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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 61
Quellenangabe
pfad/brant/narrens/narrens.xml
typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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60.
Des Narrenbreis ich nie vergaß,
Da mir gefiel das Spiegelglas;
Hans Eselsohr mein Bruder was.

Von Selbstgefälligkeit

Der rühret wohl den Narrenbrei,
Wer wähnet, daß er weise sei,
Und wer sich selbst gefällt gar wohl.
In den Spiegel sieht er stets wie toll yemertol, gegen Goedekes Abschwächung (= immerdar) übersetzt schon Locher sinngemäß: vesania ductat.
Und kann doch nicht bemerken das:
Daß er 'nen Narren sieht im Glas.
Doch sollt er schwören einen Eid,
Fragt man nach Weisen um Bescheid,
So meint er doch, er wärs allein,
– Wo sollte sonst noch einer sein? –
Und schwur auch, daß ohn Fehl er wär,
Sein Tun und Lassen gefällt ihm sehr.
Der Spiegel ständig ihn begleitet,
Wo er auch sitzt, liegt, geht und reitet,
Gleichwie der Kaiser Otto Gemeint ist der römische Kaiser Otho ( † 69 n.Chr.); nach Juvenal II, 99 ff. und Suetons Otho 12. tat,
Der vor dem Kampf zum Spiegel trat
Und schor die Backen täglich zwilch Zweimal.
Und wusch sie dann mit Eselsmilch.
Solch Ding gefällt den Weibern gut, Das ist eyn wibertäding guot, d. h. eine gute Weiberbeschäftigung, ein Treiben, wie es Weibern ansteht.
Ohn Spiegel keine etwas tut;
Bis daß der Schleier sitzt im Haar
Und überm Putz vergeht ein Jahr.
Wem so gefällt Gestalt und Werk,
Das ist der Aff von Heidelberg. Auf der alten Neckarbrücke in Heidelberg stand als Wahrzeichen ein Affe, der mit scherzhaften Versen die Gaffer auf sich selbst verwies.
Pygmalion Pygmalion verliebte sich in die von ihm geschaffene Statue; nach Ovids Metamorphosen X, 243 ff. gefiel sein Bild,
Er ward in Narrheit drob ganz wild;
Und blieb Narziß Narcissus, ein schöner Hirtenjüngling, verliebte sich in sein eigenes Spiegelbild, das ihm aus dem Quellwasser entgegentrat, und ging an seiner unerfüllbaren Sehnsucht zugrunde; nach Ovids Met. III, 407 ff. vom Wasser weit,
Er hätt gelebt noch lange Zeit.
Mancher blickt stets zum Spiegel hin,
Der doch nichts Hübsches sieht darin.
Wer so sehr ist ein närrisch Schaf,
Der will auch nicht, daß man ihn straf,
Närrisch lebt er dahin auf Erden, Jo gatt er jnn sym wesen hyn, d. h. lebt unverändert dahin.
Will mit Gewalt nicht klüger werden.

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