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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 96
Quellenangabe
pfad/brant/narrens/narrens.xml
typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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95.
Es sollte mancher zur Kirche gehn
Und am Feiertage müßig stehn,
Den wir doch vielgeschäftig sehn.

Von Verführung am Feiertage

Das sind wohl Bürger zu Affenberg,
Die ihre Sachen und ihr Werk
Verrichten an geweihten Tagen;
Die müssen auf den Affenwagen!
Dem einen muß man Rosse beschlagen,
Dem andern Knöpfe setzen an,
Das wäre besser längst getan,
Als man gesessen bei Spiel und Wein.
Dem füllet man die Spitzen Die Spitzen der unförmig langen Schnabelschuhe, die mit Lumpen ausgestopft wurden, um sie steif zu halten. sein,
Viel Lappen muß man darein stoßen;
Der muß probieren Röck' und Hosen,
Die könnt er sonst nicht legen an,
Hätt ers am Festtag nicht getan.
Die Köche rüsten Feuer und Glut;
Eh man die Kirche früh auftut,
Ist schon bei ihnen Schlemmen und Prassen.
Eh jemand recht kommt auf die Gassen,
Sind alle Schenken schon fast voll.
So treibt mans ständig jetzt wie toll;
Zumal an den gebannten Tagen, uff den gebannen tagen, d. h. an Feiertagen, die der gewöhnlichen Beschäftigung entzogen, für heilig und unverletzlich erklärt worden waren.
Wo man sich anders nicht kann plagen,
Da fährt man eifrig mit dem Karren;
Der Feiertag macht manchen zum Narren,
Der meint, daß solchen man erdachte,
Weil kleiner Arbeit Gott nicht achte,
Wenn man das Holz im Spielbrett Statt im Walde! Schlage
Und Karten spiel' am ganzen Tage.
Viele lassen schaffen ihr Gesind,
Ohne zu achten, daß Diener und Kind
Zur Kirche, Predigt und Gottesdienst gehn
Oder zur Messe früh aufstehn.
Den Met wolln sie erst recht auskochen,
Den sie gesotten in der Wochen.
Ein jedes Handwerk paßt dazu,
Daß es am Feiertag nicht ruh';
Man ist auf den Pfennig so erpicht,
Als tagte der Erde kein neues Licht.
Ein Teil steht schwätzend auf den Gassen,
Die andern sitzen beim Spielen und Prassen,
Und manchem im Wein da mehr zerrinnt,
Als er in der Woche mit Arbeit gewinnt.
Der muß ein Geizhals und Stümper ein schmürtzler / hümpeler, d. h. ein Knauser, Filz ( schmirzeln = geizig sein) und Pfuscher ( hümpeln = langsam, liederlich arbeiten). sein,
Wer nicht will sitzen bei dem Wein
So Tag wie Nacht, bis die Katze kräht
Oder die Morgenluft kühl weht.
Die Juden spotten unser sehr,
Daß wir dem Feiertag solche Ehr
Antun, den sie so heilig schätzen,
Daß ich ins Narrenschiff sie setzen
Nicht wollte, falls sie nicht all Stund
Sonst irrten wie ein toller Hund.
Ein Armer Holz am Feiertag las Vgl. 4. Mose 15, 32 ff.
Und ward gesteinigt allein um das.
Die Makkabäer wollten mit Waffen
Am Feiertag nichts haben zu schaffen,
Ob man auch viele schlug zu Tod. Vgl. 1. Makkabäer 2, 32 ff.
Man sammelte nicht das Himmelsbrot Das Manna; vgl. 2. Mose 16, 23 ff.
Am Feiertag, weil Gott so gebot.
Aber wir arbeiten ohne Not
Und verschieben viel auf den Feiertag,
Was man nicht wochentags schaffen mag.
O Narr, den Feiertag halt und ehr!
Es gibt noch Werktag viel und mehr,
Wenn du schon faulest in dem Grund.
Habsucht macht alle Laster kund! Uß gyttikeit als laster kunt (kommt).

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