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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 113
Quellenangabe
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typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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110b.

Von Faßnachtnarren

Ich weiß noch etliche Faßnachtnarren, Faßnacht heißt das Wort noch bei Schiller; bei Brant gelegentlich auch fastnacht (V. 108). Es bezeichnet den Vorabend vor dem Beginn der Fastenzeit, d.h. (seit das Konzil von Benevent 1091 den Beginn der österlichen Fasten auf Mittwoch vor Invokavit gelegt hat) Dienstag vor Aschermittwoch. Brant greift in diesem Kapitel die Auswüchse des volkstümlichen Fastnachtstreibens an.
Die in der Torenkappe beharren.
Wenn man die heilige Zeit Die Fastenzeit. fängt an,
So stören sie noch jedermann:
Ein Teil macht schwarz sich das Gesicht,
Vermummt am ganzen Leib sich dicht
Und läuft einher nach Butzen-Weise. Vgl. Anm. 8 zu Kap. 6.
Ihr Anschlag steht auf glattem Eise.
Mancher will nicht, daß man ihn kennt,
Der sich zuletzt doch selber nennt;
Er hat den Kopf sich dicht vermacht
Und will doch, daß man auf ihn acht'
Und spreche: »Schau, mein Herr von Runkel!
Der kommt und führt am Arm 'ne Kunkel; Ein Frauenzimmer.
Das hat gar Großes zu bedeuten,
Daß er kommt zu uns armen Leuten,
So gnädig ist, uns zu besuchen.«
Doch will er Schändung nur versuchen
Und Faßnacht legen schon ein Ei,
Singt auch der Kuckuck erst im Mai.
Man spendet Küchlein Den Besuchern wurden Fastnachtskrapfen angeboten. in manchem Haus,
Wo besser wär, man bliebe draus;
Der Gründe gäb's dafür so viel,
Daß lieber ich ganz schweigen will.
Allein die Narrheit hat erdacht,
Daß man zur Faßnacht Freud sich macht;
Wann man der Seelen Heil sollt pflegen,
Da geben Narren erst den Segen
Und suchen dann ihr Fest herfür:
Fast Nacht ist es vor ihrer Tür.
Der Narren Kirchweih ist bekannt,
Jawohl, Fast- Nacht wird sie genannt! Das Wortspiel ist nur so übersetzbar, während es bei Brant vast nacht, d. h. ganz Nacht, ganz finster bedeutet.
Man läuft mit Lärmen auf den Gassen
Im Schmutz, als sollt man Immen fassen, Bienen fangen.
Und wer dann ist unsinnig ganz,
Der meint, ihm schulde man den Kranz.
Von einem Haus zum andern laufen,
Viel Völlerei ohn Geld sich kaufen,
Das Ding währt oft bis Mitternacht:
Der Teufel hat solch Spiel erdacht!
Anstatt zu suchen Seelenheil,
Tanzt man erst recht am Narrenseil.
Mancher vergißt sich so im Fressen,
Als sollt er ein ganzes Jahr nichts essen,
Und sein Verlangen ist nicht gestillt,
Wenn bis zur Meßzeit Bis zur ersten Messe des Aschermittwochs. er sich füllt,
Verbotne Speis Fleischspeisen. schafft ihm Behagen,
Man ißt sie, bis man sieht es tagen.
Ich kann in Wahrheit das wohl sagen,
Daß weder Juden, Heiden, Tataren Datten, d. h. Zigeuner.
Im Glauben schändlich so verfahren
Wie wir, die wir uns Christen nennen
Und wenig mit Werken dazu bekennen, Im Original: Als wir die kristen wellen syn / Und duont mit wercken kleynen schyn (zeigen, beweisen wenig mit unseren Werken).
Denn eh die Andacht man beginnt,
Drei-, vierfach man auf Faßnacht sinnt
Und kommt erst ganz von Sinnen gar,
Das währt dann durch das ganze Jahr.
Man bricht der Fasten ab das Haupt, Der Aschermittwoch führte den lat. Beinamen caput Quinquagesimae.
Damit man sie der Kraft beraubt.
Nur wen'ge sich der Asche nahen, Der Asche, die am Aschermitrwoch in der Kirche ausgeteilt wurde.
Um sie mit Andacht zu empfahen;
Sie fürchten, Asche werde schmerzen;
Sie wollen lieber ihr Antlitz schwärzen
Und sich berußen wie eine Kohl':
Des Teufels Zeichen paßt ihnen wohl,
Das Zeichen Gottes Das Aschenkreuz auf der Stirn. sie verschmähn,
Mit Christo wollen sie nicht erstehn.
Die Frauen gehn gern auf die Straßen,
Wollen sich auch beschmutzen lassen;
Die Kirchen selbst sind nicht zu hehr,
Man läuft darin die Kreuz und Quer,
Um dort die Frauen zu beschmieren,
Man hält das für ein groß Hofieren. Für feine Sitte.
Den Esel Den sog. Palmesel, der am Palmsonntag auch in die Kirche geführt wurde. wüste Rotten tragen,
Mit ihm die ganze Stadt durchjagen.
Drauf lädt man ein zu Tanz und Stechen,
Da muß man dann die Speere brechen
Und Narren recht zusammenbringen.
Es drängen sich zu solchen Dingen
Handwerker, Bauern auch heran,
Wenn mancher auch nicht reiten kann;
Es wird gestochen unverhofft,
Daß Hals und Rücken brechen oft:
Und das soll höfisch Scherzen sein!
Darnach füllt man sich an mit Wein;
Von Fasten weiß man nicht zu sagen.
Solch Wesen währt bei vierzehn Tagen,
Die Fasten ganz an manchen Enden,
Die Karwoch' kann es kaum abwenden.
So ist zur Beicht man vorbereitet,
Wenn man die hölzernen Tafeln Von Gründonnerstag bis Ostersonnabend ersetzte man die Glocken durch allerlei hölzerne Instrumente, da jene nach altem katholischem Glauben für drei Tage sterben und erst am Vorabend des Osterfestes wieder lebendig werden. läutet,
Und fängt dann seine Reue an.
Man möchte morgen wieder dran,
Dem Narrenseil noch mehr nachhängen;
Nach Emmaus Das Evangelium des Ostermontags handelt von dem Gang der Jünger nach Emmaus; hier sprichwörtlich für die Osterbelustigungen, die am Montag stattfanden. wir alle drängen.
Die geweihten Fladen Die Osterfladen, die ohne Sauerteig gebacken und besonders eingesegnet wurden. uns nicht schmecken,
Man mag das Haupt nicht länger decken, Als Zeichen ernster Gesinnung verhüllen.
Es könnte leicht ein Wind entstehn,
Den Frauen ab die Tücher wehn,
Die hingen an den nächsten Hecken.
Die Frauen sich nicht gern bedecken,
Sie reizen damit Mann und Knaben;
Die Narrenkapp sie lieber haben,
Daß man die Ohren daraus strecke,
Als daß man sich mit Tüchern decke.
So kann ich hiermit wohl beschließen,
Wiewohl es einige mag verdrießen,
Daß, wo man sucht Fastnacht allein,
Will keine rechte Andacht sein.
Doch wie wir stellen uns zu Gott,
So läßt er uns oft bis zum Tod.
Der Narren Kapp bringt Angst und Pein
Und kann doch nicht in Ruhe sein,
Sie wird selbst in den Fasten jetzt
Und in der Karwoch' aufgesetzt.

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