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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 108
Quellenangabe
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typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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107.
Zur rechten Hand sieht man die Krone,
Zur linken Hand die Kappe stehn;
Den letztern Weg die Narren gehn
Und kommen so zu schlimmem Lohne.

Vom Lohn der Weisheit

Nach Wissenschaft strebt mancher Tor,
Wie er bald Meister Magister der sieben freien Künste (lat. septem artes liberales); daher kunst immer = Wissenschaft. werd, Doktor,
Und ihn die Welt halt' für ein Licht,
Und kann doch das betrachten nicht,
Wie er die rechte Kunst erfährt,
Mit der er hin zum Himmel kehrt,
Und daß die Weisheit dieser Welt
Wie Torheit wird vor Gott gezählt. Und das all wißheyt diser welt / Ist gegen got eyn dorheyt gzelt; vgl. 1. Korinther 3, 19.
Viel scheinen auf dem rechten Wege
Und irren sich doch an dem Stege,
Der zu dem wahren Leben führt.
Wohl dem, der auf dem Weg nicht irrt,
Wenn er ihn schon gefunden hat,
Denn oft geht ab ein Nebenpfad,
Daß einer bald kommt von der Straße,
Es sei denn, daß ihn Gott nicht lasse.
Der Jüngling Herkules bedachte,
Welchen Weg er für den rechten achte,
Ob er der Freude nach wollt gehn
Oder allein nach Tugend stehn?
In solchem Sinnen kamen zu ihm
Zwei Frauen, die er ohne Stimm Ohne daß sie ein Wort gesagt hätten.
Erkannte an ihrem Wesen wohl:
Die eine war aller Freuden voll
Und schön geziert; mit Reden süß
Nur Freud und Lust sie ihm verhieß,
Deren End jedoch der Tod mit Weh,
Darnach nicht Lust noch Freude je.
Die andre bleich und ernst und strenge
War ohne Freude und Gepränge.
Sie sprach: »Nicht Wollust ich verheiße,
Nicht Ruh; nur Müh in deinem Schweiße!
Von Tugend schreit' zur Tugend fort,
Dann wird der ewige Lohn dir dort!«
Und dieser folgte Herkules froh;
Ruh, Wollust, Freud er allzeit floh. Vgl. Xenophon, Memorabilien II, 1, 21 ff. Brants Erzählung geht allerdings auf eine spätere Bearbeitung durch den Kirchenvater Basilius zurück, die in einer lat. Übersetzung des 15. Jh. von L. Aretino verbreitet war ( De legendis libris gentilium, cap. 4). Die Parabel von Herkules am Scheidewege war dem mittelalterlichen Bewußtsein völlig entfremdet, sie tauchte erst im Humanismus als beliebtes Thema auch dramatischer Bearbeitungen wieder auf. Brant selbst ließ 1512 in Straßburg ein solches Herkules-Drama aufführen.
Wollt Gott, da wir begehren alle
Zu leben, wie es uns gefalle,
Daß wir begehrten auch zugleich
Zu haben ein Leben tugendreich.
Wahrlich, wir flöhen manchen Steg,
Der uns führt auf den Narren weg!
Dieweil wir aber alle nicht wollen
Bedenken, wohin wir wenden uns sollen,
Und leben blinzelnd in der Nacht,
Haben wir des rechten Weges nicht acht,
Daß wir gar oft selbst wissen nit,
Wo uns hinführen unsre Tritt'.
Daraus entspringt dann jeden Tag,
Daß unser Plan uns reuen mag.
Erreicht man ihn, nicht ohn Beschwer,
Wünscht andres man nur um so mehr.
Das kommt allein daher, daß wir
Voll sind der angebornen Gier,
Wie uns das höchste Gut auf Erden
Unfehlbar möcht und endlich werden.
Dieweil das aber nicht kann sein
Und wir hier irren im finstern Schein,
Hat Gott gegeben uns das Licht
Der Weisheit, unserm Angesicht
Zu leuchten, Finsternis zu enden,
Wenn wir uns recht zu ihr hinwenden;
Sie zeigt uns bald, wie ganz verschieden
Von Weisheit Torenweg hienieden.
Der Weisheit stellte Plato nach,
Pythagoras, der Hohes sprach,
Und Sokrates – all die durch Lehre
Erworben ewig Ruhm und Ehre,
Und konnten sie doch nie ergründen:
Sie wollten sie auf Erden finden Im Original: Und kunden doch ergründen nie / Die rechte wißheyt funden hie.
Drum spricht von ihnen Gott der Herr: Vgl. 1. Korinther 1, 19 und Matthäus 11, 25 (wohl eine freie Kombination der beiden Bibelstellen).
»Ich will verwerfen Kunst und Lehr
Und Weisheit derer, die weis wollen sein,
Will lehren sie kleinen Kindelein!«
Das sind all die, die der Weisheit Gaben
Im Vaterland droben erworben haben;
Die solche Weisheit wurden gelehrt,
Die werden in Ewigkeit geehrt
Und scheinen wie das Firmament;
Wer da Gerechtigkeit erkennt
Und unterweist darinnen sich
Und andre mehr, den gleiche ich
Dem Luzifer Dem Morgenstern. vom Orient,
Dem Hesperus Dem Abendstern. gen Okzident.
Bion Einer der sieben Weisen Griechenlands; nach Plutarch, De educatione 10, 3. der Meister uns erzählt,
Wie zu den Mägden sich gesellt,
Die um Penelope lang Zeit
Doch mit vergebner Müh gefreit;
So tun auch, die nicht können ganz
Begreifen rechter Weisheit Glanz,
Die kommen durch der Tugend Zier,
Die jener Magd ist, nah zu ihr.
Die Weltlust nimmt ein traurig Ende;
Ein jeder schau, wo er anlände.

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