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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 84
Quellenangabe
pfad/brant/narrens/narrens.xml
typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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83.
Viel Narren freut nichts in der Welt,
Es sei denn, daß es schmeck nach Geld;
Die gehören auch ins Narrenfeld.

Von Verachtung der Armut

Geldnarren sind auch überall
So viel, daß man nicht kennt die Zahl,
Die lieber haben Geld als Ehr.
Nach Armut fragt jetzt niemand mehr;
Man kommt auf Erden dort kaum aus,
Wo nichts als Tugend ist im Haus.
Weisheit tut man nicht Ehr mehr an,
Und Ehrbarkeit muß hinten stahn;
Sie kommt kaum noch auf grünen Zweig,
Man will jetzt, daß man ihrer schweig';
Und wer nach Reichtum nur begehrt,
Der schaut auch, daß er reich bald werd,
Und scheut nicht Sünde, Wucher, Schand,
Nicht Mord, Verrat am eignen Land;
Das ist jetzt üblich in der Welt.
All Schlechtigkeit find't man um Geld:
Gerechtigkeit um Geld ist feil,
Ums Geld kam mancher an ein Seil, An den Galgen.
Käm er mit Geld nicht aus der Haft;
Um Geld bleibt Sünd oft ungestraft.
Ich sag dir deutsch, wie ich das meine;
Man henkt die kleinen Dieb' alleine;
Eine Bremse nicht im Spinnweb klebt,
Die kleine Mücke nur drin schwebt. Nach einem alten lat. Sprichwort (Irretit muscas, transmittit aranea vespas).
Ahab war ehmals nicht zufrieden,
Daß ihm ein Königreich beschieden,
Bis er den Weinberg Naboths Vgl. 1. Könige 21, 1–16. nahm,
Der arm ohn Recht zu Tode kam.
Der Arme muß stets in den Sack;
Was Geld bringt, ist gut von Geschmack.
Armut, die jetzo ganz unwert,
War einstmals lieb und hochgeehrt
Und angenehm der goldnen Welt. Dem Goldenen Zeitaher. Die folgende Schilderung geht auf Ovids Metamorphosen I, 89 ff. und auf Vergils Georgica I, 125 ff. zurück.
Da hat niemand geachtet Geld
Oder etwas besessen allein:
Alle Dinge waren da gemein,
Und man an dem Genügen fand,
Was ohne Arbeit jedes Land
Und die Natur ohn Sorgen trug.
Doch als gebraucht erst ward der Pflug,
Fing man auch gierig an zu sein,
Da kam auch auf: »War mein, was dein!«
All Tugend war noch auf der Erde,
Wenn man nur Ziemliches begehrte.
Armut ist eine Gabe von Gott,
Wiewohl sie jetzt der Welt ein Spott;
Das macht allein, weil niemand ist,
Der bedenkt, daß Armut nichts gebrist,
Und daß der nichts verlieren kann,
Der nichts gehabt von Anfang an,
Und daß der leicht kann schwimmen weit,
Der nackend ist und ohne Kleid.
Ein Armer singt frei durch die Welt,
Dem Armen selten etwas fehlt. seltten üt entpfalt, d. h. etwas entfällt, abhanden kommt.
Die Freiheit hat ein armer Mann,
Daß er doch betteln gehen kann,
Obschon man ihn sieht übel an;
Und wenn man ihm auch gar nichts reicht,
So bleibt sein Gut wie vorher leicht.
Bei Armut fand man bessern Rat,
Als Reichtum je gegeben hat,
Das zeigt uns Quintus Curius
Und der berühmte Fabricius, M. Curius Dentatus, ein römischer Feldherr, der die Samniter und Ausonier besiegte, wurde wegen seiner freiwilligen Armut gerühmt; C. Fabricius Luscinus, ein römischer Konsul, wies nicht nur Geschenke des Pyrrhus zurück, sondern lehnte auch das Angebot eines Verräters, den Pyrrhus zu vergiften, ab und warnte selbst den Bedrohten.
Der wollte nicht haben Gut noch Geld,
Sondern hat Ehr und Tugend erwählt.
Armut gab ehmals Fundament
Und Anfang allem Regiment;
Armut gebaut hat jede Stadt;
All Kunst D. h. Wissenschaft und Kunst. Armut erfunden hat;
Armut ist ohne Schlechtigkeit,
Aus Armut wächst Ehr allezeit; Im Original: Alls Übels Armuot ist wol on / All ere uß Armuot mag erston.
Bei allen Völkern auf der Erde
Stand Armut lang in hohem Werte;
Es hat durch sie der Griechen Hand
Viel Stadt bezwungen, Leut und Land.
Aristides war arm und gerecht,
Epaminondas streng und schlecht, Schlicht. Aristides, athenischer Staatsmann und Feldherr ( † um 467 v. Chr.), führte den Beinamen »der Gerechte«; Epaminondas, thebanischer Feldherr, der im Kampf gegen Sparta fiel ( † 362 v. Chr.), galt als Muster strenger Zucht und Bedürfnislosigkeit.
Homer war arm und doch gelehrt,
In Weisheit Sokrates geehrt,
Und Phocion Athenischer Feldherr ( † 318 v. Chr.), der wegen seiner Freigebigkeit gerühmt wurde. keiner an Mild übertrifft.
Das Lob hat Armut in der Schrift:
Nichts ward auf Erden je so groß,
Das nicht zuerst aus Armut floß.
Das Römische Reich, sein hoher Nam'
Anfänglich her aus Armut kam.
Denn welcher merkt und bedenkt dabei,
Daß Rom von Hirten erbauet sei
Und von armen Bauern lang regiert,
Danach von Reichtum ganz verführt,
Der kann wohl merken, daß Armut
Rom besser war als großes Gut.
Wär Krösus arm, doch klug gewesen,
Er hätt behalten, was er besessen;
Man fragte Solon Gesetzgeber von Athen (um 594 v. Chr.), einer der »Sieben Weisen«; der überlieferte Ausspruch nach Plutarch. um Bescheid,
Ob jener hätte Seligkeit In der älteren Bedeutung: Glückseligkeit, Wohlsein.
Denn er war mächtig, reich, geehrt –,
Da sagte Solon: »Auf der Erd
Nenn keinen selig vor dem Tod,
Man weiß nicht, was ihm all noch droht!«
Wer meint noch festzustehen heut,
Der kennt doch nicht die künftge Zeit!
Der Herr sprach: »Euch sei Weh und Leid!
Ihr Reichen, habt hier eure Freud,
Genießet euer Gut auf Erden,
Doch selig wird der Arme werden!« Sellig der arm mit fryem muot; vgl. Markus 10, 24 u. Matthäus 5, 3.
Wer sich mit Lügen errafft Besitz,
Der ist durchtrieben und ganz unnütz
Und mästet selbst sein Mißgeschick,
Daß er erwürg' am Todesstrick. Sprüche Salomonis 21, 6.
Wer einem Armen Unrecht tut
Und damit häufen will sein Gut,
Trifft einen Reichern, der erpreßt
Sein Gut und ihn in Armut läßt. Sprüche Sal. 22, 16.
Richt' nicht die Augen auf das Gut,
Das allzeit von dir fliehen tut;
Gleichwie der Adler, so gewinnt
Es Federn und fliegt durch den Wind. Sprüche Sal. 23, 5.
Wärs gut, auf Erden reich zu leben,
Hätt Christus sich nicht der Armut ergeben. Im Original: Wer guot uff erden rich hye syn / Christus wer nit der ärmst gsyn (der Ärmste gewesen).
Wer spricht, daß er ohn Mängel war,
Nur sei die Tasch ihm pfennigleer,
Derselbe ist in der Narrheit Bann,
Ihm fehlt mehr, als er sagen kann,
Vor allem, daß er nicht erkennt,
Daß er sei ärmer, als er wähnt.

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