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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 86
Quellenangabe
pfad/brant/narrens/narrens.xml
typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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85.
Kann Adel, Gut, Kraft, Jugendzier
In Fried und Ruh sein, Tod, vor dir?
All das, was Leben je gewann
Und sterblich ist – das muß daran.

Sich des Todes nicht versehen

All die wir leben hier auf Erden,
Ihr lieben Freund', betrogen werden,
Weil wir nicht vorzusehn gewohnt
Den Tod, der unser doch nicht schont.
Wir wissen, und es ist uns kund,
Daß uns gesetzet ist die Stund,
Und wissen nicht wo, wann und wie?
Doch ließ der Tod noch keinen hie,
Wir sterben all und fließen hinnen
Wie Wasser, die zur Erde rinnen.
Darum sind wir gar große Narren,
Daß wir nicht denken in viel Jahren,
Die uns Gott deshalb leben läßt,
Daß wir uns rüsten auf das best'
Zum Tod und lernen, daß wir hinnen
Einst müssen, ohne zu entrinnen. Im Original dringlicher: Und leren / das wir müssen künnen / Und mögen jnn keyn entrynnen.
Der Wein ist schon getrunken drauf,
Wir können nicht abstehn vom Kauf; Der Weintrunk galt als feierliche Bestätigung eines abgeschlossenen Kaufes oder Vertrages.
Die erste Stund die letzte brachte,
Und wer den ersten ehmals machte,
Der wüßt auch, wie der letzt' würd sterben.
Aber die Narrheit tut uns färben, Betrügen.
Daß wir gedenken nicht daran,
Wie uns der Tod nicht lassen kann
Und unsers hübschen Haars nicht schonen,
Noch unsrer grünen Kränz und Kronen.
Mit Recht »Hans Acht-sein-nit« er heißt,
Denn wenn er greift und an sich reißt,
Sei er auch stark und schön und jung,
Den lehrt er gar seltsamen Sprung,
Den billig ich den Todsprung heiß',
So daß ihm ausbricht kalter Schweiß
Und streckt und krümmt sich wie ein Wurm,
Denn da tut man den rechten Sturm. D.h. Kampf. Die Totentänze waren seit dem Spätmittelalter ein beliebtes Thema der Dichtung und bildenden Kunst.
O Tod, was hast du für Gewalt,
Dieweil du hinnimmst jung und alt!
O Tod, wie ist so hart dein Nam'
Für Adel, Macht und hohen Stamm;
Für den zumal, der Freud und Mut
Allein gesetzt auf zeitlich Gut!
Der Tod mit gleichem Fuß zertritt
Des Königs Saal, des Hirten Hütt: Nach Horaz, Oden I, 4, 13.
Er achtet Pomp nicht, Macht noch Gut,
Dem Papst er wie dem Bauern tut.
Drum ist ein Tor, wer will entfliehn
Dem, dem er sich nicht kann entziehn,
Und meint, wenn er die Schellen schüttelt,
Daß ihn der Tod alsdann nicht rüttelt;
Mit der Bedingung kommt fürwahr
Ein jeder, daß er wieder fahr'
Von hinnen und dem Tod zustehe,
Wenn von dem Leib die Seele gehe.
Nach gleichem Recht der Tod hinführt
Das, was das Leben je berührt:
Du stirbst, der bleibt noch länger hie,
Doch keiner bleibt auf Dauer nie:
Die tausend Jahr erlebten schon –
Die mußten schließlich doch davon.
Der Rock war kaum getragen ab,
Da folgt der Sohn dem Vater ins Grab;
Ein andrer den Tod vorm Vater schaut,
Man findet auch manche Kälberhaut. Unter den Häuten gibt es auch Kalbsfelle, d.h., es sterben auch junge Geschöpfe (sprichwörtlich)..
Je einer fährt dem andern nach,
Und wer nicht wohl stirbt, findet Rach. Vergeltung.
Auch lassen die ihre Narrheit scheinen,
Welche um Tote trauern und weinen,
Ihnen mißgönnen ihre Ruh,
Der wir doch alle streben zu.
Denn keiner geht zu früh dort ein,
Wo er in Ewigkeit muß sein;
Es geschieht gar manchem wohl daran,
Daß Gott ihn zeitig ruft hindann.
Der Tod bracht manchem Nutzen ein,
Trübsal ward ihm erspart und Pein.
Viel haben den Tod auch selbst begehrt,
Und andern erschien er Dankes wert,
Zu denen er ungerufen gegangen:
Er machte frei viel, die gefangen,
Und hat viel aus dem Kerker gebracht,
Denen der ewig war zugedacht.
Das Glück teilt ungleich arm und reich,
Aber der Tod macht alles gleich;
Er ist ein Richter, der fürwahr
Nichts abläßt, wenn man ihn bittet gar.
Er ists allein, der alles lohnt,
Der keinen jemals hat geschont
Und keinem je gehorsam ward –
Sie mußten all auf seine Fahrt
Und ihm nachtanzen seinen Reihen:
Päpst', Kaiser, König', Bischöf, Laien,
Deren mancher noch niemals gedacht,
Daß man den Vortanz ihm gebracht,
Und er muß tanzen in dem Gezotter gzotter ist die Reihe der beim Tanzen Hintereinandertretenden (heute zotteln = nachschleppen, nachhängen). Die folgenden Namen bezeichnen zwei beliebte Tänze jener Zeit.
Den Westerwälder und den Trotter;
Wenn er hätt eher daran gedacht,
Es wär nicht gekommen so über Nacht.
Jetzt ist dahin manch großer Narr,
Der um sein Grab voll Sorge war
Und wandte dran so viel an Gut,
Daß es noch manchen wundern tut:
Das Mausoleum, wo den Gatten
Artemisia Artemisia II. war die Gemahlin des Königs Mausolos († 352 v.Chr.), von dessen Namen die Bezeichnung für monumentale Grabstätten abgeleitet wurde. ließ bestatten
Und so viel Kosten daran wandt'
Mit großer Zier und offner Hand,
Daß man es eins jener Wunder nennt,
Von denen sieben der Erdkreis kennt;
Auch Gräber in Ägyptenland,
Die Pyramiden man genannt –
So baute Chemnis Cheops. sich ein Grab
Und hing daran sein Gut und Hab,
Da dreimalhunderttausend Mann
Und sechzigtausend werkten dran,
Denen gab an Kraut er alsoviel,
(Der andern Kost ich schweigen will),
Daß wohl kein Fürst wär jetzt so reich,
Der das bezahlte jenem gleich; Wie Herodot berichtet, sollen beim Bau der Pyramide des Cheops bei Gizeh 1600 Silbertalente für Zwiebeln und Knoblauch ausgegeben worden sein.
Ein gleiches Amasis vollbrachte,
Wie Rhodope auch eins sich machte.
Welch große Torheit doch der Welt,
Daß man wandte so vieles Geld
An Gräber, da man wirft hinein
Den Aschensack, die Totenbein, Den äsch sack und die schelmen beyn; vgl. Anm. 1 zu Kap. 54.
Und gab so große Summen aus,
Daß man den Würmern macht ein Haus,
Und für die Seele will nichts geben,
Die doch in Ewigkeit muß leben!
Der Seel hilft nicht ein kostbar Grab,
Daß einen Marmorstein man hab'
Und aufhäng' Schild, Helm, Banner groß;
»Hier liegt ein Herr und Wappengenoß!«
Haut man ihm dann in einen Stein.
Der rechte Schild ist ein Totenbein,
Dran Würmer, Schlangen, Kröten nagen,
Das Wappen Kaiser und Bauer tragen,
Und wer hier zieht einen feisten Bauch,
Speist seine Wäppner am längsten auch.
Da ist ein Fechten, Reißen, Brechen,
Die Freunde sich um das Gut erstechen,
Denn jeder möcht es ganz behalten –
Die Teufel mit der Seele schalten
Und tun mit der wüst triumphieren,
Von einem Bad sie ins andre führen,
Von Eiseskälte in glühende Hitz.
Wir Menschen leben ganz ohn Witz, Ohne Verstand.
Daß wir der Seel nicht nehmen wahr,
Des Leibes sorgen immerdar.
Die ganze Erde ist Gott geweiht,
Wohl ruht, wer stirbt ohn Angst und Leid. Die Verse Brants sind einfacher, aber nicht übertragbar: All erd die ist gesägnet gott / Wol lyt (liegt) der / der do wol ist dott.
Der Himmel manchen Toten deckt,
Der unter keinem Stein sich streckt.
Wie könnte der haben ein schöner Grab,
Dem das Gestirn glänzt von oben herab?
Gott find't die Gebeine zu seiner Zeit.
Das Grab der Seel keine Freude leiht: Diese Zeile fehlt im Original; erst die Straßburger Ausgabe von 1512 ergänzt das Reimpaar.
Wer wohl stirbt, hat das beste Grab,
Wer sündig stirbt, fährt schlimm hinab. Im Original: Wer wol styrbt / des grab ist das höhst / Der sünder dot / der ist der bösst.

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