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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 83
Quellenangabe
pfad/brant/narrens/narrens.xml
typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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82.
Ich hätt vergessen fast bei mir,
Daß ich nicht noch ein Schiff einführ':
Der Bauern Narrheit treff ich hier!

Von bäurischem Aufwand

Die Bauern ziemlich einfach waren
Noch kürzlich in vergangnen Jahren;
Gerechtigkeit war bei den Bauern;
Als die entfloh der Städte Mauern,
Wollt sie in strohernen Hütten sein,
Bevor die Bauern tranken Wein,
Den sie jetzt gerne bei sich dulden.
Sie stecken sich in große Schulden;
Wiewohl jetzt Korn und Wein gilt viel,
Nehmen sie doch auf Borg und Ziel Termin des Zurückzahlens.
Und wollen bezahlen nicht beizeiten,
Man muß sie bannen und verläuten. Auch unterbliebener Zahlung wegen konnte man geächtet werden; vgl. Anm. 2 zu Kap. 71.
Der Zwillch Doppelt gewebtes Tuch, Sackleinen schmeckt ihnen nicht mehr sehr,
Sie wollen keine Joppen mehr;
Es muß sein leydensch und mechelsch Tuch aus Leiden oder aus Mecheln; die niederländischen Stoffe galten in jener Zeit als die besten. Kleid
Und ganz zerhacket und gespreit Geschlitzt und mit andersfarbigem Tuch unterlegt.
Mit aller Farb, Wild über Wild, Doppeldeutig: mit allerlei Pelzwerk besetzt, oder: seltsam, fremdartig; vgl. Anm. 7 zu Kap. 4.,
Und auf dem Ärmel ein Kuckucksbild, eyn gouchs byld == Narrenbild; solche Bilder wurden wirklich auf dem Ärmel getragen.
Das Stadtvolk lernt von Bauern jetzt,
Wie man das Laster besser schätzt;
Aller Beschiß geht von Bauern aus,
Alle Tag wolln sie neue Moden im Haus,
Keine Schlichtheit ist mehr in der Welt;
Die Bauern stecken ganz voll Geld,
Sie speichern Wein und Weizen auf
Und andres und erschweren den Kauf
Und machen es so lange teuer, und machen selber jnn eyn dür, d. h. sorgen selbst für eine Teuerung.
Bis Blitz und Donner kommt mit Feuer
Und ihnen abbrennt Korn und Scheuer.
Desgleichen zu unsern Zeiten auch
Ist auferstanden mancher Gauch,
Der sonst ein Bürger und Kaufmann war,
Will adlig sein und Ritter gar.
Der Edelmann möcht sein Freiherr,
Der Graf wünscht, daß ein Fürst er war,
Der Fürst die Krone des Königs begehrt;
Viel werden Ritter, die kein Schwert
Gezogen je für Gerechtigkeit.
Die Bauern tragen seiden Kleid
Und goldne Ketten an dem Leib;
Es geht daher ein Bürgersweib
Viel stolzer, als eine Gräfin tut.
Wo Geld jetzt ist, da ist Hochmut;
Was eine Gans an der andern nimmt wahr,
Drauf ist sie gerichtet ganz und gar,
Das muß sie haben; es schmerzt sonst sehr.
Der Adel hat keinen Vorzug mehr.
Man sieht eines Handwerksmannes Weib,
Die größern Wert trägt auf dem Leib
An Rock, Ring, Mantel, Borten schmal,
Als sie im Haus hat allzumal.
Daran verdirbt manch Biedermann,
Der mit dem Weib muß betteln dann,
Im Winter trinken aus irdenem Krug,
Daß seinem Weibe er tue genug;
Und hat sie heut alles, wonach es sie drängt –
Gar bald es bei dem Trödler hängt.
Wer Frauengelüsten will folgen doch,
Den friert gar oft, spricht er auch: »Schoch!« Ein Ausruf bei Hitze, etwa: »Uff, wie heiß!«
In allen Landen herrscht große Schande,
Keiner begnügt sich mit seinem Stande,
Niemand bedenkt, was die Vorfahren waren,
Drum ist die Welt jetzt voll von Narren.
So daß ich wohl die Wahrheit sag:
Der Dreispitz, der muß in den Sack! D. h., man will seinen Kopf durchsetzen, das Unmögliche doch versuchen. Der Sinn dieses Bildes (mit dry spitz könnte eine Fußangel gemeint sein) läßt sich trotz des Holzschnittes nicht völlig erklären; in Murners Narrenbescbwörung (1512) heißt es erläuternd: »Der stoßt den dryspitz in den sack / Der me wil thuon, dann er vermag« (Kap. 51).

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