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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 7
Quellenangabe
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typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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6.
Wer seinen Kindern übersieht
Mutwillen und sie nicht erzieht,
Dem selbst zuletzt viel Leid geschieht.

Von rechter Kinderlehre

Der ist vor Narrheit wohl ganz blind,
Wer nicht drauf achtet, daß sein Kind
In guter Zucht man unterweist,
Und sich insonderheit befleißt,
Daß er sie irrgehn läßt ohn Strafe,
Wie ohne Hirten gehn die Schafe;
Der ihrem Übermut nicht wehrt
Und sie zu strafen nicht begehrt,
Dieweil er meint, sie sei'n zu jung,
Es hafte nicht Erinnerung
In ihrem Ohr, nicht Straf noch Lehre. –

O großer Tor, merk auf und höre:
Der Jugend ist nichts zu geringe, Die jugent ist zuo bhaltten gering, d. h. eigentlich: mit dem Lernen schnell bei der Hand, nimmt schnell auf.
Sie merket wohl auf alle Dinge.
Der neue Topf hält vom Gericht
Geschmack und Duft und läßt ihn nicht.
Ein junger Zweig sich dreht und schmiegt,
Doch wenn man einen alten biegt,
So kracht und bricht er bald entzwei.

Gerechte Straf bringt kein Geschrei,
Der Rute Zucht vertreibt ohn Schmerzen
Die Narrheit aus des Kindes Herzen. Sprüche Salomonis 22,15.
Ohn Strafe selten man belehrt,
Das Übel wächst, dem man nicht wehrt.
Heli war brav und lebte rein,
Doch straft' er nicht die Kinder sein,
Drum straft' ihn Gott, daß er mit Klage
Samt ihnen starb an einem Tage. Samuel 2, 12 – 4, 18: Der Priester Eli starb bei der Nachricht, daß seine mißratenen Söhne mit der Bundeslade in die Hände der Philister gefallen und getötet worden seien.
Weil man der Kinder Zucht nicht will,
Drum trifft man Catilinen Catilina war Urheber der Verschwörung in Rom 63 v. Chr., gegen die Cicero auftrat. Hier wie Kap. 49 als warnendes Beispiel der Auflehnung gegen Ordnung und Gesetz genannt. viel.
Es stände besser um manches Kind,
Gäb man ihm Lehrer wohlgesinnt,
Wie Phönix, Phönix war nach Homer der Lehrer und Ratgeber des Achilles; hier nach Plutarch, De educatione 7, 3. Aus dem gleichen Werk stammen auch die folgenden Exempla. den einst aufgesucht
Peleus zu des Achilles Zucht.
Philipp durchsuchte Griechenland,
Bis er dem Sohn den Meister fand:
Dem größten König Alexander dem Großen. in der Welt
Ward Aristoteles zugesellt,
Der hörte Plato manches Jahr,
Dem Sokrates einst Lehrer war.
Jedoch die Väter unsrer Zeit,
Die gehen blind vor Geiz so weit
Und nehmen solchen Lehrer schon,
Der ihnen zum Narren macht den Sohn
Und schickt ihn wieder heim nach Haus
Halb närrischer, als er kam daraus.
Drum ist zu wundern nichts daran,
Wenn närrische Kinder ein Narr gewann.
Der alte Crates Wieder nach Plutarch 7, 13. sprach, wenn ihm
Es zuständ, wollt mit lauter Stimm'
Er schreien: Narren unbedacht!
Aufs Gütersammeln habt ihr acht
Und achtet nicht auf euer Kind,
Für das ihr doch auf Reichtum sinnt.
Aber euch wird zuletzt der Lohn,
Wenn in den Rat soll gehn der Sohn
Und dort auf Zucht und Ehren achten,
Dann wird nach solchem Ding er trachten,
Wie man's von Kind an ihn gelehrt;
Dann wird des Vaters Leid gemehrt,
Der sich verzehrt, weil er ohn Nutzen
Erzogen einen Winterbutzen. butz = Unhold, Kobold, Schreckscheuche (noch heute spricht man vom Butzemann). Mit wintterbutz ist wohl ein Popanz gemeint, wie er beim Winteraustreiben eine Rolle spielte.
Die einen gehn zu der Buben Rott'
Und lästern dort und schmähen Gott;
Die andern hängen sich an Säcke, Liederliche Personen, Huren.
Die dritten verspielen Roß und Röcke;
Die vierten prassen Tag und Nacht.
Das wird aus solchen Kindern gemacht,
Die man nicht in der Jugend zieht,
Mit einem Lehrmeister wohl versieht.
Denn Anfang, Mittel, Schluß der Ehre
Entspringt allein aus guter Lehre.
Ein löblich Ding ist adlig sein,
Doch ist es fremd frömbd in der Bedeutung von: nicht eigen, einem andern gehörend. und ist nicht dein:
Es kommt von deinem Elternpaar;
Ein köstlich Ding ist Reichtum gar,
Aber er ist des Glücks Zufall,
Das auf und ab tanzt wie ein Ball;
Der Ruhm der Welt sich schön anläßt:
Doch schwankt er und ist voll Gebrest;
Ein schöner Leib steht hoch in Acht
Und währt doch kaum bis über Nacht;
So ist Gesundheit uns sehr lieb
Und stiehlt sich weg doch wie ein Dieb;
Der Stärke Größe, die man schätzt,
Schwindet vor Krankheit und Alter zuletzt:
Darum ist nichts unsterblich mehr
Und unvergänglich, als gute Lehr.
Gorgias Ein griechischer Sophist, in Platons gleichnamigem Dialog Gesprächspartner des Sokrates. Hier wieder nach Plutarch, Kap. 8, ebenso die vorangehenden Verse. fragte, ob glücklich wär
Zu preisen Persiens mächtiger Herr?
Sprach Sokrates: »Ich weiß noch nicht,
Ob er gelernt der Tugend Pflicht!«
Als wollt er sagen, daß Macht und Gold
Ohne Tugendlehre nichts gelten sollt.

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