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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 106
Quellenangabe
pfad/brant/narrens/narrens.xml
typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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105.
Wer will der Wahrheit Beistand leisten,
Der hat Verfolger wohl am meisten,
Die ihm zu wehren sich erdreisten. Die jnn abkeren understan, d.h. abwendig zu machen versuchen.

Verhinderung des Guten

Der ist ein Narr durch all sein Blut,
Wer hindert, daß ein andrer tut
Das Gute, und sich untersteht
Zu wehren, was ihn nicht angeht,
Und gern sieht, daß ein andrer sei
Ihm gleich und auch im Narrenbrei.
Denn Narren alle Zeit die hassen,
Die sich mit guten Dingen befassen.
Ein Tor den andern nicht gern sieht;
Jedoch dem rechten Toren geschieht,
Daß er sich freut, wenn er nimmt wahr,
Daß er nicht sei allein ein Narr;
Darum er allzeit sich befleißt,
Daß jedermann ein Narr auch heißt;
Er sinnt, um nicht der Narr allein
Mit Kolben und mit Kapp zu sein.
Sieht er nun einen, der da will
Recht tun und sein in Weisheit still,
So spricht er: »Schau den Duckelmäuser!
Er will allein sein ein Kartäuser Ein Mönchsorden mit besonders strengen Regeln; u.a. war Schweigen außerhalb des Gottesdienstes geboten.
Und treibt solch heuchlerischen Rat, apostützer stodt, d.h. Stand, Wesen eines Heuchlers (ital. aposticcio).
Weil er an Gott verzweifelt hat!
Wir wollen ja doch auch erwerben,
Daß Gott uns läßt in Gnaden sterben,
Wie er, obgleich er Tag und Nacht
Liegt auf den Knien, betet und wacht;
Er will nur fasten und Zellen bauen,
Wagt weder Gott noch der Welt zu trauen!
Gott hat uns darum nicht geschaffen,
Daß wir Mönche werden oder Pfaffen,
Und zumal, daß wir uns sollten entschlagen
Der Welt! Wir wollen nicht Kutte tragen
Noch Kappe! Hier: Kapuze. – sie habe denn Schellen auch!
Schaut an den Narren und den Gauch!
Er hätte noch in der Welt getan
Viel Gutes und größern Lohn empfahn
Als jetzo, hätt er sich belehrt
Und zu dem Wege des Heils bekehrt,
Als daß er da liegt wie ein Schwein
Und mästet sich in der Zelle sein,
Versagt sich auch noch sonst gar viel
Und hat nicht Freude an Scherz und Spiel.
Sollte, wie er tut, jedermann
Ziehn in der Kartause die Kutte an,
Wer wollte die Welt denn weiter mehren?
Die Leute weisen und belehren?
Es ist Gottes Wille und Meinung nicht,
Daß man der Welt so tue Verzicht
Und auf sich selbst allein hab acht!«
So reden die Narren Tag und Nacht,
Denen die Welt ist all ihr Teil,
Drum suchen sie nicht der Seele Heil.
Hör zu! Wärst du auch weis und klug,
Es wären dennoch Narren genug;
Wenn du auch hättest Mönchsgewand,
Es gäbe der Narren mehr im Land.
Doch wäre dir ein jeder gleich,
So wäre kein Mensch im Himmelreich;
Wenn du auch wärst ein kluger Geselle,
So führen dennoch genug zur Hölle.
Wenn ich zwei Seelen hätt in mir,
Setzt' eine ich wohl den Narren für,
Aber so hab ich eine allein
Und muß in Sorgen um diese sein:
Gott hat mit Belial Vgl. 2. Korinther 6, 15. nichts gemein!

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