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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 27
Quellenangabe
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typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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26.
Wer sich erwünscht, was ihm nicht not,
Und seine Sach nicht setzt auf Gott,
Der kommt zu Schaden oft und Spott.

Von unnützem Wünschen

Der ist ein Narr, der Wünsche tut,
Die ihm mehr schädlich sind als gut;
Denn wenn ers hätt, und würds ihm wahr –
Er blieb der Narr doch, der er war.
Der König Midas Vgl. Ovids Metamorphosen XI, 102 ff. wünscht' und wollt,
Was er berührte, würde Gold;
Als das geschah – da litt er Not,
Nun ward zu Gold ihm Wein und Brot.
Daß man nicht sah sein Eselsohr,
Das ihm gewachsen drauf im Rohr,
Verhüllte er mit Recht sein Haar.

Weh dem, des Wünsche werden wahr!
Viele wünschen, daß sie leben lange, Von hier ab ist das Kapitel fast gänzlich der X. Satire Juvenals (V. 188 ff.) entnommen, was die Anknüpfung Brants an den Narrenbegriff der römischen Satire, den stultus, zeigt.
Und machen doch der Seele bange
Mit Praß und Schlemmen im Weinhaus,
Daß sie vorzeitig muß fahren aus;
Dazu, wenn sie schon werden alt,
Sind sie doch bleich, siech, ungestalt;
Ihre Haut ist schlaff, ihre Wangen so leer,
Als ob ein Aff ihre Mutter war.
Viel Freude hat nur, wer noch jung,
Das Alter ist ohn Abwechselung, Das altter jn eym wesen stat, d. h. ist in einem und demselben Zustande.
Ihm zittern Glieder, Stimm' und Hirn,
Die Nase trieft, kahl ist die Stirn,
Es ist den Frauen zuwider fast,
Sich selbst und seinen Kindern zur Last;
Ihm schmeckt und gefällt nichts, was man tut,
Es sieht viel, was ihm dünkt nicht gut.

Lang leben andre, um in Pein
Und neuem Unglück stets zu sein,
In Trauer und in stetem Leid,
Sie enden ihre Tag' im schwarzen Kleid:
Es konnte Nestor in alten Tagen
Samt Peleus und Laertes klagen,
Daß sie zu lang ließ leben Gott,
Weil sie die Söhne sahen tot. Nestor, König von Pylos, verlor im Trojanischen Krieg den Sohn Antilochos; Peleus trauerte um Achilles, Laertes um den totgeglaubten Odysseus.
Wär Priamus Der sagenhafte König von Troja. gestorben eh',
Er hätt erlebt nicht so viel Weh,
Das ihm mit Jammer ward bekannt
An Frau und Kindern, Stadt und Land.
Wenn Mithridat und Marius,
Pompejus, Krösus noch zum Schluß
Nicht so alt geworden wären,
Sie wären gestorben hoch in Ehren. Mithridates, König von Pontos, tötete sich, als er sich von seinem eigenen Sohn verraten sah; der römische Feldherr und Konsul Marius wurde nach dem Bürgerkrieg geächtet und entfloh nach Afrika; Pompejus mußte nach seinem Bruch mit Cäsar nach Ägypten fliehen und wurde dort ermordet; Krösus, der wegen seines Reichtums berühmte König von Lydien, starb als Gefangener des persischen Eroberers Cyrus.

Wer Schönheit sich und seinem Kind
Erwünscht, der sucht Ursach zur Sünd.
Wär Helena nicht als schön bekannt,
Ließ Paris sie in Griechenland;
Wär häßlich gewesen Lukrezia, Nach der römischen Sage wurde Lucretia, die schöne und tugendhafte Gemahlin des L. T. Collatinus, von dem Königssohn Sextus Tarquinius entehrt und erdolchte sich daraufhin.
Dann solche Schmach ihr nicht geschah;
Wär Dina Vgl. 1. Mose 34: dieses Beispiel aus dem Alten Testament wird von Brant eingeschoben, während die vorhergehenden aus Juvenals Satire stammen. mit Kropf und Höcker beschwert,
Hätt Sichem sie wohl nicht entehrt.
Gar selten hat man noch gefunden
Schönheit und Keuschheit eng verbunden.
Zumal die hübschen Hansen Die Stutzer. nun
Begehren Büberei zu tun
Und straucheln doch, daß man sie oft
Am Narrenstrick sieht unverhofft

Mancher wünscht Häuser, Frau und Kind,
Oder daß er viel Gulden find'
Und ähnliche Torheit des glich goückels, d. h. dergleichen Gaukelei, Narrheit. – von der Gott wohl
Erkennt, wie sie geraten soll;
Drum säumt er, sie uns zu erteilen,
Und was er gibt, nimmt er zuweilen.

Etliche wünschen sich Gewalt
Und Aufstieg ohne Aufenthalt
Und sehen nicht, daß, wer hoch steigt,
Von solcher Höhe fällt gar leicht,
Und daß, wer auf der Erde liegt,
Vorm Fall sich braucht zu fürchten nicht.

Gott gibt uns alles, was er will;
Er weiß, was recht ist, was zuviel,
Auch was uns nütz sei und bekomme,
Und was uns schade und nicht fromme;
Und wenn er uns nicht lieber hätt
Als wir uns selbst, und wenn er tät
Und macht' uns, was wir wünschten, wahr –
Es reut' uns, eh verging ein Jahr.
Denn die Begierde macht uns blind
Zu wünschen Ding', die schädlich sind.
Wer wünschen will, daß er recht lebe,
Der wünsche, daß der Herr ihm gebe
Gesunden Sinn, Leib und Gemüte
Und ihn vor Furcht des Todes hüte,
Vor Zorn, vor bösem Geiz und Gier.
Wer das für sich erwirbet hier,
Legt seine Tage besser an,
Als Herkules je hat getan
Oder Sardanapalus Assurbanipal oder Sardanapal, der letzte König von Assyrien ( † 626 v. Chr.), gilt in der klassischen Überlieferung als Typus des orientalischen Wollüstlings; er soll sich nach der medisch-persisdien Sage bei der Eroberung Ninives mit seinen Weibern, Dienern und Schätzen verbrannt haben. Hier wieder nach Juvenal X, 360. Vgl. Kap. 50. es tät
In Wollust, Prassen und Federbett;
Der hat alles, was ihm ist not,
Braucht nicht zu rufen das Glück statt Gott.
Ein Narr wünscht seinen Schaden oft:
Sein Wunsch wird Unglück unverhofft.

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