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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 68
Quellenangabe
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typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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67.
Die Haut mitsamt dem Haar verlor
Besiegt Marsyas Der Satyr Marsyas forderte einst Apollo zum Wettkampf im Flötenspiel heraus und wurde besiegt an einem Baum aufgehängt und enthäutet; vgl. Ovids Metamorphosen VI, 382 ff. einst, der Tor,
Und blies die Sackpfeif' nach wie vor.

Kein Narr sein wollen

Die Eigenschaft hat jeder Narr,
Daß er es nicht kann nehmen wahr,
Wie man sein spottet; drum verlor
Marsyas Haut und Haar, der Tor.
Denn Narrheit ist oft also blind,
Daß Narren stets der Meinung sind,
Sie seien weise, wenn man lache
Und Possenspiel mit ihnen mache;
Stellt er sich ernstlich zu der Sache,
Man ihn so lang für weise hält,
Bis ihm die Pfeif aus dem Ärmel fällt.
Viel Freunde hat, wer reich an Gut,
Dem hilft man, daß er Sünde tut,
Und jeder lugt, wie er ihn schinde;
Dies währt so lang, bis er wird arm,
Dann spricht er: »Ach, daß Gott erbarm!
Wie hau' ich vordem Nachlauf viel,
Und jetzt – kein Freund mich trösten will!
Hätt ich beizeiten das betrachtet,
Ich wär noch reich und nicht verachtet!«
Die größte Torheit ist fürwahr,
Wenn man verschlemmt in einem Jahr,
Womit man seine Zeit soll leben;
Wenn man durch Üppigkeit im Geben
Bald Feierabend hofft zu sehn,
Um dann – dem Bettel nachzugehn.
Wenn ihm dann stößt in seine Händ'
Verachtung, Armut, Spott, Elend,
Und er zerrissen läuft und bloß,
So kommt ihm wohl der Reue Stoß;
Wohl dem, der Freunde sich erwirbt
Mit Gütern, die er, wenn er stirbt,
Muß lassen; jene stehn ihm bei,
Wie er auch sonst verlassen sei.
Dagegen ist manch Narr auf Erden,
Der annimmt närrische Gebärden, D. h. Betragen, Gebaren.
Und zöge man ihm ab das Fell,
Blieb' doch der frühere Gesell, Im Original: Und wann man jnn joch schünd und süt (schindete und siedete) / So kund er doch gantz nütz dar mitt (so würde er doch gar nichts davon verstehen).
Der etwa nur die Ohren schüttelt,
Will närrisch sein mit allem Fleiß,
Und doch lobt niemand seine Weis!
Wiewohl er gleich dem Narren tut,
Scheint doch sein Scherz niemandem gut.
Drum sprechen etliche Gesellen:
»Der Narr will sich gern närrisch stellen
Und kann nicht Weise noch Gebärd'!
Er ist ein Narr und gar nichts wert!«
Das ist ein seltsam Ding auf Erden:
Mancher will sein ein kluger Mann,
Der sich doch nimmt der Torheit an
Und meint, daß man ihn rühmen soll,
Sagt man: »Der kann die Narrheit wohl!«
Dagegen sind viel Narren auch,
Die ausgebrütet hat ein Gauch;
Die wähnen, daß sie klug gesprochen,
Es sei gehauen oder gestochen;
Sie dünken sich für klug gezählt,
Da man sie doch für Narren hält.
Quetscht man auch einen Narren klein,
Wie Pfeffer in einem Mörserstein,
Und stößt ihn darin lange Jahr' –
Er bleibt ein Narr doch, wie er war. Sprüche Salomonis 27, 22.
Denn jedem Narren das gebrist,
Daß Wahnolf Trugolfs Bruder ist. Das wonolff / btriegolfs bruoder ist; sprichwörtlich für: daß Wahn oder Einbildung den Menschen ständig täuschen und betrügen.
Es ließ' sich mancher gern halb schinden,
An allen vieren mit Seilen binden,
Erwüchse ihm nur Geld daraus
Und hätt er Goldes viel im Haus;
Er litt' auch, daß er läg zu Bett,
Wenn er der Reichen Siechtum Das Podagra. hätt;
Er ließ' sich einen Buben schelten,
Wollt mans mit Zins und Gab entgelten.
Mit wenigem niemand sich begnügt,
Wer viel hat, mehr dazu noch fügt.
Aus Reichtum Übermut entspringt,
Denn Reichtum selten Demut bringt.
(Was soll ein Dreck, wenn er nicht stinkt?)
Viel sind allein und ohne Kind;
Ohn Bruder, ohne Freund sie sind,
Die werden nicht von Arbeit matt,
Ihr Auge macht kein Reichtum satt,
Sie denken nicht: »Wem wirk ich vor;
Wem spare ich, ich Gauch und Tor?«
Gott gibt gar manchem Gut und Ehr,
Und seiner Seele fehlt nichts mehr,
Als daß ihm Gott nicht auch verleiht,
Daß er es brauch zur rechten Zeit
Und hab mit Maßen von dem Genuß,
Was fremden Prassern er lassen muß.
Auch Tantalus Nach der griechischen Sage wurde Tantalus, weil er die Geheimnisse der Götter ausplauderte und, um ihre Allwissenheit zu erproben, ihnen den zerstückelten Leichnam seines Sohnes als Mahl vorsetzte, in der Unterwelt dazu verdammt, im Wasser stehend Durst zu leiden und unter einem Baum mit Äpfeln zu hungern, da Wasser und Zweige vor seinem Zugriff immer wieder zurückweichen. Die Schlußfolgerung Brants ( Das schafft / das er jm selbs nit gan) erklärt sich nur aus dem Vergleich mit dem geizigen Narren, auf den er in der letzten Zeile wieder Bezug nimmt. sitzt in Wassersflut
Und löscht doch nicht des Durstes Glut,
Und sieht er gleich die Äpfel an,
Hat er doch wenig Freude dran –
Dieweil sich selbst nichts gönnt der Mann!

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