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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 105
Quellenangabe
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typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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104.
Wer Schmeichelns halb und um Drohworte
Die Wahrheit bringt zum dunkeln Orte,
Der klopft dem Endchrist an die Pforte.

Wahrheit verschweigen

Der ist ein Narr, der sich verkehrt
In seinem Geist, so man anfährt
Und mit Gewalt ihn zwingen will,
Daß er von Wahrheit schweige still
Und Weisheit unterwegen lasse
Und wandeln soll der Torheit Gasse,
Auf welcher ohne Zweifel fährt,
Wer sich an solche Drohung kehrt.
Denn Gott ist doch auf seiner Seiten
Und schirmet den zu allen Zeiten,
Der von der Wahrheit sich nicht scheidet,
So daß zu keiner Frist ausgleitet
Sein Fuß. Wer in der Wahrheit bleibt,
Bald alle Feinde von sich treibt.
Ein Weiser stimmt der Wahrheit zu,
Selbst wenn er sähe Phalaris' Kuh. Vgl. Anm. 3 zu Kap. 69.
Wer nicht kann bei der Wahrheit stehn,
Der muß den Weg der Torheit gehn.
Tät Jonas Jonas 1, 3 ff.: der Prophet wollte sich durch seine Flucht über See dem Auftrag Gottes entziehen, den Niniviten zu predigen. zeitig Wahrheit kund,
Verschluckt' ihn nicht des Fisches Schlund;
Die Wahrheit hoch Elias pries
Und fuhr darum ins Paradies; Vgl. 2. Könige 2
Johannes floh der Narren Haufen,
Drum ließ sich Christus von ihm taufen.
Wer einen tadelt mit sanftem Sinn
Und dieser nimmts nicht gleich gut hin,
So wird doch wohl die Stunde kommen,
Wo dieser merkt, es sollt ihm frommen,
Und größern Dank für Scheltwort sagt
Als für Geschwätz, das ihm behagt.
Daniel Geschenk nicht nehmen wollte,
Als er Belsazar sagen sollte
Und ihm die Wahrheit legen aus;
Er sprach: »Dein Geld bleib deinem Haus!« Daniel 5, 17.
Der Engel hinderte Bileam
Darum, weil er die Gaben nahm
Und wollte nicht die Wahrheit ehren;
Drum mußte sich sein Wort verkehren, Fluch in Segen; vgl. 4. Mose 22, 7 u. 21 ff.
Der Esel strafen den, der ritt.
Zwei Dinge kann man bergen nit,
Und ewig schauet man das Dritt':
Eine Stadt gebauet auf der Höhe,
Einen Narren, er stehe, sitze, gehe,
Kennt man nach Wesen und Bescheid; Beschaffenheit, Bestimmung.
Wahrheit sieht man in Ewigkeit,
Die wird fürwahr nie wertlos sein, würt sich nyemer me verlygen, d. h. durch Liegen (Untätigkeit oder Nichtgebrauch) wertlos werden; ursprünglich ein Begriff der mittelalterlichen Ritterethik.
Und wenn sich Narren den Hals abschrein.
Wahrheit ehrt man durch alle Lande;
Der Narren Freud ist Spott und Schande.
Man rannte mich gar oftmals an,
Als ich dies Schiff zu baun begann,
Ich sollt es doch ein wenig färben Ausschmücken, beschönigen.
Und nicht mit Eichenrinde gerben,
Sondern mit Lindensaft auch schmieren,
Etliche Dinge drin glossieren; Durch Zusätze mildern.
Aber ich ließ' sie alle erfrieren,
Eh ich anderes schrieb' als Wahrheit.
Wahrheit, die bleibt in Ewigkeit
Und wird stets jedem sichtbar bleiben,
Tät ich auch nicht dies Büchlein schreiben.
Wahrheit ist stärker als alle, die
Mich wollen verleumden oder sie.
Wenn ich mich hätte daran gekehrt,
So hätt ich die Zahl der Narren vermehrt,
Mit denen mein Schiff jetzt stattlich fährt. Im Original: Ich muost byn grössten narren stan / Die ich jnn allen schiffen han.

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