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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 67
Quellenangabe
pfad/brant/narrens/narrens.xml
typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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66.
Wer ausmißt Himmel, Erd und Meere
Und darin sucht Lust, Freud und Lehre,
Der schau, daß er dem Narren wehre.

Alle Länder erforschen wollen

Ich halt auch den nicht für ganz weis,
Der allen Sinn braucht, allen Fleiß,
Wie er erkunde Stadt und Land,
Und nimmt den Zirkel in die Hand,
Daß er dadurch berichtet werde,
Wie breit, wie lang, wie weit die Erde,
Wie tief und fern sich zieh das Meer,
Was festhalte die letzte Sphär; den letsten spör, d. h. den äußersten Erdkreis (mhd. spoere, lat. sphaera; in Lochers lat. Übersetzung mit circinus = Zirkel, Kreis wiedergegeben).
Wie sich das Meer am Ende der Welt
Hält, daß es nicht zu Tal abfällt;
Ob um die Welt man fahren kann;
Welch Volk man treffe gradweis under yeder schnuor, d. h. unter den einzelnen Graden. an;
Obs unter unsern Füßen gebe
Auch Leute, ob dort nichts mehr lebe,
Und wie man sich dort aufrecht hält,
Daß man nicht in die Lüfte fällt;
Wie man mit einem Stab schlägt an, Berechnet.
Daß man die Welt durchmessen kann.
Archimenides, Archimedes, einer der bedeutendsten griechischen Mathematiker und Physiker, der bei der Eroberung von Syrakus 212 v. Chr., in mathematische Probleme vertieft, von einem römischen Soldaten erschlagen wurde. der wußte viel,
Der macht' im Sande Kreis und Ziel,
Daß ihm durch Rechnen würd viel kund,
Und wollte nicht auftun seinen Mund;
Er fürchtete, es könnt sein Hauch
Verwehen seine Kreise auch,
Und eh er reden wollte ein Wort,
Ertrug er lieber selbst den Mord.
In Meßkunst war er sehr behende,
Konnt doch ausecken nicht sein Ende.
Dikäarchus Griechischer Philosoph und Geograph, Schüler des Aristoteles (um 320 v. Chr.). befliß sich dessen,
Die Höhe der Berge auszumessen,
Und fand, daß Pelion höher was
Denn alle Berge, die er maß;
Doch maß er nicht mit seiner Hand
Die Alpen hoch im Schweizerland
Und maß auch nicht, wie tief das Loch,
Da er hin mußt und sitzet noch.
Ptolemäus Claudius Ptolemäus (um 85-160 n. Chr.), der berühmteste Geograph, Astronom und Mathematiker des Altertums, dessen geozentrisches Weltsystem bis ins 16. Jh. hinein beherrschend blieb. wußte auf den Grad,
Welch Länge und Breite das Erdreich hat;
Die Länge zieht er vom Orient
Und endet sie im Okzident,
Daß hundertachtzig Grad er macht,
Sechzig und drei gen Mitternacht
Die Breite vom Äquinoktial, Die ältere Bezeichnung des Äquators.
Nach Mittag hin ist sie mehr schmal:
Er findet fünfundzwanzig Grad
Des Lands, so man erkundet hat.
Das rechnet Plinius Plinius d. Ä. (23-79 n. Chr.), römischer Gelehrter und Naturforscher, der eine umfangreiche naturwissenschaftliche Enzyklopädie in 37 Büchern schrieb, die Historia naturalis. schrittweis aus,
Und Strabo Ein weitgereister griechischer Geograph († 20 n. Chr.). machte Meilen draus.
Doch hat man noch gefunden viele
Der Länder hinter Norwegen und Thyle: Thule, im Altertum eine sagenhafte Insel im äußersten Norden.
Wie Island und Pylappenland, Lappland.
Die vordem man noch nicht gekannt.
Man hat seitdem von Portugal
Und von Hispanien überall
Goldinseln gefunden und nackte Leut,
Von denen gewußt man keinen Deut.
Marinus Marinos von Tyros (um 100 v. Chr.), ein griechischer Geograph, der von Ptolemäus berichtigt wurde. hat nach dem Meer die Welt
Berechnet und darin arg gefehlt;
Plinius, der weise Meister, spricht, Vgl. Historia naturalis II, 1.
Es zeuge von Verständnis nicht,
Wolle man die Größe der Welt verstehn
Und drüber hinaus vorzeitig gehn
Und rechnen weit bis hinters Meer.
Denn Menschengeist irrt darin sehr,
Daß er solches berechnet alle Zeit
Und weiß mit eignem Maß nicht Bescheid Im Original: Und kan sich selb uß rächen nitt.
Und meint, die Dinge zu verstehn,
Welche die Welt nie in sich gesehn.
Herkules soll haben ins Meer
Gesetzt zwei eherne Säulen schwer,
Die eine, wo Afrika begann,
Die andre fängt Europa an;
Er hatte wohl acht auf das Ende der Erd
Und wußt nicht, was ihm für ein Ende beschert,
Denn der all Wunderwerk veracht't,
Der ward durch Frauenlist umgebracht. Durch das Nessushemd, das ihm Dejanira schickte, um seine Liebe wiederzugewinnen; Ovids Met. IX, 152 ff.
Bacchus zog um mit großem Heer
Durch die Lande der Welt und durch das Meer;
Es war sein Vorsatz ganz allein,
Daß jeder lernte trinken Wein,
Und wo's nicht Wein gab oder Reben,
Lehrt' er bei Bier und Met zu leben.
Silenus Nach der antiken Sage der Erzieher des Bacchus, ein fast immer vom Wein berauschter und auf einem Esel reitender Satyr. blieb auch nicht zu Haus,
Fuhr mit im Narrenschiffe aus
Und sonst Gesindel und Metzen viel
Mit großer Freude und Saitenspiel.
Er mußte ein Trunkenbold wohl sein,
Daß ihm so wohl war bei dem Wein.
Er brauchte sich nicht abzumühn,
Man lernt' das Trinken auch ohne ihn.
Man treibt mit Prassen noch viel Schande;
Jetzt fährt er erst recht um im Lande
Und macht gar manchen im Praß verrucht,
Des Vater nie den Wein versucht.
Aber was ist dem Bacchus geschehn?
Er mußte zuletzt von den Seinen gehn
Und fahren hin, wo er jetzt trinkt,
Was ihm mehr Durst als Freude bringt;
Wiewohl die Heiden ihn dennoch
Verehrten als Gott und hielten hoch,
Von denen gekommen ist hernach,
Daß man feiert im Land den Bacchustag, Von denen kumen ist sytthar / Das man jm landt umb bächten far: gemeint ist der Tag der Frau Berchta, an dem man umherzog und Geld zu einem Festgelage sammelte; die Kirche gestaltete das Fest später zu dem der Heiligen Drei Könige um. Brant leitet das Wort (bechten = fechten als Ausdruck der Handwerkergesellen) in scherzhafter Etymologie von Bacchus ab.
Und hat nach dem Tode dem Ehre erdacht,
Der uns viel Übles nur gebracht.
Die schlechten Gewohnheiten währen lang,
Was Unrecht ist, nimmt Überhang,
Denn stets der Teufel dazu treibt,
Daß man in seinem Dienste bleibt. –
Doch will ich jetzt auch wieder kommen
Auf das, was ich mir vorgenommen;
Welche Not wohnt einem Menschen bei,
Daß er Größres suche, als er sei?
Er weiß nicht, was ihm Guts entspringe,
Wenn er erfährt so hohe Dinge
Und seines Todes Zeit nicht kennt,
Die wie ein Schatten von hinnen rennt, Vgl. Psalm 144, 4.
Ist auch die Kunst Die Wissenschaft, von der dieses Kapitel handelt. gewiß und wahr,
So ist das doch ein großer Narr,
Der es im Sinn wägt so geringe,
Daß er will wissen fremde Dinge
Und die erkennen eigentlich D. h. nach ihren Eigenschaften.
Und kann doch nicht erkennen sich,
Denkt auch nicht, wie er sich belehre.
Er sucht nur Erdenruhm und Ehre
Und denkt nicht an das ewige Reich,
Wie weit das ist und wundergleich,
Drin Wohnungen so viele sind.
Das Irdische macht Narren blind,
Die suchen Freud und Lust darin,
Zum Schaden mehr als zum Gewinn.
Viel haben erkundet fremdes Land,
Von denen keiner sich selbst erkannt.

Wer klug wird, wie Ulysses ward,
Der lange fuhr auf seiner Fahrt
Und sah viel Land, Leut, Stadt und Meere
Und mehrte in sich gute Lehre;
Oder wie tat Pythagoras, Griechischer Philosoph und Mathematiker (um 580-496 v. Chr.), der aus Samos stammte; die Angabe des Geburtsortes beruht wohl auf einer Verwechslung mit den von Porphyrius und Jamblichus überlieferten Studien, die Pythagoras für einige Jahre in Memphis betrieben haben soll ( De Vita Pythagorae 7).
Der aus Memphis geboren was,
Oder wie Plato durch Ägypten kam,
Den Lauf dann nach Italien nahm,
Damit er täglich sich belehrte
Und seine Kunst und Weisheit mehrte;
Wie Apollonius Apollonius von Tyana, griechischer Philosoph und Wanderprediger zur Zeit Kaiser Neros; er wurde von der Nachwelt als Prophet und Wundertäter angesehen und in einem umfangreichen Werk Philostrats verherrlicht. durchfuhr die Land',
Wo ihm Gelehrte waren bekannt
Und suchte sie auf und stellt' ihnen nach,
Daß er würd weiser jeden Tag,
Und überall fand, was ihn belehrte,
Von dem er vorher niemals hörte –
Wer jetzt solch Reisen und Fahrten tät,
Daß er zunehme an Weisheit stet,
Dem wäre das besser zu übersehn, Nämlich die fehlende Selbsterkenntnis und Hinwendung auf das Reich Gottes (die Verse beziehen sich noch auf den kursiv gedruckten Text zurück).
Und doch wär nicht genug geschehn,
Denn wer den Sinn aufs Reisen richt't,
Der kann Gott gänzlich dienen nicht! Diese für Brant charakteristischen Verse, die man mit Kap. 34 vergleichen möge, lauten im Original: Dann wem syn synn zuo wandeln stot / Der mag nit gentzlich dienen got.

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