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Das Mittelgeschlecht

Edward Carpenter: Das Mittelgeschlecht - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorEdward Carpenter
titleDas Mittelgeschlecht
publisherErnst Reinhardt, Verlagsbuchhandlung
printrun2. unveränderte Auflage
yearo.J.
firstpub
translatorL. Bergfeld
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140909
projectid7b69044f
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II. Das Mittelgeschlecht

»Männliche und weibliche Urninge, auf deren Lebensbuch die Natur ihr neues Wort geschrieben hat, das uns so seltsam klingt, tragen so viel Sturm und Drang in sich, ein solches Gähren und Werden, so mannigfache Elemente, die erst kommenden Zeiten offenbar werden können. Ihre Individualitäten sind so reich und vielseitig und doch noch so wenig verstanden, dass es unmöglich ist, in wenigen Sätzen eine angemessene Charakteristik von ihnen zu geben.«

Otto de Joux.

 

In den jüngsten Jahren (zumal seit dem Erscheinen der »Neuen Frau« unter uns), hat sich manches in den Beziehungen von Mann und Weib zu einander geändert; das Verhältnis hat sich in jeder Weise geklärt. Der zunehmende Sinn für Gleichheit in Gewohnheiten und Gebräuchen, – Universitätsstudium, Kunst, Musik, Politik, Radfahren u. s. w. –, alledies hat eine Annäherung zwischen den Geschlechtern herbeigeführt. Wenn die moderne Frau in mancher Weise ein wenig männlicher auftritt, als ihre Vorgängerin, so ist der moderne Mann (wie man wohl hoffen darf) zwar keineswegs weibisch, wohl aber ein wenig gefühlvoller und mehr künstlerisch in seinem Empfinden als der ursprüngliche John Bull geworden. Man beginnt einzusehen, dass die Geschlechter normaler Weise nicht zwei hoffnungslos von einander geschiedene Gruppen bilden oder bilden sollten, getrennt durch ihre Gewohnheiten und ihre Empfindungsweise, – sondern dass sie vielmehr die zwei Pole einer einzigen Gruppe, der Gattung »Mensch«, darstellen. Wenn daher auch die Unterschiede an den äussersten Polen weit auseinandergehen mögen, so gibt es doch in den dazwischen liegenden Regionen eine grosse Anzahl Menschen, die zwar körperlich als Männer und Frauen bezeichnet werden müssen, aber dennoch in ihren inneren Regungen und Temperamenten einander sehr nahe stehen Vergl. Anhang. Wir alle kennen Frauen mit einem starken Anstrich von männlichem Wesen, und wir alle kennen Männer, deren beinahe weibliche Empfindsamkeit und Erratungsgabe ihre körperliche Form Lügen zu strafen scheinen. Es ist fast, als ob die Natur, da sie die Elemente mischte, aus denen sie jedes Einzelwesen zusammensetzt, sich nicht genau an ihre zwei Gruppen von Zutaten gehalten hätte, – mit denen ich die zwei Geschlechter vergleiche, – die eigentlich getrennt stehen. Oft wirft sie sie kreuzweise auf beinah launenhafte Weise durcheinander, einmal hierher, einmal dorthin. Und doch müssen wir eine solche Verteilung als weise achten, denn wenn immer eine strenge Scheidung der Elemente aufrecht erhalten würde, so müssten die beiden Geschlechter bald in ferne Weiten auseinandertreiben und gänzlich aufhören, einander zu verstehen. In der Tat finden wir oft beachtenswerte und (unseres Erachtens) notwendige Charaktertypen, bei denen ein derartiges Beieinanderwohnen oder Gleichgewicht von weiblichen und männlichen Eigenschaften stattfindet, dass diese Menschen in hohem Masse geeignet sind, ein tieferes Verständnis zwischen Mann und Weib herzustellen.

Auch in einem anderen Punkte haben wir neuerdings klarer sehen gelernt. Mit der fortschreitenden Erkenntnis, dass die Geschlechter in gewissem Sinne eine Reihe ununterbrochener Uebergänge bilden, begann man einzusehen, dass Liebe und Freundschaft, – die man so oft als verschiedenartige Dinge einander gegenübergestellt hat, – in Wirklichkeit nahe mit einander verwandt sind und mit unmerklich feinen Schattierungen in einander übergehen. Die Frau beginnt zu fordern, dass die Ehe nicht nur Leidenschaft, sondern Freundschaft bedeuten solle; dass eine kameradschaftliche Gleichheit mit dem Worte »Liebe« verknüpft sein müsse. Es ist bekannt, dass zwischen dem einen Extrem der »Platonischen« Freundschaft (wie sie meist zwischen Personen desselben Geschlechtes vorkommt), und dem andern Extrem, der leidenschaftlichen Verliebtheit (die gewöhnlich zwischen Personen entgegengesetzten Geschlechtes auftritt), an keinem Punkte eine feste und bestimmte Linie gezogen werden kann, die tatsächlich die verschiedenen Arten der Zuneigung zu trennen vermöchte. Wir wissen in der Tat von Freundschaften so romantisch und schwärmerisch, dass sie in Liebe übergehen; wir finden die Liebe so seelenvoll und so durchgeistigt, dass sie kaum in der Sphäre der Leidenschaft wohnen mag.

Eine flüchtige Ueberlegung zeigt, dass die oben dargelegten allgemeinen Ideen – sofern sie der Wirklichkeit nahe kommen – eine unermessliche Mannigfaltigkeit der menschlichen Temperamente und Charaktere mit Bezug auf Geschlecht und Liebe bezeichnen. Aber obgleich solche Unterschiede wahrscheinlich schon von jeher bestanden haben, sind sie erst in verhältnismässig neuer Zeit ein Gegenstand planmässiger Forschung geworden.

Indessen schon vor mehr als dreissig Jahren lenkte ein österreichischer Schriftsteller, K. H. Ulrichs, in einer Reihe kleiner Schriften (Memnon, Ara Spei, Inclusa etc.) die allgemeine Aufmerksamkeit auf das Dasein einer Menschenklasse, die einen starken Beleg für die obigen Bemerkungen bietet, und auf die sich insbesondere die vorliegende Abhandlung bezieht. Er stellte fest, dass gewisse Menschen von Geburt aus eine solche Stellung einnehmen – gleichsam auf der Grenzlinie zwischen den Geschlechtern –, dass sie nach ihrer körperlichen Beschaffenheit offenbar dem einen Geschlechte angehören, und dennoch die Seele und die Triebe vom anderen besitzen. Dass es z. B. Männer gebe, von denen man sagen könne, dass sie eine weibliche Seele in einem männlichen Körper einschlössen (anima muliebris in corpore virili inclusa). In anderen Fällen passe die umgekehrte Definition ebenso auf ein Weib. Und er vertrat die Ansicht, dass diese Zwiefältigkeit der Natur wesentlich bedingt sei durch eine besondere Richtung ihres Liebesempfindens. Denn in solchen Fällen suche, wie auch zu erwarten sei, die augenscheinlich männliche Person eine romantische Freundschaft mit einer anderen vom gleichen Geschlechte herbeizuführen, anstatt ein Liebesband mit einem Weibe zu knüpfen. Ebenso wünsche ein dem Körper nach weibliches Wesen, anstatt auf gewöhnliche Art zu heiraten, sich der Liebe eines anderen Weibes zu weihen Weiteres über Ulrichs und seine Theorien vergl. Anhang.

Leute dieser Art (d. h. solche mit dieser besonderen Abart des Liebesempfindens) nannte er Urninge Von Uranos, Himmel; wegen seiner Vorstellung, dass die Urningsliebe von höherer Art sei als die gewöhnlichen Zuneigungen.. Wir brauchen uns nicht seiner Theorie anzuschliessen über den kreuzweisen Zusammenhang von Seele und Körper, denn bestenfalls sind diese Worte doch ein wenig leer und unbestimmt. Aber sein Werk hat Bedeutung als einer der ersten Versuche in neuerer Zeit, eine Erscheinung festzustellen, die man als das Mittelgeschlecht bezeichnen könnte, und auf alle Fälle irgend eine Erklärung dafür zu geben. Charles G. Leland (»Hans Breitmann«) beschäftigt sich in seinem Buche »The Alternate Sex« (Wellby 1904) vielfach mit der häufigen Verbindung der seelischen Merkmale beider Geschlechter bei hervorragenden Männern und Frauen. Ein Kapitel daraus handelt von dem »Weiblichen Sinne beim Manne«, und ein anderes vom »Männlichen Intellekt beim Weibe.«

Seit jener Zeit ist dieses Gebiet eingehend untersucht worden. Wissenschaftliche und sonstige Schriften sind darüber veröffentlicht worden, besonders auf dem Kontinent (wovon man allerdings in England verhältnismässig wenig Kenntnis besitzt). Sowohl durch die ausgiebige Beobachtung aktueller Fälle, als auch durch die indirekten Zeugnisse der Geschichte und der Literatur vergangener Zeiten, ist man bereits zu einem wahren Kodex von allgemeinen Schlussfolgerungen gelangt, die ich auf den folgenden Blättern kurz zu berücksichtigen gedenke.

Entgegen der gewöhnlichen Auffassung besteht eines der ersten Ergebnisse dieser Untersuchungen darin, dass Urninge, oder Uranier, keineswegs so sehr selten sind, sondern unter der Oberfläche der Gesellschaft eine grosse Klasse bilden. Es bleibt indessen schwierig, eine zuverlässige Feststellung ihrer Anzahl zu bekommen. Dafür besteht mehr als ein Grund. Zunächst haben diese Leute in Ermangelung eines allgemeinen Verständnisses für ihre Lage die Neigung, ihre wahren Gefühle vor jedem ausser ihresgleichen zu verbergen, und sind oft vorsätzlich bestrebt, die Welt darüber irre zu führen. – (So kommt es oft vor, dass ein normaler Mann in einer bestimmten Gesellschaft lebt und es nicht für möglich halten würde, dass ein einziger Urning in diesem seinem Bekanntenkreise zu finden sein könne, während einer der letzteren, oder einer, der die Sache versteht, und in derselben Gesellschaft verkehrt, gleich ein Dutzend oder mehr daraus herzählen könnte.) – Ferner ist ihre Anzahl zweifellos nicht überall die gleiche; sie variiert in den verschiedenen Ländern, ja auch in den verschiedenen Klassen ein und desselben Volkes. Die Folge davon ist, dass die verschiedenen hierfür aufgestellten Schätzungen sehr weit von einander abweichen. Ein wohlbekannter deutscher Schriftsteller, Dr. Grabowsky, kommt zu dem (nach unserer Ansicht zu weit gehenden) Resultate, dass jeder zweiundzwanzigste Mann ein Urning sei, während Dr. Albert Moll (Die konträre Sexualempfindung, Kap. 3) ihr Vorkommen auf je einen unter 50 bis zu 500 Normalsexuellen beziffert. Nach neueren Feststellungen (vergl. Statistische Untersuchungen von Dr. M. Hirschfeld, Leipzig 1904), ergeben sich 1,5 bis 2,0 Prozent als die wahrscheinlichste Verhältniszahl. Man vergl. auch hierunter Anh., p. 136-138. Diese Angaben beziehen sich jedoch nur auf Menschen, die ausschliesslich das besagte Naturell haben, d.h. solche, deren tiefste Liebes- und Freundschaftsgefühle allein nur auf Personen ihres eigenen Geschlechtes gerichtet sind. Wenn man zu diesen nun noch jene zwiefältig veranlagten Menschen hinzurechnen will (die in grosser Anzahl vorkommen), die zwar im allgemeinen normal lieben, daneben aber doch in wechselndem Masse gleichgeschlechtlichen Neigungen zugänglich sind, so muss die Schätzung noch beträchtlich höher angenommen werden.

Noch eine zweite neuere Feststellung widerspricht der landläufigen Meinung. Es zeigt sich nämlich, dass Männer und Frauen von der ausgesprochen urningischen Art durchaus keineswegs immer irgendwie krankhaft zu nennen sind, wenn nicht etwa die Gemütsanlage selbst als krankhaft bezeichnet werden sollte. Früher hielt man es einfach für selbstverständlich, dass diese Erscheinungen nur die Folge von Krankheit und Entartung seien. Aber bei genauerer Betrachtung der wirklichen Tatsachen fällt es im Gegenteil auf, dass viele solche Menschen durchaus gesunde Vertreter ihres Geschlechtes sind, von kräftiger Muskulatur, wohlproportioniertem Körperbau, von mächtiger Geisteskraft, von hochentwickelten Umgangsformen, und mit keiner irgendwie erkennbaren abnormen oder krankhaften Eigenschaft ihrer physischen Persönlichkeit. Das trifft natürlich nicht auf jeden zu. In einer gewissen Anzahl Fälle wird man auch schwächlichen Gestalten begegnen, bei denen der Nervenleidende nicht zu verkennen ist. Doch es ist beachtenswert, dass die modernen Autoren sich bei diesen letzteren weit weniger aufhalten, als das früher zu geschehen pflegte. Ebenso wichtig ist die nunmehr allgemein anerkannte Feststellung, dass selbst bei den gesundesten Vorkommnissen jene besonderen Triebrichtungen der Zuneigungsgefühle beim »Mittelgeschlechte« in der Regel unzerstörbar fest wurzeln. Das gilt in solchem Masse, dass, wenn derartige Männer und Frauen (wie das häufig vorkommt) sich aus sozialen oder anderen Rücksichten dazu gezwungen haben, zu heiraten und Kinder zu erzeugen, sie dennoch nicht im Stande sind, ihren ursprünglichen Trieb zu überwinden, und auch dann noch ihr Lebensband mit einem Freunde ihres eigenen Geschlechtes fortsetzen müssen.

Obgleich dieses Thema im allgemeinen offenbar von hervorragendem Interesse und Bedeutung ist, hat man es hierzulande, wie ich schon erwähnt habe, noch keineswegs entsprechend beachtet. Das hat seinen Grund wohl darin, dass ein vielleicht erklärliches Uebermass von Zweifel und Misstrauen derartige Materien gern umgibt. Gewiss wäre das verständlich, wenn Männer und Frauen mit den beregten angeborenen Neigungen nur ausserordentlich selten vorkämen. Aber es wäre auch in diesem Falle nicht eben schön, sie einfach zu ignorieren. Dann wäre man vielleicht berechtigt, sich in grösserer Kürze damit zu befassen. Da nun aber diese Klasse in Wirklichkeit nach zuverlässiger Ermittlung recht zahlreich ist, so erwächst aus dieser Erkenntnis für die Gesellschaft die Verpflichtung, nicht nur sie verstehen zu lernen, sondern ihnen auch zu einem Verständnisse ihrer selbst die Hand zu bieten.

Denn es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass in vielen Fällen Menschen dieser Art recht viel um ihrer Neigungen willen zu leiden haben – während es doch möglich wäre, sie bei der Entwicklung des Menschengeschlechtes eine wertvolle Rolle spielen zu lassen. Wer da fühlen kann, was Liebe heisst, jene Hingabe des Herzens, so tief, so überwältigend, so geheimnisvoll, so gebieterisch, und immer gerade bei den edelsten Naturen so gewaltig, der kann nicht verkennen, wie hart, wie tragisch geradezu das Schicksal derer sein muss, deren tiefstes Empfinden von Urzeit her bestimmt ist, nur ein Rätsel, ein Stein des Anstosses zu sein, unbegreiflich für sie selbst, und von ihren Mitmenschen mit Schweigen übergangen. Vergl. z. B. Anhang. Menschen mit solchem Temperament als »krankhaft« u. s. w. zu bezeichnen, das hat keinen Sinn. Es klingt in der Tat absurd, ein derartiges Wort anzuwenden auf so manchen, der zu den Tatkräftigsten zählt, zu den liebenswürdigsten und geachtetsten Mitgliedern der Gesellschaft. Das würde auch überhaupt keine Lösung des Problems bedeuten, sondern nur dazu dienen, einen Mitmenschen zu verunglimpfen, der ohnehin schon mit den grössten Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Dr. Moll sagt: »Jeder, der vielfach Urninge gesehen hat, wird wahrscheinlich zugeben, dass sie eine nichts weniger als schwächliche Art Menschen sind; im Gegenteil, man findet stattliche Persönlichkeiten von gesundem Aussehen unter ihnen.« Aber schon im nächsten Satze führt er aus, wie unsäglich sie zu leiden haben von der Art und Weise, mit der man sie beurteilt. In dem Manifest einer ansehnlichen Gemeinde von solchen Leuten in Deutschland finden wir folgende Worte: »Die Sonnenblicke in der Nacht unseres Daseins sind so selten, dass wir tief dankbar und erkenntlich sind für jede kleinste Kundgebung, für jede einzelne Stimme, die auf dem Forum der Oeffentlichkeit zu unseren Gunsten spricht. Vergl. De Joux, Die Enterbten des Liebesglückes Leipzig 1893, p. 21.

Wenn man sich nun mit dieser Menschenklasse beschäftigt, stösst man unleugbar auf recht schwierige Aufgaben, aber ich meine, man sollte dieselben schon aus diesem Grunde zur Besprechung bringen. Nichts wäre verfehlter, als die Annahme, dass ihre Liebe immer geschlechtlicher Natur sein und mit geschlechtlichen Handlungen verknüpft sein müsse. Sie sind im Gegenteil (was sich in reichem Masse offenbart hat) oft lediglich in ihrem Gemüte erregbar. Und es hiesse den Uraniern grosses Unrecht tun, wenn man (wie das leider häufig vorkommt) sie mit Wüstlingen vergleichen wollte, die bei ihrer Selbstbefriedigung kein anderes Gesetz als das Raffinement kennen. Immerhin ist es einleuchtend, dass ihre besondere Neigung ihnen wohl manchmal Schwierigkeiten bereiten kann mit Rücksicht auf ihre geschlechtlichen Beziehungen. Darauf brauchen wir hier nicht weiter einzugehen. Aber wir können wohl hervorheben, wie bitter es sein muss, besonders für die jüngeren unter ihnen, dass ein Schleier von undurchdringlichem Schweigen sich über diese Dinge breiten solle, der die schmerzlichsten Missverständnisse bedingt, der den Sinn verdreht und verwirrt; – wer wird ihnen den Weg weisen; wer versteht die einsamen und wirklich furchtbaren inneren Kämpfe, die sie wohl bestehen müssen! Wenn das Problem ein schwieriges ist – wie es unzweifelhaft der Fall ist –, wie schwer muss dann erst die Lage derer sein, die es an ihrer eigenen Person erfahren müssen, die darum leiden müssen, während die Gesellschaft ihnen zu alledem jede Hilfe verweigert. Aus diesen Erwägungen, und, um ein wenig Licht an eine Stelle zu bringen, da es wohl von Nöten sein mag, erschien es mir angezeigt, auf diesen Blättern schlicht einige allgemeine Kennzeichen der mittleren Geschlechter zu geben.

Wie bereits erwähnt wurde, sind die hier in Frage kommenden Personen nach ihrer körperlichen Beschaffenheit in der Regel in keiner Weise vom normalen Manne und Weibe zu unterscheiden. Aber betrachten wir ihre seelischen Eigentümlichkeiten, so stimmen fast alle Angaben darin überein, dass der Mann zu einer mehr sanften, gemütvollen Anlage neigt, und dass seine vorherrschenden Schwächen, wo solche zu finden sind, meist in der Richtung einer gewissen Feinheit, List, Aengstlichkeit, Eitelkeit u.s.w. zu suchen sind. Beim Weibe dagegen finden wir die entgegengesetzten Eigenschaften: sie zeigt sich feurig, tatkräftig, kühn und gerade heraus in ihrem Wesen, während sie zu ihrem Nachteil gern in eine gewisse Schroffheit und Rauhheit verfällt. Ferner ist die Auffassungsweise des ersteren gewöhnlich mehr gefühlsmässig, mehr vom Instinkte geleitet, von einer mehr oder weniger künstlerischen Empfindung. Letztere dagegen urteilt logisch schärfer, wissenschaftlicher, präziser als man es von einem Weibe gewöhnlich erwartet. Derartige allgemeine charakteristische Merkmale findet man in der Tat so scharf ausgeprägt, dass es häufig möglich ist, mit ihrer Hilfe (wenn auch das Mittel kein unfehlbares ist) das Naturell des Knaben oder Mädchens schon in der Kindheit zu erkennen, noch ehe es sich völlig entwickelt hat. Es ist überflüssig, hervorzuheben, dass die Möglichkeit einer solchen Erkenntnis oft von höchster Bedeutung sein kann.

Wahrscheinlich auf Grund der Beobachtung dieser Anzeichen hat K. H. Ulrichs seine Theorie aufgestellt. Und wenn sich dieselbe, wie schon erwähnt, auch durchaus nicht mit allen Tatsachen deckt, so ist sie darum nicht ohne Verdienst und hat wohl Anspruch auf eine dauernde Beachtung.

Beispielsweise in dem Falle einer Frau mit dieser Gemütsanlage (die wir als eine männliche Seele in einem weiblichen Körper definieren können) macht es uns diese Theorie möglich, zu begreifen, wie dieselbe sich bona fide in ein anderes Weib verlieben kann: Krafft-Ebing beschreibt Psychopathia Sexualis, 7. Aufl., p. 276. die Geschichte einer Dame (A.), 28 Jahre alt, die sich in eine jüngere (B.) rasend verliebte. »Ich liebte sie übermenschlich«, sagte sie. Sie wohnten zusammen, und diese Gemeinschaft währte vier Jahre, bis sie infolge der Heirat der B. abgebrochen wurde. A. verfiel nun daraufhin in eine furchtbare Gemütsverstimmung, bis sie sich zuletzt entschloss, selbst zu heiraten, obgleich sie keine wahre Liebe fühlte. Nun aber verschlimmerte sich ihr Seelenzustand immer mehr. Zuletzt erkrankte sie infolgedessen ernstlich. Die herbeigerufenen Aerzte erklärten, dass Besserung eintreten werde, sobald sie nur ein Kind haben könne. Der Gatte, der sein Weib aufrichtig liebte, konnte ihr rätselhaftes Benehmen nicht begreifen. Sie war freundlich gegen ihn, duldete seine Zärtlichkeiten, aber blieb danach Tage lang »verstimmt, erschöpft, gequält von Rückenmarksbeschwerden, und nervös.« Da fand gelegentlich einer Reise des Ehepaares ein Wiedersehen mit der ehemaligen Busenfreundin statt, die nun seit drei Jahren verheiratet war, und zwar ebenfalls unglücklich. »Beide Damen zitterten vor Freude und Aufregung, als sie einander in die Arme fielen, und seitdem blieben sie unzertrennlich. Den Mann mutete diese Freundschaft höchst befremdlich an, und er beeilte sich, abzureisen. Zufällig fand er eine Gelegenheit, sich aus der Korrespondenz seiner Frau mit ihrer ›Freundin‹ zu überzeugen, dass ihre Briefe in nichts von denen Verliebter unterschieden waren.«

Es scheint, dass solche Liebe zwischen Frauen oft sehr tief wurzelt und (ebenso wie bei den männlichen Urningen) von lebenslänglicher Dauer ist. Vergl. Anhang. Beide Klassen empfinden ihre Liebe, wenn sie glücklich ist, als einen wahren Segen. Und doch ist es für manche höchst schmerzlich, dass sie – eben infolge ihrer besonderen Triebrichtung – nicht in der Lage sind, eine Familie zu gründen, wie lieb ihnen auch Kinder sein würden.

Wir haben uns nun bisher darauf beschränkt, einige sehr allgemeine Charakteristika des Mittelgeschlechtes anzudeuten. Das kann dazu beitragen, unsere Vorstellungen klarer und bestimmter zu gestalten, wenn wir nun mit der Beschreibung mehr ins Einzelne gehen. Beginnen wir mit den extremen und sozusagen übertriebenen Vertretern der Art, um dann zu den mehr normalen und vollkommenen Typen zu gelangen. Auf diesem Wege lässt sich eine bestimmtere und plastischere Anschauung unseres Gegenstandes gewinnen.

Zunächst nun also die extrem Veranlagten. Wie das meistens auf Extreme zutrifft, sind sie nicht besonders anziehend, ja oftmals das gerade Gegenteil davon. Bei Männern dieser Art finden wir einen entschieden weibischen Ausdruck, sie sind sentimental, schmachtend, geziert in Wesen und Manieren, ein wenig von einer Klatschbase, geschickt mit der Nadel und bei Frauenarbeit. Oft macht es einem solchen Manne Vergnügen, Frauenkleidung anzulegen; häufig zeigt auch seine Gestalt eine Andeutung weiblicher Formen, weit in den Hüften, geschmeidig, wenig muskulös, bartloses Gesicht, die Stimme von hohem Umfang nach oben u.s.w.; in seinem Wohnzimmer herrscht peinlichste Ordnung und Sauberkeit, eine gewählte Ausstattung und Parfüms. Seine Liebe ist oft ganz weiblicher Art, anhänglich, hingebend und eifersüchtig, wie wenn er mehr das Bedürfnis hätte, geliebt zu werden, als selbst zu lieben Manches an dieser Beschreibung könnte einen Kenner der Geschichte sehr wohl an die Gebräuche und den Charakter Heinrichs III. von Frankreich erinnern.

Auf der anderen Seite finden wir als extremen Fall des Weibes mit gleichgeschlechtlicher Neigung eine sehr entschieden auftretende Person, von starken Leidenschaften, männlicher Haltung und Bewegung, praktisch in ihrer Lebensführung, mehr sinnlich als gemütvoll in ihrer Liebe, oft unordentlich oder auffallend gekleidet; So etwa, wie die Königin Christine von Schweden bei ihrem Besuche in Italien, wohin sie in Stulpenstiefeln und rittlings zu Pferde durch Europa zog. Man erzählt sich, dass sie dem Papste bei der Begrüssung so herzlich die Hand schüttelte, dass er danach genötigt war, sie der Fürsorge des Arztes anzuvertrauen! die Figur muskulös, die Stimme mit tiefem Tonfall; ihr Zimmer geschmückt mit Sportszenen, Pistolen u. s. w., in der Luft eine leichter Duft von Zigaretten. Ihre Liebe richtet sich gewöhnlich auf sanfte und mehr weibliche Wesen ihres eigenen Geschlechtes und ist ein rasender Drang, ähnlich der gewöhnlichen Liebe des Mannes, und manchmal fast nicht zu beherrschen.

Diese letzteren Erscheinungen sind so augenfällig, dass sie für jeden mehr oder weniger erkennbar sind. Naturgemäss erregen sie, wo man sie trifft, einigermassen die Aufmerksamkeit, und man begegnet aus diesem Grunde häufig der Auffassung, dass die meisten homosexuell empfindenden Naturen entweder der einen oder der anderen dieser Klassen angehören müssten. Aber in Wirklichkeit sind doch solche extrem Entwickelte nur selten, und für gewöhnlich finden sich derartige Gefühlsanlagen bei Männern und Frauen, die äusserlich vollkommen normal und unauffällig erscheinen. Bei der Besprechung dieser Tatsachen und des Zusammenhanges zwischen weibischem Wesen und der homosexuellen Anlage beim Manne äussert sich Dr. Moll folgendermassen: »Man muss indessen schon vornweg betonen, dass ein weibisches Wesen sich durchaus keineswegs bei allen Urningen zeigt. Man mag zwar in sehr vielen Fällen das eine oder andre Merkmal dafür beobachten, aber darüber kann kein Zweifel bestehen, dass ein ganz beträchtlicher Prozentsatz von ihnen, vielleicht sogar der weitaus grössere Teil überhaupt, keinesfalls einen ausgesprochen weibischen Charakter zeigt.« Und man darf wohl voraussetzen, dass derselbe Schluss auch mit Bezug auf Frauen dieser Gattung seine Gültigkeit hat. Namentlich, dass die Mehrzahl von ihnen durchaus nicht ein auffallendes männliches Benehmen zur Schau trägt. Diese extremen Fälle sind von grösstem Werte aus einem wissenschaftlichen Gesichtspunkte, da sie die Neigungen und Ziele der Entwicklung nach bestimmten Richtungen bezeichnen, doch würde es ein erheblicher Missgriff sein, in ihnen die Verkörperung dieses ganzen Abschnittes der in Betracht stehenden menschlichen Evolution zu suchen.

Wenn wir uns nun einer anderen Art des uranisch veranlagten Mannes zuwenden, die man füglich wohl als die normalere bezeichnen könnte, so finden wir einen Menschen, der zwar im Vollbesitze entschieden männlicher Kräfte des Körpers und Geistes ist, daneben aber auch zartere und gemütvollere Regungen empfindet – und zwar oft in einem bemerkenswerten Grade –, wie man sie eigentlich mehr beim Weibe suchen würde. Solche Männer sind, wie gesagt, häufig von muskulösem und wohlproportioniertem Körperbau, und sind nach ihrem Wuchse und ihrer äusseren Haltung in keiner Weise von anderen ihres Geschlechtes zu unterscheiden. Aber ihr Gemüt ist ausserordentlich vielseitig, zart, empfindlich, rührsam und liebebedürftig; »voll Sturm und Drang, voll Gährung und Entwicklungen« des Herzens. Die logische Schärfe des Denkens ist von Fall zu Fall verschieden stark entwickelt, aber die Anschauungskraft ist immer eine bedeutende. Aehnlich den Frauen vermögen sie einen Charakter mit einem einzigen Blicke zu analysieren. Sie wissen, ohne selbst zu wissen wie, was in der Seele eines anderen vorgeht; sie haben oft eine besondere Gabe, sich in die Bedürfnisse anderer einzuleben und sie zu befriedigen. Im Grunde ihrer Seele wirkt es wie eine Künstlernatur, mit der sinnlichen Kraft der Empfindung und Beobachtung des Künstlers. Solcher Mensch ist oft ein Träumer, von stillem und zurückhaltendem Wesen, oft eine tief musikalische Natur, oder ein Mann von hoher Bildung, dem die Gesellschaft den Hof macht, die ihn nichtsdestoweniger gar nicht versteht. Gelegentlich ist es ein einfaches Kind des Volkes und zeigt, trotzdem es ihm an Bildung fehlt, fast immer eine gewisse angeborene Raffiniertheit. De Joux, der die männlichen und weiblichen Urninge im allgemeinen freundlich beurteilt, sagt von den ersteren: »Sie sind begeisterte Liebhaber der Poesie und Musik, sie zeigen oft hervorragende Talente für die schönen Künste. Bei der geringsten traurigen Begebenheit findet man sie voll Rührung und Sympathie. Ihre Empfindsamkeit, ihre unermessliche Zärtlichkeit gegen Kinder, ihre Liebe zu den Blumen, ihr warmes Mitgefühl für Bettler und Krüppel sind ächt weiblich.« An einer anderen Stelle deutet er auf ihre Künstlernatur hin, wenn er sagt: »Das Nervensystem manches Urnings ist das denkbar wundervollste musikalische Instrument, mit dem er seiner inneren Persönlichkeit Ausdruck verleiht.«

Man kann wohl erwarten, dass eine Zuneigung von Seiten eines solchen Menschen einen sehr zarten und innigen Charakter haben muss. In der Tat darf man bei dieser Klasse das Liebesgefühl in seiner vollendetsten Form suchen. Eine Form, bei der nach Massgabe der Umstände das sinnliche Element, wenn schon vorhanden, doch gegen das rein seelische Moment ganz besonders weit im Hintergrunde steht. So äussert sich ein schweizerischer Autor über diesen Gegenstand folgendermassen: »Wahrhaft glücklich zu nennen ist jeder, der einen echten Urning zum Freunde gewonnen hat. Er wandelt auf Rosen, ohne dass er je die Dornen zu fürchten hätte.« Weiter fügt er hinzu: »Könnte man sich wohl je einen vollkommeneren Krankenpfleger als einen Urning denken?« Kommen auch diese Aeusserungen von beteiligter Seite, so dürfen wir doch annehmen, dass ein recht schätzenswertes Körnchen Wahrheit daran zu finden ist. Ein anderer Schriftsteller, den De Joux zitiert, spricht sich in ganz ähnlicher Weise aus, und darf auch wohl in demselben Sinne beurteilt werden. »Wir bilden,« sagt er, »eine besondere Aristokratie des modernen Geistes, von höheren und vollkommeneren Formen, und in mancher Gesellschaft der Männer sind wir die Vertreter des feineren geistigen und künstlerischen Elementes. Wir mit unserer Träumerei und Begeisterungsfähigkeit bilden das beständige Gegengewicht zu dem übrigen männlichen Teil der Gesellschaft mit seiner rastlosen Gier nach Geld und nach sinnlichem, materiellem Geniessen.«

Dass Männer dieser Art die Frauen verachten sollten, ist zwar eine Meinung, der man nicht selten begegnet, die man aber wohl nur um so schwieriger zu rechtfertigen vermöchte. Gewiss sind sie von Natur nicht geneigt, sich nach dieser Richtung zu verlieben, aber sie stehen durch ihr ganzes Wesen dem Weibe verhältnismässig näher. Es scheint, dass sie das andere Geschlecht eben darum ganz besonders zu verstehen und zu würdigen wissen, bei den Regungen seines Gemütes und in seiner weiblichen Bestimmung. So entstehen in manchen Fällen tiefinnerliche Freundschaften, wenn sie auch natürlich von der sogenannten platonischen Art bleiben werden. Es lässt sich kaum bezweifeln, dass Frauen sich oft instinktiv zu ihnen hingezogen fühlen werden, die, ohne den wirklichen Zusammenhang zu ahnen, eine in ihrem Innern mitklingende Saite im Wesen solcher Herren spüren, die sie bei dem normalen Manne vergeblich suchen würden. Kommen wir hier noch einmal auf De Joux zurück: »Es wäre verfehlt, anzunehmen, dass alle Urninge Weiberhasser sein müssen. Sie sind nicht selten ihre ergebensten Freunde, ihre treusten Verbündeten, und die überzeugtesten Verteidiger der Frau.«

Wenden wir uns nun zur Betrachtung der normaleren und vollkommeneren Art des homosexuellen Weibes, so finden wir hier eine Persönlichkeit von durchaus weiblicher und anmutiger Körperbildung, mit den wohlgerundeten und üppigen Formen ihres Geschlechtes, mit seiner Geschmeidigkeit und Zierlichkeit der Bewegung. Aber ihr inneres Wesen zeigt in hohem Masse männliche Eigenschaften. Sie haben ein lebhaftes, mutiges, selbständiges Naturell, etwas Entschiedenes, und sind nicht allzu empfindsam. Sie leben gern ausser dem Hause, lieben Spiel und Sport, treiben Wissenschaft, Politik, oder selbst Geschäfte. Sie zeigen organisatorische Talente, sehen sich gern in einer verantwortungsreichen Stellung und wissen sich oft vortrefflich und energisch in einer führenden Rolle zu bewähren. Es liegt auf der Hand, dass ein derartiges Weib bei ihrer eigenartigen Vereinigung von Fähigkeiten oft zu hervorragenden Leistungen befähigt ist, sei es im Berufsleben, oder als Institutsvorsteherin, oder auch als Beherrscherin eines Landes. Ihre Liebesgefühle richten sich auf jüngere, mehr weibliche Naturen als sie selbst. Sie treten auf als eine gewaltige Leidenschaft, von fast heroischem Charakter, und fähig, zu grossen Taten zu begeistern. Hält sie sich dabei in den geeigneten Grenzen, so kann sie eine ganz unschätzbare Kraft beim Unterrichte und der Erziehung junger Mädchen bedeuten, oder für die Frau eine Schule des Denkens und Handelns schaffen. Manche Santa Clara, manche Aebtissin und Gründerin kirchlicher Gemeinschaften, hat höchstwahrscheinlich diesem Frauentypus angehört. Zu allen Zeiten haben solche Frauen, – eben weil sie nicht durch die gewöhnlichen Bande an den Mann gefesselt waren, – um so freier für die Interessen ihres Geschlechtes arbeiten können. Zu dieser Aufgabe fühlen sie sich durch die ganze Eigenart ihres Temperamentes mit Leidenschaft hingezogen.

Ich habe nun, – wenn auch nur ganz kurz und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, – sowohl die auffallenden, als die mehr normalen Vorkommnisse des »mittelgeschlechtigen« Mannes und Weibes skizziert. Figuren, die man überall in der Geschichte und Literatur wahrnehmen kann, und vielleicht noch bedeutend zuverlässiger und befriedigender in dem täglichen Leben, das uns umgibt. Ist man auch im allgemeinen mit diesem Gegenstande wenig vertraut, so tritt es doch immer schärfer hervor, dass moderner Geist und Wissenschaft sich notwendig mit ihm abzufinden haben werden. Von den letzteren, normaleren Typen kann man wohl sagen, dass sie in ganz beträchtlicher Anzahl von jeher zu finden waren und auch jetzt noch vorkommen. Schon aus diesem Grunde ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass sie im Leben ihre berechtigte Stelle und Bedeutung haben. Wie schon festgestellt wurde, bestehen bei ihnen keine besonderen Anzeichen von etwas Krankhaftem, wenn man nicht die besondere Richtung ihres Liebestriebes an sich als abnorm bezeichnen will. Bei der Entfremdung der Geschlechter von einander, über die man heutzutage so oft klagen hört, leisten sie, wie man zugeben muss, wertvolle Dienste, um diese Kluft zu überbrücken.

Auf der einen Seite der künstlerhafte natürliche Instinkt des Mannes dieser Art, sein gemütvoller Sinn, sein wellengleich erregbares Gefühl, verbunden mit physischer und moralischer Kühnheit. Auf der anderen Seite die franke und freie Natur der Frau, ihre männliche Selbständigkeit und Kraft, vermählt mit durchaus weiblicher Anmut in Haltung und Gestalt. Von beiden kann man sagen, dass sie dank ihrer zwiefältigen Natur berufen erscheinen, in allen Lebensverhältnissen eine führende Rolle zu spielen. Ein freimaurerartiges Verstehen von Geheimnissen mit Bezug auf die beiden Geschlechter begünstigt sie in ihrer Wirksamkeit zu deren Versöhnung und Verständigung. Es ist gewiss merkwürdig, dass einige der grössten führenden Geister und Künstler der Welt entweder gänzlich oder teilweise uranische Naturen waren. Das war z. B. der Fall bei Michel Angelo, Shakespeare, Marlowe, Alexander dem Grossen, Julius Caesar, und unter den Frauen bei Christina von Schweden, der Dichterin Sappho und anderen.

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