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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/brant/narrens/narrens.xml
typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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13.
An meinem Seile ich nach mir zieh Im Original bildkräftiger: draffter yeich, d. h. hin und her zerre und jage.
Viel Affen, Esel und Narrenvieh:
Ich täusche, trüge, verführe sie.

Von Buhlschaft

Ich, Venus mit dem strohernen Steiß, ströwen ars als derbes Bild für die leicht entflammbare Sinnlichkeit.
Bin nicht die letzte des Narrenbreis;
Ich locke zu mir der Narren viel
Und mach zum Gauche, wen ich will,
Meine Kunden niemand nennet all.
Wer je gehört von Circes Stall,
Kalypso, der Sirenen Joch, Anspielungen auf die Fahrten des Odysseus: die Zauberin Circe verwandelte ihre Liebhaber in Tiere, die Nymphe Kalypso hielt Odysseus sieben Jahre auf ihrer Insel fest, die Sirenen lockten die vorüberfahrenden Schiffer durch ihren bezaubernden Gesang an und töteten sie dann. Vgl. Kap. 108.
Bedenk, welch Macht ich habe noch.
Wer meint, daß klug und schlau er sei,
Den tauch ich tief in Narrenbrei,
Und wer einmal von mir wird wund,
Den macht kein kräftig Kraut gesund.

Drum hab ich einen Sohn, der blind:
Kein Buhler sieht, was er beginnt;
Mein Sohn ein Kind ist, nicht ein Mann:
Und kindisch ist der Buhler Plan;
Sie kennen Worte von Gewicht
Gleich einem kleinen Kinde nicht;
Mein Sohn ist nackt, das zeiget an,
Daß Buhlschaft niemand verbergen kann;
Böse Lieb entfliegt, nicht lang sie steht,
Daher mein Sohn geflügelt geht.
Buhlschaft ist leicht Leichtsinnig. zu aller Frist,
Nichts weniger stet auf Erden ist;
Cupido trägt den Bogen bloß,
An jeder Seit' einen Köcher groß,
In einem hat er Hakenpfeile,
Damit trifft er viel Narrn in Eile,
Die sind scharf, hakig, gülden, spitz,
Und wen sie treffen, verliert den Witz kumbt von witz, d. h. verliert den Verstand.
Und tanzt darnach am Narrenholze;
Im andern Köcher die Vogelbolze
Sind stumpf, nicht leicht, beschwert mit Blei,
Macht einer wund, so scheuchen zwei. Ovids Metamorphosen I, 468 ff. Auch die folgenden Exempla aus der griechischen Mythologie gehen fast sämtlich auf Ovid zurück; neben den Metamorphosen sind Stellen aus den Remedia Amoris (V. 57-68), Heroides und Tristia herangezogen.
Wen traf Cupidos sichre Hand,
Den setzt sein Bruder Amor in Brand,
Daß er nicht löschen kann die Flamm',
Die Dido einst das Leben nahm,
Durch die Medea einst verbrannt
So Kind wie Bruder mit eigner Hand. Dido, die Königin von Karthago, tötete sich, als Aeneas sie verließ. Medea, die Königstochter aus Kolchis, erstach ihre Kinder, nachdem Jason sie verstoßen hatte; dies wird von Brant offenbar verwechselt mit der Verbrennung des königlichen Schlosses, in dem ihre Nebenbuhlerin umkam..
Kein Wiedehopf ward Tereus je,
Den Stier vermiede Pasiphae,
Phädra führ' nicht dem Theseus nach,
Sucht' nicht an ihrem Stiefsohn Schmach; Tereus, der seine Schwägerin Philomela vergewaltigt und der Zunge beraubt hatte, wurde bei der Verfolgung der Flüchtigen in einen Wiedehopf verwandelt. Pasiphae, Gattin des Minos, buhlte mit einem Stier und gebar den Minotaurus. Phädra, ihre Tochter, Gattin des Theseus, verleumdete ihren Stiefsohn Hippolytus, dem sie vergeblich nachstellte.
Nessus Herkules tötete den Zentauren Nessus, als dieser Dejanira zu entführen suchte. wär nicht geschossen tot,
Troja gekommen nicht in Not;
Es ließe Scylla dem Vater das Haar, Scylla verliebte sich in Minos, der die Stadt ihres Vaters belagerte, und brachte ihm eine Strähne vom Haar ihres Vaters, in der sein Heil verborgen war.
Hyacinth wär keine Blume keyn ritter spor: Apollo tötete den von ihm geliebten Jüngling Hyacinthus versehentlich durch einen Diskuswurf und verwandelte ihn in eine purpurfarbene Lilie. fürwahr,
Leander durchs Meer nicht schwimmen tät, Leander ertrank, als die Lampe Heros, die ihm den Weg über das Meer wies, erlosch.
Messalina wäre in Keuschheit stet; Messalina, Gemahlin des römischen Kaisers Claudius, war nach Sueton eine berüchtigte Buhlerin.
Mars läg nicht in Ketten um sein Lieben, Mars wurde von Hephaistos auf dem Liebeslager mit Venus überrascht und in erzene Ketten und Netze eingefangen, zum Gespött der herbeigeeilten Götter.
Und fern wäre Procris Procris wurde, da sie ihrem Gatten Cephalus aus Eifersucht in den Wald gefolgt war und sich hinter einer Hecke versteckt hatte, von diesem für ein Wild gehalten und getötet. der Hecke geblieben.
Es stürzte nicht Sappho Die griechische Dichterin Sappho soll sich aus Liebesgram vom Leukadischen Vorgebirge ins Meer gestürzt haben. vom Felsenhang,
Keinen Kiel versehrte Sirenengesang;
Es ließe Circe wohl fahren die Schiffe,
Und Cyclops mit Pan Der Zyklop Polyphem klagte über seine unglückliche Liebe zu Galatea, der Hirtengott Pan um die Nymphe Syrinx. nicht kläglich pfiffe;
Leucothea würde nicht Weihrauch gebären,
Myrrha sich nicht mit Adonis beschweren, Leucothea, Geliebte des Sonnengottes, wurde verleumdet und von ihrem Vater lebendig vergraben, von dem Gott aber in einen Weihrauchbaum verwandelt. Myrrha liebte den eigenen Vater, verleitete ihn zur Blutschande und gebar den Adonis.
Byblis wär nicht ihrem Bruder hold,
Es empfinge nicht Danae durch Gold,
Nyctimene flöge nicht aus bei Nacht,
Zur Stimme nicht wäre Echo gemacht; Byblis liebte ihren Bruder Caunus, verfolgte ihn nach seiner Flucht und wurde in eine Quelle verwandelt. Danae wurde von Jupiter besucht, der als goldener Regen in ihr Gefängnis drang, und gebar den Perseus. Nyctimene, die mit ihrem Vater Unzucht getrieben hatte, wurde zur Strafe in eine Eule verwandelt. Die Nymphe Echo liebte den Narcissus, wurde aber von ihm verschmäht und löste aus Scham darüber ihren Leib in Luft auf, nur ihre Stimme blieb.
Es färbte nicht Thisbe die Beeren rot,
Atalanta käm nicht als Löwin in Not, Thisbe, Geliebte des Pyramus, erstach sich selbst, als sie erkennen mußte, daß sich der Liebhaber um ihretwillen getötet hatte. Atalanta und ihr Gemahl Hippomenes wurden von Cybele in Löwen verwandelt, als sie deren Tempel durch ihre Liebesumarmung entweihten.
Des Leviten Weib wäre nicht geschwächt
Und darum erschlagen ein ganz Geschlecht; Richter 19-20.
David ließe baden die Bathseba,
Und Samson nicht traute der Delila;
Nicht betete Salomo Götzen an,
Der Schwester hätt Amon nichts Böses getan; 2. Samuel 11; Richter 16; 1. Könige 11; 2. Samuel 13.
Ohn Grund wär Joseph 1. Mose 39.verklaget nit
Wie Bellerophon und Hippolyt;
Der Weise Gemeint ist Aristoteles, der sich nach einer beliebten Erzählung von der Buhlerin Phyllis wie ein Roß aufzäumen und reiten ließ. wie ein Roß nicht ginge,
Am Turm Virgilius Nach der im Mittelalter verbreiteten Legende vom Zauberer Vergil ließ eine Frau, die ihn zu erhören versprach und in einem Korbe zu sich emporzog, den verspotteten Liebhaber unterhalb ihres Fensters bis zum nächsten Morgen hängen. nicht hinge,
Ovidius hätte des Kaisers Gunst,
Hätt nicht gelehrt er der Buhler Kunst Doppeldeutig: Ovid zog sich die Ungnade des Kaisers, der ihn nach Tomi verbannte, nicht durch sein Werk über die Liebeskunst ( Ars amatoria) zu, sondern durch seine ungeklärte Rolle bei dem ehebrecherischen Treiben der Kaiserenkelin Julia.
Es käme zur Weisheit mancher noch,
Verlangte er nicht nach der Buhlschaft Joch.
Wer viel mit Frauen hat Credenz, Vertrauten Umgang.
Dem wird verbrannt sein Conscienz; Gewissen (lat. conscientia).
Es dienet Gott nicht früh noch spat,
Wer viel mit ihnen zu schaffen hat,
Die Buhlschaft dient einem jeden Stande
Zu Spott und Narrheit und zur Schande;
Noch schändlicher ist sie alsdann,
Wenn buhlt im Alter Weib und Mann.
Der ist ein Narr, der buhlen will
Und meint zu halten Maß und Ziel;
Denn daß man Weisheit pfleg' – und buhle,
Verträgt sich nicht auf einem Stuhle.
Ein Buhler wird verblendet gar:
Er meint, es nähm ihn niemand wahr.
Dies ist das kräftigste Narrenkraut,
Die Kappe klebt lang an der Haut.

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