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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 115
Quellenangabe
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typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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112.
Von Narren gab ich euch Bescheid,
Damit ihr sie recht kennt am Kleid.
Wer weise sein will um und um,
Les' meinen Freund Virgilium. Gemeint ist das Gedicht »Vir bonus«, das zu Brants Zeit irrtümlich Vergil zugeschrieben wurde und das im folgenden Kapitel frei wiedergegeben wird.

Der weise Mann

Ein guter, vernünftger, weiser Mann,
Desgleichen man nicht leicht trifft an
In aller Welt, wie Sokrates –
Apollo Das Orakel des Apollo zu Delphi. gab ihm Zeugnis des –
Derselbe sein eigner Richter ist;
Wo's ihm an Weisheit noch gebrist,
Prüft er auf das genauste sich;
Er schätzt nicht, was der Adel spricht,
Noch des gemeinen Volks Geschrei;
Er ist rotund Rund (lat. rotundus), d. h., er gibt keinen Anstoß. ganz wie ein Ei,
Damit kein fremder Makel bleibe,
Der sich auf glattem Weg anreibe;
Wie lang der Tag im Krebs Im Zeichen des Krebses: Juni und Juli. sich streckt,
Wie lang die Nacht den Steinbock Dezember und Januar. deckt,
So denkt er nach und wäget aus,
Damit kein Winkel in seinem Haus
Ihn trübe, oder er rede ein Wort,
Das nicht gezieme jedem Ort, Das nit glych wäg uff alle ort, d. h. auf allen Seiten gleich schwer sei, durchaus billig und gerecht.
Damit nicht fehle das Winkelmaß
Und fest sei, wes er sich vermaß;
Daß jeden Angriff mit der Hand
Er abwehr und bald hab abgewandt.
Er liebet nicht so sehr den Schlaf,
Daß er nicht überdenk und straf, Beurteile, tadle.
Was er getan den langen Tag,
Wo er versehn sich haben mag;
Was er beizeiten sollt betrachten,
Worauf er tat zur Unzeit achten;
Warum vollendet er die Sache
Ohn Ziemlichkeit und all Ursache
Und viele Zeit unnütz vertrieben;
Warum er bei dem Plan geblieben,
Der besser konnte doch geschehn;
Warum er Arme übersehn,
Und warum im Gemüt so viel
Empfunden Schmerz und Widerwill;
Warum er dies gefangen an,
Und warum jenes nicht getan;
Warum er sich so oft verletzte
Und Nutzen vor die Ehre setzte
Und sich verging mit Wort und Gesicht,
Der Ehrbarkeit geachtet nicht;
Warum er gefolgt natürlichem Hang,
Sein Herz zur Zucht nicht zog noch zwang?
Also erprobt er Werk und Wort
Vom Morgen bis zum Abend fort,
Bedenkt die Sachen, die er tut,
Verwirft, was schlecht, und lobt, was gut.
Das ist eines rechten Weisen Art,
Wie im Gedicht uns hat gewiesen
Virgilius, der hochgepriesen.
Wer also lebte hier auf Erden,
Dem mag auch Gott gewogen werden,
Weil er die Weisheit recht erkannt,
Die einst ihn führt ins Vaterland.
Das gebe Gott uns unverwandt,
Wünsch ich, Sebastianus Brant.
Deo gratias. Hiermit schließt das letzte Kapitel in der Ausgabe von 1494.

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