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Das Mittelgeschlecht

Edward Carpenter: Das Mittelgeschlecht - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
authorEdward Carpenter
titleDas Mittelgeschlecht
publisherErnst Reinhardt, Verlagsbuchhandlung
printrun2. unveränderte Auflage
yearo.J.
firstpub
translatorL. Bergfeld
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140909
projectid7b69044f
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V. Die Stellung des Uraniers in der Gesellschaft

Wie weit auch die Ansichten auseinandergehen mögen über die mannigfachen Probleme, die das Mittelgeschlecht uns stellt, – und wie schwierig auch die Lösung mancher damit zusammenhängenden Fragen noch erscheinen mag, – über einen besonderen Punkt scheint mir keine Meinungsverschiedenheit mehr möglich zu sein, nämlich darüber, dass eine beträchtliche Anzahl Mittelgeschlechtiger höchst wertvolle soziale Leistungen ausführt, und zwar infolge und aufgrund ihrer speziellen Anlage.

Diese Tatsache wird nicht so allgemein berücksichtigt, wie man es wohl erwarten sollte, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil man den Urning als solchen meist nicht erkennt, und dieser noch die schon erwähnte besondere Neigung hat, sein Empfinden der Oeffentlichkeit gegenüber zu verheimlichen. Ohne Zweifel, wenn es allgemein bekannt würde, welche Leute von uranischer Natur sind, dann würde jedermann überrascht sein, so viele unserer grossen und führenden Geister unter ihnen zu finden.

Es schien mir nützlich, anzudeuten, in welcher Richtung sich derartige wertvolle Leistungen von Leuten mit solcher Veranlagung gewöhnlich vollziehen oder vollzogen haben. Natürlich will ich hierbei die Tatsache weder verbergen noch unterdrücken, dass es auch zahlreiche frivole oder schwache, sowie lasterhafte Homosexuelle gibt, die praktisch für die Gesellschaft ohne jeden Nutzen sind, genau so, wie das bei normalen Menschen auch der Fall ist. Das Vorkommen solcher, die keinerlei Arbeit von Wert verrichten, ändert nichts an der Tatsache, dass andere das sind, deren Tätigkeit von besonders hoher Bedeutung ist. Wohl verstanden, möchte ich den Ausdruck »Uranier« hier auf alle die anwenden, deren Leben und Wirken von einer wahren Liebe zu ihresgleichen getragen wird, ohne mich darauf einzulassen, ihre individuellen und besonderen Bräuche und Gewohnheiten mit Bezug auf diejenigen aufzuzählen, die ihnen lieb sind. (In den meisten Fällen bleiben uns ja die Anhaltspunkte für intimere Feststellungen überhaupt unzugänglich.) Manche aufgeklärte und hervorragende mittelgeschlechtige Persönlichkeiten, – und gewiss nicht wenige unter ihnen, – sind physisch sehr zurückhaltend und wissen sich selbst zu beherrschen. Andre sind mehr oder weniger stark sinnlich veranlagt. Aber es kommt hier vor allem darauf an, dass die mächtigsten Triebkräfte solcher männlicher oder weiblicher Naturen in ihrer Zuneigung zu ihresgleichen begründet liegen, oder in irgend einer Weise damit verknüpft sind. Und wenn es befremdlich und widersinnig erscheint, dass in diesen Fällen Menschen hervorragende Leistungen vollbringen für eine Gesellschaft, die dennoch deren Neigungen und Anlagen verurteilt, so ist das im Grunde nur genau derselbe Vorgang, von dem die Weltgeschichte schon Beispiele zu Tausenden geliefert hat.

Wie schon angedeutet, ist das uranische Empfinden von ausserordentlich beweglicher und gefühlvoller Art. (Das erklärt sich wohl aus der Zwiefältigkeit seiner Natur und dem beständigen raschen Wechselspiel der in ihm enthaltenen männlichen und weiblichen Elemente.) Hieraus begreift sich ohne weiteres, dass eine grosse Anzahl Künstler, Musiker, Literaten oder Maler dieser Klasse angehören. Jenes zarte Feingefühl für jede Regung und Phase des Empfindens, das den ächten Künstler macht, ist gleichfalls charakteristisch für den männlichen Urning, und darum ist es für ihn leicht und natürlich, ein Künstler zu werden. Bei den »Fällen« und »Bekenntnissen«, die Krafft-Ebing, Havelock Ellis und andere zusammengestellt haben, fällt es auf, ein wie grosser Prozentsatz von Männern dieser Art zu den Künstlern gehört. In seinem Bande über Sexuelle Inversion »Studies in the Psychology of Sex.«, Bd. II., p. 173. bemerkt der genannte Autor zu den von ihm angeführten Beispielen: – »die vorliegenden Fälle enthüllen die interessante Tatsache, dass sich bei zweiunddreissig von ihnen, das heisst bei achtundsechzig Prozent, künstlerische Begabungen in wechselndem Grade vorfinden. Galton fand bei der Untersuchung von etwa tausend Personen, dass in England allgemein im Durchschnitt etwa 30 Prozent künstlerischen Geschmack zeigen. Ich muss ferner bemerken, dass meine speziellen Aufstellungen wahrscheinlich noch hinter der Wirklichkeit zurückbleiben, weil der hohe Grad der künstlerischen Fähigkeiten, der in manchen meiner Fälle vorlag, hierbei nicht zur Geltung gebracht werden konnte. Hinsichtlich der verschiedenen Berufsklassen, denen die untersuchten Personen angehörten, muss gesagt werden, dass keine Beschäftigungsart gegen sexuelle Perversitäten ein Schutzmittel bildet. Wohl aber gibt es bestimmte Berufe, zu denen sich Homosexuelle ganz besonders hingezogen fühlen. Zu diesen gehört in erster Linie die Schauspielkunst. Drei unter meinen Fällen betrafen ausübende dramatische Künstler, während bei anderen sich ausgesprochene dramatische Fähigkeiten zeigten. In ihren verschiedenen Formen übt die Kunst, insbesondere die Musik, hier eine starke Anziehung aus. Nach meiner Erfahrung indessen ist die Literatur unter allen Künsten diejenige, zu der sich Urninge vor allem berufen fühlen, und zumal die, bei der sie am meisten Erfolg und Anerkennung erringen.«

Ueber die Literatur in diesem Zusammenhange, und über die grossen Schriftsteller von Weltruf, die zum Teil durch ihre uranische Liebe zu ihren Werken begeistert wurden, habe ich hier bereits geschrieben. Vergl. Kap. II oben; ferner Ioläus, an Anthology of Friendship, von E. Carpenter.. Es mag des weiteren noch gesagt werden, dass jene unter den modernen Kunstschriftstellern und Dichtern, die bei der Erklärung und Wiederbelebung der Griechischen Ideale und Anschauungen hervorragende Dienste geleistet haben, – Männer wie Goethe, Winckelmann, Addington Symonds und Walter Pater, alle eine starke Anlage nach dieser Richtung zeigten. Und die Anregungen, die wir ihnen verdanken, stellen Werte dar, deren Verlust im modernen Leben nicht leicht wieder zu ersetzen wäre.

Die Maler und Bildhauer, besonders aus der Zeit der italienischen Renaissance, bieten nicht wenige Beispiele von Männern, deren Werke von demselben Geiste beseelt waren, so Michel Angelo, Leonardo, Bazzi, Cellini und andere. Was die Musik anbetrifft, so ist sie gewiss diejenige Kunst, die durch ihre Feinheit und Zartheit, – und vielleicht durch eine gewisse Neigung, den Gefühlsäusserungen keine Schranken aufzuerlegen, – dem Naturell des Urnings am nächsten liegt. Man findet eigentlich nur wenige unter ihnen, die nach dieser Richtung gänzlich ohne Begabung wären, wenn es auch, – abgesehen von Tschaikowsky, – nicht scheint, dass Urninge des durchaus reinen Typs es auf diesem Gebiete bis zur höchsten Vollendung gebracht haben.

Eine andere Richtung, nach der sich diese Anlage naturgemäss sehr wohl betätigen kann, ist die wichtige soziale Arbeit der Erziehung. Die Neigung und besondere Fähigkeit eines Mannes, sich der Wohlfahrt von Knaben und Jünglingen zu widmen, ist offenbar ein Faktor, den man nicht ungenützt bleiben lassen dürfte, und der sich in hohem Grade brauchbar und wertvoll erweisen kann. Es ist unbestreitbar, dass eine grosse Anzahl Männer (und Frauen) durch eine Anlage zu solchen Neigungen sich zum Lehrfache hingezogen fühlen; und in manchen Fällen leisten sie darin ganz Unschätzbares. Glücklich der Knabe, der im Anfange seines Lebens einem solchen Helfer begegnet! Ich kenne einen Mann, – einen hoffnungsvollen Schriftsteller und scharfen Denker, – der mir bekannte, dass er geistig fast alles einem solchen Freunde seiner Jugend verdanke, der das grösste Interesse an ihm nahm, ihn jahrelang fast jeden Tag sah, und der ihn nicht nur wissenschaftlich, sondern auch moralisch aufklärte und ihm die Liebe und den Rückhalt schenkte, deren sein junges Herz bedurfte. Ich habe selbst nicht wenige solche Lehrer gekannt und beobachtet, sowohl in staatlichen als in privaten Schulen, und etwas von der Arbeitslust und ächten Begeisterung gesehen, die sie ihren Zöglingen mitzuteilen wussten. Wie viel sie auch durch die Neigung des Publikums, sie zu verkennen, behindert wurden, sie waren dennoch imstande, höchst schätzenswerte Dienste zu leisten. Gewiss kommt es hie und da vor, dass Privilegien missbraucht werden; aber auch dann ist das Urteil der Welt oft von unberechtigter Härte. Ein armer Junge erzählte mir einmal mit Tränen in den Augen, wie viel Gutes ein Mann für ihn getan habe. Dieser habe ihn aus der Gewalt trunksüchtiger Eltern errettet, ihn aus dem Sumpfe hervorgeholt und ihm mit Unterstützung einer Gesellschaft ins Leben herausgeholfen. Manche andere Knaben scheint er in derselben Weise zu Dutzenden gerettet zu haben. Aber bei einer solchen Gelegenheit wurden ihm Schwierigkeiten bereitet, und man bezichtigte ihn ungehöriger Vertraulichkeiten. Keine Rechtfertigung, kein Hinweis auf seine nützliche Wirksamkeit hatte den geringsten Erfolg. Jedes leere Gewäsch, jede Verleumdung wurde geglaubt, jede niedrige Absicht untergeschoben; und es blieb ihm zuletzt nichts übrig, als seine Stellung aufzugeben und sich anderswo niederzulassen. Aber sein Lebenswerk war zerstört, um nie wieder aufgebaut zu werden.

Diese Fähigkeit eines warmen Mitgefühls, die einen älteren Mann einen so regen Anteil an dem Wohlergehen von Jünglingen und Knaben nehmen liess, findet ihr Gegenstück in einer ähnlichen Fähigkeit des jungen Geschöpfes, für den älteren Mann eine innige Verehrung zu entwickeln. Diese Erscheinung wird nicht immer richtig erkannt; aber mir ist öfters der Fall begegnet, dass Knaben und junge Leute höchst romantische Zuneigungen fassten zu Männern reiferen Alters, bis zu 40 oder 50 Jahren, und zwar ausschliesslich zu diesen, wobei sie ihre Altersgenossen beiderlei Geschlechtes übergingen und nur von jenen allein eine Erwiderung ihrer Sympathieen begehrten. Das ist so, wenn es auch seltsam erscheint. Und solche Vorkommnisse deuten uns nicht nur darauf hin, welche Rätsel im Herzen eines Kindes schlummern, sondern auch, wie wichtig es ist, sich mit ihnen zu beschäftigen. Denn in solchen Fällen wie diesen ist oft das einzige Heil des jüngeren die Möglichkeit, ein mitfühlendes Herz bei einem älteren Manne zu finden.

Es ist schwer, zu sagen, wie viel von dem enormen Aufwande an philanthropischen Bemühungen heutzutage, – von Frauen bei bedürftigen oder verwahrlosten Mädchen jeder Art, oder von Männern bei Knaben, die derselben Klasse angehören, – in den gleichen Zuneigungsgefühlen ihren Antrieb findet. Aber jedenfalls muss ihr Anteil ein sehr bedeutender sein. Ich bin überzeugt, dass die beste tätige Philanthropie, – eben weil sie so überaus persönlich und liebevoll, und nicht im mindesten förmlich oder selbstzufrieden auftritt, – eine starke Beimischung uranischen Empfindens in sich tragen muss. Und wenn man sich auch sagen muss, dass ein so vollkommen persönliches Einwirken eben deshalb den grössten Gefahren und Schwierigkeiten ausgesetzt ist, so besagt das nicht mehr, als was sich auch auf fast allen anderen Gebieten immer von dem Besten behaupten lässt.

Eros gleicht so manchen Unterschied aus. Vielleicht beruht eine ächte Demokratie fester als andere Formen auf einem Mitgefühle, das leicht die Schranken von Klassen und Kasten überschreitet und zwischen noch so weit von einander entfremdeten Ständen der Gesellschaft die innigsten Beziehungen knüpft. Es ist auffallend, wie oft Urninge von guter Stellung und Erziehung sich von rauhen Arbeitstypen angezogen fühlen, und dass auf solche Art recht dauerhafte Beziehungen zustande kommen, die, wenn auch nicht öffentlich anerkannt, doch entschieden bei sozialen Einrichtungen, Bräuchen und politischen Ansichten von Einfluss sind und das in noch weit höherem Masse sein würden, wenn man ihnen ein wenig mehr Spielraum und Verständnis bieten würde. Es sind mir Fälle bekannt (die man in gewöhnlichen kaufmännischen Kreisen kaum für möglich halten würde), in denen es den Chefs gelang, ihre Arbeiter, oder doch viele von ihnen, sehr persönlich an sich zu fesseln, und die bei ihrer Geschäftsführung die Sicherung der Existenz ihrer Angestellten mindestens eben so sorgsam im Auge hatten, wie ihre eigene; wogegen die letzteren, die das recht wohl fühlten, sich erkenntlich zeigten, indem sie ihr bestes einsetzten. Es wäre denkbar, auf diese Weise etwas wie die Gilden und Brüderschaften des Mittelalters wieder herzustellen, aber auf einer noch intimeren und persönlicheren Grundlage als in jenen Tagen. Und es fehlt in der Tat nicht an mancherlei Anzeichen dafür, dass eine solche Wiederherstellung gegenwärtig im Gange ist.

Die Briefe über Liebe und Arbeit, die Samuel M. Jones in Toledo, Ohio, an die Arbeiter der ihm unterstehenden Maschinenfabrik geschrieben hat, sind in dieser Beziehung von grossem Interesse. In ihnen weht ein Geist ausserordentlichen persönlichen Wohlwollens und Zutrauens gegen die Angestellten, das von den letzteren mit herzlichem Entgegenkommen aufgenommen wurde. Das ganze Unternehmen entwickelte sich mit bedeutendem Erfolge auf der Grundlage eines innigen und liebevollen Zusammenwirkens aller Beteiligten. Mr. Jones wurde Bürgermeister von Toledo; er starb allzufrüh im Alter von 53 Jahren. Man vergl. »Workshop Reconstruction«, von C. R. Ashbee..

Solche Vorgänge rechtfertigen wohl die Hoffnung, dass der uranische Geist noch etwas wie eine allgemeine Begeisterung für die Humanität herbeiführen wird, und dass die uranische Menschheit zu Vorkämpfern der grossen Bewegung bestimmt ist, die eines Tages unser gemeinsames Leben umformen wird, indem sie das Band von persönlicher Liebe und Mitgefühl an die Stelle der kapitalistischen, gesetzlichen und sonstigen Fesseln setzen wird, die unsere heutige Gesellschaft einschränken und binden. Dass die Uranier diese Aufgabe durchführen können, wird nur dann zu erwarten sein, wenn eine Empfänglichkeit für ihre Art zu lieben gleichzeitig im Herzen der ganzen Menschheit besteht, wenn auch nur als Keim, in unentwickeltem Zustande. Und modernes Denken und Forschen deuten scharf darauf hin, dass sie in dieser Form tatsächlich vorhanden ist.

Dr. E. Bertz macht in seiner interessanten Studie über Whitman, den er als eine stark homosexuell veranlagte Persönlichkeit schildert, Whitman: ein Charakterbild von Eduard Bertz. (Leipzig, Max Spohr.) den Einwurf, dass Whitman's Evangelium, die Kameradschaft sei ein Mittel zur sozialen Wiedergeburt, auf falschen Voraussetzungen beruhe, – weil (wie Dr. Bertz sagt) diese Offenbarung die Ausgeburt seiner eigenen Abnormität sei und daher nicht wohl von allgemeiner Gültigkeit sein oder gar allgemeine Begeisterung erwecken könne. Aber das heisst eigentlich, das zur Voraussetzung zu machen, was erst bewiesen werden soll. Whitman beharrt stets darauf, dass seine eigene Veranlagung normal sei, und seine Person den Durchschnittsmenschen darstelle. Und das mag zutreffen, auch bezüglich seiner uranischen Anlage, – die bei ihm allerdings eine ganz besondere Ausbildung fand, – dass die Keime dazu fast ganz oder selbst durchweg allgemein anzutreffen sind. Ist das nun der Fall, dann kann ja die Kameradschaft, auf die Whitman sein Evangelium zum grossen Teil stützt, mit der Zeit sich zu einer allgemeinen Begeisterung entwickeln, und die edleren Urninge der Gegenwart wären dann wirklich bestimmt, wie schon dargelegt, ihre Pioniere und Vorkämpfer zu sein. Und wie einer von diesen selbst gesungen hat:

So kommt es: ein Geschlecht so hehr,
Wie nie die Welt es sah, ersteht,
Mit Freiheitsglut im Herzen tief,
Die Augen hell vom Wissenslicht.

Es lebt das Volk, von Land zu Land,
In freier Freundschaft eng vereint.
In jedem Herzen schlägt der Puls
Der Einen grossen Brüderschaft. John Addington Symonds.

Nun wieder zur Sache. Durchaus nicht immer ist der Urning ein Träumer, wenn er auch meist empfindsamer Natur ist. Er zeigt sich manchmal ausserordentlich, ja überraschend praktisch; und solch ein Mann kann, wie das oft der Fall ist, seine Untergebenen in einem Geschäftsverbande zu einer wahrhaft enthusiastischen Hingabe an seine Person fesseln. Dasselbe trifft auch auf militärische Einrichtungen zu. Im Allgemeinen zwar hat der (männliche) Urning keine soldatischen Neigungen. Der Krieg mit seinen Gräueln und Roheiten hat nichts anziehendes für ihn. Jedoch finden sich hierbei Ausnahmen; und zu allen Zeiten hat es grosse Heerführer gegeben (wie Alexander, Caesar, Karl XII. von Schweden, oder Friedrich II. von Preussen, – ganz zu schweigen von den zeitgenössischen Beispielen), die hervortretende Züge des homogenischen Naturells an ihrer Person aufwiesen. Dazu gesellte sich eine wundervolle Gabe, mit rascher Verfügung die passende Anordnung zu treffen. Und über allem stand der liebevolle persönliche Anteil, den sie an ihren Truppen nahmen, mit dem sie eine Kampfeslust zu entflammen wussten, die ihre Heere nahezu unüberwindlich gemacht hat.

Das Vorkommen solcher grosser praktischer Fähigkeiten bei manchen Uraniern kann nicht geleugnet werden. Auch dies weist darauf hin, dass ihnen einst wertvolle Dienste bei der sozialen Neugestaltung zugewiesen sein werden. Allerdings ist es auffällig, dass die Politik (wenigstens im modernen Sinne des Wortes, in dem sie wesentlich Parteifragen und Regierungs-Sonderinteressen betrifft), ihnen in der Regel nicht zusagt. Die Persönlichkeit und die Liebe steht dabei zu fern, wenn sie nicht überhaupt ganz fehlt. Blosse »Ansichten« und »Fragen« sowie Parteihader sind für den männlichen Urning ein fremdes Element, ebenso wie sie es im allgemeinen für die normale Frau bleiben.

Finden wir nun bei dieser Klasse keine besondere Neigung zur Politik, so fällt es um so mehr auf, wie viele gekrönte Häupter von ausgesprochen homogenischem Temperamente waren. Nehmen wir z. B. die englischen Könige von der normannischen Eroberung an bis auf den heutigen Tag, so haben wir deren etwa dreissig. Und unter diesen waren drei, nämlich William Rufus, Edward II. und James I. in hohem Grade homosexuell und müssen als regelrechte Urninge bezeichnet werden. Einige andere, wie William III., hatten eine starke Beimischung des gleichen Temperamentes. Drei unter dreissig ist schon ziemlich viel, – zehn Prozent, – und wenn man bedenkt, dass Herrscher ihren Beruf im allgemeinen nicht selbst erwählen, sondern nur durch das Accidens ihrer Geburt in diese Stellung kommen, so erscheint dies Verhältnis gewiss merkwürdig. Bedeutet das etwa, dass der für das grosse Leben allgemein gültige Prozentsatz ein gleich hoher ist, und nur dann richtig zu erkennen wäre, wenn er unter die scharfe Beleuchtung käme, denen die Throne ausgesetzt sind? Oder liesse sich irgend eine Erklärung aufstellen, aus der man eine besondere Neigung von Herrschern zur Perversität verstehen könnte? Man hat vielfach erbliche Entartung angenommen. Aber selbst diese Theorie böte schwerlich eine befriedigende Darstellung der Tatsachen. Denn wenn sie auch auf James I. sehr wohl passen könnte, so würde sie sich doch wohl kaum auf William Rufus und William III. anwenden lassen, die jeder in seiner Art Männer von grossem Mute und persönlicher Kraft waren, – während es Eduard dem Zweiten in keiner Weise an Begabung fehlte.

Wenn auch das uranische Temperament zu Zeiten seine Besitzer befähigt hat, sich nicht nur in der Kunst oder der Erziehung, sondern auch im Kriegs- und im Verwaltungs-Wesen auszuzeichnen, und ihnen schätzenswerte Leistungen auf diesen Gebieten ermöglichte; so erscheinen sie doch vor allem berufen, sich da, wo das Herz mitzusprechen hat, besonders auszuzeichnen.

Man kann sich kaum ein menschliches Wesen vorstellen, das sich besser zu Dienstleistungen auf diesem Gebiete eignen würde. Denn wahrscheinlich vermag niemand all' jenen Wechselwirkungen, die sich im Leben zwischen dem männlichen und dem weiblichen Geschlechte abspielen, in der gleichen Weise Rechnung zu tragen und ihnen ein solches Verständnis entgegenzubringen, wie es jenen möglich ist. Die anmassende Sprödigkeit und Zurückhaltung der Damen, die rohe Aufdringlichkeit des Mannes, seine Gelüste, seine Rücksichtslosigkeiten, alle jene heimlichen Tränen, blutenden Herzen, Entsagung, Muttergefühl, Feinheit, Romantik, Engelsgeduld, – alles dies schlummert halb verborgen in der uranischen Seele, um im geeigneten Momente zum Ausdrucke zu gelangen. Und wenn es sich auch nicht immer zeigt, so liegt es doch bereit, um andre zu verstehen und verständlich zu machen. Es gibt in der Tat wenige Vorkommnisse bei bräutlicher Bewerbung oder in der Ehe, für die der Urning nicht ein instinktives Verständnis hätte; und es berührt seltsam, zu sehen, wie auch eine ungebildete Person dieser Art oft im Buche der Liebe zu lesen weiss, in Fällen, bei denen der normale Verstand von Mann oder Weib tastet, wie ein Kind im Dunkeln. (Damit soll natürlich nicht auf eine Ueberlegenheit im Charakter des ersteren angespielt werden. Damit ist nur gesagt, dass er mit seiner zwiefältigen Betrachtungsweise Dinge unterscheidet, die ein anderer nur einseitig aufzufassen vermag.)

Dass die Uranier nicht nur bei der Erziehung, sondern auch bei Herzensangelegenheiten und bei ehelichen Schwierigkeiten gern als Helfer und Führer zur Hand sind, das ist allen denen wohl geläufig, die sie kennen. Häufig machen sie die Erfahrung, dass hier ein Mann, dort eine Frau sie um Rat bittet, wo die ehelichen Verhältnisse unbefriedigende oder unglückliche sind. Nicht etwa, dass die Ratsuchenden irgend etwas von der manischen Natur des Betreffenden wüssten, sondern nur, weil sie instinktiv herausfühlen, dass sie bei ihm ein lebhaftes Mitgefühl finden werden und ein Verständnis für ihre Art die Sache aufzufassen. Und so wird es oft die Schickung des Uraniers, selbst unerkannt, allen, mit denen er zu tun hat, zu glücklicheren Tagen und besserem gegenseitigen Einvernehmen zu verhelfen. Häufig auch wird er zum Vertrauten junger Geschöpfe beiderlei Geschlechts, die sich in den Banden der Liebe oder Leidenschaft verstrickt haben, und nicht wissen, an wen sie sich um Hilfe wenden sollen.

Unter allen Diensten, die der Urning für die Gesellschaft leistet, wird man wohl die auf Lösung der Probleme der Liebe und des Herzens gerichteten als die bedeutendsten anerkennen müssen. Wenn einst der Tag kommen wird, an dem die Liebe endlich ihre rechtmässige Stellung einnehmen wird als bindende und leitende Macht in der Gesellschaft (in der heute noch der Mammon herrscht), und wenn unter der neuen Führung die Gesellschaft sich zu höheren Formen ausbildet, dann wird den edleren Arten des Urnings, die wohlvorbereitet sind zu diesem Dienste durch lange Erfahrung und Hingabe, und auch durch manches erduldete Leiden, – eine wichtige Rolle bei dieser Umwandlung zufallen. Denn dass der Urning in seinem Leben die Liebe über alles stellt, und neben ihr bei ihm alle jene anderen Motive im Hintergrunde stehen, die, wie die Geldgier, geschäftlicher Erfolg oder Ehrgeiz, in der Laufbahn der meisten Menschen einen so grossen Raum einnehmen, – das ist eine Tatsache, die jedem geläufig ist, der sie kennt. Damit ist wenig oder nichts gesagt zu gunsten solcher Leute dieser Art, die nur eine niedere oder frivole Liebe kennen. Aber jene anderen, die Gott in seinem wahren Lichte erkennen, die dienen ihm in echter Herzenseinfalt und ringen sich unablässig empor zur Stellung der natürlichen Führer der Menschheit.

Aus dieser Tatsache – nämlich, dass diese Leute so hoch von Dingen des Herzens denken –, und ferner daraus, dass ihre Beziehungen und Freundschaften gleichsam unter der Oberfläche der Gesellschaft geschlossen und fortgeführt werden, und deshalb bis zu einem gewissen Grade frei sind von den Einmischungen und der Aufsicht von Madame Grundy Mrs. Grundy personifiziert im Englischen die gemeine Meinung, – unterm Spitzenhäubchen. (Anm. des Uebersetzers.) – ergeben sich einige interessante Folgerungen.

Erstens drängt sich beständig die Frage auf, wie die Gesellschaft sich wohl gestalten würde, wenn sie ganz frei wäre: welche Formen sie für die Liebe und Ehe wählen würde, wenn die gegenwärtigen Beschränkungen und Förmlichkeiten dabei beseitigt oder doch wesentlich abgeändert würden. Zur Zeit mischen sich in diese Angelegenheiten das Gesetz, die Kirche und ein starker Druck von seiten der gemeinen Meinung ein und erzwingen die Beobachtung gewisser Formen. Es ist schwer zu sagen, wie vieles von der bestehenden Ordnung auf unbeeinflussten Instinkten der menschlichen Natur, oder auf dem gesunden Menschenverstande beruhe, und wie viel davon nur auf äusserem Zwange und fremden Eingriffen. Zum Beispiel, ob die Monogamie etwas Natürliches oder etwas willkürlich Geschaffenes sei. In welchem Grade die Ehen sich dauerhaft erweisen würden, wenn das Gesetz sie nicht dazu nötigen würde. Welche rationellen Gesichtspunkte bei der Scheidung massgebend sein sollten. Ferner, ob die Eifersucht notwendig ein Begleiter der Liebe sein müsse; und so fort. Solche Fragen stehen beständig auf der Tagesordnung, immer und immer wieder. Nicht selten lautet die Antwort darauf recht pessimistisch.

Ein gewisser Grad von Freiheit (natürlich ein noch unzulänglicher) hat sich bereits in den Urninggesellschaften eingeführt. Unter der Oberfläche der grossen Gesellschaft, und daher nur in geringem Masse von ihren Gesetzen und Bräuchen beeinflusst, werden Verbindungen eingegangen und unterhalten, gewechselt oder gebrochen, mehr dem inneren Bedürfnisse entsprechend als unter dem Drucke äusserer Verhältnisse. So bieten diese Gesellschaften eine Gelegenheit, völlig frei gebildete menschliche Gruppierungen zu sehen und zu beobachten, die einem in der gewöhnlichen Welt sonst nicht wiederbegegnet. Und die Ergebnisse sind ebenso interessant wie ermutigend. In der Regel kann man wohl sagen, dass diese Bündnisse auffallend dauerhaft sind. An Stelle von jenem »allgemeinen Kladderadatsch«, den manche guten Leute für den Fall zu erwarten scheinen, dass die Zügel des Gesetzes gelockert würden, findet man (natürlich mit Ausnahme weniger Einzelfälle), dass Gemeinsinn, Treue und eine entschiedene Neigung zur Beständigkeit vorherrschen. Trotzdem geht im gewöhnlichen Leben der Zweifel so weit, dass manche heutzutage noch nicht an die Möglichkeit einer lebenslänglichen Ehe glauben. Und doch ist etwas Derartiges unter Urningen, wie man wohl sagen kann, ganz gewöhnlich und wohl bekannt. Es gibt gewiss nur wenige unter ihnen, die an eine solche Möglichkeit nicht glauben.

Immer und überall hat es in Betreff der Eifersucht grosse Meinungsverschiedenheiten gegeben; inwieweit die Eifersucht ein allgemeiner natürlicher Instinkt sei, oder in welchem Masse sie ein Produkt sozialer Anschauungen, insbesondere des Eigentumsbegriffes, sei, und so fort. Bei der gewöhnlichen Ehe ist sie in der letzteren Form gewiss ein Faktor von grosser Bedeutung. Aber in den Urningsgesellschaften kommt diese Art Eifersucht kaum zum Vorschein oder zur Wirksamkeit. So geben die letzteren uns Gelegenheit, Bedingungen kennen zu lernen, unter denen nur eine natürliche und instinktive Eifersucht bestehen kann. Diese nun findet man wohl bei den Urningen, – manchmal unmässig und heftig, manchmal in stillerer Form und fast nicht zu bemerken. Sie scheint fast nur von der persönlichen Eigenart abzuhängen, und man kann sich der Einsicht nicht verschliessen, dass sie, wenn sie auch häufig und weitverbreitet besteht, doch keineswegs unbedingt notwendig die Begleiterin der Liebe sein muss. Es gibt Urninge (sowohl männliche wie weibliche), die in dauernder Verbindung leben und gegen kleinere Freundschaften auf beiden Seiten keinen Einwand erheben, die bei anderen im gleichen Falle auf lebhaften Widerspruch stossen würden.

Wir können daraus wohl schliessen, dass etwas ähnliches auch auf die gewöhnliche Ehe zutreffen mag (und zutrifft), wenn man die Eigentumsbegriffe und die damit verknüpfte Eifersuchtsform ausschaltet. Immerhin ist die Neigung, Beziehungen zu zweien mehr oder weniger dauernd zu gestalten, beim Mittelgeschlechte eine sehr starke, und man darf daraus schliessen, dass sie auch bei normalen Menschen nicht minder stark ist.

Fassen wir nun die Prostitution ins Auge. Dass vereinzelte Fälle von Natur aus zu dieser neigen, kann man bei den Urningsgesellschaften beobachten. Aber hier nimmt die Prostitution nicht den bedeutenden Raum ein wie bei der normalen Welt, einerseits, weil die gesetzliche Zwangsehe hier nicht besteht, und dann, weil die Prostitution auf einem Gebiete, wo die Verbindungen freie sind und für die Freundschaft ein offenes Feld besteht, naturgemäss wenig Sinn hat und keine Aussicht, daneben aufzukommen. Daraus ergibt sich, dass die Freiheit bei der Verbindung und Ehe in der gewöhnlichen Welt mit aller Wahrscheinlichkeit zu einer starken Abnahme oder auch zum völligen Verschwinden der Prostitution führen müsste.

So und in ähnlicher Art bietet uns die uranische Welt, kraft ihrer freien Selbstgestaltung und ihrer Unabhängigkeit von äusserlichen Gesetzen und Einrichtungen, einen Wegweiser und einen wahrhaft hoffnungsfreudigen Führer in die Zukunft. Und damit wird es auch verständlicher, warum so mancher überzeugt ist, dass die höheren Urninge bei der sozialen Umgestaltung der Zukunft eine so bedeutende Rolle zu spielen haben werden.

Ich muss bei diesen Folgerungen, die sich aus der Beobachtung jener rein freiwilligen und verhältnismässig unabhängigen Verbindungen ergeben, noch bemerken, dass ich keineswegs beabsichtige, allgemein den Institutionen und Formen entgegenzutreten. Ich glaube, dass die uranische Liebe unzweifelhaft eben an dem Mangel klarer Anschauungen und Grundsätze leidet. Und wenn es auch gegenwärtig für sie das beste sein mag, keinen törichten und aufdringlichen Verordnungen zu unterstehen, so wird sie doch in Zukunft ihre mehr oder weniger bestimmten Grundsätze und Ideale zu entwickeln haben, ganz wie die normale Liebe. Wenn man bedenkt, wie die gewöhnlichen Beziehungen der Geschlechter zu leiden hätten, wenn es mit Bezug auf sie keine allgemein anerkannten Regeln des Verhaltens und der Ehre gäbe, dann erkennt man in der Tat, dass verständige Formen und Einrichtungen von Nutzen sind, und man möchte sich fast darüber wundern, dass die Urningskreise so gut geleitet sind, wie es bei ihnen der Fall ist.

Ich habe bereits erwähnt, dass der uranische Mann in seinem Leben die Liebe über den Gelderwerb stellt, über den Geschäftserfolg, den Ruhm und andere Motive, die den normalen Mann beherrschen. Ich bin überzeugt, dass er eben so gewiss im allgemeinen die Liebe auch über die Begierde stellt. Dass dies auch für den normalen Mann gilt, möchte ich nicht mit Gewissheit behaupten, wenigstens nicht bei dem gegenwärtigen Stande unserer Entwicklung. Es ist fraglich, ob im allgemeinen bei dem letzteren nicht die bloss physische Anziehung das überwiegende Motiv ist. Wie ungern auch zumeist die Welt den Dingen Glauben schenkt, die hier erörtert werden müssen, und wie zäh sich die gang und gäben Missverständnisse über diesen Punkt noch erhalten, so trifft doch meines Erachtens die Auffassung zu, dass der uranische Mann dem normalen in dieser Hinsicht überlegen ist, nämlich mit Bezug auf sein Liebesempfinden, das sanfter, gefühlvoller, massvoller ist, und mehr eine Angelegenheit des Herzens als die jener bloss physischen Befriedigung, wie beim gewöhnlichen Manne. Vergl. Anhang. Dies alles ergibt sich naturgemäss aus dem Vorkommen weiblicher Elemente in ihm, und ihrer Mischung mit den übrigen Bestandteilen seiner Natur. Man sollte das eigentlich schon a priori annehmen, und jeder, der nur einige Anschauung von der uranischen Welt gewonnen hat, wird es bestätigt finden. Charakter und Gewohnheiten des Urnings werden zumal deshalb so häufig verkannt, weil man ihn mit dem gewöhnlichen Wüstling verwechselt, der von Natur normal veranlagt, nur aus Triebüberspannung und ähnlichen Motiven homosexuelle Gewohnheiten annimmt. Aber dieser Fall wurde schon oben zur Genüge beleuchtet. Wenn man einmal zugesteht, dass das Wesen der uranischen Liebe lauter, und im Grunde human und natürlich ist, dann wird der Wert der Stellung des Urnings in der Gesellschaft, und der sozialen Leistungen, zu denen er berufen ist, gleichfalls anerkannt werden müssen.

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