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Das Narrenschiff

Sebastian Brant: Das Narrenschiff - Kapitel 100
Quellenangabe
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typepoem
authorSebastian Brant
titleDas Narrenschiff
publisherPhilipp Reclam jun.
editorHans-Joachim Mähl
year1964
firstpub1494
translatorH. A. Junghans
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090405
projectida61d97e4
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99.
Ich bitt euch Herren, groß und kleine,
Bedenkt den Nutzen der Gemeine!
Laßt mir die Narrenkapp alleine!

Vom Verfall des Glaubens

Dieses Kapitel behandelt, mit dem abgang des glouben zusammenhängend, auch den Verfall des Reiches und ist für die politische Lage des ausgehenden 15. Jh. ebenso aufschlußreich wie für die leidenschaftliche Stellungnahme Sebastian Brants, die dieser neben dem Narrenschiff noch in zahlreichen lateinischen Gedichten und deutsch-lateinischen Flugschriften verbreitet hat.

Wenn ich der Säumnis denk und Schande,
Die man jetzt spürt im ganzen Lande,
Durch Fürsten, Herren, Lande, Städte,
Kein Wunder wärs, wenn ich drob hätte
Die Augen ganz von Tränen voll,
Daß man so schmählich sehen soll
Den Christenglauben nehmen ab.
Verzeih man mir, daß ich schon hab
Die Fürsten auch hierher gesetzt!
Wir erfahren leider deutlich jetzt
Des Christenglaubens Not und Klage,
Der mindert sich von Tag zu Tage.
Zum ersten hat der Ketzer Heer
Zerrissen und zerstört ihn sehr;
Darnach hat Mohameds böser Sinn
Noch mehr und mehr verwüstet ihn;
Mit Irrlehr den in Schand gebracht,
Der sonst im Orient stark an Macht,
Als gläubig war ganz Asia,
Der Mohren Land und Afrika.
Jetzt haben dort wir gar nichts mehr;
Das schmerzt selbst einen Stein gar sehr,
Daß wir verlorn zu unsrer Schand
In Kleinasien und Griechenland,
Was man die Großtürkei jetzt nennt,
Das ist dem Glauben abgetrennt;
Da sind die sieben Kirchen gewesen,
Davon wir bei Johannes lesen, Vgl. Offenbarung Joh. 2. 3: Johannes wendet sich dort an die sieben christlichen Gemeinden Ephesus, Smyrna, Pergamus, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea in Vorderasien.
Da ist ein so gut Land verloren,
Daß es die Welt wohl hätt verschworen. Nämlich: daß dies möglich wäre..
Zudem hat man in Europa seither
Verloren in kurzer Zeit noch mehr:
Zwei Kaisertümer, nebst Königreichen,
Viel mächtig Land und Stadt desgleichen,
Konstantinopel, Trapezunt,
Die Lande sind aller Welt wohl kund, Beide Kaiserreiche wurden 1453 und 1461 durch die Türken erobert.
Achaia und Aetolia,
Böotia, Thessalia,
Samt Thrazia, Mazedonia,
Beid' Mysia und Attika,
Auch Tribulos Die Triballer entsprechen etwa den heutigen Bulgaren. und Scordiscos, Pannonier und Illyrier.
Bastarnas auch und Tauricos, Wahrscheinlich kleinasiatische Völker; die Taurier sind Einwohner der Halbinsel Krim.
Euböa Insel östlich von Attika, mit italienischem Namen Negreponte, die 1471 erobert wurde. oder Nigrapont,
Auch Pera, Vorstadt Konstantinopels. Kaffa Am Schwarzen Meer. und Idront, Küstenstadt Apuliens, 1481 gefallen.
Ohn anderen Verlust und Schaden,
Den wir uns sonst noch aufgeladen
In Steier, Kärnten und Kroatia,
In Morea und Dalmatia,
In Ungarn und in Windischmark.
Jetzt sind die Türken also stark: 1453 nahmen die Türken den Islam an, eroberten Konstantinopel und verbreiteten den Islam bei ihrem Siegeszug auch in Europa.
Sie haben nicht das Meer allein,
Die Donau auch gehört ihrer Gemein.
Sie brechen ein in alle Lande,
Bistümer, Kirchen stehn in Schande:
Jetzt greift er an Apulia,
Darnach gar bald Sizilia,
Italia, die grenzt daran,
Wie leicht gelangt nach Rom er dann,
Nach Lombardei und welschem Land!
So ist der Feind uns an der Hand:
Doch möchten schlafend sterben all!
Der Wolf ist wahrlich in dem Stall
Und raubt der heilgen Kirche Schafe,
Dieweil der Hirte liegt im Schlafe.
Die Römische Kirche vier Schwestern hat
Samt Patriarchen in der Stadt
Konstantinopel, Alexandria,
Jerusalem, Antiochia, Die vier Patriarchenstädte der griechisch-orthodoxen Kirche.
Die sind ihr gänzlich jetzt geraubt,
Es geht nun bald auch an das Haupt.
All das ist unsrer Sünden Schuld,
Keins mit dem andern hat Geduld
Oder leidet mit dessen Schwere, Not, Bedrängnis.
Jeder wollt, daß sie größer wäre.
Es geschieht uns, wie den Ochsen geschah,
Als ruhig einer zum andern sah,
Bis daß der Wolf sie alle zerrissen.
Da hat auch der letzte schwitzen müssen.
Es greift jetzt jeder mit der Hand,
Ob kalt noch sei die Mauer und Wand, Sprichwörtlich; nach Horaz, Epistulae I, 18, 84.
Und denkt nicht, daß er lösche aus
Das Feuer, ehe es komm in sein Haus;
Dann kommt zu spät ihm Reu und Leid.
Zwietracht und Ungehorsamkeit
Zerstört der Christen Glauben und Gut;
Unnütz vergießt man Christenblut.
Niemand bedenkt, wie nah es ihm sei,
Wähnt noch zu bleiben allweg frei,
Bis das Unglück kommt vor seine Tür:
Dann steckt er erst den Kopf herfür.
Europas Pforten offen sind:
Es bringt uns Feinde jeder Wind,
Denen scheint nicht Schlaf noch Ruhe gut:
Es dürstet sie nach Christenblut. –
O Rom! Als einst die Könige waren,
Da warst du leibeigen in langen Jahren;
Zur Freiheit wardst du hingeführt,
Als dich gemeiner Gemeinsamer. Rat regiert.
Doch als auf Hoffart man bedacht,
Auf Reichtum und auf große Macht,
Und Bürger wider Bürger stritt,
Dacht' man gemeinen Nutzens nit,
Da fing die Macht zu zerfallen an,
Wardst einem Kaiser untertan,
Mußtest unter solchem Schutz und Schein
An fünfzehnhundert Jahre sein Die Abfolge der Kaiser und Könige wurde noch im 16. Jh. zusammenhängend von Julius Cäsar bis zur Gegenwart durchgezählt; mit dem 5. Jh. geht das Kaisertum auf Byzanz über, unter Karl dem Großen kehrt es ins Abendland zurück.
Und bist doch stets herabgekommen,
Hast wie das Mondlicht abgenommen,
Wenns schwindet und ihm Schein gebrist,
So daß jetzt wenig an dir ist.
Wollt Gott, es wüchs' das Römsche Reich,
Damit es war dem Mond ganz gleich!
Doch den dünkt nicht, daß er was hab,
Ders nicht dem Römischen Reich bricht ab.
Es hält der Sarazenen Hand
Das heilige, gelobte Land;
Der Türke hat darnach so viel,
Daß man beim Zählen fand kein Ziel.
Viel Städte brachten sich in Wehr sich brocht hant jnn gewer, d. h. in Sicherheit, Unabhängigkeit (Goedeke), oder: sie haben zu den Waffen gegriffen und sich den Befehlen des Kaisers entzogen (Zarncke).
Und achten jetzt keines Kaisers mehr;
Ein jeder Fürst der Gans Anspielung auf den Reichsadler. bricht ab,
Daß er 'ne Feder davon hab;
Darum ist es nicht Wunder groß,
Daß auch das Reich so nackt und bloß.
Man schärft zunächst es jedem Jedem neugewählten König wurden bei der sog. Wahlkapitulation durch die Kurfürsten neue Rechte abgedrungen; zugleich mußte der Fortbestand der bisherigen Rechte beschworen werden. ein,
Daß er nicht fordern soll was sein
Und jeden lassen in seiner Statt,
Wie ers bisher gebrauchet hat.
Um Gott, ihr Fürsten, sehet an,
Welch Schaden daraus entstehen kann,
Wenn so herunter kommt das Reich!
Ein gleiches Schicksal trifft bald euch! Bei Brant direkter: Wann joch hyn under kem das rich / Ir blyben ouch nit ewigklich; d. h., das Schicksal des Reiches und der Fürsten ist unlöslich miteinander verknüpft.
Ein jedes Ding mehr Stärke hat,
Wenn beieinander fest es staht,
Als wenn es soll zerteilet sein.
Einhelligkeit in der Gemein'
Das Wachstum aller Dinge macht,
Doch wenn Mißhelligkeit erwacht,
Werden auch große Dinge zerstört.
Der Deutschen Name war hochgeehrt
Und hat erworben durch solchen Ruhm,
Daß man ihnen gab das Kaisertum.
Aber die Deutschen verwandten Fleiß,
Zu vernichten des eignen Reiches Preis.
Damit das Gestüte Zerstörung hab,
Bissen die Pferde die Schwänze sich ab. Sprichwörtlich.
Jetzt auf den Füßen wahrlich ist
Der Cerastes und Basilist. Die gehörnte Schlange und der Basilisk spielten in den eschatologischen Prophetien des Mittelalters eine große Rolle.
Gar mancher wird vergiften sich,
Wer Gift dem Reich gibt schmeichlerisch. dar schmeycht, d. h. schmeichelnd darreicht.
Aber ihr Herren, Könige, Lande,
Wollt nicht gestatten solche Schande!
Wollet dem Römischen Reich beistehn,
So kann das Schiff noch aufrecht gehn!
Ihr habt fürwahr einen König mild,
Der euch wohl führt mit Ritterschild,
Der zwingen kann all Land gemein,
Wenn ihr ihm helfen wollt allein:
Der edle Fürst Maximilian Maximilian I., der »letzte Ritter«, war 1486 durch Wahl der Fürsten deutscher König geworden; erst 1493 wurde er durch den Papst zum Kaiser gesalbt.
Die Römische Krone würdig gewann,
Dem kommt ohn Zweifel in die Hand
Die heilge Erd, das gelobte Land,
Er würde jeden Tag beginnen,
Könnt er nur trauen eurem Sinnen.
Werft von euch darum Schmach und Spott:
Denn kleinen Heeres waltet Gott.
Wiewohl verlor viel unsre Hand,
Sind doch noch so viel Christenland'
Und König, Fürsten, Adel, Gemein,
Sie können gewinnen wohl allein
Und zwingen bald die ganze Welt,
Wenn man nur fest zusammenhält,
Treu, Fried und Liebe gebrauchen tut,
Ich hoffe zu Gott, dann wird es gut!
Ihr seid Regierer doch der Lande,
So wacht und tut von euch die Schande,
Daß man euch nicht dem Schiffsmann gleicht,
Den auf dem Meer der Schlaf beschleicht,
Wenn Ungewitter ist in Sicht;
Oder dem Hunde, der bellet nicht;
Oder dem Wächter, der nicht wacht,
Auf das Vertraute hat nicht acht.
Steht auf, erwacht aus euerm Traum!
Die Axt liegt wahrlich an dem Baum! Vgl. Matthäus 3, 10.
Ach Gott, gib unsern Häuptern ein,
Daß sie begehrn die Ehre dein
Und nicht, was ihnen nütz' allein!
Dann will ich ohne Sorgen sein,
Du gebst uns Sieg in kurzen Tagen,
Darob wir ewig Lob dir sagen!
Ich mahn die Stände der ganzen Welt,
Wie ihre Würde auch bestellt, Im Original: Was würde und tyttel die sint gezölt, d. h. welcher Würden und Titel sie wert geachtet sein mögen.
Daß sie nicht tun wie Schiffersleut,
Die uneins sind und haben Streit,
Wenn sie sind mitten auf dem Meer
In Sturm und Ungewitter schwer,
Und eh sie werden eins der Fahrt,
Stößt schon ihr Schiff zu Grunde hart.
Wer Ohren hat, der merk und höre!
Das Schifflein schwanket auf dem Meere!
Wenn Christus jetzt nicht selber wacht,
Wird bald es werden um uns Nacht.
Drum ihr, die einst nach euerm Stand
Hat auserwählet Gottes Hand,
Daß ihr sollt stehen an der Spitze,
Gebt acht, daß Schmach nicht auf euch sitze! Nit lont / das es an uch ersitz, d. h., laßt nicht zu, daß es an euch liege, wenn es nicht vorwärtsgeht.
Tut, was euch ziemt nach euerm Grade,
Damit nicht größer werd der Schade
Und Sonn und Mond Anspielung auf Papst und Kaiser. verlier den Glanz
Und Haupt und Glieder schwinden ganz:

Es läßt sich recht besorglich an! –
Leb ich – ich mahn noch manchen dran,
Und wer nicht an mein Wort mag denken,
Dem will die Narrenkapp ich schenken!

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