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Das Märchen von der verschleierten Frau

Hugo von Hofmannsthal: Das Märchen von der verschleierten Frau - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorHugo von Hofmannsthal
year1988
publisherS. Fischer Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-10-331503-1
titleDas Märchen von der verschleierten Frau
pages99-110
created20001110
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hugo von Hofmannsthal

Das Märchen von der verschleierten Frau

Die junge Frau des Bergmannes trat ans Fenster der hinteren Stube, um zu sehen, ob die Sonne bald an den Rand des Berges sinken werde. Die Sonne stand aber noch hoch, die Nelken auf dem Fensterbrett warfen ganz kurze Schatten, und von unten rauschte der Bach eine merkliche Kühle herauf. Obwohl die Frau wußte, daß ihr Mann noch lange nicht von der Schicht heimkommen konnte, blieb sie doch am Fenster stehen und spähte durch die dämmernden Laubkronen hinüber auf ein paar gelbrote Flecke zwischen dem Grün: das war der Waldweg. Plötzlich aber mußte sie zurücktreten und sich mit beiden Händen an der Tischkante festhalten: der kleine wohlbekannte Abgrund vor dem Fenster, in dessen Tiefstem der kleine Sturzbach hintoste und über dessen ganzen grünen Abhang der verkrümmte Zweig eines Apfelbaums hinabgriff, verursachte ihr Schwindel. Sie heftete ihre ängstlichen Augen auf ihr dreijähriges Mädchen, das auf dem Fußboden spielte. Das Kind sah lächelnd zu ihr auf, zugleich fühlte die Mutter, wie das warme Blut ihrem Herzen wieder zuströmte. Sogleich nahm das Gesicht der jungen Frau einen hellen verklärten Ausdruck an: denn sie wußte, daß sie ein zweites Kind unter dem Herzen trug, und da sie dieses neue Leben nur erst ahnte und seine Regungen noch nicht fühlen konnte, so nahm sie diese ängstlichen Bewegungen ihres Blutes für eine Bürgschaft seines bewußtlosen Werdens. Sie nahm das Kind, das sie für sich schon »die Große« nannte, bei der Hand und ging aus der Stube. Als sie aber die Tür hinter sich zuschloß und nun auf der dämmrigen Dachtreppe stand, befiel sie ein neues Gefühl von noch viel heftigerer Bangigkeit: ihr war, als hätte sie, da sie die Tür zudrückte, den Deckel über einem Sarge zugedrückt; als wäre mit dem hellen Zimmer das ganze Glück ihres Lebens für immer hinter ihr versunken. Ihre Füße waren wie mit Blei gefüllt, und als sie hinunterkam, mußte sie sich auf den Steinrand des Brunnens setzen, und ihre Schläfen pochten. Das Kind ließ sich gleich an der Mauer des Hauses nieder und fing an, mit einem alten verbogenen Zinnlöffel ein Mausloch aufzugraben. Es fragte was; die Mutter gab ihm aber keine Anwort: sie hatte den Kopf gewandt und ihr Blick hatte sich in die dunkle Tiefe des Brunnenschachtes verfangen. Sie sah den finstern Abgrund und sah etwas Lebendes, ihr unendlich Teueres hinabsteigen; sie konnte sich nicht regen, nicht schreien und mußte mit gelähmten Knien, mit starrem Aug geschehen lassen, was geschah. Auf einmal gab eine schnell um sich greifende innere Deutlichkeit ihr zu erkennen, daß es nicht ein gegenwärtiges, sondern ein zukünftiges Leid war, dessen Schatten über sie sank wie ein Schleier von Blei. Ihre linke Hand preßte sich gegen ihren Leib: denn ihr war, als fühlte sie dem Leben, das da innen keimte, ein fürchterliches, unnennbares Schicksal zubereitet. Allmählich hob sich der Knoten der Angst aus ihr, schien sich zu lösen und sich ringsum, ringsum zu verteilen. Licht und Dunkel, Berg und Bach und Luft schien eine einzige lauernde Gefahr, aber nicht für sie, sondern für das Wesen, das aus ihr geboren werden sollte. In ihrer beklommenen Finsternis glühte das neue Muttergefühl stärker und stärker durch, allmählich wich der Krampf, in einem rötlichen Dunst stand das Kind vor ihr und zupfte sie am Kleid. Die Sonne war längst hinab, alles stand in kühler Dämmerung, das Kind weinte stark und zog an der Hand, die sie noch immer an den Leib gepreßt hielt. Sie war vier Stunden so gesessen. Sie stand auf und schüttelte das Ängstliche aus den schlaftrunknen Gliedern. Eine feuerfarbene gefüllte Nelke bog sich aus der dunkelnden Schlafstube ihr entgegen, wie ein Lebendiges. Die junge Frau sagte in sich: »Ich darf nicht traurig sein, solange ich es in mir trage, das ist ihm schlecht«, und sie hob die Arme über sich und langte nach der Nelke, sog ihren farbigen Glanz und ihren Duft in sich und sang etwas halblaut, das ihr aus einem alten Gesangbuch geblieben war:

»Ihr Nägelein, so zeigt euch an!
Ihr blüht und glüht, doch ist's ein Kleid:
ist um die Zeit, kommt Ewigkeit,
wird alle Kreatur befreit,
zeigt euch mir an, was wär't ihr dann?«

Sie sang nur, um zu singen, und ihr Herz achtete nicht auf den Sinn, sondern dachte dem Mann entgegenzugehn, ihn zu küssen und ihm die geheimen Ängstigungen völlig zu verschweigen und zu verbergen. Indem sah sie jenseits des Baches einen zwischen den Büschen hervortreten und den Abhang hinunterklimmen, wie einer, der den Übergang sucht. Er war gekleidet wie ein Bergknappe, aber fremdartig und ganz in einem gleichförmigen dunklen Stoff. Unter der Mütze fiel links und rechts schlichtes braunes Haar in Strähnen herab und umrahmte das blasse junge Gesicht. Mit der Linken hielt er sich an einem Zweig und sah herüber auf die junge Frau. Seine Lippen, konnte sie erkennen, waren dünn wie einander berührende Messerrücken. Es schien, als brächte er eine Botschaft, und keine gute. Er schwang sich an dem Zweig nach rechts hinüber; die Frau ging vor, um die Ecke des Hauses; als sie aber an den Zaun trat und sich vorbeugte, war der Fremde verschwunden, und den Bach hinauf und hinab rührte sich kein Zweig, als die ins Wasser hingen und vom Wirbel ruckweise hin und her gerissen wurden. Es ängstete sie, in der Dämmerung mit den tosenden schreienden Wasserstimmen allein zu sein; sie nahm das Kind, ging in die Küche, zündete ein Licht an und setzte es auf den Herd, noch ein zweites und setzte es in das kleine vergitterte Fenster, dann fing sie an, Kartoffel zu schälen, und das Kind freute sich, wie davon ein Schatten an der Mauer herunterlief wie ein gewundenes Band.

Indessen ging ihr Mann die Straße herunter, die von der Tagesöffnung des Bergwerks zum Dorf hinabführte. Er ging bald auf der rechten, bald auf der linken Seite der Straße, wie einer, der in tiefes Denken verloren ist. Auf der alten Steinbrücke über dem dunklen Wassersturz blieb er stehen und strich mit einem erwartungsvollen Blick die Felswand empor bis in die mächtigen drängenden Wolken, die droben noch im Lichte gingen; und blickte dann mit noch erregterer Erwartung in den feuchten rauschenden Abgrund hinab, als müßte sich da, und müßte sich im Augenblick, in lautlosen Angeln eine geheime Tür ihm auftun ins Innere. Denn er wußte: nun war die Zeit da. Es waren Zeichen über Zeichen gewesen, vorher, die hatten bedeutet: nun kommt die Zeit heran. Diese Zeichen hatte er lange nicht verstanden, ihn dünkten sie unscheinbar, obwohl sie wundervoll waren; und obwohl sie Vorzeichen waren, nahm er sie für Erinnerungen. Er nahm sie zu allermeist für vereinzelte grundlose und süße Erinnerungen aus unbestimmten früheren Zeiten seines Lebens. Es geschah ihm, daß er ein unbeschreibliches Wohlgefühl davon hatte, sich mit der linken Hand an die Bergwand zu stützen; oder daß er, wenn die feuchte Kühle des finstern Geklüfts ihn umschlug, die Augen schloß, und sich ganz in sich selber einwühlend, für einen Augenblick in der vollkommenen süßen Unschuld der Kinderzeit zu atmen glaubte. Manchmal kam es ihn so stark an, daß er eine Zeitlang jeden Hammerschlag, den er im Gestein, und dann wieder jeden Schritt, den er im Freien tat, traumweis im Reich der Erinnerung zu tun vermeinte. Und als er eines Tages in solcher Verfassung pochte, stand hinter ihm im Schein der Grubenlampe ein junger fremder Bergmann mit langsträhnigem braunem Haar, der ihm lange zusah, dann mit dünnen Lippen zu reden anfing und ohne den Gruß »Glück auf« ihn vielerlei fragte. »Wer seid denn Ihr?« fragte er selber den Fremden. »Das kann Euch gleich sein«, antwortete der Fremde schnell, »ich bin einmal da und will Euch zu Eurem Glück verhelfen.« »Ich will aber wohl erst wissen, wer und woher Ihr seid«, sagte er noch einmal. Der Fremde zuckte ungeduldig, trat ganz nahe heran und beugte sich über den, der im Gestein saß. »Ich will mich ausweisen«, sagte er, »daß wir recht wohlbekannt sind. Hast du dich heute bei der stillen Arbeit wieder stark erinnern müssen?« »Ja«, sagte der andere halb unwillkürlich. »Und hast dich leicht gefragt: Wo tu ich diesen Hammerschlag? tu ich ihn hier oder tu ich ihn tausend Meilen von hier? wie?« Der andere bejahte mit den Augen. »Und wenn du zu Haus bist und gehst aus einem Zimmer ins andere und schlägst eine Tür hinter dir zu und öffnest eine andere, ist dir da nicht, als wären es gar nicht deines Hauses Stuben, in denen du umhergehst, sondern als tätest du Türen auf und zu, ganz ganz woanders, tausendmal woanders?« Dem Bergmann war, als schöbe sich in ihm etwas auseinander, sich so durchschaut zu fühlen. »Und lebst so dahin«, redete der Fremde weiter, »und redest nichts und deutest nichts und willst nicht wissen, worauf das alles hinaus soll?« »Ja, soll's denn aus mir hinaus?« fragte der andere, und bei dem bloßen Gedanken überfiel ihn ein grenzenloses Gefühl von Öde und Verzweiflung. Der Fremde lachte lautlos: »Nichts soll heraus, sondern du sollst hinein. Hineinstoßen muß man so einen in seine eigene Glückseligkeit. So nimmst du denn wirklich das alles für Erinnerungen? Hast du denn je in früheren Zeiten ein solches Glücksgefühl verspürt? Ahnst du denn nicht, daß es lauter Vorzeichen sind, luftige Vorausspiegelungen, nichts als Vorgefühle des namenlosen Glücks, das auf dich wartet? Muß dir die verschleierte Frau noch viele Boten schicken, bis du dich aufmachst, zu ihr zu kommen?« Bei diesem geheimnisvollen Namen war dem Bergmann, als entzündete sich über seinem Kopf eine Lampe und durchdränge mit der Gewalt des Lichtes die Dumpfheit des finstern Gesteins rechts und links und oberhalb, ja auch seinen ganzen Leib und was unter ihm war, so daß er selber durchleuchtet inmitten durchschienener Gewölbe über durchfunkeltem Abgrund fest dastand. Und aus dem Innersten her durchsetzte ihn ein unnennbares völlig neues und doch überaus bestimmtes Gefühl seiner selbst, in dem alle die früheren ahnungsweisen Glücksgefühle enthalten waren, aber nur wie kleine Bläschen, die sich augenblicklich in der kristallenen flutenden leuchtenden Klarheit des Ganzen auflösten. Er sah die Gestalt des Fremden kleiner und undeutlicher vor sich, als stünde jener weit unten und jenseits bergestiefer Schluchten. Es drängte ihn, dem Fremden etwas zuzurufen. »Ich gehe, meine Herrin aufzusuchen«, diese Worte kamen aus seinem Mund, ihn selber überraschend, und verschwebten klanglos in einem so ungeheuren Raum, daß ihn schwindelte. In diesem Augenblick hörte er schwere schlurfende Schritte sich nähern und hörte sich beim Namen rufen: »Hyacinth«, und nochmals »Hyacinth«. »Siehst du ihn?« sagte eine andere Stimme. »Mir scheint, er schläft«, antwortete die andere, »Oder er redet mit einem Venediger.« Der Schein einer Grubenlampe schwankte heran und in dem finstern Gange standen vor Hyacinth zwei Bergleute, die im Nachbarstollen arbeiteten. Der Fremde war verschwunden. »Ist dir deine Lampe ausgegangen?« fragte der eine. Hyacinth gab keine Antwort. Schweigend raffte er sein Zeug zusammen und ging hinter den andern her bis an den Förderschacht und fuhr zutage. Seine Füße trugen ihn aus Gewohnheit den Weg nach Hause; er ging bald auf der rechten, bald auf der linken Seite der Straße und wußte kaum, wo er ging; er fühlte nur das tiefe Müssen, das ihn zu der verschleierten Frau hintrieb, deren fernes verborgenes Dasein ihn überwältigte, daß er sie stärker leben fühlte als sich selber. Jenseits der gewölbten Brücke tat er einen unsicheren Schritt und stieß mit dem Knöchel hart gegen einen Stein. Als er den Schmerz fühlte, dachte es in ihm: »Der da hingeht und mit dem Fuß an die Steine stößt, der bin ich ja gar nicht. Ich bin ja der, der hinüber gehört«, und da er in diesem Augenblick den Kopf emporwarf und über sich im letzten schon erkältenden Himmelslicht einen Sperber kreisen sah, dessen heftiges Schreien herniederdrang, so überkam es ihn einen Augenblick, daß er nicht wußte, ob er die Kreatur war, die drunten an der dunkelnden Bergwand vor sich schritt, oder die andere, die mit ausgebreiteten Flügeln droben hinglitt. Nun wußte er aber, daß dieses alles nur Vorausspiegelungen dessen waren, was ihn erwartete. Als er vor seinem Haus stand und den Lichtschein sah, der aus dem kleinen vergitterten Küchenfenster fiel, warf er über das alles einen sonderbaren Blick: es war ihm zumute, als hätte er das alles seit Jahren nicht gesehen und sähe es auch jetzt nicht wirklich, sondern als käme er nur in einem beklommenen Traum daran vorüber. Er trat an das erleuchtete Fenster, um hineinzusehen: da bemerkte er, daß wohl die Gitterstäbe auf die getünchte Mauer seitlich einen schwarzen scharfen Schatten warfen, sein Kopf aber nicht. Er hob die Hand zwischen das Licht und die Mauer, und auch die Hand warf keinen Schatten. Er trat ins Haus, hing seine Kappe an einen Nagel und öffnete die Küchentür. Seine Frau fuhr vor Schrecken, als er hereintrat, von dem niedrigen Holzschemel auf, und das Messer, mit dem sie geschält hatte, fiel klirrend zu Boden. »Du bist es, du, du!« brachte sie mühsam hervor, und ihr erschrockenes Gesicht lächelte gleich, und sie hing sich an ihn, indes die Kleine, den Kopf an der Mutter Knie gedrückt, angstvoll weinte. »Daß ich sitze und horche«, sagte die Frau, »und jede Maus höre, jeden Käfer draußen, und hör dich nicht, nicht gehen im Garten, nicht die Tür auftun, nicht in den Flur treten und nicht hereinkommen! Davon sind wir beide so erschrocken. Es war, wie wenn die leere Luft auf einmal eine menschliche Gestalt bekommen hätte, so warst du auf einmal da.« Sie gingen in die andere Stube, das Nachtmahl war schnell aufgetragen, und das Kind beruhigte sich bald bei seiner Milch. Jedesmal, wenn die Frau mit einer Schüssel oder einem reinen Löffel zum Tisch und in den Schein des Talglichtes trat, schien ihr junges argloses Gesicht dem Hyacinth verändert. Er hatte das Licht gleich so gestellt, daß auf ihn kein rechter Schein fiel. Das Kind saß ganz im Licht und wie sich die Frau zuletzt niederbeugte, um dem Kind den Mund abzuwischen, glaubte er eine zahnlose Greisin zu sehen, die mit ihren welken Wangen und eingefallenen Schläfen wie gierig nach lebendiger Wärme an dem weichen blonden leuchtenden Kinderkopf langsam hinstrich.

Er stand auf und sagte: »Ich bin recht müde und will mich gleich niederlegen.« Dabei nahm er das Licht in die Hand und hatte acht, sich schnell durch die Tür zu drücken. Die Frau entzündete noch einen Span, gab ihn dem Kind zu halten und räumte schnell den Tisch ab. Als Hyacinth die Tür hinter sich zugedrückt hatte, zuckte das Licht in seiner Hand, und wo es seinen unsteten blaßgelben Schein hinwarf, da schien dem Mann im Gehen sein ganzes Haus verändert, die Mauern alt und mit unheimlichen Rissen wie das Gemäuer eines alten Kirchhofs, die Dielen sogar seltsam und traurig verändert, die Klinken an den Türen verwahrlost und wie wenn seit vielen vielen Jahren keine Hand sie berührt hätte. Er zog sich aus und legte seine Kleider auf einen Stuhl neben dem Bett; das Licht hatte er auf ein Gesims an der Wand gestellt, und von dort beschien es die Kleider, und sie sahen traurig aus wie das Bündel Kleider des unbekannten Verstorbenen, das manchmal im Amt auf einem Tisch neben dem zugedeckten Leichnam ausgestellt ist. Indem kratzten die Frau und das Kind an der Tür; ihr Span war ihnen ausgegangen und sie fanden lange die Klinke nicht. Wie sie hereintraten, hatte Hyacinth Mühe, sich zu besinnen, wer diese Frau und dieses Kind denn wären und wie es käme, daß sie mit ihm in einer Kammer schliefen. Die da ihr Kind zu Bett legte und zudeckte, die in Strümpfen lautlos umherging und ihr Haar aufflocht, erschien ihm wie eine Tote, die in ihrem weißen Linnen aus dem Grab hervorgestiegen war, ein sonderbares wortloses Spiel zu treiben. Als sie ihr Gesicht ihm zukehrte, zu sehen, ob er schlafe, und dabei den Atem aus ihrem jungen Mund über die halboffenen Lippen blies, sah er unter ihrer Haut den beinernen lippenlosen Schädel und schlug unter innerem Stöhnen, das eine tiefe Erstarrung aber nicht zum Laut werden ließ, mit der Hand das Licht aus.

Nun stand die gewohnte liebe Gestalt im Dunkel; über dem weißen Hemd floß das dunkle Haar von den Schultern zur Brust; mit eingehaltenem Atem sah sie auf ihn hin, und da sie ihn eingeschlafen glaubte, so nickte sie mütterlich zufrieden. Dieses Nicken kam noch zu ihm, schon in die grundlose Tiefe eines auflösenden Schlafes versinkend hing sich sein Bewußtsein noch einen Augenblick daran wie an einen süßduftenden Zweig. Er fühlte sich noch lächeln, fühlte das andere Bett sich leicht bewegen und war eingeschlafen. Er erwachte und wußte, daß eine Stimme seinen Namen gerufen hatte; er richtete sich im Bette auf und wußte sogleich, daß nun der Anfang gekommen war. Er konnte aufstehen und das Bett ächzte nicht; er trat auf die Dielen, er kam in seine Kleider und es gab keinen Laut. Er hörte den ruhigen Atem der Frau, den schnellern des Kindes und draußen den nächtlich rauschenden Bach: da rief es nochmals. Er schwang sich durchs Fenster hinaus ins Freie und lief durch das tauige Unkraut hinab an die Straße. Die Straße lag leer da im Mond und stieg hinauf in den Wald und lief hinab ins dämmernde große Tal. Er stand nicht lange, da kam von droben her ein Lärm, halb Rauschen halb Dröhnen, anders als das Brausen der Wasserstürze und das Abrollen der Felsblöcke. Es kam näher, und sogleich brach es zwischen den nächtig riesenhaften Tannen mit schallendem Hufschlag, wildem Schnauben und schwerem Rollen hervor, dröhnte heran und war eine Kutsche, größer als die des Fürstbischofs von Brixen, und als sie vor Hyacinth ankam, riß der Kutscher, ein Großer mit finsterem rotfunkelndem Gesicht, die vier schweren schnaufenden Gäule zusammen, und der Wagenschlag sprang auf, nach der Seite, wo Hyacinth stand, und er hinein und fiel mit dem Rücken in die Polster, so rissen die vier den Wagen dröhnend weiter.

 
Aus den Notizen

Sein Zurückkommen: durch den Brunnen, in sein Schlafzimmer, mit verwandelten Augen, bei erster Hahnenkraht, vor Sonnenaufgang. Blumen in der Morgenluft sich wiegend. In der letzten Zeit hat er gefühlt, ganz nahe der verschleierten Königin zu sein, die in ihrem Leib das Leben trägt. Die Frühluft, trächtige Sterne.

 

Rückkunft: in einem Spiegel sieht er die im Bett liegende Frau, im ersten Sonnenstrahl, erkennt sie aber nicht. Auf ihrer Brust bewegt sich lebendiges Geschmeide.

»Ich wußte es«, sagte die Frau, »die Nelken flammten, und noch zwei Zeichen: die Große las es in den Sternen (sah den Schwan).« – In seinem Munde bildet sich das Wort »Du«.








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