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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 49
Quellenangabe
pfad/brant/narrens/narrens.xml
typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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48.

Ein Gesellenschiff

Da im Originaldruck der Holzschnitt eine ganze Seite einnimmt, fehlt das Motto; auch der Titel ist aus dem Register ergänzt: Eyn gesellen schiff, d.h. eigentlich ein Gesellschafts- und Passagierschiff, im Gegensatz zu Marktschiffen oder Frachtschiffen. Doch läßt sich beim Inhalt des Kapitels auch an Zunftgesellen denken.

Ein Gesellenschiff fährt jetzt daher,
Das ist von Handwerksleuten schwer,
Von allem Gewerbe und Hantieren,
Sein Gerät tut jeder mit sich führen.
Kein Handwerk hat mehr seinen Wert,
Überlastet ist jedes und beschwert;
Ein jeder Knecht will Meister werden,
Drum sind jetzt Handwerk viel auf Erden.
Mancher zum Meister sich erklärt,
Dem nie das Handwerk ward gelehrt.
Einer dem andern werkt zu Leide
Und treibt sich selbst oft über die Heide; D.h. muß Schulden halber das Weite suchen.;
Daß wohlfeil er es schaffen kann,
Sieht er die Stadt mit dem Rücken an. Des muoß er offt zuom thor uß gan; eine spätere Bearbeitung setzt drastischer: die statt mit den hindern kyssen.
Was dieser nicht will wohlfeil geben,
Da sieht man zwei oder drei daneben,
Die meinen das zu liefern wohl,
Doch die Arbeit ist nicht, wie sie soll:
Man sudelt Ware jetzt in Eil,
Daß man sie billig halte feil.
Dabei kann man nicht lange bleiben:
Teuer kaufen und wohlfeil vertreiben!
Mancher erleichtert das Kaufen andern
Und muß dann selbst zum Tor auswandern.
Wohlfeilen Kauf liebt jedermann,
Und ist doch keine Bürgschaft keyn werschafft, d.h. keine Gewähr, Garantie für den Wert. dran;
Denn wenig Kosten legt man an,
Wenn man es schnell nur schaffen kann,
Und wenn es nur ein Ansehn habe.
Das Handwerk trägt man so zu Grabe,
Es kann kaum noch ernähren sich.
»Was du nicht tust, das tu nun ich
Und seh nicht Zeit noch Kosten an,
Wenn ich nur recht viel liefern kann!«
Ich selbst, daß ich die Wahrheit sage,
Vertrieb mit solchen Narrn viel Tage,
Bevor ich dieses hab gedichtet.
Noch sind sie nicht recht zugerichtet,
Ich hätt gebraucht noch manchen Tag:
Kein gut Werk Eile leiden mag.
Ein Maler, der Apelles Der größte Maler des griechischen Altertums, Zeitgenosse Alexanders des Großen; nach Plutarch, De educatione IX, 20. brachte
Ein Werk, das er in Eile machte,
Und sprach, er hätt geeilt damit,
Fand die gewünschte Antwort nit.
»Das Werk«, sprach jener, »zeigt wohl an,
Du wandtest wenig Fleiß daran;
Daß du nicht viel in kurzer Frist
Dergleichen schufst, ein Wunder ist!«
Der Arbeit nützt nicht eilige Hand,
Denn welcher Prüfung hält das stand:
An einem Tag zwanzig Paar Schuh',
Ein Dutzend Degen ohne Scharten?
Viel schaffen und auf Zahlung warten
Vertreibt gar manchem oft das Lachen.
Schlechte Zimmerleut viel Späne machen,
Die Maurer tun gern große Brüche, D.h. entweder: machen beim Mauern weite Zwischenräume zwischen den Steinen, oder: brechen im Steinbruch große Stücke auf einmal, um schneller voranzukommen.
Die Schneider machen weite Stiche,
Da wird die Naht gar schwach davon.
An einem Tag den Wochenlohn
Die Drucker in der Schenk' verzehren,
Das ist so ihre Lebensart,
Ist doch die Arbeit schwer und hart
Mit Drucken und mit Bosselieren, Vielleicht das Ausarbeiten der Druckstöcke; sonst allgemein: bosseln, kleinere Arbeiten verrichten.
Mit Setzen, Schlichten, Korrigieren,
Auftragen mit der Schwarzen Kunst, Mit der Druckerschwärze, die z.T. aus gebranntem Elfenbein oder Knochen hergestellt wurde; zugleich der übliche Ausdruck für die Buchdruckerkunst.
Farb' brennen in des Feuers Brunst,
Dann reiben und die Stäbchen spitzen. Die Spatien, die zwischen die einzelnen Wörter gesetzt wurden.
Viel sind, die lang bei der Arbeit sitzen
Und schaffen doch kein besser Werk,
Das macht, sie sind von Affenberg
Und haben die Kunst nicht besser begriffen.
Mancher fährt gern in solchen Schiffen,
Denn es sind gute Lehrlinge drin,
Haben viel Arbeit und magern Gewinn
Und verzehren den doch geschwind,
Weil ihre Kehlen gern weinfeucht sind. Bei Brant: und verzeren das doch licht / Dann jnn in wol by der wynfücht.
Um Künftiges haben sie wenig Sorgen,
Will man nur heut noch ihnen borgen.
Einen Restkauf bletzschkouff, d.h. Kauf von Flecken, Resten, Trödlerwaren. mancher machen kann,
Wo er nicht viel gewinnt daran.
Man kann jetzt nichts verkaufen mehr,
Man hab denn Gott geschworen vorher;
Und schwört man lange ein und aus,
So wird ein Fischerschlag Zuschlag beim Kaufen; die Fischer standen in dem Ruf, besonders hohe Preise zu fordern und sie dann herunterhandeln zu lassen. dann draus.
Dabei merkt man, daß alle Welt
An kölnischem Gebot köllschen böttchen, d.h. ein kleines Gebot, wie es zu Köln üblich ist: nämlich den Kaufpreis um die Hälfte herunterzuhandeln. Daher im niederdeutschen Dialekt: »Dat halff ab!« die Hälfte ab! festhält:
»Dat half ab!« ist jetzt Zeitgeschmack; ist yetz vast der schlagk, d.h., dieser Parole gilt der Zuschlag beim Handeln.
»Berat dich Gott!« bricht keinem den Sack.
So fahren die Zünfte all daher,
Und noch sind viele Schiffe halb leer.

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