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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 87
Quellenangabe
pfad/brant/narrens/narrens.xml
typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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86.
Wer meint, daß Gott nicht strafend dräut,
Weil er oft zögert lange Zeit,
Den trifft der Donner wohl noch heut.

Von Verachtung Gottes

Der ist ein Narr, der Gott nicht achtet,
Zu widersprechen ihm stets trachtet,
Und meint, er sei den Menschen gleich,
Daß er sich foppen laß und schweig.
Denn mancher fest und sicher glaubt,
Wenn ihn der Blitzstrahl nicht beraubt
Des Hauses gleich und schlägt ihn tot,
Wenn er sein Frevelstück darbot,
Und wenn er nicht stirbt jähelich –
Er brauch nicht mehr zu fürchten sich,
Denn Gott hab sein vergessen doch
Und warte lange Jahre noch
Und werd ihm dazu lohnen auch.
Damit versündigt sich manch Gauch,
Der in der Sünde recht verharrt;
Darum, daß Gott sein etwa spart,
Denkt er zu raufen ihm den Bart,
Als ob er mit ihm scherzen wolle
Und solches Gott vertragen solle.
Hör zu, o Tor; werd weise, Narr!
Versäum dich nicht, nicht länger harr! Verloß dich nit uff solche harr, eine Anspielung auf das Hinausschieben des Zahlungstermins durch den Gläubiger; vgl. Kap. 25.
Es trägt fürwahr ein grausam Band
Der, welcher Gott fällt in die Hand,
Denn ob er auch dich lange schont,
So wird dir schließlich doch gelohnt.
Manchen läßt sündigen Gott der Herr,
Daß er ihn strafe desto mehr
Und ihm heimzahle auf einmal;
Man spricht, das mach' den Säckel kahl. Das mache reine Rechnung.
Mancher, der stirbt in Sünden klein,
Dem tut Gott solche Gnade an,
Daß er ihn zeitig nimmt hindann,
Damit er nicht viel Sünd auflade
Und größer werd der Seelen Schade.
Gott will den Reuigen erweisen
Barmherzigkeit, wie er verheißen;
Doch keinem Sünder er verhieß,
Daß er ihn so lang leben ließ,
Bis ihn die Besserung überkäme
Und er zum Guten sich bequeme.
Gott gäb wohl manchem Gnade heut,
Dem morgen er mit Zorne dräut.
Ezechias Hiskia; vgl. 2. Könige 20, 1–6. von Gott erwarb,
Daß er am Lebensziel nicht starb,
Sondern noch fünfzehn Jahre weilte,
Dagegen Belsazar der Tod ereilte. Balthesar durch sünd sym ziel kam vor, d.h. starb auf Grund seiner Sünden vor der Zeit; vgl. Daniel 5.
Die Hand von aller Freud ihn trieb,
Die Mene Tekel Upharsin Mane / Phares / Thetel (nach der lat. Vulgata), d.h. gezählt, gewogen, zerteilt. schrieb;
Er war zu leicht nach dem Gewicht,
Drum ward entzogen ihm sein Licht;
Er merkte nicht, wie sein Vater Nebukadnezar; vgl. Dan. 5, 18 ff. war
Durch Gott gestraft vor manchem Jahr
Und sich zur Buß und Besserung kehrte,
Darum der Herr ihn auch erhörte,
Daß er in Viehes Gestalt nicht starb,
Durch Reue sich Gnadenfrist erwarb.
Der Sünden wie der Jahre Zahl
Ist jedem festgesetzt zumal,
Und wer in Eile sündigt viel,
Eilt nur damit zum letzten Ziel.
Viel sind schon dieses Jahr gestorben,
Die, hätten Besserung sie erworben,
Ihr Stundenglas gedreht bei Zeit,
So daß der Sand nicht abgelaufen,
Wohl ohne Zweifel noch lebten heut.

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