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Das Mittelgeschlecht

Edward Carpenter: Das Mittelgeschlecht - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
authorEdward Carpenter
titleDas Mittelgeschlecht
publisherErnst Reinhardt, Verlagsbuchhandlung
printrun2. unveränderte Auflage
yearo.J.
firstpub
translatorL. Bergfeld
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140909
projectid7b69044f
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I. Einleitung

Der Gegenstand dieses Buches hat eine grosse, und man darf wohl sagen, eine ständig wachsende Bedeutung. Vielleicht liegt das daran, dass die Zahl von solchen Männern und Frauen gegenwärtig bedeutend zugenommen haben mag, bei denen die eigentlich dem Geschlechte korrelative Gemütsanlage eine mittlere oder eine gemischte ist. Vielleicht auch deshalb, weil die gegenwärtige Zeit diesen Erscheinungen eine ganz ungewöhnliche Aufmerksamkeit zuwendet. Auf alle Fälle lässt sich nicht bestreiten, dass diese Probleme hochaktuell sind und beständig von allen Seiten auf uns eindringen. Wie gross nun auch die Anzahl der Menschen sein mag, die eine solche mittlere Stellung zwischen den beiden Geschlechtern einnehmen, jedenfalls steht es fest, dass sie eine hochbedeutende Rolle in der ganzen Gesellschaft spielen. Sie stellen uns naturgemäss manche Aufgaben, die sowohl um ihrer selbst willen, als auch im Interesse der Gesellschaft, eine Lösung fordern. Die Literatur über diese Fragen hat demgemäss bereits einen sehr stattlichen Umfang angenommen, insbesondere in Deutschland. Sie umfasst eine grosse Menge wissenschaftlicher Arbeiten, medizinischer Abhandlungen, literarischer Essays, Romane, historischer Novellen, Poesie u. s. w.

Dass unser Seelenmaterial Unterschiede und Abstufungen zeigt, die mit dem Geschlechte zusammenhängen; – dass die inneren seelischen Neigungen und Verwandtschaften in ungeheuer vielen Fällen äusserst fein und gradweise abschattiert sind zwischen den ausgesprochen männlichen und weiblichen, und nicht einmal immer in unmittelbarer Uebereinstimmung mit den körperlichen Merkmalen des Geschlechtes, – das ist ohne weiteres klar für jeden, der sich mit der Sache befasst hat. Auch würde man keinerlei gutem Zwecke dadurch wirksam dienen, dass man diese Tatsache übersehen wollte; selbst wenn es möglich wäre, sie zu übersehen. Recht bequem ist natürlich das nicht selten beliebte Verfahren, derartige gemischte oder mittlere Anlagen einfach als schlecht zu rubrizieren. Eben so leicht und gleichfalls nicht selten ist die Folgerung, dass solche Menschen vielmehr für gut und schätzenswert gehalten werden sollten, eben weil sie so verschiedenartige Eigenschaften in sich vereinigen. Aber die Feinheiten und Mannigfaltigkeiten der Natur lassen sich nicht so kurzerhand abtun. Die wahrscheinlichste Annahme ist wohl die, dass man unter diesen, gerade wie bei allen anderen Klassen menschlicher Wesen, gute und böse, hohe und niedere, würdige und unwürdige finden wird. Manche von ihnen werden mit ihrem doppelten Temperament eine seltene und schöne Blüte der Menschlichkeit darstellen, andre dagegen eine verkommene Ruine.

Gegenüber den Tatsachen, die uns die Natur liefert, müssen wir immer eine gewisse Demut und Ehrfurcht wahren. Nie sollten wir da mit vorgefassten und hartnäckig wurzelnden Annahmen hereinpoltern. Jene Abstufungen im menschlichen Wesen sind von jeher, bei allen Völkern, mehr oder weniger beobachtet und erkannt worden. Ihre Häufigkeit heutzutage, sowie die vermehrte Aufmerksamkeit, die man ihnen zuwendet, können vielleicht als das Anzeichen irgend einer wichtigen Umwandlung gedeutet werden, die sich gegenwärtig vollzieht. Wir wissen in der Tat nicht, welche denkbaren Entwicklungen uns bevorstehen, oder welche neuen Formen von bleibender Bedeutung und Stellung im Leben sich jetzt schon langsam herausbilden mögen aus der Masse der Menschheit, die uns umgibt. Ebenso, wie in einer längst vergangenen Zeit der Entwicklung wohl die Arbeitsbiene aus den beiden gewöhnlichen Bienengeschlechtern entstand, so kann man sich vorstellen, dass in der Gegenwart gewisse neue Arten menschlicher Wesen auftauchen mögen, denen vielleicht noch einmal eine wichtige Rolle in der Gesellschaft kommender Generationen beschieden ist, wenn die Erscheinung auch jetzt noch von einer grossen Menge von Missverständnissen und Verwirrung begleitet ist. Es kann sich so und auch anders verhalten. Wir wissen es nicht. Die beste Haltung, die wir annehmen können, besteht darin, ehrlich und leidenschaftslos die Tatsachen zu beobachten.

Wo immer unser Gegenstand den Bereich der Liebe berührt, haben wir natürlich ein Auftauchen schwieriger Fragen zu erwarten. Hier dürfen wir auf vorzügliche Werke vom Mittelgeschlecht oder von mittleren Geschlechtern hoffen, und ebenso wahrscheinlich wird man auf die grössten Irrtümer in diesem Punkte verfallen. Es scheint fast ein Naturgesetz zu sein, dass alle neuen und bedeutenden Bewegungen immer einmal missverstanden und verkannt werden müssen, bis sie endlich später zu Ehren und allgemeinem Beifall gelangen. Solche Bewegungen werden anfangs immer in allen nur erdenklichen lächerlichen und verächtlichen Auffassungen dargestellt. Die ersten Christen galten in den Augen der Römer vornehmlich als eine Verbrecherzunft, die in der Finsternis der Katakomben einem lichtscheuen Unwesen fröhnen sollte. Den modernen Sozialismus hielt man lange für eine Angelegenheit, bei der Dolch und Dynamit die Hauptrolle spielten. Und auch heute noch gibt es tausende von guten Leuten, die in ihrer Unwissenheit glauben, dass er weiter nichts bedeute, als dass alles ringsumher aufgeteilt werden und jeder dabei seine paar Groschen an sich nehmen solle. Die Vegetarier hielt man für eine schwächliche und hirnlose Sorte Kohlvertilger. Die Frauenbewegung mit ihren gewaltigen Zielen und ihrer ungeheuren Bedeutung galt als ein verrückter Versuch, aus den Weibern Männeraffen zu machen. Aehnlicher Beispiele ist kein Ende. Der Vorwurf betrifft in jedem Falle irgend eine Lumperei oder Rückständigkeit, entstanden aus purer Unwissenheit, und gestempelt mit der Farbe des Vorurteils. So gewöhnlich wie ein Missverständnis, so leicht ist eine falsche Darstellung.

Es muss zugegeben werden, dass die gleichgeschlechtliche Gemütsanlage, besonders in Bezug auf ihre Liebesäusserungen, natürlich nicht ohne Mängel ist. Aber dass man sie in einer ungeheuerlichen und sinnlosen Weise missverstanden hat, ist zweifellos. Bei einer nennenswerten Erfahrung über diesen Gegenstand glaube ich mit Bestimmtheit sagen zu dürfen, dass die Besonderheit des männlichen Urnings (oder »Uraniers«), nicht auf Sinnlichkeit, – sondern vielmehr auf Sentimentalität beruht. Die gemeineren Typen dieser Art sind oft furchtbar sentimental; die höherstehenden derartigen Personen von einer seltsamen, fast unglaublichen Erregbarkeit; aber in der Regel ist keiner von ihnen so sinnlich veranlagt wie der normale Durchschnittsmann. Abweichende Vorkommnisse bilden hierbei nur die Ausnahme.

Diese ausserordentliche Fähigkeit, gemütvoll zu lieben, schliesst gewiss eine mächtige Triebkraft in sich ein. Im Einzelleben wie in der Gesellschaft ist ja die Liebe eine eminent schöpferische Macht. Den besten und bedeutenden Urningen verleiht gerade der grosse Genius ihrer Liebe ihren durchdringenden Einfluss, und eine Tatkraft, die sie oft beliebt und weit und breit geachtet macht, und zwar auch bei solchen, die nichts von ihrer inneren Gemütsanlage ahnen. Die Welt wird wohl nie vollständig darüber aufgeklärt werden, wie viele unserer vortrefflichsten sogenannten Philantropen, wie etwa Gordon von Khartoum, von uranischem Geiste beseelt waren. Wo man auch hinsieht im Leben, überraschen die ungeheure Zahl und der mächtige Einfluss sowie die hervorragenden Stellungen, die solche Menschen einnehmen, jeden, dem es vergönnt ist, einmal mehr oder weniger hinter die Coulissen zu sehen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass eben ihr mächtiger Liebestrieb den Uraniern ihre auffallende Jugendfrische verleiht.

Allerdings ist es nicht schwer, einzusehen, dass die Uranier bei ihrer ausserordentlichen Gabe und Erfahrung in Herzensangelegenheiten, – und zwar gilt diese Erfahrung vom doppelten Gesichtspunkte aus, d. h. vom männlichen sowohl als auch vom weiblichen, – geradezu bestimmt zu sein scheinen, die beiden Geschlechter mit einander zu versöhnen und sie einander menschlich näher zu bringen. Ich habe das des längeren weiter unten ausgeführt. (Kapitel II und V). Es deucht mich wahrscheinlich, dass die bedeutenden Urninge in den Angelegenheiten des Herzens in hohem Masse zu Erziehern der künftigen Gesellschaft berufen sind. Von ihrem Einflusse haben wir die allgemeine Ausbreitung, die Verwirklichung und Darstellung einer weniger sinnlichen Liebe zu erwarten als jene ist, die heutzutage den Durchschnitt bildet.

Ich masse mir keinesfalls an, über ein so schwieriges Thema ein entscheidendes Urteil abzugeben. Ich befürworte nur die Notwendigkeit, diese Fragen mit Geduld zu erwägen, um die hier zu behandelnden eigenartigen Charaktere genügend verstehen zu können, in dem Bestreben, ihnen den richtigen Platz und den geeigneten Kreis zu einer nützlichen Wirksamkeit im allgemeinen Rahmen der Gesellschaft zu geben.

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