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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 103
Quellenangabe
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typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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102.
Man spürt wohl in der Alchemei
Und in des Weines Arzenei,
Welch Lug und Trug auf Erden sei.

Von Fälscherei und Beschiß

beschiss und betrug treten bei Brant häufig nebeneinander auf; wenn das erste Wort auch in der damaligen Zeit gebräuchlicher als heute war und seine derbe Anschaulichkeit verloren hatte, ist es doch nicht völlig gleichbedeutend mit dem zweiten, wie der abgestufte Gebrauch beider Wörter im Narrenschiff zeigt.

Betrüger sind und Fälscher viel,
Die passen recht zum Narrenspiel;
Falsch Lieb, falsch Rat, falsch Freund, falsch Geld:
Voll Untreu ist jetzt ganz die Welt!
Die Bruderlieb ist tot und blind,
Auf Trug und Blendwerk jeder sinnt;
Man will nur ohn Verlust erwerben,
Wenn hundert auch dabei verderben.
Keine Ehrbarkeit sieht man mehr an,
Man läßt es über die Seele gahn, D.h. läßt es sich sein Seelenheil kosten.
Wenn eines Dings man nur wird ledig;
Wer drüber stirbt – dem sei Gott gnädig! Im Original: Got geb ob tusent sturben drab, d. h. gleichviel, ob auch Tausende darüber stürben.
Man läßt den Wein nicht rein mehr bleiben:
Viel Fälschung tut man mit ihm treiben,
Salpeter, Schwefel, Totenbein,
Pottasche, Senf, Milch, Kraut unrein
Stößt man durchs Spundloch in das Faß.
Die schwangern Frauen trinken das,
So daß vorzeitig sie gebären.
Elenden Anblick uns gewähren.
Es kommt viel Krankheit auch daraus,
Daß mancher fährt ins Totenhaus.
Man tut ein lahm Roß jetzt beschlagen,
Dem doch gebührt der Schinderwagen;
Das muß noch lernen auf Filzen stehn, Man umwickelt seine Hufe mit Filz, wie dies bei edlen Rossen geschieht.
Als sollt es nachts zur Mette gehn,
Wenn es vor Schwäche auch hinkt und fällt,
Schlägt man daraus doch jetzt viel Geld,
Damit beschissen werde die Welt.
Man hat klein Maß und klein Gewicht,
Die Ellen sind kurz zugericht't,
Der Laden muß ganz finster sein,
Daß man nicht seh des Tuches Schein,
Und während einer sieht sich an
Die Narrn, die auf dem Laden stahn, Die komischen Figuren, die man auf den Ladentisch stellte.
Gibt man der Waage einen Druck,
Daß sie sich zu der Erden buck',
Und fragt, wieviel der Käufer heische?
Den Daumen wiegt man zu dem Fleische.
Man pflügt den Weg zur Furche jetzt,
Die alte Münz' ist abgewetzt gantz hardurch, d.h. dünn, abgegriffen.
Und könnt nicht lange Zeit bestehn,
Wär nicht ein Zusatz Vermischte man nicht das wenige Silber mit viel Kupfer. ihr geschehn.
Die Münze schwächt sich nicht allein,
Falsch Geld ist worden jetzt gemein
Und falscher Rat; falsch Geistlichkeit
Macht sich mit Mönch, Beghin, Blotzbruder Die Beghinen, die sich als halbklösterliche Frauenvereinigung ohne Gelübde und Ordensregeln besonders in den Niederlanden und Flandern der Krankenpflege annahmen, galten vielfach als ränkesüchtig und kupplerisch; Blotzbrüder sind Laienbrüder, die namentlich als Bedienstete der Ordensbrüder in den Klöstern tätig waren. breit:
Viel Wölfe gehn in Schafeskleid.
Damit ich nicht vergeß hiebei
Den großen Beschiß der Alchemei,
Die Gold und Silber hat gemacht,
Das man zuvor ins Stöcklein In das metallene Stäbchen, mit dem die Masse im Tiegel umgerührt wurde. gebracht.
Sie gaukeln und betrügen' grob;
Sie zeigen vorher eine Prob',
So wird bald eine Unke Man nannte die Alchimisten Unkenbrenner, da sie angeblich mit der Asche des Basilisken arbeiteten. draus.
Der Guckaus D. h. derjenige, der eifrig in die Tiegel der Alchimisten guckt. manchen treibt vom Haus;
Wer vordem sanft und trocken saß,
Der stößt sein Gut ins Affenglas, In die gläsernen Retorten.
Bis ers zu Pulver so verbrennt,
Daß er sich selber nicht mehr kennt.
Viel haben sich also verdorben,
Gar wen'ge haben Gut erworben,
Denn Aristoteles schon spricht:
»Die Gestalt der Dinge wandelt sich nicht!« Der Gedanke kehrt bei Aristoteles oft wieder, ein bestimmtes Zitat wird daher kaum anzunehmen sein.
Viel fallen schwer in diese Sucht
Und haben doch draus wenig Frucht.
Man richtet Kupfer zu für Gold,
Mausdreck man untern Pfeffer rollt;
Man kann jetzt alles Pelzwerk färben
Und tut es auf das schlechtste gerben,
Daß es behält gar wenig Haar,
Wenn mans kaum trägt ein Vierteljahr.
Zeismäuse geben Bisam viel,
Der stinkt dann ohne Maß und Ziel;
Die faulen Heringe man mischt
Und sie als frische dann auftischt.
All Gassen sind Verkäufer voll,
Denn Trödel treiben schmeckt gar wohl,
Da alt und neu man mengen kann.
Mit Täuschung geht um jedermann:
Kein Kaufmannsgut steht fest im Wert,
Ein jeder Trug zu treiben begehrt,
Daß seinen Kram er nur setz ab,
Ob der auch Gall und Spatbein Eigentlich Pferdekrankheiten; sprichwörtlich für schlechte, unbrauchbare Ware überhaupt. hab.
Selig ohn Zweifel ist jetzt der Mann,
Der sich vor Falschheit hüten kann!
Die Eltern betrügt das eigne Kind,
Der Vater ist für die Sippschaft blind,
Wirt trügt den Gast und Gast den Wirt.
Untreu, Beschiß man überall spürt.
Das bereitet dem Antichristen den Lauf:
Der treibt in Falschheit all seinen Kauf,
Denn was er denkt, heißt, tut und lehrt,
Ist nichts als falsch, untreu, verkehrt.

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