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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 39
Quellenangabe
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typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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38.
Wer krank ist und liegt in der Not
Und folgt nicht eines Arztes Gebot,
Der hab den Schaden, der ihm droht! Der Holzschnitt ist in der Originalausgabe von 1494 dem 55. Kap. ( Von närrischer Heilkunde) zugeordnet. Doch kann kein Zweifel daran sein, daß eine Verwechslung stattfand, denn das Bild zeigt den unfolgsamen Kranken mit Narrenkappe, während der hier irrtümlich abgedruckte Holzschnitt den Arzt mit Narrenohren abbildet und auf die ersten Zeilen von Kap. 55 Bezug nimmt. Die 2. Ausgabe von 1495 hat die Bilder bereits ausgetauscht.

Von unfolgsamen Kranken

Der ist ein Narr, der nicht versteht,
Was ihm ein Arzt in Nöten rät,
Und der nicht recht Diät will leben,
Wie ihm der Arzt hat aufgegeben,
Und der für Wein das Wasser nimmt
Und andres, was ihm sonst nicht ziemt,
Und schaut, daß er sein Lüstchen labe,
Bis man ihn hinträgt zu dem Grabe.
Wer bald der Krankheit will entgehn,
Der soll dem Anfang widerstehn, Nach Ovid, Remedia Amoris, V. 91. 92, 115. 116.
Denn Arzenei muß wirken lang,
Wenn Krankheit schon nahm Überhang. uberhanck, d. h. Übergewicht erhalten, überhandnehmen.
Wer gern will werden bald gesund,
Der zeig dem Arzte recht die Wund'
Und dulde, daß man sie aufbreche
Oder mit Sonden darein steche,
Sie hefte, wasche und verbinde,
Ob man ihm auch die Haut abschinde,
Damit ihm nur das Leben bleibe
Und man die Seel nicht von ihm treibe.
Ein guter Arzt darum nicht flieht,
Wenn auch der Kranke halb hinzieht; Schon im Sterben liegt.
Ein Siecher billig dulden soll
Auf Hoffnung, daß ihm bald werd wohl.
Wer einem Arzt in Krankheit lügt
Und in der Beicht den Priester trügt
Und Falsches sagt dem Advokaten,
Der ihm doch soll zum Rechten raten,
Der hat sich ganz allein belogen,
Zu seinem Schaden sich betrogen.
Ein Narr ist, wer den Arzt befragt
Und nicht beachtet, was der sagt,
Doch alter Weiber Rat hält fest
Und in den Tod sich segnen läßt
Mit Amulett und Narrenwurz, Mitt kracter und mitt narren wurtz, d. h. mit Charakteren, magischen Schriftzeichen, und mit Zauberwurzeln, die man beim Mondschein suchte; vgl. Kap. 65.
Drum nimmt zur Hölle er den Sturz.
Des Aberglaubens ist jetzt viel,
Womit man Heilung suchen will –
Wenn ich das alles zusammensuch,
Mach ich wohl draus ein Ketzerbuch. D. h. ein dickes Buch von allen Teufelskünsten, die in der Heilkunde betrieben werden.
Der Kranke nach Gesundheit trachtet,
Woher ihm Hilf kommt, er nicht achtet:
Den Teufel riefe mancher an,
Daß er der Krankheit möcht entgahn,
Wenn ihm von dem nur Hilfe würde
Und nicht Besorgnis ärgrer Bürde.
Der wird in Narrheit ganz verrucht,
Wer wider Gott Gesundheit sucht
Und ohne Weisheit doch begehrt,
Daß er will klug sein und gelehrt,
Der ist gesund nicht, sondern blöde, Krank, schwach. Diese ganze Stelle hat Brant dem Corp. iur. can. entnommen.
Nicht klug, vielmehr in Torheit schnöde;
In steter Krankheit er verharrt,
In Wahn und Blindheit ganz ernarrt.
Krankheit aus Sünden oft entspringt,
Denn Sünde großes Siechtum bringt.
Drum wer der Krankheit will entgehn,
Dem soll Gott wohl vor Augen stehn,
Der soll sich erst der Beichte nahn,
Eh er will Arzenei empfahn,
Und soll zuvor die Seele heilen,
Eh er zum Leibesarzt will eilen.
Aber es spricht jetzt mancher Gauch:
»Was sich beleibt, beseelt sich auch!« Was sich gelibt das gesölt sich ouch; der Sinn des Wortspiels ist: wenn nur der Leib erhalten wird, so wird sich für die Seele schon Rat finden ( lib heißt zugleich Leben). Vielleicht im Anklang an das Sprichwort: Was sich liebt, das gesellt sich auch, wie die späteren Nachdrucke des Narrenschiffs seit 1553 fälschlich lesen.
Doch wird es sich zuletzt so leiben,
Daß weder Leib noch Seele bleiben,
Und ewige Krankheit ficht den an,
Der hier will zeitlicher entgahn.
Viel sind verfault und längst schon tot,
Die besser vorher suchten Gott
Und seine Gnade, Hilf und Gunst,
Ehe sie suchten Ärztekunst
Und Leben hofften ohne Gnaden:
Sie starben zu der Seele Schaden.
Hätt Makkabäus 1. Makkabäer 8. 9 (wo der Tod des Judas Makkabäus allerdings nicht auf sein Bündnis mit den Römern zurückgeführt wird). recht vertraut
Auf Gott und nicht auf Rom gebaut,
Wie er zuerst gesonnen war,
Er hätt gelebt noch lange Jahr'.
Hiskias 2. Könige 20, 1-7. wär gestorben tot,
Hätt er sich nicht gekehrt zu Gott
Und so erworben, daß Gott wollte,
Daß er noch länger leben sollte.
Hätt sich Manasse 2. Chronik 33, 12. 13. nicht bekehrt,
Gott hätt ihn nimmermehr erhört.
Der Herr zu dem Bettsiechen sprach,
Der lange Jahr' gewesen schwach:
»Geh hin, bleib rein und sei kein Narr,
Daß dir nicht Schlimmeres widerfahr!« Anspielung auf Matthäus 9, 2.
Mancher gelobt in Krankheit viel,
Wie er sein Leben bessern will,
Von dem spricht man: »Der Sieche genas
Und wurde schlimmer, als er was!«
Er meinet Gott damit zu äffen:
Bald wird ihn größre Plage treffen!

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