnten schwindelhoch Gedanken Halt im Stein besitzen,

Denn blos aus tiefstem Innermaaß entströmte jede Pfeilerwindung.

Mit Schillerspielen sollte Licht die Kircheneinsamkeit durchblitzen,

Belehrend drang es in den Dom, erzählte stets von Gottes Wollen,

Und drängte, kreuzte sich versprengt durch die verglasten Mauerritzen.

Auch schien ein dunkler Schwermuthshauch die Marmorbilder zu umgrollen,

Die Köpfe waren leidverzehrt, fast leibentrückt in ihrer Größe,

Und Mäntel sah man oft vom überlangen Halse niederrollen.

Gewänder, schlaff und faltenreich, verbauschten keusch die kleinste Blöße,

Der Heiland aber jener Zeit blieb stumm in seinen Marterqualen,

Und oft verbleichte nur sein Leib zerfleischt durch rohe Lanzenstöße.

Doch ward er blutentleert zu schwer, so fing die Seele an zu strahlen,

Und waren seine Glieder bald verblichen, wesenslos, gebrochen,

Durchgeistigte der Heilandsgeist ganz eigentlich die Kathedralen.

Oh Christenthum, Du läßt das Herz der Leidentrückten stärker pochen

Denn nie verhehlst Du einen Schmerz, der Armut magst Du Dich nicht schämen,

Und da Du neue Leiden schufst, hast Du Dein Machtwort ausgesprochen.

Ja, die Betroffenen eilten zu, an Deinem Kreuz sich auszugrämen,

Denn schmerzenfördernd wie Du warst, begriffst Du auch, wer Schmerz erlitten,

Es ist, als ob die Leiden doch zum Menschenheil vom Himmel kämen.

Du tönst als ein Naturlaut fort und hast zumeist den Sieg erstritten,

Denn blutvergießend legtest Du stets Balsam auf die Wunden,

Und Du erwarbst dein Engelsheer, wo Du ein Dasein abgeschnitten.

Die Wittwen, Waisen folgten Dir, war doch ihr Fröhlichsein geschwunden,

Die ganze Menschheit aber geht stets sonnenwärts durch Leidepochen

Und hat sich drum aus Müdigkeit mit Leidverbreitern noch verbunden.

Die alten Deutschen, die so schwer mit ihrem Heidenthum gebrochen,

Empfanden lang das neue Heil so arg wie scharfe Marterzangen

Und wollten dann die Leiblichkeit dem Geiste gänzlich unterjochen.

Sie nahmen sich fürwahr zu ernst. Zu freudlos war ihr Lichtverlangen.

Sie suchten, konnten fast das Ich, samt seiner eigenen Unschuld, morden,

Doch schürten sie da unbewußt Beginne, die im Herz erklangen.

Was er nicht liebte und empfand verstand nach langer Pein der Norden,

Doch sind dabei, nach kurzer Frist, die groben, trotzigen Germanen

Ein heimathfremdes Träumervolk, ein wurzelwunder Stamm geworden.

Doch endlich schien die Erde sie an ihren tiefsten Hort zu mahnen:

Und Kathedralen, hoch und hehr, strengmathematisch ausgeklügelt,

Steilrhythmisch in die Höh gethürmt, ein anderes Werden anzubahnen!

Wo sich der Meister selbst erhebt, wenn er des Münsters Wucht beflügelt,

Und kaum der Gottheit Nähe sucht, vermag ers, Thürme aufzurecken,

In denen keinen Höhenflug ein erdentreues Rufen zügelt.

Doch in sich selbst begann man nun noch schönere Dome zu erwecken,

Aus Liebesgluth und Brunst gefügt, erstand so mancher Glaubensthurm,

Der konnte, einmal ganz am Ziel, die Welt, das Sonnenglück erschrecken.

Wohllautwolken entwirbeln im Orgelsturm

Den See der Seelen, die Ufer zerschlugen,

Denn ringsum entreckt sich ein glühender Wurm!

Und rhyhmenverblitzende, wuchtige Fugen

Erlösen melodisch die Liebesgefühle,

Die lange den Fluch der Verdammnis ertrugen.

Die Freude entschmettert der Lüsternen Schwüle

Und wonnigerstrahlend als Freiheit und Äther

Umhaucht sie ersprühte krystallichte Kühle.

Ein Aufschwung lichtherrlich, urwillig gesäter,

Zu Tönen erglühender, reisender Liebe

Durchwuchtet die Seufzer asketischer Beter.

Genußschreie schluchzen im Wollustgetriebe

Und gleichen dem brausenden Aufklatschen nasser

Strandstürmender, wogenverkrümmender Hiebe.

Es schlingt aus uns allen ein goldener, blasser

Gefühlsschwall, der jeder Verstummtheit entbuchtet,

Sich weitwärts ins bacchische Lachen am Wasser.

Ein tönender Sprudel, der Sonnen befruchtet,

Entzückt, überstürzt sich, berührt mich als Manna,

Erhört sich als Echo im Münster verschluchtet

Und braust über uns als Erlösungshosianna!

Altes Rom, der große Geist Deiner Cäsaren,

Dein erfrühtes Glück und Deine Lustgelüste

Übertrotzen jeden Wuchttrumpf der Barbaren,

Nur Dein Marstag ging im Sturmgebrüll zur Rüste.

Denn als Du die Welt, die Du dereinst besessen,

Voll von Möglichkeiten in Dir selbst erschautest,

Hast Du Deine Erzlegionen bald vergessen,

Und es kam die Nacht, in der Du selber grautest.

Ja, die Riesenkunst von Rom erstand erst später.

Fremdlinge, die wild die Urbswälle zerschellten,

Blieben tausend Jahre ihre Selbstvertreter,

Bis sie Michelangelo ins Dasein schnellten!

Blutvermischung, Völkerwirbel, Rassenspeicher

Haben Bonarroti an den Tag gewunden,

Die Germanen machten ihn wohl glaubensreicher,

Doch vor allen hat sich Rom in ihm empfunden.

Seine Seele konnte selbst das Größte meistern,

Jener Donn, der über seinem Geist entstanden,

Krönt den Tempel einer Welt von freien Geistern,

Deren Macht Erschauer der Natur empfanden.

Peterskirche, Markstein romverlorener Schlachten,

Keim und Prachtkrystall versammelter Kulturen,

Wuchtgefühl der Urbs, das junge Schöpfer überdachten,

Birgst Du Roms Idee in Deinen Steinkonturen?

Greifen doch arenarunde Tempelarme

Wie aus Deinem Wesen in die breite Weite!

Doch beschützt Du auch die Welt im Tagesharme,

Kühlen Brunnen, was Dein Gluthengeist befreite?

Jener Moses, den ein Wunsch für Dich bestimmte,

Petersdom! scheint Deinem Innersten zu fehlen,

Denn der Geist, der über Pracht und Zank ergrimmte,

Kann die Welt nicht mehr, aus Rom heraus, beseelen.

Zuchtgebote mußtest Du mit Wucht verheißen,

Moses Wesen, Rom, zur vollen Gottheit steigern,

Nicht versuchen, Länder rings an Dich zu reißen,

Und Dir selbst das Wort und seine Furcht verweigern!

So hat Michelangelo in seinem Moses

Nur barock sein eigenes Wesen übertrieben,

Und es folgte gleich auf ihn ein hoffnungsloses

Epigonenthum, das ohne Gott geblieben.

Doch mit jenem Sklaven, der in sich das Wesen

Beider Erdgeschlechtlichkeiten noch verbindet,

Hat er ganz gefühlt und ist er Er geblieben,

Denn das Leid um seinen Lenz steht dort entrindet.

Auch in jenem anderen trachtet die Gestaltung

Inmer noch aus Unvollendung aufzuragen,

Ach, wie furchtbar ist des Sklaven ganze Haltung,

Da die Muskeln ihren Arbeitstag verklagen!

Gott, Italiens Erde ist so hold und düster,

In der Muttergottes hüllt sie sich in Dünste:

Doch ein knabenhafter, frühlingsglückbegrüßter

Tag entsaugt ihr immer innere Feuersbrünste.

Oh, das Blut durchrollt die honiggoldenen Blöcke,

Deren Wesen Michelangelo erschaute,

Und Italiens Wiesen, Weine, Rinder, Böcke

Rauschen oder flüstern hier versteinte Laute.

Morgen wird es! Wie verfleischlicht schweigt die Frühe.

Langsam athmen blos die hellen, gelben Lehnen,

Und es ist, als ob der Geist sich Formen glühe.

Oh Du Weib in mir, wonach wirst Du Dich sehnen?

Wirf die Nacht und ihre Hüllen stolz vom Haupte,

Schon durch Deinen Wunsch kann sich der Wind erheben,

Doch es ist, als ob Dir nur der Harm erlaubte,

Bald ein Tag zu werden, tief uns zu beleben!

Nein, der Tag erklärt uns nicht sein Wesen,

Ewig unvollendet staunt und lauscht er immer,

Seine Kraft ist niemals seine Macht gewesen,

Blos Panik entwirbelt ihm, als Weltwuchtschimmer.

Könnte er den Arm bereits nach Osten heben,

Oh, so bliebe unsere Erde plötzlich stehen,

Diese Schöpfung würde gar nichts mehr erstreben:

Doch sein Haupt lenkt, unvollendet, keine Wehen!

Jetzt erklärt sich die Sixtina mir im Geiste,

Und ich sehe die Propheten, die Sibyllen

Eifern, daß der Tag sein stilles Lichtwerk leiste,

Denn die Welt gehorcht dem vollen Jenseitswillen.

Bannt doch Gott, der Herr, stets seinen eigenen Schatten

Auf die Erde, daß sie reiche Früchte trage,

Und darum ermüden nimmer unsere Matten,

Denn der Geist verlangt, daß er zum Tage rage!

Dort erfaßt sich die Unendlichkeit im Herzen

Adams, den sie weckt, damit sie tief bestehe.

Diese Gaben aber birgt der Mensch mit Schmerzen,

Und er wünscht, daß er zurück und untergehe.

Oh das Weib, das ihn schon fürchterlich erblickte,

Scheint am Manne nun voll Bangigkeit zu hangen,

Und ihr Schatten, der ihn lange schon bestrickte,

Fängt jetzt an, nach Wahrgestaltung zu verlangen.

So geschieht es denn. Die Frau ist auferstanden!

Aus den Farrenhainen wuchten Paradiese,

Vögel jubeln, Palmen schleppen Prachtguirlanden,

Innere Frühjahre erblühn auf Hang und Wiese.

Doch der Genius wächst noch. Wird das Weib genügen?

Fühlt es schon in sich die eigenen Wesensmängel?

Reiz an Reiz versucht es an den Leib zu fügen,

Doch der Mann will die Idee und glaubt an Engel.

Wenn es schläft, ermahnt ihn sein Gewissen,

Halte Dich an das, was Dir der Herr gegeben,

Denn sonst wirst Du bald das Paradies vermissen,

Trachte furchtlos fort in der Natur zu leben!

Adam aber will sein Innerstes erfassen

Und beschließt zu sinken, um zu Gott zu steigen.

Keine Harmonie will er geordnet lassen,

Und was schwach ist knickt und nennt er nun sein Eigen!

Armes Weib, Du Urversuch den Mann zu trösten,

Biete Dich nicht an, verfluchter Lust zu dienen!

Doch es ist, als ob sich alle Fesseln lösten,

Ja, die Freiheit ist im Weib zuerst erschienen!

Der Entschluß des Opfers ist in ihr entstanden.

Feig hat Adam seine Knechtin angenommen

Und enteilt mit ihr nun allen Heimathlanden

Und ist Vielem nah, doch nie zu sich gekommen!

Rase nun, verlorener Sohn, von Schmerz zu Leiden,

Wollte Gott, der Herr, doch still auf Dir beruhen,

Du jedoch willst ihn um seinen Grund beneiden,

Und verzweifelt seh ich Dich den Tag verthuen.

Abend wird es. Blasser Mann, nun darfst Du raten

Deine Unvollendung fängt sich an zu klären.

Und Du sagst Dir ernst: Wozu das breite Hasten?

Doch zu spät! Der Abend kann nicht lange währen.

Deine Schultern sind die scharfen Horizonte

Eines Thales, dessen Schlund die Nacht entwuchtet,

Die Brust ist alles Berggelände, das sich sonnte

Und nun athmend kundgiebt, was es tief verschluchtet.

Dein gewellter Bauch ist wie die See in Häfen,

Die da aufhüpft, gurgelt und nur schwer ermüdet.

Nachsicht schwebt und legt sich nun um Deine Schläfen

Und Du preist die Nacht, die sich mit Gluth umfriedet.

Oh, die Nacht geht auf und hoch im Osten glimmt es,

Einsichtsvoll versenkt sie sich in innere Sterne,

Denn sie liebt ihr sterbliches, weil urbestimmtes

Lächeln aller Welten ohne Grund und Ferne.

Ihre Brüste sind die See der beiden Hemisphären,

Die da übervoll den jungen Tag erbangen,

Um dem Kinde milde Labung zu gewähren.

Hast auch Du, oh Nacht, so wildes Lustverlangen?

Große Nacht, ich kann Dich eben klar betrachten,

So wie Du in stillen Meeren Dich oft spiegelst,

Fühl auch ich Dich, dessen Sterne tief erwachten:

Bleibe, die Du einst die Sonne ganz verriegelst!

Stürzt die Welt aus ihrer Tiefe her zusammen?

Drängt das ewige Gericht nun zum Erlöser?

Eine nackte Flamme, der wir fern entstammen,

Ruft uns nun zurück, wir werden religiöser!

Was nicht nackt an uns ist, wollen wir verstecken,

Des Verfleischlichten beginnt man sich zu schämen.

Unsere Blosheit aber will sich gottwärts recken,

Herr, Du wirst den Geist in Deine Obhut nehmen.

Alle Welten streben nach der Seelenmitte,

Und darum empfinden wir das Zeitverschinden.

Heiland, führe uns bei jedem Heimwärtsschritte,

Denn wir können gar nichts aus dem Zeitschlund winden!

Jeder kann in sich den eigenen Werth erlangen,

Doch es gilt zur rechten Stunde anzukommen,

Lange werden deshalb alle Lauen hangen,

Und die Seligkeit gehört den Starken, Frommen!

Herr, die ganze Nacht kehrt in dein Inneres wieder,

Jedes Wesen muß unendlich sich beginnen,

Alle Sterne singen ihre Liebeslieder,

Herr, Du bist in uns und bist in ihnen drinnen!

Ich fühl den Blick von einem Sterne

Seit meiner frühesten Jugendzeit,

Ich spielte kaum und bangte gerne,

Und nur das Leid war mir nicht weit.

Ich hing an mir und kaum am Leben,

Doch meine Mutter liebte mich.

Ich wollte fort und doch vor Lust erbeben,

Und starb nicht, als ich mir entwich!

Ach, ich empfand die Macht von Mächten,

Die mich da losriß vom Gewühl

Und suchte dann in heiteren Nächten

Nach jenem Sterne im Gefühl.

Auf einmal ist er aufgegangen,

Er war nicht der, den ich gewähnt,

Nun überstrahlt er jedes Bangen

Und glüht, wenn meine Seele thränt.

Er lenkt mich oft aus den Gefahren

Und führt mich stets zurück zum Leid,

Er will im Schmerz sich offenbaren,

Und drum vergeß ich jeden Streit.

Als mir das Liebste ward entrissen,

Empfand ich kaum den grauen Tod,

Es ist zwar schwer, den Schmerz zu missen,

Doch bleibt der Stern, dem er entloht!

Oh, immer strenger wird mein Wesen,

Und die Erinnerung findet ihren Grund,

Es gilt sich selber auszulesen,

Die Liebe macht kein Schicksal wund.

Ich fühl den Blick von einem Sterne

Seit meiner frühen Jugendzeit,

Ich spielte nie und bangte gerne,

Und auch das Leid war weit, zu weit!

Arkadien meiner Seele, nun erwache!

Ich harre auf den Wind, der mich versteht,

Ich warte, daß er meinen Lenz entfache:

Erscheine, Geist, der durch die Wesen weht!

Es werden Lieder reif in mir erblühen,

Die keusche Wahrheit plötzlich offen sein,

Das Leid wird dann als Thau den Traum besprühen,

Oh, nun ergründe Dich, mein holder Hain!

In meiner Seele bleichen Dämmerstunden

Wird gar beutsam jedes Reis gehegt,

In stummen Blumen schlummern unsere Wunden

Und öffnen dann die Lust, die man verborgen trägt.

Der Menschen Freude wird sich zu mir bücken,

Ich will ob ihres Glückes glücklich sein!

Auch meine Einsamkeit wird sich dann schmücken,

Und das Erfühlen wunderbar gedeihn!

Es ist Italiens Karneval ein großer Dichter,

Das Urerlebte dieses Volkes wühlt er auf.

Vermummen sich die braven, täglichen Gesichter,

So nehmen die Instinkte ihren freien Lauf.

Es preßt sich da der Geist zurück ins Heidenleben,

Die Dominos sind die Gespenster einer fernen Nacht,

Der Pantalon wird schon in guter Unschuld streben,

Wozu der Harlekin die Zwischensprünge macht.

Er ist der Hermes dieser grausen Lumpengötter,

Doch seine Farben plaudern sein Geheimniß aus,

Er kennt sie alle und ist deshalb auch ihr Spötter

Und hat vor Unterweltfiguren keinen Graus.

Die Colombina läßt sich noch als Venus schmeicheln

Und ist das Affenspiegelbild der Helena,

Katharinen muß man selbst mit Pfauenwedeln streicheln,

Denn sie war Juno, als der Weltanfang geschah!

Der Ganymed ist zum Brighella ausgewachsen,

Zum Doktor hat es Aristoteles gebracht,

Der Jupiter versteckt sich hinter Maskenfaxen

Und wird als Erzbetrüger schließlich ausgelacht.

Jetzt fühlt sich jeder frei wie auf des Oeta Höhen

Und schlüpft, wo er nur kann bei einer Nymphe ein.

Es lassen Danaen sichs ausgezeichnet gehen,

Es regnet Gold in manches stille Kämmerlein.

Es kann die Juno heute Nacht unmöglich schlafen,

Und wirklich kommt ihr Jupiter mit Bacchus heim,

Sie wird ihn barsch, trotzdem es kalt ist, strafen,

Und zwar am Theil mit plastisch vollem Reim.

Der Bacchus aber läßt den Zeus alleine,

Protheisch ändert er sich plötzlich überall,

Oft ist er dick, oft klein, dann nichts als Beine,

Und scheint der Schatten aller nach dem Maskenball.

Fürwahr, er ändert sich durchs Gehn zwischen Laternen,

Da schiebt er manche, die nach Haus ziehen, fast zum Licht,

Und schmilzt zusammen, wenn sie sich davon entfernen,

Du schlimmer Wicht, hilfst nur in dunklen Gassen nicht!

Was dröhnt jetzt plötzlich Römische Legionen?

Geharnischt ziehen sie die Gassen laut herauf,

Sie werden ihre Beute, Weibervolk, nicht schonen:

Oh Weltnothwendigkeit, so nimm denn Deinen Lauf!

Der Spaß beginnt, nun wird es immer lauter, toller,

Die vielen Menschen werden langsam aufgemischt,

Das jubelt, sprudelt immer thörichter und voller,

Die Jugend, selbst die Kindheit, wird nun aufgefrischt.

Der Lenz erblüht bereits in den geschloßenen Städten,

Und Frühlingslust und Brunst wird ringsum angefacht.

Das Volk verpfändet selbst die Kleider und die Betten,

Da jeder undrapiert, stets anderswo, erwacht.

Im Karneval drängt alles an die Oberfläche,

Mit Juxen und mit Lumpen ist das Volk bedeckt,

Es ist, als ob der Tand von selbst aus Kisten bräche,

Und wer nicht mitthut, wird als Finsterling geneckt!

Die Dirnen erscheinen als büßende Nonnen,

Pierrots, häufig Ladenverkäufer, sind stumm,

Und Diebe, als Richter, zu Strenge gesonnen:

Als schwanger ziehn alternde Fräulein herum.

Verkrümmte verkleiden sich gerne als Krieger,

Matronen, als Puppen, gefallen sich gut,

Es brüllen Bediente als Löwen und Tiger,

Romantiker tragen die Feder am Hut!

Die Damen bewegen sich oft wie Kokotten

Und laufen im heiklen Momente davon,

Der Freidenker läßt sich als Priester verspotten,

Und ringsum ergeht sich ein Weltpantheon.

Voltaire spricht ein wenig französisch und Dante

Giebt rasch einer Köchin für elf Stelldichein,

Selbst Newton verkehrt mit des Belzebubs Tante

Und reitet mit Cato ein hölzernes Schwein.

Ein Lord mit unendlichem Pappenzylinder

Wird eben mit Gyps und Papier überweißt,

Ein Sokrates sucht seine eigenen Kinder,

Ein Mönch wird von johlenden Knaben umkreist.

Seht, Bismarck führt dort eine Gans ins Theater,

Vielleicht reißt sie gleich nach dem Abendmahl aus,

Sechs Kinder verloren soeben den Vater,

Und auch ihre Mutter ist nimmer zu Haus.

Die Weiber, mit männlichem Blut und Allüren,

Sind endlich in Hosen zufrieden und keck,

Betrogene lauern im Dunkel der Thüren

Und springen oft wüthend aus ihrem Versteck.

Nun fliegt wo ein Hut, man zerrt eine Mähne,

[Erstochen wird jedesmal irgend ein Mensch,]

Die Deutschen erleben dabei eine Szene,

Und Engländer sitzen zufrieden beim Lönsch.

Nun sieht man den Karneval selber als Prinzen

Im Wagen erscheinen. Er ist eine Frau.

Und allerhand Leute bestaunen, begrinsen

Den Zug mit Najaden und Magiern genau.

Denn alles ist da tiefsymbolisch gestaltet,

Es gehn die drei Könige schmunzelnd voran,

Der Karneval selbst, dessen Anzug veraltet,

Verzweifelt und stirbt schon im Hintergespann.

Doch gleich nach dem Zug kommen Mönche und Nonnen

Und tragen für Mittwoch schon Kohl und Salat,

Doch sind sie noch alle zum Ulken gesonnen

Und tanzen, trotz Gaffern und trotz Zölibat.

Der Frühling ist da und am Korso erscheinen

Die lieblichsten Frauen in offenem Wagen,

Es wollte ganz Rom seine Grazien vereinen,

Das Wetter erlaubt, lichte Kleider zu tragen.

Ein Mädchen, das alle Bewerber verlachte,

Erschien uns soeben in Lilien gebettet,

Sie will, daß die Männerwelt lechze und schmachte:

Wer weiß, welcher Geck sein Geschlecht doch noch rettet?

Ei, seht das Gespann, alle Pferde und Räder

Sind herrlich mit Rosen geschmückt und umwunden,

Die Damen, die drin sind, besuchen die Bäder

Und haben dort immer Bewunderer gefunden.

Da kommen noch prächtige Wagen mit Damen,

Die Gäste des Hauses mit Sträußen beschenken.

Da sieht man auch Bräute in blühendem Rahmen

Vergnüglich an Bälle und Bräutigam denken.

Nun taucht auch ein Karren mit bunten Ciocciaren

Im Hintergrund auf. Rugantino sitzt drinnen.

Wir können durch ihn manches Neue erfahren,

Er wird die Kritik des Momentes beginnen.

Er pfeift auf die Redner und Volkstribunale

Und labt sich am Weine der römischen Hügel,

Es braucht sein Humor kein Nörglerskandale

Er hält keinen Schmeichlern und Strebern den Bügel.

Der Frühling ist da. Keine Maske, kein Spötter

Bekritelt, bezweifelt sein frühes Erscheinen.

Es regen sich überall römische Götter,

Der Janus erklärt sich in sämtlichen Hainen.

Bald fallen die Larven. Dann blicken die Augen

Ganz offen hinaus in die goldenen Tage.

Die Wurzeln beginnen rings Leben zu saugen.

Wir pflückten schon Primeln und Veilchen im Haage.

Bald füllt sich die weite Campagna mit Leuten,

Die Mandeln beginnen sie schon zu erwarten,

Es duften Orangen und rufen nach Bräuten,

Es wird die Natur, wie von selber, zum Garten.

Oh, nun leb auch ich der Freude,

In mir selbst ist Karneval,

Flaggen heiterer Luftgebäude

Wehen jetzt mit einemmal.

Seltenes Glück kann ich erfassen,

Worte hör ich auferstehn,

Darf sie nicht verhallen lassen,

Rasch ist es um sie geschehn.

Flugs verfolge ich Gedanken,

Die ein Wehwunsch aufgescheucht.

Oh, nun aber ja nicht schwanken:

Packt das Wild, das flüchtig keucht!

Ja, das ist ein neuer Kummer,

Dort versteckt er sich im Laub,

Der verbleibt erst dann im Schlummer,

Doch ein Lied ist jetzt mein Raub!

Alle rothen Wolkensippen,

Alles was der Tag verbarg,

Lispelt nun mit tausend Lippen,

Schlimm und gut, um seinen Sarg.

Ferne höre ich die Winde,

Die geschwätzig waldwärts wehn,

Seht, und auch ich selbst empfinde

Träume, die Euch Antwort stehn.

Bäume, die ich oft erspähe,

Tragen ihre Tagesfrucht,

Und die schüttelt erst die Nähe

Einer Nacht in meiner Schlucht.

Rosenhauche kurzer Stunden,

Die Ihr ringsum Gold verwebt,

Wißt! ich bin Euch eng verbunden,

Denn Ihr habt mich tief belebt.

Lieder kann ich jetzt vernehmen,

Alles schweigt und alles singt,

Stimmen, die vor mir sich schämen,

Haben sich schon zugeblinkt.

Oh, sie trachten sich zu reimen,

Bald verdämmert ihre Macht.

Träume, die im Nu erkeimen,

Stehen schon in Blüthenpracht.

Alles mag ich fest umschlingen,

Leg Dich, Wind, an meine Brust!

Nacht, Du wirst mein Herz durchdringen,

Sterne werdet weltbewußt!

Auch Ihr letzten Himmelsnarben,

Seht, auch ich bin stumm und wund.

Bald verflimmern alle Farben,

Denn die Nacht ist urgesund.

Abend ist es, wenn ich singe.

Wenn der Tag verhaucht, verblaßt,

Ahnt sich die Natur der Dinge:

Werde Lied, das mich erfaßt!

Namenlos sind meine Lieder,

Sagbar kaum wie sie entstehn,

Laute tauchen auf und nieder,

Bis sie klar zusammengehn.

Endlich freuen mich die Rhythmen,

Die ein Lied sich ausgewiegt,

Und ich will mich ihnen widmen,

Ihre Stimmung hat gesiegt.

Würde ich durch die Gefühle

Tiefer Liebe überrascht,

Hätte ich im Truggewühle

Alles Wirkliche erhascht.

So vertrau ich meinen Liedern

Nur die wahrste Sehnsucht an.

Kann ein Wesen sie erwidern,

Steh ich schon in einem Bann?

Meine gutgemeinten Worte,

Zieht denn hin und immer fort;

Horcht an manchem fernen Orte,

Ob ein Herz, ein Strauch verdorrt.

Lispelt leiser als die Blätter,

Daß kein Schmerz Euch überhör,

Seid der letzten Hoffnung Retter,

Fädelt Euch durchs feinste Öhr.

Findet Ihr ein keusches Wesen,

Das Euch wirklich ganz vernimmt,

Oh, so kann ich fern genesen,

Plötzlich werd ich gut gestimmt.

Namenlos sind meine Lieder,

Soll ich ihnen widerstehn?

Mein Geschick klingt drinnen wieder,

Was da kommt, ist schon geschehn!

Ich will in einem Park den goldenen Abend feiern

Und träumen, wenn die ersten Sterne sich erschaun.

Dann blickt auch mein Gemüth aus Amethystenschleiern

Und fängt im Traume an Erlebtes zu behaun.

Dort blinkt schon einer. Und nun gleich ein zweiter.

Ihr fernen Sterne folgt Euch stets und habt Euch gern.

Ihr hehren Weltbeschreiter seid Euch stets Begleiter

Und alle ehrt Ihr, selbst im kleineren, Euern Herrn.

In die Musik will ich mein schweres Leid versenken,

Sie möge es umzaubern und um mich verwehn,

Von purer Gluth, die Angstgefühle, die mich kränken,

Entwirren, bis Ideen furchtbar vor mir stehn.

Ihr Brunnen seid zu laut zu solcher Klärung,

Ein Garten, ein Sonnett, ein Bild sind mir genug,

Ihr vielen Sterne, gebt mir viel zu viel Belehrung,

Wo Schicksal graut, wird alle Sprache bald zum Trug.

Ein Friedhof ist bereits ein Paradies auf Erden,

In das wir schon aus Marmor unbeweglich schaun,

In Gärten aber, wo die Götter sprachlos werben,

Beschleicht mich unergründlich bleiches Graun.

Die Numen schlummern nicht. In einer kecken Laune,

Sind alle dort im Lorbeerdunkel festgebannt.

Hermaphroditen wehren schlau sich gegen Faune,

Endymion wird von Artemis im Schlaf erkannt.

Ich kann mich nirgends still mit stummem Grün umfrieden,

Vereinsamt unter Myrthen ölt sich ein Athlet.

Bis auf die Zehen bleich sind Marmorniobiden.

Geht jetzt der Mond auf? Flüstert Pan ein Nachtgebet?

Die Götter schlafen nicht. Wo ich auch träume, wander,

Verfolgt der Wind mich und es rauscht das Laub.

Oh, nun begleiten mich auf einmal Oleander,

Alleen sind so traut und dort – die Lichtung – taub!

Fürwahr! Es schweigt und schlummert diese Wiese,

Sie hat sich rings mit Schwermuthsthränen bunt bethaut,

Ein Baum aus Asien wuchtet da als fremder Riese,

Ich meide ihn! Wo tönt mir ein vertrauter Laut?

Ich schweife weiter. Lauter dichtes Flüsterdunkel

Umgiebt mich wiederum! Auf einmal lausch ich auf!

Kamelien blühen. Horcht, ein zartes Waldgefunkel,

Dann ein Gebraus, sagt laut: dort ist ein Wasserlauf!

Carraraschwäne harren blaß an einem Wehre,

Doch Wasserquirle halsen hastig hin und her,

Ein Schneegewölk kommt eben ostwärts in die Quere,

Und nun ist dieses Dunkel lautvoll, leer und schwer.

Der Lorbeerduft und Harzgeruch der Parkzypressen

Umflattert wild mein winderfrischtes Angesicht.

Ich sehe kaum! Wie soll ich Weg und Steg ermessen?

Ich schlendre unterdessen, – und seht, – dort wird es licht!

Ein leiser Weiher spiegelt still den großen Bären.

Die anderen Sterne sind noch alle weiß umwölkt.

Vielleicht wird bald die alte Klarheit wiederkehren,

Zumal da doch der Nordwind noch im Duster schwelgt.

Ich zieh den Teich entlang und denke an die Numen,

Die plötzlich in den Seelen heiter aufgetaucht,

Dereinst begrünten sie Italiens dunkle Krumen,

Und heute sind sie da, und wieder fast verbraucht.

Was bannt mich fest? Was will sich mir erklären?

Wie, spiegelt dieser Weiher eine echte Sphinx?

Ich blick empor und sehe nimmermehr den Bären,

Denn es bedeckte sich der Himmel neuerdings.

Doch sehe ich die Thiergestalt sich trotzdem spiegeln,

Und zwar so still, daß eine Sphynx auch aufwärts blickt.

Es will das Obere seine Tiefe wohl erklügeln,

Und Unteres scheint durchs wahre Dasein ganz berückt.

Ich mag mich abermals im Lorbeerhain verlieren,

Nun weiß ich ja was dieser Garten alles birgt,

Gespenster wallen auf, entwurzeln sich aus Thieren,

Und ruhen dort als Mikrokosmus streng bezirkt.

Der Garten selbst verschlingt in sich Italiens Schätze,

Dem Stein und Muschelstrande gleicht der Weiherkies,

Ein dunkler Weg im Grünen ahmt die Gegensätze

Von Flur und Haide in Etruriens Paradies.

Jetzt ist der ganze Park noch kalt, verwildert, finster,

Und ich verstehe seinen Reiz vielleicht allein,

Erblüht jedoch am Meer und Apennin der Ginster,

So rahmt auch hier der Goldlack holde Beete ein.

Und dann umglühen Käfer offene Purpurblüthen,

Und eine Aloë verschenkt in einer Nacht

Die Pracht, die ihre Wurzeln hundert Jahre hüten,

Bis sie auf einmal jäh und übervoll erwacht.

Es glänzt mein Pfad! Ich werde nun zu Menschen treten.

Führwahr! Vor mir erstrahlt ein herrlicher Palast.

Zum Feste denn! Ich darf mich heute nicht verspäten.

Ach, welches Bangen mich auf einmal ganz erfaßt!

Ein blendendes Treppenhaus hält mich umfangen.

Ich weiß nicht, wie recht durch die Knäule und Schlangen

Von Masken und Schleppen zum Saal zu gelangen.

Treppauf und treppab seh ich Dominos fliegen

Und riesig gewandt, sich in Festgruppen schmiegen.

Das wirbelt und plaudert. Das blendet die Sinne.

Das funkelt und flunkert von flüchtiger Minne.

Das fächelt mit rosigem Fächer noch Scham

Ins blasse Gesicht eines alternden Gecken,

Der eben sich etwas zu eifrig benahm.

Ich sehe mit Küssen sich Arme bedecken.

Dort wirft eine Dame den Handschuh zurück;

Ein Jüngling berührt ihre Spitzen voll Glück;

Und niemals bemerkte ich Kleider, Geschmeide,

So sehr, als wenn Larven die Züge verhüllen.

Jetzt heben sich Finger behandschuht zum Eide,

Erwünschtes verspricht man sich bald zu erfüllen!

Es ist das ein Vorspiel in rauschender Seide.

Ich selbst aber sehne mich weg von den Stiegen

Und trachte mich langsam ins Innere zu schmiegen.

Es schweift nun mein Auge durch flimmernde Zimmer,

Rings spiegelt sich Flitter und Lüsterlichtschimmer.

Ein Walzer fängt an manches Paar zu beschwingen

Und rhythmisch den festlichen Saal zu durchklingen.

Jetzt wirbelt und tanzt alle Welt durcheinander,

Im Umkreise protzen verlaßene Matronen.

Es streift mich soeben ein Prachtsalamander.

Ein Zwiegespräch könnte sich allerdings lohnen.

Doch ist er bereits unter Feen verschwunden.

Nun faß ichs, es handelt sich hier um Sekunden!

Die nächste Entstiegene lohender Gluthen

Wird sicherlich gleich, wo es sei, angehalten;

Vergnüg ich sie dann blos auf kurze Minuten,

So fürchte ich nimmer die rothen Gewalten!

Ein Domino, schwarz wie die Nacht in den Meeren,

Trägt Perlen im Haare. Ich sah ihn schon früher.

Vielleicht sind das Schnüre urkünftiger Zähren.

Wer weiß? Er ist lustig, denn viele Bemüher

Und junge Erglüher umschwirren ihn heiter.

Nun lassen wir sie, und lustwandeln wir weiter.

Die Kerzen umschimmern schon flimmernde Schleier,

Und Wandspiegel geben sie kugelhaft wieder;

Fürwahr, oben hangen jetzt durchsichtige Eier

Und gießen ihr Irislicht rieseldicht nieder.

Kurz nur treffen sich die Blicke,

Jedes denkt an heitereDinge.

Knüpft durch eine Zufallsschlinge

Hier der Augenblick Geschicke?

Ist ein Ansturm wo geglückt,

Plötzlich wird dort hell gelacht.

Ward ein Fall ans Licht gebracht?

Jede Laune wird zerpflückt!

Skepsis ist des Faschings Wesen,

Seine Freude Medisance,

Lauter kleine Antithesen

Geben Witzen Resonance:

"Seht im Spiegel jene Damen

Haben Häubchen wie ein I,

Passen wirklich in den Rahmen!"

Lacht ein Täubchen mit ésprit.

Hier ist alles Rokoko,

Blüthenbüschel schlüpfen sacht

Aus der Zierrat blasser Pracht.

Engel sitzen ohne Tracht

Hoch auf Wolken irgendwo.

Feen schweben im Trikot,

Über unserem Erdniveau.

Alle sind galant und froh,

Masken geben Rendezvous,

Vor der Hand, nur Fuß an Fuß,

Gottseidank inkognito.

Überall wird kokettiert,

Herzen brennen lichterloh,

Jeder Witz ist unmaskiert,

Wehe jedem, der sich ziert!

Hier kommt alles apropos,

Nur! wo bleibt mein Domino?

Schwupps!da huscht er durch den Saal!

Maske, hab ich dich einmal!

Muth, mein zugereister Mann!

Sprechen wir sie höflich an:

"Magst Du Maske, mir Vertrauen schenken,

Möchte mich um Deine Gunst bemühen,

Laß den Blick in Deine Seele senken

Und den Fall der Larve hold verfrühen.

Wenn zwei Menschen Gleiches denken,

Kann ein Blick ein Ja versprühen,

Unser Fühlen hold zur Liebe lenken,

Und die Herzen aneinanderglühen!"

Meine Kühnheit hat gefallen,

Denn ich bin schon eingeladen,

Plaudernd auf und ab zu wallen,

Und nach heitern Promenaden,

(Kann ich wirklich amüsieren)

Ernste Themen zu riskieren.

Doch vor allem will ich loben:

"Holde Maske, Du bist prächtig,

Deine Schönheit mitternächtig,

Perlen, die Du rings verwoben,

Gleichen Deine trauten Augen,

Die nicht für die Erde taugen."

"Nicht so schnell, das Paradies,"

Heißt es jetzt: "ist furchtbar weit,

Und da man mich draus verstieß,

Trag ich jetzt als brave Maid

Muthig jedes Erdenleid!"

"Oh es ist die Einsamkeit,"

Fall ich ein: "Voll Bitterkeit,

Täglich schlag ich eine Schlacht,

Mein Alleinsein giebt mir Macht,

Du jedoch bist wie die Nacht,

Weib und schwarz und voller Pracht!"

"Müßte Dich erst ganz erproben

Kannst bestimmt auch Andere loben!"

"Oh, bewundern kann ich Viele,

Manche," sag ich:"hat Geschmack,

Helles paßt zum Faschingstile,

Schwarz jedoch zu meinem Frack!"

"Schließe nicht nach dem Gewand!"

Hör ich: "Mann aus fremdem Land,

Oft verbirgt die schwarze Hülle

Weiser Schönheit Überfülle!"

"Ganz und gar nicht, glaube mir,"

Fall ich ein: "Gewand und Zier

Sprechen offener als ein Mund:

Deine Seele ist ein Schlund.

Weißes Fleisch ist ein Geschenk.

Deine Schönheit Dir zu eng.

Durch die Larve, nicht die Haut,

Hab ich ganz in Dich geschaut!"

"Was Du sprichst ist zwar gewagt,"

Wird als Antwort mir gesagt:

"Doch es freut mich immerhin,

Deine Worte haben Sinn.

Willst Du mit mir plaudern gehn?

Hier wo sich die Paare drehn,

Die Musik von Liebe girrt,

Wird man ganz und gar verwirrt!"

"Auf ein recht vertraulich Wort,"

Sag ich: "geh ich gerne fort,

Hier im Saal ist es so warm:

Schlanke Mohrin, Deinen Arm

Und zugleich die kleine Hand,

Als ein erstes Freundschaftspfand!"

"Alma dürfen Sie mich nennen,

Doch von nun an, bitte: Sie.

Sollen lieber gleich mich kennen,

Denn Sie haben Phantasie.

Stellen Sie sich wenig vor,

Schließen Sie nach meinem Ohr,

Das ist klein und etwas rund,

Und so ungefähr der Mund!"

"In die allerliebste Muschel",

Sag ich:"wispert man kein Sie,

Du und Du wirkt im Getuschel

Voll von dunkler Harmonie!"

"Nun so muß die Larve fallen!"

Heißt es nun mit Energie.

Was nun folgt, kann mir gefallen,

Dieses Weib hat Poesie!

"Werthe Dame, Ihre Blicke

Gaben mir den ersten Stich,

Doch ich glaube an Geschicke,

Und verstehe manchen Schlich.

Wollte mir daher vertrauen:

Frauen sind nicht fürchterlich,

Doch gesteh ich, Ihre Brauen

Triumphieren über mich!"

Kaum bin ich damit zu Ende,

Reicht sie mir vergnügt die Hände:

"Dem Besiegten", sagt sie:"Gnade,

Sein wir offen und gerade,

Eben noch voll Prüderie,

Hab ich jetzt schon Sympathie!"

"Nun so wandern wir denn weiter,

Flüchten wir von Saal zu Saal!"

Meine ich vergnügt und heiter:

"Menschen sind mir eine Qual,

Sehn wir lieber durch das Fenster,

Hinterm riesigen Krystall,

Auf die silbernen Gespenster,

Dort beim großen Wolkenball!"

"Oh da bin ich gern dabei,

Was ist, bitte, Poesie?

Sehe sie in allerlei,

Doch ihr Wesen faß ich nie!"

Wie mich das die Dame frägt,

Sage ich ihr unentwegt:

"Treue Freunde, Traumgebilde,

Jeder Ahnung Wahrgestalt,

Unseres Wanderns Mondgefilde,

Gar kein Ziel, ein innerer Halt!

Lebenshauche unserer Lieder,

Frühjahre der Seelennacht,

Hier an Ihrer Brust der Flieder,

Der mich bang und froh gemacht,

Aller Dinge Melodie,

Nicht der Glanz, doch das Genie,

Tiefste Wirbelharmonie,

Ist ganz greifbar Poesie!"

"Jene Dame dort im Saale

Scheint mir schön geschmückt zu sein,

Ja, es ist mir, als verstrahle

Sie den klarsten Sonnenschein,

Ihre Tagsmaragden leuchten

Und ich sagte gern, befeuchten

wie ein helles Quellengrün

Wiesen, wo Narzissen blühn!"

In die Rede stimm ich ein:

"Sehn Sie dort, im Kerzenschein,

Ruht ein Weib fast mitternächtig,

Nur Rubine und Granaten

Übersprühn es urbedächtig:

Skeptisch gegen Tagesthaten

Scheuen sie fast jeden Laut!

Doch auf Ihrem Haare graut

Schon des Morgens Perlenschimmer,

Oh sie tagen, tauen immer!"

Ihre Larve fällt herab,

Scham und erstes Morgenroth

Sah und haschte ich noch knapp,

Und ich weiß was mich bedroht!

"Kommen Sie, doch vor den Leuten

Bleibt es noch beim alten Du!

Dieses Sie darf nichts bedeuten!"

Meint die Maske voller Ruh,

"Nun das sei, um Mitternacht,

Sag ich so wie so dann Sie,

Maske, durch Deinen Esprit

Wird die Zeit mir kurz gemacht!"

Kaum erst ist das ausgesprochen,

Werden laut wir unterbrochen.

Es wirbeln und rascheln im Saal Tamburellen,

In Seide gekleidete Masken umtollen,

Als Eidechsen, Falter, Insekten, Libellen,

Bacchantinnen, die ihre Spenden entrollen.

Mit Reben umgeben sie Fenster und Thüren,

Satyre verschenken Orangen und Nüsse,

Silen will die lieblichste Nymphe verführen,

Und Kinder mit Lichtflügeln werfen uns Küsse.

Jetzt tritt Aristophanes selbst auf das Podium

Und ruft die italischen Masken ins Leben;

Wir sehn lauter Frauen voll Kampflust und Odium,

Und Männer sich weiblichen Launen ergeben.

Rosaura hat eben den Hausstand zerschlagen,

Es kann Harlekin sich darüber nicht trösten,

Doch auch Pantalon nicht den Jammer ertragen,

Er läßt bei Brighella rasch Trostäpfel rösten.

Das alles erklärt von olympischer Warte

Ein Weib, das verzückt aus dem Chore getreten;

Es sagt uns, es sei die Commedia dell' arte

Das letzte Hellenenthum junger Poeten.

Nun schenken uns Faune ganz reizende Düten;

Wir öffnen sie, kosten und schneiden Gesichter,

Wir möchten das bittere Geheimniß behüten,

Doch schwätzt schon und lacht das Paniskengelichter.

Das Weib am Kothurne entschuldigt sich heiter

Und schwört uns bei Bacchus, das seien die Reste

Des attischen Salzes und fährt munter weiter,

Was wir nun besorgten, sei weitaus das Beste

Aus Hellas, homerisches Riesengelächter!

Wir sollten es tief aus den Bauchhöhlen holen,

Denn Dionysos liebt alle frohen Geschlechter!

Und nun schlagen Kobolde laut Kapriolen.

Auf einmal erscheinen im Saale Laternen.

Wer trägt sie und schwingt sie? Ganz weiße Gestalten,

Pierrots mit hellflimmernden, blendenden Sternen,

Beginnen jetzt schweigsam beim Feste zu walten.

"Sie sind dem eleusischen Dunkel entstiegen

Und kennen die Paare, die bald sich vermählen,

Und werden sich gleich an die Glücklichen schmiegen!"

Beginnt nun die Pythia mit Schwung zu erzählen.

Nun wird meine Maske, dann ich von Laternen

Und stummen Geberden umschwirrt und umgaukelt,

Und trotzdem die Lichter sich endlich entfernen,

Ists beiden, als würden wir förmlich geschaukelt.

Gottlob, die Prophetin fährt fort: "Die Laterne

Hat Diogenes diesen Pierrots hinterlassen,

Doch auch seine Tonne, – ich zeige sie gerne –,

Ist da, sie kann heimliche Insassen fassen!"

Es will meine Maske nicht wegsehen. Verlegen

Erwarten wir beide recht peinliche Scherze.

Doch nein! Ein gefälliger Gott ist zugegen

Und tritt mit dem veilchenumwundenen Märze,

Der Blumen verstreut, rasch im Pantherfell auf.

Das Faß wird gewendet; es sprudelt der Wein

Wie Gold aus dem Spund; seinen schäumenden Lauf

Durchkreuzen und dämmen nur Trinkbecher ein.

Verschiedene Zwerge mit kreischenden Stimmen

Und sprechende Vogel erscheinen im Saal;

Sie thuen, als würden sie neidisch ergrimmen

Und machen im Fistelton argen Skandal.

"Folge mir aus diesem Saal,

Hier ist alles zu konfus,

Das wird fast ein Bacchanal!"

Sagt die Maske: "Billigst Dus?"

"Nein, ich gehe gerne fort,"

Sage ich sogleich erfreut:

"Sprechen wir ein trautes Wort,

Sinnlos, aber doch gescheit!"

"Sehn wir jetzt dem Windfest zu!"

Sagt die Maske überrascht,

Wie sie plaudernd, ganz im Nu,

Eine Mondvision erhascht.

Hinterm Fenster sehen wir

Wolkenrosse Leichen ziehen,

Und ein helles Silberthier

Glotzt in Chaosharmonien.

"Willenlose Wirbel sind

Wilde Beute ohne Herrn,"

Meint die Maske: "jedem Wind

Folgen, geben sie sich gern."

"Flockenwolken stocken dort!"

Fall ich in die Rede ein:

"Scheuen sich in einem fort,

Formen oder Gischt zu sein."

"Nebeldüten öffnen sich,

Weiße Kelche gehen auf,"

Meint die Maske feierlich:

"Sieh den dichten Irishauf!"

"Welches fabelhafte Gold,

Welche große Pollenwuth,"

Sag ich: "sich dort hoch entrollt

Und dann überm Monde ruht!"

"Gehn wir weiter, möchte jetzt

Eigentlich am Meere sein!"

Sagt die Maske: "denn zuletzt

Sah ich es im Mondenschein.

Ringsum perlte der Kies,

Lauter Wünsche huschten auf,

Alles zerrte, schwirrte, stieß

Ohne Anfang und Verlauf."

"Habe ich nicht recht geahnt,

Als ich sagte, daß Dein Geist

Dich an dunkle Hüllen mahnt?"

Frage ich die Maske dreist,

Sie erwidert: "Sicherlich

Hast Du recht, zu recht gehabt,

Doch ich fühle, innerlich

Wird die Trauer weggeschabt."

"Nun, so wollen wir im März",

Ruf ich froh, "aufs Land hinaus,

Ja es pocht bereits mein Herz

Mit dem wilden Meergebraus,

Oh, der Lenz kommt ungehemmt,

Fühlst Du ihn nicht aufwärtsziehn?

Windeswogen überschwemmt,

Wittert ihn der Appenin.

Jeder Wuchtcharakter beugt

Endlich sich vor Lust und Föhn,

Jede Wandlung, die er zeugt,

Macht den Leichtsinn wunderschön.

Hat doch alte Erdenkraft,

Mit der Sonne hold vermählt,

Den Planeten umgeschafft,

Das er selbst den Gott erwählt,

Der sich ihm als Rausch entrafft."

"Deinen Fels erklimm ich nicht,

Meine Seele liebt die See,

Dir zu folgen wird mir Pflicht,

Doch bedenk auch Du mein Weh!

Unser Urgeburtenmeer

Zog mich fast zurück zu sich.

Schon ward alles ringsum leer,

Und die Leere fürchterlich.

Doch man hat mich aufgefischt,

Die Erinnerung aber war

Schon im Busen aufgefrischt,

Und nun wird mir völlig klar .

(Weiß ich auch nicht recht warum),

Daß ich nichts entfalten darf.

Irgend etwas wehrt es stumm,

Damals aber sah ichs scharf!

Doch ich liebe noch das Meer,

Wenns dem Nichts entgegenschäumt

Und erbärmlich hin und her

Sich verschlägt und wild verträumt!

Schäumt es, glaub ich fast, es sträubt

Etwas sich, nur Wind zu sein,

Doch sowie es ganz zerstäubt,

Gischtet es dann frei und rein!"

"Ja, es sträubt, es bäumt die See

Gegen das Zerstäuben sich,

Schäumend schluchzt sie noch Ade,

Und enthaucht dann bitterlich!"

Fall ich ein, dann faß ich mich:

"Schwarze Maske, lasse das,

Komm aus diesem Witterstrich,

Ohne wirklichen Verlaß,

Rasch zurück zum Maskenfest!

Tritt ans Fenster! Monderhellt

Stehn dort Wesen felsenfest,

Blicke in die äußere Welt!"

"Siehst Du jenen Tropenbaum,

Sterne spähn durch sein Geäst,

Goldig sah ich ihn im Traum,

Und darauf ein Schlangennest!"

Sagt das schwarzverhüllte Weib,

Athmet tief und fährt dann fort:

"Gar nichts hatte seinen Leib,

Ringsum wogte Gottes Wort.

Früchte bunt und schlangenrund,

Sah ich ohne Zeit und Ort,

Eine führte ich zum Mund,

Und da war ihr Ast verdorrt.

Ich verbiß in Felsen mich,

Durch die Zähne troff die See,

Und der Erde Vipernstich

Fühl ich noch als großes Weh!"

"Komme fort und sieh mich an,

Weg von Dir und jener Welt!

Hänge Dich an Deinen Mann,

Sieh in ihm ein Lichtgezelt.

Was man schaut und rings erfährt,

Das bestätigt was man ist!"

Sage ich: "Denn man bewährt

Tiefer sich als Ziel und Frist!

Wenn man wirklich innig liebt,

Braucht man keinen Wunsch zu fliehen,

Was ein einzger Mensch vergiebt,

Hat schon Gott durch ihn verziehen!"

"Sei mein Freund und steh mir bei,

Nimm den Ring von meiner Hand,

So! Nun bin ich endlich frei!"

Sagt ein Weib mir urverwandt!

Mitternacht! Mitternacht! Die Larven fallen.

Mitternacht! Man erkennt sich, jubelt laut.

Mitternacht! Walzer wallen durch die Hallen.

Mitternacht! Keinem Gaste bangt und graut.

Mitternacht! Die Isis wird bewußt

Und entschleiert sich der Sonnenwelt.

Jubel sprudelt ans der Gottin Brust:

Ihre tiefe Einsicht überwellt

Urgesuchte, weltverliebte Lust.

Wollust wird zu Gott geschnellt.

Mitternacht! Ich beschenke Dich mit Blumen.

Mitternacht! Du trinkst mir zu, man wünscht und hofft.

Mitternacht! Blüthenreif bedeckt die Krumen.

Mitternacht! Der Nordwind geistert und erschreckt uns oft.

Mitternacht! Was sieht nimmt einen Flor.

Völker überziehen sich mit Scham.

Ostern glüht jetzt überall empor.

Geist entsteht. Wer weiß woher er kam!

Mitternacht! Mein Weib und ich sind eins,

Eins im ewiggroßen Weltgebraus.

Glücklich unseres Zusammenseins,

Ruhen wir vom langen Wandern aus!

"Alles Fühlen, alles Denken

Ist ein fremdes oder fernes

Insichselbstsichtiefversenken!"

Sag ich: "Jeder Mensch erlern es.

Doch vor allem soll es gelten,

Sich persönlich zu verschenken,

Licht aus seinen Innerwelten

In die Nächsten zu versenken.

Alles Sehen, alles Lieben,

Ist an sich das wahre Leben,

Blos die Hoffnung ist geblieben,

Die Ereignisse entschweben!"

"Das Gebrause, das ich höre,

Ist wahrscheinlich wirklich wahr,

Lauter unsichtbare Chöre

Singen uns als trautes Paar.

Winde wälzen Wolkenwogen

Unaufhörlich himmelwärts,

Für die Liebe ausgezogen

Wuchtet auch in uns der Schmerz.

Dieses Ineinanderbranden,"

Sagt mein Weib: "ist wunderbar,

Oft geht da der Blick abhanden,

Doch auf einmal wird es klar:

Immer neue Wünsche winden

Tief sich in ein Urgemüth,

Können nie das gleiche finden,

Da es sich zu dauern müht

Und in stillen Freiheitspeichern,

Immer fester sich erfaßt,

Und so glaub ich, wir bereichern

Uns auch fort und ohne Rast!"

"Willst Du nicht zum Fenster treten?"

Frag ich: "doch dann sprich nur weiter,

Siehst Du jene Statue beten?

Oh, die Mondnacht ist nun heiter!"

Der Mond umfaßt die Glieder eines Knaben

Und seinen Leib bedecken Perlenschnüre.

Ist das Ekstase, starres Lustgehaben?

Die Schatten dauern still wie Liebesschwüre!

Der Mond will sich am weißen Marmor halten,

Als Weltruine liebt er kalte Gesten:

Das Felsgestirn sucht weithin in den Spalten

Der Erdromantik stets nach hehren Resten!

Der Grieche scheint die Mystik einer Seele

Dem todten Lichte völlig darzubringen,

Dafür empfängt sein holder Leib Juwele,

Die aus der Geisterwelt herüberklingen.

Ein Schein wie Milch umfließt die weißen Glieder,

Und Iristropfen schimmern aus dem Steine.

Selene fleht und tritt zum Jüngling nieder,

Es ist, als ob sie küssend ihn beweine.

Nun scheint das Licht sich schweigsam zu beleiben

Und fast die stillen Glieder zu erweichen:

Es wollen beide stumm in Glück verbleiben,

Und blos in einem Liede sich erreichen.

"Schwermuthwolken kann ich wittern,

Gehn wir nicht zurück zum Fest?

Träume wollen uns erschüttern,

Werde mein und halt mich fest.

Furchtbar fühl ich schon die Stunden,

Da man lebt wie jeder lebt!"

Sagt mein Weib: "ich liebe Kunden,

Wo der Mensch sich überhebt!"

"Meinst Du jene Lichtsekunden,

Da man selber sich entschwebt,

Da die Mühe überwunden,

Immer tiefer niederstrebt?

Ja, mit jedem Flügelschlage

Schließt man Gräber unter sich,

Denn die Zukunft aller Tage

Wirkt in Dichtern innerlich!

Doch für heute laß das gehn,

Höhen hat die Erde auch,

Und ihr Wesen ist Gestehn!

Doppelspiel ist Frauenbrauch!

Worte", sag ich: "kann man zügeln,

Sterne aber scheinen wahr,

Blicke kann man kaum erklügeln,

Immer sind sie offenbar!"

"Nun, so komm, wir wollen schweigen,

Glücklich lehnt sich Traum an Traum,

In uns selber aber steigen

Traute Stunden aus dem Raum.

"Siehe", spricht mein Weib: "wie innig

So ein Saal sich selbst beseelt,

Wie sich alles still und sinnig,

Minnig fast in Pracht vermählt.

Oh, der Raum fängt an zu sagen!

Ruht er schon vom Feste aus?

Schweigen ist das tiefste Fragen,t .

Horch! es lispelt jetzt das Haus!"

Marmorsäulen sind mit reicher Steinmetzarbeit dicht umlaubt,

Tragen dumpf der Fenster Bögen. Karyathiden halten Wacht,

Bleich im Narrenspiel der Menschen, stumm im Wechselspiel der Nacht

Und die kleinen Nischensäulen sind gewunden und geschraubt.

Oh Ihr weiten, fernen Zeiten! In der Seele wachgerufen,

Taucht Ihr auf, Euch zu empfinden, und lebt fort, wenn Ihr mich rührt.

Altumwandet kommt das Neue, und wir werden so verführt,

Als Erprobtes zu verwenden, was wir eben selber schufen.

Große Römervillen werden Ruheplätze der Natur,

Wo sich tausend Elemente unserm Menschenwillen beugten.

Wesen, die fast abgeschlossen von den Schollen, die sie zeugten,

Geistig und sich selber lebten, wandelten auf freier Spur!

Im Gedanken freie Schwärmer, Philosophen, Forscher, Dichter,

Allen Lebens Feuerblüthen, starke Seelen voller Glanz,

Immer schlürft Ihr, wie Kometen, Pollengold vom Sternenkranz,

Ahnt Ihr aber auch die Gründe ewiglich verschiedener Lichter?

Sterne und ihr Nachtgefolge ziehen durch ein stummes All,

Ihre Sehnsucht weckt das Leben, keine Strahlen gehn verloren,

Denn die Ewigkeit ist innig: und in uns bereits geboren,

Wird der Geist, der sie durchleuchtet, jung beseelt als Widerhall!

Stille Treue zu den Sternen ist das Leben der Planeten,

Und die Sonnensehnsucht zeigt sich als Kometen in der Welt,

Und auch diese werden endlich frei auf ihre Gluth gestellt.

Suchen sie dann selbst die Ruhe, können Welten sich verkneten.

Aller Sterne Feuerblüthen schleift in sich der Weltkomet,

Denn sein Schooß empfängt beim Wandern lauter Sternenelemente,

Doch wir selbst erschaun sein Wurzeln blos auf kurze Glücksmomente,

Wenn er Liebesworten ähnlich seine Feuerschnuppe sät.

"Sieh, im Tanzsaale die Paare!

Hofft dort jemand was wir fanden?

Denn was ich nun tief verwahre,

Hab ich früher nie verstanden.

Sage Du mir," spricht mein Weib:

"Wie soeben alles kam,

War ich Dir blos Zeitvertreib?

Sage, wie ich mich benahm."

"Nun wir haben traut geplaudert,"

Gebe ich zur Antwort: "Endlich

Hat man nimmermehr gezaudert,

Alles schien uns unabwendlich!

Holde Anmuth Deines Wesens

Hat mich innerlich bewegt

Und die Ahnung des Genesens

Plötzlich in mein Herz gelegt.

Traut beginnen meine Lieder

Bis ich Höhenlust erwühlt,

Schwer nur faß ich mich dann wieder,

Doch so wie ich Dich gefühlt,

Holdes Weib, blieb ich hienieden,

Deine Augen hielten Wacht,

Riefen mich und strahlten Frieden.

War das meine letzte Nacht?"

"Deine letzten finstern Stürme!"

Sagt mein Weib: "An Deiner See,

Bau ich unsere festen Thürme,

Daß ich Dich beruhigt seh!"

"Richtig," ruf ich: "Deine Blicke

Senkten gleich sich in mein Sein,

Lenkten schon unsere Geschicke,

Denn ich fuhr im Hafen ein.

Wahrlich, so ist es gewesen,

Jetzt entsinn ich mich vielleicht,

Oh, ich war ein wirres Wesen,

Habe nie mein Ziel erreicht.

Schifflein waren unsere Reden,

Wiegenspiele munterer Fahrt,

Mit der Flagge eigener Art,

Sollten ernst sie sich befehden.

Gut gerüstet als Piraten,

Haben meine aufgepaßt,

Deine sollte Dich verrathen,

Da Du Dich verkleidet hast!"

"Ja, die Wimpel meiner Laune",

Sagt das Weib: "Verrieten mich!

Wirklich wahr, ich denke, staune:

Alle ließen mich in Stich!"

"Ich verfolgte sie im Treffen,

Hofft ich doch, daß ich verlor,

Ließ oft andere Segel reffen,

Sieh, und endlich kam ich vor!

Hinterm Damme Deiner Zähne,"

Mein ich: "Rüstetest Du fort,

Plötzlicht fiel da eine Thräne,

Auf das flinkste Kaperwort.

Oh, da ist es gleich gesunken,

Beide tauchten wir danach,

Alle Mannschaft ist ertrunken,

Unsere Schlacht ward unsere Schmach;

Jene Perle liegt im Meere,

Und wir denken noch an sie,

Todt sind unsere munteren Heere,

Alles schweigt aus Harmonie!"

"Bleib in meinem sicheren Hafen,"

Sagt mein Weib. "ich halte Wacht,

Selbst die Träume sollen schlafen,

Ferne braust die dunkle Nacht!"

Die Putten, mit den schweren Fruchtgewinden,

Die heute lauter Schelmerei erlauscht,

Sind fröhlich, denn nun haben sie verstanden.

Was Liebe ist und wie uns Lust berauscht.

Die Spiegel, die Gestalten wiedergeben

Und die dem Saale seinen Prunk verleihn,

In denen scheinbar lauter Paare schweben,

Sind bald bestimmt, ganz blind zu sein.

Erinnerungen werden wiederkehren.

Und tausendfach erträumt sich dann der Saal,

Gleich Spiegeln können ihn Visionen mehren,

Und ringsum wimmeln Nischen holder Wahl.

Doch werden hier die Sammtgardinen rasten,

Im Mondlicht schimmert bald ihr Purpur halb,

Die prachtvollen und schweren goldenen Quasten

Umbaumeln sie darauf gleich einem schweren Alb.

Die Gäste fangen an nach Haus zu gehen.

Die Edelsteine hüllen sich in Nacht.

Aus Sammt und Seide wird bald Wärme wehen

Und feenhaft entschwebt sich selbst die Pracht.

Nun heißt es scheiden und zufrieden bleiben,

Ich nehme vieles Glück vom Feste mit.

Der Abschied drängt: wozu noch Kurzweil treiben,

Zum Wiedersehen wagen wir den ersten Schritt!

Nur lose Blumen darf ich jetzt verschenken,

Sie sind so bunt wie es beim Feste war,

Ich selber will blos an die Freuden denken,

Es wird in Blüthen jeder Frühling wahr!

Oh, sei mein Lenz, ein ganzes neues Leben!

Oh, lös den Reif, der meine Seele zwängt,

Fort aller Trotz, ich will das Glück erstreben!"

Ruft hold mein Weib: "Die Welt ist gluthdurchtränkt!

Mein Keuschheitsfeuer strahlt zu Deiner Wärme,

Mein Leib ist Dein, es folgt bereits der Geist,

Fühlst Du sie nicht, die flüggen Frühlingsschwärme?

Sie sind aus mir in Dich emporgekreist!

Der starken Sprache frische Sprudellieder

Entschwirren mir zugleich als Sang und Lied.

Das Eis zergeht, ich habe Dich nun wieder,

Urewig bin und war ich blos Dein Weib.

Oh sei mein Lenz, ich kann Dich herrlich bannen,

In Sehnsuchtsbächen spiegle sich Dein Licht.

Fängt dann der Lustschwall an sich abzuspannen,

Umträume mich und schweige, schlafe nicht.

Oh bleibe mir, daß sich die Seelen küssen,

Oh fühle dort, wie Wunsch zum Wunsche bangt,

Denn Träume sind es, die sich hören müssen,

Damit ein Sein im andern sich erlangt!"

Nun sage ich: "Laß an die Brust Dich drücken,

Es jauchze schon, voll Übermuth, ein Kind!

Denn Lust zerrinnt, wer bannt sie, hascht den Wind?

Wenn weltvernarrte Träume uns entschweben,

Verspinnen Scherze sich von Herz zu Herz,

Und immer mehr von uns muß sich ergeben,

Der Leiber Gluth vereint zu gleichem Schmerz!

Nicht morgenhold sollst Du mich je entflammen,

Kein Scharlachgold entlohe Deinem Blut,

Ich scheue Freuden mit zu wundersamen

Enträthselungen unserer Geisterfluth.

Ich mag die Welt in voller Sonne sehen,

Wo jedes Fühlen sich zur Klarheit dehnt,

Die Mittagshauche Blüthendüfte wehen,

Erhaben alles sich nach Reife sehnt!

Mich freut der Tag, der sich von Liebe flüstert,

Ich liebe Seelen, die sich ganz vertraun,

Das Feuer, das in stillem Blicke knistert,

Doch vor der Schwüle packt mich arges Graun!"

"Oh sei mein Lenz, laß mich den Traum vergessen,"

Fleht nun mein Weib: "Da ich gar einsam war.

Das war ein Bild voll Weiden und Zypressen

Und selbst die Sonne schien nur selten klar.

Nun will ich Luft und Licht und Dich genießen,

Schon kommt der volle Lenz, der mich erweckt,

Des Winters Irisflimmer wird zerfließen,

Bald scheint die Welt von Teppichen bedeckt.

Wird alles Gold aus dunklem Schacht gezogen?

Sieh, wie es innerlich die Reben wärmt,

Von den Geschöpfen wird es eingesogen,

Da es berauschend durch uns alle schwärmt.

Ein Kuß voll Gluth und Gold soll uns vereinen.

Oh komm, zwei Ringe, kühlen, fühlen sich,

Wir wollen fiebernd uns gefällig scheinen,

Wie bist Du kalt, war das ein Stich?

Wir sind ein Paar und eng verbunden,

Wir liebten glühend und sind auch erblaßt,

Was fremd uns schien, verblich und ist verschwunden,

Und nur was beide eint, hat sich erfaßt.

Was unsere Seele nicht unendlich paarte,

Ist weggesprüht, in beiden längst versengt,

Doch was sich heimlich, ähnlich, offenbarte,

Hat sich vermengt und Frieden uns geschenkt!"

Ich sage drauf: "Ich kann nur wenig lieben,

Das, was mich freute wird mir plötzlich fremd,

Was mich dereinst berauschte, das ist stumm geblieben,

Was hat wohl immer noch mein Glück gehemmt?

Mein Traum enttauchte stets dem Abendgolde

Und unermeßlich schien sein Horizont,

Gestalten wandelten in meinem Solde,

Und haben bläßlich sich in Blut gesonnt.

Ich ließ mich oft von Wünschen weiterführen,

Und habe Sänger ahnungslos belauscht,

Ich träumte mich durch offene, goldene Thüren,

Und ward vom Wald in tiefen Schlaf gerauscht."

"Du rastest nie!" sagt nun mein Weib: "Verbleibe!

Wo rast Du hin, hast Du ein Ziel im Sinn?

Ich habe auch die Nacht in meinem Leibe,

Sie harrt auf Dich, sieh, wie ich hurtig bin!

Schon rauscht aus dunkelen, lebensbangen

Gefühlen Manches wie Verwunderung auf,

Sirenen wollen nach Juwelen langen

Doch trügt der Mond sie und ein Tunfischhauf."

"Der Mond!" Entschlüpft es mir: "Mit Wolkenflügeln

Erweckt er pulsend kaum den Wind am Meer,

Er küßt die Säume, die ihn glitzernd spiegeln,

Doch grollt die See, denn grau ist sie und leer."

"Ich habe ja das Meer erschaut, empfunden,"

Sagt nun mein Weib: "Es sucht und hascht die Lust,

Sein ganzes Wesen ist von Glück durchwunden,

In Geistern, Fischen, durch und durch bewußt.

Ein Irisschleier, Netze der Sirenen,

Verschlingen sich um jeden Funkenschaum,

Und Briesen, die sich sprühend weitersehnen,

Verstrahlen flimmernd, irgendwo im Raum.

Das Meer genügt, vergnügt sich, ohne Mitte,

Und spendet was das Mutterland verlangt,

Denn schlagend flüstert es die dumpfe Bitte:

Gieb mir zurück, wonach mich lange bangt.

Die Erde seufzt darauf und athmet schwerer.

Da springt die Briese auf. Der Schiffe Schwarm

Kehrt rasch zurück. Das Meer wird leerer.

Und alles schläft dann ohne Angst und Harm."

"Oh sei mein Hort, mein Heim," fleht meine Stimme:

"Auf heller Briese wehe ich Dir zu.

Daß nur mein Heimathlicht jetzt nicht verglimme,

Sonst findet meine Seele keine dunkle Ruh.

Du bist mein Pharus, will Dein Licht mich rufen?

Schon wirft es mir sein langes Flammenseil.

Dort ists der Hafen. Da der Mole Stufen.

Ins Dunkel sticht und wühlt der Blendepfeil.

Das Wasser kann allein das Licht erfassen:

Ihm ist kein Stern zu ferne und zu schwer.

Wird sich in Dir mein Glück empfinden lassen,

Und sei es schwankend nur, wie tief im Meer?"

Sahst Du noch nie den Fall der Leoniden?

Wenn Sterne lautlos durch den Äther zittern

Und ringsum sich beim Falle noch zersplittern,

Erkennst Du doch den großen Wunsch nach Frieden

Blick auf die Vögel! Ziehen sie nach Süden,

So scheinen sie, vereint, kein Arg zu wittern.

Doch kann ein einziger Sturz den Zug erschüttern,

Denn gleich fühlt sich der ganze Schwarm ermüden.

Dich konnt ich durch ein tiefes Wort erlangen,

Denn Du ergabst Dich plötzlich unbewußt,

Und Scham und Liebe quoll in Deine Wangen;

Jetzt glüht Dein Fühlen hold an meiner Brust.

Bald kann ich Dich in voller Gluth umfangen,

Denn Ruhe sucht urschließlich jede Lust.

Nun bist Du mein! Denn wunderbar ist Liebe,

Ein Tag von Stimmen, über uns gekommen.

Wir haben uns im trüben Lautgetriebe

Nur allzutief und klar und ganz vernommen.

Stets überwellten Wünsche Deine Brüste

Und ich bedrückte Dich durch Liebesschwüre,

Doch heute ruhen diese Herzgelüste

Und Deinen Nacken zieren Perlenschnüre.

Erinnerungen schimmern durch die Freuden

Und traut und traurig seh ich Bilder wieder,

Ich harre in unendlichen Gebäuden

Und Träume wachen auf als lauter Lieder.

Ich will das Unvergleichliche verstehen

Und sehe mich im Mondlicht über Seen,

Ein Fieberwind kann mich so mild umwehen,

Daß alle Sterne zitternd untergehen.

Aus Perlen können zarte Träume thauen,

In ihrem Wesen schläft ein Abgrundgrauen,

Das sie geängstigt immerdar erschauen,

Und Schicksal scheint aus ihnen aufzublauen.

Auf einmal wandle ich in todten Hallen.

Sie scheinen gothisch und am Mond entstanden,

In Gängen seh ich Wesen heimisch wallen,

Und schon gefall ich mir in diesen Landen.

Unweigerliche, ehrliche Zypressen

umwuchten dort das einfachste Gebäude,

Da drinnen kann man seine Welt vergessen

Und schöpft aus Seelenbrunnen Himmelsfreude.

Ein Marmorhaus mit seltenem Kirchengibel

Erschimmert jetzt in sanfter Perlenbleiche,

Und hehre Bildergruppen aus der Bibel

Erschauen sich im goldenen Himmelreiche.

Orkane, die zumeist als Traum verblaßten,

Vielleicht das Mittelalter meiner Ahnen,

Gewalten, die sich niemals klar erfaßten,

Beginnen mich bestimmt an sich zu mahnen.

Ein Dom, gewiß dem Monde zugewendet,

Versteinert ringsum seine grünen Muster.

Dort, wo die Hostie ruht bin ich geblendet.

Was glimmt? Ich werde urbewußter.

Ich trete vor und höre hohle Stimmen,

Das ist das KryptaEcho meiner Todten,

Jetzt fängt das Blut der Steine an zu glimmen,

Oh Gott, der Mensch erkennt Dich in Geboten:

Es singt der Fels sein Lied in Strahlengarben.

Oh Herr, gestatte, daß ich einsam werde.

Ich mag um sanfte Marmorstille darben.

Beruht auf ihrem Nordlichte die Erde?

Oh kalte Flamme, leichter als das Leben

Und stiller als die nackten Felsenriesen,

Ich will Dich wie der Stein in mir erstreben,

Oh Herr, Du seist im jüngsten Glück gepriesen.

Der Tempel ist noch immer nicht verschwunden,

Wie kann ich diesen Traum so lange bannen?

Ich bin ihm jetzt durch Wirklichkeit verbunden

Und blos ein Wille bringt mich nun von dannen.

Da schwelgt die Stadt in bleicher Perlenzierde.

Mit Marmorthürmen blickt sie zu den Hügeln.

Doch keine Rhythmen zeigen hier Begierde,

Und Linien seh ich nirgends Sehnsucht zügeln.

Der Fluß mit seinen WaldIntimitäten

Vertheilt gerecht des Thales Ernst und Milde,

In Buchten drängt er sich mit Bußgebeten

Und vor Gemäuer schwemmt er Mondlichtschilde.

In heimlicher Entfernung ragen Vesten,

Der stille Perlenstrom gelangt zu jeder.

Auch ruht ein Nebel fern auf Burgesresten,

Und scheint mir eine Ghibelinenfeder.

Es ist, als ob ein Traum zu sein sich schäme.

Trägt jegliche Idee in sich Verzicht?

Denn sonderbare, große Bergprobleme

Besonnen sich in meinem Innerlicht.

Versteinert sich noch immer nicht mein Schweigen,

Und doch, es schmückt, berückt uns jetzt ein Lenz,

Erinnerung, Du sollst der Nacht entsteigen,

Ich rufe Dich, ich nenne Dich Florenz!

Fürwahr, das sind die edlen Festungsthürme,

Die ich von San Miniato voll empfand,

Dort sah ich allen Marmors Flammenstürme

Und stummer Gluthen leisen Daseinsbrand.

Rings sehnen Lehnen sich zum Arno nieder,

Und Ölbestände glimmen still empor,

Sie lispeln ihre leisen Silberlieder,

Und oft tönt oben ein Zypressenchor.

Du wundervolle Landschaft, Deine Milde

Hat ein gewaltsames Geschlecht verstärkt;

Und deshalb ragt ein Schloß in einem Bilde

Unbändig auf, wenn man es kaum bemerkt.

Das goldene Ostergrün bethauter Wiesen

Erknospt, wenn längst die Morgenlerche singt,

Und rings um steilbethürmte Festungsriesen

Ein mädchenhafter Frühlingshain sich schlingt.

Toskanas Geist erklärt sich mir in Worten,

Schon hat er bleibend sich in mich versenkt

Und meine Sehnsucht oft zu holden Orten,

ZuFüßen hoher Zwingburgen, gelenkt.

Ich liebe Dich, Bereich der Silberlinien

Und Schneegebirge, die als Hauch verwehn,

Gelände, wo nur selten niedere Pinien,

Geschieden von Zypressen, einsam stehn.

Florenz, Dein Volk soll Städtemauern bauen,

Du hast die Arbeit kraftvoll anerkannt,

Dein Geist will Felsentrümmer rein behauen,

Und Klarheit ward durch Dich in Stein gebannt!

Du gabst der Erde Thaten und Ideen,

Doch niemals ward Dein Boden Schwärmern hold,

Du hast Dich selbst als Wirklichkeit gesehen

Und Leib und Seele ganz und rein gewollt.

Die Nacht in Deiner Seele ist nicht finster,

Du kennst doch kaum ein mystisches Versteck,

Auf Deiner Öde blüht noch goldener Ginster

Und lacht und duftet über jeden Zweck.

Es ist Toskanas eingeborene Stimmung

In ihren Robbias eigentlich erwacht,

Sie schufen ringsum kalte Prachterglimmung

Und haben Märzbeginnen angefacht.

Die Engel, die durch blaues Wasser waten,

Wie man sie oft auf Wandmedaillen sieht,

Vermocht ich selber einstens zu errathen;

Es war, als still ein Arbeitstag verschied.

In goldener Wonne ruhten die Maremmen,

Und nirgends, nirgends, regte sich ein Wind:

Da nahte, zwischen eines Flusses Dämmen,

Auf einmal mir ein hehres Himmelskind.

Es mußte sicherlich durchs Wasser schreiten,

Es kam so langsam wie ein Riesenschwan,

Es schien die größte Stille zu verbreiten

Und hat dem Uferhain kein Leid gethan.

Es glühten seine Flügel durch Zypressen,

Die fühlten wohl sein Aureolenlicht,

Denn sie verneigten sich wie angemessen,

Und alle Dinge schienen wirklich schlicht.

Dann kam der Traum mir leider in die Nähe,

Ganz plötzlich hielt ich ihn für reinen Dunst,

Und da empfand die Seele arges Wehe,

Und es verließ sie wohl des Himmels Gunst.

Ein Schiff sollte den letzten Zauber rauben,

Denn als ein solches fuhr der Traum vorbei,

Doch was ich sehe brauch ich nicht zu glauben,

Ich und die Segel sind sich einerlei.

Florenz, das ist ein kühner Frühlingstag,

Ich stoße überall auf heiteres Glück,

Wohin ich auch die Blicke wenden mag,

Es fällt in mich ein Eindruck stets zurück.

Die Sonne blendet heute überall,

Ich kann ihr wirklich kaum entgehn

Und wittere einen Seelenüberfall,

Will gar in mir ein Omen auferstehn?

Ich pralle abermals vor Glanz zurück.

Der Arno schien mir gerade ins Gesicht.

Ich gehe wiederum ein kleines Stück:

Und endlich wird es in mir selber Licht!

Erscheint vielleicht im Geist der weiße Christ,

Ist meine Seele wahr und keusch genug,

Legt seine Milde sich in meinen Zwist,

Da ich schon häufig heiter Leid ertrug?

Entstehe, bleicher Heiland, fern in mir:

Du blendest mich und bist dabei so weich.

Das ist mein Seelengrund: erfüll Dich hier!

Beherrsche mich, Du bist in Deinem Reich!

Wie eine Zelle sei mein stilles Herz,

Oh, geh in sie, wie in San Marco, ein,

Dort ist das Leid so weit von jedem Schmerz,

Oh könnt ich einsam, rein und einfach sein!

Maria ist die Reinheit in der Welt,

Die einzig Gottes Flammenwort empfängt,

Und wenn sie das in sich verborgen hält,

Hat sich der Herr in seinen Sohn versenkt.

Ihr Engel, Wanderer, Esel, Rind,

Erzählt Euch selbst, was Ihr bei der Geburt

Von unserm Gottgeschenkten Gnadenkind

In Eurer biedern Einfachheit erfuhrt.

Denn damals wurde Er in Euch bewußt,

Ihr wart voll Angst und deshalb floh er Euch,

Dann hielt der Nil ihn noch an seine Brust

Und wer ihn zeugte, folgt ihm mit Gekeuch!

Bei seiner Taufe ward ihm selber klar,

Daß er der Heilige der ganzen Welt

Und der Verkünder ihres Geistes war:

Der Jordan selber hat sich aufgewellt.

Oh Herr, jetzt steigst Du aus dem dunklen Grab.

Ob Dich dazu der Wächter Schlaf beschwingt?

Zwar trägst Du schon den holden Friedensstab,

Doch bist Du noch von Urvergessenen umringt.

Was Dir nicht nahen kann, bleibt immer da.

Verbunden sind Dir ewig Fuchtel, Pfahl.

Wo jemals eine Christenthat geschah,

War sie ein Sieg über den Stolz, die Qual!

Der Herr mit seinem Leibe ist nun fort.

Der Engel macht es seinen Jüngern klar:

Er lebt in uns. Er flammt aus Gottes Wort.

Er strahlt nun ewig in der Christenschaar.

Hier ist er nicht, im finstern Grabesloch,

Noch oben zwischen Sternen in der Nacht.

Doch leiblich ist er da. Erkennt ihn doch!

Oh geht ihm nach, versucht was er vollbracht!

Oh Christus, wär ich rein und weltenbleich,

Erfröre endlich jeder Erdensinn,

Erthaute ich in Deinem Himmelreich,

Wie bin ich schwach und sehn ich mich dahin!

Oh Gott, Dein Sohn erscheint im Frühlingshain.

Die Magdalena sieht ihn schwebend gehn.

Es ist kein Thau so klar, kein Schnee so rein,

Wie das Ereignis, das vor ihr geschehn.

In seinem Schweigen schläft bereits das Leid,

Er ist der Dinge allerdünnster Hauch,

Das Leben, das sich seinem Schöpfer weiht,

Der Trost und unser holder Wesensbrauch.

Als Gott mit uns bis in die Sünde fiel

Und in der Wesenheit unendlich blieb,

Enthüllte Er sich als das Himmelsziel

Und tilgte eifrig jeden Wuchertrieb.

Auf dem Erbarmen, das sein Sohn empfand,

Beruht nun auch des Vaters Gnadenthum,

Und in den Christen bleibt das Unterpfand

Von unseres Schöpfers Wirklichkeit und Ruhm.

So hat am Tabor Christus sich verklärt,

Berückend hell war die Astralgestalt,

Er ward das Ganze, das sich nie verwährt

Und ewig sich in uns zusammenbaut.

Es reichen seine Hände aus dem Ei

Des eigenen Wesens und zugleich der Welt,

Er ist der in sich selbst gekehrte Schrei,

Der jedes Werk im Nichts zusammenhält.

Erhoben und zerschmettert ist das Sein.

Die Jünger stürzen, oder wallen hehr,

Aus diesem Erdenleben voller Pein,

In Jesus Christus weites Gnadenmeer.

In Viele schwankt und wankt etwas zurück,

Doch Alle drängt des Geistes Majestät,

In tiefsten Seelenwinkeln glüht das Glück,

Auf dem Er noch in hehrer Pracht besteht.

Maria wird vom Sohne hold gekrönt.

Sie beugt sich keusch zu ihrem Heile vor.

In ihr sind Schöpfer und Geschöpf versöhnt.

Ekstatisch singt die Welt den Gnadenchor.

Angelico, in Dir erklingt er rein,

Wie nirgends sonst in Deinem Heimathland,

Du knüpfst von ganz Toskanas Frühlingshain

Zu Gott ein wunderbares Friedensband.

Florenz, es sprüht aus Deinem großen Ernst,

Ein heiteres Erdenlicht zu Gott empor,

Oft mein ich, daß Du Dich vom Leid entfernst,

Und Deine Seele wellt sich wie ein Flor.

Ein vollerfüllter Wunsch befreit zu sein,

Auf Gottes Sonnenstille zu beruhn,

Eine Idee, der sich die Engel weihn,

Entschuldigt da das untere Sein und Thun.

Oh, wie das jubelt und der Welt verzeiht!

Wie sich das Licht, wenn alles still ist, regt!

Wie sichs Verzückungsstunden hehr verleiht

Und rings die Erdgeschicke redlich wägt!

Ach, dieser Glanz ist außen wie in mir.

Die Sonne selbst hat Gott für sich gestellt.

Als Licht erwärmt Er Menschen, Flur und Thier,

Und ist der Sohn! Und wir sind Geist der Welt!

Oh Gott, Du krönst die Schöpfung, die Du liebst,

Wo ich auch irre, folgt mir Deine Luft,

In der Du Deine ganze Huld vergiebst:

Ich liebe Liebe, Wärme, Licht und Duft.

Florenz, das sind die Erzstunden des Tages!

Jetzt sehe ich die Steingespenster kaum,

Doch zittert nun ein seeliges und vages

Erleben, aus den Bronzen in den Raum!

Es einen Feuer, Wasser, Schmelz und Härte,

Der Geist und die Materie sich im Erz,

Es ist ob Kupfer Lust in sich versperrte,

Und ungebändigt friert im Zinn der Schmerz.

Verocchios Reiter und nervöse Pferde,

Die Jünglinge, die hold die Sonne freit,

Sind dauernde Geständnisse der Erde,

Die fiebernd sich der Sonnenliebe weiht.

Aus Pollajuolos holden Knabenlippen

Erschäumt noch jetzt des Gusses Innergluth,

Des Sonnenlichtes Salamandersippen

Entschlürfen solchen Mündern Wollustblut.

Das Erz ist nackt. Es will sich sieghaft sonnen.

In Donatellos David ward es frei!

Es hat der kleine Leib entblößt gewonnen,

Er hielt allein die Fußbekleidung bei.

Die schien ihm schön! Ob er sie brauchen konnte?

Als Harnisch wird sie stets am Licht bestehn,

Und wie er seinen Körper lieblich sonnte,

Vermocht er es, sich fertig anzusehn.

Die Thiere des Bologna werden munter.

Es sucht ihr Blut im Erz die Sonne auf.

Ein Truthahn sträubt sich, balzt mitunter,

Und Echsenvolk vergoldet sich zu Hauf.

Des Baptisteriums grüne Wunderthüren,

Verkünden sich im Glanz, was einst geschehn,

Und ihre Thiere und Guirlanden spüren

Bestimmt in sich den Frühling übergehn.

Gestalten, die an Bronzepforten hungern,

Berührten oft mein wehmuthsvolles Herz,

Und Hunde, die längs warmen Mauern lungern,

Ersah ich schon und fand ich drum in Erz.

Es giebt auch ewigstarre Kupferpfaue,

Verschiedene Schildkrotpaare aus Metall,

Verzinkte Katzen lieben das Gekraue

Vom großen, ganzen Mittagssonnenschwall.

Es ringeln Igel sich am Licht zusammen.

Ein Stieglitz pickt ein Sonnenbrosam auf.

Es streben Krebse aus gebrochenen Flammen,

Und Schlangen knüpfen einen Klopferknauf.

Als einst sich ein Flamingo her verirrte,

Bereitete ein Meister seinen Guß,

Und als er wiederum der Stadt entschwirrte,

Bestand er schon als Kunstentschluß!

Selbst jene erzexotischen Giraffen,

Die man den Medicis einst dargebracht,

Erschienen hier, sich dauernd umzuschaffen,

So daß man ihren Bau noch jetzt belacht.

Auf einem Thurme seh ich Störche hocken,

Auch brütet über uns der Mittagsball,

Es läuten sonngebräunte Männer Glocken

Und so erklingt und wirbelt rings Metall.

Des Knaben Tag vertiefter Mittagsnabel

Bestärkt um sich die ganze Lichtfigur,

Und Jovis Adler raubt mit scharfem Schnabel

Und hellen Krallen seine Kreatur.

Die Glockentöne geben ihr Gestaltung,

Nun sehe ich das Sonnenthier genau,

Auch Ganymed erscheint mit schlanker Haltung

Und schwebt im Erzlicht auf der FrühlingsAu.

Es schlafen Ziegen müde auf den Feldern,

Es hat die warme Luft sie übermannt,

Die Wälder füllen sich mit Brunstvermeldern,

Dort tanzt ein Greis, priapisch angespannt!

Florenz, das sind die Erzstunden des Tages,

Des Mittags urentscheidender Moment,

Die Schicksalsmacht jedes Vernichtungsschlages,

Der Schöpfungssturz, in dem sich Gott erkennt!

Der Augenblick, in dem bereits das Messer

Von Abraham des Sohnes Hals berührt,

Und da der Engel rufend einfällt: "Besser

Als Jakob, das geliebte Kind, gebürt

Es sich, für Jahwe einen reinen Bock zu schlachten!

Oh sieh, da Du das Feuer angefacht,

Begann Dich scheu ein Widder zu betrachten!"

Und Brunelleschi hat das Werk vollbracht.

So strahlt der Durchblick, wenn sich Kinderseelen

Entscheiden Knabe oder Maid zu sein,

Wie andere unbewußt sich nur erwählen,

Als Idolino allem sich zu weihn.

Florenz, am Himmel stehen weiße Lilien

Und strömen Pollengold zu Gott empor,

Es schlingen Bäche sich wie Lichtreptilien

Durch manches burggekrönte Felsenthor.

Der Arno breitet sich im Sonnenscheine

Still zwischen Hainen und Palästen aus,

Wohl übergolden sich bereits die Steine,

Doch schweigt noch lange nicht der Tagesbraus.

Ich sehe Bauern jetzt, auf schlanken Booten,

Stromauf und abwärts ihrer Hauptstadt nahn.

Was für ein Schaustück wird mir nun geboten?

Nur Blüthen duften, glühn aus jedem Kahn.

Es wallen Züge über hohe Brücken,

Jahrhunderte erwehn in diesem Traum,

Ich sehe Häuser sich mit Flieder schmücken

Und Nenupharen gleicht des Flusses Schaum.

Zur alten Hochburg folge ich der Menge,

Denn dorthin rankt sich jeder Blüthenkranz,

Und eine Rosenschlange sonder Länge

Umfaßt bereits die Häusersäume ganz.

Am Platze gleißt ein Riesenscheiterhaufen,

Es höhnen, lachen Schemen wild empor,

Die Henker harren. Ihre Knechte laufen.

Drei Mönche schreiten aus dem Kerkerthor.

Doch eigen! Bauern legen weiter Blüthen

Auf alle Stapfen ihrer Heimathschmach,

Es ist, als ob sie traumhaft sich bemühten,

Zu tilgen, was dereinst Florenz verbrach!

Savonarola schreitet stumm zum Galgen

Und denkt sich, über sich, zu Gott zurück,

Im Umkreis aber sieht er Spuk sich balgen,

Denn Jeder hascht vom Schauspiel blos ein Stück.

Es weiß der Mönch jetzt nichts mehr vom Gefängnis,

Die Marter im Bargello war so arg!

Wogegen jenes Thurmes Schreckensengniß

Beinahe holde Einsamkeiten barg.

Nun zwitschern Vögel um die Seufzerkreise,

Die dort des Heilands Liebling tief erwühlt,

Sie schluchzen laut und jubeln schließlich leise,

Denn Schmerzen werden fast durch Schmerz gekühlt.

Die Bauern bringen immer noch Guirlanden

Und schmücken wunderbar den ganzen Platz,

Ich sehe weiter neue Barken landen:

So flechtet fort, Toskana birgt Ersatz!

Savonarolas Martern waren schrecklich,

Wie stieß das Erz in seine Weichen ein,

Es hieß: "Ist Deine Reue unerwecklich,

So sollst Du fort und fort gefoltert sein!"

Er hörte sich, vielleicht auch Andere schreien,

Die Erzgesetze, die er einsam floh,

Begannen Henkern Rachekraft zu leihen,

Die Not zu leben wurde ringsum roh.

Es kitzelte, erhitzte diese Knaben,

Des armen Mönches Peiniger zu sein,

Vor ihm verkupferten sich plötzlich Raben

Und pickten in sein wundes Fleisch hinein,

Ein Truthahn wühlte sich aus seinem Bauche

Unweigerlich, entsetzlich geil empor,

Er gluckste wie ein Darm und sein Gepfauche

Ging unter Messern selbst in Erz hervor.

Nun denkt der Mönch an seine Zelle,

In der sich Christus hold zu ihm geneigt,

Hat doch die Fluth der inneren Wesensquelle

Ihm stets den Sieg über das Leid gezeigt.

Die Bauern bringen weiter Rosen und Narzissen,

In Barken und auf Karren weit herbei,

Der Mönch kann sie nicht sehen, doch ahnen, wissen,

Daß er ein Keim im neuen Lenze sei!

Jetzt fressen fast wie Kupferkrebse Flammen

Sich in des armen Mannes Nacktheit ein,

Sie müssen wohl aus den Bargello stammen,

Ja, dorther kommen sie in langen Reihn!

Doch wird die Zelle von San Marco weiter,

Der Heiland dämmert in ihr Inneres ein,

Wie herrlich strahlt die hehre Himmelsleiter,

Die Gnade kann ihm Leichtigkeit verleihn.

Die Hähne aus Metall verschwinden krähend,

Der Tag und seine Kraft vergeht in Nichts.

Zurück Astralwelt! dieser Geist wird sehend

Und überblickt sich jenseits des Gerichts!

Der Duft der Tugenden kann ihn umarmen,

Es heben seine Engel ihn zum Heil,

Wie ruhevoll wird er in Gott erwarmen,

Er weiß es tief: sein Weg war gar nicht steil!

Es ist der Scheiterhaufen jäh verschwunden,

Der Platz wird aber weiter ausgeschmückt,

Die Thürme sind durch Kränze weit verbunden,

Die Feindlichkeiten scheinen überbrückt.

Es streuen zarte Kinderhände Rosen,

In denen Wangenroth auf Schnee erglüht;

Ich fühle rings, wie sich Gerüche kosen,

Wie sich ein Duftgewind zu werden müht.

Die volle Pracht der ernsten Loggiabögen,

Die dreimal ihren Schwung bestätigt hat,

Das Merkmal ewig stummer Sprachvermögen,

Bleibt einzig ungeschmückt, erstarrt und glatt.

Doch kann jetzt Perseus hier sein Erz beleben,

Noch wirkt er stolz in grüner Ruhe fort.

Es siegt der Geist, was soll die Welt daneben,

Er ist das wieder stumm gewordene Wort!

Er mag das abgeschlagene Haupt nicht zeigen,

Er wagt es nur und findet es nicht schwer,

Und doch: ihm ward ein großer Sieg zu eigen,

Denn in sich selber würdigt er sich hehr.

Am Arno seh ich weiter Blumen landen,

Sie wellen Düfte um Fiorenzas Brust,

Die Vögel schlingen rings Gesangsguirlanden,

Und alles duftet, jubelt, schluchzt vor Lust!

Es ruft mein Weib: "Du darfst im Singen nicht ermatten

Es hat Florenz die jungen Werthe angefacht,

Und Mancher darf sich hier ein Heimathlied gestatten!

Oh sieh das Paradies, das aus Toskana lacht!

So blieb der Grund von uns, so muß es ringsum werden,

Im Genius ist schon oft ein Traum davon erwacht.

Einst wird es wieder tiefer Nordlichttag auf Erden,

Die Gluth, die auf den Hügeln in die Reben knistert,

Beginnt sich plötlich urrebellisch zu gebärden.

Der Wind, der schlangenkalt vom Paradiese flüstert,

Verbreitet leicht und hurtig unsere Sehnsuchtsmähren.

Wie gerne werden Elenmente jung verschwistert!"

Da fall ich ein: "Die Urgefallenen begehren,

Am mächtigsten durch das Genie, das sie uns spenden,

Aus ihrer Weiblichkeit zur Macht zurückzukehren.

Da ruft mein Weib: "Aus unserer Erdenmutter Lenden

Ging einst ihr Hoffnungssohn, der holde Mond, hervor,

Und damals wollte alles sich zum Vollen wenden.

Das Leben schlang der Goldepochen Märchenchor,

Das Lamm war wirklich mit dem Löwen traut verbrüdert,

Und Mondbewohner sorgten für die Nothdurft vor.

Wir alle waren wieder engelsgleich befiedert

Und schlürften Thau als unsern frischen Morgentrank,

Denn unser Seelenfriede wurde rings erwidert!"

Ich falle ein: "Es ward der Mond auf einmal krank,

Da siechten auch die Wesen dieser Erde hin,

Dann starb er ab und allen uns ward todtenbang!"

Nun ruft mein Weib: "Das Dasein birgt den gleichen Sinn,

Toskana ist als letztes Paradies geblieben,

Aus seinem Boden schöpft die Zukunft noch Gewinn.

Das Urlicht will aus seinen Lieblingskindern sieben,

Der Mond entringt sie seiner Mutter fort und fort,

Ein Zweiter kommt in uns und strahlt in Seelentrieben.

Wenn auch Toskanas Erdenparadies verdorrt,

Wird doch gereiftes Innergold Triumphe feiern,

Schon wogt der Mond in uns, Heil unserm Seelenhort!"

Die letzte Heimath kann sich plötzlich mir entschleiern,

Sibiriens Gletscher sind mit Gnadenglast besprengt,

Es singen Kinder, Greise spielen noch auf Leiern.

Der todte Mond ist durch das ewige Licht verhängt,

Der Norden strahlt sein Blut in Welt und Seelenfernen,

Im Menschen hat die Freiheit sich der Brunst entengt.

Du ahnst den Ineinandersturz von Rassenkernen,

Die goldenen und die weißen Völker sind versöhnt

Und spenden ihres Wesens Heimlichkeit den Sternen:

Durch Geistesjugend wird das graue Land verschönt!

Botticelli

Die Windesschlangen lispeln schadenfroh von Eden

Und fiebern goldig dort durch einen Lorbeerhain,

Es will der Abend mit den Blättern freundlich reden

Und Dämmer zieht in die verborgenen Seelen ein.

Am Arno wandeln junge, mythische Figuren,

Ihr Frühling fühlt sich ungeschwächt zur Ruhe gehn,

Ich sah sie oft mit Sonnenuntergangskonturen,

Als Rätsel still erstehn und bald darauf verwehn.

Oft schienen sie, in Thau gehüllt, sich kaum zu wiegen

Und stumm zu weinen, weil ihr Perlenschmuck zergeht,

Sich aneinander schlank und schmerzensbang zu schmiegen

Und hold zu horchen, ob ihr Schicksal sich verräth.

Es blicken Augen, die den ganzen Tag erschauten,

Durch edle Lust vergeistigt, in den frühen Tod,

Und blasse Leiber, die der Tagespracht vertrauten,

Sind urerborgt von goldenem Abendroth umloht.

Die Sorgenbilder eigener Jugend werden schwinden,

Wohl sind sie noch ein Traum, doch sehe ich sie kaum,

Vielleicht kann ich auf einmal sie nicht wiederfinden,

Doch perlt und schimmert jetzt des Flusses Muschelschaum.

Auch in mir selbst ist vieles Schöne schon erstorben,

Und Schnörkel, Schnecken seh ich Abends rings umher,

Wie wenig habe ich bisher im Leid erworben,

Und was mich freut, wird schließlich wieder inhaltsleer.

Nun sind sie weg. Ich wußte es. Die Dunstgestalten,

Die Frühlingsfreuden haben keinen eigenen Halt.

Nun heißt es, Hoffnungen von trüben Dingen spalten,

Der Geist glüht fort und viele Formen werden alt.

Mein Gott, ich habe mich vom Jubel abgewendet

Und horche fort und fort und immer ohne Grund:

Wozu wird meine arme Seele wild verwendet?

Ich lausche auf, doch nirgends ruft ein Wundermund!

Ambrogio Lorenzelli

Es blickt der Mond schon skeptisch auf die Dinge nieder.

"Er fühlt sich", sagt mein Weib: "als ganzes Element,

Es regen Thierbeginne ihre Ringelglieder,

Erwirbeln sich und werden wieder rings getrennt.

Den Sternen gleich, die ängstlich durch die Dämmerung spähen,

Ob alle Fremderscheinungen bereits verwehn,

Beginnen viele Silberwische zu entstehen,

Um wieder hurtig zwischen Strudeln zu vergehn.

Es macht der Mond im Fluße Quecksilberversuche

Zu einer geilen, jugendhaften Wirkungswelt,

Es spüren Hunde vieles schon vom Brunstgeruche,

Oh hör, wies von Gehöften fern herübergellt!"

"Die Ölbäume, die dunkle Fluren übersilbern,

Verstecken," sag ich: "manchen grauen Aufenthalt

Von kindischen Geheimnißweltentsilbern,

Die immer wispeln, was nicht mehr zu Ohren hallt!

Oh sieh, dort wird ein müder Esel heimgetrieben,

Wie eigentümlich er vom Fluß gespiegelt wird!

Man stößt und zerrt ihn, sag, wo ist der Herr geblieben?

Hat er, oder das Thier sich hier, vor mir verirrt?"

"Oh lache, lalle nicht, so angstvoll ernste Sachen,

Du magst," sagt mir das Weib: "Kentauern sehn,

Erfahre Deine furchtbar urempfundenen Drachen,

Doch wehe Dir, wenn je wir auseinandergehn.

Du bist ein Kind und trinkst die Milch von meinen Brüsten,

Du thust so dumpf, weil Dich nach weiterer Lust verlangt,

Genügt kein Liebesglück, kein Weib, Deinen Gelüsten?

Bist Du vielleicht an eitel Übermacht erkrankt?"

Paolo Uccelo

Der grüne Kreuzgang soll im Mondenschein vergehen,

Er sei von Silberkatarakten überschwemmt,

Allein die Arche Noahs soll noch fort bestehen,

Man hämmere, zimmere sie, geheim und ungehemmt!

Es kommen alle Vögel langsam angeflogen

Und bauen sich in ihrer Rettungsburg ein Nest,

Auch andere Thiere fühlen sich herbeigezogen

Und kommen selber, Paar an Paar gepreßt!

Im Mondenscheine lagern aber noch Geschlechter,

Auf die das Silberlicht sein Todtenlinnen senkt,

Was helfen da die schwerbehelmten Uferwächter,

Da hoch der Mond das Sterben über sie verhängt!

Kameele kommen mit fast menschlichen Gesichtern

Aus großen Wüstenfernen schwerbeladen heim,

Vom Sonnentag verführt, begleitet von den Richtern,

Den Sternen, wittern sie des Mondes Todeskeim.

Der grüne Kreuzgang soll im Mondenschein vergehen,

Schon stehen nun Figuren wie Gespenster da,

Und überall, wo Nachts die Silberwinde wehen,

Erfriert, erstirbt beinah, was je am Tag geschah.

Im schwachen Schatten freundlicher Olivenbäume

Verschlafen Schafe rings das stille Mondesgraun,

Sie sind wie todt, denn schon verlassen sie die Träume,

Um brünstig sich in Fremdnaturen zu erschaun.

Dort gehen sterbliche Gestalten eben jagen,

Ihr Hund beschnüffelt jeden Mondesschattensaum,

Im Grünen hör ich viele kleine Stimmen klagen,

Den Tod der Eltern fühlen sie vielleicht im Traum.

Der grüne Kreuzgang soll im Mondenschein vergehen,

Ich nehme die Idee von jedem Thier zu mir,

Ein stilles Leben will ich tief fürs Thier erflehen,

Denn wirklich ist das Thier und sterblich einzig hier.

Giotto

Erkenne Dich in Deinen gelben Seelenhallen,

In denen Du den Sonnenmythus tief erlebst:

Ersehnst Du Wesen, die in Dich herüberwallen,

Ersteht ein stilles Traumbild, daß Du ganz erbebst!"

Hat das mein Weib gesagt? Ich seh es an und träume.

"Fürwahr, in unserer Arche ruht die Schöpfung aus,

Wie groß ist doch der Grund, wie wenig jene Schäume!

Wie rasch!" sagt laut die Frau: "erschöpft sich aller Graus!

Durchlebe es, wie junge Menschen Früchte pflücken,

Wie gerne giebt sich, lockt uns fast das reife Obst,

Es freuen Blüthen sich, ein blondes Haupt zu schmücken,

Denn alles bringt sich dar und wird, wo Du es lobst!"

Simone Martini

"Wir müssen uns durch innere Willensthiere dienen

Und werden erst durch unsere Lieblingslämmer Wir,

Wir brauchen Wölfe mit verwegenen Räubermienen

Und brave Hunde für des Geistes Jagdrevier!

Wir wollen stets ein selbstgewähltes Lamm beschützen

Und drum verketzern wir, was ihm zuwider ist,

Doch", frage ich, "wozu solch einen Zwist benützen,

Blos um zu wissen, wie man schließlich sich vergißt?"

"Das Lamm ist da, es ist gestorben und erstanden,

Doch Schemen deuchten Hunde mich und Wolfsgezücht,

Der Leu, der Stier, der Aar, die sich dem Lamm verbanden,

Sind", sagt mein Weib: "ein Element und Urgericht!

Des Geistes Schönheit dünkt mich auch im Grund erhaben,

Ich sehe Dichter fromm zu edlen Frauen gehen,

Die Pracht des Weibes, ganz, sammt seinen Nacktheitsgaben,

Im Marmor als ein Dom der lieben Frau erstehen!"

Taddeo Gaddi

"Merkst Du denn nicht, wie bange ich im Mondlicht fische,

Der Stier, die große Macht, ist schon seit langem todt,

Das Lamm verglüht, jetzt schickt der Geist uns seine Frische,

Ich Armer warte fiebernd vor der Seelennoth!

Ich senke meine Angel in die Meerestiefe

Und sehe keinen Sturm, der meinen Gott bedroht,

Was könnte ich,wenn ich ihn auch aus seinem Schlummer riefe,

Ich fische eigenmächtig," ruf ich: "Mein Gebot!

Im Geistermeer wird bald der Fische Fürst erscheinen,

Der überstrahlt und klärt dereinst was wild verbraust –

Ich fische fort, verschwende meine langen, langen Leinen:

Wie finster ringsum alles hadert und sich zaust!"

Thomas von Aquino

Was man auch will, den Willen wird man doch verketzern!

Denn blos in großen Grundideen kennt sich Gott.

Oft ist ein Mensch, der sich besinnt, zu voll von Schwätzern,

Und leer an Glauben, Ehrfurcht, Adelskraft und Spott.

Urplötlich fühl ich mich in Gottes Hand und Nähe,

Und es verklärt sich wundereinfach die Vernunft:

Wie prachtvoll ich die Welt im Geist verankert sehe

Es folgt die Gnade tief in alle Niederkunft!

Wozu den hehren Kirchenbau bewußt zerstören,

Wozu ihn stützen, falls der Geist ihn schon verließ?

Erlernen wir, statt auszuforschen, jetzt das Hören,

Wer weiß, wie oft das Neue Reich sich schon erwies!

Es sind die Sprachen Flammenvögel, die in Rassen,

Die sie erst selber schaffen, ihre Nester bauen,

Aus mancher kann das "Feuerwort" sich jung entraffen,

In allen schläfts: aus welcher wird es grauen?

Ich horche lange schon, vielleicht schon manches Leben:

Zu jedem Kinde beug ich mich voll Glauben hin,

Was sprüht aus jedem Blick, wer soll die Welt erheben?

Wie furchtbar tief ist jeder Waise Wesenssinn!

Taddeo Gaddi

Im hellen Seelenscheine sehe ich mich selber,

Seit Ewigkeit auf meinem eigenen Kreuzweg gehn,

Ich irre durch das Zweifeln ab, die Welt wird gelber,

Ich sterbe, lebe auf und ab, und muß bestehn!

Oh heilige Verachtung, großer Spott des Geistes,

Der alles urerwogen dennoch tragen kann,

Dein Wesen ist zu streng, denn sieh, mein Herz zerreißt es:

Gesteh, entkomme ich durch Ehrfurcht Deinem Bann?

Hinweg, Du großes Licht, ich will vor Dir vergehen,

Ich fasse nicht die Majestät von Deinem Leib,

Ich fliehe Dich, um stets in Dich zurückzuwehen,

Ich zweifle, fluche, und bin doch zu sein bereit!

Gefühle, die den Geist mit Schmerz geboren haben,

Verstummen und zerwühlen sich vor ihrem Sohn,

Das ganze Leid ist kalt, da kann uns niemand laben,

Oh, welcher Hohn durchdonnert die Passion!

Es kann kein Mensch mehr muthig seine Pflicht verrichten,

Wer weiß, ob seine Meinungen auf Gottes Wort

Nicht immer noch verzichten, ja es gar vernichten:

Wie oft warf ich wohl selbst mein hehrstes Gut schon fort?

Ich treibe um die schalsten Nichtigkeiten Schacher,

In meinen Frieden schleicht sich der Verrath,

Stets finden die Entschlüsse Zufallswidersacher,

Ich klimme, ringe! – Ob mir je die Gnade naht?

Ich sehe mich im Herzenslichte stets nur selber,

Seit Ewigkeit, auf meinem eigenen Kreuzweg gehn,

Ich zweifle immer noch, die Welt wird langsam gelber,

Ich sterbe immer und kann nimmer auferstehn!

Masaccio

Florenz, wie herrlich ragen Deine Burgenthürme,

Toskanas Gluth wölbt Deine Kuppeln stolz empor:

Im hohen Dom vertoben erst die Erdenstürme,

Und oben lobt Dich still der Sterne Engelschor.

Wir wollen alle wieder schlicht und einsam werden,

Wie das die starke Herzensgluth in uns verlangt,

Die sagt: So wird es einst und war es schon auf Erden!

Ja wie? Nun so, wie unserm Herzen darnach bangt!

Wir haben schon den allerwunderbarsten Glauben,

Er macht uns unermeßlich frei und willensstark,

Es kann ein Kind sich Gottes Heim zu sein erlauben,

Und in so manchem Wesen ist kein Trug und Arg.

Ja, blicke ich in Kinderaugen oder Sterne,

So denk ich, Gott, wie viel Du uns noch sagen wirst!

Ich bin in Dir und Du in meinem Wesenskerne,

Oh Mensch, verzage nicht, selbst wenn Du stirbst und irrst!

Florenz, die Muttergottes weilt in Deinen Mauern,

Wie hehr die Erde sich in Dir erhoben hat!

Es kann ihr Hohelied in Deinen Stätten dauern,

Ich lobe Dich, oh lichtverlobte Marmorstadt!

Dein Dom ist hoch, doch über ihm, da sind die Sterne,

Und so viel weiter wird noch unser Glauben sein,

Doch in der Ewigkeit vergeht auch jene Ferne,

Es mag mir Gott kein Fassen, sondern Macht verleihn!

Die heilige Anna

Oh Muttergottes, jenseits Deiner Herzensnähe

Erdämmert eine Mutter, die wir nie erkannt.

Befragt mich nicht, da ich sie unwahrnehmbar sehe,

Doch weiß ich mich von ihrer Heimlichkeit gebannt.

Leon Battista Alberti

Florenz, wie selbstverständlich still sind die Paläste,

Vor denen einstens große Fackeln grell geloht –

Die Feste sind vorbei, nur selten seh ich Gäste,

Und nirgends zeigt sich mehr ein stolzer Schloßdespot.

In engen Gassen stehen sie mit Mondlichtsäumen,

Die grünen Fensterläden sind hermetisch zu,

Du glaubst es kaum, daß noch dahinter Seelen träumen,

Denn alles schweigt in runzeldumpfer, dunkler Ruh.

Ich aber sehne mich nach Todtenmonumenten,

Wo Mann und Weib am eigenen Sarg gelacht,

Dort haben sie, bevor sie sich für immer trennten,

Noch einmal, buhlend, Liebesfieber angefacht.

Wo Wollustwucht zu ganzen Machtgenerationen

In einem Augenblicke sich verschwendet hat,

In heiteren Rustikagebäuden wollt ich wohnen

Und träumt ich gern den Jubeltraum der eigenen Stadt!

Wo bist Du, großer Geist, der alles leisten konnte,

Der akrobatenhaft die Menge unterhielt,

Der Launen meisterhaft als Wirklichkeiten sonnte

Und der mit Weltproblemen wunderbar gespielt?

Die Formen scheinen vor dem Geiste zu verschrumpfen,

Florenz, ich kann und will nicht mehr zu Dir zurück,

Zyklopisch gilt es jetzt sich selbst zu übertrumpfen,

Denn blos in den Geschicksgewittern blitzt das Glück!

Florenz, ich habe mich an Dir emporgesungen

Und jetzt durchwandle ich Dich abermals als Kind,

Ich klopfte an Dein Erz, es hat mir hold geklungen:

Wie sind mir Wind und Dinge hier doch wohlgesinnt!

Bartolomeo Ammanati

Der geile Brunnen mit den steilen Wasserwürfen,

Der zwischen Thürmen sich nach Eigenhöhe sehnt,

Mit seinen Erzfiguren, die nackt Austern schlürfen,

Erscheint mir jetzt einer versunkenen Welt entlehnt.

Wie kalt belauscht Neptun das Plätschern von Tritonen,

Wie freut ihn noch der Gischt, der seine Schenkel kühlt,

Er bleibt auch hier ein Stück der immerstillen Zonen,

Wo Nasses Kaltes durch sich selber fiebern fühlt.

Die Nymphen, mit den vielen Fingern, krauen

Der schlüpfrigen Delphine gleißendes Geschupp,

Und heitere Faune aus den schwülen NachbarAuen,

Umlungern nun bereits den Quell als munterer Trupp.

Der kleinste Faun, der Schalk des muntern Rudels,

Hat eine Fratze wie ein Truthahn, wenn er balzt,

Und schielt nach einem Bengel, der im Schwall des Sprudels

Mit starken Erzgliedern ein Wasserwunder halst.

Dir, Nereus, legt in Deine alten Kupfermuscheln

Das Mondlicht Perlen, die es Wasserschemen weiht,

Die zieren sich damit, und wenn sie wichtig tuscheln,

Bezeigt der ganze Quell ihre Zufriedenheit.

Es stürzt der Gischt in lauter losen Silbersträhnen

Ganz schleierähnlich über manche Erzfigur,

Die seh ich sich an alle Möglichkeiten lehnen

Und juble plötzlich wie die Fluth in die Natur!

Andrea del Castagno

Ich habe einst Giganten langsam wandeln sehen

Und nun vergesse ich das Schauspiel nimmermehr,

Dann konnten sie auf einmal nicht mehr auferstehen

Und ich war froh, denn sie bedrückten mich zu sehr.

Nun dachte ich an lauter frische, grüne Dinge

Und pflückte Manches, das sich mir verschwiegen bot,

Ich wußte wohl, wie jeder Übermuth verginge,

Und dennoch floh ich jede große Lebensnoth.

Doch plötzlich sind sie wiederum vor mir entstanden

Und haben schrecklich sich der Kleinlichkeit entreckt,

Es sind das Königinnen, Fürsten wilder Banden,

Ein Tisch, den man für Weltgewissen fromm gedeckt.

Ihr Riesen dürft mich aber nimmermehr bezwingen,

Zwar seid Ihr größer als der allerhöchste Thurm,

Doch will ich gegen alle Hindernisse ringen,

Es braust in mir ein Sturm, es wühlt in mir ein Wurm!

Ich höre in mir selber eine Hölle heulen,

Weg von der Erde, Ihr Titanen dieser Stadt!

Es packt der Geist die Thürme, schwingt sie stark wie Keulen,

Jetzt findet eine Schlacht, vielleicht im Jenseits, statt!

Es lacht ein Riese, lacht ein grünes Runzellachen.

Das kann der Wille. Wächst er doch durch ihn empor!

Erscheint mir Pan? Kann der durch meine Wuth erwachen?

Ich wälze Felsen und jetzt lacht ein Echochor.

Es bleibt kein Thurm. Ob ich denn nicht zum Kampfe tauge?

Der Dom allein ist übrig. Darf ich ihm nicht nahn?

Der Riese wächst. Der Mond ist sein Zyklopenauge.

Der Dom beharrt. Er wankt durch keinen Größenwahn!

Der heilige Franz von Assisi

Herz, mein Herz, sei wieder demuthvoll und offen

Und komme Dir und anderen Feinden gütig bei,

Du darfst und sollst noch mehr als ein Florenz erhoffen,

Doch mache Dich zuerst von Wuth und Dünkel frei!

Der Dom des Herrn ragt immer noch in holder Bleiche

In diese sternenhelle Perlennacht empor,

Doch scheint er mir bereits wie eine reiche Leiche,

Mit einem mondgewirkten Riesentodtenflor.

Behutsam, meine Seele, denn Du wirst nun siegen!

Erblick im Sterben Leben und Du bist befreit!

Oh, wie die schweren Dinge fürchterlich erliegen,

Sie weichen schon und zwischen uns bleibt unser Leid!

Oh, unsere vielen Willensthiere sind vergänglich,

Wie sehn sie uns aus ihrem Dämmer blutig an,

Mein Herz, so zeige Dich für alles Leid empfänglich,

Oh, liebe sie und ziehe sie in Deinen Bann!

Dem Dome selber gleichen seine tausend Tauben,

Die sind wie er so grau, so blau und fernenroth,

Nun ruhen und gurren sie in meinen Felsenlauben

Und nisten zwischen Seelen, Schnee und Todesnoth!

Oh Gott, jetzt bin ich wirklich schwindellos erhoben,

Der monderhellte Dom verbleicht in meiner Nacht,

Ich stehe fest und möchte dennoch fort nach oben,

Oh Gott, wozu verleihst Du mir so hehre Macht?

Empor, empor, empor zu Gottes mildem Frieden!

Die Völker liegen unter mir in stiller Ruh!

Ich suche Gott und bleibe dennoch ganz hienieden.

Ich herrsche, folge, und wer früge noch: Wozu?

Domenico di Michelino

Ich wandle nun, als urbesorgter Mensch und Dichter,

Als Riese, unerreichbar hoch, über Florenz,

In meiner Hand ist alles, selbst die Himmelslichter,

Ihr Grund gewährts und mein Beschluß erkennts!

Ich wirke selber liebreich zum Bestand der Dinge:

Du einzige Möglichkeit der Möglichkeiten sei!

Durchglüht uns hold, Ihr wundergleichen Schöpfungsringe

Und macht die Sonne reich und unsere Seelen frei!

Du, Sirius, grüßt uns brüderlich durch alle Schleier,

Die still vom Monde niederperlend uns umgraun,

Ich danke und ich melde Dir, die Welt wird freier:

Nur das ist wahr, daß wir uns einst in Gott erschaun!

Wie treu Ihr blickt und blinkt, Ihr traurigen Planeten,

Ihr habt noch ein Geschick und tragt es muthig fort!

Ich grüße Euch, wir wollen heiter sein und beten,

Wir alle wälzen uns um Gottes holdes Wort.

Du müde Stadt, Du Blüthenfrühling mir zu Füßen,

Oh ruht und träumt, entweht Euch, duftet in die Nacht.

Das was Ihr seid, nicht scheinen müßt, will ich begrüßen,

Oh glaubt, was Ihr nicht glaubt! Ihr seid voll Werth und Pracht:

Was Ihr verdeckt, verachtet, höre ich verstummen.

Des Friedens, den Ihr träumt, entsinnt Ihr Euch nicht mehr?

Ihr seht die heitere Pflicht gespenstig sich vermummen,

Doch die ist Euer Tag, so hehr und klar wie er.

Florenz, hoch über Deinen Thürmen schwebt die Seele,

Die blos in Dir für alle Ewigkeit erwacht,

Dafür erhältst Du auch die schönsten Mondjuwele,

Denn Deine Marmorpracht verherrlicht noch die Nacht!

Die heilige Katharina von Siena

Die Gnade will, daß wir die argen Dinge hassen.

Der Brand entsteht, damit das kalte Licht besteh!

Der Friede kommt, damit wir uns zusammenraffen,

Der Engel aber, der uns liebt, birgt Krieg und Weh!

Es soll auf Erden Lenz und langer Frieden werden,

Doch wehe jedem Volke das die Rast erstrebt,

Drum liebt und tragt für Euer Vaterland Beschwerden:

Denn Gott verläßt den Menschen, der am Eigenen klebt!

Ihr dürft die Häuser, Tempel jeden Lenz bekränzen,

Doch sorgt dafür, daß stets im Herzen Feuer sei,

Bekriegt Euch selbst und brandschatzt jenseits aller Grenzen,

Macht Eure Seelenkluft von Lieblingsplätzen frei.

Erforscht die Bösen, helft Gesunden, tränkt die Feigen

Und seid entmenschlicht, wenn Ihr mit Euch selber ringt:

Ihr sollt der Welt ein thränenloses Auge zeigen,

Erscheint ihr stark, selbst wenn Ihr tief in Ohnmacht sinkt!

Seid Raubthiere mit gräßlich scharfen Daseinskrallen,

Doch wählt die Beute und verzehrt sie still und fern,

Laßt nie ein Stück davon zurück zur Erde fallen,

Denn was Verbote scheut, meint abermals den Herrn.

Das Wort in uns beflügle Euch zu Heldenthaten!

Seid wie ein wandelnder bereiter Festungsthurm,

Wenn Noth es heischt, so dürft Ihr selbst zum Kriege rathen,

Doch wehe Euch, folgt dann kein Frühling auf den Sturm.

Das Wort in uns befreie Euch von aller Stärke,

Verankert demuthsvoll das eigene Volk im Herrn,

Denkt niemandem zu helfen, bleibt beim eigenen Werke,

Und wirkt dadurch so unerschöpflich wie ein Stern.

Filippo Brunelleschi

Florenz, es kämpfen Riesenwolken mit dem Äther,

Noch sind sie haltlos über Fluren hingestreckt,

Doch heller, windgeblähter, lauern rings Verräther,

Am Marmor haben Schatten jäh emporgeleckt!

Jetzt stapeln Wolkenbrocken plötzlich sich zu Treppen

Und schließlich gar zu einer Riesenkuppel auf,

Das ist ein Schwebebau mit lichten Silberschleppen,

Und stets zerschlitzt ihn noch der Mond auf seinem Lauf.

Schon hat das Ganze Ton und Glanz von roher Seide

Und scheint beinah ein faltenloser Baldachin,

Jetzt wetterleuchtet es, und lauter Mondgeschmeide

Beginnen diesen Nachtpalast zu überziehn!

Ich sehe Heiden stolz sich wie daheim benehmen

Und Riesenalabasterkaryathiden stehn

Mit ganz unsagbar echten Perlendiademen

Jetzt rings als Träger stummer Wunder, die geschehn.

Doch herrscht der Mond noch immer hold in diesen Hallen.

Es steigen seine Silberreiher wieder auf,

Ich sah sie ja am Dom empor und niederwallen,

Und plötzlich überschwärmen sie den Bau zu Hauf.

Nun ruft es stumm in mir: die Kuppel ist gelungen,

Und nur der Geist, kein Bauwerk wird je weitergehn,

Die Marmorthürme hat die Zukunftsfluth verschlungen,

Nun heißt es in der Seele einen Dom erspähn!

Der Giottothurm erglüht in seltenem Eigengolde,

Wie sonst es sich allein auf Elfenbein gezeigt:

Florenz, aus Dir erblüht das UnerreichbarHolde,

Ich aber wittere Sturm, wo sich Dein Traum verzweigt!

Cimabue

Florenz, Du wirst in meiner Wirklichkeit bestehen,

Erglühe, strahle ferner monderleuchtet fort,

Mein Seelensturm wird Deinen Lilienstaub verwehen,

Ich trage Kinder Deiner Huld von Ort zu Ort.

Doch Du verglimmst in mir, ich kann Dich nimmer bannen,

Du hast noch einmal Deinen Himmel sanft geklärt,

Dir bleibt der Mond, doch wandere ich nun frei von dannen,

Wer weiß, was meine Seele noch an Huld erfährt!

Fürwahr, nicht eine Wolke ist der Nacht geblieben,

Die Mondstadt hat sie alle über sich verscheucht,

Auch meine Traumgebilde werden bald zerstieben,

Ob mir ein großes Urgeheimniß wirklich deucht?

Hieratisch ist die Mutter Gottes hoch erschienen,

In Mondlicht schimmert rings die Nachtkontur,

Empfindungen mit kindlichstillen Engelmienen

Gewahren mich in Menschen, Dingen, Fluth und Flur.

Ich blicke auf Florenz, doch ist es mir zu ferne!

Der Arno und der Marmor perlen aus dem Grau,

Doch heller kaum als drüben noch der Mond, die Sterne:

Denn Geist erdämmert schon im ersten Morgenthau!

Die Muttergottes grüßt uns, ohne leicht zu nicken,

Je ein Planet verwirklicht ihren Kronenrand,

Die Freigestirne können Geist und Welt erquicken,

Das Christuskind hält bald die Sonne in der Hand.

Der Mond geht herrlich hinter Schneegebirgen unter.

Florenz wird eine Perle, die ich wachgeträumt.

Nun ruht sie wieder und die Farben werden munter.

Oh, welche Frühe aus dem eigenen Weibe schäumt!

Fillippo Lippi.

Mein Weib und ich, wie glücklich sind wir doch gewesen,

Sie folgt uns noch, die goldene Wonne von Florenz,

Es ist in jenem Traum ein anderer Mensch genesen,

Oh glaube, danke doch dem lichtentzückten Lenz.

Es wollen Felsen, Flüsse, Wälder froh sich sonnen,

Und seelig drängt das Frühjahr sich an uns heran,

Was eben Thau benetzte, zeigt sich goldumsponnen,

Horch auf die Luft, ob man ein Kommen wittern kann.

Du Frühling in mir selbst, Jungfräulichkeit der Lüfte,

Erfaßt und halst Euch, klingt und jubelt wie das Licht!

Es ist, als ob der kühne Lenz die Welt verblüffte,

Die Lerchen trällern: Gebt Euch hin, verwehrt Euch nicht!

Jetzt springt der Ginster auf und giebt der Wonne Stärke.

Ein ernstes Glockenläuten zittert durch den Wind.

Am Felde gehen Menschen forsch zum Tagewerke.

Und irgendwo in unserer Nähe brüllt ein Rind.

Auf einmal kann ein Schiff im Strom nicht weitersegeln.

Es halten Pappeln wohl die Morgenbriese auf.

Ins Wasser furcht es lauter krumme Schifffahrtsregeln.

Wann wieder giebt der Wind ihm seinen goldenen Lauf?

Es fliegen meine Wünsche schneller als die Winde.

Ich helfe, schwelle Segel bis ans helle Meer.

Sind meine Lieder nicht belebte Angebinde?

Ihr Auferstehn ist leicht, ihr Dasein folgenschwer!

Ich träume fort, ich träume fort, muß träumen!

Wohin? Wohin? Ein Flügel stürzt dem andern nach!

Das ist der Wind, der Wind! Wir wogen, schäumen!

Ein Lied erbraust, wo eines laut zusammenbrach!

Der Traum von Venedig

Venedig, lös Dich los von meinem Traumeswogen!

Ich bin wie Fluth, die in Kanälenschlangen dunkelt:

Du milchige Lagune, hast mich angezogen

Und nun erscheinst Du lichtlebendig überfunkelt!

Ihr meiner Seele wildverschlungenen Wehmuthsschlangen,

Versucht der Sehnsucht trübe Hüllen abzustreifen,

Verweilt wo Städte zwischen Meer und Himmel hangen,

Denn seht, schon leuchten Inseln aus Smaragdenreifen.

Was taucht nun auf, was zaubert jetzt vor meinen Sinnen?

Es hilft kein Wind den letzten Morgenflor zu weiten,

Es will das Licht, allein, den goldenen Tag entspinnen,

Und alles Wasser scheint mir wie verglast heranzugleiten,

Venezia schweigt in ihrem freien Sonnenfrieden,

Denn Schmuck und Herrlichkeiten bringen ihr die Wellen.

Es wird ihr stets das Meer ein Lichtgeschmeide schmieden,

Und Wogen müssen ihr zu Füßen Gold zerschellen.

Am Strande scheint die Fluth sich vor der Stadt zu neigen

Und rings an ihrem Saume Gaben hinzulegen,

Stets langsam nur zur Marmorbraut emporzusteigen,

Und, schenkend noch, die Schritte endlos zu erwägen.

Ich sehe Wogen hinter Wogen schweigsam rollen

Und weiß, es wünscht das Meer einst zu beharren,

Und dort nur kann sein volles Werdenswollen,

Seit langem schon, zu einem Marmortraum erstarren.

Senkt eine Briese sich nach Freiersart hernieder

Und hebt dann alle Schleier keck hinweg vom Meere,

So giebt die See ihr tausend Wollustküsse wieder,

Als ob sie eine Frau mit Flammenlippen wäre.

Sobald jedoch die Wellen wiederum verschwinden,

Erspiegelt sich Venedig abermals in Frieden,

Denn wo sich Meer und Himmel inniglich verbinden,

Wird jeder Ruheraub in der Natur vermieden.

Ihr weißen Träume, Schwäne auf den Perlenwogen,

Erhebt Euch dort, wo Goldgischt Marmordämme geißelt,

Von mir beseelt, erschwebt in weitem Spannenbogen

Den Traum, den man aus Gold und Elfenbein gemeißelt.

Oh seht, dort schwimmen schwarze Schwäne um Paläste

Und schleppen Purpurteppiche durch grüne Fluthen,

Es eilt vielleicht die ganze Stadt zu einem Feste,

Denn Freude plätschert, wo Gedanken eben ruhten.

Es scheint das Meer sich jetzt mit Gondeln zu bedecken

Doch schwanken sie wie Traumgestaltungen der Wogen

Noch fern und unstät auf Venedigs Spiegelbecken,

Und immer andere Bilder kommen gleichsam angeflogen.

Ob jetzt ein Traum sich eine Wirklichkeit bereitet?

Ob unser Schicksal seine Plötzlichkeiten mehre?

Denn seht, ein Goldschiff naht von Gondeln hold begleitet:

Nun bleibt es stehen und scheint ein Schloß im Meere!

Wird unsere Welt die eigene Traumlichkeit genießen?

Wie? könnten alle Wünsche, die ihr Glück erstreben,

Hier in Venedig völlig ineinanderfließen?

Ganz Ungeahntes kann sich nun in mir erleben!

Ich fahre noch in meinem Sehnsuchtskahn hinüber,

In einem anderen ruht mein Weib wie traumverloren,

Nun werden aber ihre Augen immer trüber,

Ihr Lachen und ihr Sorgen scheinen tief erfroren!

Sie blickt auf manchen Schweif von klaren Edelsteinen,

Auf alle Funken, die verstreute Gondeln säen.

Die gleichen suchen sich um ihre Gluth zu einen,

Doch alle, die sich sehen, müssen gleich vergehen.

So lasse das, mein Weib, es mag Dir nichts bedeuten!

Schon nähern unsere Kähne sich der Abendstunde,

Und wenn die Glocken dann am Markusthurme läuten,

So giebt es einzig Blutrubine in der Runde.

Ich komm zu Dir, dann wird die Gondel tiefer sinken,

Auf unserer Fahrt nur munteren Funkenprunk beleben:

Die letzten Sonnenblitze werden rings verblinken,

Und wir, dem Wunsche nach, zur Innerruhe schweben.

Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!

Sie nähert sich soeben ruhevoll Venedig

Und dort bereitet man sich laut zu einem Feste,

Um hohe Gäste hold und huldvoll zu empfangen.

Am Himmel seh ich winzige Purpurwölkchen prangen,

Es hat der Wind sie wie Lampions gekräuselt und gezapft,

Und eben zucken auch die ersten Sternlein auf:

Da ists, als wollten sie den Wölkchen sacht sich nähern,

Um rings das Licht der bunten Lämpchen zu entzünden.

Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!

Nun tritt sie stolz, mit silberheller Mondessichel,

Im Abendlande durch Venedigs Pforten ein.

Wie würdevoll sie unterm Sternenbaldachine,

Der höher als der edle Schmuck der Mondessichel schwebt,

Nun übers Meer, mit wollustfreudiger, gütiger Miene,

Sich immer weiter hebt und unser Ruheglück belebt!

Es übersprühen ihre Schleierhüllen Prachtsmaragde,

Und ihren unteren Saum und die Sandalen Blutrubine:

Vier schöne Königssöhne tragen ihren Baldachin,

Zwei Bleichgesichter ziehen still in weißem Seidenkleid voran.

Ihr Wamms ist goldbetreßt, sie tragen einen viola Mantel

Und müssen stets, wenn sie das Abendland beschreiten,

Aus Anstand, einen Schurz um ihre Lenden breiten.

Doch hinter ihrer Königin erscheinen holde Mohren,

Die tragen ihr der Herrschaft herrliche Insignien nach,

Das Szepter gar ist wunderbar, besetzt mit vier Planeten!

Von vorne sind sie völlig nackt, doch überwellt in holder Pracht

Das erste Morgenroth, als Mantel, ihre schwarzen Rücken!

So tragen sie den Baldachin, den schönen, sternbesäten,

Und können drum, voll Königssinn, den Westen stolz betreten.

Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!

Die Mondessichel glänzt und glimmt

Als Silberschmuck auf ihrer kühlen Stirn,

Und ihre volle nackte Brust befächelt sacht

Ihr blasser Sklave Zephir mit dem Wolkenfächer:

Der ist aus Flaum und leichtem Nebelschaum,

Es färben ihn die letzten Abendgluthen,

Es kräuselt ihn sein Eigenwind,

Da ihn der Sklave, schwebend, fächelt.

Belustigt das die Königin,

Denn seht, wie jugendlich sie lächelt?

So bunten, grellen Federnputz

Erreicht in schriller Farbenreih

Allein der Schmuck vom Papagei,

Wie eben ihn in voller Pracht

Der Abend auf dem Flaum entfacht,

Wo selbst das Rötheste und Allerblauste.

Der Wind geschmackvoll zueinanderkrauste!

Die Nacht ist eine Mohrin, eine Heidin!

Mit nacktem Busen, bloßem Bauch

Betritt sie nun die holde Stadt Venedig.

Sie trotzt dem fremden Christenbrauch,

Der starkbehaarte Theil der Scham

Ist jeder Überhülle ledig.

Sie bleibt bei uns, so wie sie kam,

Und um sie her nimmt alles seinen ungezwungenen Lauf

Doch fällt im großen Dunkel so ein Schamtheil wenig auf.

Der Mohrin Nacktheit merkst Du kaum,

Man schmückt und ändert blos den Schleiersaum,

Den dieses Weib so üppig durch Venedig schleift,

Daß sein Besatz noch weithin die Lagune streift.

Mit Flammengarben aller Art,

Mit Purpurzungen, blutigen Flecken,

Mit manchem fahlen, halbverblaßten Bart,

Will in Venedig man den Schleierrand bedecken.

Am Lande wird das Flammenband,

Nach alter Art, als langer Flammenrang gewahrt,

Den Zauber aber müssen Meerreflexe erst erwecken!

Frohlocken will die ganze Stadt!

Mit langgezogenen Kantilenen,

Mit eigentümlich süßlicher Musik,

Mit Tönen, welche Lüste nur ersehnen,

Mit Trommelstreichen wie im Krieg,

Mit Lustfanfaren nach dem Sieg,

Mag man die Mohrenkönigin empfangen:

Und wenn sie schon berauscht vorbeigegangen,

So heften wir auf ihre Schleppe Purpurspangen.

Ist sie dann fort, kriecht alles Gluthgewürm zur Rast,

Die Flammenschlangen, die der Menschenhand entstammen,

Verbergen sich vor uns in großer Hast,

Und tiefverringelt im Morast,

Muß ihre Brut wie Aale grau verschlammen,

Und auch der Schwarm von grünen Feuerfröschen

Wird bald im dunklen Sumpf verlöschen.

Perlen von Venedig

Jacopo Bellini

Wahrhaftig die Trauer der salzigen Meere,

Erwacht im Gemüth Deines herrlichen Knaben,

Verwundert wie alles allmächtige Gehaben,

Erfüllt sein Erstaunen die glaubhafte Leere.

Das Weltherz ist klar, wie der Schmerz einer Zähre,

Und Sterne, die nichts als ein Muttermeer haben,

Erblassen, um leidende Seelen zu laben,

Denn drüben enttauchen wir sanft, ohne Schwere.

Maria, die Vieles erfuhr und erlitten,

Blickt still auf die Unschuld des strahlenden Kindes

Und hofft, für die Kindlichkeit Aller zu bitten.

Oh, hofft auf die Reinheit des leuchtenden Windes,

Er weht, doch er kommt nicht mit langsamen Tritten

Er hilft euch als Hauch eines Lichtangebindes.

Der Schiffer

Es ächzen die Flanken und Taue wie Kinder,

Das Meer bäumt sich auf, wie ein fiebernder Kranker,

Es wird jeder Wirbelsturm rascher uud schlanker,

Die Hosen entstehn und vergehn stets geschwinder.

Der Fischer bewegt sich und greift wie ein Blinder.

Er wehrt sich und betet: "Mein Gott und mein Anker,

Enttrage das Boot, es wird lecker und schwanker,

Ach, zeige Dich, Herr, als der Sturmüberwinder!"

Es fliegen dem Manne Schaumknäule wie Tauben

Voll Wucht noch im Fluthenbraus unter die Nase,

Da sinkt ihm der Muth und er sucht noch zu schnauben.

Doch steigt schon die Bahre, im grauen Gerase,

Voll Schleier empor, ihm den Athem zu rauben ...

Schon ist er erblaßt – verhaucht im Geblase.

Das Weib

Das Kind ruft im Fieber: "Der Vater ist böse,

Beschütze mich, Mutter, er schimpft mich und droht,

Er ballt seine Fäuste, er naht mir im Boot

Und johlt durch das heulende Wogengetöse."

Es betet die graue, vergrämtreligiöse

Gefährtin des Schiffers in tödtlicher Noth:

"Mein Heiland, entreiße mein Söhnchen dem Tod!"

So wiegt sie, so hofft sie, daß Gott sie erlöse.

Das Kind ächzt: "Der Vater ist wieder betrunken,

Er findet jetzt nimmer den Weg bis nach Haus."

Die Mutter ist schaukelnd zusammengesunken.

Das Kindlein verstummmt, das Gestöhne ist aus:

Es weint nun das Weib und es weißt sich sein Haar,

Das wird es beinahe im Wesen gewahr.

Die Irrsinnige

Madonna, ich sah Dich am sternhellen Meere

Da kamen im Winde die Todten zu mir,

Dann wuchs eine Sichel mit grausamer Gier

Und schnitt in die Weihe der Seelenverkehre.

Ich suchte und fand keine Hülfe zur Wehre,

Es ward jene Schlange ein blendender Stier,

Und sieh, jenes Thier ist jetzt immer noch hier,

Das Kind und den Gatten erdrückt seine Schwere.

Maria, verscheuche den Spender der Schrecken,

Ich schenke Dir gerne mein gischtweißes Haar,

Das Meer aber möge sich wieder verstecken.

Ich bringe die Milch meiner Weiblichkeit dar,

Ich will Deinen Hauch milder Hülfe erwecken,

Es wehe das Schweigen, das wird wie es war.

Um Neumond ist traumblau mein Gatte erschienen,

Sein Kommen verbreitete heimliches Schweigen,

Es wollte mein Wesen sich ganz zu ihm neigen,

Da war er um mich, wie das Schwärmen von Bienen.

Ich wollte sein Nahesein treulich verdienen

Und gab ihm, was irgend der Seele zu eigen,

Um Liebe und Reinheit vereint zu erzeigen,

Da schwirrte es licht, wie das Knistern von Kienen.

Ich sah ihn: es war seine Mannheit vergangen,

Das bartlose Antlitz allwissend verjüngt,

Der Mund ohne Purpur und farblos die Wangen.

Ich habe mich seiner theilhaftig bedünkt,

Sein Wollen durchwogte mein herzhaftes Bangen,

Es ward meine Weichheit mit Thränen gedüngt.

Ich gab meinen Wahnsinn dem wandernden Wasser,

Das schlaflose Schmachten bekam ja die Nacht,

Ich habe das Lachen der Schwachen erdacht

Und achte als wallender, unsichtbar blasser

Erbarmungsgedanke und Warnungserfasser

Auf alles was schamhaft im Weltall erwacht,

Ich habe dem Walde den Sang dargebracht,

Und altere nun als ein markkranker, nasser,

Ja selbstnasser Stamm einer wehweichen Weide

Am Weiher vom weltweiten eigenen Leide.

Ein Reh wittert oft in die sandstarre Haide

Und kehrt dann ins Schicksal zurück, das ich meide.

Ich weiß nicht, verbirgt sich vor mir eine Weide?

Ich weile im Wehwind! Wann weichen wir beide?

Oh Meer, ach, ich brauche von Dir eine Thräne,

Es mag sie Dein Anblick der Seele gewähren,

Da lächelt mein Kind durch den Schimmer der Zähren,

Damit ich sein Mündlein im Augenroth wähne.

Und wenn ich sein fernes Getändel ersehne,

So will ich die Quelle der Schmerzen entleeren,

Und wie auf den Händen die Thränen sich mehren,

So glaube ich, daß sich ein Hauch an mich lehne.

Bald perlen die Finger von kindlichen Blicken,

Nun streichle ich leicht meinen flimmernden Arm,

Und fühle ihn weit leise Kühle erquicken.

Mein Glück ist nun ganz mein erstrahlender Harm,

Das Kind scheint dem sickernden Naß zuzunicken:

Es ist ja wie Milch so beseligt und warm.

Das Märchen vom Meere

Erzähle, oh Meer, mir das Märchen vom Meere,

Das Lied Deiner Inseln versteinerten Leides,

Besinge die Klippen des plötzlichen Neides,

Die Wiederkehrwirbel der innersten Leere.

Die Mär aller Meere ist gar keine Lehre,

Der Mittag bricht ab wie die Kraft eines Eides,

Der Abend, das Bild eines späten Bescheides,

Verbirgt des Verhängnisses sinkende Schwere.

Die Nacht hehrer Meere kann niemand errathen,

Da spiegelt die Trauer unsagbare Dauer,

Es ist, als ob Kunden dort gar nicht mehr nahten:

Die Fragen sind draußen genauer und rauher,

Die Märchen jedoch, die wir je dort erbaten,

Sind stumm und ergrauen in uns nur als Schauer.

Gewißheit

Es rollt der Löwe zweiunddreißig Sonnen,

Zu seinen Füßen und im eigenen Leibe,

Im Sommer nahe vor die Sonnenscheibe,

Und alle Wolken sind sogleich zerronnen.

Die Erde aber bleibt von Gold umsponnen

Und fast verschleiertnackt, gleich einem Weibe,

Von dem man fordert, daß es übertreibe,

Was ihm Natur und Sitte angesonnen.

Dann schlafen alle Träume, alle Schäume.

Blos Mittagsmystik loht aus jedem Zweige.

Und wie vergeistigt sind die stillsten Bäume.

Da ists, als ob ein Ding zum Dingsein neige:

Ja, ja, um Alles schwirren Athemsäume,

Kein Wesen wünscht, daß da ein Gott entsteige.

Die Sonnenblume

Du Blume, die sich hold zur Sonne wendet,

Ich wollte einstens Deinem Wesen gleichen,

In mir die Sonnenzukehr fromm erreichen,

Doch etwas sagte mir: Du bist verblendet!

Ich habe alle Blüthenkraft verschwendet,

Ich fühlte samend meinen Glanz erbleichen,

Die Luft den Duft von meiner Jugend streifen,

Und heute sind die Lust, die Macht verendet.

Doch seh ich Blumen tief aus sich erstrahlen,

An jedem Morgen sich zur Sonne neigen

Und fast mit Hingebung zum Lichte prahlen.

Ich aber mußte rasch herniedersteigen.

Verloren sind ja alle Sehnsuchtsqualen:

Mein Wesen wurde Niemandem zu eigen.

Frieden

Das blaue Meer verliebt sich in das Leben,

Und tausend Augen sind uns wohlgesinnt:

Ja, schon beginnt der Hauche Tausch, der Kräuselwind!

Und lauter Herzen fangen an zu beben.

Bald wird das Meer sich wohl zum Ufer heben.

Die kleinste Welle, die als Schaum zerrinnt,

Die Spitzenschleier um die Erde spinnt,

Mag sich dann irgendwo und ganz ergeben.

Ein blauer Schmetterling hat sich verloren.

Im Blauen draußen find ich ihn nicht mehr:

Hat ihn der Strand als sein Geschenk erkoren?

Mein Herz, Dir werde nicht auf einmal schwer!

Bestimmt hast Du bereits ein Lied geboren,

Nun sing Dich aus, am traumhaft blauen Meer.

Orpheus

Den Inselkranz bewachsen kalte Farren.

Der Thauwind weht von Süden und vom Meere.

Der Regen stürzt sich in die Wintersleere.

Die Farren aber müssen weiter harren.

Auf einmal scheint ein Rausch den Wind zu narren.

Die Mythe bringt das Lied vom Lichtbegehre:

Sie schwimmt im vollen Mittag durch die Quere.

Ja, Tongestalten siehst Du rings erstarren.

Das ist ein Wunderthier mit goldenen Flossen.

Ein Lied weht seinen Sänger hold zum Strande,

Und Farren lösen alle Wurzelbande.

Durchs Lied sind Liebesblüthen voll ersprossen.

Verthierte Formen drohn vom Pflanzenrande,

Der Sang harrt: steil in Bäumen eingegossen.

In meinem Traumesgrau erscheinen Lilien:

Unendlich groß und doch in meiner Seele

Wird ihr Erguß zu manchem Prachtjuwele,

Und plötzlich gießt es Licht wie auf Sizilien.

Im Traum verwurzeln sich die Scheinreptilien.

Und halb bewußt, daß ich ihr Wesen schweele,

Umwande ich die scheuesten Urbefehle

Als Pflanzenspuk und als Gesichtsfamilien.

Das heikle Fiebergrau der Traumgewitter

Wird immer silberner und schließlich bleicher,

Und endlich knistert, blitzt ein Zickzackgitter.

Und dennoch merke ich andere Albeinschleicher.

Ihr Streit mit meinem Funkennetz ist bitter:

Doch schon ist meine Furcht gespensterreicher.

Des Liedes Wesen

In einem Land, wo alle Dinge traumhaft schauen,

An einem blauen Wundermeer kam ich zur Welt.

In einer Au, die ihre Pracht verborgen hält,

Begann mein Wesen seinen Räthselthurm zu bauen.

Aus allen Mienen dort glüht gütiges Vertrauen:

Was sanft in jenen Fernen in die Augen fällt,

Beschaut Dich zaghaft, wie von Innerthum erhellt,

Und Seelengrauen schweigt vor solchem Weltergrauen.

Ich glaube noch an jene blauen Morgenmeere,

Und oftmals blickt mich, was ich nie bemerkte, an.

Ja, Lieder perlen, wie in fremdem Augenbann.

Mein Träumen thaut auf Blicken ohne Ort und Schwere.

Mein Sang, der nirgendwo und ganz urselbst begann,

Will fragen, sehn und sein, und funkelt in die Leere

Einsam

Ich rufe! Echolos sind alle meine Stimmen.

Das ist ein alter, lauteleerer Wald.

Ich athme ja, doch gar nichts regt sich oder hallt.

Ich lebe, denn ich kann noch lauschen und ergrimmen.

Ist das kein Wald? Ist das ein Traumerglimmen?

Ist das der Herbst, der schweigsam weiter wallt?

Das war ein Wald! Ein Wald voll alter Urgewalt.

Dann kam ein Brand, den sah ich immer näher klimmen.

Erinnern kann ich mich, erinnern, blos erinnern.

Mein Wald war todt. Ich lispelte zu fremden Linden,

Und eine Quelle sprudelte in meinem Innern.

Nun starr ich in den Traum, das starre Waldgespenst.

Mein Schweigen, ach, ist aber gar nicht unbegrenzt.

Ich kann in keinem Wald das EchoSchweigen finden.

Panik

Schon fühlen Nachtgestalten rings ihr Walten.

Des Tages Wangenwärme muß enthauchen.

Ihr Dinge wißt doch, daß wir Frieden brauchen,

Drum trachtet nicht den Athem anzuhalten.

Was mahnt, als dürften sich nun Hände falten?

Jetzt wars, als würde eine Furcht enttauchen,

Als ob die Blätter sich, geschreckt, vor Gauchen

Wie Säuglingsfingerchen zusammenkrallten.

Nur Ruhe, Ruhe! Und zuerst im Innern.

Dann läßt sich bald kein Wesen überraschen:

Des Friedens kann man sich ja blos erinnern.

Ach was, am Wasser laß die Plappertaschen:

Laß Dich nicht ein mit Zwiegesprächsbeginnern!

Was kümmern Dich die Schatten, die da waschen?

Odysseus

Das Leid, in dem ich willenlos ertrinke,

Entfernt und wellt mich oft an einen Strand,

Vielleicht in aller Sehnsucht Mutterland,

Von dem aus ich den andern Träumen winke:

Und wenn ich drüben meinem Selbst entsinke,

So bin ich nackt und doch im Schamgewand

Und nehme scheulos einer Jungfrau Hand

Und freu mich, daß ich frei von Schäumen blinke.

In jenem Osten bin ich oft gewesen.

Von dort weht ja die Hoffnung noch herbei:

Hat drüben eine Seele mich erlesen?

Man wandelt dort fast schein und schattenfrei,

Und doch voll Sonnenwohl sind jene Wesen!

Was schöpf ich noch im trüben Allerlei?

Verstumpfen

Du meine Seele, sei nicht so erschrocken!

Wird auch Dein krankes Wehmuthswort verstummen,

So müssen doch die Bienen weitersummen.

Und surren, surren wird es stets um Rocken.

Der goldene Morgen soll ja fort frohlocken,

Und Mücken werden sich zusammensummen,

Denn über jeder Pfütze muß es brummen,

Und Spinnen werden stumpf auf Moder hocken.

Du arme Seele, ach, Du kannst nicht schweigen:

An lauter kleinen Wesen wirst Du kleben

Und noch aus Müdigkeit zur Sonne steigen.

Auch Deine Dumpfheit wird noch weiterleben,

Dein Brüten einst vielleicht zum Weben neigen,

Vielleicht auf Spiegeln als Lybelle beben!

Der Gesandte des heiligen Antonius

An hellen Tagen, wenn die Stunden gelber blinken,

Befährt ein Mönch in einem kleinen Segelboote

Die braune Fluth, die just in vollem Golde lohte,

Und er vermag es, Fische sanft herbeizuwinken.

Sie tauchen heerdenweise auf, das Licht zu trinken,

Und da erklärt der Mönch ihnen die zehn Gebote,

Vertheilt unter die Horcher sieben große Brote

Und zieht dann fort, bis todt die Lichter niedersinken.

Er kann auch ruhig ohne Wind und Ruder fahren,

Denn immer, wenn er auftaucht, folgt ihm eine Briese

Und oft vermagst Du ihn ganz nahe zu gewahren,

Da ists, als ob ein Geist ihm in das Segel bliese,

Denn gar nichts regt sich dann in seinen blonden Haaren,

Und ungekräuselt bleibt das Gras der nächsten Wiese.

Das Meer

Das Meer, das Meer beginnt ringsum zu brausen:

Ich horche auf und tauche tief in Qualen,

In Schlünde, ohne Licht und Eigenstrahlen,

Wo nichts als grüne Schatten hausen.

Den bleichen Quallen fängt es an zu grausen,

Sie fliehen mich in dunkelnden Spiralen,

Ich schlüpfe zwischen meinen geilen Aalen

Und will am Hals die Krausen blind zerzausen.

Das Meer, das Meer! Was ist vom Meer geblieben?

Ein böser Traum mit aufgeschlitzten Wogen!

Mein Meer, mein letztes Meer, ich will Dich lieben.

Mir heißt das Meer, Du wirst hinabgezogen,

Du sollst zerträumt, hinweggeträumt, zerstieben:

Oh Meer, oh Meer, auch Du hast mich belogen!

Die Glanzperle

Im Halbmond, wenn die Sterne sich verdichten,

Der Wasserathem langsam dann verzieht,

Enttaucht ein Kahn, so traumhaft wie ein Lied,

Und scheint die letzten Wellen zu beschwichten.

Ein Seelenpaar, das Herz und Blick belichten,

Das blos die reinste Einheit giebt und sieht,

Vermag nach allem, was in Glück geschieht,

Den Rhythmus seiner holden Fahrt zu richten.

Es regt sich da kein Hauch am grauen Meere,

Es hat der Kahn statt Segel einen Traum

Und wiegt ganz spurlos seine Schattenleere.

Die Liebenden sind blaß und zart wie Schaum,

Ihr Antlitz mild, als ob es nichts begehre:

Man wundert sich ja nur, und wähnt sie kaum.

Sonderbar

Es wird der Mond in sieben Tagen erst verscheiden.

Die Katzen hörst Du haßerfüllt und brünstig miauen,

Im Wasser todte Silberfratzen sich beschauen

Und ringsum hörst Du, hörst Du, Hunde schrecklich leiden.

Gestalten wirst Du plötzlich huschhaft unterscheiden.

Es fangen Hexen an, den Sabbathtrank zu brauen:

Ihr Werbeschrei und Katzentakt durchschrillt die Auen,

Die laute Nacht ist voll von blauen SatansEiden.

Doch jetzt erwachen, dort in Dir, die eigenen Eulen,

Die sind so fremd und eigen, weil Dir selbst zu eigen.

Wie schweigt die Nacht? Beginnt es blos in uns zu heulen?

Die Eulenmutter mag nicht aus dem Neste steigen.

Sie brütet über halberwachten Jungenknäulen.

Wie eigen, wenn die Dinge einmal alle schweigen.

Grau

Ich singe, wenn die seltenen Sterne glänzen,

Der Halbmond sich dem Meer entgegen neigt,

Das dunkle Friedensblau der Au entsteigt,

Und alle Fluren sich mit Thau bekränzen.

Ich singe zu den Mondschritttänzen,

Wenn plötzlich jede Windesstimme schweigt,

Bevor das erste Perlengrau sich zeigt,

Und mag in mir die Furcht der Flur ergänzen.

Doch auch in meinen blassen Tagesträumen

Erwacht bestimmt der Farbenklang der Nacht

Und hält mich unter frischbethauten Bäumen.

Ein fernes Meer vermuthe ich dann sacht,

Und auch der Hauch von seinen Ginstersäumen

Wird mir mit seinem Rauschen nahgebracht.

Adria

Von Hellas kommt der Wind mit einem Nachen,

In reiner Sternesterbensstunde her.

Es perlen schon die Lüfte überm Meer,

Und ganz geringe Lichtdinge erwachen.

Das Sichverringeln hat etwas vom Lachen,

Und gar nichts, selbst das Fragen, wird mehr schwer:

Das erste Morgengold ist sorgenleer,

Und Alles scheint sich selber anzufachen.

Italiens Silberwälder siehst Du zittern,

Doch blos ein schwacher blauer Stern erbleicht,

Und wenig kann der erste Wind zerknittern,

Erlebst Du, was sein Weltgeschehn erreicht?

Die Erde scheint am Meere viel zu wittern.

Wer weiß, was für ein Wirken uns beschleicht!

Schicksal

Oh Morgenstern, ich wittere Deine Strahlen,

Du scheinst von einem Weib emporgehalten,

Du läßt auf Erden die Empfängniß walten,

Du bist das Ich von allen Scheidensqualen.

Dich Erzfunken unter den Traumopalen

Vernehme ich als welttiefes Erkalten,

Vom Sterben kannst Du frühe Liebe spalten,

Du trittst in Dich zurück, gleich Idealen.

Ich habe nie geliebt, wann muß ich sterben?

Oh Liebe, Liebe, trachte mir zu nahen.

Ich sterbe gern. Ums Sterben will ich werben!

Was thun, um Dinge, die schon urgeschahen?

Ich habe nicht geliebt und soll verderben.

Mein Lied, mein Lied, was bleibt Dir zu bejahen?

Das Eiland

Das Eiland meiner Wünsche ist vergessen,

Verträumt der Hauch seiner Nachmittagswärme,

Hinweg der Trauer traute Bienenschwärme,

Umsonst muß ich die Lider niederpressen.

Ich sehe wohl des Felsen Strandzypressen,

Doch nie die Au, für die ich draußen schwärme:

Je mehr ich mich am Meer um Frieden härme,

Muß ich ein immer Ferneres ermessen.

So bleib ich denn in meinem Hain von Lichtern:

Berauscht von Sternblüthen in düsteren Lauben,

Begegne ich dort anderer Welten Dichtern.

Mich wiegt ein Meer. Ein Leib schnürt meinen Glauben.

Und dennoch pflücke ich mit Traumgesichtern

Die holden Hoffnungen von Sternentrauben.

Der rothe Schimmer

Am klaren Meer unter den letzten Sternen

Kann sich ein Zauberschiff mit goldenen Masten,

Auf denen die verscheuchten Albe rasten,

Aus einem rothen Wolkenschoos entkernen.

Doch wenn Du hinblickst, wird es sich entfernen,

Es ist als ob die Insassen erblaßten:

Zu schwere Schatten dürften es belasten,

Und Du sollst auch das Träumen dann verlernen.

Doch sah ich dort einst Heilige und Frauen,

Die Helden Ilions und Illyriens Fürsten,

In ihren Gründen Künftiges erschauen.

Ich nenne keinen, kenne blos den Dürrsten:

Er sah zurück zu stillen Blüthenauen

Und schien nach Lebensspenden noch zu dürsten.

Die Dogaressa

Das ist ein Weib mit morgenrothen Wangen:

Der Mund gewöhnt, daß man ihm ernsthaft traue,

Verschwendet lächelnd Schimmer wie im Thaue,

Und diese Nase wittert unser Bangen.

Es sind die Flechten goldig wie die Spangen.

Die Augen grau, mit einem Stich ins Blaue,

Die Brauen Bögen, wie bei einem Baue,

Den lange Byzantiner angefangen.

Um ihren Busen athmen auch die Schleier,

Die Achseln fallen wie mit Blutgischt nieder

Und machen so den Hals fast rastlos freier.

Verwegen schlank versinkt das ganze Mieder,

.....................

.....................

Das ferne Schloß (Miramar)

Du heller Fürst auf ewiggrünen Hügeln,

Es kennt Dein blaues Auge nicht das Meer,

Umsonst erscheint mir Deine Wehmuthswehr,

Du kannst auf einmal keine Wünsche zügeln.

Du glaubst nur traumhaft hin und her zu klügeln,

Doch weht Dein unergründlicher Begehr

Vom Meer, von dort, vom großen Meere her,

Und ein Entschluß wird alles überflügeln.

Du bleiches Schloß, das Meer hat doch gewonnen,

Es grünen Deine Lauben, trotzde noch die Mauern,

Doch alle Heimlichkeit war bald zerronnen.

Du sollst vor Deiner Leere tief erschauern:

Du bist ja schon von Sagen sacht umsponnen,

Das Meer und Deine Trauer werden dauern.

Zauber

Der Vollmond ist schon da! Hinter den Feigen

Siehst Du ihn kupferroth und kalt erscheinen.

Der Himmel hat das Blau von echten Weinen:

Und seht, der Mond erblaßt beim raschen Steigen.

Wie ist die Welt doch thierhaft jetzt und eigen:

Vielleicht wenn still die Sternelein erscheinen,

Für einen Augenblick mit sich im Reinen,

Und alle Seelen müssen dann auch schweigen.

Schon sind sie alle da! Die Szepter, Kronen!

Der Westen blos blieb gelber als Zitronen,

Und auch der mond beginnt sich einzuschleiern.

Die fernen Glocken werden kurz nur tönen.

Es muß das Ohr sich an die Nacht gewöhnen.

Ich höre lauter Traumkonzerte feiern.

Die Wasserschlange

Besorgniß überkommt mich beim Gedanken,

Daß eine ungeheure Wasserschlange,

In sich verschlungen, bis zum Weib gelange,

Vor dessen Fenstern meine Wünsche kranken.

Ich möchte dort dem Mund mein Glück verdanken,

Und weiß bei allem nicht, weshalb ich bange,

Mein Herz ist voll von holdem Schmeichelsange

Und doch: die Stimme und die Schritte schwanken.

Ich darf in dieser Stadt kein Weib berühren,

Ich fürchte mich vor allen stummen Fluthen,

Sie werden es ja selbst zum Grauen führen.

Ich kam nicht her, um Jubel zu vermuthen,

Ich sollte blos die Angst des Wassers spüren:

Und nun genug, denn lauter Wunden bluten.

Die Epheuranke

Der Epheu dort am gothischen Palaste

Verschlängelt sich zum marmornen Balkone,

Sein Schattenwesen gleicht einem Spione,

Den irgendwie ein Rachewunsch erfaßte.

Es ist, als ob er wachsend weitertaste,

Um klar zu werden, wer das Schloß bewohne,

Und ob sich wirklich ein Verrath verlohne:

Er winkt ja schon mit einem freien Aste!

Nun blickt der Mond um eine hohe Ecke:

Und sieh, ein Weib erscheint hinter den Scheiben,

Was hält es dort so bleich an einem Flecke?

Der Epheu muß noch viele Zweige treiben,

Damit er seinen Kundschaftsweg vollstrecke:

Die Dinge sterben ab, die Räthsel bleiben.

Jetzt mag der Mond auf Mosaiken spielen,

In stillen Kirchen, die man schüchtern meidet,

Beweint sein Licht den Heiland wohl, der leidet,

Weil die Geschöpfe ihrem Nichts verfielen.

Auch knieen blasse Schatten auf den Dielen

Und thränen, schwören, da die Nacht verscheidet:

So wird der Schein, der ihren Schein umkleidet,

Dort eingehn, hinter steilen Lichtprofilen.

Mein Augenblick, mein Traumgeschick wirft Schatten.

Was halte ich? Verlassen wir uns ganz?

Ich werde ja und mag schon längst ermatten.

Ich webe mich empor mit fernem Glanz:

Gestalten, die mich einst verleiblicht hatten,

Erschaut mein leises Wiedersein Byzanz.

Der Strom

Im Mondlicht schwimmen lauter Kinderleichen,

Es halten viele zwar die Augen offen,

Doch im Krystallsarg kann man nimmer hoffen

Und sucht blos Friedensmeere zu erreichen.

Verschleiert scheint das Mondweib nachzuschleichen:

Hast Du es nie verwittwet angetroffen?

Es weint: der Todten Augen bleiben offen,

Es weint und weint, durch Leid Dich zu erweichen.

Geschick, was spricht zu mir? Ich leide!

Ich habe doch genug an mir zu tragen,

Ich weiß ja klar, daß ich umsonst verscheide.

Wozu muß ich, ja ich, nur Schmerz ertragen?

Was zwingt mich, der ich jedes Nahen meide,

In Aller Klagen mich erst freizusagen.

Übertreibung

Oh Stadt, in Deinem letzten Dämmerlichte

Verflattern Fackeln langer Leichenzüge,

Als ob jetzt selbst die Fluth die Gluth vertrüge,

Sprühn alle Ufer nun in stillem Lichte.

Doch plötzlich, seht, die seltsame Geschichte:

Im Wasser selber schöpfen Feuerkrüge.

Doch ist das Schauspiel Zauber oder Lüge?

Wie, flimmerten und fischten drinnen Wichte?

Wie, glühte nie dein Wunder zur Genüge?

Es will nicht, daß ein Grün aufs Sprühn verzichte,

Und drum ergiebt es sich in Würmerflüge.

Nun sage, Sehnsucht, wie ich Dich beschwichte,

Mein Deuchten, Leuchten in den Rhythmus füge:

Ihr, meine Gluthfunken, seid Ihr Gedichte?

Der Vollmond naht des Meeres Silberrande

Und geile Lippen schwellen ihm entgegen,

Ertrunkene siehst Du sich am Seegrund regen:

Gespenster lösen alle Leichnambande.

Das Todtenflüstern aber zeitigt Schande,

Und alles siehst Du deshalb Grauen hegen,

Den Vollmond sich bequem aufs Wasser legen,

Und Angstgekicher weht zum gelben Strande.

Eins wird der Leib in meinem Grund versinken.

Was ich geschaut, ihn kurz und flink umgischten,

Dann jede Taggestalt ertrinken, sinken.

Gar oft, wenn sich Geschicke in mir trafen,

Errieth ich, daß um mich sich Andere mischten,

Einst aber kann ich nackt und einfach schlafen.

Das Sonett

Es sollte mein Sonnett den Sternen gleichen,

Die blutigblau aus ihren Kernen leuchten,

Zuerst den Augen Feuerkreuze deuchten

Und dann auf einmal Lichtgeschimmer weichen.

Doch muß gar bald das Schimmern auch erbleichen:

Als ob die Urgluthen die Strahlen scheuchten,

Erscheint, bis unsere Lider sich befeuchten,

Den Blicken strahlenfrei das gerade Zeichen.

Dann zittre, wie um Sterne, feucht die Frühe,

Auf das erblickte Lid, zart eine Zähre,

In der die Gluth der Blutwünsche versprühe.

Es wünscht ja doch, daß es die Mär gebäre,

Daß schillernd Träumen seinem Grau entglühe

Und spielt, als ob es eine Perle wäre.

Der Herold des Sonntags

An perlenblassen Sommersonntagsmorgen

Erscheint ein Himmelskind unter den Dingen,

Es öffnet reiner Übermuth die Schwingen,

Und selbst der Wind hat wenig zu besorgen.

Das freie Meer bedenkt kein anderes Morgen,

Denn wenn sich Dinge über Tag verdingen,

So ist es nicht, um selber zu gelingen,

Ein Sonntag ist ja überall verborgen.

Der Sohn der Sonne wird in uns geboren,

Er strahlt aus allen, die dem Tag entstammen,

In diese Welt, die Gottes Wort verloren.

Oh, bleiben wir doch ohne Ort beisammen,

Der Sonntag hat uns, wo wir sind, erkoren,

Die Werke, Wesen werden seine Ammen.

Die hohe Botschaft

Wenn Wolken rings phantastisch niederblicken,

Entsteigt der Mittagsadler ohne Regung,

Doch meint die Stille innerste Bewegung

Und reicht die Frühe fertigen Geschicken.

An Quirlen kann sich da der Aar erquicken,

Der in der Stunde klarster Überlegung

Dort hinblickt zu der Fernen Flügelfegung,

Wenn alle steilen Strahlen rasch zerknicken.

Gar hehr erweist sich da der Geist am Meere:

Wir ahnen wohl, daß wir nicht blos empfangen,

Und streben dann nach eigener SeelenEhre.

Was da der Tag mit uns schon angefangen,

Das hegt und wird der Wesen ewige Lehre

Und kann in aller Nacht zu Wort gelangen.

Der Ruf

Der Sturm erfüllt das ganze Meeresdunkel,

So horcht, von Osten kommt das große Tosen,

Es möchte rufen, doch im athemlosen

Sichüberstürzen hörst Du blos Gemunkel.

Nun brüllt es auch, und zischendes Gefunkel

Vergeistigt wunderlich groteske Hosen,

Die Stengel tanzvernarrter Wolkenrosen:

Und plötzlich drohen oben GlotzKarfunkel.

Der Stier beginnt im Winde jetzt zu rufen.

Er bringt die Stille des bewußten Starken

Und tritt die blinde Wildheit mit den Hufen.

Die Murmelnden beginnen abermals zu harken,

Man dient dem Stier in allen Lebensstufen,

Die Arbeit wird die Wahrheit aller Marken.

Der Löwe

Der Werktag schleppt sich fort in dichtem Regen,

Ein Schiff wird in der Werft zurecht gemacht

Es drehn sich Krahne unentwegt mit Fracht,

Und auch der Regen will sich gar nicht legen.

Das klare Wasser hört nicht auf zu fegen,

Zu Ende wird die Arbeit bald gebracht.

Da staunt: der Nachmittag zeigt seine Macht,

Der Markuslöwe spendet blauen Segen.

Im Westen ist er goldig klar erschienen,

Er wälzt sich zwischen Regenbogen vor

Und will, daß ihm die Elemente dienen.

Die Menschen wimmeln durch des Löwen Odemflor

Die Boote auf der Goldsee scheinen Bienen,

Und Aller Blicke krönt ein Siegesthor.

Serenissima

Es beben die Schwalben wie Herzen, die toben,

Sie singen hinein in den siegenden Lenz,

Sie feiern den Herzog der Seeresidenz,

Der ausfährt, sich hehr mit dem Meer zu verloben.

Es ist noch der Morgen in Flore verwoben,

Drum siehst Du kein Schaustück, doch jedes Kind kennts,

Und alles erfreut sich des Hochzeitsmoments

Und dringt mit dem Glockengeläute nach oben.

Der Doge hat stolz einen goldenen Reifen

Ins traumhafte Blau seines Meeres versenkt,

Die Braut nur geschaut, um ihn traut zu begreifen.

Der Herzog hat traurig nach Hause geschwenkt,

Die Gondeln beginnen im Golde zu schweifen,

Dem Sang haben ganz sich die Schwalben verschenkt.

Der Herold von Florenz

Der Herold von Florenz in goldenem Flore,

In leichter, turteltaubengrauer Tracht,

Der unterwegs sein Eigenthum bedacht,

Erscheint am Meer in einem Sonnenthore.

Er tritt zu einem Frühlingskinderchore,

Und wo er hold zu der Umgebung lacht,

Dort gleicht sein Gruß dem Lenze, der erwacht,

Und die Erscheinung einem Meteore.

Am Strande die Gespielinnen der Wellen,

In bleichen Schleiern und mit hellem Haar,

Gewahren ihren fremden Spaßgesellen.

Am Wasser sagt er, was der Himmel war,

Und blau umschwebt von bebenden Libellen,

Wird allen trautes Heimweh offenbar.

Die Tochter von Fiesole

Toskanas Tochter kommt voll Reiz und Scheue

Zur hehren, sonnenhellen Sommersee.

Ein Taubenpaar, so weich und weiß wie Schnee,

Erscheint ihr da in der verzückten Bläue

Der Inselwelt unter dem Flügelleue

Und grüßt der grünen Hügel Frühlingsfee,

Die Hülle einer wehen Glücksidee,

Und wünscht, daß sie der Flug als Gruß erfreue.

Die Tochter Fiesoles entnimmt die Blüthen,

Die Kinder ihrer Vaterstadt gepflückt,

Nun strohgeflochtenen Körben, die sie hüten,

Und schon die Einfalt ihrer Art beglückt:

Die Tauben ruhen nun, wie um zu brüten,

Stumm an der Brust, an die das Mädchen sie gedrückt.

Des Dichters Angebinde

Am Arno stehn Zypressen starr am Grabe

Der Braut, die nur ein armer Träumer sah:

Der Stätte ihres Waltens blieb ich nah,

Doch glaub ich, daß ich nichts erfahren habe.

Das Lied, an dem ich meine Sehnsucht labe,

Blieb ganz allein und als alleine da,

Doch plötzlich wars, als ob etwas geschah,

Und ich bekam vom Leide eine Gabe.

Ich wägte, hegte was ich schwer erduldet,

Da ward im milden Licht das Leid zum Lied

Und hat sich tief als Perle eingemuldet.

Und das empfand ich mit gesenktem Lid:

Nun Heimathmeer, mit Dir bin ich verschuldet,

So nimm von mir, was noch mit mir geschieht.

Die Sendlinge von Siena

Auf rothen Rossen kommen stolze Boten,

Mit Rollen über das Gebirge her,

Sie denken nach: das Amt ist schwer,

Es wird ein Freistaatsbündniß angeboten.

Die nordischen Despoten, Roms Zeloten,

Bedrohn die Eigenreiche immer mehr,

Den Markusstaat allein beschützt das Meer,

Doch hofft man nun, Toskana zu verknoten.

Die Reiter sind noch jugendlich und heiter:

Und seht, verkleidet kam ein Mädchen mit,

Zwar ist es angethan wie sonst die Reiter,

Auch merkst Du nicht, daß es beim Ritte litt,

Doch dienen ihm die bärtigen Begleiter,

Und einer folgt ihr gar auf Schritt und Tritt.

Der Wasserfall

Das Waser wandert durch die blauen Thäler,

Der Wind verliebt sich in die stillen Dinge:

Es will das Licht, daß Alles Hymnen singe,

Und seht, die Wälder werden rings Erzähler.

Ein Bündnißgeist, des Guten frommster Wähler

Ist da, damit der Heimath Sang gelinge.

Er spricht ins Wasser, daß es Botschaft bringe,

Er dröhnt sogar: Denn horcht, das Thal wird schmäler.

Es ist die Sprache das der Patriarchen.

Das Wasser sagt fürwahr: Wir wollen leben!

Und aller Schaum verlangt, daß Walzen schnarchen.

Der Ache Schleusenschlösser werden Archen,

Des Wassers Klarheit wird ihnen entstreben,

Man mag den Schatz des Wassers "Raschheit" heben.

Der holde Mönch vom Monte Oliveto

Es denkt der Mönch: Die Seele konnt ich wahren,

Ich hoffe, Gott erhält mich keusch in Frieden,

Der Liebe Grauen hab ich fromm vermieden,

Und etwas mag sich stets mir offenbaren.

Ich bin ein Kind mit Weißem Kleid und Haaren,

Und habe nie mich weltlich unterschieden,

Ich weiß nicht, weilt ein Leib von mir hienieden,

Denn der hat nie den Hang am Fleisch erfahren.

Und doch, die Seele fing sich an zu trüben,

Drum zog ich aus und wandre nun zum Meere,

Um alle Blauheiten im Blau zu üben.

Damit der Perle Schimmer wiederkehre,

Versenkt man sie ins Meer, dem sie entnommen,

Auch ich bin krank und mag zum Heile kommen.

Das schnelle Ende

Das Grauen meines Wesens will erbleichen,

Es ist, als ob es in der Seele schneite:

Das Lied ist krank, dem ich die Perle weihte,

Der milde Schimmer scheint mir kalt zu weichen.

Ihr kranken Perlen seid der Krankheit Zeichen,

Ihr werdet blau und sagt, das Fieber schreite

Aus meinem Sange in das Klanggeleite:

Statt Perlen seh ich Augen blonder Leichen.

Ihr Perlen wollt meinem Gesicht entgleiten,

Ich spüre Euch ohne Gewicht erweichen,

Vergeht denn, liebliche Absonderheiten!

Ihr ward ein Schein aus morgenklaren Reichen

Und müßt vor einem Tag mit hellen Weiten,

Wie allerletzte Mondstrahlen, entschleichen.

Der Bernstein

Die Menschen lesen gerne in den Sternen

Und denken an die herbe Schrift des Herrn:

Ich aber wähle keine Weltenfernen

Und wähne das Geschick im Wesenskern.

Ich nehme einen Stein aus fremden Meeren

Und sehne mich nach seinem Sagensang,

Sein Wesen glänzt von eingekerbten Lehren

Und macht mich da gar traumerfüllungsbang.

Du goldenes Geschick in meinen Händen,

Erzähle Deine eingefrorene Mär,

Das Honigroth von Deinen glatten Wänden

Besprüht mein Spürsinn lüstern wie ein Bär.

Verglast in Deiner Blaßheit, ahn ich Schwingen

Und senke meinen Wahn in Dich hinein:

Nun lebe ich verwandt mit fernen Dingen,

In Dir, oh Stein, mit mir und Dir allein.

Es pocht mein Herz, Du Bernstein sprichst: sei leiser

Nun bin ich still, still wie Dein Athemgold,

Denn Bernstein, heller Stein, ich bin Dein Weiser,

Ich weiß wie hold sich Ewiges entrollt.

Du wächst und athmest wie die gelbe Erde,

Die herrlich durch die Wälder Sonne schlürft,

Die wagt und plagt, damit sie größer werde,

Und Wachstum sagt: wachst, da ihr plündern dürft.

Ach was, Du bist ja athemloses Wachsen,

Du bist ja Wachs, halb Wabenwachs, halb Harz:

Mein Wahn erwacht: ein Wasser, voll von Lachsen,

Entrauscht und überrascht den alten Quarz.

Gesprengter Stein, in Urfels und in Fluthen,

Auf Deinen Härten will ich Fernen schaun!

Granitgrate, Was könnt Ihr grau vermuthen?

Ihr Urburgen beruht auf Grundvertraun!

Das Wasser wechselt, Wechsel schnellen Wellen,

Und Wellen schwellen Schwingen und den Wind,

Der Wind beseeligt und die Seelen quellen

Unüberwindlich, weil sie gar nicht sind.

Nun Geist, als Sonne, komme Du zu Worte,

Die Sonne ist des Wortes Goldsymbol,

Erkunde unumwunden Zufluchtsorte

Und Hochzeitsgipfel für das Wonnenwohl.

Du Seligkeit, Du Ich mit Frühlingsflügeln,

Erhebe Dich, soweit es Welten giebt!

Dem Wasser laß den Sprung, dem Glück das Klügeln,

Du brauchst nicht Flügel, sei der Flug, der liebt!

Entschwebe Dir doch selbst, beseeltes Wesen,

Auch Deine Mutter Erde fliegt durch Dich,

Sie lebt ja nur, das Beste auszulesen,

Sie strahlt bereits und scheint uns innerlich.

Vineta, holder Wortesort erscheine,

Entschwebe Deiner Zukunft, werde Traum,

Ich schaue Dich in goldener Morgenreine,

Und Dein Erschwellen wellt Gewitterschaum.

Du Wendenwahn Vineta, Wind der Wende,

Du Wehmuthswunsch, erwache auf der Fluth,

Du Wagnißstadt und Warnung ohne Ende,

Entschließe Dich zum Flug, der Flug ist Muth.

Du Wahneswahrheit auf dem Wanderwasser,

Du Ewigkeit mit Gluthwurzeln im Blut,

Ich selbst, ein blauer Wunderwunscherfasser,

Erschaue nur, was fern im Glauben ruht.

Vineta, winde Dich empor zum Wesen,

Vineta, strahle aus Erbarmen auf,

Vineta, werde wie es nie gewesen,

Der Wind der Stille lenke unsern Lauf.

Schluß der Perlen von Venedig.

Du holdes Weib, verliebte, lyrische Gedanken

Berauschen mich im Augenblicke voller Lust,

Es will mein Wesen Dir in jedem Kusse danken,

Und doch, der Liebe Abgrund wird uns nie bewußt

Durch unseren Jubel zittern Reihen von Äonen,

In ihrer Ewigkeit verzuckt der Schwall der Zeit,

Es kann sich alle Einsamkeit in uns belohnen,

Ja, es erklärt und es befriedigt sich das Leid!

Das Athmen Deiner holden Brust vermählt die Wogen

Verwolkter Meere mit der Sonne meines Wesens,

Mein Wollen hat den Sturm aus Dir emporgesogen,

Denn Liebe birgt den Schauer mystischen Genesens.

Aus unserer Liebeswonne jauchzt verborgenes Werden,

Doch sie verschlingt auch todesöde Möglichkeiten,

Sie wiegt in sich das Wesen unverhoffter Erden

Und überschreitet lauter angefangene Zeiten.

In unserem Rausch verträumen jene Weltgebilde,

Die einst der Erde, voll von eigener Wucht, entstrebten:

Doch leuchtet auch in ihn des Lenzes Sonnenmilde,

Die Halt gebot, bevor die Wüsten sich belebten.

Es einten uns die reichen Ursprungselemente,

Doch wir gebaren ein bewußtes Lichterhoffen.

Als sich in Dir der Seele Unschuldshülle trennte,

Stand auch in mir ein Schöpfungsabgrund plötzlich offen.

Wer weiß, was für ein Mensch jetzt in das Dasein schauert,

Was wir ihm schenken werden mag er überwinden,

Was er uns eben giebt, ist das, was ewig dauert,

In ihm soll sich die Welt als neue Macht empfinden!

Irr nicht ab, oh Geist, vom Pfad auf dem Du wandelst,

Frage nicht, ob Du, so wie Du glaubst, auch handelst,

Schwärm Dich aus, Du magst es wie die Andern treiben!

Spätere mögen sich Dein Denken einverleiben.

Fühlte ich mich doch von Jugend an als Heide;

Und verlangt die Seele auch nach fernem Leide,

Will ich es trotzdem mir nicht selbst bescheeren,

Denn das Schicksal birgt für mich von selber Lehren!

Ich fühle mich ganz eins, ein Leib und eine Seele,

Und führe Streit, den ich in mir erwähle;

Kein Gespenst, das ich nicht selber tief erschaue,

Hilft mir je bei meinem eigenen Wolkenbaue.

Singt die Seele auch auf einmal ferne Lieder,

Steigen dann im Herzen Zweifel auf und nieder,

Weiß ich doch, ich werde mich an sie gewöhnen

Und mit neuem Thun und Formenschmuck versöhnen.

Plagegeister, ich erbau Euch keine Bühne,

Nimmer glaube ich an Sünde und an Sühne:

Was Romantiker so gerne übertreiben,

Wird in mir Geheimniß oder Schrulle bleiben.

Heute da die Menschen alle lesen können,

Will ich ihnen gerne große Gesten gönnen,

Doch ich zieh es vor stets athembang zu schweigen,

Wo sich Räthsel plötzlich über mir verzweigen.

Für Saturn begründet man jetzt unbewußt Altäre,

Stellt sich philantropisch gegen ihn zur Wehre;

Fortschrittszugluft zeugt gar häufig Gliederreißen,

Einsichtslos will jeder laut das Nichts verheißen!

Opfer der Natur, Ihr könnt mich nicht erboßen,

Statt zu packen, scheint das Leben Euch zu stoßen!

Ach, wie tief es trifft, statt rasch vorbei zu wehen!

Ernst ist es, und dennoch kann ich fortbestehen!

Glocken erschallen!

Von ruhmvollem Dom

Locken und hallen

Die Rufe von Rom!

Es folgen die Leute

Dem klingenden Strom.

– Sonntag ist heute –

Frohlockende Glocken,

Ihr greift mir ins Herz!

Der Äther ist trocken

Und klar schwingt das Erz.

Campaniens Campanen

Erweckt doch in allen

Ein gläubiges Ahnen,

In schallenden Hallen

Ergeht sich der Geist:

Oh Rom, du verzeihst

Dem Geist der entgleist!

Der Frühling erglitzert,

Von Liedern umzwitschert,

Umblühen die Bäume

Jungfräuliche Schäume.

Jetzt tönen auch Schellen

Von Klöstern Kapellen,

Und selbst bis in Zellen

Dringt Jubelgetön:

Ja alles wird schön!

Auf schneeigen Höhn

Verflattert der Föhn!

Duftender Schaum

Steigt durch den Raum,

Das Frühlingserblühn

Verschüttet das Grün.

Wie, alles vergeht?

Der Westwind verweht;

Nein, Bläue die währt,

Hat alles verklärt!

Fromme Gesänge

Beleben die Hänge,

Menschliche Schlangen,

Voll Gottesverlangen,

Durchziehen die Felder,

Dann bergen sie Wälder!

Oft hör ich Gebimmel:

Da seh ich Gewimmel,

Auch scheinen rings Fahnen

Zu drohn und zu mahnen,

Das freut wohl den Himmel,

Denn niemals noch war

Der Äther so klar.

Am Volksplatze vereinen sich die Karawanen.

Von Rom befreite Sklaven aller Welt

Erscheinen mit geweihten Siegerfahnen

Und haben sich auf Rampen ringsum aufgestellt.

Die Sklaverei wurde zum Hauptprobleme

Der Römer, als sie es zur Macht gebracht.

Durch alle Zwangssysteme sind im Diademe

Der Urbs Befreiungsfunken wunderbar erwacht.

Die Kirche hat den Kampf zum Schlusse ausgefochten,

Und überwunden, steht sie dennoch siegreich da.

Die Gegner ihrer Wirksamkeit vermochten

Stets mitzuschaffen, daß die That, die da geschah,

Zerfasert und zerstückelt, dann auf uns gekomnmen!

Und nun ist Rom sein Lichtgedanke ganz genommen.

Doch öffnet sich die große Stadt den treuen Schaaren,

Gleich einem Herzen, das zu Seligkeiten führt.

Ich kann Sankt Peter und das Kapitol gewahren,

Und jedermann wird durch den Anblick tief gerührt.

Der übersonnte Corso gleicht jetzt einem Pfeile,

Der unser holdes Weltherz durch und durch durchdringt:

Er ist die Strecke der modernen Tageseile,

Der Macht, durch die das Ketzerthum die Urbs bezwingt.

Ihr Pilger, zieht zu Ara Coelis Wunderknaben,

Zur Scala Santa und zum nahen Vatikan,

Versucht den armen Geist durch sein Gebet zu laben,

Erfleht vom Himmel einen jungen Glaubenswahn.

Du Rom, entschließe Dich zu neuem Kampfe,

Tritt gegen Wucher und den Scheinwerth muthig auf,

Die Welt um Dich vergeht in wildem Werktagsdampfe,

Verhindre, kannst Du etwas, diesen Abgrundslauf.

Es ist ja Geldeswerth allein im Geist entstanden,

Drum säe man was fix ist, nicht als Samen aus.

Gold kann nicht wachsen, Christen habt Ihr es verstanden?

Dem Schöpfer ist die Wucherei ein arger Graus.

Das Werk des Vaters nachahmen ist Satanssünde,

Drum sei das Kapital, das sich verzinst, verdammt!

Der Geist, der trachtet, daß er Ewiges begründe,

Und dessen Wesen jedes Handelsmaaß entstammt,

Wird auch beleidigt, wenn man seine großen Werke

Wie Zeitliches behandelt und sich mehren läßt.

Drum Rom, erringe neue Zuversicht und Stärke,

Und stehe endlich gegen Ketzerschacher fest.

Befreite Sklaven, kommt in großen Prozessionen,

Drängt massenweise rings heran: Patrizier Roms

Empfangen Euch mit Flaggen. Auf den Festbalkonen

Begrüßen sie den Geist des freien Menschenstroms.

Es muß auch in der Zeit, was ewig einwirkt, siegen,

Die Feiertage strahlen durch das ganze Jahr,

Doch zu Frohnleichnam bändigen und überfliegen

Die Feststunden die Arbeit, die der Zwang gebar.

Frohnleichnam, Ruhetag unter den Feiertagen,

Du Auferstehung aller großen Erdensagen,

Du sagst, wenn man in einem fort im Leben stirbt,

So muß man schließlich auch an einem Zeitpunkt sterben.

Und wenn man immer neue Himmelslust erwirbt,

So wird dereinst die Welt das Gnadenlicht erwerben!

Wenn ewig sich Jungfräulichkeit im Sein erzeugt,

So mußte eine Jungfrau einmal schuldlos zeugen:

Wo das Geschöpf sich dauernd vor dem Schöpfer beugt

Da sollte Gott sich einmal vor der Schöpfung beugen.

Dort wo dem Fleisch verziehn wird, daß es aufersteht,

Wird einstens alles Sünderfleisch frei auferstehn,

Doch wo der Körper, nicht der Geist, zu Grunde geht,

Wird alles, was nicht geistig ist, zu Grunde gehn.

Da alles, was geschieht, sich unaufhörlich richtet,

So wird die Welt bestimmt auch in der Zeit vernichtet.

Da die Natur zum Schlusse jeden Hader schlichtet,

So wird die Schöpfung noch zum Ursprungsgeist verdichtet.

Dreieinigkeit besiegelt sich in allen Dingen,

Drum muß sie auch sich göttlich in die Höhe ringen.

Und da der Gottheit alle Dinge jung entspringen,

So wird sie ewig, was entsteht, ins Dreimaaß zwingen.

So zieht denn hin, die hohe Gnade soll verflachen,

Durch Euch hindurch in Thier und Pflanze noch erwachen!

Das Christenthum wird ringsum tiefe Wurzeln fassen

Und selbst die Felsenmassen nimmermehr verlassen.

Oh Rom, ich lobe Dich, denn in gezähmten Horden,

Bist Du zu einem tiefen Weltgesetz geworden.

Die vielen Glocken fangen wieder an zu läuten,

Ein ordentliches Dröhnen, – man muß sich dran gewöhnen, –

Beginnt nun, für sich selber, Manches zu bedeuten,

Und will uns da,. wo wir auch sind, mit Gott versöhnen:

Das lockt und ruft und eilt einem auch nach,

Oh Klang, erfasse uns, in träger Geistesschmach!

Es sind nun Jesus Christus, Moses, die Sybillen

Bereits ein wenig in die Menge eingedrungen,

Man kann mit Vorsicht und mit etwas guten Willen

Von Dingen, die dem Geist des Christenthums entsprungen,

Nunmehr mit Bürgern und sogar mit Priestern reden.

Sie werden Euch, als närrisch, kaum noch ernst befehden!

Giordano Bruno, wie? Auch Du spukst schon im Haufen,

Jetzt ehrt man Dich, denn Dein System schuf Kopfzerbrechen,

Bekämpfte Dich ein Mensch, so würde man auch raufen

Und für so Schwererlerntes eine Lanze brechen.

Giordano, ach, Du sahst den Heiland in der Menge,

Und Du entsetztest Dich vor ihrer Schauderenge,

Du scheutest ihren Gott, Du holder Sonnensohn,

Und jede Prozession entlockte Deinen Hohn.

Du tratest auf, um träge Festzüge zu stören,

Dein Sang erhob sich bald in tausend Lebenschören

Und als Du heimgingst, mußten Dich die Götter hören!

Du warst ein wahres, feierliches Seelenlicht,

Das heutzutage sich in Prozessionen bricht,

Du selbst bist fort, Dein Regenbogen aber glüht

In allen Farben, die ein ewig Werk versprüht.

Was in uns liegt, kann oftmals ein Gemüth erfassen,

Doch will man es, selbst wenn bewußt, noch schlummern lassen:

Und wühlt es fort, so wird es auch zur Übermacht

Und schließlich uns, durch Liebe, völlig nahgebracht:

Entrauscht es dann, so hat es Eigenkraft zum Leben,

Und endlich müssen wir uns noch zu ihm erheben!

Es ringt das All, sich rings aus Liebe zu durchdringen,

Und ewig sucht es deren Dauer zu erzwingen,

Es kämpft dabei die Zeit, den Abstand zu vernichten

Und trachtet, sich als Lichtgestirne zu verdichten,

Verrundet und erstarrt, Errungenes zu schützen,

Und seine Schlummerlust dadurch, verstreut, zu stützen.

So ruht und so beruht die Welt auf ihren Sternen

Und wir empfinden rastlos deren Daseinsfernen.

Stets müssen sich die Abstände mit Formen füllen,

Die Lüfte sind der weiten Freiheit weiche Hüllen.

Das Licht, die Wärme, die ein Wesen kaum bespülen,

Sind Übergänge in den tiefen Weltgefühlen.

Die See ist da, um Dunst und Seelen aufzuscheuchen,

Und Stürme hören wir in Liebeslücken keuchen:

Ja, ja, das ist die Liebeskette der Natur

Und mitten drin im Meer, entstand die Kreatur.

Wir Menschen sind halb Sonnenkraft, halb Erdenzwang,

Ein Reis, das sich aus Liebe um die Heimat rang,

Denn liebreiches Vermitteln ist des Menschen Denken,

Das ganze Werden soll aus ihm zur Sonne schwenken.

Die Masse ist nur da, Gesetze zu bewachen,

Es soll sich stets der innere Tag in ihr verflachen,

Sie will, daß man sie nicht mit neuen Flammen störe

Und stets Gebotenes, wenn es neu ist, überhöre!

Oh Menschheit, die sich spinnenartig rings verbreitet,

Die alle Erdenbrunst in das Bewußtsein leitet,

– Denn alles was bestimmt ist, bis zum Licht zu klimmen,

Muß erst als Daseinsfunke wurzeltief erglimmen –:

Du wahrst Dir eifrig die Alltäglichkeit im Leben,

Denn Deine Pflicht ist blos ein stilles Weitergeben

Von Räuschen, die vom Grunde aus zur Sonne steigen

Und sich in Wäldern und in Seelen still verzweigen,

Die eine Liebestreppe in den Wesen finden,

Und dauernd, was geschieden ist, in uns verbinden!

Impulse tief verwerthen, Eigenes balanzieren,

Berührt sein, im Gemüth den stäten Wechsel spüren,

Für Kleinigkeiten Muth und Daseinskraft verlieren,

Ganz unbewußt ein Leben voll Gefahren führen,

Das ist das Loos, das immer in uns übergeht,

Und auch zugleich, als fremd, an uns vorüberweht.

Es ist der Mensch sein eigener Geschicksmagnet

Und er beherrscht sich durch ein stummes Lichtgebet

Drum ziehet hin und sammelt Euch in Prozessionen,

Die Geister, die Euch sonst vor Eurem Tod verschonen,

(Denn wißt, er droht Euch rings! Und einem Riesenglücke

Verdankt Ihr Euer Leben trotz des Daseins Tücke,)

Vermögen es, wenn Ihr gefahrlos weiterschreitet,

Das Eigenglück, das Euch sonst Schritt für Schritt geleitet,

Zu Eurem Besten anders und erhabener auszunützen,

Doch müßt auch Ihr es, durch Gebete unterstützen.

Es gilt im Inneren sich zur Prozession zu sammeln

Und vor dem Alltage für einmal zu verrammeln!

Wir Menschen tauchen auf, geboren wird man nicht.

Die Kindlichkeit, die zart sich durch das Dasein flicht,

Verweht, wenn der Karakter in uns aufersteht

Und rhythmisch in die große Ordnung übergeht.

Der Geist, der freie Wille können selten gelten,

Doch, daß sie beide sind, erleuchtet ganze Welten:

Die Freiheit ist so klein, daß erst die Ewigkeit,

In der sie aber Macht hat, ihr ein Maaß verleiht.

Sie ist ein Nichts, doch immer wieder angenommen,

Hat sie in uns den höchsten Einheitswerth erklommen,

Die Möglichkeit zu leben ist unmöglich klein,

Und dennoch fügt sich alles in das Ganze ein!

Ein Opfer, ein Entschluß kann das Geschick von Ländern,

Auf einen Schlag, durch einen Zufall, sagt man, ändern!

Des Erdeneigenwillens kleinste Übermacht,

Der ewigferne schon im Sonnenschooß erwacht,

Hat einst die Welt, auf der wir wandern, frei gemacht!

Auch Menschen streifen lauter Freiheitsmöglichkeiten

Und müssen oder können sie oft überschreiten:

So kommt nach Rom, Ihr Katholikenprozessionen,

Und hofft Ihr es, so wird in Euch ein Wunder wohnen.

Oh, singt der frommen Männer Kampfchoral,

Ja, beugt Euch vor dem Leben, wie aus freier Wahl,

Das was Euch Wucht verleiht, das hält Euch lang befangen,

Doch was Erfahrung giebt ist immer noch vergangen.

Ihr ändert Euch und öfters merkt Ihrs an den Andern,

Das heißt, Ihr seht wie Eure Schrullen wandern,

Die Jugend um Euch her hat Manches Euch entzogen,

Voll Übermuth errafft, Euch Klügere drum betrogen.

Ihr glaubt vielleicht, mit jedem Augenblick zu sterben,

Warum nicht lieber rufen: "Herr wir erben, erben!"

Ihr sollt, was Ihr vereinzelt habt, schnell weitergeben,

Um Euch, nach freier Wahl, stets edler zu beleben!

Der Sinn des Daseins ist blos Handeln und Vertauschen,

Doch wenn Ihr wählt, sollt Ihr Euch selber gut belauschen,

Und bleibt bei Eurem Tode blos der Ursprungsfunken,

So sei Eure Persönlichkeit bereits versunken!

Verrauscht im Krieg der Mannen starke Lebenskraft,

So wird sie gleich von Anderen wonnig aufgerafft,

Es können Schlachten gar nichts auf der Erde schaffen,

In dieser Lebensfluth wird nie ein Abgrund klaffen.

Die Geistersphären, die das All zusammenschweißen,

Kann nimmer irgend ein Geheimniß niederreißen!

Wer herrschen darf, der muß sich überschätzen,

Und seine Macht dadurch, wenn sie entsteht, zersetzen.

Die Liebe aber wächst und rankt das Christenthum,

Die Wahrheit, um den Erdball, voller Macht, herum.

Wir mögen drum an Völkerführer immer glauben,

Noch will uns die Natur nicht die Romantik rauben!

Oh kommt, Ihr Menschen, mit Standarten und mit Fahnen,

Ihr triumphiert bei dieser großen Prozession,

Es zog der Geist zuerst dahin in langen Bahnen,

Nun geht der Leib, die Seele aber herrscht vom Thron.

Oh singt im Sonnenlicht, singt Euren Liebeschor,

Vielleicht könnt Ihr die Schmerzensketten noch zersprengen!

Geht irgendwo bereits ein großer Umschwung vor,

Will aus der Menge sich der Wahrheitsgeist entengen?

Wird man an Kreuzesstatt dereinst die Sonnenscheibe

Bei Prozessionen, wie beim Sonnenkult, gewahren?

Man trägt sie schon, seht die Monstranz aus Gold! Dem Leibe,

So wie dem Geiste, wird sich Gnade offenbaren:

Wir werden immer nur den Gott der Liebe feiern

Und seinen Glanz, aus Furcht, mit Sonnenlicht verschleiern!

Es überkommt die Gaffer bei der Prozession

Gar leicht, besonders wenn es heiß ist, Schlummer.

Und so verduseln viele Leute ihren Kummer,

Sie denken nicht an Mutter, Gatten, Sohn.

Was sie bewegte, sehn sie nur als ferne Bilder,

Dann überblenden sie auf einmal rothe Schilder,

Ein dichter Kupferflitter schwirrt vor ihren Augen,

Und Hals und Beine scheinen nimmermehr zu taugen.

Für sie würgt sich der Zug nur schwer durch heiße Gassen,

Und Schwüle senkt sich auf den Athemdunst der Massen,

Doch wacht man auf, geschieht es meistens wie im Schwindel,

Es ist, als tanzte Blut und Gold um eine Spindel!

Die Weiber, meistens Mütter, kommen nun zu Gruppen,

Das sind des Erdenwiderstandes tapfere Truppen;

Sie heben ihre Wünsche stets aus Seelensummen,

Ihr Hoffen, Wollen ist verwirrt wie Glockensummen.

Den Schein und dessen Anmuth wahren sie dem Leben,

Kein Weib wird sich mit solchem Schild ergeben!

So betet denn für glaubensabgewichene Söhne

Und hofft, daß jeder sich dem Himmel einst versöhne.

Wie herrlich ist es Euch noch fromm und stark zu sehen,

Der Geist wird Eure Reihen immer mehr umwehen!

DasWeib ist reich anTräumen und auch zukunftsschwanger,

Der Mann an Seligkeit zumeist nur ihr Empfanger!

Sie ist zwar leiblicher und auch viel erdennäher,

Doch Sie empfängt dadurch auch alle Urgluth eher,

Das Liebeslicht, das aus der Erde sonnwärts strebt,

Wird immer erst als Scham und Huld im Weib belebt.

Es liebt die Erde wohl die Frau am allermeisten

Und will an ihr das höchste Maaß an Schönheit leisten,

Der Tropen Überfülle wuchtet in den Haaren,

Die wir als Kranz um jedes schöne Weib gewahren.

Des Gischtes Frische mit des Riffes Schliff vermählt,

Ward zum Gebiß, das Seegeblink und Schmelz beseelt.

Der vollen Lust und Jugend holde Morgenkunde

Entschwellt aus jedem wonnereichen Frauenmunde.

Die Abendwolken, die zuletzt am Himmel hangen,

Vergehen nimmer auf des Weibes zarten Wangen,

Des Meeres Ströme, die in Buchten still erwarmen,

Sind nichts als Ahnungen von weichen Frauenarmen.

Des Muttermeeres Kinder aber sind die Seeen,

Zu denen Wolken, deren Ammen, niederwehen,

Oh Weib, in Dir verleiblicht sich die Weltenmilde,

Du bist das stillste aller wirklichen Gebilde.

Mit Purpurfahnen, wo der innern Liebe Gold

Vor unsern Sinnen Märtyrer entrollt,

Erscheinen jetzt in Furcht und Nacht gehüllte Nonnen,

In denen schon der Geist über das Fleisch gewonnen.

Die Allerschwächsten singen einen Machtchoral

Und preisen seelig ihren himmlischen Gemahl,

Nicht jeder Seelenrausch darf sich zum Licht ergießen,

Es müssen Thränen auch zu Wurzeln niederfließen.

Ein Theil der Welt will seine tiefen Schlünde füllen,

Und wer es wagt, wird sich in inneres Dunkel hüllen.

Wer Sonneneigenschaften in sich trägt ist gut,

Doch auch die Erde fordert Gluth von unserm Blut.

Der Staub ist da, damit die Wesen ihn erheben,

Das Licht, damit die Menschen es der Tiefe geben.

Drum dürft Ihr auch, voll Muth, das Tollste denken,

Was man auch thut, den Weltgang wird man weiter lenken!

Die Wahrheit ist vielleicht kein Zweck, blos eine List,

Es giebt blos einen Zwang, der ist, das was man ist.

Der Alltag ist der Gott, die Schönheit blos Symbol,

Die Tugenden und Hoffnungen gar häufig hohl.

Der Spießbürger um uns ist unsere Schicksalsmacht,

Er flüstert nur, durch alles, was er kreischt und lacht,

Die Wirklichkeit von unsrem Erdgeschick ins Ohr!

Wir ahnen es, und deshalb graut uns so davor!

Die Sünden, die wir oft entsetzt in uns gefühlt,

Verbleichen von den Gegenwarten fortgespült,

Doch etwas bleibt von ihnen stets in Jedem hangen,

Und deshalb muß uns noch vor ihren Siegen bangen.

Du fromme Prozession, zieh hin bei Glockenläuten

Du bist zumeist ein Troß von just noch braven Leuten.

Denn jene, die sich einmal nur erwischen ließen,

Nebst denen die den Anstand ganz verließen,

Durchgrübeln Kerkerlöcher, wühlen fort und fort,

Denn stets erwägt sich, stirbt und triumphiert der Mord.

Sie brüten unten fort, verseuchen langsam Alle,

Nur fremde, böse Mächte bringen uns zu Falle.

Wenn jemand plötzlich tief und schauerlich erbebt

Und fühlt, daß sich ein Arm der Hölle aufwärts hebt,

So fürchtet er vor allem selbstbegangene Fehle,

Denn an die Schuld der ganzen Welt erinnert sich die Seele!

Verbrecher sind als Lasterspeicher zu betrachten,

In ihnen lagert sich der Menschheit Schande ab.

Die Schuld, nicht ihre Träger, sollte man verachten,

Wo viel verbrochen wird ist auch der Richter schlapp.

Die Mörder tödten, heißt ihr Unrecht neu gebären

Und so der Welt zwei Missethäter mehr bescheeren.

Die Blutinstinkte, die Gefangene wild verbeißen,

Darf niemand durch Gewaltgerichte roh zerreißen,

Sie müßten sonst gleich einen neuen Mörder schweißen,

Dazu erzeugt auch jede That gleich eine Seele,

Und Blutgespenster schwirren stets um Mordbefehle!

Gewohnheitspanzer schützen uns vor Flüsterstimmen

Und Gluthimpulsen, die am Herzensgrund erglimmen:

Nur was die Menge will und stets von uns begehrt,

Hat sich, bis wir erwachsen sind, als gut bewährt.

Vielleicht sind Schliffe, die uns unsere Umgebung giebt,

Alleine das Bewußtsein, das um uns zerstiebt:

Wenn uns die vielen Gegensätze rings verließen,

So würde jedes Sein im Traumgewirr zerfließen.

Die Völker haben sich schon ziemlich ausgeglichen,

Und in der Kleidung wird die Gleichheit unterstrichen,

Man hängt von anderen ab und ist sich nie genug,

Die Freibeweglichkeit ist jetzt ein Meistertrug.

Du Gleichheitsdrang, Tellurgesetz, hast viel besiegt

Und wilde Ranken oft um Zäune hold geschmiegt:

Ein Volk, das ruhig seinen Alltag leben mag,

Erscheint bereits und huldigt einzig dem Vertrag.

Bald wird es keine Götter um sich dulden wollen

Und nur Geboten in sich selber Ehrfurcht zollen:

Das Reich des Geistes wird in nächster Zeit erscheinen,

Wer wittern kann, beginnt das Große schon zu meinen!

Ein Himmelreich, ein flaches Volk, fast ohne Recken,

Beginnt nun auch den Westen langsam zu bedecken.

Statt Jesus wird der Buddha noch der Herr der Erde!

Oh Heiland, der am Kreuze starb, durchzuckt kein Schauer,

Kein Taumel der Unendlichkeit jetzt Deine Heerde,

Genügt denn Allen eines Daseins dumpfe Dauer?

Oh Rom, beginnst Du, um die Ewige zu bleiben,

Schon wieder Schacher mit dem Christenthum zu treiben?

Du denkst, verzichte ich auf Ruhm und Krone

Und fecht ich mit dem Volke, das jetzt siegreich ficht

Und immer größere Schlingen um die Thronen flicht,

So herrsche ich bestimmt dereinst mit ihm zum Lohne!

Du glaubst, verbleib ich die Gebieterin der Welt

Und kriege ich auf diese Art genügend Geld,

So kann ich alle Völker führen und vergnügen

Und immer mehr Gewinnste zum Errafften fügen.

Italien schenkt mir dann noch eine hohe Kunst:

Man sagt, sie harre einzig auf Mäzenengunst.

Ja, goldene Scheiben in gewandten Händlerhänden,

Zumal wenn diese es mit offenem Verstand verschwenden,

Sind oft so wirksam wie des Lenzes Sonnenschein:

Es dringen ihre Strahlen überall hinein.

Denn zeugt das Licht stets Jubel, Sprudel, Duft und Garben,

Gebärt das Gold Gesänge, Standbilder und Farben!

Das Leben zieht den Purpur an,

Der Abend naht dem Petersdom,

Oh abgespannter Wandersmann,

Bald siehst Du einen Brand von Rom!

Der Tag zieht plötzlich laut dahin,

Es bringt uns seine bunte Schleppe

Verrauschten Jubel in den Sinn;

Es trägt mich eine Himmelstreppe

Jetzt in ein Seelenparadies,

Das ich wahrscheinlich nie verließ

Und mir doch immer nur verhieß.

Ein Schleier der sich niederwellt

Und auch aus allen Kelchen schwellt,

Der ringsum auf die Welt geweht,

Zugleich zum Himmel aufersteht,

Hat auch mich selber überkommen

Und ist doch tief in mir erglommen.

Oh Abendthau in der Natur,

Du Nebelgeist auf goldener Flur,

Bist Du auf einmal auch ein Traum?

Oh sage es, ich träume kaum!

Die Tagesprozession zieht weiter durch die Gassen,

In mir jedoch, erscheint schon manche Nachtgestalt:

Vermag ich es, sie noch in Form zu fassen,

Ist sie ein Wesen oder eine Weltgewalt?

Durch alle Menschen schwebt ein Inbrunstdunst,

Begreife und verdicht ich ihn, so ist es Kunst.

Es zeigt und neigt sich stets Erworbenes und Erlebtes,

Mein Wille, wenn er Muth hat, ordnet und verwebt es.

Mit Panzerhemden gilt es die Vision zu schützen,

Drum Konventionen kommt, Ihr müßt mich unterstützen!

Es sprechen schon die Blitze, die mich rings umschlingen,

Die Bajonette fangen an ihr Lied zu singen.

Ein altes Volk, das überall in Waffen starrt,

Erklärt sich mir: Sein Schicksal scheint ihm hart,

Doch mußte es, um noch der Gleichheit nachzustreben,

Ein großes Heer zum Schutz der Freiheit weit beleben

Und diesen festen Menschenwall im Land erheben.

Der ist ein Wall, wie fern um China, dessen Mauer,

Ein riesiggroßes Buddhathum liegt auf der Lauer:

Es wühlt sich schon empor und schafft sich rings ein Reich,

Oh Rom, was drängte sich in Deinen Machtbereich.

Es heißt vor allem für Millionen Nahrung schaffen!

Der Wille, gut verpflegt zu sein wird bald erschlaffen,

Wer Steuern zahlt, wird sich zu manchem noch bequemen,

Für seinen Frieden läßt man sich das Beste nehmen!

Oh Christenheit, man wird sich wahrhaft Deiner schämen,

Was hilft, um solche fremde Einflüsse zu lähmen?

Es hat der Schöpfer alles derart vorgesehn,

Daß alle Dinge scheinbar ohne Gott geschehn!

Wer die Gesetze mustert und mit List studiert,

Ist oft bestimmt, daß er den Glauben ganz verliert,

Der Geist ist in den Dingen gar so gut versteckt,

Daß wenn Du suchst, Du ihn dann oft nicht mehr entdeckst,

Dafür jedoch ihn unbewußt um Dich erweckst.

Ich mag darum den Staat noch fort analysieren,

Werd ich dabei die Hoffnung weghypnotisieren,

Kann sich vielleicht ein Geist noch irgendwie beleben

Und plötzlich herrlich über meinem Gleichmuth schweben.

Die Sonne hat den Wall, der uns beengt, versprengt.

Der steht in die Gesellschaft dehnbar eingerenkt,

Der blitzt und funkelt überall im Abendlicht

Und er erfüllt bei Prozessionen seine Pflicht.

Die Phantasie verfolgt ihn durch die Christenländer,

Denn jeden Staat verklammern feste Eisenbänder,

Indessen legt ein rother Hauch sich ringsum nieder

Und scheinbar fiebern jetzt die fernen Weltstadtglieder.

Die Prozessionen haben sich bereits verlaufen

Und tausend Schauspiele belustigen den Haufen,

Es flattern Purpurfahnen durch den Abendäther:

Nur in den Kirchen rings verspäten sich noch Beter,

Doch wollen jetzt auch diese schon nach Hause,

Und immer neue ruft der Glocken Erzgebrause.

Und wieder seh ich lauter rauschende Sutanen,

Und in des Tages Feuerstunden wehen Fahnen

Vom hohen Himmel selber auf die Erde nieder.

Aus fernen Kirchen schallen fromme Christenlieder,

Doch alles übertönt der Abendglockenklang,

Die ganze Stadt blinkt wie berauscht und fieberkrank.

Die Sonne ist von Wolkenriesen eingeschlossen,

Denn diese sind des Lebenssternes Kampfgenossen,

Sie häufen sich zu einer stumpfen Pyramide,

Und tief in deren Innern hämmern scheinbar Schmiede.

Nun ist der Bau schon purpurroth und ungeheuer

Und speit und schleudert wie ein Kriegsthurm Feuer,

Auch seh ich aus den überwälzten Stockwerkfugen

Rings Strahlenspeerquadrate drohend aufwärtslugen.

Hoch oben hält man seine Lanze schon gebogen

Und scheint zu einem Angriffe der Nacht gewogen,

Man ist auf diesem Wolkenwall gewöhnt zu siegen

Und unaufhaltbar westwärts immer fort zu fliegen!

Die Sonne ist gesunken und der Apennin

Beginnt sich schon mit Düsterkeiten zu umziehn,

Doch plötzlich überglühn die Spitzen Feuergeister,

Ein Schemenzug, von Norden kommt er, oftwärts reist er,

Umglüht und übersprüht die fernen, höchsten Berge.

Verlassen Könige auf einmal ihre Särge?

Dort seh ich einen goldenen Gigantenzug,

Und Reifen, wie man sie zu Kaiserzeiten trug,

Erscheinen jetzt auf diesen hellen Wiederscheinen!

Auch Kronen, eine Tiara, voll von Edelsteinen,

(Und am Sorakte, selbst nun eine Dogenmütze,

Von der es scheint, daß sie den Berg vor Unheil schütze,)

Umzaubern alle Höhen und verschwimmen schon:

Hinweg ist auch die blasse Geisterprozession!

Die Glocken, Vögel und die Zwielichtzitterluft

Hat nun die Nacht, die stumm erwacht, zur Ruh gebracht:

Die Sterne zeigen sich in jeder Wolkenkluft,

Und auch in mir herrscht eine stille Wundernacht.

So wie der Abendstern durch Dämmerschleier glimmt,

Wird alles auf der Erde friedlicher gestimmt,

Die stummen Stürme wuchten in den Seelenschlund,

Und unser Mund giebt nichts als Athempausen kund.

Befunkelt sich darauf das ganze Firmament,

Durchzuckt uns alle ein Geburts und Glücksmoment!

Wer ist der Mensch, der nicht den Abendzauber kennt?

Es wird die Seele da so still und transparent!

Die Träume schmücken sich mit Tand und Kronen

Und überall vermuthen sich dann Prozessionen,

Es schließt die Nacht bald ihre warmen Wolkenflügel:

In warmen Mutterarmen schlafen ja die ganzen Sänger,

Die vielen, vielen Seelenkreise werden enger,

Und Träume überschimmern alle Blüthenhügel.

Nun zeigen sich auf einmal blaue Nebelgletscher

Und Flimmerbäche scheinen rasch herabzuthauen:

Ich sehe hellen Gischt und höre kein Geplätscher,

Denn Silberkatarakte darf ich blos beschauen!

Auf allen Zinnen und Ruinen perlen Ketten

Und überall erglimmt das müde Silberlicht,

Die Welt versammelt sich in tausend Zauberstätten

Und bringt sich nur im Ragenden dem Sinn in Sicht!

Auf Thürmen, die einst Rom zu seinem Schutz gebaut,

Wird allerlei lebendig – aber niemals laut, –

Dort leuchten bleiche Silberspeere, Geisterschilder,

Doch sind es wortlose, verschlossene Mondlichtbilder.

Ein fester Glaube braucht nicht mehr die hohen Warten,

Und deshalb mußten bald die Thürme hier entarten,

Jetzt sehn wir viele Kirchen Kuppeln hehr erstreben,

Und oben, fast wie eine weiße Friedenstaube,

Das Mondlichtspiegelbild, in sicherer Stille schweben:

Oh Rom, ich glaube nun, es herrscht und siegt Dein Glaube!

Vom Sonnenbann befreit, werden die Erdenwesen

Von Müdigkeit umarmt und in den Schlaf geführt,

Die Jugend wächst heran, Verwundete genesen,

Von Jedermann wird in sich selbst die Nacht gespürt.

Sie läßt im Thal durch uns, ringsum, die Fenster schließen

Und überreift das fröstelnde Gesträuch der Höhn,

In Häusern wollen Paare ihren Leib genießen,

Und wach erhält uns oft Musikgetön.

Die Nacht ermöglicht manches, was der Tag ersonnen,

Denn was das Licht vermittelte, was scheu sich traf,

Vereint das Dunkel und sein Spiel ist so gewonnen:

Die Welt verschließt die Welt in sicherem Liebesschlaf.

Oh Mutterschlummer unserer Erde steige, webe

Dich in das Schicksal aller Deiner Kinder ein,

Entwichene Wünsche, jedes Wesens Werberebe

Soll sanft verpflegt und treu durch Dich erhalten sein.

Es giebt nach einem solchen Sonnenfeiertage

Bestimmt nun einen Traum von Pracht und Glaubensmacht,

Es hält der Schlaf in jeder Seele deren Wage.

Denn Rausch und Ruhe werden da stets gleich gemacht!

Was andere Wesen unter Tags aus uns entrankten,

Wird durch den Schlummer nun in uns zurückgeführt,

Wir taumeln träumend,wenn wir nachVerschiedenem langten,

Und Nachts verhüllt sich, was bei Tag das Herz gerührt.

Dann ruht ja die Vernunft, sie liebt ihr Schweigen,

Die Dinge wirken aus sich selbst, kein Geist greift ein,

Die Träume dürfen in verlorene Tiefen steigen,

Und Längstvergessenes kann auf einmal froh gedeihn.

Die Seele stürzt oft durch verschwundene Zukunftsthüren,

Fürwahr der Traum ist unser großes Labyrinth,

Wir lassen uns vom Sinn der dunklen Ruhe führen,

Da er allein Verwirrtes wieder fest verspinnt!

Die Menschen fangen an sich ringsum zu verlieren.

Die grellsten Häuser scheinen oft vom Mond geschminkt,

Perrücken bleiche Standbilder aus Stein zu zieren,

Die Dinge sind von Silberflitter überblinkt.

Es zischeln und es flimmern allerhand Fontänen,

Gespenster starren auf den grünen Beckengrund,

Brillantensprudel lockern sich zu Perlensträhnen

Und Silber quirlt aus jedem lauten Marmorspund.

Ich fühle jetzt: es träumt die Stadt vielleicht von Schlachten!

Der Geist ergiebt sich unumschränkter Erdenmacht,

Die Phantasie erschaut ein Volk in alten Trachten,

Und Rom umschweben Prozessionen voller Pracht.

Und wie die Traumgewebe sich verwickelt schließen,

Da tauchen lauter Schaumvisionen auf,

Aus tausend Seelen müssen Prachtgestalten sprießen

Und unbewußt tritt jede in den Schemenhauf.

Was träumt der Mensch? Von vielem Kummer, wenig Schmerzen?

Die blassen Nachtgespenster, zart wie Filigran,

Entschwirren voll Ergebung, durcherlebt, den Herzen

Und klären aller Seelen urgeheimen Wahn.

Dort wo das Nordlicht niederperlt, entschweben Schemen

Aus allen Seelen in die blaue Seelennacht,

Sie scheinen oft sich vor dem Schauenden zu schämen

Und haben deshalb lila Hüllen mitgebracht.

Wie viele sind aus unseren Leidweben gesponnen

Und wühlen blaue Trauer in ihr blondes Haar!

Erfüllt uns plötzlich Lust, so sind sie gleich zerronnen,

Und wir erscheinen uns mit Träumen als ein Paar.

Der Mensch wird einst der Träume Wahrheiten erkennen

Und wissen, daß er blos im Schlafe Eigenes denkt,

Daß, wenn ihn fremde Einflüsse des Tags berennen,

Doch nur sein innerer Gesang das Leben lenkt.

Wir ahnen schon, daß alles was wir wirken, schaffen,

Stets Eindrücke für unser Jenseitsträumen läßt

Und daß, wenn alle Eigenformen einst erschlaffen,

Der Schmerz, den wir erweckten, uns dann niederpreßt.

Wir beichten Nachts und sollten uns auch bessern,

Doch geben wir auf keine eigene Stimme Acht,

Wir waten immer schamlos in getrübten Wässern

Und taumeln dumm durch jede Welterfrischungsnacht.

Nun ist die Prozession von Rom zu Ruh gebracht,

Der Meisten Traum verdumpft bereits zu schwerem Schlaf,

Nur über Dichtern zaubert noch die Fabelpracht,

Wer weiß, was sich soeben alles sah und traf?

Ich steh am Tieber und erblicke in der Tiefe

Jetzt eine große, riesengroße Prozession.

Es ist, als ob der Mond sie aus dem Schlummer riefe,

Doch nein, es träumt vielleicht der Strom die Illusion.

Ich sehe unaufhörlich wundersame Greise

Den Fluß hinunter, wohl zum Meere, ziehn:

Vollendet jetzt das Frühlingswalten ihre Reise,

Beginnen sie, erschöpft, vor Jüngeren zu fliehn?

Ich weiß nicht wer das ist, doch sind das Prozessionen!

Vielleicht ein Trauerzug mit Särgen aus Krystall!

Unendlich schnell entwischen diese Mondvisionen,

Doch zaubert es bestimmt im Wasser überall!

Oft glaub ich, Eis beginne rasch herab zu schwimmen,

Und schau und staune, daß sich nichts an Brücken staut,

Dann aber seh ich in den Schwärmen Licht erglimmen

Und weiß und fühle auch, wovor mir lange graut.

Im Strome sehe ich bestimmt Heroensärge,

Der Fluß, der nach der tiefen Stille strebt und rinnt,

Entführt vielleicht die Fürsten unterwühlter Berge,

Wer weiß, ob das nicht lauter Urgewalten sind?

Vielleicht sind Flüsse lauter große Leichenzüge,

Es trägt die Fluth ja alle Wucht der Felsen ab,

Die Ewigkeit erglüht aus jedem Scheingefüge,

Und Wasser, Ströme sind der Schlacke Trubelgrab.

Der Rhythmus ist ein Himmelsflug und zeitigt Träume,

Die Silbenleiter führt zu dauernden Gedanken,

Die Reime sind die Blüthen erdentreckter Bäume,

Und deren Duft Gefühle, die durch Seelen schwanken.

Den Adler raubt das Sonnenlicht den Felsenmassen

Und leiht ihm Kraft zu einem steilen Wonneflug,

Sein Innermaaß kann er beim Steigen erst erfassen,

Denn schwebend ruht er dort, wohin das Licht ihn trug.

So ist es auch für Sonnenhelden nur gebührlich,

Dort auszuharren, wo sich fast der Geist verliert,

Dem Genius ist das Erdentrücktsein so natürlich,

Wie das Scharwenzen einem Gecken, der sich ziert.

Der Tag gebar auch das, was sich die Nacht erkoren,

Denn diese hat dem Mondlicht Wesen gleichgestimmt,

Die Fische, Eulen, Katen und verschiedene Thoren

Besitzen Seelen, wie das Licht, das blau erglimmt.

Die Blüthen und die Lieder, die an Hecken hängen,

Sind wie das Silberlicht, das rings um Spitzen gleist,

Und Träume, die verschränkt durch unsere Seele drängen,

Sind ohne weißen Mondhalt gleich in uns verwaist.

Die Nachtigall jedoch hat sich ein Stern erschaffen!

Ihr Sang, der langsam schwellend durch die Seele bangt,

Läßt oft im Menschen Ahnungsweiten plötzlich klaffen

Und sagt ihm, daß er schon zur holden Heimath schwankt.

Oh Nachtigall, Du erderzeugtes Kind der Sterne,

Belebe das Gefühl, das sich ins Jenseits schwingt,

Dein kurzer Schlag entringt sich allerfernster Ferne

Und ahnt den Sturm, den noch das Schlummermeer verschlingt.

Oh Nachtigall, Du rufst nach einem Sohn der Erde,

Der die Unendlichkeit in seinem Wesen preist,

Oh schlage Nachtigall, daß er einst wirklich werde,

Erwühle, was ein Schmerzgefühl in Dir verbeißt!

Blos im verworrenen Wollen und im Wunschverlegen

Vermag die Seele nach dem Ewigen zu flehn,

Im steten Wechsel steigt sie selbst zu Sternenwegen

Und fühlt dabei die hehre Stille bleich erstehn.

Ja, die Unendlichkeit beginnt an uns zu zerren

Und wird nicht ruhn, bis sie dereinst auf uns beruht,

Und, daß wir nimmer uns vor ihrer Macht versperren,

Verfolgt sie uns mit Leid und opfert unser Blut.

Ihr holden Sterne, urverzückte Lebensfunken,

Ihr Liebesblüthen, Freuden der Unendlichkeit,

Aus Euren Bornen hab ich Glück und Gold getrunken,

Und nun bin ich berauscht und lustbefreit.

Du Milchstraße, Du Schleier aller Bräutlichkeiten,

Der Geist, der wie ein Wind auf Deinen Äckern weht,

Umarmt und halst mich oft und will mich heimwärts leiten,

Ich weiß, daß Deine Macht in meiner Nacht entsteht.

Die ersten Menschen liebten, fürchteten die Sterne,

Benannten wohl den herrlichsten nach ihrem Schatz,

Dann sagten sie, der dort ist nah, der hat mich gerne,

Und machten bald ins Zahlenthal den Geistessatz.

Leonardo

Mit Magieraugen blickt Ihr dunklen, hellen Sterne

In unsere leiderfüllte, heitere Sonnenwelt

Und wirkt, daß man den Trug der Täglichkeit verlerne,

Und endlich habt Ihr eine Seele selbst erhellt!

Es war das jener Meister stiller Machtfiguren

Und jenes Weibeslächeln, das die Welt versteht,

Der Schöpfer selbsterhellter Menschen und der Fluren,

Auf denen goldene Luft von blauen Auen weht.

Er war allein so ewig wie die stillen Sterne,

Und seine Seele fühlte deren Lebenskuß,

Geschlechtlich zog er fast die Dinge, aus der Ferne,

An seine Brust und sah und schuf sie gleich als Guß!

Als dann der Löwe des Erschauens aus dem Thale

Wager Gestalt, sich abermals zur Klarheit wand,

Verschwanden langsam manche seiner Daseinsmale,

Und heute noch entschweift ihr Geist dem Lebensrand.

Die Bäume sehen wir jährlich gleiche Blüthen tragen,

Bis plötzlich eine schönere irgendwo erglüht –

Dann weht ihr Duft zu anderen, die aus Knospen schlagen,

Und keine will sie, wie des Dichters Gluthgemüth!

Tasso

Ja es verhaucht, verwildert, manche Wunderseele,

Entblättert sich der Wandelträume ohne Halt,

Sie liebt, daß ihre Liebe sie zu Tode quäle,

Und alles ängstigt sie, als fremde Weltgewalt.

Unseelig, wer zum Lieben unter uns gekommen,

Aus Liebe leiden und aus Liebe sterben muß:

Wer stets betrogen, nie sein Echo hold vernommen,

Der ist ein seeliger, unseeliger Überfluß!

Oh Tasso, Tasso, plötzlich schöne Daseinsblüthe,

Was Du ersehntest, wußtest, wurde nie Dein Glück,

Du brauchtest eine Glaubenswelt voll schlichter Güte,

Stets hielt Dich Dein Geschick von jedem Ziel zurück.

Raphael

Oh Nachtigall im Frühlingswald des Südens,

Dein Sang verklingt und nimmer hört man so ein Lied,

Du warst die Fiebergluth urweiblichen Ermüdens,

Ein Hauch, ein Traum, der jede Duftberührung mied.

Geweihtes Rom, Du hast den Geist Deiner Poeten,

Dein Eigenthum, aus Deinen Mauern fortgebannt,

Italiens holde Tugenden in Staub getreten,

Und, Rom, auf einmal hast Du Dich nicht mehr erkannt.

Das Wucherlaub, der Epheu Deiner Urbsruinen,

Lebt nimmer in den Seelen junger Römer fort,

Du fängst nun an, den Schändern Deiner Macht zu dienen,

Warum verwucherst Du den edlen Glaubenshort?

Italiens Lavabäche hör ich nirgends fluthen,

Die hellen Gluthen werden fruchtlos aufgetheilt.

In Normen, die auf Feuerzeugenschaft beruhten,

Hat man Gesetzverschnörkelungen eingekeilt.

Wer riefe noch zum Gott dogmatischer Gebote?

Der stille Schöpfer, der die Sternennacht umfaßt,

Der einst aus allen Thaten gläubiger Wesen lohte,

Wird als Naturphantast entwickelt und gehaßt.

Es fühlt jetzt niemand mehr der Jenseitsstürme Wüthen,

Die Ewigkeit, die bang in jedem Leibe weilt!

Man gleicht, verebbt sich, hat nur Weniges zu hüten,

Und denkt, daß die Verflachung unsere Übel heilt.

Die Sonne hat für uns die Tropengluth verloren,

Das Meer die Seele und die Wüste ihren Geist,

Wir folgen nimmer plötzlich aufgereckten Thoren,

Und Wuchtgestalten stören, ärgern uns zumeist.

Wer kennt die Liebe zu vertrauten Glaubensstätten?

Selbst die Familie, unser Heimathglück, versinkt.

Oh Rom, bleib fest und hilf uns Ewiges zu retten,

Dem Glauben opfre jede Disziplin, die hinkt.

Verstehen wir das Mittelmeer und seine Milde,

Verträumter Spiegelseeen linden Kräuselwind!

Berauscht Euch, jubelt wieder, wellige Gefilde!

Die Mutter Gottes ist den Liedern wohlgesinnt!

Du Seele, fühlst Du nicht: das Leben ist die Wiege

Der Ewigkeit, dem stillen Kind von Lust und Leid?

Du Geist, erörtere wieder Fahrten, Furcht und Siege,

Der Mensch sei stets zu Freiheitsfreiungen bereit!

Mein Rom, in Deinen Kirchen, Friedhöfen und Hainen

Ergeht sich meine Seele, wenn ihr bangt, so oft,

Wie könnte sie dann noch um ihre Todten weinen,

Da alles doch in Rom die Ewigkeit erhofft!

Wie gerne schweife ich durch jene langen Reihen

Lebendiger Obeliske, die als stumme Wacht

Der heiteren Nacht auf Gottesäckern streng gedeihen.

Oh Gott, unter Zypressen ist mein Sang erwacht!

Sie standen da in meiner Kindheit wildem Garten,

Von Pinienwipfeln blickte ich zum Silbermeer,

Ich konnte damals meine Wallfahrt kaum erwarten,

Und alles wuchs und blühte fröhlich um mich her.

Bei Sturm und Nacht verfolgte ich von meinem Fenster

Des Nebels und der Segel märchenhafte Fahrt,

Und als ich schlafen wollte, habe ich Gespenster

Auf meinem Bette oft, wie aufgebahrt, gewahrt.

Oh, meiner langen Kindheit schrecklich bange Tage,

Warum, warum, vergeß ich Euch noch immer nicht,

Weshalb entringt sich mir auch jetzt die ferne Klage:

"Du Jugend, erste Jugend, furchtbares Gericht!"

Zypressen knisterten in unserem wilden Garten,

Ich wollte leben und ich sah sie sorgend an,

Es war mir ja, als ob sie meiner wissend harrten,

Ich lief ins Haus, als bangte mir vor ihrem Bann.

Drum hört, Zypressen, meine dunklen Lieblingsbäume,

Ihr werdet stets in meinen Lichtvisionen stehn,

Ich hab Euch immer noch in meinen holden Träumen,

Als eine Mahnung und Erinnerung, gesehn!

Zypresse, ach verlaß mich nicht,

Wache einst an meinem Grabe:

Wenn ich ausgerungen habe,

Sehe Dich mein Innerlicht!

Greife mit den Wurzeln noch

Bis zu meinem Wundenherz,

Wühle dann nach einem Schmerz,

Sei mein allerletztes Joch!

Du, Zypresse, bist mir ähnlich,

Willst Du mein Begleiter sein?

Strebt Dein volles Sein doch sehnlich,

So wie ich, zum Sonnenschein.

Oh, mein Leben ist so traurig,

Urverlassen glüht mein Herz,

Meine Stille ist oft schaurig,

Doch mein Geist sinnt sonnenwärts!

Armes Herz, mir scheint, Du weinst!

Holder Baum Du sollst dereinst,

Was von mir noch zu erreichen,

Über Dich hinübertragen:

Ach, ich will auch Dir entweichen

Und vielleicht wo anders tagen!

Neapel

Du herrschendes Kind im erwachsenen Leben,

Du strahlender Knabe, unglaubliches Meer,

Du hast Dich für ewig Dir selber ergeben,

Drum bist Du so furchtbar unnahbar und hehr.

Erstaune nicht Kind: es erscheint ein Gespiele.

Er ist nicht so wild wie der kleinliche Wind.

Er schwellt nicht, es schnellt keiner Geisteskeit Kiele,

Er ist wie der Mittag so sinnig und lind.

Sei innig, oh Meer, und sei minnig und leise.

Es liebt Dich ein Sänger voll Sehnsuchtsgesang,

Die Bitterniß schwellt seine weibliche Weise.

Es sei Dir nicht mehr, Meer, um Leidesklang bang.

Entzücke mich, Meer, und sei nicht nur Gespiele!

Mein scheuestes Lied Dir ergiebt es sich ganz.

Du willst keine Liebe. Du wiegst viele, viele!

Du bist nur Gespiele. Dein Spiel ist Dein Glanz.

So sei die Gespielin! Ich will Dich genießen.

Sei mehr als Gespielin: mir wird ja es schwer.

Du kannst als Geliebte die Augen nicht schließen.

Stets mehr bist Du Meer. Denn das Meer ist das Mehr.

Zum sternigen Himmel italischer Nacht,

Versteigt sich der duftige Odem Sorrents,

Soeben sind Boten des Tages erwacht

Und überall freuen sich die Kinder des Lenz.

Es schwellt der Orange benebelnder Duft

Fast heimlich herbei und berauscht meinen Sinn,

Es kühlt stiller Lorbeer die windstille Luft

Und Myrthen enthaucht es, kaum merkbar: ich bin!

Ins traumhafte Dunkel der Nachtigall dringt

Das klagende Brausen der jauchzenden See:

Den Grotten, den Orgeln der Brandung, entringt

Der Rhythmus der Sehnsucht sich ewig und jäh.

Smaragde umschwirren das traumhafte Blau

Vom eingenickt still sich bethauenden Grün,

Und ruhen diese Thierchen auf blühender Au,

So scheinen rings Kelche und Sterne zu glühn.

– Jetzt tagt es, – denn überall sickert das Licht

Ins stetig vergrauende Blauen der Nacht,

Es flüstert auf einmal im Heckengeflicht:

– Es kommt schon der Morgen, – Ihr Wesen, geb acht!

Das sind keine Rehe, – das Leben beginnt! –

Was knistert? Wer Flüstert? – was ists, das verstummt? –

Oh seht, wie sich etwas besinnt und entspinnt,

Ich liebe Dich, Biene, die immer noch summt! –

Die Sterne verschwinden wie Mythen im Grau,

Nur Sirius, der funkelnde Winterdemant,

Erwartet, wie Morgens der Blick einer Frau,

Den Tag, der die Welt als Gestalt übermannt.

Die bleiche und träumeumschleierte Erde

Besinnt sich des eigenen Ichs und erwacht:

Dahin ist des Nachthimmels Schicksalsbeschwerde,

Die Erde, der Tag, der sie freit: alles lacht.

Sie sehen sich, fassen sich, beide erröthen,

Ein wonniges Athmen entschnürt sich der Braut,

Es ist, ob sich Wesen zur Huldigung erböten,

Es neigt sich der Lorbeer, im Walde wirds laut!

Es schüttelt der Wind die verwelkenden Blüthen

Von thauüberschimmerten Bäumen herab,

Es regnet beinah, und es ist, als verfrühten

Die Lichtbringer rings ihren hastigen Trab.

Es zeigt ihrem weißen und herrlichen Ritter

Die Erdbraut, berauscht, ihre gastliche Pracht,

Durch alle Erlebenden zuckt das Gewitter

Des siegreichen Gatten, der fliehenden Nacht.

Es streichelt der Tag nun mit wonnigem Arme

Sein innig ergebenes, herrliches Weib,

Und lauter vergeistigte, wonnige, warme

Gefühle verhaucht nun der weibliche Leib.

Die See selbst durchzittern jetzt Wonnegefühle,

Die Felsen und Höhen sind sonnenbestaubt,

Und steil über Dünsten, wie Nachtlagerpfühle,

Erhebt der Vesuv sein lebendiges Haupt.

Sein Rauch ist so weiß wie ein bräutlicher Schleier

Und senkt sich fast unsichtbar ringsum herab,

Doch nahen jetzt Knappen des Tages, als Freier,

Sie kommen zur See, sie biegen ums Kap!

Die helleren Segel erscheinen zuerst,

Bei Capri entflammt sich das mächtigste Schiff,

Du Held, der Du rings Deine Schlachtflotte mehrst,

Du fürchtest wohl nirgends ein Seewirbelriff?

Das segelt bereits aus der finstersten Bucht,

Das ist ja die Große Armada des Lichts,

Sie schlägt alle Schemen sofort in die Flucht,

Denn seht doch, schon bleibt von der Dämmerung nichts.

Doch wächst sie noch an,

Wir sehn ihre Macht,

Im Sonnenlichtbann

Gewinnt sie die Schlacht!

Da kommt der Korvetten verschlungene Reih;

Mit schneidender Briese, mit stechendem Strahl,

Erfüllt sie die That, daß es Sonnentag sei!

Und immer noch mehrt sich der Lichtschiffe Zahl.

Mit schlängelnden Hälsen, auf schäumendem Gischt,

Zerreißen die Schwänegallionen die See,

Die seidig ergleißend und gluthuntermischt

Noch dalag wie milchige Weiten im Schnee.

Es spielen die Schwäne mit Silbergeschirr

Und reißen noch immermehr einwärts ins Meer,

Es schwirrt ihr Geklimper und schrilles Geklirr

Ringsum mit den Schiffen des Lichtes einher.

Ach, wie mich der sonnige Morgen erfreut,

Oh seht, jener Wölkchen italische Pracht,

Sie scheinen ja Fächer mit Flitter bestreut,

Und alles am Meer, alles Strahlende lacht.

Wie seelig durchschauert mich irdische Liebe,

Es feiern der Geist und der Wind ihren Rausch,

Sie dringen noch mehr als das Licht ins Getriebe

Und schwärmen sich überall glutherfüllt aus.

Jetzt spielt meine Seele mit Pinien im Walde

Und flüstert bereits den Gesang eines Baums,

Wir beide verstehen Dich, Mutter, und balde,

Italia, umsprüht Dich der Hauch meines Traums.

Oh Pinie, ich stehe auf südlicher Erde,

Wie Du, voller Wurzelgesundheiten, fest,

Doch träum ich mich fort, über jede Beschwerde,

Und fiebere und flüstere wie Du im Geäst.

Du athmest die freiesten Lebensergüsse,

Es meint Deine Schlankheit den krönenden Geist,

Oh Baum, Du empfindest fast Seelengenüsse,

Du bist ja ein grünender Psalm, der sie preist!

Ob verliebt in Menelaus,

Paris oder Fausten,

Wollustküsse jemals ganz

Helena berauschten?

Durch ein Ahnen ward das Glück

Immer ihr verbittert,

Hat sie doch am Mannesmund

Hades Hauch gewittert!

Aber ihr Trabantenchor

Schwelgte in Genüssen

Und vergaß im Augenblick

Völlig sich im Küssen.

Einzig im Erinnern kann

Glück sich still erhellen,

Freuden, die ein Mensch ersehnt,

Träumen nur entquellen.

Was sich sacht und langsam sucht,

Faßt sich keusch und zagend,

Plötzlich erst entflammt Genuß,

Alles überragend.

Holde Braut, Dein Eigenglück

Loht in der Pupille

Und vermählt sich wehmuthsvoll

Meiner tiefen Stille.

Eines Dunkels Trauerlaut

Perlt in Deinen Augen,

Ist es doch, als müßte ich

Licht und Leben saugen!

Still im Weib und unberührt

Ruht in ihm ein Friede,

Doch die Liebe haucht ihn weg –

Faßt ich ihn im Liede?

Gilt ein solcher Abschiedsblick

Deinem schönen Leibe?

Fort, beseeligter Gesang,

Leben, oh verbleibe!

Ahnt die Seele liebend gar,

Daß sie sich verzehre?

Daß die Schönheit, rasch verhaucht,

Nimmer wiederkehre?

Ragst Du mit dem schlanken Leib,

Weib, doch aus dem Staube,

Und der Jugend schwanker Hauch

Wird sich selbst zum Raube.

Hält, wenn man sich herzt und preßt,

Jugend uns umschlungen,

Hat ein Sein sie uns schon oft,

Werdend, abgerungen!

Fort ist unsere Jugend, fort,

Jäh uns weggenommen,

Und in Schöpfungen vielleicht

Über uns erglommen!

Als dereinst an Hellas Strand

Dies ein Mensch verspürte,

Wars, als ob ihn Wehmuth still

Zu sich selber führte.

Und da trat er in den Traum,

Wo die Götter wohnen

Und die Todeshauche sacht

Liebende verschonen.

Und er sah von Meer und Flur

Schleier auferstehen

Und im Frühling keusch und zart

Den Olymp umwehen.

Und er hörte wie der See

Wellenwiege rauschte,

Als die Venus sie fürs Bett

Blumiger Pracht vertauschte.

Die Sonne glüht die Weltgesetze,

Ihr strenges Antlitz giebt sie kund,

Gebote, die man nie verletzte,

Verkündet sie mit Feuermund!

Doch ihre großen, goldenen Strahlenarme

Ergreifen Hände einer andern Welt,

Sie schweifen hin zu manchem Flammenschwarme,

Den ihnen fern ein Stern entgegenschwellt.

Die Sonne birgt in gleichen Lichterhüllen,

In Lebensfalten, die sie schön entrollt,

Geschöpfe, die ihr Lichtgebot erfüllen,

Ideeen, die ihr heißer Kuß gewollt!

Planeten waren einst mit ihr verbunden:

Umfaßt von ihrer goldenen Mutterwand,

Gelang es ihnen selbst sich abzurunden,

Doch nie verletzten sie ihr Liebesband.

Nun will die Liebe uns zur Sonne bringen,

Es sprengt die Seele ihre Erdgestalt,

Die Nacht wird nie die Sehnsucht niederringen,

Sie ist Gesetz und hat in sich den Halt!

Sie ist die Liebe jeder EinzelBlüthe,

Die Welteneinheit, die sich wirklich fühlt,

Der Ring, der unsere Erde einst umglühte,

Die Macht, die jetzt die Starrheit unterwühlt.

Doch ist der Mensch noch tief an sich gebunden:

Wann hat er es bis übers Ziel gebracht?

Nur stufenweise wird das All empfunden,

Und selbst das Ursein ist beschränkt gedacht.

Es wird der Mensch vom Licht in seine Kreise

Durch geistige Wirklichkeit gebannt

Und in der Erde Seelengluthgeleise

Das All, als Ganzheit, erst in ihm erkannt.

Verschieden wurden sämmtliche Planeten,

In sich, ein sonderbarer Sonnentheil,

Und mußte jeder sich auch rund verkneten,

Trifft alle doch der gleiche Sonnenpfeil!

Und da das gleiche Licht auf allen lodert,

Erglüht auf jeden stets ein andrer Kuß:

Was jeder Strahl ist, wird von ihm gefordert,

Daß ihm das Seltene sich ergeben muß!

Durchs Leben wird es an den Tag gewunden,

Ihm Gleiches will das Sonnenangesicht,

Als Lust wird jeder Sonnenkuß empfunden,

Nur was sich liebt und trifft, das ist das Licht!

Ganz unergründbar sind die Sonnenseile,

Die uns auf Seelenhöhen schon gebracht,

Doch Licht sind die erlösten Erdentheile,

Und wärmend ringt, was bald als Licht erwacht.

Das ist die Macht der innern Sonnenmystik,

Die erdenseltenes Seelenlicht erhebt,

Denn durch heroische Charakteristik

Wird in der Welt der Adel streng belebt.

Doch drängt die Massengluth zur Sonnenscheibe,

Erheischt der Mensch für sich ein weites Wohl:

Er selbst vollendet sich in seinem Weibe

Und macht das Gold zum Sonnenglückssymbol!

Es gleicht das Gold erstarrten Sonnenstrahlen,

Gold wollen ist oft Sonnensohnespflicht,

Für Lust erleiden wir auch Schmerz und Qualen,

Denn so will es das Licht, ist Lust doch Licht!

In uns erglüht die Freudenfeuerkette,

Der stumme Kuß der Erd und Sonnengluth,

Und Sonnenwandlung bringt uns stets zur Stätte,

Wo, unser harrend, Glück auf uns beruht.

Doch hat der Ring der Freuden goldene Schranken,

Gar eng ist drum der Kreis vom Erdenglück,

Selbst Starke, die ihm nahe kommen, schwanken,

Denn SonnErkorene stoßen sie zurück.

Blos wer im eigenen Lichtmoment geboren,

Der jauchzt und jubelt unentwegt:

Es lacht das Licht, die Lust, in Feigen, Thoren,

Und freut sich, daß es so die Welt bewegt.

Oh Sonne, Sonne, großer Lichtgedanke,

Der Du das Unding zur Gestaltung raffst,

Oh, wußtest Du, wie brünstig ich Dir danke,

Daß Du ein Kind durch meine Liebe schaffst.

Des Weibes stummer Blick hat mir verrathen,

Daß meine Sehnsucht heilige Wurzeln treibt,

Daß Träume wogend sich als Keim bejahten,

Und daß ein Wunsch von mir sich nun beleibt.

Du Kind, mein Kind, Du Frucht von meinem Wesen,

Erstehe stark und hold im Mutterschooß,

Oh Du mein Schmerz, sei endlich mein Genesen,

Oh ringe, ringe Dich von mir nun los!

Dann schmiege Dich als Glücklicher auf Erden

Durch die Erkenntniß an das Lichtgebot,

Es gabs ein Sonnensohn den Sonnenheerden,

Wie es am Sonnenantlitz, wechselnd, loht.

Wir Menschen wurden die Beschlußverkünder

Des Daseins, das sich überm Licht erwägt,

Die Einfalt und die Geistigkeitsergründer

Der Dinge, die den Tod in uns gelegt.

Gebt ab, Ihr Seelen, was Ihr kurz empfunden,

Vertieft in Euch was Ihr berauscht erfuhrt,

Es bleibt der Geist mit Eurem Nichts verbunden

Und Echtheit strahlt in jede Nacktgeburt.

Einer Frucht, die reif ist, ähnlich,

Stürzt die Sonne in die See:

Unerdenklich, unerwähnlich,

Ist es Abends Abschiedsweh.

Schatten, die uns überraschen,

Da das letzte Licht versinkt,

Scheinen Hände, die erhaschen,

Was im Äther rasch verblinkt.

Wie von lauter Flammenbündeln

Ist das Düster überloht,

Ringsum seh ich Argwohn zündeln,

Und ein Wolkeneinsturz droht!

Fällt der Aar getroffen nieder,

Schwingt das winzige Volk der Luft

Augenblicklich das Gefieder

Und schon schwirrts in Kluft und Schluft.

Alles Flimmern, das geblieben,

Dieses letzte Zwitterlicht,

Wie es Flederwische lieben,

Ist auf Haar und Schmuck erpicht.

Weiberaugen, Schminkgesichter,

Federfahne, Ring und Knopf,

Gleißen stärker öffentlicher,

Widersinn bezwingt den Kopf.

Weg aus solchen Brunstmomenten,

Niemand hält den Räthseln Stand!

Wär es endlich doch, als trennten

Lauter Sterne Meer und Land.

Schmale, kahle Dünen schmiegen

Ihren Pharus an das Meer,

Und ein Glockenschwall von Ziegen

Tönt vom Thale leise her.

Ängstlich wimmern diese Glocken:

Ob ein Heimchen mich umschwirrt?

Nein, ich höre nun frohlocken,

Eben singt der muntere Hirt.

Schlug man dort, tief eingebuchtet,

Einst ein blutiges Seegefecht,

Denn warum entreißt, entwuchtet,

Rings sich ein Gewaltgeschlecht?

Jene Schemen sind Zypressen,

Die in Gruppen einsam stehn

Und den Zug der Fluth von Pässen,

Sammt den Fluren, übersehn.

Oh, sie ringen aus dem Boden,

Sich entwurzelnd fast, empor:

Wollen sie zusammenroden

Was sich dort an Blut verlor?

Wehmuthsvoll und stumm verbluten

Wolkennarben immer mehr,

Und in farbenschweren Fluthen

Schwimmen Knaben hin und her.

Zwischen goldenen Plätscherkronen,

Die das Tintenblau erwühlt,

Kann sich erst der Schweiß verlohnen,

Wird er kühl hinweggespühlt!

Seht, das Meer tauscht mit den Wipfeln

Seinen ersten Windesgruß,

Und die Dämmerung giebt den Gipfeln

Ihren blutigen Abschiedskuß.

Doch nun glimmt es vor Altären

Unserer sanften, lieben Frau,

Stimmen, Wesen, die sie ehren,

Bringen selber sich zur Schau.

Und die Stadt, die sich erhellte,

Gleicht im lichten Nachtgewand

Jetzt von selbst dem Himmelszelte

Mit dem Sommerdämmerrand.

Drüben am Vesuve schwellen

Seine Adern blutig auf,

Seines Wesens Grimmeswellen

Lenken unsern Schicksalslauf.

Er vergräbt sich wild in Pläne

Und erfüllt sie auch sogleich,

Seines Hauptes Schlangenmähne

Übersieht das Sonnenreich!

In Geschicke fügt er immer

Noch sein strenges Wirken ein,

Stirnenrunzeln, Wuthgeschimmer

Sind uns dessen Wiederschein.

Fühlte doch die erste Bleiche

Eruptiv die Daseinsnoth,

Ward die schwangere Wolkenweiche

Plötzlich ganz vom Geist durchloht!

Ja, der ersten Liebesschäume

Duftig zartes Dunstgedicht

Reckte sich, als Lebensträume,

Stracks zur Buhlschaft mit dem Licht!

Zucken immer noch Entschlüsse

Durch des Berges Flammenhaupt?

Drohen uns die Lavaflüsse?

Seht, wie grauenvoll er schnaubt!

Kann er gar das Fatum lenken,

Rührt er langsam seinen Arm?

Welches Volk will er ertränken?

Wo versinkt ein Inselschwarm?

Taucht er Skandinaviens Küsten,

Für Atlantis, aus der Fluth?

Mag zum Südpol er sich rüsten,

Wohin gährt sein Lavablut?

Oh Vesuvius, es umschlingen

Würmer Dein Medusenhaupt,

Gifte, die sich Dir entringen,

Werden in den Wind verstaubt.

Todverheißend sind die Schlangen,

Die in Deiner Nacht entstehn,

Lauernd auf den Raub gegangen,

Sprühn sie, wenn sie Leben sehn.

Angeschlemmt mit Todesflammen,

Selber fast ein Lavabrei,

Kneten sie sich erst zusammen

Und dann bersten sie entzwei.

Flammendrache, grauser Wühler,

Du bist Du und nur Dein Schein,

Deines Grundes Lavafühler

Greifen in das Dasein ein.

Was bezweckst Du hier im Leben,

Schäumender Verderbnißkrug?

Menschen, Thiere, Wald und Reben

Tödtet schon Dein Athemzug.

Bis zur Meersirenensippe

Kann sich oft Dein Gold verziehn,

Denn dort wollen auf der Wippe

Weiber rasch damit entfliehn.

Ja, sie balgen und sie streiten

Raschelnd sich ums Aftergold,

Netze sehn wir sie entbreiten,

Und kein einziger Schein entrollt.

Doch der Berg bleibt lebenlenkend,

Unerbittlich gluthverhüllt:

Wechselweise sich verschenkend,

Ist das Sein durch ihn erfüllt!

Es schlingen durch Liebe verkettete Stunden

Ein wonniges Band durch die innere Nacht,

Nun können sich Sterne der Unschuld bekunden,

Doch trüben wir gerne, was ferne erwacht.

Die keuschen Gefühle sind winzige Sterne,

Sie können kaum blinken und winken sich zu,

Sie lächeln wie Kinder in lautferner Ferne,

Sie weinen ein wenig und gehn dann zur Ruh.

In uns Urverliebten, in mir und im Weibe,

Erweckt sie und stärkt sie die große Natur,

Es bittet mein Weib, oh verbleibe mir, bleibe!

In mir aber wüthet es: Sei, Kreatur!

Auch draußen erscheinen die Kleinen, die Freien,

Sie folgen der Mutter natürlichem Wink,

Sie nicken bescheiden in kindlichen Reihen:

Da sind wir und freun uns am eigenen Geblink.

Die Sonne ist längst schon nach Westen gegangen,

Doch schleppt sie im Sommer noch Goldschleier nach,

Drum sehn wir am Ozean Schaumkronen prangen,

Doch schwindet auch dieses Gefunkel gemach!

Durch innige Bande der Liebe verschlungen

Sind Wärme und Lüfte die Buhlen der Welt,

Damit in den triftigen Felsniederungen,

Selbst früh, nicht das Eine dem Andern entfällt.

Ich sehe in Liebe erglühende Sterne

Und auch der Planeten treuhaftenden Blick,

Die Inseln und Berge in nebliger Ferne,

Und alles erfüllt und erfährt sein Geschick.

Das ist es, das ist es, drum sind wir geboren:

Die innere Bestimmung erschaun wir stets mehr!

Kein Blick und kein Einblick geht jemals verloren,

Naiv sind die Sterne und wissend das Meer.

Doch was unsere Augen nicht sehn und nicht merken,

Wird heimlich und herrlich in Herzen erhellt,

Wir können erleben, beleben, uns stärken,

Wir sind zweier Menschen geschlossene Welt.

Wie herzhaft erleiden wir Räthsel der Freude:

In Dich leg ich alles, ich bin ja durch Dich,

Oh Freude, oh Freude, oh Traumesgebäude,

Gabs jemals ein Licht, das mit Euch sich verglich?

Wo Du mich durchwitterst, da bin ich der Meine,

Verschiedene Seelen empfanden einst mich,

Doch Du bringst mein Wesen erst freundlich ins Reine,

Mein Weib, ja ich weiß es, Du selber bist "Ich"!

Ein räthselndes Schwingen, Erleiden und Fliegen,

Erläutert uns leuchtend, erklärlich und wahr,

Ein zeitliches SichinderEwigkeitWiegen

Betäubt, was sich eben dem Tage gebar.

Du dunkelerfunkelte, sterneversprühende,

Dich selber zum Tempel verzaubernde Nacht,

Auch ich bin und habe dir glücklich erglühende,

In sich lustverzückteste Hymnen gebracht.

Ihr Schemen des Forderns, zu Lüsten gesteigert,

Wo Ihr, wie von uns grundgesondert, erscheint,

Wenn nichts Eurer Brunst, in uns selbst, sich verweigert,

Sind Körper getrennt und die Seelen vereint.

Es sendet die Welt sich, getrennt, ihr Gefunkel,

In Schnuppen beseelt, in sich selber zurück,

Es weiß das Erstrahlte sein innerstes Dunkel

Und schwellt und erzittert sich ewig sein Glück!

Hier lacht die Nacht: das ist die Stadt der tollen Nächte,

Das ist das Land der Liebe und der Liebesrechte,

Es fürchtet Niemand hier die großen Zweifelsmächte,

Da weilt die Kindlichkeit im schaudernden Geschlechte.

Das herzt sich und lacht, das tanzt auf der Straße,

Das nimmt sich aus Neigung und küßt sich zum Spaße,

Man liebt um zu lieben, entjubelt dem Maaße

Und ruft sich und winkt sich, das singt auf der Straße.

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen.

Die Erde schämt sich, daß wir tanzen, scherzen,

Die Erde blutet ja vor Mutterschmerzen:

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen.

So komme, so komme, die Reue ist ferne,

Ich habe Dich gerne, wir haben uns gerne,

Die Nacht ist beruhigt, es flimmern die Sterne,

Wir jubeln und jubeln: die Sterne! die Sterne!

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Die Erde will nicht, daß wir herzen, scherzen,

Sie will uns aus der Herzensnähe merzen:

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen.

Das ist die Stadt, wo ich ein Wesen knickte,

Wo ich beinah vor Bangigkeit erstickte,

Das war kein Kind, das aus dem Fenster nickte,

Das war die Schuld, die mir das Schicksal schickte.

Jetzt springen wir, wirbeln wir, drüber, hinüber!

Vorüber, vorüber, je schneller je lieber!

Ich juble, wir singen, ich werde doch trüber,

Ich denke nicht dran und ich schwärme im Fieber.

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Die Erde will nicht, daß wir herzen, herzen,

Sie will uns aus der Herzensnähe merzen,

Sie blutet aus dem Herzen! aus dem Herzen!

Der Gram erfaßt mich, ringsum wird es dunkel,

Nur selten blitzt es, wittern wir Gefunkel,

Du hörst und mehrst zugleich das Stadtgemunkel,

Auf einmal ward es überraschend dunkel!

Das Mutterherz blutet, es blutet und blutet,

Das Unheil wird überall wortlos vermuthet.

Was giebt es am Meere? Es grollt und man tutet,

Die Nacht ist vergraut, doch sie blutet! und blutet!

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Wir können nicht fröhlich sein, jubeln und scherzen,

Es fängt sich der Himmel an furchtbar zu schwärzen:

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen.

"Du Heiliger, Schutzpatron dieser Gefilde,

Maria, Du Königin ewiger Milde,

Beschirme die Stadt mit dem bräutlichen Schilde!"

Ertönt es vor manchem beleuchteten Bilde.

Wir wollen uns herzen, besitzen, vergnügen,

Wir lassen uns nimmer von Schemen belügen,

Wir mögen uns nicht mit dem Fleische begnügen,

Ihr Anderen laßt Euch betrüben, betrügen.

"Du Mutter, die keine Gewaltthat erfahren,

Beschütze, was fromm ist, vor Schreckensgefahren,

Erschaue Gerechte in thörichten Schaaren!"

Ertönt es: "Und lasse uns Trost offenbaren!"

Es blutet das Dunkel, das Mutterherz blutet,

Es blutet das Meer und man tutet und tutet,

Die Luft ist geschwärzt und von Schaudern durchgluthet,

Der Tag ist verkohlt und die Nacht grell durchblutet.

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Man singt jetzt: "Wir wollen uns eilig noch herzen,

Der Tod ist so schwarz und so ledig an Scherzen!"

Es tönt: "Bringt der Jungfrau gesegnete Kerzen!"

Es donnert die Luft und es tönen die Glocken,

Es kann, was da jubelte, nimmer frohlocken,

Es mag sich jetzt Niemand zum Tändeln verlocken,

Es blutet das Dunkel, es grollen die Glocken.

Das singt Litaneien, beleuchtet die Straßen!

Es wagt es jetzt Niemand zu lästern, zu spaßen,

Die Menschen, die lange das Murmeln vergaßen,

Durchmunkeln nun dunkeldurchblutete Straßen.

Das läuft aus den Häusern, die Freude ist ferne,

Das betet in jeder verrauchten Taverne,

Das tapft von Laterne jetzt stumm zu Laterne:

Auf einmal erschallt es: "die Sterne! die Sterne!"

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen!

Die Menschen fangen plötzlich an zu scherzen,

Das will genießen, jubeln, scherzen, herzen:

Das ist die Stadt mit dem gebrochenen Herzen.

Lebensgold ist jedes Blatt und es kann nicht sterben,

Nichts als Same, selbst der Stiel edles Sichverschwenden:

Was da weste, werden wir urbewußt ererben,

Ja, wir folgen immerdar inneren Palmenhänden.

Ach es blüht, entzaubert sich unsere Lebenssäule.

Reinheitsrosen schmücken sie. Volle Keuschheitskelche

Überwuchern sich zum Wald. An der Sonne grasen Gäule.

Und im Schatten wittern rings stille Friedenselche.

Todesschreie gellen tief, dort in meinen Tiefen,

Hinter Fieberlinden sind sicherlich die Nester

Dieser argen Hälslinge: ach, wenn sie doch schliefen!

Doch vernimm, sie schlafen ja! – Schliefen sie noch fester!

Kaumverfleischlichtes entreißt jäh sich seinen Eltern,

Was sich nur erhalten kann, mag sich schon besitzen,

Oh die Lust, doch auch derTod, schäumt drum aus Behältern,

Die mit Schweiß und Thränen sich ewig überschwitzen!

Eine Sonne sinkt in mir, denn ich sehe Herzen

Sich erfunkeln und der Nacht Wesenspulse pochen,

Augenblicklich freuen mich meine tiefsten Schmerzen

Doch die Freuden kommen schon düster angekrochen!

Ja, die Sterne flimmern doch, so wie sie uns scheinen:

Alle hämmern wie ein Herz, züngeln nach Geschicken,

Flackern aus dem Innersten, funkeln nach dem Reinen,

Lebend, durch Lebendigkeit, voll sich zu erquicken!

Mein Gedanke hat mir Weib und Kind getödtet,

Mörder! Mörder! dröhnt es um mich her,

Nein, es ist das kein Gesicht eines Phantasten,

Meine Seele ist ein wilderregtes Meer.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Es scheint mich jenes Licht, das brennt, tief zu verklagen,

Das foltert, tödtet mich mit scharfem Speer,

Es splittert, nein, es beugt sich bis zum Herzen,

Es sticht so tief, so tief hinein! –

Dort scheucht mich jene rothe Blutgardine,

Der langen Gasse einziger Schein!

Er haftet sich an die Erinnerung an,

Er wird der armen Seele blutigrother Fleck,

Es wogt ihm meine Wollenssucht entgegen,

Doch immer wieder packt er mich als Schreck! –

Ach, schrecklich schmiegt er sich, als blutige Schlange:

Jetzt taucht er auf, – taucht empor – mit einem Bild!

Mein Weib seh ich erstarrt in Krämpfen,

Dazu mein Kind, ein blutiges Gebild.

Da liegt sie todt, von mir erdrosselt,

Es hat sie zu viel Lebensmuß erwürgt!

Dort seh ich noch die todten Schlangen, blutige Streifen,

Die Schmerzensspangen, die sie todtgeschnürt.

Ach, hat die Todesangst ihr Licht vernichtet,

Hat sie aufs Leben wissentlich verzichtet,

Hat sie das alles, alles das, gespürt? –

Zu plötzlich faßten sie die Schmerzenskrallen,

Gar rasch ist sie dem Erdentod verfallen,

Es suchte noch ihr Blick nach mir,

Er starrte nach der dunkeln Thür:

Sie spürte Tod und Schmerz in allen Nerven,

Es zerrte ja an seinen Mutterwurzeln

Ein jungerkeimtes eigenes Sonnensein!

Sie rief dabei bestimmt um Menschenhülfe,

Wie läge sonst ein Weib bei ihr, das ich noch nie gesehn,

Es schluchzt noch immer dort an ihrem Todtenbette,

Und weiter treibt es mich von dieser Schreckensstätte!








TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.