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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 109
Quellenangabe
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typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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108.
Gesellen, folgt uns unverwandt!
Wir fahren ins Schlaraffenland schluraffen landt, vgl. Anm. 14 zu Kap. 103. Die Sage vom Schlaraffenland läßt sich bis in die Spätantike zurückverfolgen (Lukian); ihre weitere Ausbildung erhält sie in Frankreich im 14. Jh. Das Wort schluderaffe, schluraffe ist im 15. Jh. schon in den Fastnachtsspielen üblich, damit verbindet sich dann die Vorstellung des märchenhaften Wunschlandes für alle Faulpelze und Schlemmer, das Brant hier mit Narragonien gleichsetzt.
Und stecken doch in Schlamm und Sand.

Das Schlaraffenschiff

Glaub nicht, wir seien Narrn allein:
Wir haben Brüder groß und klein;
In allen Landen, überall,
Ist endlos unsre Narrenzahl;
Wir fahren um durch jedes Land
Von Narrbon ins Schlaraffenland;
Wir wollen ziehn gen Montflascun Montefiascone, ital. Stadt zwischen Siena und Rom, bekannt für seinen guten Wein; hier mit Anklang an »Flasche«, wie Narbonne an »Narr«.
Und in das Land gen Narragun.
Wir suchen nach Häfen und Gestaden
Und fahren um mit großem Schaden
Und können doch nicht treffen an
Das Ufer, wo man landen kann;
All unser Fahren ist ohn Ende,
Denn keiner weiß, wo er anlände;
So fehlt uns Ruhe Tag und Nacht,
Doch keiner hat auf Weisheit acht.
Wir haben auch noch viel Kumpanen,
Trabanten und auch Kurtisanen, Höflinge.
Die unserm Hof stets nachgeschwommen
Und auch zuletzt ins Schiff noch kommen
Und mit uns fahren auf Gewinn.
Ohn Sorg, Vernunft, Weisheit und Sinn
Ist doch voll Sorge unsre Fahrt,
Denn wer hätt Sorgfalt wohl verwandt
Auf Tabelmarin Seekarten. und Kompaßstand
Oder das Stundenglas umgewandt?
Wer möchte nach den Sternen sehen,
Wohin Bootes, Ursa gehen,
Arkturus oder die Hyaden? Namen von Sternbildern.
Drum treffen wir die Symplejaden, Nach der antiken Sage zwei bewegliche Felsen, welche die hindurchfahrenden Schiffe zerdrückten; vgl. Odyssee XII, 61 ff. und Ovids Met. XV, 337 f.
Wo Felsen geben unserm Schiff
Von beiden Seiten Stöß' und Püff'
Und es so ganz zusammendrücken,
Daß wenigen kann Rettung glücken.
Durch Malfortunam Bildlich für allerlei Unglück. wir uns wagen
Und werden kaum zu Land getragen,
Da uns Charybdis, Scylla, Syrte Nach der antiken Sage gefährliche Meeresengen und Strudel; vgl. Odyssee XII, 201 ff. und Vergils Aeneis IV, 41.
Ganz aus der rechten Straße führte.
Drum nimmt es wunder nicht, wenn wir
Im Meere sehn manch Wundertier,
Wie die Delphine und Sirenen, Wenn Brant hier die Schlaraffenfahrt mit den Irrfahrten des Odysseus in Verbindung bringt, so stammt seine Kenntnis nur z. T. aus Homer, z. T. scheint sie aus verschiedenen Büchern zusammengetragen zu sein und geht vielleicht auf eine Quelle zurück, die diese Zusammenstellung und Ausschmückung schon enthielt.
Die singen süße Kantilenen,
Die uns so fest in Schlaf versenken,
Daß an die Landung wir nicht denken.
Wir sehen – ob es auch nicht tauge –
Den Zyklops mit dem runden Auge,
Das ihm Ulyß einst ausgebrannt, Vgl. Odyssee IX, 193 ff.
Der Schlaue, daß der ihn nicht fand
Und andern Schaden nicht erwies,
Als daß er ein Gebrüll ausstieß
Gleichwie ein Ochs, den man erschlagen.
Der Weise ließ still fort sich tragen
Und ließ ihn schreien, greinen, weinen,
Auch als er warf mit großen Steinen.
Dies Auge wächst ihm wieder sehr;
Sobald er sieht der Narren Heer,
Sperrt er es auf so hoch und breit:
Es wird wie sein Gesicht so weit;
Sein Maul spaziert zu beiden Ohren,
Damit verschluckt er manchen Toren.
Die andern, die ihm noch entweichen,
Wird bald Antiphates König der menschenfressenden Lästrygonen; vgl. Odyssee X, 80 ff. erreichen
Mit seinem Volk der Lästrygonen,
Die sicher keinen Narren schonen,
Denn ihre liebste Speise ist
Der Narren Fleisch zu jeder Frist,
Sie trinken Narrenblut für Wein.
Dort wird der Narren Herberg sein!
Homerus hat all dies erdacht,
Damit man gab auf Weisheit acht
Und sich nicht wagte leicht aufs Meer.
Hiermit lobt er Ulysses sehr,
Der manchen klugen Ratschlag gab,
Als man im Krieg vor Troja lag,
Und darauf zehen Jahre lang
Mit Glück durch alle Meere drang.
Als Circe mit des Tranks Gewalt
Den Genossen gab die Tiergestalt,
Da war Ulysses also weise,
Daß er nicht annahm Trank noch Speise,
Bis er die Falsche überböste
Und die Gesellen all erlöste
Mit einem Kraut, Moly genannt. Vgl. Odyssee X, 305.
So half der Weise sich gewandt
Aus mancher Not in manchem Land,
Doch weil er wollte immer fahren,
Konnt er sich dauernd nicht bewahren:
Ihm kam zuletzt ein Widerwind,
Der ihm sein Schiff zerbrach geschwind,
Daß die Gefährten all ertranken.
Schiff, Ruder, Segel ganz versanken.
Doch Weisheit ihm zu Hilfe kam,
So daß er nackt ans Ufer schwamm
Und viel von Unglück konnte sagen.
Doch ward er von dem Sohn erschlagen, Brant vermischt hier die spätere Sage, nach welcher Odysseus von seinem mit Circe erzeugten Sohn Telegonus getötet wurde, mit dem Bericht Homers.
Als er geklopft ans eigne Tor,
Da half ihm Weisheit nicht davor.
Er ward als Herr niemandem kund
Im ganzen Hof, als nur dem Hund,
Und starb darum, weil man nicht wollte
Ihn kennen, wie man billig sollte.
Doch komm ich auf unsre Fahrt zurück:
Wir suchen in tiefem Schlamm das Glück,
Drum wird uns Strandung bald zuteil,
Es bricht uns Mastbaum, Segel, Seil;
Wir können nicht im Meere schwimmen,
Die Wellen sind schlecht zu erklimmen,
Wenn einer wähnt, er sitze hoch,
So stoßen sie ihn zu Boden doch.
Der Wind, der treibt sie auf und nieder:
Das Narrenschiff kommt nimmer wieder,
Wenn es erst ganz versunken ist.
Wir haben weder Sinn noch List,
Um fortzuschwimmen zu Gestaden,
Wie einst Ulyß nach seinem Schaden,
Der brachte nackt mehr mit hinaus
Als er verlor und fand zu Haus.
Wir fahren auf Sandbank und Riff, uff unfalles schlyff, d.h. auf der schlüpfrigen Oberfläche des Unglücks, auf die Gefahr hin, auszugleiten und ins Verderben zu geraten.
Die Wellen schlagen übers Schiff
Und nehmen uns Galeoten Die Boote des Schiffs, franz. la galiote. viel,
Bald sind die Schiffsleut auch ihr Ziel,
Um die Patrone Die Schiffsherren. ists geschehn.
Man kann das Schiff arg schwanken sehn;
Ein Wirbel wird es leicht bezwingen
Und Schiff und Mannschaft jäh verschlingen.
Wir sind all guten Rates bar,
Uns droht des Untergangs Gefahr,
Der Wind uns mit Gewalt hintreibt.
Ein weiser Mann zu Hause bleibt
Und nimmt an uns sich gute Lehr,
Wagt leichtsinnig sich nicht aufs Meer,
Er könne denn mit Winden streiten,
Wie Ulysses tat zu seinen Zeiten,
Und, will das Schiff auch untergehn,
Ans Land zu schwimmen doch verstehn.
Dieweil ertrinken Narren viel,
Sei der Weisheit Ufer unser Ziel, Im Original: Zuom stad der wißheyt yeder yl (eile).
Jeder nehm das Ruder in die Hände,
Damit er wisse, wo er lände;
Wer klug ist, kommt ans Land mit Fug:
Es gibt doch ohndies Narrn genug!
Der Klügste ist, wer selber wohl
Weiß, was man tun und lassen soll,
Den man nicht braucht zu unterweisen,
Der Weisheit tut von selber preisen;
Der ist auch klug, wer andre hört,
Wenn man ihn Zucht und Weisheit lehrt;
Wer aber davon allzumal
Nichts weiß, gehört zur Narrenzahl.
Ward er nicht in dies Schiff genommen,
So wird gar bald ein andres kommen,
Wo er Gesellschaft viel trifft an
Und Gaudeamus singen kann
Oder das Lied im Narrenton. Nach der Narren Melodie; vgl. Kap. 72, V. 48 ff.
Viel Brüder müssen noch draußen stehn,
Auch das Schiff wird zu Grunde gehn.

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