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Das Märchenbriefbuch der heiligen Nächte im Javanerlande

Max Dauthendey: Das Märchenbriefbuch der heiligen Nächte im Javanerlande - Kapitel 5
Quellenangabe
typefairy
authorMax Dauthendey
titleDas Märchenbriefbuch der heiligen Nächte im Javanerlande
isbn3-378-00513-0
created20011027
senderhille@abc.de
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Geschichte des Beovogels

Liebe Lore, nun höre mal, was mir heute nacht geschehen ist. Es war ein richtiges Weihnachtsmärchen, das ich in der Weihnachtsnacht erlebt habe. Also, ich setzte mich auf meine Veranda und nahm ein Buch und wartete darauf, daß man mich rufen sollte, wenn im großen Saal des Gasthauses, in dem ich wohne, der Weihnachtsbaum für die Kinder des Hauses angezündet würde. Ich war nämlich gar nicht neugierig, durchs Schlüsselloch zu sehen, denn: ›Das, was ich haben möchte, bekomme ich doch nicht‹, dachte ich mir. Ich hatte es eben gedacht, da fragt mich jemand ganz deutlich und laut: »Was hast du dir denn gewünscht?« Ich hatte ganz vergessen, daß ich allein auf der Veranda saß, und sagte: »Eine Prinzessin küssen!« Das sagte ich aber nur so im Spaß und lachend hin. Du kannst Dir aber vorstellen, wie ich betroffen war, als jemand antwortete: »Das kannst du haben; wenn es nicht mehr ist, als nur eine Prinzessin zu küssen.« – Da wollte ich sagen: ›Ach, ich will ja gar keine Prinzessin küssen, ich will nach Hause nach Deutschland.‹

»Du hast gewünscht, eine Prinzessin zu küssen; und was man einmal gesagt hat, dabei bleibt man, wenn man kein Lump ist!«

Nun war es mir aber zu dumm. Ich gehe und sehe mich um, hinter meinen Stuhl, hinter die Türe, hinter den Tisch, unter die Tischdecke, – es war aber niemand da. »Mach mal den Käfig auf«, rief mein Beo. »Bist du es, Beo, der da so laut spricht?« fragte ich. »Wer denn sonst?« antwortete der Beo, barsch wie immer, wenn er nicht zärtlich aufgelegt war. »Schrei mich nur nicht so an!« gab ich ihm zurück. Und ohne zu bedenken, was ich tat, hob ich das dunkelbraune Tuch, womit der Beokäfig jeden Abend zugedeckt wird, vom Käfig ab, nahm den Holzriegel am Gittertürchen weg und öffnete die Tür. Aber der Beo kam nicht heraus. »Du bist dumm, Beo«, sagte ich und machte die Türe wieder zu. Ich war ärgerlich über die Störung und wollte mich eben wieder zu meinem Buch auf den Stuhl setzen. Da merke ich, daß ich statt auf dem Fußboden auf einer Stange in der Luft stehe, und daß ich auf einmal ganz sonderbare Füße habe; es waren Krallen mit langen Nägeln geworden, über die man gar keinen Strumpf hätte anziehen können. Dann sah ich an mir hin, und wie ich eben nach meinem Buch greifen will, bemerke ich, daß ich gar keine Hände mehr habe, sondern schwarze Flügel. Ich war auch nicht mehr auf meiner Veranda, ich saß in seinem Käfig auf einer Stange, und – o Schreck –ich war ein Beovogel geworden. Ein Beo mit schwarzen Federn und einem rotgelben Schnabel. »Das kann ja gut werden, diese Weihnachtsbescherung«, schimpfte ich los. Und es wunderte mich gar nicht, daß ich als Beovogel auch laut sprechen konnte. »Schnabel zu!« rief mich etwas Dunkles an, das draußen vor dem Käfig stand. Ja, was war denn das für eine große, dunkle Mauer da? Ah, das war ein Mensch, ein dunkelhäutiger Javane. »Kennst du mich nicht?« lachte der. Und er rief: »Beo, Beo heiße ich!« Da mußte ich ihm nachrufen, und konnte mich nicht bezwingen: »Beo, Beo heiße ich!« zu sagen. »Jawohl«, grinste er. »Du heißt jetzt Beo, und ich hieß früher Beo! Ich war nämlich dein Beo, jetzt aber bin ich für diese Nacht dein Herr. Und du warst früher mein Herr, und du bist nun für diese Nacht mein Beo.« Er lachte. ›Schreckliche Verwechslung!‹ wollte ich ausrufen. ›Schöne Bescherung!‹ wollte ich schimpfen, aber ich schwieg vor meinem Ernährer, der so groß und mich riesig überragend draußen vor den Gitterstäben stand und lachte und dabei gesunde, schöne Zähne zeigte. ›Herrgott, was haben doch die Menschen für riesige Glotzaugen!‹ dachte ich und war noch ganz verblüfft, kein Mensch mehr zu sein; ich war aber auch zugleich schon wieder ganz zufrieden, daß ich kein Mensch mehr war. Denn wenn ich mich als Vogel anständig benahm, lebte es sich wohl ganz gut, überlegte ich bei mir.

»Also eine Prinzessin willst du haben? Nun, du wirst nicht gerade eine Prinzessin kriegen, denn Beoprinzessinnen gibt es kaum noch, aber zu einer javanischen Prinzessin kannst du kommen.«

»Ich will meine Ruh haben, fader Mensch!« rief ich, ganz wie ein Beo ruft, und lachte dazu wie ein Beo. Ich konnte nur die Sätze hervorbringen, die ich meinem Beo gelehrt hatte. »Mach mal, eil dich!« Das konnte ich auch sagen. »Ich heiße Beo«, das konnte ich sagen. Und pfeifen und rasseln wie die Wagen konnte ich, und husten wie eine alte Frau. »Was willst du denn? Was ist denn los?« Alles das brachte ich jetzt durcheinander hervor. Der Javane hatte den Käfig in die Hand genommen, er schraubte das Licht auf der Veranda aus, und siehe, es war heller Tag. Ich wollte fragen, wo mein Weihnachtsbaum sei; das konnte ich aber nicht sagen. So rief ich: »Licht! Licht!« Das konnte ich sagen.

Es war also heller Tag, die Sonne schien, die Berge in der Ferne waren blau, und die Gärten waren grün um meine Veranda herum, und ich erkannte alles wieder. Was ich täglich als Mensch am Geländer meiner Veranda betrachtet hatte, das sah ich nun, im Käfig sitzend, auf einer Stange als Beovogel durch die Gitterstäbe an.

›Ach, hätte ich dem Beo doch die liebe Freiheit gegeben, statt daß ich ihn im Käfig eingesperrt zu meinem Vergnügen als Gefangenen gehalten habe‹, dachte ich für mich und war ärgerlich. Und wie ich tief seufzte, merkte ich, daß mein Käfig wanderte. Das heißt, alles draußen zog wechselnd an mir vorüber, bald hell, bald dunkel, Wände, Treppengeländer, Beine von Javanen, Tücher von Javanenfrauen; der Käfig schaukelte eine lange Weile, so daß ich mich ganz festhalten mußte und auf die oberste Stange geflüchtet war.

›Es ist nur gut, daß ich so viele Stangen zum Herumhüpfen in den Käfig gemacht habe‹, dachte ich für mich. Zuerst, als ich den Käfig gekauft hatte, war nämlich nur eine Stange darin gewesen. Wenn man ein Beo war, wie ich es nun am eigenen Leib erleben mußte, mußte es schrecklich sein, immer auf einer einzigen Stange sein Leben lang still sitzen zu müssen. Ich hüpfte jetzt von Stange zu Stange und fing an mich wohl zu fühlen. ›Was kann mir denn geschehen? Ich sitze in sicherem Schutz. Mein Herr ist ein Mensch, der früher auch mal ein Beo war; der weiß also, was mir not tut.‹ Und da ich als treuer, kostbarer und seltener Vogel, der ich nun war, immerhin ein Kapital darstellte, das man achten und schätzen mußte, so fürchtete ich mich vorläufig vor nichts. ›Nur um den schönen Weihnachtsbaum bin ich gekommen. Dafür aber komme ich ja zu einer Prinzessin.‹

»Ich würde dich frei herumfliegen lassen«, sagte der Javane, »wenn du nicht so kostbar wärst. Aber du bist zu wertvoll, und deshalb muß ich dich im Käfig festhalten. Mit der Freiheit wüßtest du auch gar nichts anzufangen, du würdest verhungern, wenn ich dich fliegen ließe.«

Ich tat, wie ich es vom Beo immer gesehen hatte: ich putzte meine Flügelfedern, so lange der Mensch zu mir vom Fliegen sprach, um ihm anzudeuten, daß ich verstünde, was er sagte. Nur antworten konnte ich nicht alles. Wenn er vom Fliegen sprach, deutete ich deshalb mit meinem Schnabel auf meine Flugfedern, die ich glatt strich. Das hieß als Antwort: ›Ich weiß, du meinst, daß ich mit diesen Federn die Freiheit haben und dir davonfliegen könnte.‹ Dann aber, wie er sagte, daß ich kein Fressen in der Freiheit finden würde, putzte ich meinen Schnabel, indem ich ihn an der Stange, auf der ich saß, hin und her wetzte, zum Zeichen, daß vom Fressen gesprochen wurde. Also gab ich meine Antworten immer in Zeichensprache zurück, dort wo mir als Beovogel die Worte in meinen Sprachkenntnissen fehlten.

»Wo geht's denn hin?« rief ich laut. Das konnte ich sagen. Von dem lauten Ruf auf der Straße fühlte sich ein kleines Mädchen getroffen, das gerade mit ihrer Mutter an uns vorüberging. Und ganz erschrocken, drückte es das Bündel Maiskolben, das es im Arm trug, an seine Brust und drängte dichter an die Seite der Mutter.

»Gott, wie sind kleine Mädchen schreckhaft«, lachte ich frech, denn ich fühlte mich sehr wohl in meiner Vogelgestalt, viel zu wohl. Und ich begann, immer wenn wir an neuen Marktgängern vorbei kamen, laut zu rufen: »Was ist denn los?«, oder: »Sieh mal die da!« Immer lachte ich dann unbändig hinterher, so laut, wie nur ein Beo lachen kann, daß man es drei Straßen weit hören konnte und alle Leute aufhorchen mußten.

»Wer morgens so lacht, den holt abends die Katz«, sagte eine alte, kleine, verrunzelte Javanenfrau, die mühselig ein Bündel zu Markt schleppte. Es war Markttag, denn die Javanen kennen kein Weihnachtsfest, und alles war deshalb alltäglich; auf dem Weg zwischen den Gärten des kleinen Landstädtchens, des javanischen, war es ganz so wie immer.

Die Leute bewunderten mich von allen Seiten, und ich hüpfte im Käfig vergnügt herum. Und alles, Groß und Klein, blieb stehen und sah mir nach.

Dann kamen wir an den letzten Häuschen vorbei. Die Straße führte in die Reisfelder, sie wurde nun von hohen Goldregenbäumen zu beiden Seiten beschattet, und ich atmete entzückt den süßen Duft der in der Nacht frisch aufgeblühten gelben Goldregenblüten ein. Und dabei dachte ich: ›Dort oben bei euch möchte ich sitzen, liebe Goldregenblüten, dort oben im hohen Baum.‹ Sieh da, ich konnte vom Blütenduft fortgezogen auf einmal durch die Stäbe meines Käfigs fliegen, als wenn ich zu Luft geworden wäre. Das war ganz herrlich, und ich saß plötzlich auf dem Baum mitten unter den Blüten des Goldregens, konnte aber meine Gestalt, da ich Blütenduft geworden war, nicht erkennen, denn ich war leibhaftige Luft geworden.

»Das geht über die Hutschnur«, rief ich höchst belustigt aus. Aber wenn man Luft ist, soll man nicht schreien, denn das bedeutet Sturmwind machen. »Das geht zu weit!« schrie ich laut. Ich machte also, ohne zu ahnen, daß ich was Böses tat, durch mein verwundertes Geschrei der Überraschung Sturmwind in den Blütenbäumen. Und alle Blüten riefen plötzlich, indem sie vom Wind geschüttelt heftig grell aufleuchteten, als wären sie höchst zornig: »Nein, dieser Tölpel zerzaust unsere Hochzeitskleider!« Denn wenn die Bäume blühen, haben sie nämlich immer Hochzeitsfeier. Und sie machen feine Musik; die machen sie aber so fein, daß wir Menschen sie nicht hören. Und die Blüten sind dann voll Vergnügen und spiegeln sich in der Sonne, und dieses Leuchten der Blütenfarbe nennt dann der Blütenbaum seinen Tanz zur Hochzeitsmusik.

Ich aber mit meinem plumpen Geschrei hatte das Fest gestört. Der Wind zerschlitzte die gelben Hochzeitskleider der Blütenbräute und Blütenbräutigame des hohen Baumes. »Schmeißt den Kerl raus!« rief eine derbe Bruststimme, die mich, da sie tief dröhnte, ein wenig erschreckte. Es war aber der Baum selbst, der das rief. Denn ich war wohl von dem Duft eingeladen worden, zur Hochzeit zu kommen; aber die Blütenmusikanten, die da als Duft in der Luft herumflogen, die wußten nicht, daß ich so grob war und schreien würde.

Ehe ich mir's versah, war ich wieder im Käfig auf meiner Stange eingesperrt, und der Javane, der den Käfig trug, schien gar nicht bemerkt zu haben, daß ich einen Augenblick Luft, Blütenduft geworden war und im Baume gesessen und geschrieen hatte.

Die Blütendüfte hatten sich von mir zurückgezogen, und da war auch wieder meine alte Beogestalt da. Der Javane aber war tief in Gedanken, da er seinen Vater besuchen wollte. Das hatte er mir vorhin beim Fortgehen aus dem Gasthaus auf der Treppe anvertraut. Deshalb sah er nicht nach links und nicht nach rechts und nur gerade aus, vor Freude, seinen alten Vater wiedersehen zu dürfen.

›Ist denn dein Vater ein König?‹ hätte ich meinen javanischen Herrn gern gefragt. Aber solche willkürlichen Sätze konnte ich nicht sprechen. »Nein, er ist kein König!« antwortete mir mein Javane ganz ruhig. Und ich merkte nun, daß alles, was ich für mich allein dachte, auch wenn ich den Gedanken nicht aussprechen konnte, rund um mich von jedem verstanden wurde, mit dem ich in Gedanken redete.

Wir gingen so ungefähr eine Stunde und mehr. Das heißt, ich wurde von meinem Herrn getragen. Dann merkte ich an seinem fester werdenden Schritt: jetzt sind wir in der Nähe der Wohnung seines Vaters. Aber ehe wir ankamen, setzte er meinen Käfig erst am Weg nieder, und er stieg zu einer Quelle hinunter, die an der Wegseite unter hohem Bambusgebüsch aus dem Hügel in ein Bambusrohr floß, das in die Erde gesteckt war.

Mein Herr nahm das Trink- und das Badegefäß aus meinem Käfig und wusch es unter dem Wasserstrahl. Dann aber kam er auf einen höchst einfältigen Witz: er hielt den ganzen Käfig, in dem ich von Stange zu Stange flügelschlagend flüchtete, um ihn gründlich zu reinigen, unter den Wasserstrahl.

»Schnell, schnell, schnell, schnell!« rief ich immerfort und begann zu schimpfen.

›Gewöhn dir doch das Schimpfen ab und sei geduldiger. Was habe ich nicht alles schon bei dir als Beo aushalten müssen, und ich bin es doch auch nicht gewohnter als du. Ich war doch früher auch ein Mensch. Nun kann ich meine Beogestalt nur einmal im Jahr in einer der zwölf heiligen Nächte ablegen, aber nur wenn sich jemand darauf einläßt, mir den Käfig zu öffnen. Das hast du doch heute abend gleich getan, als ich dich rief. Dann hat mein menschlicher Geist den Käfig verlassen, da du mir die Erlaubnis gegeben hattest.‹

Ich verstand alles, was er vor sich hindachte. Und hörte seinen Gedanken aufmerksam zu. »Jetzt besuchen wir meinen Vater, und dann zeige ich dir nachher eine schöne Prinzessin, darauf kehren wir wieder um, und du wirst wieder mein Herr, und ich dein Beo.« So sagte er laut und deutlich.

»Weiß nicht! Weiß nicht!« sagte ich frech und überlegte, ob es nicht vorteilhaft sei, mein Leben lang ein Beovogel zu bleiben. Vielleicht konnte ich dann bei Gelegenheit heim nach Deutschland fliegen. Jedenfalls hatte das Leben, wenn es mir gelang, aus dem Käfig zu entschlüpfen, wie vorhin, wo ich Blütenduft geworden war, viel mehr Vorteile für mich als Beo, als es für mich als Mensch gehabt hatte. Ich konnte durch die Luft fliegen, ich konnte, wenn ich liebenswürdig und freundlich war, mich sogar in Blütenduft, und wer weiß was alles, verwandeln. Alle Möglichkeiten eines seligen Daseins schienen mir offen zu stehen. Da ich an der Sonne nach dem Quellenbad gut trocknete, hüpfte ich erleichtert herum und schlürfte ein wenig Wasser als Frühtrunk. Herrlich: man brauchte nicht erst vor einem gedeckten Frühstückstisch mit Tassen und Geschirr und vielen Überflüssigkeiten niederzusitzen, man saß als Beo einfach auf einer Stange, hüpfte, schrie, lachte und bekam eine Banane, so groß, wie man selbst war, und einen Eßnapf voll Reis, so viel, daß der Beokopf sechsmal in den Topf hineinging. Und damit fertig. Alles andere gab es nicht. Nur die gute Laune blieb einem als prächtiger Ersatz für alle die Dinge, die einen im menschlichen Leben auf Schritt und Tritt belästigen. Glücklich war man nur, wenn man so einfach lebte wie ein Beo, im luftigen Gitterhaus, ohne Bett und Möbel, ohne Tisch und Stuhl, ohne Schrank und Koffer, ohne Wäsche und Kleider. Und, was die Hauptsache war, man lebte als Beo in einer Welt, in der kein Geld nötig war. Nur gut bei Stimme mußte man bleiben, sich oft bemerkbar machen, um nicht vergessen zu werden. Man schrie sich durchs Leben. Mehr tat man nicht. Bloß das eine war dumm: wenn man mal vom Herrn einen Tag nur vergessen wurde mit Wasser und Futter, – das war schlimm. Ohne Wasser ging man als Vogel schnell zugrunde. Man hielt nicht viel aus, denn Vogelnaturen sind zart veranlagt, das fühlte ich jetzt als Beo an mir. Ich zitterte noch am ganzen Körper von dem Wasserstrahl, sowie ich an die Quelle zurückdachte.

Aber in diesem Augenblick hatte ich vorn Herrn eben frischen gekochten Reis und ein großes Stück Papajafrucht bekommen, gekauft beim Straßenhändler. Das Stück war für meine Beoperson so groß wie ein kleiner Kahn, und ich begann reichlich zu futtern. Es ging alles prächtig. Denn der Beokörper, in den ich hineingefahren war, und mit dessen Gestalt ich heute leben mußte, der war ein ausgelernter, erfahrener Beo. Und der Javane, der mich trug, war auch schon über dreißig Jahre alt. Ich sah ihm zu. Er wusch sich gerade das Gesicht mit ein wenig warmem Wasser, das er sich aus einem Topf vom Reisverkäufer auf die Hände gießen ließ.

›Diese Javanen sind so einfach wie die Vögel‹, dachte ich bei mir. ›Sie brauchen keine Waschschüssel, keine Waschtische, sie leben so natürlich wie die Vögel am Bach und wie das Wild im Wald, wie der Beo im Käfig.‹ Ich freute mich meines einfachen Herrn, der mich so schön satt gemacht hatte und selber genügsam nur eine dünne Zigarette rauchte, die er sich aus ein wenig Strohbast und Tabak gedreht hatte. Er hatte augenscheinlich keinen großen Geldvorrat in der Tasche. ›Ich hätte ihm, ehe wir vom Gasthaus gingen, meine Geldtasche aus meinem Koffer anbieten sollen‹, dachte ich für mich. Es war gut von dem Menschen, daß er, als ich verwandelt war, nicht mein ganzes Zimmer ausgeraubt hatte.

›Wie dumm ich aber war, daß ich eine Prinzessin sehen wollte, eine javanische!‹ dachte ich weiter bei mir. ›Hätte ich doch gesagt, ich möchte ein Schiff haben. Dann wäre ich damit abgereist, heim nach Deutschland.‹ So saß ich als dummer Beo verwandelt im Käfig und war doch ein guter Deutscher, der sich heimsehnte, und der nicht heimreisen konnte. ›Ach, der gute Zigarettenrauch‹, dachte ich und atmete den Rauch begierig ein, in der Hoffnung, der Rauch würde mich, so wie der Blütenduft vorhin, aus dem Käfig befreien. Der Rauch kam aber aus dem Munde meines Herrn, der ihn eben geboren hatte, und der Rauch war ihm dafür dankbar und meinte: »Nein, du mußt im Käfig bleiben. Wir befreien dich nicht, sonst bekommt unser Herr, der uns schuf, einen leeren Käfig; und wir tun nichts was dem nicht gefällt, der uns geschaffen hat.«

»Ihr sprecht ja gerade so«, sagte ich zu den Zigarettenrauchwolken, »als ob der Javane euer lieber Gott wäre.«

»Das ist er auch für uns«, riefen die bläulichen Rauchwölkchen im Chor. »Hat er uns nicht geschaffen?«

»Ja, wie man's nimmt«, sagte ich gedehnt und pickte nach einer kleinen Spinne, die mir auf meiner Sitzstange über den Weg lief, um mir zu überlegen, wie weit die Rauchwölkchen recht hätten.

›Spinne am Morgen, Kummer und Sorgen‹, dachte ich. Ja, es ging mir zu lustig, ich bekam sicher noch Kummer heute zu erleben, denn Vergnügen hatte ich bereits genug gehabt. Das Leben besteht aber nur aus Abwechslung, darum mußte auf Lustigkeit Trauer kommen. Das alte Weib vorhin hatte mir nicht umsonst prophezeit, daß der Vogel, der morgens lacht, am Abend von der Katz geholt werde.

Ich befleißigte mich also, das Leben etwas ernster zu nehmen, Es gelang mir aber nicht, ich fühlte mich zu wohl in meinen Beofedern und schrie und lärmte, daß es für alle Menschenohren eine Plage sein mußte.

Vor einem ganz winzigen niedern Bambusverkaufsstand am Landwege blieb nun mein javanischer Herr stehen, und ich fühlte am Zittern meines Käfigs, daß ihm das Herz vor Freude pochen mußte; er sah wahrscheinlich irgendwo seinen Vater. Die kleine Bude, in der ein alter, weißhaariger Mann auf dem strohgeflochtenen Mattenfußboden hockte und lange Streifen braunen Tabak vor sich auf dem Boden zum Verkauf liegen hatte und Baststreifchen, aus denen er Zigarettenhülsen drehte, – diese Bude war sehr einfach. Nur vier dicke Bambusstäbe waren in die Erde gesteckt, darüber ein Dach aus einer geflochtenen Strohmatte. Der Strohfußboden etwa einen Fuß über die Erde erhöht, das war alles, was ich da aus Bambus- und Mattengeflecht vor mir sah, und die Bude war im Viereck kaum vier Schritte groß.

›Genügsame Welt‹, dachte ich.

›Das ist mein Vater‹, hörte ich den Javanen in seinem Herzen zu mir sagen.

»Guten Morgen, Morgen, Morgen«, rief ich Beo laut und unverschämt und begann als erster hier das Gespräch mit dem alten, vertrockneten Javanenmännchen vor mir. Der lächelte, sah höher, über mich weg, hinauf zu meinem Javanenherrn und nickte.- »Guten Morgen!«, ehe noch mein Herr gesprochen hatte. Dem schien vor Freude die Stimme zu versagen! »Sitzt du noch immer hier und verkaufst deinen Tabak, Vater?« sagte der Sohn endlich zum Alten und stotterte. Der Alte mit seinen tausend Runzeln nickte nur, und einige Runzeln bewegten sich und lachten oder weinten; sie waren so sonderbar unerklärlich, daß ich nichts aus dem alten Gesicht lesen konnte. Der Sohn setzte sich still auf den Boden nieder. ›Mein Vater ist über hundert Jahre alt‹, erklärte mir das freudig pochende Herz meines Herrn. Dann war der Alte also schon beinah siebenzig Jahre alt gewesen, als ihm der Sohn geboren wurde. ›Ja, dieser Sohn ist der jüngste‹, erklärte des Javanen Herz weiter, ›und er ist vor zehn Jahren gestorben, und dann wurde er ein Beo, da er das einmal gewünscht hatte, als man ihn fragte, was er im nächsten Leben werden möchte.‹

›Da muß man sich also mit seinen Wünschen vorsichtig benehmen‹, dachte ich bei mir.

›Das muß man‹, bestätigte mir das ernste Javanenherz, ohne daß ich es gefragt hatte.

Inzwischen hatte der Vater den Sohn noch immer nicht erkannt, so glaubte ich. Denn ich erwartete doch, daß beide sich nach so langer Trennung in die Arme fallen müßten. Aber es geschah nichts. ›Der Vater hat ihn erkannt‹, sagte mir das Herz des jungen Mannes. ›Er kann aber die zehn Jahre, die der Sohn tot ist, nicht empfinden. Er sieht im Geist seine toten Kinder täglich um sich, darum ist er gar nicht erstaunt, daß dieser, von den Toten auferstanden, vor ihm sitzt und mit ihm redet. Der Hundertjährige lebt immer mehr im Geist als im alten Leib. Es ist ihm ganz gleich, ob sein Sohn jetzt da aus Fleisch und Blut vor ihm sitzt, oder ob er als Gedankenbild vor ihn hintritt. Hundertjährige machen darin kaum noch einen Unterschied, sie sind lebende Geister, solche alte Menschen, sie sind kaum noch lebende Körper.‹

›Ich war noch nie hundert Jahre alt, darum weiß ich das noch nicht und glaube es auch nicht‹, entgegnete ich in Gedanken mit aller Beofrechheit. Und ich zupfte mit dem Schnabel heimlich zwischen den Gitterstäben am Holzriegel meines Käfigtürchens, um ein wenig hinausschlüpfen zu können in die grünen Bäume oder in die grünen Ähren der Reisfelder, die da langsam bergauf zogen und herrlich in der Morgensonne leuchteten und lockten.

»Wer ist der Vogel?« fragte jetzt der alte Vater, als ob er ahne, daß ich kein Beo war. Sein Sohn, der sich langsam eine neue Bastzigarette drehte, und der im Schweigen sein Herz in der Nähe seines Vaters ausatmen und sich ausruhen ließ, sah gar nicht nach mir hin. Er hatte, wenn er aufschaute, nur Augen für den verrunzelten Alten, an dem ich gar nichts Schönes finden konnte. Er antwortete also nicht, sondern lächelte seinen Vater, den er zehn Jahre nicht gesehen, glücklich und zärtlich an. Aber der Alte antwortete sich sonderbarerweise selbst ganz richtig und sagte – »So, der Vogel ist dein früherer Herr!« Und ich konnte wieder aus dem hundertjährigen Runzelgesicht nicht herauslesen, ob es lachte oder weinte. Es langweilte mich aber, da stummer Wiedersehenszeuge zwischen dem alten armen Tabakverkäufer und seinem Sohn sein zu müssen, und ich schrie deshalb: »Prinzessin raus! Prinzessin raus!«

Es kam aber keine Prinzessin. Der alte Mann nickte nur, und der Sohn nickte auch, und beide schienen sich zu verstehen über etwas, was ich nicht verstand, und was mich sehr neugierig machte. Denn alle Beovögel sind neugierig.

»Wenn du es ihm versprochen hast, kann er sie sehen, die Prinzessin«, sagte der Hundertjährige, ohne daß sein Sohn den Mund geöffnet hatte. Und der Alte nickte mir nach einer Weile zu. »Es ist heute Westmonsum oben am Himmel, und wir nehmen zum Reisen am besten eine Wolke«, sagte der Sohn und sah hinauf ins Blau, wo die Wolken von Westen nach Osten hintrieben.

»Nix Wolke, Prinzessin raus!« schrie ich, gereizt darüber, daß sich niemand um mich zu kümmern schien.

»Hat er schon gefressen?« fragte der Alte den Sohn. Der nickte, und sie meinten mich. Ich mußte laut auflachen, weil sie so unmanierlich sprachen, denn ich hatte wohl gegessen, aber nicht gefressen. Als eingesperrter Vogel muß man sich unschuldigerweise viel Unmanierlichkeiten gefallen lassen. ›Es sind eben Menschen, die es nicht besser verstehen‹, dachte ich weiter und pfiff mir ein Lied, so laut, daß dem Alten die Ohren gellen mußten. Er schien aber nichts zu hören. Denn nun betrachtete er seinerseits den Sohn lang und genau, so wie der Sohn ihn vorher betrachtet hatte, glücklich und zärtlich.

Auf einmal merkte ich, daß alles um uns in weiße Nebel gehüllt war, das Häuschen, die beiden Javanen und mein Käfig, der auf dem Fußboden des Häuschens stand. Der Alte öffnete die Käfigtüre und ließ mich herausschlüpfen. Ich wollte sofort auf den nächsten Baum flattern, nachdem ich die Flügel etwas ausgebreitet und gedehnt hatte. Aber da war kein Baum mehr, ich flog in leeren Nebel hinein. Aber ich mochte nicht wieder zum Häuschen des Alten zurückkehren und flog tiefer und weiter in den Nebel und wunderte mich, daß die beiden Javanen sich gar keine Mühe machten, mich zurückzurufen.

Da kam ich plötzlich aus dem weißen, feuchten Nebel hinaus in blendende Helle, und nun sah ich, daß wir alle zusammen samt dem kleinen Häuschen in einer Wolke hoch über der Erde schwebten. Tief unten waren die Kronen der gelbblühenden Goldregenbäume in zwei langen Reihen an den Straßen entlang zu sehen.

Es war prächtig, so hoch zu fliegen, aber ich bekam Angst und fürchtete zu fallen und flatterte, scheu vor dem tiefen Abgrund unter mir und ziemlich kleinlaut geworden, ins Häuschen zurück und setzte mich auf die Schulter meines jungen Herrn. Da fühlte ich mich sicher aufgehoben.

Nun verstand ich auch, warum die beiden Javanen sich ruhig weiter unterhielten und mich sorglos fliegen ließen. Sie wußten, daß ich als Beovogel nicht so weit fliegen konnte wie andere Vögel sonst. Und sie waren sicher, daß ich aus Angst gleich zurückkehren würde, wenn ich am Rand der Wolke den Abgrund der großen Tiefe entdecken würde.

Wir trieben schnell mit der Wolke hin, das sah ich an den raschen Verschiebungen und schnellen Ausblicken, die der Nebel machte. Es dauerte ziemlich lange, und ich schlief, glaube ich, für eine kurze Weile sogar etwas ein; als ich erwachte, standen mein Käfig und ich darin noch immer auf dem Fußboden des Häuschens. Aber Vater und Sohn waren fortgegangen. ›Sie werden mich wohl nicht da stehen lassen, bis eine Katze mich holt‹, dachte ich. Und ehe ich es noch recht ausgedacht hatte, wurde mir in meinem Beoherzen so eigentümlich unglücklich zumute, so seufzerig war es mir ums Herz, aber ich getraute mich nicht zu seufzen, ich hatte sogar Angst, Todesangst, den kleinsten Seufzer auszustoßen. Es war etwas Unerklärliches in mir, das mich warnte.

Da lagen doch noch der Tabak und die Baststreifen, und auch die Siri- und die Beteldose des Alten standen da. Wo waren denn die beiden Javaner hingegangen?

Ich begriff es nicht. Aber ich merkte, daß ich so sehr zitterte, so schrecklich bebte, daß ich von meiner Käfigstange fallen mußte, wenn das so weiterging.

Ach, nun sah ich doch die beiden Javanen wieder. Vater und Sohn saßen nicht weit von mir unter einem riesigen Baum, der Vater hockte am Boden und rauchte, der Sohn aber saß auf dem niedern Schemel eines javanischen Straßenbarbiers; und er wurde eben eingeseift, um rasiert zu werden.

›Na, so eine Bescherung!‹ wollte ich höchst mißmutig ausrufen, geärgert über die Vernachlässigung meiner Beoperson. ›Da lassen sie mich stehen, diese beiden leichtsinnigen Menschen, wie leicht könnte mich eine Katze holen!‹

Und wieder begann das Zittern mich zu schütteln bei dem Wort ›Katze‹.

Etwas Tödliches mußte in meiner Nähe sein. Ich hielt mich auffallend still. So auffallend, daß ich sogar die Aufmerksamkeit meiner beiden Brotgeber auf mich lenkte. Denn sie wendeten plötzlich die Köpfe zu mir. Es glitt ein Schatten draußen durch den Schatten der Zweige des Baumes, unter dem die beiden Javanen beim Barbier saßen. Und ich erkannte: dort oben auf einem breiten Ast des großen Baumes schlich, flach auf dem Bauch liegend, ein schwarzer Panther an die unten Sitzenden heran. Für mich kleinen Vogel war ein Panther nicht gefährlich, ich war ihm zu klein. Das tröstete mich. Das schwarze Raubtier lag ganz still, und nur seine Schweifspitze tickte leicht erregt auf und ab. Die Bestie wollte sich auf meinen jungen Herrn stürzen. Aus Leibeskräften schrie ich: »Katz, Katz!« Und ich hatte meine innerliche Furcht ganz überwunden, als ich den Ruf ausstieß. Jetzt sprang die schwarze Panthergestalt oben vom Baum, und ich schrie noch lauter als vorher. »Katz, Katz, Katz!« Doch die Leute kümmerten sich weder um mich noch um den Panther. Die schwarze Katze ging, wie eine gewöhnliche Katze es auch getan hätte, gemütlich, als ob sie kein Panther wäre, zwischen den Menschen herum. Erst strich sie ihr Fell am Rücken des auf einer Baumwurzel hockenden hundertjährigen Greises ab, dann aber wanderte sie weiter, strich dem Barbier um die Beine und strich meinem Herrn um die Kniee. Und nun sah ich: es war ja auch gar kein Panther, es war eine einfältige, schwarze Katze, – die Katze schien mir nur so panthergroß zu sein, da ich jetzt ein kleiner Beo war. Es war eine einfältige schwarze Katze, das entdeckte ich zu meinem größten Vergnügen. Aber kaum war ich dabei, einen Freudenlaut auszustoßen, da erstarrte ich von neuem. Denn die schwarze Katze hatte so ganz nebenbei aus der Ferne mit einem grünen Auge nach mir geblinzelt, daß mir ein eiskalter Schauder am Rücken herablief. ›Oh, wäre das doch ein Panther‹, mußte ich denken, ›dann wäre das Tier mir weniger gefährlich. Aber dann hätte es sich auf meinen Herrn gestürzt und würde ihn getötet haben, und wer hätte mich dann heute abend aus dem Beokäfig erlöst?‹ Nun begriff ich plötzlich: ich war nur so lange beolustig gestimmt, als ich wußte, daß der ganze Scherz nur einen Tag dauern sollte. Kaum stellte ich mir aber vor, daß ich mein Leben lang als Beo auf dieser Stange sitzen sollte, da hätte ich mir doch lieber alle Federn ausgerauft vor Ärger über solchen unnatürlichen Dauerzustand.

Die Katze verließ die Menschen und lief über die Straße fort. ›Aber sie tut nur so, um die Aufmerksamkeit von sich abzulenken‹, dachte ich mir. Sie machte einen Bogen, so wie ich es mir gedacht, und kam dann langsam zu mir heran, harmlos tuend, als wollte sie nur ihr Fell an meinem Gitterstäbchen ein wenig glatt streichen.

»Das ist mein Tod! Das Vieh!« rief ich laut. Aber niemand achtete darauf, auch die Katze nicht. Sie kam ruhig näher, als wäre ich kein lebendes Ding, sondern ein toter Gegenstand, auf den man nicht viel Rücksicht nimmt. Niemand kann sich den Angstzustand vorstellen, in den ich verfiel. Die Katze wurde so groß wie ein Riesentiger. Für mich Beo war sie beinah so groß, als wäre sie ein Tiger von Elefantengröße. Ihre Augen waren so ungeheuer wie Mondscheiben. Es war gräßlich. Ich wollte die Käfigstangen loslassen und in Ohnmacht fallen. ›Dann kriegt dich die Katze erst recht‹, rief mein Herz, und ich verschob die Ohnmacht und flatterte nur scheu hin und her, voll Angst und Bangen. Wieder kam mir der Duft von einem großen Goldregenbaum zu Hilfe. Er zog mich zu sich. Zu Duft verwandelt, schwebte ich, dieses Mal ganz manierlich, in meiner Todesangst ganz lautlos, mit dem Blütenduft vereint als Luft in den hohen Baum hinauf und kam oben unter den goldenen Zelten der Blüten an, wo die goldstaubbedeckten Blütenbräute saßen, umgeben von goldgepuderten Blütenbräutigamen. Ich hielt mich sehr still und benahm mich sehr anständig. Und sah von oben aus den gelbseidenen Blütenzelten auf die Landstraße hinunter, wo die Katze nun wirklich ihr schwarzes Fell am leeren Käfig abstrich und dann in den Straßengraben sprang, wo sie auf Feldmäuse zu lauern schien. Ich atmete erleichtert auf und betrachtete die Straße. Ab und zu sah ich einen javanischen Arbeiter vorbeieilen. Der eine trug an einer Tragestange in zwei Körben Dachziegel zum nächsten Ort, der andere Grasbündel, andere trugen Bündel Reisähren, andere Körbe voll Kokosnüsse und andere Körbe voll roter Pfefferschoten. Es kam alle Augenblicke jemand da unten die Straße gelaufen. Nun aber holte ich tief Atem, ich sah in der Ferne viele Menschen, einen langen Zug.

»Jetzt kommt die Prinzessin!« sagten die Goldregenblüten, die besser in die Ferne leuchten können mit ihrem goldgelben Licht, als Menschenaugen es können.

Ich flog der Prinzessin mit dem Goldregenduft als Luft entgegen.

Da sah ich in einer offenen Sänfte die halbnackte, kleine, junge Javanenprinzessin sitzen. Die Sänfte war offen nach allen Seiten und hatte nur ein Dach auf vier gedrehten vergoldeten Holzsäulen.

Der Sänfte voraus gingen Flötenspieler und ein Diener mit einem Gong, den er von Zeit zu Zeit anschlug.

›Ach, die wunderschöne Prinzessin!‹ dachte ich bei mir. Und da ich Luft war, konnte ich mich in der Sänfte dicht an ihrer Seite ausbreiten und war sehr glücklich über diese einfache Annehmlichkeit. Die Prinzessin war an diesem heißen Tag nur um die Beine mit einem rot und gelb gemusterten Tuch bekleidet. Ihr Oberkörper war nackt, aber mit safrangefärbtem Reismehl ganz gelb gepudert. Auf dem Kopf trug sie ein goldenes Diadem. Ich versuchte ihr ein wenig die Arme zu streicheln, da ging der Puder ab. Das kümmerte mich aber gar nichts. Links und rechts von der Sänfte gingen javanische Frauen, die hatten goldene und silberne Schildkrotdosen in der Hand. Da gab es sicher auch wieder neuen Puder für die Prinzessin. Und ich machte mir gar nichts daraus, die schöne Prinzessin unters Kinn zu fassen und auch ihre Lippen zu küssen, denn ich war ja Luft, und es kümmerte mich nichts, daß der Puder abging.

»Wie stark es hier nach Goldregenblüten duftet«, sagte eine der begleitenden Frauen zu den andern Frauen. Diese aber nickten nur und gingen lautlos und barfuß weiter. Hinter der Sänfte ritt auf kleinem, weißem Schimmel ein junger javanischer Adliger.

»Das ist der Sohn der Prinzessin«, flüsterten die gelben Blüten vom nächsten Baum herunter. Und ich setzte mich einen Augenblick zu den Blüten und ließ mir erzählen.

Die Goldregenblüten erzählten. Diese Prinzessin war nicht mehr so jung, wie sie da unter Puder und Schminke ausschaute. Sie war eine der Frauen des toten Kaisers und hatte diesen Sohn, der da auf dem Schimmel ritt, nach dem Tode des Kaisers erst zur Welt gebracht. Sie beanspruchte für ihn die Kaiserkrone, bekam sie aber nicht, denn diese wurde dem Sohn einer anderen Frau des Kaisers zugesprochen, der noch bei Lebzeiten des Kaisers geboren worden war. Diese Prinzessin hatte bis zum gestrigen Tage lautlos und zurückgezogen mit ihrem spätgebornen Sohn in der Kaiserstadt Solo gelebt. Gestern, wo ihr Sohn für mündig erklärt worden war, hatte sie sich mit ihm auf die Flucht begeben, um zu ihren Anhängern zu fliehen, von denen ihr Sohn als der richtige Kaiser ausgerufen werden sollte. »Sie wird aber nicht weit kommen«, meinten die Blüten, »sieh die Staubwolke dort, drei Meilen in der Ferne über den letzten Bäumen der Straße! Dort kommt schon die Leibwache des Kaisers nachgestürzt, um beide, Mutter und Sohn, einzufangen und zurückzubringen nach Solo, wo sie gefangen gesetzt werden sollen wegen Anstiftung zum Aufstand.

Aber die Prinzessin wird sich nicht fangen lassen; sieh den Dolch, den sie im Kleide trägt, und den man hier im Javanerlande ›Kris‹ nennt. Mit diesem Kris wird sie sich und ihren Sohn hier umbringen, aber gefangen läßt sie sich nicht nehmen.«

»Oh, sie darf nicht sterben, ich möchte sie retten«, sagte ich rasch zu den Blüten.

»Vom Tode kannst du sie vielleicht retten, aber vor der Gefangenschaft nicht«, sagten die Blüten traurig und dufteten weniger stark.

»Wie kann ich sie vom Tode retten, ich bin ja nur noch schwache Luft?«

»Kehre zurück in deinen Käfig und nimm deine Gefangenschaft als Beo freiwillig auf dich, dann wird sich alles von selbst begeben.«

»Das will ich gleich tun«, sagte ich lebhaft und unüberlegt. Denn seit ich die schöne kaiserliche Prinzessin geküßt hatte, war ich ganz leidenschaftlich von dem Wunsche erregt, diese Frau am Leben zu erhalten.

»Ja, aber dein Leben als Beo mußt du dabei einbüßen. Denn nur mit deinem Leben kannst du die Frau Prinzessin am Leben erhalten!« sagten die Blüten.

»Gut, es kommt mir auf ein Leben mehr oder weniger gar nicht an«, rief ich. »Wenn nur die schöne Frau leben bleibt, die ich vorhin dort in der Sänfte gestreichelt und geküßt habe, dann ist mir alles gleich.«

»Du wirst sehen, es kostet dein Beoleben«, warnten mich die gelben Goldregenblüten.

»Mag es kosten, was es will, – ich tue es für sie. Ich habe noch nie vorher eine Prinzessin küssen dürfen, und nun ich sie geküßt habe, will ich mich auch ritterlich erzeigen für den Kuß.«

Und ich schwebte zum Käfig zurück und war, ehe ich es mir versah, wieder ein Beo. Ich saß nun auf der Stange und wartete, daß der Hofzug auf der Landstraße näher käme, denn vorher als Luft war ich ihm rasch und weit entgegengeflogen, als er noch weit weg war. Und ich hatte in meinem Eifer die schwarze Katze ganz vergessen, die noch im Straßengraben lauerte. Sie saß dort vor einem Mauseloch. Ich tat, als wäre sie gar nicht da. Ich pfiff ganz vergnügt mein schönstes Lied, den Brautmarsch aus dem ›Tannhäusen, den ich meinem Beovogel beigebracht hatte. Unter dem Baum wurde mein Herr noch immer sorgfältig und langsam rasiert, und meines Herrn Vater saß noch ganz so wie vorher auf der Baumwurzel und rauchte seine Zigarette. Keiner von beiden achtete auf den Hofzug, der näher kam. Denn entweder waren sie tief in Gedanken, oder es war ein abgekartetes Spiel, daß sie nicht auf die Prinzessin hinschauen wollten, zu der sie mich auf der Wolke in dies Fürstenland geführt hatten, um sie bewundern und küssen zu können. Als ich noch saß und überlegte, wie großmütig ich eigentlich sei, daß ich mich eines Kusses wegen für die schöne Frau Prinzessin töten lassen wollte, da stand mit einemmal, glattrasiert, aber mit dem strengsten Gesicht von der Welt, mein junger Herr vor mir und sagte, indem er mich blitzenden Auges vernichtend ansah: »Du Hund von einem Menschen, du hast es gewagt, meine Frau zu küssen!«

»Das ist mir höchst schnuppe, schnuppe, schnuppe!« lachte ich verächtlich. ›Er hat wohl geträumt, er‹, fügte ich in Gedanken hinzu, denn ich wußte, er las mir meine Gedanken vom Schnabel ab, ohne daß ich das Kauwerkzeug zu öffnen brauchte. »Und übrigens, wenn es so gewesen wäre, dann mein Herr, – gesetzt den Fall, daß mir die Schnute Ihrer Gattin, die ich leider nicht die Ehre habe je gesehen zu haben, daß diese Schnute mir gefallen hätte, – warum sollte ich sie nicht geküßt haben? Ich küsse, was mir anziehend scheint«, rülpste ich mit höchster Frechheit hervor.

»Gut, dann mußt du deine Tat nachher auch verantworten. Ich strafe dich. Du Kerl bist des Todes«, schrie der Javane. »Doch eine größere Strafe als der Tod wird dir zugleich. Denn die Prinzessin, die ich dir zum Küssen geben wollte, wirst du in deinem Beoleben nicht zu sehen bekommen. Denn diese, meine Frau, war nicht die Prinzessin, die dich erwartet hat. Du bist voreilig und frech gewesen. Und deine Strafe bleibt nicht aus. Noch eine kurze Stunde hast du zu leben. Bereite dich vor, zu sterben!«

»Ach was, Klimbim, Klimbim«, lachte ich mit alterprobter Beounverfrorenheit. »Ich weiß von nichts, mein Name ist Beo. Stecken Sie ruhig Ihre rollenden Augen in die Westentasche. Sie jagen mir gar keine Furcht ein. Mein Name ist Beo. Basta! Und übrigens stören Sie mich nicht, dort kommt meine Frau Prinzessin, und die wird mich sogleich hier begrüßen.«

»Hundevogel von einem Hundevogel!« keuchte der hocherregte Javane und gab meinem Käfig einen Fußtritt, daß mir mein Badenapf und mein Trinknapf um den Kopf flogen und ich zum zweitenmal an diesem Tage ein unfreiwilliges Bad nehmen mußte.

»Verrückt, verrückt!« schimpfte ich, ohne mich in meiner Keckheit stören zu lassen. »Was meint der Esel, ich begreife gar nichts; ich kenne seine Frau so wenig, wie er meine Frau kennt, der Esel.«

Jetzt kam der Vater, der hundertjährige, und winkte seinem Sohn, zum Barbier zurückzukommen. Der Sohn folgte dem Ruf seines Vaters und ging, nicht ohne nochmals etwas von: »Tod und Rache!« gemurmelt zu haben.

»Ganz wie im Theater«, rief ich ihm keck nach, »wie im Theater. Hu, hu, hu!« So unerhört übermütig war ich, daß ich mir aus meinem umgestürzten Käfig gar nichts machte und mich so gut wie möglich einrichten wollte in dem Kopfüber und Kopfunter, das meine Wohnung ganz verdreht aussehen machte. Aber da merkte ich zu meinem Staunen: sieh da, meine Käfigtüre war beim Sturz des Käfigs aufgegangen. Wenn ich nun feig gewesen wäre, hätte ich blindlings vor meinem fluchenden Hausherrn fliehen können. Ich bin aber von Natur nicht feig, und so entstieg ich nur eine Weile meiner zerstörten Wohnung und setzte mich ein wenig vor die Türe, das heißt, ich setzte mich auf den Rand meiner offenen Haustüre und schaukelte mit dem beweglichen Türflügel her und hin, so gleichmütig, als ob nichts geschehen wäre. Aber sieh da, was machten denn die beiden Javanen dort? Sie hockten sich am Boden gegenüber und bliesen sich mit Rauch an, und dazu machte der Barbier, auch am Boden hockend, unter dem Baum Musik auf einer Bambusflöte. Das, was er flötete, klang ähnlich wie die Musik, die ich vorhin beim Hofzug gehört hatte; dasselbe Flötenspiel war es.

»Wie er mich nur töten will? Mit Musik doch nicht?« schwätzte ich als schwatzhafter Beo für mich in die Luft. »Musik macht lustig!« rief ich unverschämt und herausfordernd zu meinen Javanen hinüber. »Musik und Saueres machen lustig. He he, heee!« Sie sahen aber gar nicht nach mir hin, sondern hüllten sich in immer mehr Rauchwolken. Und seltsam, die Wolken bildeten Figuren und Formen. Und mit der Zeit entstanden aus den Rauchwolken bunte Tücher an beiden Javanen. Und es begann an ihnen zu blitzen und zu funkeln. Und es war ganz sonderbar: sie bekleideten sich wie zwei Fürsten mit den kostbarsten handgemalten Stoffen. Aus Rauch gewobene blaue und kupferrote Seide entstand, und die beiden Javanen, als sie nach einer Weile aufstanden, hatten die herrlichsten javanischen Königsgewänder an, die man sich nur denken kann. Der Alte trug eine veilchenfarbene Jacke, die war über und über mit regenbogenfarbigen Perlen bestickt. Die weißen Perlen bildeten Blüten und Ranken am Saum der Jacke, und die Perlenstickerei bedeckte die ganze Brust. Er hatte außerdem eine seidene Hose an, die war wie aus den schönsten Gartenblumen zusammengestellt, aus roten und weißen Nelken, aus blauen Irisblumen und gelben Irisblumen, aus Feuerlilien und Jasmin, aus weißem und lila Flieder, und die Säume unten um die Hosen waren dicke schwarzrote Rosen, und dazwischen guckten gestickte Goldkäfer hervor. Über die Hose hatte er, wie das javanische Hofsitte ist, einen kupferroten Seidenstoff geworfen, und der hing auf einer Seite herab und bedeckte das eine Bein, das andere Hosenbein aber war frei und leuchtete und flammte wie ein Blumenstrauß im Sommer. Und im Haar trug der Alte blitzende Elfenbeinkämme, die waren auch dick mit Perlen umkrustet. Und Perlenketten trug er um den Hals, und Perlenketten um die Handgelenke, und dicke goldene Ringe, mit Perlen besetzt, an den Fingern.

»Das nennt sich Armut«, schrie ich frech. »Sieh mal da, eins, zwei, drei, Hurra!« rief ich voll Eifer, um mich endlich mal wieder bemerkbar zu machen und meine Beolebhaftigkeit nicht in Vergessenheit fallen zu lassen. Der weiße Hundertjährige hatte auf einmal ein mildes altes Gesicht ohne Falten, aber doch ganz alt dadurch, daß es von weißen Haaren umrahmt war.

»Maske!« schrie ich, »Maske!« – ›Es ist ja Weihnachten und nicht Fastnacht‹, wollte ich rufen, konnte aber als Beo den langen Satz nicht aussprechen. Der Alte trug auch einen Stock, aus Rauch gemacht, in der Hand, der glich einer alten goldenen Lanze. Aber die Spitze der Lanze war abgebrochen und mit Watte umwickelt. Es sah aus, als sei die Lanze verwundet, oder als habe sie weiße Haare oben am Lanzenkopf, wie der Greis selbst.

»Alles ist verrückt! Verrückt! Verrückt!« krächzte ich auf meiner Käfighaustüre aus Leibeskräften.

Nun, und der junge Javane, wie leuchtete der mit einemmal, als wäre er beim Goldschmied gewesen und habe sich vergolden lassen. Er trug aus gelber Seide Jacke und Hose und einen enzianblauen seidenen Überwurf. Aber die gelbe Seidenjacke war über und über mit den herrlichsten roten Rubinsteinen bestickt. Wo der Vater Perlen wie Tränen trug, trug der Sohn Rubinen wie Taubenbluttropfen, bläulich rot schimmernd. Und außerdem hatte er feine goldene Ketten um den Hals und goldene Armbänder; sogar um die Fußknöchel hatten beide Herren goldene Ringe als Schmuck. Und als sie sich nun bewegten, sah ich, sie trugen auch goldene Ringe an den zehn Zehen der Füße. Sie gingen aber barfuß, weil alle Javanen im Javanerlande barfuß gehen. Der Sohn hielt den Schild des Vaters in der Hand, der war aber nicht aus Gold und nicht aus Metall, – er war aus Haar geflochten, aus feinstem, weißem Haar, und leuchtete noch silberner als Silber. Denn das Haar war von den Köpfen aller alten javanischen Könige und aller alten javanischen Königinnen genommen und so dicht geflochten, daß der Schild fester war als Stahl, und er ließ kein Schwert und keinen Speerstoß durch, der Schild aus Königs – und Königinnen-Haar. Dieses sagte mir den Schild selbst, als ich ihn so staunend betrachtete. Da hörte ich, wie er laut zu mir sprach und mir erklärte, wer er sei. Und dann sagte der Schild weiter: »Verneige dich, Beo, vor der Lanze, sie ist stumm und kann nicht zu dir sprechen. Ihre Zeit, wo sie wieder gewachsen und scharf sein wird, die Zeit ist noch nicht gekommen. Es ist die Lanze des ersten Javanenkönigs, und sie brach ab, als die Holländer in Java einzogen und das Land unterjochten. Seitdem ist die Lanze mit Watte umwickelt. Aber eines Tages wird sie wie ein scharfes Lilienblatt aufblühen und wird wachsen und scharf bleiben, und dann wird sie wieder so laut reden wie ehemals, da sie unzerbrochen war. –Aber er, der Alte, der Greis, der die Lanze hält, und der dir verkleidet als armer Tabakhändler am Weg vor Garoet begegnete, wo er in dem Bambushäuschen saß, – er ist der Stammvater aller Javanen. Er setzt die Könige und Kaiser ein und setzt sie wieder ab. Er ist der älteste Javane auf Java, und er ist nicht nur hundert Jahre, er ist viele tausend Jahre alt. Aber damit du nicht kopfscheu werden solltest, hat dir mein junger Herr vorhin gesagt, er sei sein hundertjähriger Vater. Er ist auch sein Vater, aber sein Erzvater. Und mein junger Herr, der mich trägt, mich Schild, geflochten aus dem weißen Haar aller toten alten Könige und Königinnen und Kaiser und Kaiserinnen von Java, – mein junger Herr ist der zuletzt verstorbene Kaiser von Java, der als Beo wieder zum Leben kam, da er nicht zu seinen Vätern eingehen wollte, ehe der Zwist, der in seinem Kaiserhause herrscht, beendet ist. Und heute soll dieser Zwist enden. Heute soll die Leibwache des Königs die Frau Prinzessin, die heimlich einen Aufstand anschüren wollte, und die diesen Plan schon seit der Geburt ihres Knaben im Herzen genährt hat, sich freiwillig von ihrem Lieblingswunsch trennen. Sie wird sich zuletzt der Leibwache des Kaisers selbst gefangen geben. Und das Herz der Frau Prinzessin zu bewegen, damit sie heute endlich von dem seit Jahren gehegten Wunsch ablasse, – dieses ist die Absicht, mit der Vater und Sohn, die im Geist von der Flucht und von dem geplanten Aufstand erfahren hatten, heute hierher gekommen sind.«

»Nee, nee, nee«, schrie ich aufgeregt, denn mir waren Schuppen von den Augen gefallen. Ich sah nun ein, daß ich meines Herrn Frau in der Prinzessin vorhin geküßt hatte. Und daß mein Herr recht hatte, als er aufbegehrte und mich samt meinem Käfig in die Ecke stieß, weil ich frech zu seiner Frau gewesen war. Ich mußte mich an der wackligen Gittertür meines Käfigs festhalten, denn mit Schrecken fiel mir ein, daß es nun wahr werden würde, was er mir vorhin zugerufen hatte: »Ich strafe dich! Du bist des Todes. Und zwar augenblicklich!« Ich faßte mich aber rasch. »Na, gut, schon gut, gut, schon gut!« schrie ich den Schild an und verbeugte mich ein paarmal vor ihm und der Lanze. Der Schild, der mich hell anschien, als könne er mich in allen meinen Gedanken durchleuchten, war mir mit seinem Königshaarglanz alter Herrschaften recht unheimlich. In so viel weißen Glanz hatte ich noch nie geschaut, als dieser Schild ausstrahlte, der silberner als Silber war. Es schien, als ob alles Gedankenlicht, das in den Köpfen aller javanischen Könige und Königinnen geglänzt hatte, aus diesem Schild glänze, der aus weißem Königshaar geflochten war und so weithin leuchtete, daß die Bäume in seiner Nähe silberglänzende Blätter bekamen, – so hell war er. Es wurde mir jetzt zu feierlich für mein lebhaftes Beogemüt in der Nähe dieser ältesten javanischen Herrschaften. Ich wäre nun am liebsten feig geworden und wäre fortgeflogen; denn was hielt mich denn ab, zu fliehen? Es hielt mich nur mein den Goldregenblüten gegebenes Wort, daß ich die schöne Frau Prinzessin vor ihren Verfolgern erretten wollte, das heißt, ich wolle sie hindern, sich das Leben zu nehmen, wenn sie es versuchen würde. Aber was sollte ich nun nützen, wenn sie doch ihren Mann und noch dazu den Vater, den Erzvater aller Javanen, bei sich in der Nähe hatte? Die konnten ihr besser helfen als ich. Die hatten sich jetzt mit ihren Gewändern, aus Rauch gewoben, nur deshalb so schön gemacht, damit sie der schönen Frau in anständiger und würdiger Weise begegnen konnten. Und ich Lump, ich hatte mich vorhin als Luft ganz gemein an die Seite der Frau in die Sänfte hingerekelt. Ich hatte mir die Schutzlosigkeit der schönen Frau zu Nutzen gemacht, das war eine gemeine Tat. Ich hatte meine lustige Maske böse ausgenützt und hatte, in Luft verkleidet, die schöne Frau geküßt und gestreichelt, daß ihr der Puder vom Gesicht gefallen war. Ich war gemeiner als ein Straßenräuber. Ich sah es ein, ich verdiente nichts als den Tod. Und zwar den gemeinsten Tod, den man sich nur ausdenken konnte, – so schändlich leichtsinnig hatte ich gehandelt. »Hängt ihn! Hängt ihn!« schrie ich laut und meinte damit mich selbst. Aber niemand achtete mehr auf mich. Auch der Schild in der Hand des javanischen jungen Kaisers wendete mir den Rücken.

Nun sah ich auch, daß der Barbier, der nun auch prächtige, aus Rauch gewobene Gewänder trug, der Kanzler des Reiches. war. Der tote Kanzler, der zur Zeit des Königs, des verstorbenen, am javanischen Hof Ratgeber gewesen war. Ich sah es an den Abzeichen der Palmenblätter-Stickerei des Rockes und am Reichskanzlerstern aus Diamanten, den er auf der Brust trug. Und hinter den Bäumen der Straße standen viele Höflinge. Sie erstaunten mich nicht. Ich hatte gesehen, wie sie entstanden waren. Sie waren Grashüpfer, Ameisen, Reisvögel, Schmetterlinge und Eidechsen gewesen, die alle herbeigekommen waren beim Flötenspiel des Kanzlers vorhin. Alle waren unter den Tönen des flötenden Reichskanzlers in ihre frühere Menschengestalt verwandelt worden.

Das hatte ich doch nie glauben können, daß alle Tiere des Feldes einmal Menschen waren. Da standen sie alle schön gekleidet, die Grashüpfer als Reiter zu Pferd, die Eidechsen waren Fußvolk, die Ameisen Musikanten, und die Schmetterlinge waren reizende Hofdamen und Pagen geworden, in hellen, freundlichen Seidengewändern. Alle aber zeigten einen nackten Oberkörper, einen schönen, schlanken, braunen Rücken und eine nackte braune Brust, und nur von den Hüften abwärts waren sie bekleidet. Alle waren waffenlos. Das fiel mir besonders auf. Auch die Krieger trugen keine Waffen; nicht einmal den Kris, den Dolch, den alle Javanen im Gürtel bei sich tragen, nicht einmal den hatten sie bei sich. Sie waren freundlich gesprächig untereinander und kauerten alle an der Erde, unterwürfig auf ein Zeichen der beiden Herrscher wartend, um sich aufrichten zu dürfen.

»Halbnackt! Halbnackt!« schrie ich in meiner frechen Art, die ich nicht ablegen konnte, so lange ich Beo war, weil sie diesem Vogel als Rasseneigenschaft angeboren ist. Aber niemand kümmerte sich in diesem Augenblick um das Geschrei eines kleinen Beovogels. Wer mich schreien hörte, lachte höchstens ein wenig, aber ärgern, wie ich es als Beo gern wollte, konnte ich keinen Menschen mit meinem Geschrei.

Die Flötenmusik und der eintönige Gongschlag des Hofzuges kamen jetzt näher. Es traten Dienerinnen auf den Wink des alten und jungen Javanen vor. Eine Schirmträgerin mit goldenem, radrundem Schirm stellte sich hinter jedem der beiden javanischen Herrscher auf, hinter dem Kaiser und hinter dem Erzvater der Javanen. Der Kanzler aber mußte sich auch am Boden niederkauern und die Stirn senken, wie alle Hofleute es tun mußten, denn keiner durfte vor dem Kaiser und dem Erzvater die heranziehende Frau Kaiserprinzessin ansehen.

Und ich Frechling war vorhin wie ein Elender geradenwegs zur hohen Frau in die Sänfte gesprungen. Ich fühlte, wie mir meine Flügelfedern vom Angstschweiß feucht wurden. Ich zitterte am ganzen Leibe. Viel mehr als vorhin vor der Katze zitterte ich jetzt. Da, wo das Bambushäuschen stand, in dem wir vorhin durch die Luft von Garoet nach dem Fürstenlande in Mitteljava auf einer Wolke geflogen waren, da wurde die Straße breiter und bildete einen kleinen Platz. Ehe der Zug von der Straße her auf diesem Platz ankam, sah ich noch, wie auf einen Wink des greisen Erzvaters Hunderte von den goldgelben Blüten der Goldregenbäume, die rund um den Platz standen, von den Zweigen niederrieselten. Bald war der ganze Platz von goldgelben Blüten bedeckt, es sah aus, als wäre die Erde vergoldet worden von den duftende Blüten.

›Die Blüten geben ja auch ihr Leben für die Prinzessin her, dann kannst du es auch tun‹, dachte ich bei mir. ›Es tut nicht weh, für jemand zu sterben, der so edel und schön ist wie die Frau Prinzessin.‹ Aber anstatt daß ich meinen braven Gedanken Ausdruck gegeben hätte, hatte ich fortgesetzt die Beo-Unart an mir, nur Frechheiten in die Luft zu schreien. Und da jetzt der ganze Platz gut nach Blüten und nach den Wohlgerüchen des heranziehenden Hofzuges roch, rief ich, so laut ich konnte: »Es stinkt! Es stinkt! Wer stinkt, wer stinkt?«

Gottlob, es achtete jedes Ohr und jedes Auge nur auf die Kaiserprinzessin und ihren Sohn, der da zu Pferde hinter ihr ritt.

Der Hofzug kam aber nicht ruhig an. In den letzten Minuten klangen die Gongtöne unregelmäßiger und heftiger, die Flötenspieler spielten eine eilige Marschmelodie, und man sah an der auf- und absteigenden Bewegung der Sänfte, und an dem Hufschlag der Prinzenpferde hörte man es- überall war Eile und Hastigkeit. Denn die Leute hatten den Staub der heraneilenden Verfolger in der Ferne bemerkt. Und sie waren in Unruhe geraten und hatten es zuletzt der Prinzessin und dem Prinzen mitgeteilt, daß da in der Ferne große Staubwolken aufstiegen, und daß das nur die Reiter des Kaisers sein konnten, die sie verfolgten und sie bald einholen würden.

Die Prinzessin hatte in Solo nichts von ihrer Reise gesagt und war heimlich in der Nacht geflohen, denn unterwegs sollten ihr ihre Anhänger bewaffnet entgegenziehen und sie vor den Verfolgern in Schutz nehmen.

Als der Hofzug nun auf dem Platz unter den Goldregenbäumen die vielen festlichen Menschen sah und von dort Musik hörte, beruhigten sich alle im Herzen, da sie glaubten, das wären ihre Freunde, die ausgezogen seien, ihnen zu begegnen und sie zu beschützen. Aber sie waren erstaunt, als sie näher kamen, daß kein bekanntes Gesicht unter den Menschen war, die sie zu bewillkommnen schienen. Und keiner hatte eine einzige Waffe bei sich; nur ein alter hoher Herr an der Spitze trug eine abgestumpfte Lanze, die mit Watte umwickelt war. Und ein junger hoher Herr hielt einen hellen Schild in der Hand, der silberner leuchtete als Silber.

»Was sind das für Leute?« hörte ich die Prinzessin in der Sänfte ihren jungen Sohn fragen, der wohl kaum vierzehn Jahre zählen mochte. Denn so jung werden die javanischen Prinzen schon für mündig erklärt.

»Ich kenne diese Menschen nicht, hohe Frau Mutter«, hörte ich den Sohn erwidern.

»Edelleute, Edelleute!« rief ich, entzückt, der gnädigen Frau Kaiserprinzessin mit meiner Auskunft dienen zu können.

»Ei sieh, ein Beo!« rief die hohe schöne Frau entzückt. »Wer ist der Alte dort, Beo?« fragte sie weiter.

»Erzvater! Erzvater!« rief ich klar und deutlich.

Sie erstaunte, und alle verwunderten sich mit ihr.

»Und sag, kluger Beo, sag, wer ist der junge Herr, der den glänzenden Schild trägt?«

»Dero Herr Gemahl, dero Gemahl, Gemahl, Gemahl!« rief ich, meinerseits entzückt, daß ich alles wußte und mein Wissen zeigen durfte. Ich, sah, wie die schöne Javanenprinzessin, von freudigem Staunen erschüttert, unter dem gelben Puder erblaßte. Sie rief zu ihrem Sohn hin: »Wahrhaftig, mein lieber Sohn, dort steht dein Herr Vater, der verstorbene Kaiser, er hält einen Schild zu unserem Schutz in der Hand. Und sieh, neben ihm steht der edelste Javane, der hohe Erzvater unseres Geschlechtes. Oh, nun sind wir vor allen Verfolgern gerettet. Wahrscheinlich wird dich dein eigener Vater hier zum König krönen wollen; und hält der Erzvater den heiligen Speer über dich, dann bist du unverwundbar dein Leben lang.«

Man hatte die Sänfte niedergestellt, und die Frauen der Prinzessin halfen der Dame aussteigen. Die Diener hielten dem jungen Herrn den silbernen Steigbügel, und er stieg vom Pferde. Dann schritten Mutter und Sohn zehn Schritte von ihrem Gefolge fort, dem Kaiser und dem Erzvater entgegen, und ließen sich auf die Kniee nieder, und da man ihnen Strohteppiche bringen wollte, damit sie nicht im Staube knieen sollten, wiesen sie mit einem Wink die Diener zurück. Und man sah es der Kaiserin und ihrem Sohne an; sie brannten danach, dem hohen Kaiser und dem noch höheren Erzvater tiefste Ehrerbietung zu erweisen, – sie wollten beide im Staube vor ihnen liegen. Denn sie begriffen, daß die hohen Toten ihnen zu ihrer Rettung hier am Weg begegnet waren. Denn daß Tote aus dem Kaiserhause bei hohen Anlässen auferstanden und in alter Menschengestalt den Angehörigen des Kaiserhauses an wichtigen Lebenstagen erschienen, – das hatte sich im Laufe der Zeiten des öfteren ereignet, und die Überlieferungen erzählten davon.

Darum nahmen auch Mutter und Sohn die Erscheinung dieser hohen Toten heute am ersten Tage der Flucht, wo sie beide einen so zukunftswichtigen Schritt wagten, als etwas Selbstverständliches. Denn Mutter und Sohn waren durchdrungen von der Wichtigkeit dieser Stunde, und sie wußten, daß dieses der ereignisreichste Tag ihres Lebens sein würde. Der Prinz hatte ja sein ganzes Leben lang auf diesen Tag der Flucht und Kaiserernennung mit seiner Mutter zusammen gewartet.

Wie sie nun im Staube lagen, winkte der alte Erzvater ihnen aber nicht, daß sie aufstehen sollten, und er ließ sie mit der Stirn die Erde berühren, ohne ihnen Willkomm oder Gruß zuzurufen. Daran erkannten beide rasch, daß ihre Sache in dem Herzen des Erzvaters nicht zu dem Ende beschlossen war, das sie beide sich wünschten. Zugleich hörten sie aber auch, so nahe mit den Ohren an der Erde, das Hufgetrappel der Pferde, auf denen die Leibwache des in Solo lebenden Kaisers heransprengte, immer deutlicher werden; jeden Augenblick mußten nun die Verfolger auf dem Platz unter den Goldregenbäumen erscheinen. Die Kaiserin wagte sich nicht zu rühren, aber der junge Prinz hob den Kopf, als er mich rufen hörte:»Kopf hoch! Kopf hoch!«

Ich meinte aber, er sollte den Kopf heben und sehen, daß der Reichskanzler den Schild des Kaisers, der silberner als Silber war, in die Hand bekommen und sich damit dort aufgestellt hatte, wo die Landstraße auf den kleinen Platz mündete.

Der Schild spiegelte sein helles Licht die lange Landstraße entlang, und er schien die fern heranrasenden Reiter, Mann und Roß, zu blenden. Denn mit einemmal schwieg das Hufgeräusch. Es blieb nur ein wirres Gerede in der Luft, und man hörte die Stimme des Anführers der Wache, der laut zu seinen Leuten sprach: »Wir sind auf falschem Weg. Dieses hier ist der Weg zum Meer. Seht dort unten glänzt der Meeresspiegel zwischen den Bäumen, hell und silberner, als Silber glänzt.« Eine Unruhe entstand, man hörte, wie alle die Verfolger ihre Pferde in der Ferne umwendeten, und dann ritten sie in entgegengesetzter Richtung davon.

Zugleich aber sah ich, wie der Erzvater die stumpfe Lanzenspitze über den javanischen Prinzen und seine Mutter hielt; und er sagte:

»Meine liebe Tochter, kehre um, nachdem du deinen Mann umarmt hast und du, Sohn, deinen Vater. Niemals sollt ihr wieder daran denken, gegen den Willen eures Erzvaters zu handeln. Kehrt zurück zum Kaiser nach Solo, es wird euch nichts geschehen, wenn ihr berichtet, daß ihr mir begegnet seid, und daß ich euch gesegnet habe und euch befohlen habe, diese heilige Lanze zurückzubringen, die man bereits vor eurer Abreise vermißte. Der Kaiser hat jedem Freiheit und langes Leben zugesagt, der ihm die heilige Lanze wiederbringt. Grüßt ihn und sagt: ›Hier ist die Lanze!‹ Und alles ist euch verziehen; es wird vergessen sein, daß ihr Aufstand und Zwiespalt im Kaiserhause stiften wolltet. Ziehet in Frieden!«

Javanische Frauen und Kinder sind an größten Gehorsam gewöhnt. Die Frau erhob sich und umarmte schweigend und zitternd ihren Mann. Ebenso umarmte der kleine Prinz seinen Vater. Dann kehrten sie zur Sänfte zurück und zum Pferd des Prinzen und zu ihrem Gefolge. Der Prinz aber trug die Lanze in der Hand, und sein Herz klopfte ihm hoch, als er das Heiligtum mit beiden Händen umklammert hielt. Und als sie sich gewendet hatten, waren mit einem Schlage der Erzvater, der Kaiser, der Kanzler und alles Gefolge hinter ihnen verschwunden, – nur blauer Tabakrauch schwebte am Platze.

»Alles futsch, futsch, futsch, futsch!« mußte ich erschrocken rufen. »Alles Schwindel, Sdiwindel«, fügte ich hinzu.

Da sah die Prinzessin nach mir hin, als sie eben in ihre Sänfte steigen wollte, und zugleich bemerkte ich zu meinem Schrecken die schwarze Katze, die, keine fünf Schritte von mir fort, geduckt und sprungbereit am Boden kauerte. Schon schnellte sie durch die Luft, und schon stürzte sie sich auf mich.

Mit großem Geschrei und Geschimpf floh ich hüpfend zur Seite. Aber die Katze hätte mich gewiß erwischt, wäre nicht in diesem Augenblick ein Kris, gut gezielt, durch die Luft auf die Katze geflogen. Das Krismesser nagelte die schwarze Katze an einen der Bambuspfosten des Häuschens. Es war der Kris der Prinzessin. Die hohe Frau hatte mir das Leben gerettet, mir Elendem, der sie vorhin heimlich geküßt hatte.

Ich war noch ganz verdutzt. Die Katze zappelte nicht mehr. Der Dolch war ihr durchs Herz gefahren und hielt den schwarzen Leib fest an den Hauspfosten gespickt. Tot hing der Katzenkadaver dort, und ein Faden roten Blutes floß auf die gelben Goldregenblüten, die vom Blute rotgefärbt leuchteten. Ich sah nur noch, daß die Prinzessin in die Sänfte stieg. Doch ehe sich der Zug in Bewegung setzte, um heimzukehren, schickte die hohe Frau noch eine Dienerin zu mir und ließ mich rufen. Ich hatte noch so viel Kraft, um bis an die Sänfte heranzuflattern. Aber ich fühlte, meine Kräfte wichen schnell, denn ich hatte Blut gesehen. Und wenn Beovögel Blut sehen, müssen sie sterben, und niemand kann ihnen dann helfen. Dieses wußte ich, zu Tode erschrocken. Ich verdrehte die Augen, und mit dem Ruf: »Schwindel!« – denn mir war sehr schwindlig –fühlte ich, daß ich meinen Geist aufgab und zu Füßen der schönen Frau starb. Die Prinzessin hatte mir das Leben vor der Katze gerettet, hatte es mir aber zugleich mit dieser Rettung genommen. So war in Erfüllung gegangen, was mir mein javanischer Herr vorher gedroht hatte: ›Ich werde dich strafen, du bist des Todes, und augenblicklich!‹ Die Beleidigung, die ich ihm zugefügt hatte, war damit gerächt. Und ich war zwar keinen Opfertod für die Prinzessin gestorben, aber ich war daran gestorben, daß ich mir leichtsinnigerweise zum Weihnachtsabend eine Prinzessin gewünscht hatte. Im Wünschen muß man vorsichtig sein. Manche Wünsche wirken für den tödlich, dem sie in Erfüllung gehen. Es war aber auch wieder gut, daß ich als Beo gestorben war, denn nun durfte ich als Mensch wieder weiterleben. Ich erwachte am Weihnachtsmorgen in meinem Bett und fand meinen Beokäfig, als ich aufgestanden war, wie sonst auf der Veranda stehen. Mein Beo saß still darin.

Doch seit ich weiß, daß er ein verwandelter javanischer Kaiser ist, behandle ich den Beo äußerst höflich. Ich nehme den Hut ab vor ihm. Ich lasse ihn sorgfältiger pflegen. Er soll auch einen größeren Käfig bekommen. Denn seit ich selbst als Beo auf den Käfigstangen gesessen habe, weiß ich, wie ungemütlich es im Käfig sein kann, wenn man dort nicht wenigstens anständige Behandlung findet. Drüben über der Straße am Regentenweg blüht ein großer Goldregenbaum, und sein Duft kommt bis zu mir auf die Veranda. Aber er verwandelt mich nicht wieder zu Luft, und ich hüte mich, es mir zu wünschen, denn Gestalten, die man zu sein nicht gewohnt ist, können einem die schrecklichsten Lebenslagen bringen. – Als ich mein Weihnachtserlebnis einem Herrn erzählte, der schon lange im Javanerland lebte, sagte der: »Ach, da haben Sie ja etwas erlebt, was in der javanisdien Geschichte früher einmal vorgekommen ist. Sie sind also als Beo in die Vergangenheit der javanischen Fürstenlande zurückgeflogen. Jene Prinzessin soll übrigens noch heute ganz alt am javanischen Hof leben. Ihr Sohn aber ist gestorben. Er wurde niemals Kaiser und versuchte auch niemals mehr, es zu werden, nachdem ihm und seiner Mutter der erste Versuch mißglückt war.«

Dieses war mein Märchen-Erlebnis in der ersten der heiligen Nächte. – Als ich neulich zu einem Sultanshochzeitsfest in Solo war, habe ich dort das Gemach im kaiserlichen Schloß gesehen, darin die heilige Lanze aufbewahrt wird. Es war in der großen Halle ein kleines Gemach aus lauter Glaswänden. In diesem Glasraum wurde die Lanze aufbewahrt. Und da gerade die Pest zu Besuch in der Stadt war, fuhr man nachmittags um vier Uhr die heilige Lanze auf einem von weißen Stieren gezogenen Wagen durch die Straßen, in denen Leute an der Pest gestorben waren. Denn die heilige Lanze vertreibt alle Übel. Die Prinzessin aber habe ich nicht gesehen; darum kann ich nicht sagen, ob sie einmal so schön gewesen sein kann, daß ich sie hätte küssen mögen. – Ich bitte Dich, liebe Lore, erzähle dieses Märchen nicht der Frau Dauthendey wieder. Es könnte sie betrüben, zu erfahren, daß ich in einer heiligen Nacht zum losen Beovogel verwandelt herumgezogen bin und eine Prirtzessin geküßt habe, die mich gar nichts anging. Ich ersuche Dich also um Verschwiegenheit.

Bis zum nächsten Märchen!

Dein Märchenonkel

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