Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Sebastian Brant >

Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/brant/narrens/narrens.xml
typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
Schließen

Navigation:

19.
Wer Mund und Zunge gut behüt't,
Der schirmt vor Angst Seel und Gemüt: Sprüche Salomonis 13, 3.
Ein Specht durch Lärm die Brut verriet.

Von vielem Schwatzen

Der ist ein Narr, wer tadeln will,
Wozu sonst jedermann schweigt still,
Und will unnötig Haß vermehren,
Wo er doch schweigen könnt in Ehren.
Wer reden will, wo er nicht soll,
Der taugt zum Narrenorden wohl;
Wer ohne Frage gibt Bescheid,
Der zeiget selbst sein Narrenkleid. Sprüche Sal. 18, 13.
An solcher Rede hat mancher Freud,
Dem daraus Schaden wächst und Leid.
Mancher verläßt sich auf sein Schwätzen,
Daß er eine Nuß abredet einer Hätzen, Sprichwörtlich: einem Nußhäher eine Nuß aus dem Schnabel schwatzen.
Des Worte sind so stark und tief,
Er schwatzt ein Loch in einen Brief Urkunde, lat. breve; d. h., er verdreht den Sinn, verfälscht ein Dokument.
Und richtet an ein Geschwätz gar leicht.
Doch wenn er kommt dann zu der Beicht,
Wo man doch ewigen Lohn verheißt,
Geht ihm die Zunge nicht so dreist.
Noch sind viel Nabal 1. Samuel 25. auf der Erde,
Die schwätzen mehr, als gut ihnen werde,
Und mancher würde für klug geschätzt,
Wenn er nicht selbst sich hätte verschwätzt:
Ein Specht verrät mit seiner Zungen
Das eigne Nest mitsamt den Jungen.
Im Schweigen liegt oft Antwort viel,
Und Schaden hat, wer schwatzen will.
Oft trägt die Zunge, ein Glied so klein,
Unruhe und Unfrieden ein, Diese und die folgenden Verse nach Jakobus 3, 5 ff.
Befleckt gar oft den ganzen Mann
Und stiftet Streit, Krieg, Zanken an;
Ein großes Wundern ist in mir,
Daß man bezähmt ein jedes Tier,
Wie hart, wie wild, wie grimm es ist:
Doch kein Mensch seiner Zunge Meister ist!
Die ist ein unruhiges Gut,
Das Schaden oft dem Menschen tut;
Durch sie wird oft gescholten Gott,
Den Nächsten schmähen wir mit Spott,
Mit Fluchen, Nachred und Veracht,
Den Gott nach seinem Bild gemacht;
Gar mancher wird durch sie verraten,
Sie offenbart geheimste Taten.
Vom Schwatzen nährt sich mancher allein,
Nicht kaufen braucht er Brot und Wein.
Die Zunge braucht man vor Gericht,
Daß krumm wird, was zuvor war schlicht; Einfach, gerade.
Manch armer Narr verliert die Habe
Durch sie und greift zum Bettelstabe.
Dem Schwätzer kostet das Reden nicht viel,
Er kitzelt sich, lacht, wann er will,
Und redet Gutes in der Welt
Von keinem, wie der auch sei gestellt.
Wer viel Lärm und Geschrei jetzt macht,
Den lobt man und hat seiner acht,
Zumal wer köstlich geht einher
Mit dicken Röcken und Ringen schwer;
Die taugen jetzt wohl für die Leute,
Man achtet dünnen Rocks nicht heute.
Wenn noch auf Erden Demosthenes
Oder Tullius M. Tullius Cicero († 43 v. Chr.), als römischer Redner ebenso berühmt wie die beiden griechischen Redner Demosthenes und dessen Gegner Aeschines im 4. Jh. v. Chr. wär oder Aeschines,
Man schätzte nicht ihre Weisheit heute,
Wenn sie nicht könnten bescheißen die Leute
Und reden viele Worte geschmückt, reden vil geblümter wort, eine Anspielung auf die sog. geblümte Rede der mittelhochdeutschen Dichter des 13.-14. Jh., die als Geschwätz und Lüge verworfen wird.
Welche zu hören Narren entzückt.
Wer vieles spricht, sagt oft zuviel
Und muß auch schießen nach dem Ziel,
Werfen den Schlegel fern und weit
Und Ränke schmieden im Widerstreit. Im Wettstreit. Schiessen zuo dem zil und Werffen den schlegel waren ursprünglich Spiele, bezeichneten dann aber bildlich das Nach-dem-Munde-Reden; rinckengyessen bedeutet ursprünglich das Gießen von Gürtelschnallen und erhält dann die Bedeutung des Verleumdens und Ränkeschmiedens.
Viel Schwätzen sündigt und betrügt,
Und keines Freund ist, wer viel lügt;
Wenn man vom Herren Übles spricht,
So bleibt das lang verschwiegen nicht,
Ob es auch fern geschäh von ihm:
Die Vögel tragen aus die Stimm',
Es nimmt zuletzt kein gutes Ende,
Denn Herren haben lange Hände.
Wer über sich viel hauen will,
Dem fallen Spän' ins Auge viel,
Und wer seinen Mund in den Himmel setzt, D. h., wer seinem Munde nichts unerreichbar glaubt, auch die höchsten Dinge beschwatzt.
Der wird mit Schaden oft geletzt.
Ein Narr den Geist auf einmal zeigt,
Der Weise Besseres hofft und – schweigt. Sprüche Salomonis 29, 11; daran angelehnt bei Brant: Eyn narr syn geist eyns mols uff schytt / Der wis schwigt und beit kunfftig zytt.
Unnützes Wort keinen Nutzen bringt,
Und aus Geschwätz nur Schad' entspringt.
Darum ist besser Stillesein
Als Schwatzen, Reden oder Schrein.
Sotades ward um wenig Wort'
Einst eingekerkert wie um Mord.
Es sprach nur dies Theocritus:
Einäugig sei Antigonus,
Da wars mit ihm im eignen Haus
Wie mit Tullius und Demosthenes aus. Beiden brachte ihre Redegabe den Tod: Demosthenes beging Selbstmord, um sich der drohenden Hinrichtung zu entziehen, Cicero wurde von den Häschern des Antonius ermordet. Die vorangehenden Beispiele von Sotades und Theocritus stammen aus Plutarchs Schrift De educatione, Kap. 14, 26 u. 29 f.
Schweigen ist löblich, recht und gut,
Wer weise redet, noch besser tut.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.