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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 77
Quellenangabe
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typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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76.
Ritter Peter von Altenjahren,
Ich muß Euch greifen an die Ohren!
Mich dünkt, daß beid' wir Narren waren,
Wiewohl Ihr führet Rittersporen.

Von großem Rühmen

Die Gecken-Narren ich auch bringe,
Die sich stets rühmen hoher Dinge
Und wollen sein, was sie nicht sind,
Und wähnen, alle Welt sei blind
Und sie ihr fremd und unbekannt.
Mancher will edel sein genannt,
Des Vater doch machte bumblebum Nachahmung der Küferschläge am Faß.
Und mit dem Küferwerk ging um,
Oder hat sich so durchgebracht,
Daß er mit stählernen Stangen focht, »Stangenfechter« waren Händler, die die Sachen Gepfändeter billig aufkauften; der Anspruch der Meistbietenden hieß stangen-recht, der gerichtliche Zuspruch an den neuen Besitzer stangen urtail. Die Redewendung Brants glossiert zugleich das Adlig-sein-Wollen, denn im Stangenstechen bestand die Hauptbelustigung beim Ritterturnier.
Oder rannte mit einem Judenspieß, Trieb Wucher.
Daß er gar viele zu Boden stieß,
Und will, daß man ihn Junker nenne,
Als ob man nicht seinen Vater kenne,
Daß man spreche: Meister Hans von Menz, Mainz (die Mainzer galten als Aufschneider).
Und auch sein Sohn, Junker Vincenz.
Viel rühmen hoher Dinge sich
Und prahlen stets zu Widerstich Um die Wette.
Und sind doch Narren in der Haut,
Wie Ritter Peter von Pruntraut, Wohl eine fingierte Persönlichkeit. Die Einwohner von Pruntrut (franz. Porrentruy) waren seit dem burgundischen Kriege, in dem sie für Karl den Kühnen gefochten hatten, in Basel schlecht angeschrieben.,
Der will, daß man zu ihm Ritter sage,
Dieweil er im Stechen am Murtener Tage Wohl eine fingierte Persönlichkeit. Die Einwohner von Pruntrut (franz. Porrentruy) waren seit dem burgundischen Kriege, in dem sie für Karl den Kühnen gefochten hatten, in Basel schlecht angeschrieben.
Gewesen sei, wo ihm so not
Zu fliehen war, daß ihm der Kot
Die Hosen hat so hoch beschlämmt,
Daß man ihm waschen mußt' das Hemd.
Doch Schild und Helm er zeigen kann
Als Zeugnis, er sei ein Edelmann:
Er führt einen Habicht, gefärbt wie ein Reiher,
Und auf dem Helme ein Nest voll Eier,
Wobei ein Hahn in der Mauser sitzt,
Der möchte die Eier brüten itzt.
Derselben Narren findet man mehr,
Die wollen haben große Ehr,
Daß man sie hat vornan gesehn.
Ja, da es wollt ans Fliehen gehn,
Lugten sie hinter sich lange Zeit,
Ob ihnen folgten auch andre Leut?
Mancher rühmet sein Fechten groß,
Wie er den erstach und jenen erschoß,
Der doch von ihm so weit wohl war,
Daß keine Büchse ihm brachte Gefahr.
Noch andre trachten nach edeln Wappen,
Wie sie führen mögen viel Löwentappen,
Einen gekrönten Helm und ein gülden Feld:
Die sind des Adels von Bennefeld. Mhd. benne = Bauernkarren. Bennfeld ist ein kleiner Ort bei Straßburg, der hier die bäuerische Herkunft bezeichnen soll (etwa: aus dem Hause derer von Bauernfeld).
Gar manche sind edel durch ihre Frauen,
Deren Väter saßen in Ruprechtsauen; Ruprechtsau bei Straßburg, ein Dorf, dessen Besuch nach Murners Narrenbeschwörung (1512) eine Frau um ihren guten Ruf brachte.
Seiner Mutter Schild gar mancher führt,
Weil er vielleicht im Vater irrt.
Viel haben Brief und Siegel gut,
Als seien sie von edlem Blut;
Sie wollen die ersten sein nach Recht,
Die adlig sind in ihrem Geschlecht,
Und dieses ich weder tadle noch acht':
Aus Tugend D. h. aus Tüchtigkeit, edler Gesinnung. ist aller Adel gemacht!
Wer Ehr und Sitte wahren kann,
Den halt ich für einen Edelmann,
Aber wer hat keine Tugend nit,
Nicht Zucht, Scham, Ehr, noch gute Sitt,
Den halt ich alles Adels leer,
Und wenn ein Fürst sein Vater wär.
Adel allein bei Tugend steht,
Aus Tugend aller Adel geht. –
Desgleichen will mancher Doktor sein,
Der nie Clementin noch Sext sah ein,
Nie Institut, Dekret, Digest Die Hauptquellen des römischen Rechts. geschaut,
Nur daß er hat 'ne pergamentne Haut, eyn pyrment hut, d. h. einen Doktorbrief, dessen Pergament aus Eselshaut gemacht wurde.
Drauf steht sein Recht geschrieben an:
Der Brief zeigt alles, was er kann,
Und daß er gut sei auf der Pfeif.
Drum stehet hier Herr Doktor Greif, doctor Gryff, eine fingierte Gestalt, die auch auf den Holzschnitten des Titelblatts und zu Kap. 108 abgebildet wird. Ob zugleich auf eine historische Persönlichkeit angespielt wird, bleibt unklar; jedenfalls wird auch diese Figur durch das Narrenschiff populär und in der satirischen Literatur des 16. Jh. wiederholt zitiert. Brant erklärt den Namen hier selbst: Er grifft eym yeden die oren an, d. h. ist einer, der zugreifen, vielleicht auch sonst allerlei Kunstgriffe kann. Sollte daneben eine Anspielung auf den Büchernarren von Kap. 1 vorliegen, dessen Platz vornan im NarrenschifF mit einem sundren gryff begründet wurde?
Ein sehr gelehrter und kluger Mann,
Der greift einen jeden beim Ohre an,
Weiß mehr als mancher Doktor kann.
Der ist in vielen Schulen gestanden
In nahen und in fernen Landen,
Wo nie ein Gauch ging aus noch ein,
Der doch mit Gewalt will Doktor sein;
Man muß zu ihnen »Herr Doktor« sagen,
Dieweil sie rote Röcke tragen
Und weil ein Aff ihre Mutter ist.
Ich weiß noch einen, heißt Hans Mist, Ein bekannter Name aus den Fastnachtsspielen; die nd. Übersetzung von 1497 setzt bereits Hans Worst ein.
Der alle Welt will überreden,
Er sei zu Norwegen und Schweden,
Zu Algier gewesen und zu Granat, Granada.
Und wo der Pfeffer wächst und staht;
Der doch nie kam so weit hinaus:
Hätt seine Mutter daheim zu Haus
Pfannkuchen oder Wurst gebacken,
Er hätt's gerochen und hören knacken.
Des Rühmens ist so viel auf Erden,
Daß es kann aufgezählt nicht werden;
Denn jedem Narren das gebrist,
Daß er sein will, was er nicht ist. Das er wil sin / das er nit ist; vgl. die Schlußverse von Kap. 29.

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