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Das Märchenbriefbuch der heiligen Nächte im Javanerlande

Max Dauthendey: Das Märchenbriefbuch der heiligen Nächte im Javanerlande - Kapitel 7
Quellenangabe
typefairy
authorMax Dauthendey
titleDas Märchenbriefbuch der heiligen Nächte im Javanerlande
isbn3-378-00513-0
created20011027
senderhille@abc.de
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Geschichte des Wasserbüffels

Liebe Lore, heute nacht war ich ein Blinder und ritt auf einem Wasserbüffel durchs Javanerland. Da kann man viel erleben. Und ich habe auch eine ganze Menge gesehen, denn der Büffel sah für mich und erzählte mir, was wir sahen.

Es war aber so angegangen: Ich, gewitzigt durch die zwei vorhergehenden Abende, machte mich ganz früh morgens auf den Weg, fort vom Gasthof Papandajan, und dachte bei mir: ›Ich will von der Veranda, wo mein Beokäfig steht, und von Herrn Dauer, der auf der gleichen Galerie wie ich im ersten Stockwerk des Gasthofes wohnt, heute beizeiten fortziehen, damit mich weder Beovögel noch Schildkröten zu sehen bekommen. Ich will heute gar nichts sehen.‹ Ich war noch ganz geblendet von meinem gestrigen Götterdasein, davon ich mich zerschlagen und berauscht zu gleicher Zeit fühlte.

Also ging ich gleich nach dem Frühstück auf meinen zwei Beinen aus Garoet hinaus.

Ich ging aber über die Schluchtbrücke, unter der der Fluß Tjimai, tief eingegraben, dahinfließt, jetzt zur Zeit, wo es nachmittags oft regnet, zu einer lehmig gelben Brühe aufgewühlt.

Es war aber ein lustiger Morgen. Es war eine so fröhliche Sonne am Himmel, daß es aussah, als würde sie gern Spaß und Witze machen und tanzen, wenn man ihr nur mit Musik aufspielen wollte.

Und ich freute mich an allen, denen ich begegnete. Jenseits des Flusses stieg in der immergrünen Landschaft die Straße sanft ein wenig an, und in den offenen Hütten und auf den einfachen Veranden zu beiden Seiten der Straße war reges Leben. Die meisten Hütten haben hier am Ausgang von Garoet nebenbei kleine Verkaufsstände. Die Leute schieben einfach morgens eine Strohwand zur Seite, und dort breitet der Hüttenbesitzer, meist aber seine Frau, allerlei Kleinkram aus: Eßwaren oder Drogen, oder Früchte und Getränke, Limonaden und Zuckerwasser. Und da sitzen denn bei den Buden die Lastträger, die Wanderer und die Feldarbeiter und stärken sich aus kleinen Tassen voll Speisen und Getränken. Oder sie sitzen nur dort, um eine Zigarette zu rauchen und ein wenig zu plaudern. Ich sah an dem Morgen Reihen von Dachziegelträgern. Sie hatten ihre Körbe mit Dachziegeln oder gebrannten Tonvasen der Straßenrinne entlang stehen, indessen sie am Boden vor den Verkaufsständen kauerten, schwatzten und einen kleinen Morgenimbiß verzehrten.

Es brodelte und brotzelte von heißem Fett in den Pfannen dieser öffentlichen Garküchen am Wege, und das Kokosöl, das zum Braten von Bananen und verschiedenen kleinen Pastetchen verwendet wird, roch fettig weithin.

Bei einem Verkaufsstand, wo frische Ananasfrüchte, rote Pfefferschoten, Haufen Tee und reife gelbe Maiskolben in Bündeln ausgelegt waren, blieb ich stehen, aber nicht um die Früchte zu betrachten; sondern einige gemalte Bildchen an den Wänden zogen mich an. Ein junger Javane, der Verkäufer, hatte sich mit Wasserfarben einige Bilder auf Bogen weißen Papiers gemalt und sie an seine Strohwände genagelt. Eines stellte einen Wasserbüffel vor, auf dem ein blinder Mann durch eine blühende javanische Landschaft ritt. Ein anderes Bild stellte ein feuerrotes Automobil vor, das eine Landstraße entlang fuhr. Der Lenker war ein Europäer und trug Automobilbrille und Tropenhut, so wie der Maler hier an seiner Bude jeden Tag die europäischen Pflanzer nachmittags nach Garoet vorüberfahren sah. Ich nickte dem Verkäufer zu und ging weiter und dachte einen Augenblick, wie viel hübscher es der Blinde auf dem Stier in der blühenden Landschaft hätte als der Automobilfahrer im rasselnden Eisenblechkasten auf der faden Landstraße.

Dann vergaß ich über anderen Leuten die beiden Bilder, und bei der Straßenkreuzung bog ich in einen Feldweg ab, der zwischen Reisfeldern zu einem Dörfchen führte, das ich schon kannte.

Nun hatte ich die lebhafte Hüttenstraße, wo Tauben gurrten und Menschen schwatzten und Kinder lachten und Katzen sich sonnten und Hühner gackerten, hinter mir gelassen, und nun sollte man meinen, es würde totenstill im Felde sein, durch das ich wanderte. Aber nein, so eine javanische Feldstraße morgens ist die reine Wettrennbahn. Was einem da alles entgegengelaufen, geflogen, gemeckert und geflötet kommt, das ist ganz wunderlich, Da kamen Leute, die mit Gemüsebündeln und Strohkörben in die Stadt zogen, Reihen von Frauen und Männern. In den Wasserfeldern standen Hunderte von kleinen Javanen in Gruppen und setzten die Reispflänzchen aus. Das ist eine schmutzige, aber sehr notwendige Arbeit. Die Arbeiter standen bis zu den Knieen im schwarzen Erdschlamm. Viele von ihnen hielten Frühstückszeit am Wegrand bei einem Teekocher. Der lief mit einer großen Teekanne herum und schenkte seinen Tee in Reihen von Tassen, die am Erdboden standen. Und an der Erde sitzend, schlürften die Leute und rauchten ein ›Strohchen‹ dazu, wie sie die ganz dünnen, strohhalmähnlichen Landzigaretten nennen. Und weiter meckerten Ziegen im Feld. Und Schafe grasten, und auf einer nassen, abgefressenen Wiese standen Familien von Wasserbüffeln. Die Wasserbüffel sind erdgraue, glatthaarige Büffel, die gern im Wasser liegen. Sie stellen das wertvollste Eigentum des javanischen Bauern dar. ›Er pflegt seinen Wasserbüffel besser als seine Frau‹, sagt man vom javanischen Landmann. Er führt ihn auch oft an den Bach und wäscht ihn täglich, so wie der Chinese es mit seinen Hausschweinen macht, die er auch immer gut säubert und badet und bürstet, so daß auf das chinesische Schwein der Name Schwein gar nicht mehr zu passen scheint, wenn es so sauber mit geputzten Nägeln und einem Poposcheitel fein gestriegelt herumläuft, das Schwein.

Also, ich sah Wasserbüffel, die dampften in der Frühsonne, und in der Ferne standen Gruppen von riesigen schirmartigen Laubbäumen, und die dampften auch vom Tau, und ganz weit dahinter waren silberblaue Bergzüge, und die dampften, mit weißen Wattewolken behangen. Alles war voll Sonne, voll Morgendampf, voll Grün und voll Bläue auf Erden und am Himmel rundumher in der weiten, weiten Landschaft. Da begegnete mir ein Zug javanischer Dorfmusikanten, und einer spielte schon in aller Frühe eine Flöte. Die andern aber trugen ihre Instrumente aus Bambusrohr, Anklongs und Trommeln, große und kleine, an Bänder gebunden auf dem Rücken. ›Die sollte ich eigentlich rufen, damit sie der Sonne aufspielten‹, dachte ich. Aber sie zogen gen Garoet; vielleicht waren sie zum Aufspielen bei einem Beschneidungsfest oder zum Musizieren bei einer Hochzeit geladen.

Ich ging noch weiter, und da begegnete mir mein Freund, ein ganz alter Javane. Der ist wenigstens dreihundert Jahre alt. Er ist blind und spielt sehr schön auf einer Brettzither, fromme, liebe, alte javanische Psalmen. Oft hat er mir, vor meiner Veranda am Boden hockend, für zehn holländische Cents auf seiner Brettzither vorgespielt; und dazu singt er flüsternd Lieder, die sind vielleicht dreitausend Jahre alt. Diesem alten heiligen Musikanten begegnete ich auch da im Morgensonnenschein auf dem baumlosen Feldweg, und er nickte mir sofort freundlich zu. Denn trotzdem er dreihundert Jahre alt ist, stellt er sich nur blind, um mehr Eindruck zu machen. Denn er hat triefende, winzige, blasse Äuglein, die sehen wie blind aus, sind es aber gar nicht. ›Was für ein drolliger Blinder!‹ dachte ich, ›der mich zuerst grüßt.‹ Aber es war die kindliche Freude am unverhofften Wiedersehen, die machte, daß er sich schneller verriet als sonst. Wenn ich ihm aber Geldstücke, kleine Zehncentstückchen zu Hause von meiner Veranda zuwerfe, findet er sie besser im Sande als ich mit meinen gesunden Augen. Das macht aber alles nichts, – seine Musik, die wunderschön zirpt wie seine Stimme, seine kleine, unscheinbare, entschuldigt ihn bei mir für seine vorgetäuschte Blindheit ganz und gar.

Heute hatte er aber seine Zither gar nicht dabei. Es sah aus, als ginge er, um sich im schönen Morgen einmal zur Abwechslung ohne Zither Musik zu machen. Oder vielleicht wollte er heute Freiherr sein und Musik hören, weil er nicht weit hinter den sieben Musikanten dahinzog.

Ich wanderte weiter und wunderte mich über die unzähligen Menschen, die da im Schlamm der vielen Reisfelder Pflanzen einsetzten. Es mußte die ganze Bevölkerung draußen sein und im Felde arbeiten, – so regsam sah es aus. Und dann kam ich ins Dorf. Das ist aber eigentlich kein Dorf. Einen Weiler würde man es bei uns nennen. Nur einige Häuser standen am Wege entlang unter hohen Bambussträuchen und in Bananenhainen. Vor einem Hause lagerte neugierig die ganze Kinderschar des Ortes, nackt und halbnackt.

In der offenen Hütte war ein Phonograph aufgestellt, und der spielte ein Theaterstück, von javanischen Schauspielerstimmen gesprochen. Heftige Reden, leidenschaftliche, wurden vom Phonographen ausgehustet, und die Kinder horchten begierig und ganz fortgerückt, dicht gedrängt an den Stufen der Hüttentüre. Auch einige Erwachsene hockten am blanken Boden unter den Bäumen und rauchten und horchten zu. Ich ging den bambusüberschatteten Weg weiter, wo alles einförmig grün leuchtete, nur manchmal wiegte sich ein goldgelbes langes Bananenblatt, ein welkes, in der Luft, gelb wie ein breites Band aus Goldseide. Gelbe Ringelblumen an Büschen und blaue Männertreublüten in Stauden säumten den schattigen Weg, hinter Hecken lagen blühende Maispflanzungen der Javanen und Tapiokapflanzungen und Fruchtbaumhaine, wo es allerhand Früchte gab: grüne Orangen, Mango, Kokosnüsse, Kaffee, Kakao und andere nützliche Arten.

Und wie ich noch so langsam gehe, höre ich hinter einer Hecke eine Holzglocke klappern, und es riecht stark nach Büffelschweiß. Ein mächtiger grauer Wasserbüffel steckte seinen breitgehörnten, eisengrauen Schädel durch die Büsche, brummte und fragte: »Wohin, mein Herr?«

Ich sagte ganz in Gedanken: »Dorthin, wo ichs Gras wachsen höre.«

»Dahin kann ich Sie tragen«, sagte der liebenswürdige, gut geartete Büffel. »Wünschen Sie sonst noch etwas?« fragte er weiter. » Ich stehe zu Ihrer Verfügung!«

So ein höflicher Büffel war mir noch nicht vorgekommen. Ich tat aber so, als ob ich von allen Büffeln die höchste Zuvorkommenheit erwartete; und da ich noch an den blinden alten Musikanten dachte, sagte ich: »Jawohl, Sie könnten mir sagen, wie man dreihundert Jahre alt werden kann, wie man blind und sehend zugleich sein kann; und wenn ich das geworden bin, dann tragen Sie mich dorthin, wo ich das Gras wachsen höre.«

»Nichts leichter als das, mein Herr. Ihr Wunsch ist mir Befehl, mein Herr«, beeilte sich der Büffel zu brüllen.

»Es sind aber mehrere Wünsche«, machte ich ihm klar.

»Alle Ihre Wünsche sind mir Befehl, mein Herr. Ich habe nämlich einen guten Freund in Neu-Guinea, einen gewissen Känguruh. Der hat mich heute antelephoniert, ich möchte mich für die dritte der heiligen Nächte am Wege aufstellen und Ihre Ankunft und Ihre Befehle erwarten. Sie sind mir als deutscher Dichteronkel signalisiert; und alles, was ich hörte, stimmt auf ihre Person.«

»Wie telephonieren Sie denn?« fragte ich neugierig.

»Ich kann an jedem Baum in die Ferne sprechen, während ich seine Blätter kaue«, versicherte der Wasserbüffel ernsthaft.

»Das habe ich noch nie versucht«, gestand ich. »Wissen Sie auch ganz genau, daß ich der bin, den Sie erwarten sollen, Herr Wasserbüffel?« wehrte ich ein wenig ab. ›Denn was könnte ich in Gesellschaft eines Büffels wohl erleben?‹ dachte ich geringschätzend.

»Ja, mein Herr, Sie und kein anderer sind der Wohltäter meines Freundes, des gewissen Känguruh, gewesen. Man sagte mir am Telephon, der Herr sei etwas dösig.«

Ich musterte ihn verblüfft. Da wackelte er drohend mit den Hörnern. »Stimmt«, sagte ich rasch. »Dichter träumen.«

»Er flunkert gern«, fuhr der Büffel fort.

»Stimmt«, sagte ich begeistert. »Alle Dichter flunkern. Das ist Berufssache.«

»Er ist märchenscheu.«

»Ja, in gewissem Sinn. Wenn man nämlich alle Märchen erst am eigenen Leib erleben soll, ehe man sie schreiben darf, wird man ein wenig märchenvorsichtig. Stimmt.«

»Nun, mein Herr, alles dieses roch ich an Ihnen, wie Sie mich rochen, ehe ich zur Ansprache kam«, schloß der Büffel seinen Bericht.

»Wunderbar! Daß Büffelnasen so tiefsinnend riechen, muß mich erstaunen. Aber gehen wir ans Werk! Sie kennen meine Wünsche, die Ihnen Befehl sind.«

Der Büffel brach durch den dünnen Bambuszaun des Feldes, in dem er gegrast hatte. Und ich erschrak gewaltig und kletterte vor Schreck an einem Bambusbaum empor.

»Herrgott, haben Sie mich erschreckt!« sagte ich, etwas höher kletternd.

»Verzeihen Sie, heftiges Auftreten ist Büffelart«, versicherte mir der fürchterliche Kerl.

»Den ganzen Zaun haben Sie eingerissen!« sagte ich sanft vorwurfsvoll, denn der Bambus begann sich zu biegen, und ich näherte mich langsam dem Untenstehenden.

» Sitzen Sie nur gleich auf, dann ist die Sache fertig«, befahl der Wasserochse.

Ich graute mich vor dem fürchterlichen Biest.

»Na, wird's bald?« kommandierte er.

Da fühlte ich voll Schrecken: meine Glieder waren ganz schwach und dünn und alt und verschrumpft geworden. Ich glitt willenlos vom Bambusrohr und saß wie ein Häufchen Unglück auf dem Büffelrücken.

»Dreihundert Jahre sind Sie jetzt alt, kein Jahr mehr oder weniger«, rief der Büffel.

»Na, ein angenehmer Zustand ist diese dreihundertjährige Schwäche nicht«, konnte ich ihm versichern.

»Ich hab ihn Ihnen ja auch nicht ausgesucht«, grinste das Biest. Dann fuhr er rücksichtslos herrisch fort: »Nun wandern wir durch Garoet, und dann am andern Ende des Ortes in die weite Welt, bis dorthin, wo Sie das Gras wachsen hören.«

»So ein Blödsinn!« konnte ich mir nicht versagen, ihm zu versichern. Denn ich war als Dreihundertjähriger weise und verständig geworden und glaubte an keinen Unsinn und Übermut mehr. »Lassen Sie mich absteigen, mir ist schwindlig, ich sehe nur auf einem Auge, mir ist was ins andere Auge geflogen, Herr Büffel.«

»Nichts da. Ich habe Ihre Wünsche zu erfüllen«, knurrte der Gewaltige. »Das Alter ist in Ihr eines Auge geflogen. Seien Sie froh, daß Sie auf dem andern noch sehen können. Welches ist denn das blinde?«

»Das linke Auge!« klagte ich greisenhaft.

»So, dann werde ich für Sie immer nach links schauen, und Ihnen erzählen, was links zu sehen ist, indessen Sie sich nach der rechten Seite auf eigene Augenkosten ergötzen können. Jetzt geht's los. Marsch! Aufgepaßt, Gleichgewicht suchen! Ich setze mich in Bewegung.«

Bums, rollte ich vom Büffel; ich rollte aber nicht vom Büffel auf die Erde, sondern unter dem Büffelbauch rundherum, und kam auf der andern Seite wieder auf den Büffelrücken in die Höhe gerollt, und dort saß ich nun wie angegossen.

»Nun«, sagte der Büffel zufrieden, »das war nur ein Scherz von mir; von jetzt ab werden wir ernsthaft reiten.«

Und ich blieb, wo ich war, und mein Zustand war wunschlos.

So trollte nun der Büffel mit mir denselben Weg, den ich eben aus Garoet gekommen war, durch die Felder zurück.

Wir kamen im Dorfe am Phonographen vorbei, da schauten sich alle Kinder um, und mit einemmal riefen sie wie aus einem Munde: »Der blinde Matiuni, unser blinder Matiuni! Matiuni reitet! Wo reitet er hin? Matiuni will heute zum König ziehn!«

So lachten sie und sangen und liefen bis zum letzten Haus des Weilers hinterm Schweif meines Büffels her.

Und atemlos kam eine Frau nachgerannt, die rief: »Matiuni, du hast deine Zither vergessen.« Und sie reichte mir die alte Zither des Blinden, die ich schon kannte, auf meinen Sitz hinauf. Denn alle im kleinen Ort hielten mich für ihren dreihundertjährigen blinden Musikanten Matiuni.

»Nun wissen der Herr doch auch, wie Er heißt«, grinste mein Büffel vergnügt, als die Frau und die Kinder zurückgeblieben waren. Er trollte sich eilig mit mir weiter.

Wir begegneten manchem vom Markt von Garoet heimkehrenden Dorfbewohner auf dem Feldweg, und alle nickten vergnügt, und alle sangen: »Matiuni reitet! Wo will er hin? Matiuni will zum König ziehn!«

Und Frauen und Mädchen lachten und wünschten mir glückliche Reise.

»Ja, woher wollen denn alle Leute das wissen, daß ich zum König ziehn will?« fragte ich mein Reittier.

»Ach, das ist wieder so eine Dummheit von meiner Frau«, sagte der Büffel. »Frauen müssen alles weiterschwatzen. Ich habe meiner Frau heute früh auf der Weide erzählt, wen ich am Weg erwarten muß. Und sie fragte gleich: ›Wohin willst du denn mit dem Herrn ziehn, wenn er kommt?‹ – ›Na, wohin anders als zum König?‹ habe ich aus Scherz gesagt. Gleich lief sie brüllend fort, erzählte es unsern Hüterbuben auf der Weide, die sagten es den Kindern, und um Sonnenaufgang wußte es schon das Dorf, daß ich heute jemand zum König führen müßte. So schnell verbreitet sich barer Unsinn!« seufzte der Wasserbüffel. »Und nun ziehen wir gar nicht zum König, sondern zum Urwald, dorthin, wo man das Gras wachsen hört. Aber ich werde sie nicht weiter aufklären, die Leute.«

»Kann man denn beim König nicht auch ein wenig Gras wachsen hören?« fragte ich schüchtern; denn auf dem Büffel allein im Urwald zu reiten, wo ganze Tigerfamilien und Schlangengesellschaften spazieren gehen, das kam mir als dreihundertjährigem Greise doch etwas gewagt vor.

»Beim König wächst kein Gras«, sagte der Büffel barsch. Denn er vertrug nicht, daß man zu viel fragte, weil er zu plump war und hinter jeder Frage eine Falle vermutete.

»Was wächst denn beim König?« fragte ich weiter, möglichst einfältig, wie es einem dreihundertjährigen Greise geziemt.

»Beim König wächst nur Gold«, brummte der Wasserkopf gereizt.

»Kann man Gold auch wachsen hören?« fuhr ich fort, ermüdend zu fragen.

»Welch eine Frage! Gold klappert doch lauter beim Wachsen als Gras!«

»Höre, lieber, verehrtester Büffel, ich glaube doch, daß ich mit meinen dreihundert Jahren das Gras nicht mehr wachsen hören kann. Wäre es nicht einfacher, wir wählten das lautere Wachstum des Goldes beim König?«

»Gras wachsen hören ist eine Kunst, Gold wachsen hören ist keine!« behauptete mein gescheiter Büffel beharrlich.

»Ja aber, siehst du, Künste sind brotlos. Ich fürchte, beim Graswachsenhören werde ich nicht satt, Gold wachsen hören bringt mehr ein.«

»Willst du umsatteln?« forschte er. Er duzte mich geringschätzend.

»Nun, ich meine nur«, sagte ich kleinlaut, denn ich fürchtete mich ein wenig vor seiner wachsenden Grobheit.

Aber Büffel sind unberechenbar. »Gut, Matiuni; sage nur, was du wünschst, und ich führe es aus!« brummte er plötzlich freundlich, aber er fuhr fort, mich zu duzen.

›Vielleicht fürchtet er sich selbst, in den Urwald zu gehen, dachte ich, ›und bleibt lieber auf der bequemen Landstraße, wie ich. Deshalb ist er wieder so freundlich geworden.‹

Und wir verabredeten aufs freundlichste, er sollte mich zum König bringen, und ich sollte dort Gold wachsen hören. Denn als dreihundertjähriger Greis schätzte ich Gold höher als Gras; man weiß im Alter, daß die Welt am Golde hängt und nicht am Gras. Daß dieses aber eigentlich ein sündiges und böses Denken ist, das sollte ich erfahren.

Und ich verstehe es jetzt erst: der Büffel, der am Grase mehr hing als am Golde, gönnte mir den Weg zum König, damit ich zu seiner edleren Büffellebensauffassung bekehrt werden und meine goldgierige Auffassung fahren lassen sollte. Die sieben Musikanten, die ich gern zum König mitgenommen hätte, holten wir nicht mehr ein; aber an den fliegenden Garküchenständen bei den ersten Häusern vor der Schluchtbrücke, da sah ich alle sieben dem Hause gegenüber am Boden einer Bude sitzen, und sie schienen eben gegessen zu haben. Sie saßen gerade der Bude gegenüber, in der das Bild mit dem auf einem Büffel reitenden Blinden vorhin an der Wand gehangen hatte.

Als ich das Bild aber mit den Augen suchte, war es verschwunden. Auch der blinde Matiuni, der doch vorhin hinter den sieben Musikanten hergelaufen war, war verschwunden.

»Wie, lange soll ich mir hier noch meine Beine breit stehen?« brummte mein Wasserbüffel ungnädig, da ich ihm Halt geboten hatte.

»Ich möchte Musik haben, Musikanten, die mich zum König begleiten«, sagte ich schüchtern.

»Sehende oder blinde Musikanten?« fragte mein Ochse zurück.

»Natürlich sehende!« rief ich und boxte mein Reittier schalkhaft hinter die Hörner.

»Blinde spielen besser«, behauptete mein Rindvieh.

»Also, dann Blinde«, ließ ich mich überzeugen. »Aber woher blinde Musikanten nehmen?«

»Das haben wir gleich, alle Leute werden gleich blind, wenn man ihnen sagt, daß sie zum König kommen können und Gold wachsen hören dürfen. Frage sie nur, die sieben Esel von Musikanten«, belehrte mich der Büffel.

Und ich fragte laut. »Wo gibt es hier blinde Musikanten?«

Keine Antwort.

»So fragt man doch nicht, Mensch, dreihundertjähriger«, brüllte mein Büffel gereizt und rief selbst laut und deutlich:

»Wer blind ist, und Musikant ist, und Gold wachsen hören will, und zum König kommen will, der kann mir nachlaufen.« Damit begann er auch gleich zu laufen und winkte nur noch einmal mit dem Schwanze hinter sich.

Da hörte ich hinter mir wieder lachend alle sieben Musikanten singen: »Matiuni reitet! Wo will er hin? Matiuni will heute zum König ziehn!« Und vierzehn Beine trabten hinter dem Büffel her und holten uns ein. Und die sieben Musikanten, als sie uns erreicht hatten, riefen: »Matiuni, nimm uns mit! Wir sind alle blind geworden. Jedenfalls so blind wie du, laß uns mit zum König ziehen und Gold wachsen hören!«

»Na siehste!« knurrte mein Wasserbüffel überlegen. Dann wendete er sich, rollte die Augen furchtbar und brüllte. »Ihr sieben blinden Mistgewächse, wie könnt ihr denn ohne Führung so schnell laufen? Haltet euch hintereinander. Der erste nimmt meinen Schwanzzipfel in die Klaue, die anderen legen die linke Hand auf die linke Schulter des Vordermanns. Anders ziehen sieben blinde Schufte, wie ihr seid, nicht beim König ein.«

»Hu, hu, hu«, lachten alle den Büffel aus, denn es waren sieben lustige Brüder, die sich nicht so leicht ins Büffelhorn jagen ließen.

Aber sie taten, wie ihnen von dem allgewaltigen Herrn Wasserbüffel befohlen worden war.

Und so bildeten wir bereits einen langen Blindenzug, als wir über die dröhnende Holzbrücke in Garoet einzogen.

Ganz Garoet kennt Matiuni, und auf dem Markt hatte sich schon die Kunde der Büffelreise Matiunis verbreitet. Wie aber die Leute so viele Blinde im langen Zug hintereinander ankommen sahen, da riefen sie mir zu, der ich vornedran hoch auf dem Ochsen thronte: »Hallo, Matiuni, der Blindenkönig! Matiuni, der König der Blinden, seht ihn! Matiuni, Matiuni, wo will er denn hin? Matiuni will heute zum König ziehn!« Und in der ganzen Stadt, wo Leute saßen oder standen oder gingen, in den Garoetbaumstraßen, in den fernen, schattigen, überall ertönte das Liedchen weiter von Mund zu Mund. Und meine sogenannten blinden Musikanten zogen Musik spendend lustig hinter dem Büffel her. Sie hielten aber jeder sein Musikinstrument in der rechten Hand, die linke ruhte auf der Schulter des Vordermannes, und der erste von ihnen hielt den Büffelschwanz, wie eine Art Leitfaden durchs Leben, fest in seiner Linken, wie es Blinde tun. Ich selbst, der niemals die feine Zither gespielt hatte, versuchte vorsichtig; und es ging, als ob ich mindestens zweihundertachtzig Jahre Musikant gewesen wäre.

So waren wir alle neun lustig und guter Dinge. Ich sage: neun; denn seine Gewaltheit der Herr Büffel war ebensogut ein lustiger Jemand, wie die sieben Musikanten und meine Hoheit, der König der Blinden, jeder ein Jemand waren.

Wir machten Späße und Witze, und neben uns tanzten die Straßenjungen. Aus den Gärten kamen braune kleine Javanenmädchen, die warfen mir weiße und rosa Brauttränen zu. Brauttränen sind feine Blütendolden einer indischen Schlingpflanze, die an vielen Häusern hochklettert und das Haus einhüllt. Und bald waren des Wasserbüffels Hörner mit lila Bougainvilleblüten, mit weißen Franchipaniblüten, mit rosa Brauttränen, mit gelben und scharlachroten Hibiskusblüten kunterbunt behangen, und ich ritt auf einem blühenden Tier durch die Baumstraßen des Landstädtchens.

»König Matiuni, König der Blinden!« riefen die Leute immer wieder. Denn es hefteten sich nun noch mehr Blinde, die vor den Basarbuden als Bettler gesessen hatten, dem Zug an. Und ich, König Matiuni, König der Blindern ritt stolz, meine Zither spielend, und freute mich über meinen Anhang. Und ich und alle meine Blinden trugen Kränze von Blumen auf dem Leib und frohes Lachen in unseren grinsenden Gesichtsfalten.

»Nun siehst du«, sagte mein Büffel gut gelaunt, »nun bist du schon beim König angelangt! «

Ich verstand ihn nicht. Ich sah mich um, ich konnte aber weder ein Schloß noch einen König sehen. Ich sah nur die Basarstraße mit dem Gewühl buntgekleideter geschäftiger und zahlender Javanen.

»Ich soll beim König angelangt sein?« fragte ich staunend und begriff in meiner Greiseneinfalt nichts.

»Nun, wirst du nicht von allen Leuten als König der Blinden ausgerufen?«

»Ach, du willst mich foppen, Grauschädel, behornter? Sollte ich nur bei mir als König anlangen?«

»Bist du schon einmal König gewesen, daß du so hochmütig tust, nichtsnutziger Europäer?«

»Sie, hören Sie mal, besinnen Sie sich, Sie Brüllochse, Sie! Wie komme ich dazu, nichtsnutzig zu sein?« fuhr ich mein Lasttier an.

»Na«, brüllte der, »ihr Europäer glaubt doch nicht, daß ihr in unsern Javanenaugen zu etwas nutze seid. Ihr seid uns so viel nutze wie der Sonntag dem Samstag. Ihr spielt die Könige, die ihr gar nicht seid. Ihr ruht euch bei uns aus und schwelgt im Wohlleben wie Sonntage, wir aber sind die Samstage und dürfen uns des Sonntags wegen abschuften.«

»Hören Sie auf, gehässige Randbemerkungen zu machen, Sie javanische Zierleiste, Sie! Ich sitze nicht hier, um Ihrer Musik von Schimpfworten zu lauschen. Ich bin königlich blind, und Sie haben sich in meine königliche Blindheit zu fügen.« Ich wurde ungeduldig. »Kommen wir denn nun bald weiter?«

»Wenn's Ihnen eilt, können Sie absteigen und einäugig weiterlaufen, Sie halber König.«

Da ich nur halb blind war, war ich natürlich nur ein halber König der Blinden. Ich mußte dem klugen Büffel recht geben. Und nun trabten wir an einem Rasengarten vorüber, dadrinnen stand ein langes, weißes Haus, das hatte nur ein Erdgeschoß zu ebener Erde und darüber das Dach. Aber an des Hauses Längsseite waren viele kleine Schalterfenster angebracht, und vor jedem Fenster drängten sich Menschen, javanische Männer und Frauen – wie auf dem Reichspostamt sah es aus.

Ich wußte: das war das Pfandhaus von Garoet, das so schön in einem grünen Garten lag wie ein königliches Lustschloß.

Im Garten war auch die Versteigerungshalle: auf braunen Balken ein Dach. Darunter saß an einem Tisch der Mann, der die im Pfandhaus verfallenen Gegenstände zu versteigern hatte. Und sein Tisch war dicht umringt von Javanen. Man kann sich bei uns in Europa gar nicht vorstellen, wie lustig es in einem javanischen Pfandhausgarten zugeht. Es war da wie im Garten eines Münchner Braukellers. Da standen Garküchenköche herum, die brieten Bananen und Mandelkuchen. Und Limonadenverkäufer mit blauen und grünen Limonadegläsern auf kleinen Tischen standen da. Und Zuckerbäcker, die buken kleine Tiere und Menschengestalten aus süßem Teig auf ihren fliegenden Küchenherden, die sie an einer Stange auf der Schulter tugen. Und auf dem Rasen um die Versteigerungshalle herum hockten Javanen in bunten Kleidern mit bunten Tüchern auf dem Kopf, die knabberten Süßigkeiten und Pasteten und Früchte, und andere rauchten und schwatzten mit Bekannten; und um den Versteigerungstisch drängten sie dicht und steigerten lustig und kauften alte versetzte Goldsachen und Messingschalen und alte Waffen und. schöne Batiktücher, bunte und holländische Porzellanteller und kupferne Reiskochkübel und viele, viele Dinge, die in Stunden der Not aus kleinen Haushalten ins Pfandhaus gewandert waren.

Der Javane betrachtet das Pfandhaus als eine Art Börse. Dort kauft und verkauft er nach Herzenslust. Und ganze Familien drängten sich lustig lachend und plaudernd vor den Schaltern, wo sie ihre Sachen versetzten und dabei kein Gefühl von Bedrücktheit oder gar von Schmach und Schande spürten. Das Pfandhaus war wie ein Markt und wie ein Taubenschlag so lebhaft und so unterhaltend.

Hier also kam ich auf meinem aschengrauen Wasserbüffel angeritten, schön bekränzt und vergnügt musizierend.

Ein Eisenbahngeleise, das zur Garoetstation führt, geht am Pfandhausgarten vorbei.

»Hier«, sagte mein Büffel, »setzt du dich beim Schienenweg am Pfandhausgarten nieder, und mit dir deine sieben Begleiter. Ich aber werde dort drüben in das lange, neue Bioskoptheater gehen; dort wird nur abends gespielt, und dort ist jetzt viel Raum. Dort werde ich eine brüllende Rede halten, und bald darauf wirst du, und mit dir deine Sieben, das Gold wachsen hören.-Aber wenn du später darunter zu leiden hast, weil du das Gold und nicht das Gras hast wachsen hören wollen, so beklage dich gefälligst nicht bei mir, hörst du, mein Herr Halbkönig!«

»Schluß!« rief ich. »Los! Und laß das meine Sorge sein; Gold wird mir keine Sorge bringen; das wäre doch zu komisch«, lachte ich ungläubig.

Ich tat, wie mein Büffel geraten. Und ich setzte mich an den Schienen beim Pfandhausgarten nieder und hieß meine sieben Gefährten das Gleiche tun.

Nicht weit von mir beim Eingang zum Pfandhausgarten saßen aber die Juwelenwäscher am Boden. Sie wuschen Goldarmbänder und Goldhaarnadeln und Goldketten und Goldbroschen, die ihnen Javanen gaben, ehe die Goldsachen zu den Schaltern des Pfandhauses wanderten. Die Wäscher hatten Schalen mit Säure und Flaschen mit Säure und Seifenwasserschalen vor sich an der Erde stehen; still und emsig spülten sie das Gold in den Säuren ab und bürsteten es und putzten es so blank, daß jeder Schmuck gleich wieder wie neu aussah.

Mit meinem einen Auge, das ich noch sehend hatte, schielte ich nach den vielen hübschen Goldsachen, die dort auf Tellern lagen; und ich dachte: ›Wenn nur dieses Gold zu mir her wachsen wollte! Und mit mir schielten meine sieben blinden Musikanten hin, und wir alle waren ganz still und nachdenklich geworden und vergaßen zu musizieren beim Anblick der hübschen goldenen Schmucksachen. Denn die Javanen tragen ihr Geld nicht auf die Bank; sie legen es meistens in Schmucksachen aus echtem Gold und in Diamantenschmuck an, und sie und ihre Frauen tragen meistens ihr Vermögen in Schmuck am Halse, am Armgelenk und an den Fingern und im Haar. Als ich vom Büffel stieg, waren alle die Leute nicht etwa bei mir, dem Blindenkönig, und den Blinden stehen geblieben, nein, sie waren alle dem laut brüllenden Büffel nachgerannt, der über das Schienengeleise fort in den Hof des neuen, hübschen, weißgetünchten Bioskoptheaters gestürzt war. Sie wollten in aller Eile sehen, was der bekränzte gewichtige Wasserbüffel, der ein Vermögen wert war, dort im Theater tun wollte. Das Theatertor stand weit offen, da der Raum am Tage gelüftet wurde, und dorthin waren alle dem Büffel, dem brüllenden, nachgelaufen. Denn, wie gesagt, ein Büffel erregt bei den Javanen mehr Teilnahme als ein Mensch, weil sie in ihm die Kraft bewundern, die ihnen beim Feldbau am Pflug so nützlich ist, wenn das Reisfeld geackert werden soll. Ein Büffelleben ist ihnen wichtiger als ihr eigenes. Es war also augenblicklich ziemlich still um den Halbkönig der Blinden. Vom Pfandhaus her hörte man in Zwischenpausen einförmig die Gongschläge, die weithin melden sollten, daß heute Versteigerungstag war. Und außer dem Bürsten der Goldwäscher war nur wenig Geräusch, denn alle Javanen laufen barfuß, und man hört auf den lebhaftesten Straßen keinen lauten Schritt; nur manchmal schlurft der Pantoffel eines Chinesen vorüber.

Es war schön, im sonnigen Morgen beim grünen Garten unter den scharlachroten blühenden Götterbäumen zu sitzen, und ich hätte eigentlich in meinem dreihundertjährigen Leib mit dem Musikbrett auf dem Schoß wunschlos sein müssen.

So aber horchte ich immer, unzufrieden und lüstern nach Gold, zu den Bürsten der Goldwäscher hin und betrachtete den Seifenschaum, in dem die braune Hand so eines Wäschers auf- und untertauchte, mit Gold gefüllt, mit goldenen Ketten und goldenen dicken Armbändern. Ebenso taten meine sieben Gesellen. Und wir sahen nicht das Gold des Morgensonnenscheines, das viel edler und viel reiner und viel reicher rundum in der grünen Landschaft der Felder und Gärten glänzte. Wir sahen nicht die sanfte friedensreiche Bläue des Morgenhimmels über uns, nicht das kräftige, dunkle, ernste Blau der vierzig Vulkanberge, die draußen am Himmelsrand, rund um Garoet, dem Gierigen und Unzufriedenen mit feurigem Zorne drohten.

Plötzlich hörte ich eine donnerhafte, brüllende Stimme, und ich sah, wie alle Tauben erschrocken von den Dächern aufflogen, wie alle Raben, aufgescheucht von der dröhnenden Stimme, aus den Kokospalmen fernster Gärten flohen, und ich sah, wie die neuen Dachziegel des Bioskoptheaters zitterten, als fahre ein Sturmwind durch die Dachsparren.

Es war aber die Stimme meines Wasserbüffels, die so höllisch lärmte, daß der Himmel und die Erde zu zittern schienen.

Der Büffel aber sprach drinnen im Theater auf einer Brettererhöhung zu den versammelten sich zitternd niederkauernde Javanen, die ihm mit höchster Achtung lauschten, und ich konnte aus der Ferne jedes Wort verstehen.

»Seid mir gegrüßt, ihr Herren und Herrinnen von Java, – so möchte ich euch anreden, wenn ihr nicht alle Knechte wäret, niederste Knechte des Goldes. Wißt ihr nicht, daß das Gold denen die Augen der Seele ausbrennt, die auf Gold schauen? Wißt ihr nicht, daß ihr Knechte des Goldes werdet, sobald ihr es berührt habt? Ihr glaubt, ihr tragt das Gold als Schmuck am Leibe, ihr wißt nicht, daß das Gold euch am Leibe trägt; denn das Gold ist Herr aller, die es anschauen, Herr aller, die es im Wunsch, es zu besitzen, mit einem einzigen Auge anschielen; Gold hat größere Kraft, als da die Kraft eurer vierzig Vulkane ist, die rund um Garoet über euch drohen. Gold ist verhärtetes Elend, vom Schrecken geschmiedet, vom Kummer und gelben Neid durchglüht; Gold ist den Menschen funkelndes Unglück. Seht die Tiere des Feldes! Jedes Tier da draußen ist unschuldiger und glücklicher als alle, denn keiner ihrer Wünsche, kein leisester Wunsch der Tiger und der Schlangen, der Bären und der Hirsche, der Hunde und der Ratten, der Büffel und der Pferde, ja, auch nicht des von euch verachteten Schweines haftet ja am Golde. Und ihr Menschen, die ihr euch das erste, gewalttätigste Tier der Welt zu sein dünkt, ihr wollt euch zur Niedrigkeit des Goldes erniedrigen und werdet euch dadurch zur Schande und Schmach aller lebenden Kreatur der Erde entwickeln. Selbst die Waldbrüder der Menschen, selbst die klugen Affen in den Palmen des Urwaldes geben nichts auf das Gold. Jeder Kieselstein, der glänzt, ist ihnen eine Spielerei, so auch das Gold.

Seht, auf welch hoher Stufe der Seelen- und Willensbildung wir Tiere über euch stehen! Wir sind nie die Knechte des toten, frechen Goldes geworden. Wir leben nicht in Schulden und Sorgen und in Schlaflosigkeit und in Gefühllosigkeit des Goldes wegen. Wir haben uns nie mit dem Laster der Goldgier belastet. Wir sind deshalb die über euch Stehenden geworden, von dem Tage an, da ihr das Gold berührtet, von dem Tage an, wo ihr euch an den toten, kalten Leib des Goldes hängtet, von dem Tage an, da ihr eure Seele verstoßen habt und statt ihrer das Gold als eure Seele in euer Herz setztet, – von diesem Tage an seid ihr die Gefallenen der Erde geworden. Ihr steht unter dem unschuldigen, bescheidenen Waldtier. Ihr steht unter dem bescheidenen Feldtier. Ihr wagt es, uns eine Seele abzusprechen, ihr, die ihr eure Seele für das Gold hergegeben habt. Unsere Seele liegt in der Unschuld unserer Augen, in der Stärke unseres ungeknechteten Leibes, in der Wunschlosigkeit unseres Herzens, – da liegt unsere Seele und schlummert im Paradies der Unschuld, aus dem euch der Blick auf den Apfel des Goldes verstoßen hat! Ich, der Helfer eurer Väter im Acker, ich, der Helfer eurer Kinder im Acker, ich, der ich für euch meinen Schweiß am Pfluge gebe, damit ihr Brot habt, ihr Sklaven des Goldes, ich verachte euch im Namen aller Tiere des Feldes. Im Namen aller Tiere des Waldes sage ich euch, daß das Reich der Seele unser ist, und euer ist das Reich des seelenlosen Goldes.

Was ihr tun sollt, euch zu erretten und dem Golde zu entgehen? fragt ihr mich mit euren Augen und Ohren? Wer mit seinem Herzen fragt, weil er loskommen will vom Golde, dem sage ich: Werfet alles Gold von euch! Vertreibt es aus dem Bereich eurer Augen, aber vertreibt es vor allem aus dem Reich eurer Wünsche, Hoffnungen und Gedanken.

Bildet Gemeinden, rate ich euch, aus denen das Gold verdammt ist bei Todesstrafe!

Bildet Gemeinden, wo Menschen geboren werden und sterben, die nie das Wort Gold aussprechen gelernt haben!

Bildet Gemeinden zuerst, die das Gold wegwerfen! Dann, zum andern, Gemeinden, die allem Gold aus dem Wege gehen! Gemeinden, die zum dritten und letzten endlich das Dasein des Goldes vergessen haben!

Unter dem Gold meine ich alle Juwelen, alle Goldmetalle, alle Wertmetalle, allen Metallschmuck eures Leibes, der euch nur belastet, herabzieht und euch ärmer macht als die ärmsten Waldtiere, die reich und große Herren gegen euch Goldsklaven sind, da sie reich an Freiheit von der Goldgier sind, reich an Unschuld der Seele, reich an Goldunwissenheit. Warum kommt ihr zur Landschaft, warum kommt ihr zumWalde, warum zum Garten nach getaner Arbeit? Um euch von eurer Goldschuld bei unserer goldlosen ländlichen Waldunschuld zu erholen!

Wenn auch wir Tiere dem Golde nachliefen und an ihm hingen, wie ihr, so würden Wälder, Berge und Erde in Flammen der Goldfrechheit untergehen. Nur unsere Unschuld erhält die Länder der Erde. Eure Goldungeduld ist die Zerstörerin alles Lebens, aller Seelenunschuld, alles Lebensgeistes überhaupt.

Und nun bedenkt euch nicht lange. Ich habe euch hier den Matiuni, den dreihundertjährigen Matiuni, den unschuldvollen, goldfremden Blinden, den König der Blinden, mitgebracht. Ihm liegt nichts mehr am Golde. Er hat seit seinem hundertsten Lebensjahre das Gold vergessen. Seit zweihundert Jahren hat er nichts vom Golde gesehen, kein Gold berührt. Nur Musik und Unschuld ist seiner Seele Gold.«

Ich hörte sprachlos zu. Und wollte schon rufen: ›Der Büffel lügt jetzt. Was er vorhin sagte, war gut. Aber er macht mich nun besser, als ich bin. Darin lügt er jetzt.‹ Doch ich schwieg. Denn es herrschte eine so andächtige Totenstille nicht bloß in dem Raum des Theaters drüben, – auch in dem Garten des Pfandhauses und auf den Straßen, überall waren alle Leute andächtig geworden und hockten sich nieder, wo sie gerade standen. Und die Versteigerung setzte aus. Der Gong schwieg. Die Tauben waren auf die Dächer, und die Raben waren in die Palmen zurückgekehrt. Die Hunde saßen still und lauschten. Die Wagenpferde standen still und lauschten. Alle Blätter und Blüten an den Götterbäumen lauschten, jeder Grashalm, jeder Grashüpfer saß still, und die Frösche in den Reisfeldern, die sonst nie Ruhe gaben, – alle schwiegen und horchten auf die wahren Worte des klugen Büffels. Der Büffel fuhr ununterbrochen fort:

»Da draußen zu Matiuni tragt euer Gold hin. Er soll euer Gold mit seinem blinden Hofstaat in die Urwälder tragen, er, der König der Blinden. Nur er allein kann das Gold aus eurer Welt schaffen. Der dreihundertjährige Matiuni ist der einzig lebende Mensch heute in Garoet, der nichts vom Golde mehr weiß, der nicht weiß, was ihr ihm gebt, wenn er euer Gold in den Urwald schleppt mit seinen blinden Gefährten, die ihm und mir blindlings gehorchen. Im Urwald wird er es begraben, oder wird es besser in den Krater des Papandaj an versenken, und euer Gold wird zu Feuer, und der Zorn der Feuerberge zerschmelzt und frißt mit Wollust alles Gold von Garoet, alles Gold von Java, um euch zu rechtlichen, freien Herren des Lebens zu machen.

Rafft euch auf zur Goldfreiheit, die bei uns Tieren im Feld und im Walde wohnt, weil wir keine Goldgier und keine Goldknechtschaft, kennen! Rottet die tödlichste Begierde, die euch alle, mit Ausnahme des blinden Matiuni hier, verseucht, – rottet sie aus euren Augen und aus eurem Sinn!

Geht hinaus zu Matiuni, den ich euch gebracht habe! Wisset, der einzige Wunsch dieses weisen Dreihundertjährigen, als ich ihn heute traf – ihr ratet es nicht –, sein Wunsch war, das Gras wachsen zu hören! Hört ihr: nicht das Gold, sondern das Gras wollte der Blindenkönig wachsen hören! Wißt ihr, was das besagt, dieser Wunsch? Er besagt, daß sein Herz unschuldig ist wie der Urwald, der seit tausend und aber tausend Jahren auch keinen andern Wunsch kennt, als das Gras wachsen zu hören. Im Urwald sind es Blätter; aber Blätter oder Gras, – beide wachsen eines so melodisch und musikalisch wie das andere. Diese Musik des Graswachsens kann aber nur der belauschen, nur der hören, der so lange wie der dreihundertjährige Matiuni das Gold vergessen hat. Nur er konnte den Wunsch in seinem Herzen finden, den vor ihm noch nie ein lebender Mensch gefunden hat. Wißt ihr nun, daß ihr euer Gold niemand anderm zu geben habt als dem Unschuldvollsten unter euch, der gar nicht erkennt, daß er Gold in den Händen hält, wenn ihr es ihm hinreicht.«

Und bald, nachdem der Wasserbüffel also groß und mächtig geredet hatte, verließ er unter Jubelrufen der Javanen das Theater und ging gemächlich über die Straße an den Wiesenrain, wo ein Bach aus einem Reisfeld an der Gartenstraße entlang floß; und der Stier neigte seinen Nacken, und man hörte ihn in großen Zügen das frische Wasser schlürfen, denn er hatte sich heiß geredet. Und einige Leute aus den Gemüseständen am Wege kamen und legten einige Kolben frischen gelben Mais vor den Stier hin, und andere breiteten Kohlblätter aus, er aber ließ die Gaben unbeachtet und sagte aufschauend und wiegte die schweren Hörner drohend: »Kümmert euch nicht um mich, ihr Leute, kümmert euch um eure Seele! Ich helfe mir schon selbst.« Und damit trollte er sich unter den Bäumen am Bachrand entlang und labte sich an jungen Gräsern, die am Wegrand wuchsen, und raufte das frische einfache Gras, und alle, die es sahen, bewunderten die Ruhe und die Andacht und die Genügsamkeit, mit der dieses Tier am Wege stand und sich von Wasser und Gras und Luft nährte, und dem es an göttlicher Lebenseinfachheit keiner der Umstehenden gleichtun konnte.

Da erfaßte sie vor der Lebensart des klugen Tieres, mehr noch als vor seinen klugen Worten, das Gefühl der Scham und Erbärmlichkeit ihres goldgierigen Menschendaseins.

Die Straßenjugend war gleich nach dem Schluß der Büffelpredigt zu mir gelaufen und hatte angehoben, den Vers vor mir zu singen, den sie sich gedichtet hatte:

Seht, dort seht,
Matiuni, der Prophet.
Matiuni, der das Gold vergaß,
Hört wachsen jetzt das Gras.

So sangen sie, die Jungen, und nun kamen auch die älteren Leute hinzu; und als die Ortsvorsteher, die javanischen, und ihre Frauen und andere vornehme Javaner ihre Goldreifen von den Fingern zogen und ihren Schmuck vor dem blinden Matiuni niederlegten, da begann ein allgemeines Leben, alle drängten herzu. Die Frauen nahmen die kleinen Goldblumen aus ihren schwarzen Haarknoten, sie streiften sich und ihren Kindern die dicken Goldringe von den Hand- und Fußknöcheln ab. Sie legten die verzierten großen Goldnadeln, mit denen sie ihre dünnen bunten Schleierjacken auf der Brust geschlossen hielten, vor mir nieder. Und es regnete Gold, Goldschmuck, Goldgeld von allen Seiten, so daß ich mit meinem einen sehenden Auge das Gold rascher wachsen sah als einen Gebirgsbach beim Wolkenbruchregen. Ich saß bald mit meinen Kameraden hinter einem Wall von Goldschmuck, der wuchs höher, als die Nase mir im Gesicht saß. Denn auch aus der Stadt kamen die Leute gelaufen. Die Kunde von der Pest des Goldes hatte sich rundum verbreitet, und je weiter die Leute herkamen, und je weniger sie von den eigentlichen Goldverdammnisworten des Büffels selbst vernommen hatten, desto größer war ihr Eifer, ihr Gold los zu werden, und ihre Furcht, auch nur einen Goldring zu behalten. Denn es hieß zuletzt: jeder, der von heute ab Gold ansehe, müsse tödlich erkranken und müsse sterben. Dazu kam noch, daß ein kleiner Erdstoß die Garoet-Erde zittern machte, als der Büffel sein letztes Wort gesprochen hatte, und als der erste seinen Goldring vor mir niederlegte. Dieses Erdbeben sei das leibhaftige zustimmende Nicken der Erde gewesen, so deuteten es sich die leicht erregbaren Javanen. Und da nun auch die Erde gegen das Gold geredet zu haben schien, war ein allgemeines Hasten, und einer riß den andern fort, im Eifer, sich seines Goldes bei mir zu entledigen.

So sah ich also wirklich zu meiner Schande das Gold vor mir wachsen. Und ich begriff nur noch nicht recht, ob ich mich freuen oder ärgern sollte.

Meine sieben Schlingel von Musikanten hielten die Köpfe gesenkt, aber an dem Zittern des dünnen Leinenstoffes ihrer Jacken sah ich, daß ihnen die Herzen vor Goldgier klopften.

Hilflos und unwissend und schlecht und niederträchtig kam ich mir vor, als ich die unschuldigen, guten Javanenleute sah, die, treuherzig und von der Rede des Büffels ergriffen, alles Gold weggegeben hatten, und die nun schmucklos weiterzogen, als hätten sie nichts Großes getan; so einfach und scheu und ganz gedemütigt gingen sie ihres Weges. Sie gingen alle noch unter dem Albdruck der donnernden Büffelworte, das konnte man ihnen ansehen.

Einige Leute brachten nun große Säcke und Stricke, und andre brachten Maultiere an; jedem Musikanten gaben sie ein Maultier, das er, da er ihnen blind schien, am Schwanz halten mußte.

Meinem Büffel hingen die Blütenkränze ganz verwelkt am schweißigen Leibe herunter, so heiß hatte er sich geredet. Aber nun war er still und stand vor mir, und nur das eine Wörtchen »Aufsteigen!« sagte er befehlend zu mir, dann schwieg er mürrisch und gewaltig; dabei käute er an dem zermalmten Gras zwischen seinen Zähnen wieder, wie ein alter Seemann, der sein Priemchen Tabak kaut.

Die Goldwäscher saßen ganz versonnen am Eingang des Pfandhausgartens, als wir vorüberzogen. Ihre Seifenwassernäpfe waren leer, und ihre Hände lagen verschränkt über den Knieen, aber keiner verzog eine Miene, trotzdem sie ihren Beruf eingebüßt hatten. Mit der ergebenen Ruhe des Asiaten sahen sie dem Zuge nach, der da das ganze Gold aus Garoet fortschleppte. Es waren aber an fünfundzwanzig Säcke Gold geladen: zwei auf jedem Maulesel, jeder Musikant trug auf dem Rücken noch einen Sack, mein Büffel aber trug allein vier Säcke voll Goldsachen; auf jeder Flanke zwei gutgefüllte große Säcke.

Ich aber saß auf dem Büffel inmitten der vier Goldsäcke und hatte alle Musikinstrumente, meines und die der sieben Musikanten, umgehängt und war von toten, lautlosen Instrumenten wie begraben. Dann zogen wir zum Ort hinaus. Es war ein ehrfürchtiges Gemurmel in allen offenen Häusern und Buden am Weg, und eine dichtgedrängte Schar wollte uns begleiten bis ans Ende des Ortes.

Wir zogen aber den Weg nach Tjisiroepan, der auf den Krater des Vulkanes Papandaj an führt.

Wir waren kaum aus Garoet hinaus und zwischen grünen Reisfeldterrassen auf der großen, breiten Landstraße, die immer langsam ansteigt durch die Hochebene hin, da rief mein Büffel, als uns die letzten Einwohner von Garoet verlassen hatten: »Eure Hoheit glauben wohl, daß ich Ihre vier Säcke den ganzen Weg schleppe? Das fällt mir aber gar nicht ein. Bis Tjisiroepan sind es gut vier Wegstunden für einen Büffel, der eine Last zu tragen hat. Ich bitte Eure Hoheit also nachdrücklich, abzusteigen und mindestens zwei Säcke selbst zu tragen. Und die Esel sind auch zu viel belastet. Mehr als einen vollen Goldsack kann kein Esel ohne Rückenschmerzen tragen, die Musikanten aber müssen jeder noch einen Sack auf sich nehmen, und jeder muß seinen Esel um einen Sack entlasten.«

Die Musikanten waren ganz schweigsam und bedrückt von dem vielen Gold, das man ihnen anvertraut hatte, und sie sprachen kein Wort. Auch ich hatte meinen Geist noch nicht zurückgewonnen und war ganz betäubt von dem eben Erlebten.

»Na, großer Herr König und Prophet Matiuni«, lachte der Büffel höhnisch, »Gold erraffen, das möchtet Ihr gern, besonders, werin Ihr es so schnell und reich habt wachsen sehen, wie dieses Gold hier. Eigentlich könnte ich Euch überhaupt jetzt verlassen, Ihr habt, was Ihr wollt. Ihr kamt zum König, das heißt, Ihr erreichtet den Titel König, und als Dreingabe wurdet Ihr auch noch zum Propheten erhoben. Ihr habt Gold wachsen hören, und Ihr seid ein dreihundertjähriger sehender Blinder geworden. Da Ihr keinen Wunsch weiter ausgesprochen habt, könnte ich eigentlich umkehren und Euch beim Golde lassen.«

»Bester Büffel, bitte, laß mich nur jetzt nicht allein!« bat ich inständig. »Ich bin nämlich ganz ratlos, was ich mit dem vielen Gold anfangen soll.«

Wir hatten aber, ehe wir das Gespräch begannen, die sieben Musikanten vorausmarschieren lassen und waren jetzt sozusagen unter uns.

»Weißt du, lieber Büffel, eigentlich ekelt es mir vor dem vielen Golde«, fuhr ich fort.

»Ach, was du nicht sagst!« lachte der Büffel ungläubig und höhnisch. »Du meinst wohl, es ekelt dir davor, von jetzt ab zwei Säcke bergauf schleppen zu müssen?«

»Ach, ganz gewiß nicht, lieber, bester, treuer Büffelherr«, flehte ich in höchster Hochachtung. »Ich will gern das Gold auf mich nehmen; aber ich mußte dir nur gestehen, daß mich deine Worte von vorhin im Theater tief erschüttert haben. Ich bin ganz deiner Ansicht. Wir Menschen sollen uns nicht ans Gold hängen, uns nicht dem falschen, gelben Blick des Unglücksgoldes hingeben.«

»Hm«, nickte der Büffel beifällig. »Hm.« Und dabei käute er ruhig sein Gras im schaumigen Maule wieder, das er sich immer wieder aufstoßen ließ, wenn er es beinahe hinuntergeschluckt hatte. Es schien ihm höchsten Genuß und innerste Befriedigung zu geben, diese unschuldig endlose Beschäftigung zu wiederholen. Und ich mußte, als ich den Wiederkäuer, den edlen, so beobachtete, in meinem Herzen denken: ›Er ist nicht anders als ein Kind, das andächtig an seinem Daumen lutscht, oder ein Mann, der seinen Priem kaut, oder ein Amerikaner, der Gummi kaut, oder ein deutscher Förster, der seine kalte Pfeife im Mundwinkel hängen hat und daran kaut.‹ So viel Vergleiche mit den Menschentieren fand ich bei der Kaugewohnheit des Büffeltieres, daß ich zuletzt beinah keinen Unterschied mehr sah.

»Bedürfnislosigkeit ist höchste Lebensweisheit«, sagte der kauende Büffel. »Das Kauen kostet mich nichts, während alle eure Bedürfnisse nicht natürliche Gewohnheiten, sondern ausgedachte üble Angewohnheiten. sind, wie euer Tabakrauchen und euer Zahnstocherkauen und Gummikauen. Wir Büffel waren weise in der Auswahl unserer Gewohnheiten, weiser als das unglückliche Menschengeschlecht, das sich immer ruhelos neue Gewohnheiten zulegt und damit selbst bezeugt, daß es im Grunde unweise ist, weil es nicht bei einer einzigen ererbten Gewohnheit ausharren kann.«

Wie wir noch so am Wege standen und uns beide im Geiste besprachen, kamen von weitem plötzlich die sieben blinden Musikanten ohne Säcke und ohne Esel angerannt und schwangen schon ganz weit die Hände und riefen mir unverständliche Worte zu.

»Die Polizei hat ihnen das Gold abgenommen«, lachte der Büffel gemütlich, »die Polizeisoldaten sind vom Residenten vor uns ausgeschickt worden, um uns, wenn sich das Volk verlaufen hätte, alles Gold abzunehmen. Ich hörte vorhin, als ich am Wegrand beim Pfandhaus unterm Telephondraht stand und Gras raufte, das Telephongespräch zufällig mit an, das der holländische Resident von Garoet mit dem Polizeiwachtmann hatte. Ich hatte es aber wieder vergessen. Nun, wenn die holländische Regierung das Gold nach Holland bringen will, dann ist das Gold ebensogut aus Java fort, als wenn wir es erst hinauf zum Papandajan an den Krater schleppen sollten. Die Polizei nimmt uns liebenswürdigst die Wegschaffung des Goldes ab. Das ist sehr angenehm für dich, nun brauchst du keine Säcke zu schleppen«, lächelte mein Wasserbüffel mir zu.

»Was«, rief ich aus, »die holländische Polizei will uns das Gold abnehmen? Darüber habe ich zu bestimmen, wohin mein Gold gebracht wird. Unser Gold geht den Residenten gar nichts an.«

Und da ich eben abgestiegen war, sprang ich schleunigst wieder auf den Büffel, schüttelte ihn an den Hörnern, warf den heraneilenden atemlosen Javanen ihre Musikinstrumente zu und rief: »Lauft, lauft zurück, erzählt es am Markt von Garoet; die Polizei muß das Gold wieder hergeben; lauft, wir kommen gleich nach!«

Sie liefen atemlos weiter, da sie fürchteten, von den Polizisten gefangen gesetzt zu werden. In meinem Herzen aber war ich froh, die sieben Kerle los zu sein. Nun konnte ich mit meinem Golde machen, was ich wollte. »Lauf, Büffel, lauf«, rief ich, »lauf querfeldein, von der Landstraße fort, wir müssen unser Gold retten.«

Der Büffel – ich weiß nicht, ob er Ernst oder Spaß machte – stürzte sich, als ob er ein rotes Tuch sähe, fort über den Straßengraben, zwischen den Bäumen durch, hinaus in die Wasserspiegel der Reisfelder. Eine Weile jagte er über die morastigen schwarzen Schlammfelder hin, in denen die grünen Halme der Reisähren so dicht wie unsere grünen Roggenähren stehen. Der Reis wächst nur im Wasser. Einige Fuß tief ist da in den Feldern immer Wasser, das tief in die Erde dringt und diese zu schwarzem Brei aufweicht. Dieser Reisfeldmorast ist der höchste Hochgenuß für die Herren Wasserbüffel. Und kaum waren wir so weit, daß wir von der Landstraße aus nicht mehr gesehen wurden, und waren in einem noch unbestellten schwarzen Morastfeld angekommen, da kniete sich mein Büffel fröhlich brüllend nieder, legte sich auf die Seite und rollte mich und meine Goldsäcke und sich selbst in den tiefen, schwarzen, ekelhaften Fettschlamm des Wasserfeldes. Ich sank bis an den Hals in den Dreck. Die Goldsäcke versanken, von der Schwere hinuntergezogen, in der schwarzen Tiefe, und der Büffel wälzte sich und grub sich mit höchstem Wohlbehagen immer tiefer in das Morastfeld ein, so daß zuletzt nur noch sein Kopf mit den zwei schwarzen Hörnern aus dem Erdbrei herausschaute.

»Du, Matiuni«, brüllte der Derbe vergnügt, »du wirst doch nicht etwas Schmutz scheuen. Nachher ziehen wir hinunter zum Fluß und waschen uns im Tjmai-Stromwasser wieder sauber. Siehst du, das sind eben so unsere einfachen biederen Büffelgewohnheiten. Bist du als Junge nicht gern im größten Dreck herumgepatscht, dann warst du nie ein richtiger Bengel.«

»Ja«, sagte ich etwas kleinlaut und tief atemsdinappend, »es ist nur schon etwas lange her, daß ich ein Bengel war, – ich habe es verlernt, die Pfützen zu ergründen.« Ich wollte mir meine Wut nicht anmerken lassen und hoffte, den Büffel durch Freundlichkeit bei seiner guten Laune zu erhalten, damit er meine Goldsäcke wieder aufnehme. Er könnte sie leicht mit seinen Hörnern aus der Tiefe heben, dachte ich mir. Darum machte ich gute Miene zum bösen Spiel.

Nachdem ich so eine Weile bis zum Hals im Dreck gestanden und versucht hatte, mir die Augen reinzuwischen, was aber nicht gelang, sagte ich seufzend: »Nun bin ich, glaube ich, auf beiden Augen richtig blind geworden.«

»Ach, was du nicht sagst!« lachte mein Büffel immer gemütlich. »Dann bist du also kein Halbkönig mehr, sondern ein richtiger Blindenkönig. Ich gratuliere zur Standeserhöhung.«

»Na, ich danke. Ich bin müde von so viel Ehre. Ich schlage vor, wir heben meine Säcke wieder aus dem Morast heraus und tragen sie endlich, wohin sie gehören, auf den Papandajan. Denn das habe ich den Garoetleuten doch versprochen, nicht wahr, Büffel?« Ich wollte eigentlich ›Büffel dreckiger‹ sagen, hütete mich aber, ihn zu beleidigen, ehe ich meine Goldsäcke hatte. »Also«, fuhr ich fort, »sei so gut, tu dich nach meinen Goldsäcken um und gib die Spielerei jetzt auf.«

»Nach deinen Goldsäcken soll ich mich umtun?« kam es höchst erstaunt vom Büffelmaul zurück. »Ich habe deine Goldsäcke doch nie getragen.«

»Na also, die Säcke der Leute; sei doch nicht so wortklauberisch, du alter Quälgeist, du!« sagte ich gereizt. »Ich will jetzt endlich zu meinem Gold kommen«, fuhr ich unvorsichtig und übereifrig fort. Es entfuhr mir so nebenbei.

»Du willst dich also wieder dem falschen, gelben Blick des Unglücksgoldes hingeben?« lachte der Büffel, meine Worte von vorhin höhnisch wiederholend.

»Ach was!« sagte ich, und die Geduld riß mir zu früh. »Mach jetzt! Ich danke dafür, hier im Dreck mein Leben zu beschließen. Deine Worte über das Gold fanden wohl im Geist meinen Beifall, aber in der Wirklichkeit und als Taten lassen sie sich nicht durchführen, – das wollte ich dir gerade vorhin auf der Landstraße auseinandersetzen, als die Polizei ankam und wir fliehen mußten.«

Der Büffel brüllte: »So, wenn du dieser Meinung bist, dann bist du also lieber ein Dieb als ein ehrlicher Mann und möchtest wohl gar das Gold der armen Garoetleute einstecken? Ja, das würde dir so passen; ich habe dir nur versprochen, daß du Gold wachsen hören sollst, aber ich habe dir keine Unze Gold in die Hand versprochen. Ich will nichts mit einem Golddieb zu tun haben, und deinen Hehler wird selbst der niedrigste Büffel nicht machen wollen.« Und damit wollte der Büffel sich aus dem Schlamm erheben und wollte mich im Dreck stecken lassen, aus dem ich mir nicht allein heraushelfen konnte.

»Hallo, Büffel, sei doch nicht so übelnehmerisch; ich meinte es nicht so!« Und nun wurde ich wirklich ernst und bedachte, wie recht der Büffel damit hatte, daß ich ein Dieb geworden wäre, wenn ich meine Hand nach einem einzigen Goldschmuck in den vier versunkenen Säcken ausgestreckt hätte. Nein, so hatte ich es nicht gemeint. Ich hatte es nicht überlegt und hatte mich nur am Gold freuen wollen, aber der Büffel klärte mich auf, und ich schämte mich und wurde zornig über mich selbst, weil ich dümmer als ein Büffel war und mir von ihm Ehrlichkeit beibringen lassen mußte. »Lieber Büffel, nun bereue ich wirklich, was ich da eben bös und dumm gesagt habe. Verzeih mir! Ach, hätte ich doch niemals das Gold wachsen hören wollen! Man hat wirklich nichts als Ärger und Dreck davon«, begann ich aufrichtigen Herzens zu klagen. »Hätte ich doch lieber das Gras wachsen hören wollen, dann hätte ich vielleicht einen schöneren Morgen erlebt, als dieser war!«

Da wurde mein Büffel wieder gut und sagte: »Das Gras kannst du immer noch wachsen hören, dazu ist es nie zu spät. Besonders, da du dich von aller Goldgier befreit fühlst; nun wird es mir ein Genuß sein, mein Herr, Sie dorthin zu führen, wo Sie das Gras wachsen hören können.« Und das gute Tier kam nahe zu mir, so daß ich seinen Nacken fassen und aufsteigen konnte, dann erhob es sich völlig und trug mich aus dem Morastfeld fort. Zuerst wuschen wir uns unten am Fluß rein, ich samt meinem weißen Leinwandanzug trocknete schnell an der heißen Vormittagssonne, und dann ritten wir bergan, zum Urwald, wo ich das Gras wachsen hören sollte.

Die vier Goldsäcke lagen nun im Morast des Wasserfeldes versunken, und wenn sie mir manchmal in den Sinn kamen, dann dachte ich schnell an etwas anderes, nur um nicht wieder in Versuchung zu fallen und mir Gold zu wünschen.

Im Urwald, als wir ihn bei Telagas Bodas nach vielen Stunden erreichten, war es grau und nebelig, und wir kamen erst in ein Tal, das hieß das Totental; denn dort strömten aus der Erde giftige Dämpfe, und jede Eidechse, jede Schlange, jede Maus, jeder Frosch, alles Getier, das dicht am Boden lebte und in dieses Tal geriet, mußte sterben. Die Menschen aber konnten aufrecht dort gehen, ohne daß ihnen die giftigen Gase schadeten, da sie nur einen Fuß hoch über die Erde aufstiegen und nicht höher steigen konnten.

»Hier übergebe ich dich der Führung der roten Papageien«, sagte mein Büffel. »Denn mein Aufenthalt ist nicht im Wald, ich bin ein Wasserbüffel, und mir sind als Aufenthalt die Felder angewiesen und die Moraste. Also gehab dich wohl! Am Ausgang des Totentales klatschst du in die Hände, wenn du zurückkommst und das Gras hast wachsen hören. Dann hole ich dich ab.«

Und der Büffel setzte mich ab, ließ mich stehen und lief zurück. In den Bäumen sah ich eine Schar dunkelroter kleiner Papageien fliegen. Die Bäume waren der ungesunden Luft wegen nicht reich belaubt, und man sah mehr graues Astgestrüpp als grüne Blätter, und alte vertrocknete Lianenwurzeln hingen wie graue Taue von den Baumgerippen; auch stiegen viele feuchte Dämpfe durch die halbkahlen bernoosten Baumstümpfe. Deshalb wurde der Wald, weil er so nebelig war, auch der Nebelwald genannt. In den kahlen Bäumen und im weißlichen Nebel konnte man die feuerroten Papageien sehr gut sehen, und ich konnte ihnen gut folgen, als sie vor mir her flogen. Aber ich mußte bei jedem Schritt schaudern, denn öfters lagen vor mir weiße Skelette von Eidechsen, toten, und weiße, mumienhaft vertrocknete Schlangenleiber. Auch das kleine Geripp eines Vogels lag zwischen dem weißen Steingeröll des Tales. Beim Anblick der kleinen Toten wurde ich recht ernst gestimmt; ich hätte sie gern aufgehoben und begraben, aber die roten Papageien warteten nicht, sie flogen schnatternd und plappernd vor mir her von Baum zu Baum, und ich mußte die Papageien gut im Auge behalten, um sie nicht zu verlieren. Denn dann hätte ich da im totstillen Nebelwald ganz allein in dem weißen Steingeröll gestanden und hätte den Weg nicht vorwärts und nicht zurück gefunden. Es war sehr still. Die blattleeren Bäume rauschten kaum ein wenig, sie waren ohne Blätterzungen, also stumm geboren. Gras gab es keines. Und ich verstand nicht, warum mich der Büffel gerade dort in den Urwald eingeführt hatte, wo der Wald gar keine Stimme hatte. Ich wurde durstig und hungrig, aber es gab keine Beeren und keine Früchte und keine Quelle, und die heiße Mittagsonne brannte durch das Baumgeäst, das kahle. Und immer leerer wurden die Bäume, und immer wirrer und wilder das Geäst, und immer kahler die kahlen Steine.

»Alter Mann, alter Mann!« rief da eine Stimme hinter mir, und es war die krächzende Stimme einer alten Frau.

Ich hatte aber ganz vergessen, daß ich dreihundert Jahre zählte, und daß ich also ein alter Mann war; ich sah mich ganz erstaunt um, und ich dachte, die Frau rufe einen andern, und nicht mich. Das war eine seltsame Alte: sie hatte grünes Haar, langes, grünes Haar hing ihr im Rücken herunter, und sie rief mich und lachte wie eine alte Bekannte. Als sie aber zu mir trat, lachten alle roten Papageien laut auf, und dann flogen sie auseinander und waren im Dickicht verschwunden.

Nun war ich mit der alten Frau allein.

»Alter Mann, alter Mann«, krächzte diese, »auf dich habe ich mein Leben lang gewartet.«

Das verstand ich nicht. Wir kannten uns ja gar nicht, und ich hatte ihr doch gar nichts versprochen.

»Mein Name ist Matiuni«, sagte ich höflich.

»Oh, dein Name ist dein Name, aber dein Wunsch ist mein Wunsch«, rief sie, sich nähernd. Beim Anblick der Alten hatte ich wirklich keinen andern Wunsch als den, nach einem Schluck Wasser zu fragen und nach einer Frucht, um meinen Hunger zu stillen.

»Also dann sind Sie auch durstig und hungrig, wie ich es bin?« sagte ich deutlich.

»Ja, mich dürstet und hungert auch wie dich darnach, Gras wachsen zu hören«, nickte die Alte.

Diesen Hunger und Durst nach Gras, das muß ich gestehen, hegte ich im Augenblick nicht mehr deutlich. Mein Magen sprach nur von seinen Wünschen, mein Herz durfte nicht mitwünschen, solange der Magen so unbändig schrie, darum hatte ich das Graswachsenhören einstweilen halb aufgegeben.

»Darf ich um Ihren Namen bitten, meine Beste? Dann erinnere ich mich vielleicht, wo wir uns zuletzt sahen.«

»Ach, es ist noch nicht so lange her, daß wir voneinander schieden. Heute morgen erst habe ich dich verlassen, kurz nachdem du auf dem Büffel fortgeritten warst, um das Gold wachsen zu hören«, nickte die Alte mir vertraulich und bekannt zu.

»Ich kann mich wirklich nicht entsinnen, ich muß noch geschlafen haben, als Sie an mir vorbeigingen«, sagte ich, nachdenklich geworden.

»O nein, wir kennen uns, wir kennen uns, wenn du mich auch heute morgen mit deinem Wunsch nach Gold verleugnet hast; wir kennen uns, und ich kehre zurück, weil auch du zu mir zurückgekehrt bist.«

»Aber sagen Sie doch, ums Himmels willen, wer sind Sie denn, daß Sie so bekannt mit mir reden?« Ich wurde etwas gereizt durch die Unklarheit, in der ich mich befand.

»Ach, mein Lieber, ich bin doch deine Seele!«

»Meine Seele? Siehst du so aus?« mußte ich, entsetzt über die alte, runzelige Person, ausrufen.

»Ja, wie soll ich denn aussehen; bin ich denn nicht jung und schön genug für einen dreihundertjährigen Mann?« fragte mich meine alte Seele erstaunt.

»Ja, meine Seele, du hast ja grünes Haar!«

Ach habe grünes Haar?« sagte sie erstaunt und zerstreut, wie Seelen meistens sind, da sie nicht fest im Leben stehen. »Ach, dann ist das Haar wohl von meinen Gedanken grün geworden, da ich heute immer an grünes Gras denken muß, das ich wachsen hören möchte.«

»Das ist hübsch, meine Seele«, sagte ich, »daß sich deine Wünsche in der Haarfarbe verraten.«

»Ja, weißt du, wir Seelen sind so aufrichtig wie Fensterscheiben. Man sieht durch uns hindurch und sieht uns alles an, was in uns vorgeht.«

Ich fand, sie sprach ein wenig schwärmerisch.

»Aber warum hast du dich mir denn noch nie früher gezeigt, meine Seele?« fragte ich neugierig.

»Wie konnte ich denn das? Du warst ja noch nie im Urzustand im Urwald. Und wir Seelen offenbaren uns dem, dessen Herz wir besitzen, nur, wenn er zum Urzustand zurückgekehrt. Auch konnte ich erst dann zu dir kommen, als dein Leib den gleichen Wunsch mit mir teilte.«

»Ach, seid ihr Seelen aber eine scheue Gesellschaft!« rief ich aus.

»Jeder ist eben anders gebaut«, sagte sie ruhig lächelnd. Und ich vergaß seltsamerweise bei dem ersten Lächeln meiner Seele meinen Leibeshunger und verlangte keine Früchte mehr zu essen. So wunderschön hatte mich eben meine Seele angelächelt, daß auch mein Magen von diesem Lächeln zufrieden wurde, wie von einem Stück Mandelkuchen mit Schlagsahne und Honigfüllung. Und zu meinem Erstaunen merkte ich, während ich nach einer Fortsetzung unseres Gespräches suchte, daß meiner Frau Seele die grünen Haare länger und länger wuchsen.

»Ich will uns ein Lied vorsingen lassen«, sagte meine Seele und winkte ein wenig nur mit den Augenwimpern, da kam ein ganz unscheinbarer graugrüner Vogel aus dem Wald geflogen und setzte sich meiner Seele auf den Zeigefinger, den sie ihm hinhielt, und dann sang der kleine Vogel ganz wunderbar schön.

»Was singt er denn?« fragte ich am Anfang.

Aber meine Seele lauschte gedankenvoll auf den Vogelgesang, und dann fragte ich nicht mehr. Bald dachte ich auch gar nicht mehr an Worte, sondern ich fühlte, was der Vogel sang: er sang das Lied, das alle Vögel singen: das Herzlied. Ein anderes kann kein Vogel singen. Immer klingt es anders aus jedem Vogelschnabel, aber immer ist das Lied dasselbe schöne Lied, das Herzlied. Und wenn man gar nicht mehr hinhorcht, hört man das Herzlied noch am Klopfen des eigenen Herzens. Der Vogel singt, dein Herz klopft, und du verstehst bei deinem Herzklopfen mit einem Male das Herzlied.

Als ich das Herzlied verstand, fühlte ich, daß mich meine Seele anschaute, und ich sah ihr zum zweitenmal in die Augen, und nun lächelte sie zum zweitenmal. Und nach diesem Lächeln war mir meine Zunge nicht mehr trocken. Ich fühlte keinen Durst mehr. Es war, als habe mich meine Seele mit diesem Lächeln besser gelabt als mit dem besten Weintrunk. Und es erstaunte mich, daß das langgewachsene grüne Haar meiner Seele nun den steinigen Boden des Totentales erreicht hatte, – so schnell war es gewachsen während des Vogelliedes. Und meine Seele winkte wieder mit den Wimpern, da flog der kleine Vogel fort, zurück in den Wald. Aber es schien mir, als sängen immer noch Stimmen.

»Was singt denn, liebe Seele, da so schön? Der kleine Vogel ist doch fortgeflogen?« Da lächelte meine Seele zum drittenmal, und nun sah ich es deutlich: es waren die Augen meiner Seele, die wie ein Vogelpärchen im Gesicht meiner Seele sangen. Und nun erstaunte es mich, daß meine Seele solch singende Augen bekommen hatte. Mehr aber wunderte mich, daß nun ihr grünes Haar, wo es den Boden der Steine streifte, hinter uns eine lange Fährte von jungem grünem Gras erwachsen ließ.

»Deine Wünsche ziehen das Gras aus der Erde, daß es auf einmal dort aufwächst, wo vorher tote Steine waren.«

»Ach, sieh mal, das wußte ich gar nicht«, lachte meine Seele hell auf, »daß ich das Gras wachsen machen kann. Das ist aber nur, weil du so gut zu mir geworden bist.«

»Bin ich gut zu dir?« fragte ich erstaunt. Ach habe dir doch gar nichts Gutes getan.«

»Hast du mich nicht dreimal so freundlich angelächelt?« sagte meine Seele leiser.

»Du hast mich so freundlich angelächelt«, antwortete ich voll Staunen. »Ich wußte gar nicht, daß ich dreimal gelächelt hatte.«

»Siehst du, das ist das Schöne: wenn wir beide zusammenkommen, dann wissen wir nicht, daß wir Gutes tun; dann sind wir unbewußt gut und lächeln unbewußt. Und wie schön du eben gesungen hast mit deinen Augen, das weißt du wohl auch gar nicht?«

»O meine Seele, wie du seltsam bist, – du hörst mich singen, während ich deinem Singen zuhören muß.«

Und sie lachte froh und frei auf und sagte: »Nun wollen wir uns zum wachsenden Gras niedersetzen.«

Und wir setzten uns, und das Gras zeigte vom Lachen meiner Seele viele goldene Tautropfen, und jeder Goldtropfen spiegelte die Sonne wider, und jedes Goldbild der Sonne blitzte in seinem Tropfen wie eines der vielen javanischen Schmuckstücke, die ich vorhin in meinen vier Säcken auf dem Büffel aus Garoet fortgetragen hatte.

»Oh, das viele Gold auf dem Gras, das viel schöner glänzt als wirkliches Gold«, mußte ich ausrufen.

Da fiel mir meine Seele um den Hals und küßte mich mitten auf den Mund. Ich küßte sie wieder, und da sah ich, daß sie keine alte Frau mehr war, – sie war jung und rosig geworden. Ich mußte tief Atem schöpfen, so sehr ergriff mich ihre Nähe und ihre Jugend.

Sie sah mir an, daß ich von ihr erschüttert war, und sagte: »Wir können alt werden, wenn man uns vernachlässigt, wir Seelen, und wir können jung werden, wenn man gut zu uns ist. Aber sterben können wir nie, und nie den für immer verlassen, dem wir einmal angehören für alle Ewigkeit. Aber wenn wir glücklich sind, können wir vor ihn hintreten, können mit ihm singen und mit ihm lächeln, und wenn wir eines Wunsches mit ihm sind, kann er uns wieder einatmen, so wie er uns verstoßen und fortgeschickt hatte, als er im Zwiespalt mit seiner Seele lebte.«

Ich mußte tief und erleichtert aufatmen. Und da sah ich, wie meine lächelnde Seele verschwand, als ob sie in mich gleich einem Schluck frischer Luft verschwunden wäre. Und ich fühlte mich sehr zufrieden. Es war mir aber, als ob ich wieder singen hörte. Nun aber war es das wachsende Gras des Totentales, das vor mir Sitzendem sang wie ein Heer von lieblichen, feinen Flöten, und das Gras wuchs feierlich und langsam höher, und kleine dunkelblaue Männertreublumen und goldgelbe Ringelblumen wuchsen im Gras auf. Und die blauen Blumen waren wie winzige kleine treue Himmelsaugen, und die Ringelblumen waren wie viel blühender Goldschmuck, der tausendfältig und schöner als aller wirkliche Schmuck wuchs und blühte und singen konnte wie feine Flöten.

»Das muß ich meinem Büffel zeigen«, sagte ich laut, als ob meine Seele noch vor mir sei. Und ich klatschte lebhaft in die Hände.

Ich mußte ein paarmal laut klatschen, bis der gnädige Herr Büffel sich zeigte. Aber ich war nicht ungeduldig. Denn ich trug ja meine Seele bei mir, und es macht zufrieden, geduldig und beglückt, wenn man seine Seele wieder eingeatmet hat und sie bei sich im Herzen wohnen fühlt.

Als aber der breite, klotzige Kopf des grauen Wasserbüffels aus den Büschen des Totentales auftauchte und er mit seinen großen schwarzen Augäpfeln das viele Gras sah, das im Wachsen immer noch nicht stillstand, da kam der Büffel gar nicht näher, sondern er senkte das schwere, mächtige Haupt und begann gleich mein schönes Gras auszuraufen und zu verzehren.

Ich ließ ihm einige Zeit seinen Willen. Und da das Gras darüber gelacht hatte, daß es dem Büffel so gut schmeckte, hatte auch ich lachen müssen.

Dann aber stand ich auf und sagte: »Büffel, jetzt ist es genug des Guten. Das Totental soll grün bleiben. Alles darfst du nicht abfressen von meinem wachsenden Gras.«

»Laß ihn nur, wir wachsen gern wieder«, sagten einige abgeknabberte Grashalme gutmütig, wie alles Gras von Hause aus gutmütig ist.

Nun, da ließ ich dem Büffel noch ein Viertelstündchen seinen Willen, und dann kletterte ich auf seinen Rücken und sagte: »Nun aber nach Hause, ich muß das Erlebnis der Lore in Altona schreiben. Eile dich, trage mich heim, lieber Büffel, vor mein Tintenfaß!«

Der Büffel aber fraß ungestört weiter und sagte: »Lege dich nur ins fette Gras nieder; das trägt dich schon nach Hause, das wächst bis an dein Bett und höher und legt dich hin, wo du willst. Mich aber störe nicht, ich habe selten so gutes Gras gefunden; du mußt eine ganz tüchtige Seele haben, die sich gut aufs Graswachsen versteht.«

»Das will ich meinen!« sagte ich stolz.

Und der Büffel legte sich im Gras nieder und ließ mich, ganz sanft gemacht vom guten Fraß, sanft von seinem Rücken ins Gras rollen. Dort lag ich herrlicher als im frischüberzogenen Bett, und dort, wo ich lag, schlief ich auch gleich ein und schlief wie im Arm meiner Seele, so ruhig und beglückt.

Damit endete mein Märchen dieser Nacht, der dritten heiligen Nacht. Und da es mich so zufrieden gemacht hatte, beschloß ich, vor der vierten Nacht nicht mehr davon zu laufen und heute am Schreibtisch auf meiner Veranda ruhig den Abend und den Beginn der vierten heiligen Märchennacht zu erwarten. Ich war aber, als ich meine Seele eingeatmet hatte, auch jung geworden und war nicht mehr ein verhutzeltes Männchen von dreihundert Jahren. In meiner ursprünglichen Gestalt bin ich am andem Morgen, wie das bei Märchen immer so einfach zugeht, statt im Gras in meinem eigenen Bette aufgewacht im Gasthaus Papandajan zu Garoet. Ich kann aber, da ich gut geschlafen habe, gar nicht sagen, wie mich das Gras heimgebracht hat, ob es bis ans Gasthaus mit mir lief, oder ob der Büffel so freundlich war, mich zu Bett zu bringen. Das ist auch ganz einerlei. Die Hauptsache ist, daß ich zwei große Dinge erlebt hatte: Gold wachsen hören und sehen und Gras wachsen hören und sehen. Aber das Letztere war entschieden das Schönere gewesen.

Das wirst Du auch finden, liebe Lore, wenn Du gut im Herzen aufgehorcht hast auf das, was ich Dir hier erzählte.

Auf Wiedersehen! Dein Märchenonkel

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