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Das Mädchen vom Parkhotel

Renate Franken: Das Mädchen vom Parkhotel - Kapitel 1
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authorRenate Franken
titleDas Mädchen vom Parkhotel
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Renate Franken

Das Mädchen vom Parkhotel

*

Allein im Sturm der Leidenschaften

*

Die junge Dame, die lernend am Schreibtisch gesessen hatte, sprang erregt auf.

»Mein Himmel, Ursel, du? Ja, hast du denn mein Telegramm nicht bekommen?«

»Ich habe keine Ahnung von einem Telegramm.« Das junge Mädchen, das, den kleinen Koffer in der Hand haltend, in der geöffneten Tür stehengeblieben war, machte ein enttäuschtes Gesicht.

Sybille Kamphofer fuhr sich nervös durch das glänzend schwarze Haar.

»Ich hatte dir doch noch telegrafiert, daß du nicht kommen solltest. Es ist zu dumm, ich war vierzehn Tage mit Bekannten zum Skilaufen und fand deine Briefe erst bei meiner Rückkehr vor. Aber immerhin hättest du meine Antwort abwarten sollen.«

»Ich wartete ja Tag für Tag«, kam es bedrückt zurück, »wir wunderten uns auch, daß du nicht schriebst. Schließlich sagte Frau von Briesen, es hätte keinen Sinn, länger zu warten, ich sollte einfach fahren ...«

»Sie hatte wohl Angst um ihr Geld, die Gute, wie?«

Ursula schüttelte den Kopf.

»Das glaube ich nicht. Sie war sehr nett und verständnisvoll.«

»Dann hätte sie dich ja das eine Jahr bis zum Abitur behalten können, wenn sie so verständnisvoll gewesen wäre.«

»Aber Sybille, das ging doch wirklich nicht. Außerdem hätte ich mir auch nichts schenken lassen.«

»Den Stolz wirst du dir abgewöhnen müssen, mein Kind, die Zeiten sind vorbei. Du lieber Himmel, was fange ich nun mit dir an? Ich kann dich hier beim besten Willen nicht unterbringen – ich sitze ja selbst im Druck.«

Ihr klassisch schönes Gesicht mit den großen, samtdunklen Augen spiegelte deutlich ihren Mißmut wider.

Ursula machte ein bedrücktes Gesicht. Sie hatte zwar die Tür geschlossen und das Köfferchen auf den Fußböden gestellt, aber sie war noch keinen Schritt näher getreten. Sie kämpfte mit den Tränen, die Enttäuschung in ihre Augen trieb.

»Ich dachte, wir müßten jetzt erst recht zusammenhalten«, sagte sie leise.

Nun huschte doch ein schnelles Rot der Verlegenheit über das Gesicht der Älteren.

»Entschuldige, Kleine, ich habe dich nicht einmal richtig begrüßt. Aber der Schreck war zu groß, als du plötzlich in der Tür standest.«

Schnell versöhnt blickte Ursel die Schwester liebevoll an.

»Na ja, wenn du mich nicht erwartet hast und obendrein abtelegrafiertest – aber ich will dir auch bestimmt nicht zur Last fallen. Wenn du mir nur ein bißchen raten könntest – du hast doch schon mehr Lebenserfahrung als ich.« Sybille lachte hart auf. »Lebenserfahrung! Bisher habe ich doch auch nichts weiter getan als studiert und – von Onkels Geld gelebt. Daß der alte Narr noch heiraten mußte! Nicht einmal die Hochzeitsreise hat er lebend überstanden. Seine junge Witwe wird sich freuen, ihn so schnell wieder losgeworden zu sein. So schnell ist noch keiner zu Reichtum gekommen wie diese Frau. Wenn er wenigstens ein Testament hinterlassen hätte.«

»Es ist scheußlich«, stimmte Ursel aus tiefstem Herzen zu, »ein Jahr später hätte ich wenigstens das Abitur gehabt. Wie ich das jetzt noch schaffen soll?«

»Du bildest dir doch wohl nicht ein – daß dafür auch noch die leiseste Aussicht besteht«, fiel ihr Sybille schonungslos ins Wort.

»Ich habe noch fünfzehnhundert Mark. Onkel hatte zum Glück noch das Pensionsgeld für das nächste Vierteljahr überwiesen. Wenn ich noch Nachhilfestunden geben würde ...«

»Das schlag dir aus dem Kopf. Hier wimmelt es von Studenten, die Nachhilfestunden geben. Wirklich, Kleine, du hättest überall mehr Chancen gehabt als hier. Es war ausgemachter Blödsinn, zu mir zu kommen. Ich weiß doch selbst nicht, wo mir der Kopf steht.«

Ursel senkte den Kopf.

Bisher hatte sie sich tapfer in das Unvermeidliche gefügt. Mehr noch, sie war voller Hoffnungen und freudiger Erwartung hierhergekommen. Immer hatte, sie Sehnsucht nach ihrer um fünf Jahre älteren Schwester gehabt, die sie in den Jahren nach dem Tode der Eltern nur noch ganz selten gesehen hatte. Sie hatte geglaubt, Sybille würde ähnlich empfinden, hatte davon geträumt, daß sie nun beide mit vereinten Kräften gegen die Ungunst des Lebens ankämpfen würden.

Ein Würgen saß in ihrem Hals, das ihr die Kehle zusammenpreßte.

Sybille war inzwischen unruhig in dem geräumigen, hübsch ausgestatteten Zimmer auf und ab gegangen.

»Fünfzehnhundert Mark hast du noch?« sagte sie, vor der Jüngeren stehenbleibend. »Dann bist du ja noch ein Krösus. Bei mir ist fast Ebbe – ich bekam ja meinen Wechsel immer monatlich – hm, ich sitze, offen gestanden, völlig fest. Wann und ob das Stipendium, das ich beantragt habe, bewilligt wird, wissen die Götter.«

Auf ihrem ebenmäßigen Gesicht lag jetzt unruhige Sorge.

»Wenn wir zusammen wohnen würden, dann – dann könnten wir doch gemeinschaftliche Kasse machen«, schlug Ursel schüchtern vor. Sie hatte entdeckt, daß außer dem Bett, das in einem Alkoven stand, noch eine breite Couch im Zimmer stand.

»Ausgeschlossen, Kleine, so gern ich es täte«, wehrte Sybille ab, »aber es geht wirklich nicht. Ich brauche bei meiner Arbeit absolute Ruhe – ich könnte nichts mehr tun, wenn noch jemand mit mir im Zimmer wäre.«

»Ja dann ...« Es war wieder ein Kampf gegen Tränen, den Ursel ausfocht, aber sie hatte das Gefühl, als dürfe sie um keinen Preis weinen, als würde Sybille nicht das geringste Verständnis dafür haben.

Sybille Kamphofer sah die tiefe Mutlosigkeit, die sich in der Haltung der Schwester ausdrückte. Eine schnelle, mitleidige Regung stieg in ihr auf. »Nun, wir müssen sehen, wie wir dich unterbringen. Vorläufig hast du ja Geld, bist mir gegenüber in einer geradezu beneidenswerten Lage. Also laß den Kopf nicht hängen, Kleine, ich mache uns jetzt erst einmal einen Tee.«

Ursel nickte.

Still sah sie der Schwester zu, die mit unglaublich geschmeidigen Bewegungen im Zimmer hin und her ging, hantierte, den Tisch deckte. Alles, was sie tat, geschah mit vollendeter Eleganz. Bewunderung stieg in Ursel auf – schön hatte sie Sybille nicht in der Erinnerung gehabt. Das tief schwarze Haar, das sie in der Mitte gescheitelt und im Nacken zu einem Knoten geschlungen trug, verlieh der großen, eleganten Erscheinung ein äußerst vornehmes Aussehen. Der knappe weiße Pullover, den sie zu den langen, engen Hosen trug, brachte ihren geradezu vollkommenen Wuchs wunderbar zur Geltung. Sie machte den Eindruck einer schönen und sehr verwöhnten jungen Frau – trotz ihrer dreiundzwanzig Jahre hätte man sie kaum für ein junges Mädchen gehalten, so selbstsicher erschien sie.

Für sie wird es wahrscheinlich noch schlimmer als für mich, dachte Ursel beklommen, sie ist Armut nicht gewöhnt.

»Komm, Kleine.« Sybille machte eine auffordernde Geste. »Der Tee ist fertig. Leider kann ich dir nur ein paar Kekse anbieten. Ich habe noch gar nicht riskiert, einkaufen zu gehen.«

Ursel erschrak. Stand es so schlimm um Sybille, daß sie nicht einmal mehr wagte, sich die notwendigsten Lebensmittel zu kaufen?

Ihr Blick fiel auf die Vase mit dem prächtigen Rosenstrauß, die Sybille auf den Tisch stellte.

»Die Rosen sind ja herrlich – aber jetzt im Winter doch schrecklich teuer.«

»Sind sie, Ursel«, nickte Sybille mit überlegenem Lächeln und nicht ohne einen gewissen Stolz, »aber ich habe sie auch nicht selbst gekauft. Sie wurden mir heute von einem Verehrer geschickt.«

»Dann hat dieser Verehrer entschieden mehr Moneten als wir. Vielleicht naht sich dir da ein Retter aus aller Not?«

»Vielleicht«, lächelte Sybille vielsagend, »aber so etwas will reiflich überlegt sein.«

»Vor allem müßtest du ihn lieben können...«

»Ach, du lieber Himmel!« Sybille lachte hellauf und schaute die Schwester amüsiert an. »Solch eine romantische Schwester habe ich? Kleine, ich glaube, da bist du ganz aus der Art geschlagen...«

»Aber erlaube mal – weshalb soll ich aus der Art geschlagen sein? Ich kann mich noch ganz gut erinnern, daß unsere Eltern sich sehr lieb hatten.«

»Und haben es vor lauter Liebe zu nichts gebracht. Nee – Kleine, das wäre nichts für mich. Und du solltest dir unzeitgemäße Gefühle auch abgewöhnen, für arme Mädchen sind sie entschieden zu kostspielig.«

Es war, als wolle Ursel lebhaft protestieren, aber dann rührte sie doch schweigsam in ihrer Teetasse. Mit Sybille konnte man wohl über derlei Dinge nicht sprechen.

Kunstvolle Rauchkringel blasend, beobachtete Sybille die junge Schwester. Plötzlich hob sie lauschend den Kopf.

»Um alles – das hat gerade noch gefehlt«, stieß sie seufzend hervor. »Müssen die ausgerechnet jetzt kommen? Kleine – hörst du da unten das Hupkonzert? Ich bekomme Besuch. Schnell – mach dich im Badezimmer ein wenig zurecht, so kann man dich nicht gut präsentieren.«

Verwirrt stand Ursel auf. Ehe sie recht begriffen hatte, wurde sie von Sybille in ein kleines, an ihr Zimmer angrenzendes Badezimmer geschoben. Sie stand vor dem Spiegel und strich sich mit einer verlorenen Geste über das Haar. Sah sie eigentlich wirklich unordentlich aus? Sie musterte sich kritisch.

Hm, so schön wie Sybille war sie freilich nicht – sie waren einander überhaupt nicht ähnlich. Ursel schien nicht zu wissen, daß ihr Haar von einem satten, goldigen Blond mindestens genauso schön war wie das der Schwester. Und das schmale, weich gerundete Gesicht mit den ernsthaft und noch sehr kindlich blickenden graugrünen Augen, die von langen, dichten schwarzen Wimpern umsäumt waren, war überraschend schön. Ein weichgeschwungener Mund mit blitzend weißen Zähnen, dazu eine zwar nicht klassische, aber doch sehr lieb wirkende feine Stupsnase. Aber gerade diese Nase störte Ursel jetzt – sie seufzte ein wenig und fand sich damit ab, daß Sybille viel schöner war als sie.

Im Zimmer wurde lebhaftes Stimmengewirr laut. Ursel raffte sich auf und begann, ihr Äußeres aufzufrischen. Staunend betrachtete sie die zahlreichen Cremes und Schönheitsmittel, die auf der Glasplatte aufgebaut waren. Hatte Sybille das alles nötig? Das Zeug mußte ja unheimlich viel Geld kosten.

»Fertig, Kleine?« Sybille streckte den Kopf durch den Türspalt. »Dann komm.«

»Meine kleine Schwester«, stellte sie Ursel dann den Besuchern vor. »Frisch aus dem Internat importiert.«

Ursel hörte Namen nennen, erwiderte Händedrücke, sah in lachende junge Gesichter. Drei Studenten, eine junge Dame.

»Und diese Schwester hast du uns so lange unterschlagen, Billa?« sagte Uwe Seeger vorwurfsvoll und lachte Ursel mit sichtlicher Bewunderung an.

»Für das Kind ist es noch viel zu früh, unter euch Wilde zu geraten«, gab Sybille heiter zurück. »Schau, sie ist ganz ängstlich geworden.«

Tatsächlich war Ursel einen Augenblick befangen; bei den Worten der Schwester riß sie sich aber zusammen. Nein, man sollte sie hier nicht für ein kleines Pensionsmädel halten, auch wenn sie heute zum erstenmal in solch eine lustige Runde geriet.

Munter und schlagfertig beteiligte sie sich an dem Gespräch, vergaß, was sie bedrückte. Ihre sonnige Heiterkeit, ein Grundzug ihres Wesens, kam zum Durchbruch.

Sybille sah es mit Staunen. Eine feine Falte erschien zwischen ihren Augenbrauen. Die Kleine machte sich ja hier zum Mittelpunkt.

Und da sagte schon Helga Bode halblaut:

»Das ist ja ein süßes Ding, deine Schwester. Goldene Siebzehn, wie?«

»Nein, achtzehn.«

»Bleibt sie länger bei dir?«

»Das steht noch nicht fest. Mal sehen«, gab Sybille ausweichend zurück. – »Nein«, wehrte sie dann entschieden den Gästen, »Tee gibt es heute nicht, ich muß euch enttäuschen. Ursel hat noch keine Bleibe für die Nacht, ich muß sie schleunigst irgendwo unterbringen. Ihr könntet uns mit in die Stadt fahren...«

»Aber du hast doch Platz, Billa – wozu in die Ferne schweifen?« rief Klaus Hartung verwundert.

»Klar, wozu ein Hotel, wenn du solch eine schöne Couch hast?«

»Weil ich auch einmal arbeiten muß. Glaubt ihr, das wäre möglich, wenn dieser Irrwisch bei mir ist?« Sie deutete lächelnd auf die Schwester, die sich lebhaft mit Seeger unterhielt und gar nicht auf die anderen achtete.

Schmunzeln.

»Na also«, sagte Sybille zufrieden, »dann wären wir uns ja einig.«

Ursel wunderte sich über den eleganten weißen Mercedes, der vor der Tür stand. Daß ein Student solchen Luxuswagen fahren konnte, hätte sie nicht erwartet.

»Und dieses winzige Köfferchen ist Ihr ganzes Gepäck?« erkundigte sich Seeger, ehe er sich ans Steuer setzte.

»Das große Gepäck ist noch auf dem Bahnhof.«

»Also bleiben Sie länger?«

»Uwe, frage nicht wie ein Großinquisitor«, mischte sich Sybille hastig ein, »sondern fahre. Ich will es zuerst bei Herder versuchen.«

Nach einer turbulenten Verabschiedung standen sich die beiden Schwestern wenig später in einem kleinen, bescheidenen Zimmer der Fremdenpension gegenüber.

»So, Kleine, hier bist du gut aufgehoben. Und billig«, sagte Sybille befriedigt.

»Es wird auf die Dauer noch zu teuer sein«, sagte Ursel beklommen, »ich muß mich schnellstens um ein möbliertes Zimmer bemühen.«

»Du heilige Einfalt – ein möbliertes Zimmer.« Die Ältere warf einen anklagenden Blick nach oben. »Hast du eine Ahnung. Die Studenten haben hier fast jede Badewanne besetzt. Drum wollte ich ja nicht, daß du kommst.«

»Ach so ist das«, erwiderte Ursel bedrückt. Einer schnellen Regung folgend, fragte sie fast schüchtern:

»Du, Sybille – wenn du so knapp mit Geld bist, soll ich dir etwas geben?« Auf Sybilles Gesicht lag jetzt zum erstenmal ein Ausdruck, den man als liebevoll hätte bezeichnen können.

»Bist ein gutes Kerlchen, Kleine«, murmelte sie und schien tatsächlich etwas verlegen zu sein.

»Quatsch, wir sind doch Schwestern«, erwiderte Ursel burschikos und kramte in ihrem Handtäschchen. Reichte der Älteren ohne sorgsames Abzählen ein paar Hundertmarkscheine.

Einen Augenblick schaute Sybille zögernd auf das Geld, dann hob sie in schnellem Entschluß den Kopf.

»Bekommst es später wieder, Ursel, vielen Dank. Aber jetzt muß ich dich leider verlassen. Ich muß noch einige Besorgungen machen, und für heute abend habe ich eine Einladung, die ich nicht absagen kann. Und morgen ...«, sie dachte kurz nach, »vormittags Kolleg, nachmittags Seminar – komm gegen fünf Uhr zu mir, dann bin ich daheim.«

Schnelle, flüchtige Verabschiedung, ein leichter Schlag auf die Schulter – dann war Ursula allein.

Sie stand in dem kleinen, nüchternen Zimmer und starrte reglos auf den grauen Haargarnteppich. Nie zuvor war sie sich in ihrem Leben so verlassen vorgekommen, wie in diesem Augenblick. Nie zuvor hatte sie eine so brennende Sehnsucht empfunden nach einem Menschen, der zu ihr gehörte, der sie liebte. Und es war doch ihre Schwester, die da eben gegangen war. An die sie so oft voller Sehnsucht gedacht hatte.

*

Als Ursel am anderen Morgen erwachte, wunderte sie sich selbst, daß sie so gut geschlafen hatte. Dabei hieß es doch, daß Sorgen schlaflose Nächte bereiten.

Im hellen Licht der Februarsonne erschien Ursel die Welt erfreulicher als gestern. Neue Kräfte erwachten, frische Tatkraft beseelte sie.

Bloß nicht weich werden, dachte sie in einem Anflug von Trotz. Und sie dachte dasselbe, als sie eine Stunde später durch die Straßen der fremden Stadt ging, die für ihre Begriffe – das Internat hatte in ländlicher Abgeschiedenheit gelegen – unheimlich groß war.

Nur nicht weich werden, machte sie sich wieder Mut, als sie sich endlich bis zum Arbeitsamt durchgefragt hatte und vor dem großen, nüchternen Gebäude stand.

Es war ein mutiger junger Mensch, dem die innere Sauberkeit, der Wille, sich selbst zu behaupten, auf dem Gesicht geschrieben standen, als Ursel der Sachbearbeitern ihr Anliegen vortrug.

»So schnell wie möglich – ich würde auch Fabrikarbeit machen«, schloß Ursel ihren Bericht.

»Jede ehrliche Arbeit ist wert getan zu werden«, erwiderte die ältere Dame lächelnd, »aber für Sie habe ich vielleicht noch etwas anderes.«

Ursel dankte mit einem strahlenden, erwartungsvollen Kinderlächeln. Die Welt war doch gut.

Ja, die Welt war gut, die ließ ein armes Mädchen nicht untergehen, dachte Ursel mittags, als sie das Parkhotel verließ. Die freundliche Dame vom Arbeitsamt hatte sie dorthin geschickt, ein sehr höflicher älterer Herr war bereit, sie, die Ursel Kamphofer, die noch gar nichts vom richtigen Leben, geschweige denn von einem Beruf wußte, anzustellen. Anfangs war er freilich etwas skeptisch gewesen, hatte unheimlich viel gefragt, auf ihre Schulzeugnisse auf dem Internat geschaut – und dann wurde er immer freundlicher.

Ursel hatte das Gefühl, als müsse sie über den weiten, von großen, jetzt kahlen Bäumen bestandenen und von Verkehr umbrausten Platz vor dem Hotel tanzen. Wirklich, die Welt war gut.

Sie stellte sich mitten auf den Platz und musterte respektvoll den Riesenbau – das war also ihre künftige Arbeitsstätte. Und ihr Heim, das nicht zu vergessen. Es war ja ein unvorstellbares Glück, daß sie im Hause untergebracht werden konnte. Mehr Glück als Verstand, dachte Ursel übermütig, die Badewanne wird mir erspart bleiben – ich werde ein richtiges Bett haben. Und meine Zimmerkollegin wird auch kein Unmensch sein.

Sie war sehr zufrieden mit sich, die junge, tapfere Ursel, als sie nach dem Essen in ihr Pensionszimmer zurückkehrte. Ja, man mußte nur etwas ernstlich wollen und keine Angst haben, dann ging alles ganz leicht.

Noch an die regelmäßige Mittagsruhe im Internat gewöhnt, wollte sie sich auskleiden und ins Bett legen. Da klopfte es an ihre Tür.

»Fräulein Kamphofer, im Frühstückszimmer wartet Besuch auf Sie.«

»Wie?« Ursel schaute nicht sehr geistreich drein. Das war doch bestimmt ein Irrtum.

»Zwei junge Herren, sie waren schon am Vormittag einmal da«, berichtete das Zimmermädchen noch und verschwand.

Kopfschüttelnd folgte ihr Ursel, nachdem sie noch schnell ihr Haar übergebürstet hatte.

Und dann wurden ihre Augen ganz groß, als sie die Besucher sah, die ihr lachend entgegenschauten. Sybilles Studienfreunde!

»Gelt, da staunen Sie«, lachte Uwe Seeger, »aber wir hörten von Billa, daß sie heute keine Zeit für Sie hat. Wir wollten Ihnen unser Städtchen zeigen, eine kleine Rundfahrt machen, und Hartung meinte, Sie müßten unbedingt unter seiner fachkundigen Leitung unser Münster besichtigen. Oder waren Sie etwa schon dort?«

»Nein, dazu hatte ich noch keine Zeit.«

»Wie, keine Zeit?« rief Klaus Hartung verblüfft. »Sind Sie etwa auch so betriebsam wie Ihre Schwester?«

»Ich kenne die Betriebsamkeit meiner Schwester nicht genügend, um mir ein Urteil zu bilden, aber zu tun hatte ich bisher immer.«

»Aber jetzt doch nicht?«

»Nein, im Augenblick habe ich nichts vor. Ich bin erst um fünf Uhr mit Sybille verabredet.«

»Na also, dann werden Sie uns ja keinen Korb geben«, meinte Seeger hoffnungsvoll.

»Nein – dazu ist Ihr Vorschlag zu verlockend«, gab Ursel fröhlich zurück. »Das berühmte Münster möchte ich sehr gern sehen. Wenn Sie einen Augenblick Geduld haben, ich mache mich schnell fertig, denn allzuviel Zeit bleibt uns ja nicht.«

Sie eilte hinaus.

Die beiden Studenten blickten einander lachend an.

»Ein süßer Kerl«, sagte Uwe Seeger.

»Aber so gut wie gar keine Ähnlichkeit mit ihrer Schwester. Viel warmherziger, natürlicher. Bei der schönen Sybille friert man immer ein bißchen, nicht?«

»Stimmt – aber man kann sich mit ihr großartig unterhalten, sie ist ungewöhnlich klug.«

»Ach geh, Uwe, ein bißchen Herz ist mir bei einer Frau lieber als der sprühendste Geist.«

»Eine weise Ansicht, der ich mich anschließen kann«, lachte Seeger übermütig.

Ursel kam zurück. Sie trug ein dunkelgrünes Winterkostüm mit einem kleinen braunen Nerzkragen. Mit ihren erwartungsvoll strahlenden Augen sah sie bildhübsch aus.

»Es kann losgehen, meine Herren«, rief sie vergnügt.

Es wurde eine lustige Fahrt durch die alten, winkeligen Gassen der Stadt, die Ursel in vollen Zügen genoß.

»Sagen Sie, Herr Seeger, ist das hier so üblich, daß Studenten solch einen tollen Wagen fahren?« fragte sie schelmisch.

»Ja«, ulkte Seeger, »man ist hier sehr großzügig mit Stipendien...«

»Glauben Sie ihm kein Wort«, lachte Hartung. »Seeger war nur sehr vorsichtig bei der Wahl seiner Eltern. Der alte Papa Seeger ist großzügig.«

»Ich höre immer großzügig«, brummte Seeger. »Dabei hält er mich verdammt kurz.«

»Das kommt auf den Grad der Verwöhnung an. Die meisten von uns haben weniger zum Leben, als du Taschengeld hast.«

Seeger parkte den Wagen. Sie waren auf dem Münsterplatz angelangt.

Ursel, die den Neckereien der Freunde gelauscht hatte, hatte jetzt nur noch Interesse für den wundervollen Bau. Die Sonne ließ den roten Sandstein in warmem Schimmer leuchten, in vollendeter Schönheit zeichneten sich die Konturen der Kirche vom hellen Himmel ab.

Langsam und voller Andacht umschritt sie, gefolgt von den Herren, das gewaltige Münster, dann und wann tief aufatmend. Hin und wieder machte sie eine kurze Bemerkung.

Ein paarmal blickten die beiden Studenten einander verblüfft an. Dann, als Ursel einmal weiter zurücktrat, um besser in die Höhe blicken zu können, raunte Hartung dem Freund zu:

»Du, die Kleine hat mindestens ein so gescheites Köpfchen wie ihre Schwester.«

»Es scheint so«, gab Seeger ebenso leise zurück.

Aber hineingehen in die Kirche wollte Ursel heute nicht.

»Nein«, sagte sie, »soviel Schönheit muß man langsam genießen.«

Und wieder ein schneller Blickwechsel zwischen den beiden Studenten. Es war, als wollten sie einander sagen – diese Ursel ist ja ein ganz feiner Kerl.

Wenig später saßen sie in einem eleganten Kaffee. Sie unterhielten sich lebhaft über das Münster, auf das besonders Uwe Seeger als Einheimischer sehr stolz war.

»Sie haben ein überraschendes Kunstverständnis«, meinte Hartung bewundernd.

»Ach«, erwiderte Ursel mit einer kleinen, leichten Handbewegung und ernsten Augen, »ich habe mich immer gern mit künstlerischen Dingen beschäftigt. Ich wollte eigentlich Kunstgewerblerin werden.«

»Nur eigentlich? Warum wollen Sie es jetzt nicht mehr?« erkundigte sich Seeger.

Ursel blickte ihn ernsthaft an, von dem sie erst vor kurzem gehört hatte, daß er der verwöhnte Sohn reicher Eltern war. Nein, wozu ihm sagen, was er doch kaum verstand?

»Hm«, meinte sie, sich zu einem leichten Lächeln zwingend, »tun Sie immer alles, was Sie sich vornehmen?«

Die beiden Herren lachten. Blickten einander verständnisvoll an.

»Stimmt«, schmunzelte Hartung vergnügt, »sonst säßen wir jetzt nicht hier, sondern arbeiteten schön brav im Seminar.«

»Also die reinsten Schulschwänzer«, lachte Ursel, schaute auf die Uhr und sagte erschrocken: »Wo ist nur die Zeit geblieben? Ich sollte ja schon bei Sybille sein.«

»Wir fahren Sie hin«, beruhigte Seeger. »Dann sind Sie genau mit dem akademischen Viertel da.«

Während der kurzen Fahrt erkundigte er sich, wann man sich am nächsten Tag treffen könnte.

»Wie, wollen Sie schon wieder bummeln?« fragte Ursel verdutzt.

»Er kann es sich leisten, er hat einen guten Präzeptor, der ihm alles einpaukt, was er für die Examina braucht. Ich muß morgen etwas tun, leider«, seufzte Hartung, »aber am Abend stehe ich zur Verfügung.«

»Nun gut, rufen Sie doch morgen mittag einmal bei mir an. Ich weiß ja noch nicht, was Sybille vorhat.«

Morgen, dachte sie, während sie eilig durch den kleinen Vorgarten ins Haus schritt, morgen ist mein letzter freier Tag.

»Du kommst spät, Kleine«, sagte Sybille, »was hast du bloß den ganzen Tag getrieben?«

Fröhlich begann sie zu berichten, zunächst von ihrem Zusammensein mit den Studenten.

Sybille blickte überrascht auf, ihr Gesicht verriet lebhaftes Interesse.

»Schau an, der Uwe und der Hartung«, sagte sie langsam, als Ursel geendet hatte, und musterte die Jüngere mit kritisch abschätzendem Blick. »Nicht zu glauben, die Jungen haben Feuer gefangen. Nicht übel, Ursel, du scheinst nicht ganz ungeschickt zu sein. Aber ein Rat – halte dir den Uwe warm, er ist ein schwerreicher Junge und steht vor dem Examen, ist also schon ein durchaus ernst zu nehmender Heiratskandidat. Um Hartung kümmere dich nicht, er ist ein armer Schlucker und ...«

»Sybille!« Entrüstet fuhr Ursel auf. »Was redest du – entschuldige, aber das ist doch wirklich Unsinn. An so etwas denkt doch kein Mensch! Weder die Jungen, noch...«

»Die Jungen sind beide sechsundzwanzig Jahre alt, also Männer, wenn du das einmal bedenken möchtest«, fiel ihr Sybille gelassen ins Wort.

»Und wenn! Aber ich denke noch nicht an solchen Blödsinn«, ereiferte sich Ursel mit sprühenden Augen.

»Du solltest aber daran denken«, gab die Schwester ruhig zurück, »ein armes Mädchen muß jede Chance, die sich bietet, sehen und wahrnehmen. Du kannst dir nämlich etwas darauf einbilden, daß Seeger dich heute eingeladen hat; er ist nämlich in bezug auf Mädchen äußerst wählerisch. Du tust auch klug daran, wenn du ihn möglichst kurz hältst, er ist maßlos verwöhnt.«

»Hör auf! Bitte, höre auf, Sybille, ich kann so etwas nicht hören«, sagte Ursel erregt, »Laß uns nicht mehr davon sprechen. Ich muß dir ja auch noch erzählen, was ich sonst noch getrieben habe.«

»Also bitte.« Sybille lehnte sich etwas gelangweilt in den Sessel zurück. Ursel würde nicht viel Aufregendes zu berichten haben.

Sie fuhr aber wie von der Tarantel gestochen hoch, als sie hörte, wie erfolgreich Ursel sich um eine Stellung bemüht hatte.

»Ja, bist du denn ganz und gar wahnsinnig geworden? Ohne mich zu fragen, suchst du hier nach Arbeit, nimmst eine ganz unmögliche Stellung als Büromädchen an? Bist du denn komplett verrückt? Meine Schwester – Büromädchen im Parkhotel! Ausgerechnet im Parkhotel!«

Das schöne Gesicht war entstellt von Hochmut und Geringschätzung.

Ursel sah es mit großen, erschrockenen Augen. Es war, als sei ein eisiger Reif auf all ihre Freude gefallen.

»Ich verstehe dich nicht«, begann sie zaghaft und dann, all ihren Mut zusammenraffend, fuhr sie mit fester Stimme fort: »Ich begreife dich wirklich nicht. Es war doch selbstverständlich, daß ich mich um eine Stellung bemühe, oder soll ich verhungern?«

Sybille antwortete nicht, sie blickte finster vor sich hin, die weißen Zähne gruben sich mißmutig in die roten Lippen.

»Selbstverständlich mußt du dir dein Brot verdienen, aber doch nicht ausgerechnet hier. Oh, ich habe ja gewußt, weshalb ich dich nicht hier haben wollte! Aber du mußt das rückgängig machen, hörst du. Du wirst nicht im Parkhotel arbeiten, das dulde ich nicht. Ich gehe da als Gast ein und aus, und du bist dort in untergeordneter Stellung.«

»Du gehst im Parkhotel ein und aus?« fragte Ursel benommen.

»Selbstverständlich«, gab Sybille voller Hochmut zurück, »ich verkehre hier in der Stadt in den exklusivsten Kreisen, eine Auszeichnung, die sonst kaum einer ortsfremden Studentin hier zuteil wird. Und deshalb mag ich meine Kreise durch dich nicht stören lassen. Es ist am besten, du sagst noch heute ab und – ja, ich würde dir vorschlagen: gehe nach München. München ist eine wundervolle Stadt, du wirst dort genauso schnell ein Unterkommen finden wie hier. Vorläufig hast du ja noch Geld.«

»Nein!« fuhr Ursel heftig auf, empört von der krassen Selbstsucht der Schwester. »Ich werde nicht absagen, und ich werde auch nicht nach München gehen. Ich bleibe! Aber ich werde trotzdem deine Kreise nicht stören, denn ich werde nicht mehr zu dir kommen. Niemand braucht hier zu wissen, daß wir Schwestern sind.«

Das schöne Gesicht Sybilles spiegelte grenzenlose Verblüffung wider.

»Du hast Temperament, Kleine«, sagte sie dann kühl, »und Zähigkeit, das ist nicht übel. Und wie du dich so kaltschnäuzig von mir lossagst...«

In Ursels Augen lag bei diesen Worten ein Ausdruck tiefster Qual.

»Sybille«, begann sie mit kleiner, heiserer Stimme, »es wäre nicht meine Schuld, wenn ich mich von dir löse. Ich hatte gehofft, daß wir gerade jetzt ganz fest zusammenhalten würden, ich war trotz allem so glücklich, als ich zu dir kam. Aber wenn du glaubst, dich meiner schämen zu müssen, nur weil ich mir auf ehrliche Weise mein Brot verdienen will, dann – ja dann ...« Die Stimme versagte. Tränen glänzten in den jungen Augen, Tränen, die mühsam zurückgedrängt wurden.

Sybille musterte die Jüngere mit einem langen Blick. Beschämung überfiel sie.

»Kleine«, murmelte sie unsicher und griff nach Ursels Hand, »nimm es nicht so tragisch, was ich sagte, es war nicht so schlimm gemeint.«

»Billa«, kam es leise zurück, und doch klang schon der Wunsch nach Versöhnung durch, »ich kenne mich nicht mehr aus in dir.«

Die Ältere machte ein nachdenkliches Gesicht. Es war, als wolle sie etwas sagen, dann aber preßte sie die Lippen fest zusammen. Nein, es war nicht nötig, schon jetzt davon zu sprechen, daß sie hoffen konnte, die Frau eines der reichsten und angesehensten Männer der Stadt zu werden.

»Ursel«, sagte sie schließlich, »du mußt verstehen, daß ich nicht entzückt war, als ich von deiner Eigenmächtigkeit erfuhr. Du hättest dich ja erst mit mir besprechen können. Es ist mir wirklich unangenehm, wenn unsere Armut durch dich hier offenbar wird. Willst du dir wirklich meinen Vorschlag mit München nicht überlegen?«

Sybille hatte beinahe sanft und bittend gesprochen. Trotzdem machten ihre Worte keinen Eindruck. Ursel hatte eine zu schwere Kränkung hinnehmen müssen und bittere Lieblosigkeit erfahren.

Außerdem war ihr nichts sosehr verhaßt wie Hochmut.

»Nein«, erwiderte Ursel mit großer Festigkeit, »ich werde nicht nach München gehen. Hier habe ich schon ein Stück Boden unter den Füßen gewonnen, ich bin viel zu glücklich darüber, als daß ich mich in ein Abenteuer stürzen werde. Hier kann ich ab übermorgen Geld verdienen, und das Geld, das ich noch habe, als Notgroschen zurücklegen, das mußt auch du verstehen, Sybille.«

Die Ältere blickte sinnend vor sich hin. Ihr verdüstertes Gesicht erhellte sich mehr und mehr.

»Ja«, sagte sie schließlich mit unerwarteter Freundlichkeit, »du hast recht, Kleine, das ist ein Gesichtspunkt, den ich anerkennen muß. Aber nun sei auch wirklich sparsam – am besten ist es, du gibst dein Geld auf die Sparkasse, damit es dir nicht gestohlen werden kann. Wieviel wirst du denn im Parkhotel verdienen?«

Ursel sah nicht den gespannten Blick der Schwester.

»Ach«, antwortete sie mit einem kleinen, erleichterten Seufzer und einem noch etwas blassen Lächeln, »ich weiß nicht, ob es sehr viel ist, aber ich komme mir wie ein Krösus vor. Nach Abzug von Unterkunft, Verpflegung und all dem Kram bekomme ich etwa einhundertfünfzig Mark, sagte der Personalchef. Ich bin doch blutige Anfängerin.«

»Es ist nicht viel, aber du brauchst ja auch nichts außer Taschengeld. Onkel Eduard war in bezug auf unsere Garderobe zum Glück nicht knauserig, du wirst in nächster Zeit bestimmt nichts anschaffen müssen. Ja...«

Sybille machte eine kleine Pause, schaute die Schwester forschend an und fuhr dann niedergeschlagen fort:

»Mir gegenüber hast du es jetzt eigentlich gut, du mußt dich nicht mit Sorgen herumquälen. Aber ich – ich habe ja keine Ahnung, wie ich durch die drei letzten Semester kommen soll. Du hast keine Ahnung, wie mir zumute ist...« Ein banger Seufzer folgte.

Für die warmherzige Ursel gab es kein langes Überlegen. Sybille war ihre Schwester und war in Not. Ja, sie sah ganz traurig aus, die arme Schwester, sicher war sie auch deshalb vorhin so gräßlich gewesen.

»Wenn ich dir mit meinem Geld helfen kann, Billa? Ich tue es gern, ich brauche es doch jetzt nicht.«

»Wenn du das tun wolltest, mir wäre ein Stein vom Herzen, Kleine.« In Sybilles Augen lag ein zufriedenes frohes Leuchten. In einer Aufwallung von Zärtlichkeit legte sie den Arm um Ursels Schulter. »Wirklich, ich wäre sehr froh. Ach – nun kann ich doch mein Zimmer behalten.« Ihre Augen schweiften wohlgefällig durch den komfortabel ausgestatteten Raum.

»Ist das Zimmer nicht sehr teuer?« erkundigte sich Ursel vorsichtig.

Spürte die Ältere die leise Mahnung zur Sparsamkeit? Sie antwortete rasch:

»Nun ja, billig ist es nicht, weil ja auch das Bad dabei ist. Aber ich habe mich schon vergeblich bemüht, mit einem billigen Zimmer zu tauschen. Es ist so gut wie hoffnungslos.«

Das leuchtete Ursel ein, die meisten Studenten konnten sich solch ein Zimmer sicher nicht leisten.

»Ich werde mich sonst sehr einschränken, Kleine«, ließ sich Sybille wieder vernehmen, und es war ihr ernst damit. Wenn es ihr nur gelang, nach draußen den Schein aufrechtzuerhalten, alles andere war ja so unwichtig.

Sybille zeigte sich jetzt von ihrer nettesten Seite, und Ursel dachte beglückt: es waren die Sorgen, die sie so unfreundlich sein ließen. Wie gut, daß ich ihr helfen konnte.

Erst als sie ging, hatte sie Mühe, ihren Unwillen zu unterdrücken. Sybille meinte nämlich:

»Du wirst ja doch gelegentlich mit meinen Bekannten zusammentreffen, zumal du nun schon einige kennst. Wenn man dich fragen sollte, was du tust, sagst du einfach, du bildest dich im Hotelfach aus, dich lockte es später in große Auslandshotels zu gehen und in der Welt herumzukommen. Das klingt dann ganz annehmbar und sieht nicht so armselig aus.«

»Hältst du das wirklich für nötig?« fragte Ursel ernst.

Sybille wich dem Blick der klaren, ehrlichen Augen aus.

»Ja, Ursel, es ist notwendig und auch klug. Du wirst das auch noch begreifen, die Welt will belogen sein.«

»Ich bin zwar nicht dafür, aber wenn ich dir damit einen Gefallen tun kann«, erwiderte Ursel ruhig und unterdrückte die ablehnende Antwort, die ihr auf der Zunge lag.

Auf dem Heimweg dachte sie viel über die ältere Schwester nach.

*

»Man wünscht Sie zu sprechen, Fräulein Kamphofer.«

Kopfschüttelnd, mit höchster Mißbilligung, reichte das bejahrte Fräulein Lang Ursel, die ihr am Schreibtisch gegenübersaß, den Hörer.

In peinlicher Verwirrung griff Ursel danach; dann, als sie hörte, wer sie zu sprechen wünschte, wurde sie dunkelrot. Ein hilfloser Blick streifte das Fräulein Lang, ihre unmittelbare Vorgesetzte.

Nur ihren Namen hatte sie genannt, jetzt wagte sie kein Wort mehr zu sagen.

»Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?« fragte eine lachende Männerstimme. »Oder sind Sie nicht mehr da?«

»Doch«, antwortete sie kurz.

»Fanden Sie das eigentlich nett, so sang- und klanglos zu verschwinden, ohne zu sagen, wo man Sie finden kann?«

»Bitte, ich bin im Dienst – ich habe jetzt gar keine Zeit«, raffte sich Ursel auf, bemüht, das ihr so peinliche Gespräch abzukürzen. Scheinbar machte das jedoch wenig Eindruck.

»Man wird Ihnen ja nicht gleich den Kopf abreißen, wenn Sie einmal angerufen werden. Aber ich war überrascht über Ihren Unternehmungsgeist. Ich seihe Sie schon als Hoteldirektorin sämtliche Erdteile unsicher machen.«

»Bitte, ich kann wirklich nicht länger sprechen«, unterbrach Ursel Uwe Seeger. »Ich muß jetzt auflegen.«

»Moment – nicht gleich so hitzig, Fräulein Kamphofer. Sagen Sie mir noch schnell, wann Sie frei haben. Ich hole Sie dann ab.«

»Aber...«

»Kein Aber. Also wann kann ich kommen?« wurde sie energisch unterbrochen.

Wieder ein hilfloser Blick zu Fräulein Lang, die stark beschäftigt tat, dann gab Ursel nach.

»Um acht Uhr.«

»Gut. Heute abend, acht Uhr, am Brunnen vor dem Parkhotel.«

Was noch gesagt wurde, hörte Ursel nicht mehr, so schnell hatte sie aufgelegt.

Fräulein Lang hob den Kopf.

»Fräulein Kamphofer, darauf möchte ich Sie gleich aufmerksam machen – es ist nicht erwünscht, daß unsere Angestellten während der Dienststunden Privatgespräche führen.«

Ursel wurde erneut glühend rot.

»Bitte, entschuldigen Sie, Fräulein Lang, ich hatte keine Ahnung, daß ich angerufen werden könnte, sonst hätte ich das verhindert. Es war mir sehr peinlich.«

»Schon gut, dann werden Sie ja dafür sorgen, daß sich die Anrufe nicht wiederholen. Wie weit sind Sie mit den Rechnungen?«

Ursel warf einen prüfenden Blick auf ihre Arbeit.

»Noch acht Rechnungen, dann bin ich fertig.«

Fräulein Lang nickte zufrieden. Die Neue zeigte sich für eine Anfängerin sehr gewandt und anstellig. Sie begriff sofort, worauf es ankam und war scheinbar gewissenhaft, das war wichtig.

Das Telefon unterbrach den Gedankengang der Empfangsdame. Mit wohlausgewogener Liebenswürdigkeit nahm sie eine Zimmerbestellung entgegen.

»Für die nächsten drei Tage sind wir durch den Kongreß voll besetzt, Fräulein Kamphofer, falls Anfragen kommen – erst ab Donnerstag sind wieder Zimmer frei.«

Bevor Ursel antworten konnte, betrat ein Herr das Empfangsbüro.

»Fräulein Lang, was machen Sie für Geschichten? Ich höre eben beim Portier, daß mein Zimmer besetzt ist.«

Mit heiterem Vorwurf schaute der Herr die Empfangsdame an, die erschrocken aufsprang und ihm zur Begrüßung die Hand reichte.

»Aber, Herr Professor, es ist mir völlig unbegreiflich. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, daß Sie heute kommen wollten, sonst...«

»Weiß ich doch, Fräulein Lang, sonst hätten Sie bestimmt keinen anderen Gast in meinem Stammzimmer untergebracht«, fiel ihr der Professor begütigend ins Wort und lachte dem alten Fräulein verschmitzt zu. »Wahrscheinlich hat meine Sekretärin vergessen, mich anzumelden.«

»Das wäre aber das erste Mal«, meinte Fräulein Lang, kopfschüttelnd. Dann wandte sie sich schnell um und fragte:

»Fräulein Kamphofer, haben Sie etwa eine Anmeldung für Herrn Professor Weißenborn entgegengenommen?«

Jetzt war Ursel erschrocken. Hastig erhob sie sich;

»Am Sonnabend wurde ein Zimmer für den Herrn Professor bestellt – ich trug es sofort in die Voranmeldungsliste ein.« Sie griff nach der Liste und blätterte darin. »Ja, ich habe Zimmer dreihundertvier vorgemerkt...«

»Ach, Sie Unglückskind, hätten Sie doch nur ein Wort gesagt, der Herr Professor hat immer Zweihundertzweiundzwanzig«, rief Fräulein Lang streng und richtete ihre Augen anklagend zur Decke. »Was machen wir denn nun, Herr Professor? Ich bin untröstlich.«

»Sehr einfach, ich nehme das für mich reservierte Zimmer«, gab er lächelnd zurück, und den angstvollen Blick Ursels auffangend, fügte er freundlich hinzu: »Die junge Dame scheint neu zu sein, wie?« In den hellen Mädchenaugen zuckte es dankbar auf – er sah es und lächelte amüsiert, Fräulein Lang nickte.

»Ja, Fräulein Kamphofer ist erst seit ein paar Tagen bei uns und weiß noch nicht richtig Bescheid.«

»Das ist bei Ihrem Betrieb auch nicht gut möglich«, erwiderte der Professor freundlich und nickte Ursel zu. »Also künftig – für mich immer Zimmer zwo-zwo-zwo – wenn Sie sich das merken wollen.«

»Selbstverständlich, Herr Professor, ich werde es nicht wieder vergessen«, versprach Ursel eifrig. Und wieder flog ein scheuer Blick zu Fräulein Lang.

Aber das alte Fräulein lächelte huldvoll, der Professor schien sich restlos besänftigt zu haben.

»Sie werden mir vorläufig noch jede telefonische Bestellung melden müssen, Fräulein Kamphofer, wir sprechen noch darüber. Jetzt begleiten Sie bitte Herrn Professor nach oben – und wenn Ihnen das Zimmer durchaus nicht gefällt, dann will ich versuchen, ob ich nicht noch umdisponieren kann.«

»Schon gut«, wehrte der Professor der Übereifrigen. »Schauen wir uns die Geschichte erst mal an. Ich kann mich nicht erinnern, menschenunwürdige Räuberhöhlen hier gebaut zu haben.« Er griff nach seiner dunkelbraunen Reisetasche.

Leichtfüßig schritt Ursel neben dem hochgewachsenen, breitschultrigen Mann über die teppichbelegten Gänge, die jeden Schritt fast unhörbar machten, bis zum Fahrstuhl.

Sie mußten einen Augenblick warten.

Lächelnd blickte der Mann in das ernsthafte, zweifellos etwas bedrückte Mädchengesicht. Er ahnte, was in ihr vorgehen mochte.

»Aller Anfang ist schwer, Fräulein Kamphofer«, nickte er tröstend. »Sie dürfen nicht so ängstlich sein, Fräulein Lang ist kein Unmensch, ich kenne Sie nun schon jahrelang.«

Ein dankbarer Blick traf ihn.

»Fräulein Lang war am Sonnabend früher gegangen, deshalb trug ich Ihre Anmeldung selbst ein – und heute dachte ich nicht mehr daran. Es tut mir sehr leid«, bekannte sie offen ihren Fehler.

Er hörte es – da schwang noch immer eine leise Angst in der jungen Stimme.

»Wenn Ihnen im Berufsleben keine schlimmeren Pannen passieren als eben, dann dürfen Sie zufrieden sein«, meinte er freundlich, während sie im Fahrstuhl nach oben fuhren. »Sie stehen noch nicht lange im Beruf, wie?«

»Es ist meine erste Stelle.«

»Das dachte ich mir.«

Dicht neben dem Fahrstuhl lag das Zimmer. Ursel nahm den Schlüssel vom Haken und schloß auf – das Zimmer war sehr klein.

Beklommen blickte sie den Professor an.

»Sie sind doch ein richtiger Angsthase«, meinte er kopfschüttelnd. »Sie sollten sich ein dickeres Fell anschaffen, besonders in diesem Bienenhaus.«

Er ist ein ganz wunderbarer Mensch, und er hat recht, schoß es ihr blitzschnell durch den Kopf.

Ein helles Leuchten lag plötzlich auf ihrem Antlitz, fester klang die Stimme.

»Ich bin sonst gewiß nicht ängstlich, aber es ist alles noch so neu. Werden Sie das Zimmer nehmen, Herr Professor? Es ist sehr klein.«

Mit schiefgeneigtem Kopf blickte sie zu ihm auf, der sie erheblich überragte. Das kleine Lächeln in ihren Augen war Bitte und Hoffnung zugleich.

Beruhigend nickte er ihr zu.

»Es ist alles vorhanden, was ich brauche; ein Bett, ein Duschraum, ein Schreibtisch, das genügt.«

»Ach«, es war ein kleiner, erfreuter Ausruf, begleitet von einem völlig undienstlichen, sonnigen Lächeln. »Ich danke Ihnen, Herr Professor.«

Seine Erwiderung nicht abwartend, verabschiedete sie sich mit einer leichten, anmutigen Verneigung, und dann lief sie, den Fahrstuhl verschmähend, den Gang entlang zur Treppe.

Kopfschüttelnd blickte er ihr nach.

Bezaubernd jung, dachte er, aber ein dickeres Fellchen wäre doch nötig.

»Fräulein Lang, der Herr Professor war mit dem Zimmer vollkommen zufrieden«, rief Ursel lebhaft, als sie in das Empfangsbüro zurückkam.

»Das ist wunderbar – Sie ahnen ja nicht, in welche Verlegenheit Sie mich gebracht haben. Aber, na ja, der Herr Professor ist vornehm bis in die Fingerspitzen. Merken Sie sich das für die Zukunft, Fräulein Kamphofer, unsere vornehmsten und besten Gäste sind meist am anspruchslosesten. Der Professor zum Beispiel – eigentlich müßten Sie schon von ihm gehört haben – ist einer unserer bedeutendsten deutschen Architekten. Obwohl er noch sehr jung ist, genießt er im In- und Ausland den besten Ruf. Hier bei uns baut er jetzt die neue Kirche und eine Stadtrandsiedlung, die ganz fabelhaft werden soll. Seit kurzem hat man ihn mit einigen Neubauten für, die Universität beauftragt – das Parkhotel hat er übrigens auch gebaut. Ja«, das alte Fräulein machte sine kurze Pause. Sie schien den berühmten Professor restlos zu bewundern. »Ja, und nun ist er fast jede Woche hier und hat immer dasselbe Zimmer, dreimal so groß wie das heutige. Wir haben ihm einen besonders großen, Schreibtisch hineingestellt – also es darf wirklich nicht wieder vorkommen, daß er sein Zimmer besetzt findet, hören Sie, Fräulein Kamphofer?«

Ursel nickte.

»Ich muß mich da voll und ganz auf Sie verlassen können; wenn Frau Hahn wieder gesund ist, wird es leichter«, glaubte das alte Fräulein noch betonen zu müssen, und danach ging zu Ursels Erleichterung wieder das Telefon.

Sie verbarg ein kleines, spitzbübisches Lächeln, als sie sich schnell über ihre Schreibarbeit neigte. Gottlob, das Donnerwetter war ausgeblieben! Und, dachte sie etwas respektlos, der Professor scheint Fräulein Langs stille Liebe zu sein.

*

Als sie am Abend dem Brunnen zuschritt, an dem Seeger sie schon erwartete, befand sie sich in kampflustiger Stimmung.

»Herr Seeger«, rief sie ihm ohne Begrüßung entgegen, »so lasse ich mich aber nicht wieder erpressen! Bloß um nicht noch mehr Ärger zu haben, mußte ich Ihnen eine Zusage geben. Sie wußten doch gar nicht, ob ich Lust habe, heute abend auszugehen?«

Im hellen Licht der Straßenlaterne sah er ihre Augen zornig sprühen.

»Mädel«, lachte er begeistert, »was sind Sie reizend! Noch viel entzückender, als ich ...«

»Herr Seeger, das ist doch toll!« unterbrach sie ihn ärgerlich. »Haben Sie mich nur sehen wollen, um mir dumme Komplimente zu machen?«

»Nein«, kam es schnell und mit weicher Stimme zurück, »dafür wären Sie mir zu schade, Ich mag Sie einfach gern und möchte öfter mit Ihnen zusammen sein. Ist das sehr unbescheiden?«

Wie seine hübschen braunen Augen bettelten. Ursel fühlte ihren Zorn schwinden.

Zweifelnd schaute sie ihn an. Ihr Herz klopfte rascher als sonst.

»Bitte«, drängte er leise, »Sie sind doch viel zu jung, um sich in der Arbeit zu vergraben. Sie werden doch sicher viel mit Billa und uns allen zusammen sein. Wir alle halten gute Kameradschaft miteinander.«

»Gut«, sagte sie schnell entschlossen, »Wenn es so ist, dann bin ich dabei. Aber Sie dürfen mich nie wieder im Dienst anrufen, Sie können sich nicht vorstellen, wie peinlich mir Ihr Anruf war.«

»Soll nicht wieder vorkommen«, versprach er, und auf seinem hübschen noch etwas jungenhaften Gesicht lag schon wieder sorgloses Lachen. Er hakte sich bei ihr ein und fuhr fort:

»Fein, daß ich Sie öfter sehen werde. Sie ahnen nicht, wie mich das freut.«

Etwas verwirrt durch seine vertrauliche Geste folgte sie seinen Schritten.

»Sie sind so ganz anders als unsere Studentinnen, so gar kein bißchen versnobt. Hoffentlich bleiben Sie so frisch und natürlich«, meinte er mit entwaffnender Offenheit.

»Ich wüßte nicht, weshalb ich mich ändern sollte.«

»Ich fände es auch jammerschade. Aber nun werde ich Ihnen unser Städtchen bei Nacht zeigen. Sie kennen doch noch gar nichts.«

»Bitte«, wehrte sie vorsichtig, »auf das Nachtleben bin ich gar nicht neugierig. Außerdem möchte ich nicht zu spät nach Hause kommen.«

»Wieviel Zeit wollen Sie bewilligen?« fragte er lustig.

»Bis zehn Uhr.«

»Mädchen, Sie sind doch kein Wickelkind mehr. Etwas großzügiger könnten Sie schon sein. Das sind ja nur knapp zwei Stunden.«

»Und ist das nicht genug, um sich nett zu unterhalten?« fragte sie ernst. »Ich muß morgen wieder früh aufstehen.«

Irgendwie freute ihn ihre Zurückhaltung.

»Da muß ich mich bescheiden – aber für morgen habe ich ein Attentat auf Sie vor, deshalb wollte ich Sie heute ja auch unbedingt sprechen.«

»Und das wäre?« fragte sie vorsichtig.

»Ich wollte Sie bitten, meinen Geburtstag mitzufeiern – es gibt bei uns zu Hause eine kleine Party. Ihre Schwester kommt auch, ebenso Hartung, den Sie ja schon kennen.«

»Eine Party«, erwiderte sie langsam und doch klang schon Freude durch; derartige Veranstaltungen hatte sie noch nie mitgemacht. »Ja – gern, das heißt, wenn es Ihren Eltern recht ist.«

Er lachte.

»Selbstverständlich ist es das. Nur müssen Sie damit rechnen, daß es ziemlich spät, man kann auch sagen, früh werden wird.«

»O weh, mitten in der Woche.«

»Tja, leider läßt sich ein Geburtstag nicht verschieben«, lachte er.

»Um so wichtiger ist es, daß ich heute ganz pünktlich nach Hause komme, sonst wird es zuviel des Guten.«

Wenig später saßen sie in einer der kleinen, gemütlichen Weinstuben der Stadt in angeregter Unterhaltung.

Aufmerksam lauschte sie, als er von seinen Zukunftsplänen erzählte. Sein Vater hatte eine sehr bedeutende Anwaltskanzlei mit Notariat, und er sollte Nachfolger werden. Noch in diesem Sommer würde er ins Staatsexamen steigen.

Uwe Seeger breitete seine Lebenspläne aus, als seien sie ein genau festgelegtes Rechenexempel. Schwierigkeiten oder Probleme schien es für ihn nicht zu geben.

Er hat noch Eltern, dachte Ursel beklommen. Für ihn ist das Leben leicht. Er kennt keine Sorgen, er weiß gar nicht, wie schwer das Leben sein kann, wenn man allein ist. Ihr war plötzlich, als passe sie gar nicht in seinen sicher sorglos vergnügten Freundeskreis.

*

Und doch schlüpfte sie am nächsten Abend voller Freude in das festliche Kleid aus leuchtend grünem Duchesse, das sie sich einmal für eine Feier im Internat gekauft hatte. Eng umschloß es ihre vollendet schöne Gestalt, ließ die schlanken, wohlgeformten Arme frei, zierlich und doch kraftvoll stieg der Hals aus dem runden Ausschnitt; das blonde Haar mit den goldenen Lichtern bildete einen reizvollen Kontrast zu der Farbe des Kleides.

Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu, eine geradezu kindliche Freude an ihrer jungen Schönheit erfaßte sie.

»Eitler Fratz«, lachte sie dann ihrem Spiegelbild zu und griff nach dem kleinen Abendtäschchen, es war allerhöchste Zeit zu gehen.

Uwes Elternhaus erregte in ihr staunende Bewunderung; so großartig hatte sie sich die Verhältnisse, in denen er lebte, nicht vorgestellt.

Mit strahlendem Lachen kam er ihr entgegen.

»Und nun wünschen Sie mir etwas Schönes«, lachte er übermütig.

»Du lieber Himmel, ich glaube, Ihnen kann man gar nichts mehr wünschen, Sie haben doch alles.«

»Eben nicht.« Seine Augen tauchten mit unverhüllter Zärtlichkeit in die ihren. »Noch ist mein Glück nicht vollkommen. Also wünschen Sie mir, daß sich erfüllt, was ich mir ersehne.«

Glühend rot wurde Ursel, rasch wich sie seinen Augen aus.

»Es ist zwar vermessen, sich ein vollkommenes Glück zu wünschen, aber ja – also ich gratuliere Ihnen und wünsche Ihnen alles Gute.« Sie hatte sich gefangen und wagte es, ihn wieder anzusehen.

»Sie sind sehr vorsichtig«, meinte er verschmitzt. »Aber nun kommen Sie, drinnen geht es schon lustig zu,«

Es war eine große Flucht von prachtvoll ausgestatteten Zimmern, die dem jungen Gastgeber zur Verfügung standen. Und hin und her wogte das Getriebe der jungen Gäste.

Ursel entdeckte ihre Schwester, und Sybille nickte ihr zu. Sie sah bezaubernd aus in einem Kleid aus purpurroten Spitzen. Es war nicht zu übersehen, daß sie die schönste und eleganteste unter den anwesenden Damen war. Alle anderen waren bei weitem anspruchsloser gekleidet.

Aber Ursel konnte sich nicht lange derartigen Betrachtungen hingeben, so schnell wurde sie mitgerissen in den Strudel heiterster Lebensfreude.

Ein lautes, vergnügtes Hallo – Rechtsanwalt Dr. Seeger und seine Frau waren erschienen, um die Gäste ihres Sohnes zu begrüßen. Zwei stolze, vornehme Erscheinungen, sehr liebenswürdig, aber dennoch sehr gemessen.

Ursel wurde vorgestellt. Frau Seeger musterte sie kurz.

»Ah, ein neues Gesicht, wenn ich nicht irre«, nickte sie freundlich.

»Stimmt, Mama, Fräulein Kamphofer ist frisch aus dem Internat importiert.«

»Eine Schwester unserer Sybille?« erkundigte sich die Hausfrau. »Wollen Sie auch bei uns studieren?«

»Nein.« Ursel verspürte eine leise Beklemmung in sich aufsteigen.

Aber da fuhr Frau Seeger auch schon fort:

»Nun es muß nicht unbedingt studiert sein. Ich halte nicht allzuviel davon. Ah, Egbert«, unterbrach sie sich und wandte sich mit einem leichten Kopfnicken ab und einem großen, sehr gutaussehenden Herrn zu, der soeben eingetreten war. Auch Uwe eilte ihm entgegen.

Ursel stand einen Augenblick allein. Sie beobachtete die herzliche Begrüßung zwischen den drei Menschen.

Auch Sybille blickte interessiert auf die kleine Gruppe. Als Egbert Seeger, ein jüngerer Bruder des Hausherrn, eingetreten war, leuchtete es kurz in ihren Augen auf. Dann wandte sie sich gelassen einem jungen Herrn zu und unterhielt sich anscheinend sehr angeregt mit ihm.

Erst als Egbert Seeger vor ihr stand, blickte sie auf. Ein bezauberndes Lächeln lag auf ihrem schönen Gesicht, als sie ihm die Hand reichte.

Unwillkürlich hatte Ursel den Ankömmling verfolgt. Staunend betrachtete sie ihre Schwester. War das Sybille, die da so charmant, schelmisch und unglaublich betörend mit dem neuen Gast plauderte?

»Machen Sie nicht so große Wunderaugen, kleines Mädchen«, hörte sie plötzlich Uwe halblaut sagen. »Wie kann man nur so neugierig sein? Warten wir in Ruhe die weitere Entwicklung ab.«

»Wie?« fragte sie etwas töricht, und schaute sehr verdutzt drein.

Uwe Seeger lachte auf.

»Was sind Sie doch noch für ein süßer Kindskopf, Urselchen. Immerhin aber scheinen Sie bemerkt zu haben, daß unsere stolze Sybille und mein verehrter Onkel – na ja, wie gesagt, warten wir es ab.«

»Ach du lieber Himmel«, murmelte Ursel verblüfft. »Warum nicht? Stört es Sie, daß er ein bißchen älter ist als sie?«

Sie fuhr auf.

»Ein bißchen? Ich glaube, es ist eine ganze Menge.«

»Und wenn schon! Uns soll es doch gewiß nicht stören, nicht wahr? Und nun kommen Sie, die hohen Herrschaften ziehen sich zurück – halt, jetzt hat der gute Egbert entdeckt, daß er Sie übersehen hatte. Korrekt, wie er ist, kommt er zurück und...«

Uwe brach mit spitzbübischem Grinsen ab; der Onkel stand vor ihnen. Der Neffe stellte vor.

Und wie vorhin Frau Seeger, so blickte auch der Schwager jetzt überrascht auf, als er Ursels Namen hörte.

»Sie sind ...?«

»Du vermutest richtig, Onkel Egbert. Ich habe heute das Vergnügen, daß beide Schwestern Kamphofer bei mir zu Gast sind. Nicht wahr, es ist schwer zu entscheiden, welche die Schönere ist, Sybille oder...« Uwe vollendete nicht, sondern schaute den Älteren nur augenzwinkernd an.

Eine leichte Verärgerung glitt über dessen Gesicht, aber schnell hatte er sich wieder in der Gewalt und sagte liebenswürdig:

»Du hast recht, Uwe, die Entscheidung dürfte schwerfallen. Aber mir scheint, du wirst auch mit zunehmendem Alter nicht vernünftiger, mein Junge.« Dann, sich Ursel zuwendend, die in peinlicher Verlegenheit dem kurzen Wortwechsel gelauscht hatte: »Ich hoffe, ich habe später noch das Vergnügen, mich ein wenig mit Ihnen unterhalten zu können.«

Eine leichte Verneigung, dann ging er davon.

»Jeder Zoll Herr und Gebieter«, ulkte Uwe. »Mein Onkel ist einer der reichsten Fabrikanten der Stadt und konnte sich bisher noch nicht entschließen, welche Frau würdig genug ist, um von ihm beglückt zu werden.«

»Ach«, sagte Ursel etwas hilflos und dann, in jäh aufsteigendem Zorn: »Ihr Onkel hat recht, Sie sind wirklich sehr übermütig.«

»Und Sie sind ein sehr folgsames Kind«, lachte er, und ehe sie es sich versah, hatte er den Arm um ihre zierliche Taille gelegt und tanzte mit ihr davon.

Draußen, in der geräumigen Diele, begrüßte der Hausherr inzwischen einen neuen Gast.

»Lieber Professor, ich freue mich, daß Sie es doch noch möglich machen konnten, zu kommen. Mein Bruder ist schon da, wir können also alles in Ruhe besprechen, das heißt«, Rechtsanwalt Seeger unterbrach sich mit einem kleinen Lachen, »Ruhe ist etwas zuviel gesagt.«

»Ich höre es«, meinte Professor Weißenborn heiter. »Es scheint allerhand Jungvolk versammelt zu sein.« Und da drinnen gerade schallendes, übermütiges Gelächter aufrauschte, meinte er mit einem kleinen, resignierten Lächeln: »Ja, die goldene Jugend.«

»Aber hören Sie, lieber Professor, das sollten Sie doch noch nicht sagen. Sie gehören doch beinahe noch dazu.«

»Geschenkt, Dr. Seeger, ich bin auch kein heuriger Hase mehr.«

»Ein Mann, Mitte Dreißig, ich bitte Sie«, protestierte der Rechtsanwalt liebenswürdig.«

»Ja«, meinte Weißenborn etwas nachdenklich, »man vergißt es wohl zu leicht, daß man noch gar nicht so schrecklich alt ist, wenn man ständig bis über beide Ohren in der Arbeit steckt.«

Wieder drang eine jubelnde Lachsalve zu den Herren.

»Man könnte neidisch werden«, nickte Weißenborn mit einem Blick auf die hohe Flügeltür, deren Glasscheiben mit einem dichten Vorhang bespannt waren.

»Wollen Sie einen Blick hineinwerfen?«

Der Rechtsanwalt schob die Gardine etwas zur Seite. Sie erkannten sofort die Ursache des Gelächters. Auch sie schmunzelten amüsiert.

Es war tatsächlich ein grotesker Anblick, den das Paar bot, das da in den unmöglichsten Verrenkungen einen Twist vorführte.

»Verrücktes Volk«, murmelte der Rechtsanwalt, »haben Sie so etwas schon einmal gesehen?«

»Ich vermute, der sagenhafte Twist«, erwiderte der Professor flüchtig und schaute scheinbar sehr interessiert durch den Gardinenspalt. In unmittelbarer Nähe der Tür hatte er ein Gesicht entdeckt, das ihm irgendwie bekannt vorkam. Er suchte in seinem Gedächtnis – da wandte die junge Frau den Kopf in leichter Drehung – jetzt sah er nicht nur ihr Profil, sondern das ganze Gesicht. Und da wußte er, wo er das reizende Mädchen schon einmal gesehen hatte.

»Irre ich mich, oder ist die junge Dame in dem grünen Kleid tatsächlich im Parkhotel beschäftigt?« sagte Weißenborn halblaut.

Der Rechtsanwalt zuckte leicht die Achseln.

»Da bin ich überfragt, ich sehe sie heute zum erstenmal. Ich weiß nur, daß Fräulein Kamphofer die Schwester von der jungen Dame in dem roten Spitzenkleid ist – sie stehen jetzt nebeneinander.«

»Ich sehe, eine auffallend schöne Erscheinung.«

»Das kann man wohl sagen. Außerdem von erstaunlicher Intelligenz. Eine angehende Juristin.«

»Unglaublich«, meinte Weißenborn und trat zurück, »soviel Schönheit und staubige Akten. Aber die Schwester ist tatsächlich im Parkhotel angestellt, ich irre mich nicht, es ist ein Fräulein Kamphofer im Empfangsbüro – sie kam mir gleich bekannt vor.«

»Interessant – aber beinahe unbegreiflich, daß sie sich in scheinbar untergeordneter Stellung befindet. Wir hielten ihre Schwester, die Studentin, bisher für sehr wohlhabend. Ihr ganzes Auftreten sprach dafür. Aber im übrigen völlig unwichtig für uns.«

Plaudernd schritten die Herren dem Arbeitszimmer des Rechtsanwalts zu und saßen wenig später in ernstem Gespräch zusammen mit Egbert Seeger, der sich von dem bedeutenden Architekten ein Landhaus bauen lassen wollte.

Manchmal schauten sie einander lächelnd an – die Feiernden schienen sich herrlich zu amüsieren. Der Klang von Studentenliedern ließ die drei Herren immer wieder aufhorchen.

Tatsächlich hatte man eine Tanzpause eingelegt. Zwanglos auf einem Teppich sitzend, wurde Lied auf Lied gesungen.

»Es ist himmlisch«, flüsterte Ursel begeistert und lachte Uwe Seeger mit strahlenden Augen an. Ihre Wangen glühten.

»Freut mich«, lachte er zurück.

Jemand stellte plötzlich fest, daß sich unter den Gästen einige befanden, die noch nicht Bruderschaft miteinander geschlossen hatten.

»Das gibt es nicht bei uns – wir sind ein einig Volk von Brüdern«, hieß es in heiterer Entrüstung. Ursel und noch eine junge Studentin wurden als die Außenseiter des Kameradenkreises festgestellt.

Plötzlich hielten alle die spitzen Kelche mit perlendem Sekt in der Hand. Ursel und die Studentin sollten im Kreis herumgehen und mit allen Bruderschaft trinken.

»Ha – zwei Küsse, wie ich mich freute. Damit hatte ich heute nicht mehr gerechnet«, rief ein Übermütiger.

Ursel, die gerade ihre Runde machen wollte, verhielt erschrocken den Schritt und blickte den Gastgeber flehend an.

Da nickte ihr Uwe beruhigend zu.

»Das habt ihr euch gedacht, ihr Wüstlinge«, rief er lustig. »Kommt ja gar nicht in Frage. Handkuß genügt. Ich gehe mit gutem Beispiel voran.«

Mit zartem Klingen stießen zwei Gläser aneinander.

»Auf Du und Du, Ursel«, sprach Seeger leise, griff nach ihrer Hand und zog sie an seine Lippen.

»Uwe«, hauchte sie schüchtern und etwas verwirrt.

Langsam kämpfte sie sich mit der kleinen Studentin durch. Mit ihrem hellen, lieben Kinderlachen gewann sie sich die Herzen.

»Du machst dich, Kleine«, raunte Sybille ihr zu, als Ursel an ihr vorübergehen mußte. Es war kein freundlicher Blick, der diese Worte begleitete.

Ursel war erschrocken zusammengezuckt. War Sybille etwa mit ihr böse?

Aber da lachte ihr Sybille zu und machte ein schwesterlich freundliches Gesicht. Langsam ging Ursel weiter.

Stunden vergingen, ehe man an den Aufbruch dachte. Mitternacht war lange vorüber.

Zur Verabschiedung erschienen noch einmal der Hausherr und sein Bruder. Frau Seeger hatte sich schon zurückgezogen, während die Herren noch bei einem Glas Wein beieinandergesessen hatten.

Im lebhaften Durcheinander des Aufbruchs blieb Egbert Seeger vor Sybille stehen.

»Wie kommen Sie heim, Fräulein Kamphofer?« fragte er.

Ganz kurz blitzte es in ihren dunklen Augen auf.

»Ich weiß noch nicht, irgendwie...«

»Nicht irgendwie«, fiel er ihr ins Wort. »Sie fahren mit mir, es ist ohnehin ein Weg.«

Das wurde mit freundlicher Bestimmtheit gesagt – Sybille neigte zustimmend den Kopf.

»Ich danke Ihnen, Herr Seeger, es ist sehr nett, daß Sie mich mitnehmen wollen.«

»Das ist selbstverständlich«, gab er zurück, während seine Augen mit offensichtlichem Wohlgefallen auf dem schönen Mädchengesicht ruhten.

Ritterlich half Seeger ihr beim Einsteigen in den Wagen. Sybille nahm es hin mit der Miene einer jungen Königin. Gelassen und sehr zurückhaltend saß sie neben ihm, der nur sehr langsam durch die nächtlichen Straßen fuhr.

»Es scheint sehr vergnügt zugegangen zu sein?« eröffnete er das Gespräch.

»Es wurde unglaublich viel gealbert und dummes Zeug geschwätzt. Nun ja, die Jungens und die Mädels ...« Sie brach ab, als lohne es sich nicht, darüber mehr zu sprechen.

»Aber Sie sind doch selbst noch jung?« kam es rasch zurück.

»Sicher, doch mir liegt diese Art der Unterhaltung nicht so sehr. Es kommt mir so unreif und kindisch vor – offen gesagt, ein gutes Gespräch ist mir lieber.«

»Aber das finden Sie in studentischen Kreisen doch sicher auch?«

Ihr wacher Instinkt hörte die Spannung aus seinen Worten heraus.

»Gewiß, gelegentlich schon. Aber ich ziehe eine Unterhaltung mit reiferen Menschen ganz entschieden vor.«

Befriedigung lag in seiner Stimme, als er antwortete:

»Ja, es fiel mir schon öfter auf, daß Sie anders sind als Ihre Kommilitoninnen. Übrigens, werden Sie sich am Wochenende an dem Skiausflug zum Jagdhaus meines Bruders beteiligen?«

Der Wagen hielt vor ihrem Haus. – Seeger blickte sie erwartungsvoll an.

Sie schien zu überlegen.

»Eigentlich müßte ich arbeiten«, erwiderte sie langsam.

»Aber doch nicht am Sonntag? Bitte, kommen Sie mit, es würde mich freuen.« Es lag ein leises Drängen in seinen Worten.

»Soll ich wirklich?«

Mit schiefgeneigtem Kopf schaute sie ihn an – die kleine Bewegung war von entzückender Koketterie, die ganz ungewollt erschien.

»Ja, Sie sollen«, kam es mit Nachdruck zurück.

»Nun gut – ich komme mit.«

Beim Abschied hielt er ihre Hand mit festem Druck.

»Ich freue mich auf das Wochenende. Sybille«, murmelte er leise.

»Ich auch«, kam es fast unhörbar zurück. »Gute Nacht, Herr Seeger.«

Rasch hatte sie ihm ihre Hand entzogen, nickte ihm noch einmal zu und strebte der Haustür zu.

Er stand und schaute ihr nach, bis sie im Haus verschwunden war. Tief seufzte er auf und schüttelte leicht den Kopf, während er zum Wagen zurückging. Zweiundzwanzig Jahre älter als sie – kann das gutgehen?

Das war die Frage, die er sich immer wieder stellte, seit er Sybille Kamphofer kannte und – liebte. Das war die Sorge, die ihn hinderte, das entscheidende Wort zu sprechen, obwohl er das Empfinden hatte, daß er dem schönen Mädchen nicht gleichgültig sei.

Man müßte zehn Jahre jünger sein. Es war sein Wunsch, seit er Sybille Kamphofer kannte.

Ursel ging inzwischen mit Uwe Seeger durch die Nacht. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, sie heimzubegleiten.

»Aber per pedes, dafür um so sicherer«, hatte er lachend gesagt; »denn immerhin habe ich einige Gläser Alkohol intus.«

Verständnisinnig nickte sie ihm zu.

»Es könnte den Führerschein kosten, wenn man Pech hat.«

Dann war es sogar sehr angenehm, durch die erfrischende Nachtluft zu gehen. Ein lauer Wind kühlte die heißen Gesichter und ließ den kommenden Frühling ahnen.

Uwe Seeger sprach es aus.

»Bald wird es Frühling. Du wirst überrascht sein, wie schön es dann bei uns ist. Im Norden, wo du bisher gelebt hast, ist er immer ein bißchen kümmerlich, wie ich fand. Aber hier – zauberhaft. Ich freue mich schon darauf, dann mit dir herumzufahren, aber vorher wird noch einmal tüchtig Wintersport getrieben. Am Sonnabend geht es mittags los, und du kommst mit. Du hast doch deine Skiausrüstung hier?« Fragend schaute er sie an.

»Ach, du lieber Himmel, ich habe ja gar keine Skiausrüstung, bei uns gab es kaum Gelegenheit zum Skilaufen.«

»Dann wirst du dir schleunigst alles besorgen, was notwendig ist.«

Er sagte es mit der Sicherheit eines Menschen, für den es Geldschwierigkeiten nicht zu geben schien.

Doch Ursel wurde sofort die tiefe Kluft wieder deutlich, die sie van dem verwöhnten Sohn reicher Eltern trennte. In einer ärgerlichen Aufwallung dachte sie an Sybille, die auch jetzt noch ihre Armut verbergen wollte und sie zwang, sich in eine Notlüge zu retten.

»Unmöglich, Uwe«, sagte sie deshalb hastig, »ich habe an diesem Wochenende Dienst.«

»Verdammt. Mußtest du dir solch einen blöden Beruf aussuchen?«

»Wahrscheinlich«, meinte sie lachend.

»Und du könntest nicht mit einer Kollegin tauschen?«

»Ausgeschlossen, ich habe ja gerade erst angefangen und kann nicht gleich mit Extrawünschen kommen, das siehst du doch ein.«

»Leider muß ich es einsehen, aber es ärgert mich«, kam es verdrießlich zurück.

»Es ist ja auch ein schreckliches Unglück«, neckte sie und verhielt den Schritt. Sie waren an dem Personaleingang des Hotels angekommen.

»So, auch noch auslachen willst du mich, du kaltherziges Mädchen!« brummte Seeger und packte sie an beiden Oberarmen. »Aber warte, das kostet Strafe.«

Ehe sie begriff, was er vorhatte, zog er sie in den Arm und küßte sie auf den Mund.

»Uwe!« Mit einem Ruck hatte sie sich freigemacht. »Das ist doch ...«

»Ja«, nickte er seelenruhig, »das war unser Bruderschaftskuß. Oder wolltest du mich so kümmerlich mit einem Handküßchen abfinden, wie die anderen?«

»Uwe, du bist fürchterlich.« Kopfschüttelnd blickte sie ihn an und schaute dann ängstlich um sich. »Wenn das nun jemand gesehen hätte.«

»Angsthase, die ganze Stadt schläft. Nur die unsolide Ursel ist noch wach.«

»Ja, und sie wird in fünf Minuten auch schlafen. Gute Nacht, Uwe.«

»Böse, Ursel?« fragte er leise, während er ihre Hand hielt.

»Hm.« Sie zögerte ein wenig. »Wenn du versprichst, künftig vernünftig zu sein, dann nicht.«

Ein leises Lachen war die Antwort.

»Aber Kind, ich bin doch immer vernünftig.« »Hoffentlich«, meinte sie zweifelnd. Und sie dachte es wieder, als sie schon im Bett lag und noch einmal seinen Kuß zu spüren glaubte. Ihr Herz machte dabei ein paar harte, schnelle Schläge – eine weiche, wohlige Wärme durchströmte sie.

*

Ursel verbrachte ein einsames Wochenende und fühlte sich etwas bedrückt.

Der feine Regen, der unablässig fiel, machte einen Spaziergang unmöglich, und im Zimmer war es denkbar ungemütlich. Da lag die Kollegin, mit der sie es teilen mußte und die schon die Dreißig überschritten hatte, lesend auf ihrem Bett, was sie aber nicht hinderte, jede Bewegung der Jüngeren zu beobachten.

Fräulein Helene Kruse arbeitete am Büfett und war froh, wenn sie einmal nicht stehen mußte. Außerdem fühlte sie sich vom Leben enttäuscht, nörgelte an allem herum und zeigte meist ein verdrossenes Gesicht.

Ursel war von dieser Kollegin wenig entzückt.

Still hatte sie sich an den kleinen Tisch gesetzt, hatte Briefe geschrieben und gelesen. Schließlich hatte sie trotz des schlechten Wetters einen Spaziergang gemacht. Verlangend hatte sie durch die großen Scheiben eines Kaffeehauses geschaut, wagte aber nicht, hineinzugehen.

Unwillkürlich dachte sie an Uwe Seeger. Es war doch schade, daß er zum Skilaufen gefahren war, vielleicht wären sie sonst zusammen ausgegangen.

Wirklich, sie vermißte ihn an diesen anderthalb arbeitsfreien Tagen. Sie gestand es sich ganz offen ein.

Und dann war sie doch maßlos erschrocken, als er am Montagvormittag plötzlich vor ihr stand.

Wie konnte er es wagen, sie im Büro zu besuchen?

Ihr Erschrecken steigerte sich jedoch zu hellem Entsetzen, als sie seine Botschaft hörte.

»Sybille verunglückt?« murmelte sie verstört.

»Aber Ursel, es ist doch halb so schlimm. Ein Beinbruch. Das passiert fast jedem Skifahrer einmal«, sagte er tröstend.

»Ein Beinbruch – ja«, Ursel atmete erleichtert auf, »ich glaube, das ist wirklich nicht so schlimm, wenn nicht noch mehr...« Fragend waren ihre Augen zu ihm aufgeschlagen.

»Nein, bestimmt nicht mehr. Aber du kannst dich nachher selbst überzeugen. Sybille läßt dir sagen, du möchtest zu ihr kommen, möglichst bald, sie braucht allerlei Kram aus ihrer Wohnung.«

Überlegend schaute Ursel Fräulein Lang an, die sich taktvoll zurückgehalten hatte, als sie den ernsten Grund hörte, der Uwe bis hierher hatte vordringen lassen.

»Wenn Sie ein paar Stunden frei haben wollen, Fräulein Kamphofer, dann gehen Sie ruhig.«

»Ich danke Ihnen Fräulein Lang, ich werde die versäumte Zeit in der Mittagspause nachholen.«

»Schon gut. Und auch alles Gute für Ihre Schwester.«

Ursel dankte und verließ eilig mit Seeger das Büro.

Heute hatte sie keinen Blick für den eleganten weißen Mercedes; es drängte sie, die Schwester zu sehen. Sicher hatte sie viel Schmerzen.

Die schöne Sybille lag mit blassem Gesicht auf ihren Kissen.

»Ach, Billa, du Armes«, sagte sie schmerzlich bewegt, »solch ein Pech. Mußt du viel leiden?«

»Es ist auszuhalten. Aber es ist eine dumme Sache, die mich ein ganzes Semester kosten wird.«

»Wenn es weiter nichts ist«, mischte sich Uwe ein, »Es hätte viel schlimmer kommen können. Es sah lebensgefährlich aus, als du stürztest. Wir waren froh, daß es bei einem Beinbruch geblieben ist.«

»Möglich, aber scheußlich ist es doch. Aber Uwe, bitte, laß mich einen Augenblick mit Ursel allein, ja?« »Auch das. Kranke Kinder soll man nicht ärgern.« Lächelnd ging er hinaus.

Ursel schaute die Schwester erwartungsvoll an.

»Kleine, ich habe eine ganz große Bitte an dich.«

»Aber, Sybille, es ist doch nur eine Kleinigkeit. Selbstverständlich hole ich alles, was du aus deiner Wohnung brauchst.«

»Ach, das ist es doch nicht. Etwas ganz anderes, ja.« Sie machte eine kleine Pause, es fiel ihr sichtlich schwer, ihr Anliegen auszusprechen.

»Schieß los, Billa«, sagte Ursel lustig.

»Weißt du, es handelt sich darum – ich liege hier doch zweiter Klasse und muß Arzt und Krankenhausaufenthalt selbst bezahlen. Unsere Studentenkrankenkasse bezahlt nur dritter Klasse.«

»Dann laß dich doch in die dritte Klasse legen.«

»Aber Ursel? Ich soll in solch einem großen Zimmer liegen, zusammen mit allen möglichen und unmöglichen Leuten? Das kannst du mir nicht zumuten.«

»Aber wie soll denn die Rechnung hier bezahlt werden? Das wird doch furchtbar teuer sein?« Ursel machte ein ratloses Gesicht.

»Du hast doch noch über tausend Mark«, sagte Sybille leise.

»Ja, die habe ich«, kam es zögernd zurück und dann schnell, einer warmen, mitleidigen Regung folgend, ohne noch länger nachzudenken: »Wenn ich dir damit helfen kann, gern. Ich brauche das Geld ja jetzt nicht.«

»O Kleine, du bist lieb. Ich wußte es ja.« Sybille streckte sich ein wenig, als sei sie von einer großen Last befreit.

Eifrig notierte Ursel die Aufträge, die ihr gegeben wurden. Es war nicht wenig, was Sybille zu haben wünschte. Uwe, der das Zimmer wieder betrat, erging sich in Neckereien. Und die Kranke brachte es fertig, trotz ihrer Schmerzen und des Fiebers darauf einzugehen.

Dieselbe vorbildliche Haltung zeigte Sybille jedem ihrer zahlreichen Besucher. Nie kam ein Wort der Klage über ihre Lippen, obwohl doch jeder sah, daß sie bestimmt sehr viel zu leiden hatte.

Frau Seeger kam und brachte Blumen und köstliches Konfekt.

»Armes Kind, Sie haben uns einen tüchtigen Schrecken eingejagt«, sagte sie liebenswürdig. »Es ist uns noch unbegreiflich, wie das passieren konnte. Sie sind eine so brillante Skiläuferin.«

»Ich könnte es selbst nicht sagen, gnädige Frau. Es ging so rasend schnell.« Sybille hielt noch immer die duftenden Freesien in der Hand. Jetzt schnupperte sie daran. »Freesien, ich liebe sie so sehr, ihr Duft ist zauberhaft.«

»Schön, wenn sie Ihnen gefallen, Sybille, ich mag sie auch sehr gern.«

Fast eine Stunde saß Frau Seeger am Bett der Kranken, die sie sehr schätzte, weil sie nicht so burschikos und zwanglos war, wie die meisten der modernen Mädchen. Für sie war Sybille das Vorbild einer jungen, vornehmen Dame, und selbstverständlich erschien es ihr, daß auch die charakterlichen Eigenschaften so vollkommen und vornehm waren.

»Ich schaue bald wieder einmal zu Ihnen herein, liebes Kind«, sagte Frau Seeger zum Abschied, und Sybille wußte diese Auszeichnung richtig zu werten.

Stolzer und heller noch glänzten ihre Augen, als Schwester Maria ihr einen Rosenstrauß brachte, an dem eine kleine Karte befestigt war.

Sybille ahnte den Spender. Ein Student konnte es nicht sein – dazu waren diese Rosen, von einem ganz zarten Rosa, viel zu kostbar. In leichter Erregung brach sie den Umschlag auf, entnahm ihm die Karte – ihre Wangen röteten sich – Egbert Seeger, wirklich. Sie hatte sich nicht geirrt. Er sandte ihr seine ergebensten Grüße und gute Wünsche für ihre baldige Genesung. Es waren nur wenige herzliche Worte, aber sie lösten in ihr ein starkes Glücksgefühl aus.

Es war kein Zweifel, der reiche Fabrikant liebte sie – sie ahnte es schon lange. Sie ahnte auch den Grund, weshalb er noch nicht gesprochen hatte, der Altersunterschied schreckte ihn, sie hatte es richtig erkannt.

Pah, was bedeuten zweiundzwanzig Jahre, wenn man reich ist? Und vorläufig sah er doch noch fabelhaft aus, man konnte ihn kaum für fünfundvierzig halten. Und später? Bis dahin war noch lange Zeit.

Geld machte vieles gut, und die Stellung, die er ihr geben konnte, war glänzend. Nur jetzt mußte man durchhalten. Die kluge Sybille hatte es schon sehr früh erkannt: Reiche Leute schreckten davor zurück, mit der Armut in zu enge Berührung zu kommen. Sie wußte es, sie hatte es nicht nur ihrer Schönheit zu verdanken, daß sie in die ersten und sehr exklusiven Kreise der Universitätsstadt Eingang gefunden hatte. Entscheidend dafür war die Art ihres Auftretens gewesen. Man wußte zwar, daß sie Waise war, aber dank der Großzügigkeit des verstorbenen Onkels hatte man sie immer für wohlhabend halten können, auch wenn sie nie ein Wort über ihre Verhältnisse verlor.

Jetzt nun? Sybille nagte grübelnd an ihrer Lippe – jetzt war es schwer geworden, die Stellung zu halten. Der Skiunfall war so ungelegen wie nur möglich gekommen.

»Ursel«, sagte sie einige Tage später, »du mußt die Perlenkette verkaufen, die Onkel Eduard mir schenkte, als ich das Abitur bestanden hatte. Sie ist ein paar tausend Mark wert.«

»Sybille, die prachtvolle Kette?« rief Ursel erschrocken. »Das darfst du nicht tun. Sie ist ein Andenken.«

»Sentimentalitäten kann ich mir nicht leisten, Kleine. Ich brauche Geld, und zwar schnellstens.«

»Und trotzdem ist es falsch, die Perlen zu verkaufen, Billa«, rief Ursel in beschwörendem Ton. »Wäre ich an deiner Stelle, ich würde mich lieber in die dritte Klasse verlegen lassen, als ...«

»Du redest Unsinn, Kleine, tue, was ich dir sage«, kam es hochmütig zurück. Meinst du, ich könnte meine Freunde in einem Massenquartier empfangen?«

»Es sind dort kranke Menschen wie du, und es kostete dich keinen Pfennig. Jeder würde dafür Verständnis haben, daß eine Studentin sich kein so teures Krankenlager leisten kann, und wer es nicht hat, ist es nicht wert, deshalb das Geld zum Fenster hinauszuwerfen«, erwiderte die Jüngere unerschrocken und sichtlich ärgerlich. Sie verstand die ältere Schwester nicht.

»Also du verkaufst die Kette, möglichst noch heute«, fuhr Sybille in einem Ton fort, der einem Befehl glich.

Da fügte sich Ursel, sie mochte nicht mehr streiten. Sollte Sybille ihre Perlen verkaufen, wenn es ihre Eitelkeit verlangte. Viel schlimmer war es ja, daß es keine Brücke gab, die zu ihrem Herzen führte. Daß man nie mit ihr reden konnte, wie zu einer Schwester.

»Nun?« Sybilles Stimme mahnte.

Schnell schüttelte Ursel die weiche Stimmung ab.

»Wieviel muß man mir für die Kette zahlen? Ich habe doch keine Ahnung«, fragte sie in geschäftsmäßigem Ton.

»Du mußt sie natürlich erst bei einem Juwelier abschätzen lassen«, antwortete Sybille und gab der Jüngeren genaue Verhaltungsmaßregeln.

Ursel stöhnte innerlich, ihr grauste vor dem Verkauf der Perlen und der Verantwortung, die sie damit übernahm.

*

Sie raffte all ihren Mut zusammen und versuchte, sehr selbstsicher auszusehen, als sie mit der kostbaren Kette ein Juweliergeschäft betrat.

Ein Herr kam ihr entgegen und fragte nach ihren Wünschen. Ursel brachte tapfer ihr Anliegen vor.

»Kann ich die Kette einmal sehen?«

Ursel reichte ihm das Etui, dem er die Kette entnahm. Mit der Lupe prüfte er jede einzelne Perle. »Es ist tatsächlich ein wertvolles Stück«, sagte er langsam und blickte Ursel in scharfem Forschen an. Wie kam ein so junges Mädchen dazu, einen derart wertvollen Schmuck veräußern zu wollen? War sie auch die rechtmäßige Eigentümerin?

Ursel spürte das Mißtrauen. Heftiger Zorn gegen Sybille wallte in ihr auf, deren Hochmut sie in diese peinliche Situation getrieben hatte.

Da ging die Ladentür, ein Herr trat ein.

Professor Weißenborn – ausgerechnet er mußte jetzt kommen. Und er erkannte sie natürlich sofort, sie hatten einander ja schon öfter im Empfangsbüro gesehen. Stets hatte er dann ein paar freundliche Worte für sie gehabt.

Auch heute – ehe der Juwelier ihn nach seinen Wünschen fragen konnte, wandte er sich Ursel zu.

»Ah, Fräulein Kamphofer – wollen Sie sich etwas Hübsches kaufen?«

In peinlicher Verwirrung stand Ursel da.

»Ich – ich...« Scheu streiften ihre Augen den Juwelier, der noch immer die Kette hielt. Dann riß sie sich zusammen. »Ich sollte für meine Schwester eine Kette abschätzen lassen. Sie möchte die Perlen verkaufen.«

»Es sind ganz prachtvolle Perlen«, mischte sich der Juwelier ein. »Es ist schade, sie zu verkaufen, man hat dabei immer Verlust. Viertausend wäre das Äußerste, was ich zahlen würde.«

Nun war es Weißendorn, der Ursel überrascht anschaute. Und sie fühlte es – auch in seinen hellen Augen flammte ein kleines Mißtrauen.

Tatsächlich überlegte er, wie die Schwester einer kleinen Hotelangestellten zu einem so wertvollen Schmuck kam.

Ursel hätte in den Boden versinken mögen, so sehr schämte sie sich. Sie fühlte, sie mußte eine Erklärung abgeben, man wartete darauf.

»Es bleibt meiner Schwester keine andere Wahl, als die Kette zu verkaufen. Sie hatte einen Skiunfall und muß jetzt monatelang im Krankenhaus liegen – es ist schrecklich teuer.«

»Ist denn Ihre Schwester in keiner Krankenkasse? Es ist doch sehr schade, die schöne Kette zu verkaufen, um Arztrechnungen zu bezahlen.«

Wieder hatte Ursel Ursache, den Hochmut ihrer Schwester zu verdammen. Sie machte eine kleine, hilflose Geste.

»Ich glaube, die Kasse übernimmt nicht alle Kosten.«

»Dann allerdings.« Weißenborn bemühte sich, das peinliche Gespräch zu beenden, ihm tat das junge Mädchen plötzlich leid. Ihren klaren Kinderaugen gegenüber hielt der furchtbare Verdacht nicht stand, der kurz in ihm aufgestiegen war. »Ja, Krankheiten kosten Geld«, fuhr er dann fort und, sich der bildschönen Studentin erinnernd, die er im Hause des Rechtsanwalts Seeger flüchtig gesehen hatte, sagte er freundlich: »Hoffentlich wird Ihre Schwester bald wieder gesund. Ich würde sie an Ihrer Stelle jedoch noch fragen, ob sie mit dem Preis, den Sie für die Kette erzielen können, einverstanden ist.«

Es war ein Blick tiefer Dankbarkeit, der ihn traf. Ein Blick, der ihn zutiefst erschütterte. Nein, dieses Mädchen war keine Hoteldiebin, wie er im ersten Augenblick vermutet hatte. Freundlich nickte er ihr zu.

»Ach ja«, sagte sie aufatmend, »das müßte ich wohl tun. Sybille könnte böse sein, wenn ich etwas falsch mache.«

»Aber vielleicht sind Sie mir inzwischen behilflich, einen hübschen Schmuck auszusuchen. Ich brauche ein Konfirmationsgeschenk für meine Nichte. Sie wissen besser als ich, worüber sich ein junges Mädchen freut.«

Wieder ein Blick voller Dankbarkeit – seine Güte tat ihr ja so wohl. Und ein kleines, unsicheres Lächeln, das ihr junges Gesicht unsagbar reizvoll erscheinen ließ.

»Ich habe ja gar keine Ahnung von Schmuck.«

»Ist ja auch gar nicht notwendig«, meinte Weißenborn lächelnd. »Es geht weniger um den Wert, als darum, daß der Schmuck einem jungen Mädchen geteilt. Was würden Sie vorschlagen? Armband, Kette, Ring?«

»Ach du lieber Himmel!« Die letzte Scheu fiel von ihr ab, sie lachte ein helles, klingendes Lachen. Da ist die Entscheidung schwer. Ich wünschte mir manchmal einen Ring und manchmal ein hübsches Armband.«

Die Herren lachten. Beider Augen hingen jetzt mit sichtlichem Wohlgefallen an dem reizenden Mädchengesicht.

»Ich werde Ihnen eine kleine Auswahl vorlegen«, schlug der Juwelier diensteifrig vor.

Gespannt beobachteten sie dann, wie Ursel die einzelnen Stücke begutachtete. Um den Mund des Professors zuckte ein kleines, amüsiertes Schmunzeln.

Sie war ja entzückend, die Kleine.

Sie probierte die Ringe an ihrer schmalen, schön gepflegten Hand und streckte sie dann zur kritischen Musterung aus.

»Es kommt ja auch darauf an, was Ihre Nichte für Hände hat. Jeder Ring wirkt anders«, sagte sie eifrig. Die Aufgabe, die ihr zugefallen war, bereitete ihr sichtliche Freude.

»Keine Ahnung«, meinte der Professor, »ich muß gestehen, so genau habe ich mir die Hände meiner Nichte noch nicht angesehen. Aber möglich, daß wir mit einem Armband das richtige treffen.«

Ursel streifte den Ärmel ihres braunen Mantels zurück und probierte einen breiten Armreif.

»Er ist zu wuchtig, mehr für eine würdige ältere Dame«, entschied sie und nahm den nächsten Reif.

Die Herren tauschten einen verständnisinnigen Blick. Beide hatten ihre helle Freude an dem Mädchen, das einen so unbewußten Charme ausstrahlte, das sich mit einem geradezu kindlichen Vergnügen der Wahl des Schmuckes hingab.

Sie entschied sich für ein mäßig breites Gliederarmband mit kunstvollen Ziselierungen.

»Das würde mir am besten gefallen.«

»Also das Armband«, beschloß der Professor. »Ich glaube, in dieser Hinsicht dürften sich alle jungen Damen gleich sein.«

Er war in heiterster Laune, als er mit Ursel das Geschäft verließ. Der Einkauf hatte ihm viel Spaß bereitet.

»Wie lange haben Sie noch Zeit?« fragte er draußen.

»Bis sechs Uhr, ich habe heute Spätdienst.«

»Wollen Sie noch zu einem anderen Juwelier gehen?«

»Ich muß wohl, aber ich finde es fürchterlich«, gab sie seufzend zurück.

Ihr lachendes Gesicht hatte sich verschattet.

Sie tat ihm leid. Es war für ein junges Mädchen wirklich eine sehr schwierige Mission, einen wertvollen Schmuck zu verkaufen. Einen Augenblick überlegte er, dann sagte er rasch:

»Ich kann mich jetzt für Ihre liebenswürdige Hilfe beim Einkauf revanchieren, ich werde Sie zu einem Juwelier begleiten.«

»Oh, Sie wollen?« Ursels Augen glänzten vor Freude, ein lichtes Rot stieg in ihre Wangen.

»Demnach war es sehr schwer«, meinte er lächelnd. »Also gehen wir. Hier in der Nähe muß noch ein größeres Geschäft sein.«

Leichtfüßig schritt sie an seiner Seite dahin. Ihr war, als sei eine Zentnerlast von ihrem Herzen gefallen. Sie fühlte sich wunderbar beschützt, als sie zusammen mit ihm das Juweliergeschäft betrat.

Und war jetzt nicht wirklich alles ganz anders, als er die Verhandlung übernahm? Da war kein Mißtrauen zu spüren, nur höfliches Entgegenkommen. Das Preisangebot unterschied sich nicht wesentlich, war aber doch etwas höher.

»Wie soll ich Ihnen nur danken«, sagte Ursel impulsiv, als sie das Geschäft verlassen hatten. »Sie ahnen nicht, wie scheußlich es allein war. Ach, ich bin so froh.«

»Gut«, meinte er schmunzelnd, entzückt von ihrer frischen Natürlichkeit. »Dann erbitte ich mir als Dank, daß Sie mit mir noch eine Tasse Kaffee trinken.«

Erstaunt blickte sie zu ihm auf. In ihren Augen lag ein vorsichtiges Forschen. Aber sein geistvolles, streng geschnittenes Gesicht weckte Vertrauen.

»Ja«, entschied sie schnell, »ich glaube, ein Kaffee tut jetzt gut. Dieser Schmuckverkauf hat mich ganz nervös gemacht.«

Wenig später saßen sie in einem eleganten, aber auch sehr gemütlichen Kaffeehaus.

Weißenborn sagte nachdenklich:

»Es ist lange her, seit ich das letzte Mal mit einer jungen Dame im Kaffee saß. Eine Arbeit jagt die andere, nie hat man Zeit.«

»Ja, haben Sie denn jetzt Zeit, halte ich Sie nicht auf?« fiel ihm Ursel erschrocken ins Wort.

Beruhigend schüttelte er den Kopf.

»Ich wurde dank Ihrer Hilfe ja viel schneller mit meinem Einkauf fertig, als ich angenommen hatte. Und schließlich muß man es auch einmal fertigbringen, sich dem ewigen Zeitdruck zu widersetzen. Ich werde künftig ohnehin mehr noch als bisher Aufträge ablehnen müssen, wenn ich mich nicht zerreißen soll. In meinem Haus bin ich fast ein fremder Gast geworden«, sagte er sinnend.

»Sie wohnen am Bodensee, erzählte Fräulein Lang.«

»Ja. Ich habe mir dort ein Haus gebaut. Direkt am See. mit einem prachtvollen alten Garten – aber genießen konnte ich mein schönes Heim bisher noch nicht, denn auch da wartet nur Arbeit auf mich.«

Er sah Verständnis in ihren Augen und erzählte von dem Plan für eine Kirche, an dem er jetzt arbeite.

Hin und wieder warf sie eine Frage ein und überraschte durch ihre kluge Fragestellung.

»Sie verstehen ja etwas von der Baukunst, alle Achtung«, sagte er anerkennend und schaute sie aufmerksam an.

»Ich interessiere mich für alles, was mit Kunst zusammenhängt. Aber es ist doch noch sehr wenig, was ich weiß.«

»Nicht unzufrieden sein. Sie sind noch sehr jung und können noch viel lernen«, kam es tröstend zurück.

»Hm – augenblicklich sieht es wenig danach aus. Im Büro gibt es leider nichts, was mit Kunst zusammenhängt. Himmel, Büro – wie spät ist es denn?« Erschrocken blickte sie auf ihre Uhr. »Ich muß ja sofort gehen, sonst komme ich zu spät.«

»Tatsächlich«, auch er hatte einen prüfenden Blick auf seine Armbanduhr geworfen. »Es wird Zeit für Sie.«

In heiterer Stimmung schritten sie eilig aus.

Langsam fuhr ein weißer Mercedes auf der Fahrbahn neben ihnen her; beinahe unvorschriftsmäßig langsam. Und der Fahrer achtete weniger auf den Verkehr, als auf das lebhaft plaudernde Paar. Zorn und Mißtrauen lagen in seinen braunen Augen und verfinsterten sein Gesicht.

Uwe Seeger fühlte, wie die Eifersucht ihn gepackt hielt. Er kam gerade angefahren, da sah er Ursel mit dem bekannten Professor aus dem Kaffeehaus kommen. Sah, wie sie ihn anlachte, wie sie fröhlich neben ihm ging.

Und für mich hatte sie heute keine Zeit, dachte er wütend und bang zugleich. Er ärgerte sich, Zurückhaltung geübt zu haben. Die Mädchen waren also doch alle gleich – sie wollten erobert werden, sonst liefen sie einem davon. Aber daß Ursel auch so war? Vor diesem jungen Ding hatte er doch tatsächlich Respekt gehabt. Er hatte – Uwe Seeger fuhr sich mit der Hand über die Stirn –, wirklich, er hatte die Sache sehr ernst genommen. Scheinbar viel zu ernst.

*

Der Abend war mild und erfüllt von dem Duft aufspringender Knospen. Lau und erregend zugleich war der sanfte Wind, der die weißen Wolken am dämmernden Himmel vorantrieb. Ursel atmete tief auf, als sie das Hotel verließ. Ah, es wird Frühling, stellte sie fröhlich fest und ging dem Freund entgegen.

»Uwe, ich möchte noch ein bißchen laufen, es ist ja eine wunderbare Luft heute abend«, rief sie ihm mit heller Stimme zu.

»Mir sehr recht, Ursel«, gab er zurück, zweifellos nicht sonderlich gut gelaunt.

»Nanu? Ärger gehabt?« fragte sie prompt.

»Hm – wie man's nimmt. Geht eben manchmal was verquer.« Auch das klang nicht übertrieben freundlich.

»Erzähle, wenn du magst«, sagte sie kameradschaftlich.

»Ich mag aber nicht«, knurrte er.

»Also nicht. Laufen wir also, vielleicht wird dir dann wohler.«

Schweigend schritten sie nebeneinander her. Verständigten sich nur durch eine kurze Bemerkung über das Ziel des Spazierganges.

»Auf den Schloßberg?« fragte Ursel.

»Ja«, erwiderte Uwe.

Sie schritten rüstig aus. Als sie die Höhe erreicht hatten, traten sie an die Brüstung und blickten hinunter auf die lichterglänzende Stadt und das Land, das sich zu ihren Füßen breitete. Ein großer gelber Mond stand am Himmel und zeigte ihnen die Bergkette, die sich weichgeschwungen am Horizont abzeichnete. Ursel hob schnuppernd das Näschen.

»Uwe, ich glaube, es riecht nach Veilchen«, sagte sie froh. »Es wird Frühling.«

»Kann sein«, kam es unliebenswürdig zurück.

»Alter Griesgram! Was ist denn bloß in dich gefahren?« Ursel faßte ihn leicht am Arm und schüttelte ihn ein wenig. Eine so üble Mißstimmung kannte sie bei dem allzeit Fröhlichen nicht.

Plötzlich fühlte sie sich derb an beiden Oberarmen gepackt.

»Ursel, du betrügst mich«, fuhr er sie heftig an. »Ich sah dich gestern mit Weißenborn im Kaffee Adler.«

»Uwe, du bist verrückt.« Unwillig versuchte sie sich freizumachen, aber er hielt sie mit eisernem Griff.

»Wie kommst du zu dem Professor, woher kennst du ihn?«

»Aus dem Hotel. Aber nun laß mich los – es ist doch purer Blödsinn, was du da redest. Die Sache ist völlig harmlos – oh, Uwe, was bist du albern. Und überhaupt, weshalb sollte ich nicht mit einem Herrn, den ich kenne, in ein Kaffee gehen?«

»Weil ich das nicht will. Mich hältst du kurz, ich darf dich nicht einmal küssen, und ich liebe dich doch. Ich liebe dich...«

Er riß sie in seine Arme, überschüttete sie mit Küssen, mit wilder Zärtlichkeit.

Sie war wie betäubt, ließ es willenlos geschehen.

»Mir gehörst du, ich gebe dich nicht her«, stammelte er. Wieder preßten sich seine Lippen auf ihren Mund.

Er atmete schwer, als er endlich den Griff lockerte, ihr mit bebender Hand über das Gesicht strich.

»O Ursel – ich liebe dich so sehr. Nie habe ich ein Mädchen so geliebt, wie dich.«

»Uwe.« Noch immer völlig benommen, fuhr sie sich mit der Hand über das heiße Gesicht, ihre Stimme war ohne Klang: »Uwe – ich will das aber nicht. Ich will keinen Flirt.«

»Wer spricht von Flirt?« fiel er ihr ins Wort. »Du wirst meine Frau, wenn ich das Examen hinter mir habe.«

Völlig fassungslos starrte sie ihn an.

»Uwe – das ist dir ernst?« fragte sie beklommen.

»Selbstverständlich. Ich glaube, dir könnte ich immer treu sein. Du bist so süß, Ursel.«

Wieder zog er sie fester an sich, sein Gesicht neigte sich ihr zu.

»Du liebst mich doch, Ursel?« sagte er fragend.

Sie zögerte mit der Antwort. Seine Küsse hatten sie erregt, sein Heiratsantrag verwirrte sie vollends. Ich mag ihn furchtbar gern – ist das Liebe? fragte sie sich und lehnte sich unbewußt fester in seinen Arm. Irgendwie war es schön, seine Nähe zu spüren.

»Ursel, du hast mich doch lieb, ja?« Seine Stimme war jetzt weich und bittend, als fürchte er ein Nein.

Hilflos legte sie den Kopf an seine Brust, als suche sie vor ihrem eigenen unklaren Empfinden Schutz bei ihm.

»Ich weiß es nicht, Uwe – aber ich habe dich sehr gern«, sagte sie leise.

»Mädel, das ist doch dasselbe, du bist nur noch sehr dumm, Ursel«, kam es zärtlich und jubelnd zugleich zurück.

Seine Augen schauten forschend auf ihren Mund. Da bot sie ihm mit einem scheuen Lächeln die Lippen.

»Nun gehörst du mir.« Seine Stimme klang triumphierend, als er ihren Mund freigab«. »Ach, Ursel, du ahnst ja nicht, wie eifersüchtig ich auf den Professor war. Es machte mich rasend.«

»Aber, Uwe, der Professor ist doch schon ziemlich alt – wie konntest du nur so etwas Unsinniges denken?«

»Der Professor und alt?« lachte Seeger. »Oh, Mädchen, du hast wirklich keine Ahnung vom Leben. Er ist gerade in dem Alter, wo die Mädchen ihm nur so zufliegen würden, wenn er wollte. Und bei seinem Aussehen! Ich glaube, du hast ihn dir noch gar nicht richtig angeschaut. Ich konnte mir jedenfalls keinen gefährlicheren Rivalen vorstellen.«

»Komisch«, erwiderte Ursel sinnend, »ich fand bisher nur, daß er für einen berühmten Mann überraschend nett ist. Na ja – er sieht auch fabelhaft aus – aber jung ist er doch wirklich nicht mehr.«

»Halte du ihn nur für einen alten Mann, das ist ungeheuer beruhigend für mich.« Uwe lachte übermütig, er hatte seine gewohnte Sorglosigkeit wiedergefunden. »Er soll dir ja auch gar nicht gefallen.«

Arm in Arm traten sie den Rückweg an. Uwe Seeger schmiedete unaufhörlich Zukunftspläne, aber Ursel hatte das Gefühl, als sei es eine andere, die neben ihm ging, als sei sie Zuschauerin in einem sehr bunten, aufregenden Film.

Eine seltsame Unruhe ließ sie in dieser Nacht erst gegen Morgen schlafen. Immer wieder hörte sie die Glockenschläge der Turmuhr – es war etwas völlig Neues für sie. Sie kannte noch keine schlaflosen Nächte. Ist es die Liebe, das Glück? fragte sie sich beklommen und fand doch keine Antwort darauf. Ihr ruhiges Jungmädchendasein war erschüttert.

Blaß und unausgeschlafen saß sie am anderen Morgen im Büro. Eine schwere Müdigkeit lag in ihren Gliedern; sie hatte Mühe, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Sie war froh, daß Fräulein Lang nicht im Zimmer war. Ihren kritischen Augen wäre es sicher nicht entgangen, wie oft sich Ursel beim Schreiben der Rechnungen verrechnete wie oft sie ein neues Formular nehmen mußte.

Professor Weißenborn betrat das Büro.

»Fräulein Kamphofer«, sagte er eilig, nachdem er sie freundlich begrüßt hatte, »kann ich mein Zimmer noch für eine Nacht behalten? Eben kam ein Anruf, der mich zwingt, noch einen Tag zu bleiben, ich wäre sonst heute mittag abgereist.«

Ursel trat zum Schreibtisch und warf einen prüfenden Blick auf die Liste.

»Das Zimmer ist noch nicht wieder besetzt, Herr Professor, wir haben Glück.«

»Großartig.« Er machte ein zufriedenes Gesicht. »Dann bleibt mir ein Umzug von Zimmer zu Zimmer erspart.«

Er setzte sich in einen Sessel und schien es jetzt nicht mehr so eilig zu haben.

»Haben Sie die Perlen inzwischen verkauft? War Ihre Schwester mit dem Preis einverstanden?«

Sie nickte.

»Ja, sie fand ihn annehmbar. Was die Kette einmal gekostet hat, wissen wir ja nicht, sie war ein Geschenk meines Onkels an Sybille.«

»Donnerwetter«, meinte der Professor erstaunt, »das ist ja ein sehr nobler Onkel. Da werde ich mich wohl mit dem schlichten Armband für meine Nichte verstecken müssen.«

In lebhaftem Widerspruch schüttelte sie den Kopf.

»Aber, Herr Professor, das Armband ist wunderschön. Auf den Geldwert kommt es doch nicht an. Ihre Nichte wird sich bestimmt sehr darüber freuen.«

»Es wird ihr auch nichts anderes übrigbleiben«, meinte er heiter. »Für Perlen ist mir der Fratz noch zu jung.«

»Das finde ich auch«, stimmte Ursel zu und mühte sich, ein Gähnen zu unterdrücken.

Lächelnd blickte er sie an. Ihm war die kleine Gebärde nicht entgangen.

»Müde, Fräulein Kamphofer? Sind Sie gestern zu lange aus gewesen?«

Errötend wehrte sie ab.

»Nein. Ich habe nur schlecht geschlafen.«

»Wie, in Ihrem Alter? Aber, Kind, da kann man doch noch schlafen, sowie man ins Bett fällt«, fiel er ihr verwundert ins Wort und fügte mit einem kleinen Schmunzeln hinzu: »Oder haben Sie Kummer?«

Heftiger noch als zuvor schoß ihr ein dunkles Rot ins Gesicht. Wenn er ahnte, weshalb sie nicht geschlafen hatte. Ihre Verlegenheit war offensichtlich; Verstellung war ihrem ehrlichen Wesen fremd.

Sie setzte zu einer Antwort an, da betrat Fräulein Lang das Zimmer. Hastig und aufgeregt. Sie schien nicht einmal den Professor zu bemerken.

»Es ist doch unglaublich – stellen Sie sich vor, Madame Durand vermißt ihren ganzen Schmuck. Ein Diebstahl in unserem Haus – entsetzlich!« stieß sie aufgeregt hervor. Sie bemerkte den Professor.

»Oh, Herr Professor – entschuldigen Sie, ich bin so erregt, daß ich Sie gar nicht sah. Aber denken Sie, das ganze Köfferchen mit dem Schmuck ist verschwunden. Ich brauche Sie als alten Gast unseres Hauses ja nicht um Diskretion bitten, nicht wahr? Bei uns ist ja noch kaum ein derartiger Vorfall eingetreten. Wir waren immer sehr stolz darauf. Und nun das.«

Immer noch hastig atmend, blieb sie vor ihm stehen.

Schon nach den ersten Sätzen trat jäh eine ungeheure Spannung auf sein Gesicht. Sein Mund preßte sich fest zusammen, wurde streng. Seine Augen suchten die junge Angestellte. Ein grübelndes, mißtrauisches Forschen lag darin.

Ursel bemerkte es nicht – sie schaute erschrocken auf ihre Vorgesetzte, die sie nie zuvor so erregt gesehen hatte. Ein Hoteldiebstahl – wie aufregend. Allein der Gedanke, daß ein Dieb hier im Hause war.

»Was für Schmuck war denn in dem Köfferchen?« hörte sie den Professor fragen. Ihre Augen wanderten von Fräulein Lang zu Weißenborn.

Sie sah etwas Kaltes, Fremdes in seinem Blick und wurde blaß. Ihr war, als habe eine wuchtige Hand nach ihr geschlagen.

Und der Professor hielt ihre Augen fest, während Fräulein Lang aufzählte:

»Mehrere Ringe, darunter ein besonders wertvoller Smaragd, Armbänder, ich glaube ein halbes Dutzend, Schmucknadeln, Goldketten und eine Perlenkette – ach, was weiß ich, es ist ein ganzes Vermögen gestohlen worden.«

Als sie die Perlenkette erwähnte, war Ursel zusammengezuckt. Auf ihrem Gesicht lag etwas Scheues. Verstört blickte sie den Professor an.

Plötzlich entspannte sich sein Gesicht etwas.

»Wann wurde denn der Schmuck gestohlen? Sicher gestern oder heute?«

»Das eben weiß Madam Durand nicht einmal genau. Es kann ebensogut schon einige Tage früher gewesen sein. Sie hat ihn tagelang nicht gebraucht, weil sie tagsüber Ausflüge in die Umgebung machte und abends früh schlafen ging. Wie soll man nun den Dieb finden? Es ist fürchterlich. Die Polizei ist schon drüben beim Herrn Direktor – ach so«. Fräulein Lang griff sich an den Kopf, als müsse sie sich besinnen, »ich sollte ja das Gästebuch hinüberbringen. Oh, ich bin völlig durcheinander. Sie entschuldigen mich, Herr Professor.«

Hastig griff sie nach dem Gästebuch und eilte hinaus.

Einen Augenblick herrschte beklemmende Stille in dem Raum. Das Schweigen hatte etwas Drohendes.

Das Gesicht des Professors hatte sich wieder verhärtet, als er hörte, daß der Diebstahl einige Tage zurückliegen könnte.

Er zündete sich eine Zigarette an und ging ein paarmal schweigend auf und ab.

Ursel war es, als sei seine hohe Gestalt noch gewachsen, grenzenlose Furcht hielt sie gefangen.

Er denkt an Sybilles Kette, schoß es ihr verstört durch den Sinn.

Professor Weißenborn blieb vor ihr stehen. Er sah das Beben, das den schlanken Mädchenkörper überlief, sah den flehenden, erloschenen Blick. Und hatte nicht die leiseste Ahnung, daß es sein Verhalten war, das sie einschüchterte und ihr das Aussehen einer Schuldigen gab.

»Ein merkwürdiges Zusammentreffen, Fräulein Kamphofer«, sagte er tiefernst und schaute sie bedeutungsvoll an.

Er sprach den furchtbaren Verdacht nicht aus – aber es war, als habe eine grelle Stimme das Ungesagte hinausgeschrien.

Ursel war zusammengezuckt. Aber dann war plötzlich die flammende Empörung der unschuldig Verdächtigen in ihr. Sie hatte den Schock, der sie überfallen hatte, abgeschüttelt.

Schmal und stolz stand sie vor ihm. Jetzt waren es ihre Augen, die anklagten.

»Ich verkaufte die Perlen meiner Schwester, Herr Professor.« Die junge, sonst so weiche Stimme klang kalt und hart.

Er sah die Veränderung, die mit ihr vorging, aber sie beeindruckte ihn nicht sehr. Zu stark fühlte er sich selbst in das Dunkel eines Verbrechens verstrickt, als daß er jetzt klar zu urteilen vermochte. Und leugneten sie nicht alle, die sich gegen das Gesetz vergingen, die Alten und die Jungen?

»Ich war Ihnen behilflich, die Perlen zu verkaufen«, sagte er schwer. Die Erbitterung eines Mannes klang daraus, der seine Ehre angegriffen sieht.

Ihr wacher Verstand erfaßte sofort, was er andeutete.

»Ja«, sagte sie mit einer völlig neuen Überlegenheit und Reife, die weit über ihr Alter hinausging. »Sie halfen mir dabei, Herr Professor.«

Furchtlos blickte sie ihn an. Sie ahnte selbst nicht, wie herb, ja, hochmütig ihr junges Gesicht war. Mit keinem Wort kam sie ihm entgegen, jede Verteidigung schien sie für überflüssig zu halten.

Grübelnd, finster war sein Blick.

»Können Sie beweisen, daß die Kette Ihrer Schwester gehörte?«

Jetzt war er ausgesprochen, der furchtbare Verdacht.

Sie antwortete nicht sofort Es war, als denke sie angestrengt nach – und wieder war es ihr Zögern, das, seinen Verdacht bestärkte.

»Können Sie den Beweis antreten, Fräulein Kamphofer?« Seine mahnende Stamme klirrte eisig.

Sie straffte sich.

»Falls Sie schriftliche Beweise erwarten – ich weiß nicht, ob welche vorhanden sind. Meine Schwester erhielt die Kette, als sie nach bestandenem Abitur bei meinem Onkel war.«

»Dann müßte ja Ihr Onkel den Beweis antreten können«, fiel er ihr hastig ins Wort und schaute sie erwartungsvoll an. Es war, als empfände er Erleichterung.

Sie schüttelte den Kopf.

»Mein Onkel starb vor kurzem.«

»Ah – finden Sie das nicht sehr merkwürdig, Fräulein Kamphofer?« fuhr er zürnend auf.

»Nein, ich finde es gar nicht merkwürdig, daß ein Mensch stirbt.« Sie ahnte nicht, wie spöttisch ihre Stimme klang. »Aber abgesehen davon, meine Schwester hat diese Kette viel getragen. Es müßten sich Zeugen finden lassen, die das bestätigen können. Ob es noch andere Beweise gibt?«

Hilflos zuckte sie mit den Schultern. Ihre Haltung erschlaffte, plötzlich war sie wieder ein junges, noch kindliches Mädchen voller Angst vor der Gefahr, in der sie schwebte.

Er maß sie mit einem düsteren, durchdringenden Blick, dem sie ruhig standhielt – aber eine stumpfe Resignation lag jetzt über ihrem ganzen Wesen.

Professor Stephan Weißenborn stand Höllenqualen aus. Es peinigte ihn zu denken, er könne eine Unschuldige verdächtigen, und gleichzeitig marterte ihn der Gedanke, er könne unwissentlich Hehlerdienste geleistet haben.

Seine Gedanken arbeiteten rastlos, prüften und bohrten – er kam zu keinem Ergebnis.

Ursel fühlte ihre Knie weich werden, sie griff haltsuchend nach einer Stuhllehne. Sein Schweigen ließ ihr erst deutlich bewußt werden, welche Ungeheuerlichkeit er ihr zumutete, wie beleidigend sein Verdacht war. Alles in ihr bäumte sich dagegen auf.

Da kam seine Stimme. Sie klang ruhig, aber auch mutlos, resignierend.

»Fräulein Kamphofer, ich bin jetzt außerstande, mir ein Urteil zu bilden. Der Umstand, daß ich Ihnen beim Verkauf der Perlen behilflich war, raubte mir die Unbefangenheit. Ich bin kein neutraler Beobachter, verstehen Sie das?«

Antwortheischend blickte er sie an.

Sie schüttelte verneinend den Kopf. Kein Wort kam über ihre Lippen.

»Aber das müssen Sie doch verstehen«, rief er ungeduldig. »Sie sind doch ein kluges Mädchen. Meine Ehre, mein Ruf sind in Gefahr, wenn ...«

Er stockte, sah sie nur sehr ausdrucksvoll an.

»Jetzt verstehe ich«, erwidert sie bitter, »Ihre Ehre ist sehr empfindlich. So sehr, daß Sie sich nicht scheuen, meine Ehre anzugreifen.«

Ihre Stimme erstickte. Er sah, wie sie verzweifelt gegen Tränen kämpfte. Wie sie schluckte und die Hände fest zusammenballte.

»Mein Gott, Fräulein Kamphofer, wenn ich Ihnen Unrecht tue – und ich fürchte, ich habe es getan, dann – dann habe ich Ihnen viel abzubitten«, sagte er erschüttert und voller Qual.

»Dann werden Sie viel abzubitten haben, Herr Professor«, rief sie mit klingender Stimme, in den Augen flammende Empörung. »Aber alles Bitten würde nichts nützen – ich verzeihe nie! Nie!«

Er trat zu ihr und sagte tiefernst:

»Fräulein Kamphofer, es handelt sich hier um eine unglückselige Verkettung von Begebenheiten. Sie werden das bei ruhiger Überlegung einsehen und mein Verhalten verständlich finden. Fräulein Lang stürzte hier herein, alles entwickelte sich mit unglaublicher Schnelligkeit, ohne daß man einen klaren Gedanken fassen konnte. So, wie ich Sie kennen lernte, halte ich es für ausgeschlossen, daß – nun ja, Sie wissen, was ich meine.«

In peinlicher Verlegenheit mied er das Wort Diebstahl, und fuhr dann sicherer fort:

»Ich glaube deshalb verantworten zu können, wenn ich jetzt Schweigen bewahre.«

Sie hob die Hände mit einer Bewegung, als wolle sie sich die Ohren zuhalten.

»So tun Sie doch, was Sie wollen. Meinetwegen sollen Sie Ihr Gewissen nicht noch mehr belasten«, rief sie gereizt. »Aber bitte, verschonen Sie mich. Ich habe zu tun.«

Ohne zu bedenken, daß der Professor ein besonders geschätzter Gast des Hauses war, ging sie zum Schreibtisch und setzte sich. Mit bebenden Händen wühlte sie zwischen den Papieren.

Der Mann schaute sie unschlüssig an. In seinem ganzen Leben hatte er sich nicht so unsicher gefühlt, wie diesem blutjungen Mädchen gegenüber. Seine Zähne gruben sich in die Unterlippe. In finsterem Grübeln starrte er vor sich hin.

»Fräulein Kamphofer, ich gehe jetzt, aber wir sprechen noch einmal darüber, wenn wir beide ruhiger geworden sind.«

Sie antwortete nicht und erwiderte auch den Gruß nicht, mit dem er ging.

Ein furchtbarer Aufruhr tobte in ihr. Ja, es war ein unglücklicher Zufall, daß sie gerade jetzt eine Perlenkette verkauft hatte, aber durfte er sie deshalb verdächtigen?

Er tat es, weil ich arm bin, dachte sie bitter. Wäre ich ein reiches Mädchen, nie hätte er das gewagt. Aber den Armen war jede Ehrlosigkeit zuzutrauen.

Ihr junges, gläubiges Herz, das der Welt und den Menschen vertraute, füllte sich mit glühendem, fressendem Haß. Ja sie haßte ihn, den stolzen, selbstsicheren Mann. Oh, wie sie ihn haßte. Ihre Lippen bewegten sich lautlos, als spräche sie mit ihm. Erst jetzt kamen ihr die Worte wilder, flammender Empörung, die sie ihm hätte sagen müssen. Zornige Anklagen waren es, die ihm in Gedanken entgegengeschleudert wurden.

Ursel sank in sich zusammen. Das Leben war hart, es war grausam.

In diesen Tagen ging eine Wandlung mit ihr vor. Aus dem offenen, heiteren Mädchen wurde ein ernster, wissender Mensch. Sie hatte begriffen, es genügte nicht, sich durch ehrliche Arbeit das tägliche Brot zu verdienen, das alles war noch keine Selbständigkeit. Es gehörte mehr dazu – man mußte es lernen, sich selbst und dieses einfache Arbeitsleben zu verteidigen.

Schon am nächsten Morgen, dem eine unruhige Nacht vorausgegangen war, ging sie zum Direktor.

Sie hatte eine kurze, ernste Aussprache mit ihm. Sie wußte genau, was sie wollte und atmete erlöst auf, als sie Verständnis fand.

»Sie sind ein kluges Mädchen, Fräulein Kamphofer«, sagte der Direktor mit dem Ausdruck höchster Anerkennung. »Es überrascht mich, wie schnell Sie bei Ihrer Jugend die Situation überblickt haben. Es ist gut, daß Sie gleich so tatkräftig handeln, denn jetzt läßt sich die Angelegenheit noch klären. Die Kette wird sicher noch nicht verkauft sein.«

Ein blasses Lächeln dankte ihm.

Mit keinem Wort hatte sie erwähnt, was sie zu dem Entschluß getrieben hatte, mit dem Direktor über den Verkauf der Kette zu sprechen.

Einige Stunden später wurde sie zu ihm gerufen.

»Es ist alles in bester Ordnung Fräulein Kamphofer. Der Juwelier hatte die Perlen noch nicht verkauft. Madame Durand konnte sich selbst überzeugen, daß es sich nicht um ihr Eigentum handelt. Der Juwelier war schon besorgt, denn man hatte natürlich schon in allen einschlägigen Geschäften recherchiert, ob der gestohlene Schmuck zum Verkauf angeboten worden ist. Sie sollen in Begleitung eines Herrn gewesen sein?«

»Ja, ein bekannter Herr, den ich zufällig traf, begleitete mich«, erwiderte sie ausweichend, aber mit fester Stimme. Es war ihr unmöglich, den Namen des Professors zu nennen, und es war ja auch so unwichtig, wer ihr Begleiter gewesen war.

»Jedenfalls ist es ein Glück, daß durch Ihr umsichtiges Handeln jeder auftauchende Verdacht von Ihnen genommen ist; denn selbstverständlich wird auch unser gesamtes Personal von der Polizei scharf unter die Lupe genommen. Nun, die Sache ist in Ordnung.« Er machte eine kurze Pause und betrachtete die junge Angestellte mit sichtlichem Wohlgefallen. »Ja, Fräulein Kamphofer – ich glaube, Sie haben jetzt die besten Chancen bei uns. Sie haben das Zeug, eine tüchtige Hotelsekretärin zu werden. Ich werde zu gegebener Zeit daran denken.«

Ein ernstes Lächeln dankte ihm. Noch vor zwei Tagen hätte Ursel jetzt kindliche Freude gezeigt. Der Stolz über das Lob hätte ihre Augen hell aufleuchten lassen. Jetzt nahm sie es mit ruhiger Gelassenheit entgegen, als ein junger Mensch, der sich hütete, seine Empfindungen zu zeigen.

*

Uwe Seeger war der erste, der die Veränderung bemerkte, die mit Ursel vor sich gegangen war.

In der langen Mittagspause, die sie heute hatte, waren sie hinausgefahren in die herrliche Umgebung der Stadt. Die warme Märzsonne verlockte zu einem Spaziergang.

An einem Waldrand gingen sie entlang. Ursel, die sich sonst über jede grünende Blattspitze gefreut hatte, ging heute achtlos daran vorbei. Sie schien nicht einmal die blühenden Obstbäume zu sehen, deren Knospen gerade aufgebrochen waren.

Daß sie schwieg, war ihm nicht neu. Ursel war eben anders als andere Mädchen, die immer etwas schwatzen mußten.

Er hatte den Arm um ihre Schultern gelegt und ging neben ihr.

»Bei euch soll es ja einen grandiosen Diebstahl gegeben haben? Man spricht von einem sagenhaft kostbaren Schmuck, der gestohlen wurde.«

»Ja, es stimmt. Aber es ist uns verboten, darüber zu sprechen«, erwiderte sie gleichmütig.

»Verstehe. Jede Hoteldirektion versucht, so etwas zu vertuschen, damit der gute Ruf nicht kaputtgeht. Meist ist es ja auch irgend jemand vom Personal, ein Kellner oder Zimmermädchen.«

»Ja«, unterbrach ihn Ursel spöttisch und erbittert zugleich. »Arme Angestellte haben ja sonst auch keine Möglichkeit, sich ein Vermögen zu erwerben. Und mit der Ehre nehmen sie es nicht so genau.«

»Ursel!« rief er erschrocken. »Mädchen, fühlst du dich etwa getroffen, weil ich so blöd daherredete?«

»Selbstverständlich nicht, aber es hätte immerhin sein können. Auch ich gehöre ja zum Personal«, sagte sie kühl. Sie hatte sich von seinem Arm befreit und schritt jetzt mit einigem Abstand neben ihm. Ihre Augen blickten starr geradeaus.

Ihm war etwas unbehaglich geworden.

»Aber Ursel«, sprach er etwas verlegen, »das ist doch blühender Unsinn. Erstens meinte ich das nicht so ernst mit dem Personal, es kann ebensogut ein berufsmäßiger Gauner gewesen sein, und außerdem besteht zwischen dir und den anderen doch ein gewaltiger Unterschied.«

»Ich wüßte nicht, wieso. Ich arbeite genauso wie die anderen. Ich bin eine ganz gewöhnliche kleine Angestellte«, versetzte sie herb.

Seeger lachte. Er fand es sehr drollig, daß sie sich mit ihren Kollegen solidarisch erklärte.

»Du bist eine putzige kleine Person«, sagte er und zog sie verliebt in seine Arme. »Aber ernsthaft – für dich ist doch deine jetzige Stellung nur eine Entwicklungsstufe zu einem höheren Ziel, du kommst aus unseren Kreisen und überhaupt, du bist das süßeste Mädele, das ich kenne, und wirst meine Frau. Damit dürfte der Fall geklärt sein. Und nun ...«

Seine Augen, blickten verlangend auf ihren Mund, und er vollendete das ungesprochene Wort.

Sie duldete seinen Kuß – aber sie erwiderte ihn nicht.

»Mädel«, sagte er leicht verärgert, »bist du immer noch verknurrt?«

»Ich bin nicht verknurrt«, kam es etwas gereizt zurück. »Ich überlege nur, wie du dächtest, wenn ich wirklich nur arbeitete, um mir mein Brot zu verdienen?«

»Aber du tust es doch nicht« meinte er unbekümmert. »Weshalb soll ich mir nun darüber den Kopf zerbrechen? Komm, Schatz, verdirb uns nicht den schönen Tag, sei lieb. Schau, da hinten ist das Jagdschlößchen, da werden wir. jetzt unseren Kaffee trinken, und dann bleibt uns gerade noch soviel Zeit, daß wir gemütlich zum Wagen zurückschlendern können, damit die arme Angestellte pünktlich kommt und sich ihr Brot verdienen kann.«

Übermütig wirbelte er sie herum.

»So, sitzt das Köpfchen nun wieder am rechten Platz?«

»Wahrscheinlich.« Sie lächelte gezwungen. »Aber was ist das für ein Jagdschlößchen? Es sieht so romantisch aus.«

Sofort ging er auf ihr Ablenkungsmanöver ein, froh, daß sie, wie er meinte, wieder vernünftig geworden war.

Aber Ursel war durchaus nicht vernünftig oder ruhig. Innerlich rebellierte sie. Ihr Zorn richtete sich gegen Sybille, die sie zwang, unwahr zu sein. Es verdroß sie, nicht ehrlich sagen zu können, daß sie ein armes Mädchen war. Und sehr stark bewegte sie die Erkenntnis, daß Uwe sehr oberflächlich von seinem Standpunkt als Sohn reicher Eltern urteilte.

»Mädchen«, sagte er und betrachtete sie kritisch, als sie beim Kaffee saßen, »jetzt machst du ein ganz altes Gesicht? Was ist mit dir los? Du warst schon gestern so komisch ernst.«

»Du siehst Gespenster, ich bin genauso wie immer«, entgegnete sie ausweichend und riß sich zusammen. Ihr war, als habe es keinen Sinn, mit ihm über das zu sprechen, was sie so stark bewegte. Aber wäre es nicht richtiger, sie sagte ihm bald, daß sie und Sybille arm waren? Einmal mußte er es doch erfahren, wenn sie seine Frau werden sollte.

Seine Frau!

Der Gedanke daran hatte noch etwas Unwirkliches für sie. Zu schnell war das Neue über sie gekommen, zu gering war ihre Erfahrung dem Leben gegenüber. Die Liebe barg für sie große Geheimnisse, sie verstand ihr eigenes Herz noch nicht.

Es erstaunte sie deshalb auch nicht, daß sie ohne glückselige Erregung lauschte, wenn er von der Zukunft sprach.

»Nach dem Examen werde ich meinen Eltern das holde Geständnis machen. Dann sind sie gut aufgelegt und werden uns nicht viel dreinreden. Mama findet ja für ihren Einzigen keine gut genug. Aber du wirst ihr gefallen, sie mag dich ja schon jetzt sehr gern. Freilich – Sybille ist ihr Schwarm, von ihr ist meine alte Dame begeistert. Ich glaube, sie wittert da eine Seelenverwandtschaft, sie haben vieles gemeinsam. Aber mir wäre deine schöne Schwester zu kaltschnäuzig. Allerdings...«, augenzwinkernd hatte er sie dabei angesehen, »du bist auch noch ein kleiner Eiszapfen, aber du bist ja auch noch ein ganz dummes, kleines Mädchen.«

Ihre scheue Zurückhaltung stimmte ihn nicht nachdenklich. Sie war eher dazu angetan, sein Begehren zu steigern. Für ihn war es ein reizvolles Spiel, ihre Sprödigkeit zu besiegen.

In diesen Tagen und Wochen freilich erschien ihm Ursel manchmal etwas zu schwerfällig, zu ernst. Nicht einmal bei den kleinen, fröhlichen Gesellschaften, an denen sie teilnahmen, wurde sie so lustig, wie er sie kennengelernt hatte. Fiel ihm das besonders stark auf, dann neckte er sie ein wenig oder schimpfte gutmütig mit ihr, aber nie kam er auf den Gedanken, daß ein schweres Erlebnis sie verändert haben könne.

Ursel aber krankte noch immer an dem furchtbaren Verdacht, den Weißenborn gegen sie gehabt hatte. Ein tiefes Mißtrauen gegen alle Menschen setzte sich mehr und mehr in ihr fest.

Kritisch begann sie die Menschen zu beobachten, besonders jene, mit denen sie durch Seeger in Berührung kam. Und auch ihn.

Hatte er nicht sehr viel Ähnlichkeit mit seiner Mutter, deren kühle Liebenswürdigkeit nicht über einen sehr ausgeprägten Standesdünkel hinwegtäuschte?

Und immer schien er es als sicher anzusehen, daß sie und Sybille wohlhabende Mädchen waren, daß sie sich nur aus einer Laune heraus in ein Büro setzte, weil sie angeblich keine Lust gehabt hatte, noch länger die Schulbank zu drücken.

Ich muß es ihm sagen, daß ich arm bin. Immer wieder nahm sie es sich vor.

Aber Sybille machte es ihr schwer, die Wahrheit zu sagen.

Sybille spielte selbst im Krankenhaus die verwöhnte und wohlhabende junge Dame. Ursel stellte es immer wieder erschrocken fest.

Zusammen mit Seeger kam sie, um die Schwester zu besuchen.

Sybille lag, halb sitzend, im Bett, und vor ihr ausgebreitet lagen ein paar bezaubernde und kostbare Nachthemden.

»Uwe, du dürftest eigentlich nicht hereinkommen«, rief Sybille heiter. »Ich bin gerade dabei, mir ein paar Nachtgewänder zu kaufen.«

»Aber, Billa, so was sieht man doch in jedem Schaufenster«, lachte Uwe. »Es ist mir durchaus nichts Neues. Vielleicht kann ich dir bei der Auswahl helfen?« Schmunzelnd hob er mit spitzen Fingern eines der Nachthemden hoch, schnalzte beifällig mit der Zunge.

Während Sybille und Uwe lachend und scherzend wühlten, schaute Ursel nur beklommen auf die kleinen Preisetiketten und erschrak. Sybille mußte total verrückt sein. Für vier Nachthemden dreihundert Mark? Das verstand die ehrliche, gerade Ursel nicht. Fast verächtlich schaute sie auf die duftigen Spitzengewänder.

»Wie lange wirst du noch bleiben müssen?« erkundigte sie sich unruhig.

»Nicht mehr sehr lange – bald hat die Qual ein Ende«, freute sich Sybille. »Man ist sehr zufrieden mit den Fortschritten, die ich mache.«

Sie sah den vorwurfsvollen Blick der jüngeren Schwester, der so bezeichnend auf ihr und den luxuriösen Nachthemden ruhte und lachte geheimnisvoll.

Nur sie wußte, weshalb sie sich jetzt noch diese große Ausgabe machte.

Egbert Seeger, der ihr bisher nur wöchentlich einmal einen Rosenstrauß geschickt hatte und sich telefonisch bei ihr nach ihrem Ergehen erkundigte, hatte sie gefragt, ob er sie einmal besuchen dürfe. Er wolle sich so gern selbst überzeugen, daß es ihr wirklich besser ginge.

Kam es da auf ein paar Mark an, wenn es galt, schön zu sein? Würde diese Ausgabe nicht tausendmal Zinsen bringen? Oh, er war ja so reich, der Fabrikant Seeger...

Sybille dehnte sich wohlig in ihrem Bett. Die Besucher waren gegangen. Sie war allein und konnte ihren stolzen Zukunftsträumen nachhängen.

*

Professor Stephan Weißenborn war in diesen Wochen von gärender Unruhe erfüllt. Er hatte das Empfinden, als sei sein ganzes Leben in den Grundfesten erschüttert. Nie zuvor hatte er sich in einem so schweren Zwiespalt befunden.

Besonders schlimm war es während der kurzen Ruhepause, die er sich in seinem Heim am Bodensee gönnte. Sonst hatte er die wenigen Stunden, die er daheim und in seinem schönen Garten, in dem es jetzt überall blühte, genossen. Jetzt trieb ihn die Unrast hin und her.

Immer sah er ein seltsam starres Mädchengesicht vor sich, in dem nur die zornig flammenden Augen zu leben schienen. Konnte dieses Mädchen so lügen, sich so verstellen?

Eine innere Stimme sagte ein lautes »Nein«. Der grübelnde Mann schämte sich seines Verhaltens, schämte sich vor einem kindhaft jungen Mädchen, einer kleinen Angestellten, die er so ungeheuerlich gekränkt hatte.

Kam er aber ins Parkhotel, es geschah mit gewohnter Regelmäßigkeit, galt seine erste Frage dem Dieb des Schmuckkoffers. Hatte man ihn endlich gefunden?

Fräulein Lang schüttelte stets den Kopf und seufzte.

»Leider nein. Man scheint bestimmte Spuren zu verfolgen, aber Näheres erfahre ich natürlich nicht. Es ist alles sehr geheim.«

Und dann überfiel ihn wieder eine unbestimmte Furcht. Dann schlug ihm das Gewissen, als sei er selbst der Dieb gewesen, dann peinigte ihn die Frage, ob er sich durch sein Schweigen nicht schuldig machte. Wer würde je verstehen, daß er den reinen Augen eines Mädchens vertraute, statt zu tun, was die Pflicht gebot?

Er begriff sich selbst nicht mehr. In jedem anderen Fall hätte er keinen Augenblick gezaudert.

Sowie er des Empfangsbüro betrat, fand er stets das Mädchen, das ihn in einen so schweren Konflikt gebracht hatte, an seinem Arbeitsplatz vor. Aber regelmäßig verließ sie gleich nach seinem Eintritt das Büro und schritt aufrecht und stolz an ihm vorbei, nachdem sie ihm gerade einen knappen Gruß gegönnt hatte.

Er begrüßte es zwar, ein paar Worte allein mit Fräulein Lang wechseln zu können, um seine Frage nach dem Dieb zu stellen – aber es wäre ihm lieber gewesen, hätte er Gelegenheit gehabt, wieder und wieder aus dem Gesicht des Mädchens die Unschuld zu lesen und sich zu überzeugen, daß er recht handelte. Seiner Menschenkenntnis konnte er bisher vertrauen, nur hier war er unsicher, weil er nicht unbeteiligt an dem Geschehen war.

Er wünschte sich, sie sprechen zu können, aber da er in der Regel nur am Abreisetag kam, um seine Rechnung zu begleichen, bot sich wenig Gelegenheit, sie allein zu treffen.

Heute, nach Wochen, hatte er Glück.

Fräulein Lang machte in der Stadt eine dienstliche Besorgung, Ursel war allein im Büro.

Knapp, in geradezu verletzender Weise, erwiderte sie seinen Gruß.

Schnell griff sie nach einem Papier, erhob sich und legte es vor ihn auf den Tisch.

»Bitte, Ihre Rechnung, Herr Professor.«

Nicht wie sonst griff er eilig nach dem Scheckheft in der Brusttasche. Statt dessen stützte er sich mit einer Hand leicht auf den Tisch und sagte mit unterdrückter Erregung:

»Ich bin froh, Sie endlich einmal allein sprechen zu können, Fräulein Kamphofer.«

Er suchte ihre Augen, aber sie blickte an ihm vorbei.

»Das verstehe ich nicht«, erwiderte sie mit spröder Stimme, in der erbitterte Abwehr lag, »denn es gibt zwischen Ihnen und mir nichts zu besprechen.«

Und nun sah sie ihn an, und es lag nichts als eisige Verachtung in ihren Augen.

Er verstand nicht, wie diese jungen Augen so zu blicken vermochten, so ungeheuer und so peinlich ausdrucksvoll.

Er wußte nicht mehr, was er hatte sagen wollen. Er handelte wie unter einem geheimen Zwang, als er antwortete:

»Ich habe Sie schwer gekränkt. Verzeihen Sie mir.«

Er war selbst überrascht, als er sich so sprechen hörte. Aber es ging ein jäher Ruck durch ihn, als er ihre Stimme vernahm. Eisig, kalt:

»Ich sagte es einmal: Ich verzeihe nie!« Dann nach einer winzigen Pause: »Bitte, Ihre Rechnung, Herr Professor.«

»Gut, wie Sie wollen. Aber Sie wissen, der Dieb ist noch nicht gefunden.«

Und wieder war ihm, dem korrekten, stets beherrschten Mann nicht klar, was ihm erneut Worte der Kränkung über die Lippen trieb. War es verletzter Mannesstolz? Er, der Professor, hatte eine kleine Angestellte um Verzeihung gebeten, obwohl sie sich in seinen Augen noch immer in einer sehr zwielichtigen Situation befand, und war zurückgewiesen worden.

Seine Hand griff nach dem Scheckbuch. Hastig füllte er den Scheck aus. Eilig wandte er sich zum Gehen.

»Bitte, die quittierte Rechnung; – sie ist wichtig, Herr Professor.«

Ihm war, als höhnte die junge Stimme.

Ohne sich beirren zu lassen, verließ er den Raum, als habe er ihre Worte nicht gehört. Ursel stand und starrte auf das weiße Papier. Mit schweren Schritten ging sie an ihren Platz und ließ sich auf den Stuhl fallen.

Mein Gott, wozu hatte sie sich hinreißen lassen?

War es richtig, ihn so zu kränken, seine Bitte um Verzeihung zurückzuweisen?

Mit dunklen, traurigen Augen starrte sie vor sich hin. Plötzlich erstand wieder Bild auf Bild vor ihr, übermächtig wurde die Erinnerung an den dunkelsten Tag ihres Lebens.

»Ich kann nicht. Ich kann nicht...« Sie merkte es nicht einmal, daß sie laut sprach, so schwer lastete der Schimpf auf ihr, der ihr einmal angetan worden war, der ihren jungfrohen Glauben an die Güte der Welt zerstörte und verdunkelte, was hell und sonnig schien.

»Ich kann nicht.« Sie sagte es noch einmal. Dann wandte sie sich mit einer trotzigen Bewegung ihrer Arbeit zu. Der weiche, rosige Mund preßte sich fest zusammen.

*

Während der Mittagspause ging sie zu ihrer Schwester. Mit der ihr eigenen, anmutigen Haltung überquerte sie mit schnellen Schritten den Parkplatz vor dem Hotel. Ihr weiter Faltenrock flatterte im Frühlingswind. Sie sah sehr reizend aus, nur das Gesicht war zu ernst, viel zu ernst und paßte so wenig zu der beschwingten Erscheinung mit den lustig flatternden Haaren.

Professor Weißenborn, der gerade seinen Wagen abstellte, sah sie kommen und blickte ihr entgegen. Finster zogen sich seine Augenbrauen zusammen.

Ganz dicht war sie jetzt vor ihm. Sie begegneten einander. Kurz ruhte Blick in Blick, dann schritten sie grußlos aneinander vorbei.

Ich bin jetzt nicht im Dienst, beschwichtigte Ursel eine mahnende Stimme. Wie käme ich dazu, jeden Gast des Hauses zu grüßen.

Sie betrat wenig später das Krankenzimmer und blieb verblüfft in der Tür stehen. Zu ungewohnt war das Bild, das sich ihr bot, zu neu.

Sybille weinte!

Sie lag im Bett, hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt, aber kein Zweifel, sie schluchzte leise vor sich hin.

»Sybille, was ist?«

Ursel hatte vorsichtig die Tür geschlossen, trat so behutsam an das Bett, als sei es eine Schwerkranke, die dort lag.

»Mein Bein wird steif bleiben! Ein Krüppel werde ich sein! Ich – ein Krüppel!« Sie schrie es förmlich hinaus.

Ein verzweifeltes Stöhnen. Die schöne Sybille, der das Leid fremd war, lehnte sich auf gegen eine Grausamkeit des Schicksals, das ihr ihren kostbarsten Besitz rauben wollte, ihre makellose Schönheit. Eine hinkende Frau war nicht mehr schön, sie war lächerlich.

Ursel war wie betäubt.

Auch sie konnte sich die bewunderte Schwester nicht als körperlich behindert vorstellen. Ein verkürztes Bein? Sybille war so schön, so stolz und anmutig gegangen – wie oft hatten sich die Menschen nach ihr umgeblickt. Ja, es war wirklich ein großes Unglück, das über Sybille gekommen war, davon war auch Ursel überzeugt.

Heiß wallte das Mitleid in ihr auf.

»Billa, kann man denn gar nichts dagegen tun?« fragte sie beklommen. »Wissen die Ärzte denn keinen Rat? Sie vollbringen doch sonst wahre Wunderdinge?«

»Geld sollte man haben, Kleine, viel Geld«, kam es erbittert zurück. »Mit Geld kann man sich sogar Gesundheit kaufen. Eine längere Kur in Wildbad könnte vielleicht noch helfen – dort soll man die Wunderdinge vollbringen, an die du denkst.«

»Dann mußt du nach Wildbad«, sagte Ursel impulsiv. »Das ist doch selbstverständlich.«

Ein spöttisches Lachen antwortete.

»Willst du mir verraten, wie ich das bezahlen soll?«

Ursel machte ein ratloses Gesicht. »Wenn du jetzt die Perlen noch hättest«, sagte sie vorsichtig.

»Kluges Kind – weiter weißt du nichts?« höhnte Sybille.

Hilflos zuckte die Jüngere mit den Schultern.

»Sybille, wenn ich dir doch helfen könnte, nichts sollte mir zu schwer sein«, sagte sie tonlos.

»Ich weiß, du würdest mir zuliebe sogar Lotto spielen und auf den großen Gewinn hoffen«, kam es böse zurück.

Ursel sank traurig in sich zusammen. Die Bosheit der Schwester tat ihr weh, aber sie konnte ihr nicht böse sein. Sybille war ja unglücklich – sehr unglücklich.

»Hast du denn schon die Ärzte gefragt, was es in Wildbad kosten würde?«

Wieder ein hartes, böses Lachen.

»Viel Geld, Kleine, da brauche ich gar nicht erst fragen.«

Viel Geld.

Den Kopf gesenkt ging Ursel durch die Straßen. Sie sah und hörte nicht, was um sie herum vorging; gerade, daß sie dem Verkehr noch die allernotwendigste Aufmerksamkeit schenkte.

Viel Geld, dachte sie immer wieder. Wo bekam man es her?

Uwe hatte es im Überfluß. Oh, viele Menschen hatten mehr, viel mehr, als sie brauchten. Warum war es so ungerecht verteilt?

Niedergeschlagen betrat sie das Büro. Sie fand Fräulein Lang zusammen mit einigen Kolleginnen in äußerst lebhaftem Gespräch.

Still setzte sie sich an ihren Arbeitsplatz, ohne auf die Unterhaltung der anderen zu achten.

Sie wurde erst aufmerksam, als die etwas scharfe Stimme der Personalbuchhalterin bemerkte:

»Sie wird es noch schwer bereuen, davongelaufen zu sein, das garantiere ich. Ihr Märchenprinz wird ihr bald den Laufpaß geben. Dann kann sie lange suchen, bis sie so eine Stellung findet wie bei uns. Soviel Geld verdient sie bestimmt nicht wieder. Das schöne Gehalt, und dann die Prozente. Ich möchte nicht wissen, was da noch zusammengekommen ist. Aber so ist es nun mal, mit schönen Augen verdient man mehr, als mit einem ordentlichen Beruf.«

Eine ungeheure Spannung hatte sich der jungen Angestellten bemächtigt.

Sie wagte eine schüchterne Frage.

»Die Lolo ist davongelaufen, unsere Bardame. Mit dem Scheich, der das große Appartement bewohnt hat«, erklärte Fräulein Lang. »Er reiste doch heute mittag mit Lolo ab.«

»Und gerade jetzt, wo die Hochsaison beginnt«, kritisierte die Buchhalterin. »Der Direktor kocht vor Zorn. Bardamen gibt es ja wie Sand am Meer, aber für unser Haus? Wir können ja nicht jede nehmen. Die Lolo hatte Format, das muß man ihr lassen.«

Ursel lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und schaute mit weitaufgerissenen Augen vor sich hin. Ein Wirbel hatte sie erfaßt. Ihre Gedanken glitten hin und her und ließen sich nicht festhalten.

Ursel dachte nicht daran, daß es ganz ungehörig war, während der Dienstzeit müßig au sitzen und in die Luft zu starren. Sie war völlig benommen von der blitzartig in ihr aufleuchtenden Erkenntnis, daß sich da ein Weg auftat, den sie vielleicht gehen konnte.

Es war unmöglich, sich zu konzentrieren. Menschen kamen und gingen. Ursel half bei der Abfertigung und ertappte sich dabei, daß sie falsche Auskünfte gab. Verwirrt berichtigte sie sich.

Und schließlich hielt sie es nicht mehr aus, zu drängend waren die Gedanken, die sie erst noch als zu unsinnig, ja als abenteuerlich zurückgewiesen hatte.

Man muß es versuchen, dachte sie mit verzweifelter Entschlossenheit und ging mit einer kurzen Entschuldigung hinaus.

Ging eilig, als habe sie Angst, ihr Entschluß könne sie reuen, über den teppichbelegten Gang, blieb dann zaudernd vor dem großen Spiegel in der Empfangshalle stehen und musterte sich mit brennenden, kritischen Augen.

War sie schön genug? Hatte sie Format, wie es die Buchhalterin nannte? Ein neckender Zuruf des Portiers trieb sie weiter.

Sie stand vor dem Direktor und trug ihm ihr Anliegen vor. Anfangs stockend, dann immer sicherer.

Sie sah die Verblüffung, die sich auf seinem scharf geschnittenen Gesicht abzeichnete, und ihr Herz klopfte schwer und bang.

»Donnerwetter! – Donnerwetter!« Das war alles, was sie zunächst als Antwort hörte.

Der alte Herr schaute sie durchdringend an. Sie fühlte, sie wurde jetzt einer genauen Musterung unterzogen. Von Kopf bis Fuß; ja, bis in ihr innerstes Sein schien der Blick zu dringen.

»Sie haben Mut. Sie trauen sich etwas zu, Fräulein Kamphofer«, sagte er dann immer noch nachdenklich, aber anerkennend, »und eine treue Schwester sind Sie obendrein. Waren Sie denn schon einmal in einer Bar? Haben Sie eine Ahnung von den Aufgaben einer Barfrau? Es ist nämlich nicht so einfach?«

Nein, in einer Bar war sie noch nie gewesen, aber die Frage nach Sprachkenntnissen konnte sie mit gutem Gewissen beantworten. Englisch, Französisch, Latein – aber das wurde ja nicht gebraucht, stellten sie mit einem kleinen Lächeln, das die Spannung lockerte, fest.

Hin und her schritt der elegante, hagere Direktor und schien sehr gründlich nachzudenken.

Schließlich blieb er vor ihr stehen. Sein strenges Gesicht trug den Ausdruck fast väterlicher Güte.

»Sie sind couragiert, Sie haben es schon einmal bewiesen. Ich glaube, man könnte es mit Ihnen versuchen. Sie sind klug und gebildet – und das wissen Sie wohl selbst, auch schön.« Er nickte ihr augenzwinkernd zu, und sie errötete. »Ja, die wichtigsten Voraussetzungen wären vorhanden, aber – Sie sind sehr jung. Und fast – zu schade. Es ist kein leichter Beruf, liebes Kind. Zwar genießen Sie in unserem Haus einen gewissen Schutz, aber es wird manches auf Sie zukommen, was Ihnen nicht gefällt. Auch unsere Gäste sind nicht immer wohlerzogen«, schloß er mit feinem Lächeln und schaute sie abwartend an.

»Ich fürchte mich nicht davor.« Mit ernsten Augen hielt sie seinem Blick stand.

»Gut. Dann schauen Sie sich heute abend einmal den Betrieb in unserer Bar an, danach reden wir weiter. Ich erwarte Sie hier bei mir um neun Uhr, dann gehen wir hinüber. Abendkleid ist notwendig. Haben Sie entsprechende Garderobe?«

»Ja«. Ursel dachte erschrocken, daß da vielleicht noch eine Klippe zu überwinden sei, aber auch das mußte geschafft werden. Zunächst würden ihre beiden Kleider ausreichen müssen.

Sie war sehr glücklich, als sie das Zimmer verließ, das sie mit soviel Herzklopfen betreten hatte. Sie würde Sybille vielleicht helfen können! Es war nicht auszudenken? Oh, was würde Billa sagen?

Ein helles Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als sie sich wieder an ihren Schreibtisch setzte.

*

Erst am Abend, als sie, natürlich viel zu früh, fertig angekleidet in ihrem Zimmer saß, kam ihr ein Gedanke, der sie stark beunruhigte. Was würde Uwe sagen? Würde er damit einverstanden sein, daß seine künftige Frau als Bardame arbeitete?

Bisher hatte sie nur an die Schwester gedacht. Jetzt wurde ihr bange um ihr eigenes Glück; denn eine innere Stimme sagte ihr, daß Uwe wahrscheinlich heftig gegen ihren Entschluß protestieren würde.

Aber mußte sie denn nicht helfen, wenn sich eine Gelegenheit dazu bot? Das mußte Uwe doch verstehen!

Aber er verstand durchaus nicht.

Als sie am nächsten mittag zusammen zum Schloßberg hinaufstiegen, es war ihr Lieblingsspaziergang, berichtete sie ihm von Sybilles Unglück und von ihrem Entschluß.

»Du bist verrückt!« Das war zunächst die wenig höfliche, aber sehr ehrliche Antwort Seegers. »Du bist komplett verrückt.«

»Es blieb mir nichts weiter übrig«, sagte sie bedrückt. »Sybilles Gesundheit ist wichtig. Gern mache ich es ja auch nicht – aber es ist doch gewiß eine ehrliche Arbeit und...«

Ein lautes, schallendes Gelächter unterbrach sie.

Uwe war stehengeblieben und schaute sie kopfschüttelnd an. Legte dann beide Hände auf ihre Schultern und zog sie zärtlich zu sich heran.

»Ach, was bist du doch für ein süßes, naives Gör«, begann er lachend. »So was habe ich wirklich noch nicht erlebt. Ich will ja auch nicht anzweifeln, daß es sich um eine ehrliche Arbeit handelt, wirklich nicht, aber es ist keine Tätigkeit für meine künftige Frau. Du lieber Himmel, Mama würde Augen machen und sämtliche Zustände kriegen, wenn ich sage, daß ich eine Bardame heiraten will. Und der alte Herr? Nee, Kleine, das schlag dir aus dem Sinn. Ich begreife überhaupt nicht, wie du auf diese verrückte Idee gekommen bist. Sybille kann doch selbst ihren Kram bezahlen?«

Oh, jetzt war sie in eine Sackgasse geraten. Ursel erkannte sofort, daß sie nun preisgeben mußte, was Sybille immer verheimlicht hatte. Wie eine schwere Last lag die Angst von der Schwester auf ihr. Sie zögerte mit der Antwort, dann überwand sie sich.

»Uwe – Sybille wollte nie, daß davon gesprochen wird – aber wir sind arm. Und deshalb muß ich ihr jetzt helfen.«

Seeger pfiff einen leisen Pfiff aus.

»So? Davon hatte ich keine Ahnung«, sagte er nach kurzem Nachdenken. »Sybilles Auftreten ließ vermuten, daß eure Eltern euch ein größeres Vermögen hinterlassen haben. Geld spielte für sie doch keine Rolle.«

»Das stimmte auch, solange mein Onkel noch lebte«, glaubte Ursel die Schwester verteidigen zu müssen. »Aber seit er tot ist...« Bekümmert zuckte sie mit den Achseln.

»Hm«, meinte Uwe mit einem kleinen, spöttischen Lächeln, »die schöne Sybille hätte das Zeug zu einer vollendeten Hochstaplerin.«

»Uwe!« Ein empörter Ausruf. Zornige Augen flammten – Ursel löste sich aus seinem Griff.

»Ruhig doch, Ursel – es war nicht so gemeint. Ich kann sogar verstehen, daß Sybille nichts von ihrer veränderten Lage sagte. Muß ja scheußlich sein, plötzlich vor dem Nichts zu stehen.« Er schüttelte sich, als sei ihm schon der Gedanke an Armut widerlich, und fuhr dann in etwas gönnerhaftem Ton fort: »Aber du bist ja ganz anders, als Sybille. Und es ist auch nicht wichtig, daß du Geld hast. Ich habe selbst genug und kann mir eine arme Frau leisten. Aber nun darfst du erst recht keine Dummheiten machen, arm kannst du sein, aber sonst – da muß alles tadellos sein, verstehst du?«

»Aber das wird es doch auch – ich bleibe doch immer dieselbe«, sagte sie unsicher.

Er lachte.

»Lämmchen, man hätte dich nicht solange im Internat lassen sollen, dann wärest du weltklüger. Nun höre wenigstens auf mich und sei vernünftig. Dein Opfermut in Ehren, aber so geht es nicht. Sybille tut mir leid, aber sie ist ein kluges Mädchen, sie wird sich schon selbst helfen können. Mein Onkel wäre sicher nicht abgeneigt, seinem heimlichen Schwarm eine Kur zu bezahlen.«

»Das würde Sybille nie annehmen! Nie«, empörte sich Ursel. »Uwe, wie kannst du nur so sprechen?« Ihre Stimme war voller Schmerz und Traurigkeit.

»Kind, du kennst die Welt und deine Schwester nicht«, sagte er überlegen und zog die Augenbrauen hoch und gab seinem Gesicht einen ungewollt hochmütigen Ausdruck. »Eine Frau, wie sie, geht nicht unter. Und nun laß es genug sein. Sei mein liebes, vernünftiges Mädchen und tue, was ich sage.«

Er wollte sie in den Arm nehmen – sie wich zurück.

»Uwe«, sagte, sie gequält, »so geht es doch nicht. Ich muß ihr helfen, ich muß. Es ist ja wie ein Wink des Himmels, daß sich mir gerade jetzt diese Stellung bot, wie könnte ich das ausschlagen. Ich würde ja nie wieder froh werden, wenn die arme Sybille ...«

»Kind, nun höre auf, du machst mich böse«, unterbrach er sie heftig. »Ich glaube, ich habe dir noch nicht genügend klargemacht, um was es geht. Also dann – entweder Sybille, oder ich! Du hast die Wahl!«

Entsetzte Augen starrten ihn an. War das Uwe, der heitere, zärtliche Uwe? Was hatte er da gesagt?

»Uwe«, kam es stöhnend, »Uwe...«

»Ja«, sagte er hart, »man muß dich zu deinem Glück zwingen.« Siegesgewiß sah er sie an.

Da trat sie mit gesenktem Kopf zur Seite, wandte ihm den Rücken. Ihre Hand griff nach einem grünen Zweig – sie betrachtete aufmerksam die zarten Blätter. Wie hieß doch dieser Strauch, sie hatte es einmal gewußt. Ach ja, Spiräa – es war, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt als diesen blühenden Strauch.

»Na?« kam eine mahnende Stimme hinter ihr. Sie spürte hinter sich seinen warmen Atem, seine Hände legten sich um ihre Schultern, er bog sie zu sich zurück. »Na«, raunte seine Stimme dicht an ihrem Ohr, »jetzt ist dem kleinen Mädchen doch angst geworden, wie? Jetzt wird es brav sein.«

Seine Augen lachten schon wieder zärtlich.

Heiß stieg es in ihr auf. Oh sich jetzt in seine Arme werfen können, sich küssen lassen, liebsein – wenn man das könnte! Nie zuvor hatte sie sich so sehr nach seiner Zärtlichkeit gesehnt.

Der Mann spürte das weiche Nachgeben. Er lachte leise und glücklich auf. Sein Mund war ganz nahe.

»Also sag's schon, du Dummes, und alles ist gut. Ich werde vergessen, was du für süßen Unsinn geredet hast.«

Der weiche Traum zerrann. Er spürte es, wie sich der biegsame Körper straffte.

»Nein«, sagte sie laut, »nein, nichts ist gut. Nie könnte ich glücklich sein, wenn Sybille ein Krüppel bliebe.«

»Ursel, bedenke, was du sprichst!« Mit einem jähen Ruck riß er sie an seine Brust, leidenschaftlich bedeckten seine Küsse ihren Mund, die Augen, den Hals. Dazwischen stammelte er wilde Zärtlichkeiten. »Mir gehörst du, mir. Ich gebe dich nicht her. Hörst du, ich will es nicht!«

Sie riß sich los. Nie zuvor hatte er sie so begehrlich geküßt – sie schrak davor zurück.

Wieder wollte er nach ihr greifen.

Sie wich aus. Dornenzweige rissen an ihren Armen, sie spürte es nicht. Sie sah nur sein Gesicht, das plötzlich so fremd war.

»Nein, Uwe, nein«, rief sie gepeinigt, »ich kann nicht. Ich kann wirklich nicht.«

Da ging eine Wandlung in ihm vor. Die leidenschaftliche Glut erlosch, Wut verzerrte jetzt das schöne Männergesicht.

»Dann geh, und spiele die barmherzige Schwester. Spiele das Opferlamm! Vielleicht erhoffst du dir reiche Entschädigung von all den Männern, die sich sicher um das schöne Barmädchen reißen werden. Da wirst du mich ja nicht mehr brauchen.«

Erloschen blickende Augen, Hände, die sich in furchtsamer Abwehr ausstreckten. Ein kleiner, ächzender Laut – eine schnelle Wendung.

Die junge Ursel rannte den Berg hinab, als fliehe sie einem mörderischen Feind.

Verstört starrte er ihr nach. Ein Ruck ging durch den sportgestählten Körper. Mit langen Sätzen jagte er ihr nach.

Sie hörte ihn und beschleunigte ihr Tempo. »Ursel«, rief er flehend. »Ursel.« Jetzt war er neben ihr, wollte sie fassen. Da Kam ein Trupp junger Menschen den Berg hinauf.

Ursel wand sich hastig zwischen den Lachenden hindurch. Seeger blieb zurück. Er fürchtete den lustigen Spott.

Als der Trupp, der den Weg versperrte, vorübergezogen war, sah er nur noch ein wehendes Kleid, das zwischen den ersten Häusern der Stadt verschwand.

*

Ursel hatte nicht viel Zeit, über ihr Unglück nachzudenken. Am Nachmittag wurde fortgesetzt, was am Vormittag begonnen worden war. Ursel wurde in die Pflichten und Aufgaben einer Bardame eingewiesen. Es war doch eine ganze Menge, was man wissen mußte, wie sie erstaunt feststellte. Ihre Vorstellungen von diesem Beruf waren bisher sehr unklar gewesen.

Der Barkeeper Jonny, ein hünenhafter Amerikaner, weihte sie in die Geheimnisse der Mixgetränke ein. Er machte das sehr nett und kameradschaftlich. Die junge Kollegin mit den reinen Kinderaugen und dem etwas traurigen Lächeln gefiel ihm.

»Nicht so sportlich, Ursel, nicht so kraftvoll, Grazie, Grazie«, lachte er, während sie den Mixbecher schüttelte. »Du bist eine junge Dame, du mußt das sehr graziös machen. Es soll hübsch aussehen.«

Und Ursel probierte eifrig, bis sie sich seine Zufriedenheit errang.

»Aber es wird eine ganze Weile dauern, bis ich mich in all den Drinks auskenne«, meinte sie seufzend, und Jonny tröstete:

»Ich bin ja da, Ursula, ich helfe dir schon. Bloß keine Angst haben. Take it easy.«

»Okay.« Sie lachte zu ihm auf.

Jonny war wirklich sehr nett. Es ging etwas Vertrauenerweckendes von ihm aus. Aber es war komisch, daß er sie gleich schlankweg duzte und dasselbe auch von ihr verlangte. Kluge schwarze Augen hatte er, ein dunkles Gesicht und blendend weiße Zähne.« Sicher floß dunkles Blut in seinen Adern. Merkwürdig, hier neben ihm hinter der Bartheke zu stehen, mit all den Flaschen und Gläsern. Das sollte nun ihr Arbeitsplatz sein. Was war das Leben doch bunt und kurios!

Aber am Abend erschien es der jungen Ursel noch bunter und aufregender.

Menschen füllten den intim ausgestatteten und dezent erleuchteten Raum. Leises Stimmengewirr, manchmal ein Lachen, gedämpfte Musik, gerade laut genug, um nach ihren Rhythmen zu tanzen. Hin und wieder knallte ein Sektkorken.

Und vor der leicht geschwungenen Theke saßen Herren und Damen auf den Barhockern und verlangten einen Drink, lachten und scherzten dabei.

Ursel trug ihr giftgrünes Kleid. Nur die Lippen hatte sie ganz leicht nachgezogen. Jedes andere Make-up hatte sie verschmäht. Es wäre auch überflüssig gewesen, denn ihre Wangen glühten, und die graugrünen Augen glänzten von der inneren Erregung, in der sie sich befand. Himmel, was die Leute für Wünsche hatten? Was für absonderliche Gelüste? Ihr war, als sei sie in eine Alchimistenküche geraten.

»Ein Sherry-flip?« Ursel wiederholte, was der kleine, dicke Herr gesagt hatte. »Sofort.«

»Jonny – Sherry-flip?«

Und Jonny füllt eilig die Zutaten in den Shaker. Ursel staunte, Sherry, Zucker, Eigelb, Eiswürfel und Muskat. Wie kann das Zeug überhaupt schmecken?

Aber sie schüttelte den Mixer mit hübschen, anmutigen Bewegungen, wie Jonny es ihr gezeigt hatte, und sie ging lächelnd auf die Unterhaltung ein, die der dicke Herr mit ihr anknüpfte, während er auf seinen Drink wartete.

Ein anderer trat herzu.

»Ah, ein neues Gesicht?« sagte er überrascht und fügte mit einem bewundernden Blick hinzu:

»Bezaubernd.« Er nahm auf dem Barstuhl Platz und beobachtete ungeniert die junge Bardame.

Ursel errötete und empfand leichten Unwillen. Wie kann man sie nur so anstarren.

»Einen Manhattan, Schönste. Trinken Sie mit mir? Bitte ...«

Ursel schüttelte ganz erschrocken den Kopf.

»Oh, ich muß danken«, sagte sie etwas zu hastig und wich den dreisten Augen aus.

Aber Jonny schien alles zu sehen, alles zu hören.

»Ein Manhattan, der Herr«, sagte er diensteifrig. »Sofort.« Und er selbst bediente den Herrn.

Was ist der doch für ein guter Kamerad, dachte Ursel erleichtert und wandte sich einer älteren Dame zu. Es blieb keine Zeit, um nachzudenken; wenn es gerade nichts zu mixen und einzugießen galt, dann wollten die Gäste sich unterhalten.

Ursel tat es mit heiterem Charme, hinter dem niemand ihr unruhiges, ängstliches kleines Herz spürte, und mit der ihr eigenen herben Zurückhaltung. Sie ahnte nicht, wie bezaubernd sie war.

Der Hoteldirektor saß im Hintergrund der Bar an einem Tisch und beobachtete die junge Bardame. Er beglückwünschte sich im stillen – mit der kleinen Kamphofer hatte er einen guten Griff getan. Sie besaß die Qualitäten, die ein Haus wie das Parkhotel für diesen Posten verlangen konnte. Mehr noch – sie würde alle ihre Vorgängerinnen in den Schatten stellen. Allein ihre frische Natürlichkeit war an diesem Platz eine Rarität.

Ein neuer Gast.

Ursels Herz jagte in schnellen Stößen, ein Beben durchrann sie.

Uwe!

Er beugte sich weit über die Theke. Sein schönes Gesicht drückte Schmerz, Bitterkeit und noch etwas anderes aus – Verachtung glaubte Ursel zu erkennen.

»Du hast es also wirklich fertiggebracht, die Tür hinter dir zuzuschlagen«, zischte er halblaut.

Sie nickte. Bloß jetzt keine Schwäche zeigen, dachte sie erregt. Ein scheuer Blick streifte die Menschen ringsum. Hatte man etwa bemerkt, daß hier privat gesprochen wurde?

»Also wirklich«, fauchte Uwe noch einmal, und Spott verzog seinen Mund zu einem häßlichen Lächeln. »Aber meine Anerkennung, du machst dich.«

Ein kurzes, zorniges Aufblitzen ihrer schönen Augen, dann hatte sie sich gefangen.

»Was kann ich für Sie tun, mein Herr?« fragte sie laut und lächelte liebenswürdig.

»Einen Kognak, einen ganz gewöhnlichen Kognak, der ist immer noch das reellste gegen alle Widerwärtigkeiten, stimmt's schönes Kind?« Deutlicher noch als seine Worte sagte sein Blick, was er dachte.

Ursel wandte sich schnell um. Sie kämpfte gegen Tränen, die erlittene Kränkung tat weh.

Aber Jonny war da. Jonny sah, wie ihre Hand zitterte, die nach der Flasche griff.

»Hoppla, Ursula, doch nicht so aufgeregt. Es klappt doch alles wunderbar.« Er ahnte nicht, was sie erregte – aber seine aufmunternden Worte halfen ihr doch.

Alles ging so blitzschnell, aber doch hatte Seeger das kleine Zwischenspiel zwischen Ursel und ihrem Kollegen beobachtet. Seine mißtrauischen, eifersüchtigen Augen sahen mehr als – Jonny selbst weiß, der vielleicht gar nicht ahnte, wie zärtlich das Lächeln war, mit dem er eben zu seiner jungen Kollegin sprach.

Ursel hatte ein Glas vor Uwe gestellt, sorgsam füllte sie es.

»Bitte sehr.« Sie schob es ihm zu – sah erschrocken, daß plötzlich ein hochgewachsener Mann hinter Uwe stand. Auch das noch, dachte sie verstört, kaum fähig, sich zu beherrschen.

Uwe hatte den hinter ihm Stehenden nicht bemerkt. Er hob sein Glas und spöttelte:

»Auf die Liebe, schönes Kind. Um dich brauche ich mir wohl keine Sorge mehr zu machen – der Nachfolger ist schon da.«

Er goß den Kognak in einem Zug hinunter.

»Noch einen«, sagte er befehlend.

Das Gesicht der jungen Bardame hatte alle Heiterkeit verloren – es war wie in Schmerz erstarrt.

Ihre Hand zitterte, als sie das Glas erneut füllte – eine kleine Lache bildete sich auf der glänzenden Tischplatte.

»Aber doch nicht so aufgeregt, Kleine.«

»Bitte, geben Sie mir auch einen Kognak«, sagte eine tiefe, ruhige Stimme. Eine Stimme, die merkwürdig wohltat und die Erstarrung löste. Aber nur für einen Moment – dann trat erneut ein Zug der Anspannung auf das junge Gesicht.

Seeger hatte sich umgedreht, sprang schnell auf. War im Augenblick der liebenswürdige, tadellos erzogene Mann aus gutem Hause.

»Herr Professor Weißenborn«, sagte er überrascht.

Weißenborn erwiderte den Gruß mit höflicher Zurückhaltung. Die Herren wechselten ein paar belanglose Worte miteinander. Ursel hatte Zeit, sich zu fassen. Sie holte ein neues Glas herbei. Jonny, der stark beschäftigt war, nickte ihr flüchtig zu. Sie atmete tief auf.

Als sie dem Professor das Glas zuschob, lag ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Nur ein sehr aufmerksamer Beobachter konnte bemerken, wie gequält es war.

Der Professor lud den Sohn des ihm befreundeten Rechtsanwalts zu einer Flasche Sekt ein. Uwe Seeger lächelte geschmeichelt und selbstbewußt. Er erblickte in dieser Einladung des berühmten Mannes eine Auszeichnung.

Achtlos warf er einen Schein auf die Theke.

»Der Rest ist für Sie«, sagte er nachlässig.

Ursel zuckte zusammen – hatte große, erschrockene Kinderaugen. Dann ging ein Ruck durch den zarten Körper. Kalter Hochmut lag auf den schönen Zügen.

»Jonny«, rief sie laut, »der Herr möchte zahlen.«

Jonny schaute verdutzt auf – er begriff nicht sogleich, weshalb er bei ihrem Gast kassieren sollte, ihr flehender Blick ließ ihre Hilflosigkeit ahnen. Schnell war er zur Stelle.

Grinsend rechnete Seeger mit ihm ab; schob ihm dann ein kleines Trinkgeld zu.

Liebe und Haß stritten in ihm, als er mit dem Professor einem freien Tisch zusteuerte. Seinem sorglosen Leben war ein Leid fremd, es gab nur erfüllte Wünsche. Zum erstenmal erlebte er einen wirklichen Schmerz, und nun bäumte sich alles in ihm dagegen auf. Und wenn sich auch nichts mehr ändern ließ – so wollte er wenigstens zurückschlagen, wollte die treffen, die ihm Leid zufügte. Er hatte es gespürt, seine kränkenden Worte trafen – es bereitete ihm Genugtuung.

Die Herren hatten an einem kleinen Tisch an der Wand Platz genommen. Weißenborn richtete es so ein, daß Seeger der Bartheke den Rücken zukehrte. Es geschah in dem unklaren Gefühl, das junge Mädchen an der Bar zu schützen. Sein ritterliches Empfinden lehnte sich auf gegen die Art, wie Seeger vorhin mit ihr gesprochen hatte. Wort für Wort hatte er verstanden.

Er wußte nicht, mit welchem Recht Seeger so unerhörte Worte gebrauchte, aber er hatte ihn gelegentlich mit dem jungen Mädchen gesehen, folglich hatte zwischen ihnen eine Art Freundschaftsverhältnis bestanden. Sie war doch auch in seinem Elternhaus gewesen. Sie und ihre Schwester ...

Er schüttelte die lästigen Gedanken ab. Was ging ihn dieses Mädchen an?

»Ich bin ein schweigsamer Gesellschafter – entschuldigen Sie, Herr Seeger«, bemerkte er lächelnd. »Selbst hier bringt man es nicht fertig, die Arbeit zu vergessen.«

»Das kenne ich von meinem Vater. Manchmal vergißt er darüber das Essen. Wir müssen ihn dann erst erinnern, daß er nicht im Gerichtssaal ist«, kam es gewandt zurück.

»Ja, der Beruf, er verlangt heute den ganzen Menschen«, erwiderte der Professor nachdenklich.

Der Ober brachte den Sekt. Langsam bahnte sich ein Gespräch zwischen den so ungleichen Männern an.

Aber immer wieder gingen die Augen des Älteren unruhig forschend hinüber zu dem Mädchen an der Bar. Nur selten hatte er sich in diesem Raum des Hauses aufgehalten, meist nur, wenn er in Gesellschaft war. Und er war gewöhnt gewesen, dort einen ganz anderen Frauentyp zu sehen. Ein stark geschminktes Gesicht mit lebhaft funkelnden Augen, einem koketten, sehr sicheren Lächeln, geschmeidigen Bewegungen, die etwas Lockendes hatten – und nun dieses herbe, kindliche Mädchen, taufrisch, mit schlecht verborgener Scheu. Es war kein Wunder, daß die Herren sich um sie scharten und die Bedienung des Barkeepers verschmähten. Ziemlich früh brach der Professor auf.

»Wollen Sie noch bleiben?« Die Frage war in einem Ton gestellt, als würde ein Nein erwartet.

»Nein – für mich wird es auch Zeit. So kurz vor dem Examen darf man nicht unsolide sein.«

Zusammen verließen sie die Bar. Ursel atmete ganz tief auf, als sie es bemerkte. Verstohlen schaute sie auf ihre Uhr. Wie lange würde sie hier noch aushalten müssen? Ihr war, als wollten dieser Abend, diese Nacht, überhaupt kein Ende nehmen. Würde das immer so sein?

Auch andere Gäste brachen auf, aber einige Unverwüstliche tanzten noch auf der kleinen Tanzfläche. Müßig schaute sie ihnen zu. Für sie gab es im Augenblick wenig zu tun. Jonny nahm ihr einige besonders trinkfreudige Herren ab, die scheinbar etwas zuviel des Guten getan hatten. Er unterhielt sie in seiner gewandten und witzigen Art.

In ihre Augen trat dunkles, schmerzliches Sinnen – sie vergaß, wo sie war.

Plötzlich fuhr sie erschrocken auf. Weißenborn stand vor ihr.

»Fräulein Kamphofer – wie kommen Sie hierher in die Bar?« fragte er sehr ernst.

Ohne jedes Verständnis blickte sie ihn an. Dann war da plötzlich ein unklares Gefühl, als müsse sie sich gegen einen Angriff verteidigen. Abweisend wurde ihr Gesicht.

»Weil ich viel Geld verdienen will«, sagte sie hochmütig und maß ihn mit jenem zornigen Augenfunkeln, das er nun schon gut kannte.

»Das ist allerdings ein Grund«, kam es sarkastisch zurück. »Sie sind eine sehr tüchtige junge Dame, Fräulein Kamphofer.«

Trotzig warf sie den Kopf zurück.

»Kann ich etwas für Sie tun, Herr Professor?«

»Einen Whisky-Soda, bitte.«

Ursel bediente ihn – er ließ das Getränk stehen.

Ein Herr kam und bat die junge Bardame um einen Tanz. Eine Ablehnung lag auf ihrer Zunge. Aber Jonny, der es gehört hatte, nickte ihr aufmunternd zu.

»Ich werde hier schon allein fertig, Ursula«, sagte er lächelnd.

Da folgte sie dem Fremden auf die Tanzfläche – aber es war eine Qual, obwohl der Herr sehr höflich und zurückhaltend war. Ein Engländer, der sich mühte, sich auf Deutsch mit ihr zu unterhalten. Sie hatte keine Ahnung, daß darin eine große Auszeichnung für sie lag und antwortete nur kurz, fast ein bißchen zerstreut. Sie mußte immer daran denken, daß sie jetzt zwei Feinde hatte – zwei Männer waren da, die sich nach Kräften bemühten, sie zu kränken und zu verletzen. Würde das immer so weitergehen?

Die Musik schwieg. Ursel stand wieder an ihrem Platz. Aber auch Weißenborn schien sich nicht entschließen zu können, wieder zu gehen. Er hatte den Arm leicht auf die Theke gestützt, vor ihm standen das Glas Whisky, daneben das kleine Sodafläschchen, er hatte noch nicht getrunken. Er begriff sich selbst nicht mehr, begriff nicht die ungebändigte Erregung, die in ihm tobte. Diese völlig neue Verworrenheit seines Denkens.

Ein neuer Tanz.

Wie unter einem Zwang wandte sich der Mann der jungen Bardame zu.

»Darf ich bitten?« fragte er.

Sie machte eine Bewegung entsetzter Abwehr.

»Was dem einen recht ist, ist dem anderen billig.« Weißenborn hätte sich selbst schlagen mögen, als er sich sprechen hörte.

»Stimmt, Gerechtigkeit über alles«, antwortete eine junge, seltsam scharfe Stimme.

Jonny blickte überrascht und besorgt zugleich auf. Stimmte da etwas nicht?

Ursel ging an ihm vorbei, nickte ihm beruhigend zu – da lachte er.

Sie stand vor dem Professor, gertenschlank und überraschend schön durch den strengen Ernst, der auf ihrem Gesicht lag.

»Fräulein Kamphofer«, sagte er unsicher.

»Sie wünschten zu tanzen, Herr Professor«, entgegnete sie kalt. Sie schritten zur Tanzfläche. Mit einer kleinen Verbeugung legte er den Arm um die biegsame Taille.

Es durchzuckte sie wie ein Schlag. Etwas Heißes, Glühendes stieg in ihr auf – ein Paar hilflose, angstvolle Äugen blickten ihn an. Er spürte das feine Beben des zarten Körpers.

Da zog er sie fester in seinen Arm, nickte ihr mit einem undeutbarem Blick zu – sie tanzten.

Ein dumpfer Taumel erfaßte das Mädchen. Alles Denken setzte aus, willenlos fügte sie sich seiner Führung. Zu vollendeter Harmonie verschmolzen ihre Bewegungen miteinander.

Sie bemerkten es nicht, daß sie Bewunderung erregten, daß man sich verstohlen auf das elegante Paar, das so wundervoll tanzte, aufmerksam machte.

Der zärtliche Tango ging in einen Walzer über. Wirbelnd glitten sie über die Fläche, die ihnen jetzt allein gehörte. Leicht und beschwingt flogen sie dahin – zwei Menschen, die einander feind waren.

Die Musik schwieg. Der Mann hielt inne.

Ursel fuhr sich mit einer verlorenen Geste an die Stirn, sie taumelte leicht.

Da zog er ihre Hand durch seinen Arm und führte sie zurück an ihren Platz.

»Ich danke Ihnen, Fräulein Kamphofer«, sagte er ernst, mit einem Gesicht, das ohne Ausdruck war.

Sie antwortete mit einem kleinen, stummen Kopfnicken. Sie sah ihn nicht an dabei.

Als sie wenig später aufblickte, sah sie gerade, wie er die Bar verließ! Ein Schauer durchrann sie. Sie glaubte, noch immer seine Berührung zu spüren, und ihr war, als verbrenne sie der Haß, den sie gegen ihn hegte. Als sei ihr deshalb seine Nähe so unerträglich gewesen.

Als sie in dieser Nacht ihr Zimmer betrat, das sie heute so voller Freude bezogen hatte, weil es ihr allein gehörte – da war ihr, als seien Ewigkeiten vergangen, seit sie es verlassen hatte; als lasteten jetzt die Erfahrungen eines langen, unsagbar schweren Lebens auf ihren jungen Schultern.

*

Das Leben war eine Qual geworden. Es lag nicht an dem veränderten Beruf, es lag an den Menschen, dachte Ursel oft traurig, wenn sie tagsüber in ihrem Zimmer saß, das vordem die schöne Lolo bewohnt hatte, und sich mühte, aus einem zarten schwarzen Stoff ein Abendkleid zu zaubern, denn auch Kleidersorgen bedrückten sie.

Aber das war nicht schlimm, sie hatte geschickte Hände und schon öfter selbst genäht. Schlimm waren die Abende, die Nächte. Nicht, daß sie sich hätte über Zudringlichkeiten beklagen müssen, das war in einem Haus wie dem Parkhotel nicht üblich. Kleine Aufdringlichkeiten eines abenteuerlustigen Mannes waren leicht abzuwehren, und Jonny war ein wundervoller Kamerad. Aber auch mit ihm konnte sie nicht sprechen über das, was sie bedrückte. Es gab auf der ganzen Welt keinen Menschen, dem sie anvertrauen konnte, was ihr einsames Herz marterte.

Sie hatte ja keine Ahnung gehabt, was sie auf sich nahm, als sie Bardame wurde, um der Schwester zu helfen. Es war ihr nicht einmal als ein Opfer erschienen, so selbstverständlich war es ihr gewesen. Und nun?

Zwei Menschen waren es, die ihren Weg zu einem Dornenpfad machten. Uwe kam fast jeden Abend, lümmelte sich herausfordernd am Bartisch und verfolgte sie mit leisen, kränkenden Bemerkungen. Wehrlos war sie seinen Angriffen ausgesetzt.

Auch Jonny konnte da nicht helfen, wenn er auch den Gast mißtrauisch beobachtete, da er spürte, wie stets eine Veränderung mit seiner jungen Kollegin vor sich ging, wenn er kam.

»Was ist mit dem Burschen, er gefällt mir nicht?« fragte er wohl.

Aber Ursel wich aus. Wozu über Vergangenes reden?

Habe ich ihn wirklich einmal geliebt? fragte sie sich grübelnd und wußte, daß jetzt nur noch Verachtung in ihr war. Und ein Gefühl tiefer Scham, weil er sie hatte küssen dürfen. Sie scheute sich, daran zu denken.

Und noch ein Mann war häufiger Gast in der Bar – Professor Weißenborn. Er schien jetzt länger im Parkhotel zu weilen und, was so peinigend war, er verweilte stets sehr lange in der Bar. Uwe Seeger kam immer nur zu einem schnellen Drink, aber der Professor saß oft stundenlang an seinem Tisch, nur gelegentlich kam er an die Theke und bat um ein Mixgetränk. Manchmal war er in Gesellschaft, aber immer spürte Ursel, wie seine Augen sie verfolgten.

Was bezweckte er damit? fragte sie sich immer wieder und wußte doch keine Antwort.

Sie zitterte vor dem Augenblick, wo die meisten Gäste aufbrachen, sie wußte, jetzt kommt er und will tanzen. Und ich muß tun, was er fordert. Es gehört zu meinem Dienst.

Aber es war eine immer neue Demütigung, die an ihr riß und fraß, die sie nicht zur Ruhe kommen ließ.

Immer war ihr, als müsse sie sich aufbäumen gegen den harten Druck seines Armes, den sie im Rücken spürte, als sei er glühendes Eisen. Aber nur noch fester hielt er sie, sowie er ihren Widerstand spürte. Und nie sprach er ein Wort.

Stumm tanzten sie, und Jonny, der in bezug auf den Professor völlig ahnungslose Jonny, schaute bewundernd zu und lobte zuweilen.

»Ihr seid ein phantastisches Paar, euch tanzen zu sehen ist ein Genuß.«

Oder auch:

»An dem Professor hast du eine tolle Eroberung gemacht, Ursula – er ließ sich sonst kaum hier sehen.«

Oh, sie wußte es ja, weshalb er kam. Er war nicht anders als Uwe. Demütigen wollte er sie, quälen!

Und gestern abend war eine größere Gesellschaft gekommen, für die man einen Tisch hatte reservieren müssen.

Und wieder hatte die junge Ursel einen Schock zu überwinden, als die Gäste kamen.

Sie entdeckte zwischen all den heiteren Gesichtern mehrere Bekannte – Uwes Eltern. Ihnen folgte Professor Weißenborn, dann Egbert Seeger. Dicht schritten sie an der Theke vorbei. Uwes Mutter blickte die junge Bardame an, stutzte – ihr Gesicht wurde ernst, dann erstarrte es in eisigem Hochmut. Ursels Gruß wurde nicht erwidert.

Als Nachzügler kam Uwe herein, ging grinsend an ihr vorbei.

Und sie mußte lächeln, mußte plaudern und freundlich sein!

Sie sah, wie Frau Seeger leise auf den Sohn einsprach – wie er nickte und achselzuckend lachte. Oh, sie glaubte zu hören, was jetzt gesprochen wurde. Mehrere Augen richteten sich neugierig auf die junge Bardame.

Frau Seeger konnte sich wirklich nicht beruhigen.

»Uwe, das ist ja nicht zu fassen – die Schwester der vornehmen, stolzen Sybille eine Bardame! Wie ist denn das nur möglich? Sie muß ja völlig aus der Art geschlagen sein. Wie wird die arme Sybille darunter leiden. Was sagt sie eigentlich dazu?«

»Keine Ahnung! Ich war längere Zeit nicht bei ihr«, erwiderte der Sohn gleichgültig.

»Ob es überhaupt ratsam ist, Sybille noch zu besuchen?« überlegte Frau Seeger mit großem Ernst.

»Was kann die arme Sybille für ihre abenteuerliche Schwester?« ließ sich der Fabrikant Seeger vernehmen. »Im Augenblick ist sie ja nicht einmal imstande, das leichtfertige Mädchen zu tadeln. Vielleicht hat sie überhaupt keine Ahnung, was die Kleine treibt.«

»Wie kommt es eigentlich, daß die beiden Schwestern in so unterschiedlichen Verhältnissen leben?« erkundigte sich Weißenborn, dem niemand anmerkte, wie gespannt er war.

»Es liegt an der Jüngeren«, erklärte Frau Seeger mit sichtlicher Entrüstung. »Sybille klagte mir schon einmal ihr Leid. Die Kleine hatte einfach keine Lust mehr zum Lernen und nützte die Gelegenheit, als der Onkel starb, das Internat zu verlassen. Völlig überraschend kam sie hier an, verschaffte sich eine untergeordnete Stellung hier im Hotel und behauptete steif und fest, im Hotelfach Karriere machen zu wollen. Sieht sich schon als Hoteldirektorin. Selbstverständlich in den größten Luxushotels der Welt. Ich bitte – das alles erschien anfangs noch verständlich. Junge Mädchen haben manchmal absonderliche Träume – aber was sie jetzt treibt, das geht doch ganz entschieden zu weit.«

Frau Seeger fand die volle Zustimmung der Tafelrunde; daß Weißenborn schwieg, fiel nicht auf.

Eine neue Frage drängte sieh auf seine Lippen, als die allgemeine Entrüstung abebbte.

»Sind die Schwestern eigentlich vermögend?«

Frau Seeger stutzte, dann sagte sie überzeugt:

»Das nehme ich als ganz sicher an. Sybille sprach zwar nie darüber, das würde auch gar nicht zu ihrer vornehmen Art passen, Gelddinge zu erwähnen. Aber ihr kultivierter Lebensstil, ihr ganzes Auftreten sprechen doch dafür, daß Vermögen vorhanden ist.«

Uwe grinste verstohlen. Er wußte es besser, aber er hütete sich, ein Wort verlauten zu lassen. Hätte er gesagt, was er wußte, wahrscheinlich wäre es eine Art Ehrenrettung für die junge Bardame gewesen, aber gerade daran lag ihm nichts. Mochte man sie in Acht und Bann tun, sie hatte es verdient. Noch immer fraß eine tolle Leidenschaft an ihm und erstickte alles Gute in ihm. Und nie war ihm auch nur sekundenlang der Gedanke gekommen, daß er als Sohn eines reichen Vaters vielleicht hätte helfen können.

Der Professor beobachtete ihn verstohlen. Er sah die Blicke, die zu der jungen Bardame gingen. Er spürte, daß zwischen den beiden jungen Menschen ein Kampf im dunklen ausgetragen wurde – aber alles war rätselhaft. Auch das Mädchen, das so rein und klar in die Welt schaute, bei dem man keine Abgründe und häßliche Verstrickungen vermutete – auch dieses Mädchen war ein Rätsel.

Allerdings, was er eben über ihre wirtschaftlichen Verhältnisse gehört hatte, klang wunderbar beruhigend, denn noch immer war da eine dunkle Furcht in ihm, er könne sich zum Schützer des Unrechts gemacht haben. Noch immer war der Juwelendieb nicht gefunden worden.

Belastendes Wissen ließ den korrekten, ehrenhaften Mann innerlich nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder beschäftigte er sich in Gedanken mit dem Mädchen, das so plötzlich in sein Leben getreten war und ihn in gärende Unruhe versetzte.

Hätte man ihn gefragt, weshalb er nun häufiger Gast in der Bar war, weshalb er mit ihr tanzte – der kluge selbstbewußte Mann hätte kaum eine Antwort gewußt. Nach einigem Überlegen wäre er vielleicht zu dem Schluß gekommen, sein Gewissen fordere von ihm, dieses Mädchen und seine Lebensführung zu beobachten. Aber er wurde nicht gefragt. Er selbst legte sich keine Rechenschaft über sein Tun ab. Auch heute verzichtete er nicht auf seinen Tanz. Zusammen mit der kleinen Gesellschaft, mit der er zuvor im Hotelrestaurant das Abendessen eingenommen hatte, verließ er die Bar und kam wenig später allein zurück.

Ursel sah ihn erst, als er vor ihr stand. Und so sehr sie auch dagegen ankämpfte, jedesmal überfiel sie ein leichtes Beben. Stets war sie ihm stumm gefolgt, hatte wortlos mit ihm getanzt, und auch er schien keinen Wert auf eine Unterhaltung zu legen.

Als er heute den Arm um sie legen wollte, sagte sie heftig:

»Können Sie mir das nicht ersparen? Zorn und Trauer lagen in ihren Augen, die voll zu ihm aufgeschlagen waren.

Er hielt ihren Blick fest – ungewöhnlich lange. Es schien ihn nicht zu kümmern, daß sie Aufsehen erregen könnten. Und sie hielt ihm stand. Aber sie versuchte zu lächeln – wollte unbefangen scheinen, und es wurde doch nur ein tiefernstes, schwermütiges Lächeln daraus.

»Nein«, sagte er plötzlich laut, »ich kann nicht darauf verzichten.«

Fester als je zuvor nahm er sie in den Arm – leicht und sicher führte er sie davon.

Und wieder überkam sie jener dunkle Bann, der ihren Willen lähmte und alles Denken ausschloß – der voll bittersüßer Schwere war. Aber das traurige Lächeln blieb auf ihrem Gesicht.

Der Mann blickte auf sie herab. So nahe war ihm das zarte Gesicht, dessen Augen von den Lidern mit den langen, seidigen Wimpern verdeckt waren. Er sah den weich geschwungenen, schönen Mund – und wie ein Schlag durchzuckte ihn eine Erkenntnis. Ein halblauter Ausruf entschlüpfte ihm, kurz verhielt er den Schritt – fragend blickte sie zu ihm auf. Sah einen Blick, den sie sich nicht zu deuten wußte, der bis in die Tiefen ihres Herzens zu dringen schien – dann hatte er sich gefangen, er tanzte weiter.

Aber er wußte jetzt, weshalb es ihn immer wieder in die Bar des Parkhotels trieb.

»Ich danke Ihnen.« Es waren auch heute dieselben Worte, die er immer sprach. Eine knappe Verneigung, dann schritt er davon.

*

Sybille hatte tatsächlich keine Ahnung von der neuen Tätigkeit ihrer Schwester. Ursel hatte sich bisher immer gescheut, davon zu sprechen, fürchtete sie doch, ihre Hilfeaktion könne an dem Hochmut der Schwester scheitern. Seegers Verhalten hatte sie darin noch bestärkt.

Sybille erhielt zum zweitenmal den Besuch des Fabrikanten, der diesmal unangemeldet kam. Den reifen Mann hatte eine leidenschaftliche Liebe zu dem schönen Mädchen erfaßt. Nach langen inneren Kämpfen waren die Bedenken, die er wegen des beträchtlichen Altersunterschiedes gegen eine Ehe mit ihr hegte, zum Schweigen gebracht worden. Sybille war nach seiner Ansicht nicht wie andere junge Mädchen zu beurteilen, sie würde sich kaum mit einem jungen Mann begnügen – sie brauchte den Mann, zu dem sie aufschauen konnte, den reifen, älteren Mann. Und bei all ihrer Zurückhaltung spürte er, daß er hoffen durfte. Vieles deutete darauf hin. Wenn sie aus dem Krankenhaus kam, hatte er um sie werben wollen, nun aber stellte sich ihm wieder ein Hindernis in den Weg. Trotz seiner Verliebtheit war er nicht mehr jung genug, um den bedeutsamen Schritt, den er vorhatte, nicht genauestens zu erwägen. An seiner künftigen Frau durfte kein Tadel sein, das verlangte sein stark entwickelter Bürgerstolz. Daß seine künftige Schwägerin sich jetzt als Bardame betätigte, erschien ihm als ein Makel, der auch Schatten auf Sybille warf.

Er war gekommen und brachte der Überraschten wundervolle Rosen, die sie mit sichtlicher Freude entgegennahm.

Er fragte nach ihrem Ergehen, nach ihrer hoffentlich baldigen Genesung, und sie verschwieg, was sie so schwer bedrückte, daß sie wahrscheinlich ein steifes Bein behalten würde.

Als Geschäftsmann an schwierige Verhandlungen gewöhnt, steuerte er vorsichtig, aber sicher, sein Ziel an.

»Ihre Schwester wird auch glücklich sein, wenn Sie wieder gesund sind, Sybille. Ich glaube, Sie werden sehr vermißt.«

Ein besonderer Unterton in seiner Stimme machte sie stutzig. Fragend blickte sie ihn an. Sie fühlte, er sagte das nicht ohne einen besonderen Grund.

»Was ist mit meiner Schwester?« fragte sie unruhig.

»Hm – sie ist sehr jung und sehr unternehmungslustig«, antwortete er behutsam. »Es ist ganz erstaunlich, wie beharrlich sie ihr Berufsziel verfolgt.«

»Ich verstehe nicht ganz«, erwiderte Sybille unruhig, spürend, daß etwas Unangenehmes auf sie zu kam. »In ihrem Büro kann sie doch kaum sehr viel Unternehmungsgeist entwickeln. Oder ist sie etwa nicht mehr im Parkhotel?« fragte sie, von einer dumpfen Ahnung überfallen.

»Doch«, erwiderte Egbert Seeger sehr ernst. »Aber sie ist nicht mehr im Büro. Sie betätigt sich jetzt als Bardame.«

Er machte eine kleine, abwartende Pause und sah zu seiner Genugtuung, daß Sybille ganz entsetzt auffuhr.

»Wie, als Bardame. Ja, hat sie denn den Verstand verloren? Das ist doch Wahnsinn, das ist...« Sie brach ab. Ihre vornehme Selbstbeherrschung drohte sie zu verlassen. Sie hätte sich in den wildesten Beschimpfungen ergehen können, denn sie wußte, was jetzt für sie auf dem Spiel stand. Grundlos machte ihr Seeger diese Mitteilung gewiß nicht.

»Sie wußten es nicht, Sybille«, sagte der Mann. Seine Augen leuchteten heller. »Fast dachte ich es mir.«

»Es ist furchtbar«, klagte sie. Ihre samtschwarzen Augen füllten sich mit ehrlichen Tränen, sie zitterte davor, daß der Mann sich von ihr abwenden würde, dessen Reichtum sie schon zu besitzen glaubte. »Es ist entsetzlich – wie konnte Ursel das tun? Aber sie hat schon immer einen ganz merkwürdigen Ehrgeiz gehabt, träumte stets von großartigen Plänen, aber das geht doch ganz entschieden zu weit.«

»Das finde ich auch«, bestätigte Seeger zufrieden. »Deshalb hielt ich es auch für meine Pflicht, Ihnen von diesem, wie ich annehmen möchte, verspäteten Backfischstreich Ihrer kleinen Schwester Mitteilung zu machen. Sie scheint selbst zu wissen, daß die Sache nicht in Ordnung ist, sonst hätte sie ja mit Ihnen darüber gesprochen, nicht wahr? Folglich ist anzunehmen, daß sie sich Ihrem Machtspruch fügen wird – und Sie als die Ältere werden ihr ja sofort diese Tätigkeit untersagen, wie ich annehme.«

»Selbstverständlich. Sofort«, ereiferte sich Sybille. »Nur fürchte ich, die Sache hat schon viel Staub aufgewirbelt. Wie lange ist Ursel denn schon in der Bar?«

»Das entzieht sich meiner Kenntnis – aber wenn die Kleine jetzt sofort aufgibt, dann...«, er blickte Sybille bedeutsam an, »glaube ich nicht, daß irgendwelche Nachteile entstehen könnten. Man würde es als, nun, als einen unüberlegten Streich verzeihen.«

Sie begriff. Ein rührendes, dankbares Lächeln lag auf ihrem Gesicht.

»Sie sind so gut«, flüsterte sie, als entschlüpften ihr diese Worte wider ihren Willen. »Zu Ihnen möchte ich immer gut sein, Sybille«, erwiderte er weich und zog ihre Hand an seine Lippen. »Ich hoffe auf eine glückliche Zukunft.«

Er verließ sie mit einer an ihm ganz ungewöhnlichen Hast, als fürchte er, jetzt mehr zu sagen, als er im Augenblick sagen konnte.

Oh, sie verstand ihn nur zu gut. Ein böses Lächeln entstellte das schöne Gesicht. Er hatte ihr jetzt seine Bedingungen genannt – sie würde sie erfüllen müssen. Ursel! Oh, dieses unselige Geschöpf! Sybille haßte die Schwester in diesem Moment, sie hätte sie schlagen mögen, sie wütete gegen sich selbst, weil sie hier ans Bett gefesselt war, abwarten mußte, bis Ursel zu ihr kam. Sie kämpfte die bittersten Stunden ihres bisherigen Lebens durch.

Sie hielt es nicht mehr aus, das untätige Warten; sie rief im Parkhotel an. Ursel sollte kommen, sofort.

Wenig später war Ursel da, durch den ungewöhnlichen Anruf der Schwester etwas beunruhigt.

»Was ist los, Billa, geht es dir nicht gut?« fragte sie besorgt.

»Doch, mir geht es sogar ausgezeichnet, dank deiner Güte«, war die boshafte Antwort. »Ich wollte dir nur zu deiner neuen Stellung gratulieren. Meine Schwester ist Bardame geworden. Köstlich!«

»Sybille«, murmelte Ursel erschrocken, »bitte, sage nichts, ehe du nicht alles weißt. Ich habe ja schon gemerkt, daß – nun, daß man diese Stellung als nicht ganz passend findet, aber – es ist doch die einzige Möglichkeit, um dir zu helfen.«

»Mir helfen? Gerade das Gegenteil.«

»Aber so höre doch – ich verdiene jetzt sehr viel Geld, du wirst nach Wildbad gehen können, dein Bein wird wieder ganz gesund werden. Deshalb tue ich es doch«, fiel ihr Ursel, beschwörend ins Wort.

»Deshalb?« murmelte Sybille. »Deshalb?«

Ihr Gesicht spannte sich – eine feine Falte erschien zwischen den Augenbrauen, ein Zeichen schärfsten Nachdenkens, die Lippen preßten sich zusammen, wurden, zu einem schmalen Strich.

Ganz still war es zwischen den Schwestern. Ursel wahrte Gelassenheit, sie war auch wirklich innerlich sehr ruhig, bereit, ihre Handlungsweise zu verantworten. Sie wollte ja nur helfen, nichts weiter.

»Das ist natürlich sehr lieb von dir, Kleine«, ließ sich Sybille nach einiger Zeit vernehmen. Ihre Stimme klang freundlich und etwas unsicher. »Aber du hast uns damit doch in eine unangenehme Lage gebracht. Man nimmt es dir sehr übel, daß du Bardame geworden bist, und ich, als deine Schwester, bekomme das selbstverständlich auch zu spüren.«

»Das tut mir sehr leid, aber ist deine Gesundheit nicht wichtiger, als die Meinung anderer Leute?«

»Selbstverständlich ist sie das, nur ...« Sybille machte eine kleine Pause, dann sprach sie weiter, mit einem Gesicht, als gäbe sie nur schwer ein sorgsam gehütetes Geheimnis preis. »Ich konnte hoffen, bald die Frau eines hier sehr bekannten Mannes zu werden. Jetzt aber – nun, er gab mir zu verstehen, daß du erst deine Tätigkeit in der Bar aufgeben müßtest.«

»Wenn es so ist.« Ursel dachte schnell nach, fuhr dann impulsiv fort: »Aber Billa, dann liebt er dich nicht richtig.«

Über das Gesicht der Älteren glitt ein stolzes Lächeln.

»Doch, er liebt mich sehr.«

»Und du? Liebst du ihn sehr?«

Sybille verzog ein wenig den Mund – doch schnell verschwand das kleine, mokante Lächeln.

»Natürlich liebe ich ihn, Kleine.«

»Und was willst du nun, das ich tun soll?«

»Das eben weiß ich nicht«, erwiderte Sybille mißmutig. »Männer sind oft merkwürdig. Sie lieben an einer Frau Vollkommenheit – aber mit einem zu kurzen Bein bin ich das nicht mehr, verstehst du? Solche Äußerlichkeiten können oft entscheidend sein.«

»Glaubst du das wirklich?« Ursel konnte sich nicht vorstellen, daß Liebe so kleinlich sein konnte. Freilich, hatte sie mit Uwe nicht dasselbe erlebt?

»Doch«, erwiderte Sybille nachdrücklich, »das glaube ich. Und deshalb würde ich so gern deine Hilfe annehmen – aber gerade das würde man mir übelnehmen. O Ursel, was soll ich denn nur tun? Ich bin ja so unglücklich!«

Ihr Gesicht spiegelte tiefste Verzweiflung wider, ihre Finger umkrampften Ursels Hand. Kein Zweifel, sie war sehr, sehr unglücklich. Sie zitterte und bangte um ihre Liebe.

Ursel war erschüttert.

»Aber, Billa, es muß doch niemand wissen, daß ich dir helfe«, sagte sie tröstend. »Das geht doch keinen Menschen etwas an.«

»Aber du kannst dann diese scheußliche Tätigkeit nicht aufgeben, und das wird erwartet. Oder zumindest wird erwartet, daß ich mich dann von dir lossage, verstehst du?«

Ursel war empört aufgefahren, aber das unglückliche Gesicht der Älteren hinderte sie, ihrer Entrüstung Ausdruck zu verleihen. Sie hatte sich steil aufgerichtet. In dieser Haltung verharrte sie, während sie angestrengt nachdachte. Ganz starr waren ihre Augen auf einen Punkt geheftet, aber sie sah nichts. Sie mühte sich krampfhaft, ihre Gedanken zu ordnen. Trotz der warmen Frühlingsluft, die durch das geöffnete Fenster hereinströmte, waren ihr Hände eiskalt.

Ihre Stimme klang leer, fast blechern, als sie endlich sprach:

»Dann sage dich von mir los, wenn man glaubt, sich meiner schämen zu müssen.«

Bin blitzschneller, lauernder Blick aus unruhigen, schwarzen Augen, dann antwortete Sybille langsam, jedes Wort sorgsam wählend:

»Überflüssig, davon zu sprechen, ich werde meine einzige Schwester nicht verleugnen. Außerdem wäre es sinnlos, mit einem körperlichen Gebrechen heiratet mich kein Mann, der berechtigt ist, höchste Ansprüche zu stellen. Wir sind eben arm, Kleine, wir haben kein Recht auf Glück«, schloß sie gefühlvoll.

Und wieder beobachteten ihre klugen Augen gespannt die Wirkung ihrer Worte.

Ihre kluge, genau berechnete Abwehr erwies sich als richtig; sie rief alle Hilfsbereitschaft, alle schwesterliche Liebe in der jungen Ursel wach.

»Nein, Billa, du sollst glücklich sein«, rief sie mit bebender Stimme lebhaft aus. »Wenn du ihn so sehr liebst, dann, o Billa, es ist doch so einfach – ich gebe dir das Geld für die Kur und du – du kannst doch sagen, daß du dich von mir gelöst hast. Dann ist doch alles gut.«

»Ursel«, Sybille wagte nur einen sehr schwachen Protest, »das kann ich doch nicht annehmen...«

»Doch, doch, du kannst es. Ich weiß ja, daß du mich immer liebbehalten wirst. Und später vielleicht...« Ursel schluckte heftig, ein wütender Schmerz drohte sie zu überwältigen, aber tapfer beherrschte sie sich und fuhr fort: »Ich werde dann nur noch solange hierbleiben, wie es notwendig ist. Man wird bald vergessen, daß du eine Schwester hast. Und später – nicht wahr, vielleicht wird dann doch noch alles gut.«

Vielleicht war es doch ein Gefühl echter Beschämung, vielleicht aber war es wieder nur Berechnung, daß Sybille in Tränen ausbrach und in erschütterndem Ton klagte:

»O Ursel, ich bin ja so unglücklich. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll! Ich liebe ihn so sehr.«

Klüger hätte sie einer Antwort nicht ausweichen können. Die junge, unerfahrene und selbst so grundehrliche Ursel war erschüttert angesichts eines so großen Schmerzes.

»Billa«, sagte sie zärtlich und setzte sich auf den Bettrand, »nicht weinen. Du sollst glücklich sein. Gesund sollst du werden, und sicher wird eines Tages alles noch gut, ganz gut, du Liebe.«

»Das wolltest du wirklich für mich tun, Ursel?« fragte Sybille, und jetzt war sogar ihr selbstsüchtiges Herz etwas erschüttert, so viel Opferbereitschaft war ihr fremd. »Ich soll dich verleugnen, und du willst mir trotzdem helfen?«

»Ja, Billa, sonst könnte ich nie mehr ruhig sein«, erwiderte Ursel fest.

*

Wie im Traum schritt sie später durch die Straßen, machte einen weiten Umweg und stieg zum Schloßberg hinauf.

Es tat doch sehr weh, viel weher, als sie gedacht. Wie grausam war doch das Leben, wie unbarmherzig die Menschen! Sie waren hart und ungerecht.

Der Mann, der Sybille liebte, war es, und Uwe und – der Professor.

Mit ihm hatte es begonnen. Er war der erste gewesen, der ihr zeigte, daß die Welt voller Abgründe war. Mit Uwe, das schmerzte nicht einmal, ihn konnte man nur verachten, aber dieser Mann – immer wieder demütigte er sie, rächte sich an ihr dafür, daß sie es gewagt, ihm ihre Verzeihung zu versagen. Nun ließ er sie immer wieder seine Überlegenheit spüren, nun mußte sie mit ihm tanzen, weil er es wollte. Es gab kein Auflehnen, sie wurde ja dafür bezahlt, daß sie die Gäste des Hauses unterhielt. Wie hätte sie wagen können, sich dem Wunsch gerade dieses bevorzugten Gastes zu widersetzen?

Sie zitterte vor ihm. Sie wußte, sie war schon so nervös geworden, daß sie dauernd unruhig zur Tür schaute an jenen Abenden, wo mit seinem Erscheinen zu rechnen War. Blieb er einmal aus, dann hielt die marternde Spannung an, bis sie endlich ihr Zimmer aufsuchen konnte. Tatsächlich, dann fehlte ihr etwas.

Man gewöhnt sich sogar an sein Unglück, dachte sie traurig, ich werde mich auch daran gewöhnen, keine Schwester mehr zu haben.

Sehnsucht überkam sie nach der friedlichen Geborgenheit des Internats, nach den fröhlichen Freundinnen, mit denen sie Leid und Freud geteilt hatte. Ach, was man damals für Leid hielt!

Sie lächelte bitter und unsagbar schmerzlich. Was wirkliches Leid war, sie wußte es jetzt, aber ebenso, daß man es allein tragen mußte. Da war kein Mensch, der die Last erleichterte; sie war allein.

Tränen verdunkelten ihren Blick, und trotzig warf sie den Kopf in den Nacken.

Nein, nicht weinen, nur nicht weich werden, nur das nicht. Und wie vor Wochen, so stählte sich auch heute ihr fester, junger Wille an diesen paar Worten: Nur nicht weich werden.

Ursula wandte sich und schritt mit schnellen Schritten hinunter in die Stadt. Froher war sie da oben auf ihrem geliebten Berg nicht geworden, nur härter.

Etwas von dieser Härte lag auf ihrem Gesicht, in den tiefernsten Augen, prägte sich aus in dem feinen Schmerzenszug, der um den herb geschlossenen Mund lag.

Sie ging durch die Straßen, ohne etwas zu sehen, hoch und stolz aufgerichtet. Ein Herr schritt dicht an ihr vorbei, sie bemerkte ihn nicht. Aber er sah mit schmerzlicher Erschütterung in das junge, unbewegte Gesicht, das vor kürzer Zeit noch so heiter und weich gewesen war.

Er blieb einen Augenblick stehen und schaute ihr nach, dann ging er weiter. Ein leiser Seufzer verhallte.

Professor Weißenborn hatte das Gefühl, als werfe das Leben ihm jetzt Stein um Stein in den Weg. Bisher war es steil bergauf gegangen, hatte ihn schnell zum Erfolg geführt, hatte ihn in jungen Jahren berühmt werden lassen. Sollte das nun alles sein? Nur Glück im Beruf, sonst nichts?

Er hatte mit sich gekämpft, wie immer, und wie immer trieb es ihn am Abend zu fortgeschrittener Stunde wieder in die Bar.

Ein Herr rief ihn an, erhob sich leicht und bat ihn an seinen Tisch. »Ah, Herr Seeger. Ganz allein heute?«

Weißenborn nahm den ihm gebotenen Platz.

»Unfreiwillig«, erwiderte der Fabrikant lächelnd, »ich erwarte einen Geschäftsfreund, der heute abend auf der Durchreise hier mit mir zusammentreffen wollte. Scheinbar hat er aber mit dem Wagen einen Aufenthalt, er sollte schon längst hiersein.«

»Hoffentlich gab es keinen Unfall. Sicher ist man ja heute nie.«

»Wahrhaftig nicht, das Fahren ist kein Vergnügen mehr.« Seeger wechselte das Gespräch und fragte den Architekten nach den Plänen für sein Haus, an dessen baldiger Fertigstellung ihm sehr gelegen war.

Mit liebenswürdigem Gruß trat der Hoteldirektor an den Tisch. Er befand sich auf einem der üblichen Kontrollgänge durch die Gesellschaftsräume.

»Wie ist es«, fragte Seeger liebenswürdig, »dürfen wir den Vielbeschäftigten zu einem Glas Wein einladen?«

»Vielbeschäftigt, Sie sagen es«, meinte der Direktor lächelnd, »man sollte überall zugleich sein können. Aber einen Augenblick habe ich schon Zeit.«

Er setzte sich mit einem kleinen erleichterten Seufzer. Sein Blick fiel auf die junge Bardame, die gerade von einer Gesellschaft junger Ausländer umringt war und in lächelnder Abwehr die Hände erhoben hatte. Scheinbar bestürmte man sie zu sehr mit allen möglichen Wünschen, die sich nicht so schnell erfüllen ließen.

»Was sagen Sie zu unserer neuesten Attraktion, meine Herren? Ist sie nicht charmant, die kleine Ursula?«

Seeger warf einen Blick zur Theke, ein Schatten überflog sein Gesicht.

»Gewiß, sehr charmant. Aber, wie mir scheint, auch etwas abenteuerlustig. Durch den Besuch einer Hotelfachschule käme sie vermutlich sicherer und – ungefährdeter zum Ziel.«

Weißenborn horchte gespannt auf. Der Direktor machte ein verständnisloses Gesicht:

»Ich verstehe nicht ganz, Herr Seeger, welches Ziel sollte die junge Dame haben?« fragte er verdutzt.

»Nun, wie ich hörte, hat sie doch ganz große Pläne. Sie sehen in ihr eine künftige Kollegin, Herr Direktor – sie möchte später einmal großartige Luxushotels leiten. Der Duft der großen Welt, Sie verstehen. Es war ihr so eilig damit, daß sie vorzeitig das Internat verließ«, berichtete der Fabrikant.

Der Direktor schüttelte langsam den Kopf.

»Das kommt mir vor wie eine dicke Zeitungsente. Weiß der Himmel, was in unserer guten Stadt immer geredet wird. Diese hochfliegenden Pläne sind mir völlig neu, mir ist nur bekannt, daß die Kleine das Internat vorzeitig verlassen mußte, weil der Verwandte starb, der die Kosten dafür bestritten hatte. Sie kam völlig mittellos hierher, weil ihre Schwester hier studiert, und auf dem Weg über das Arbeitsamt dann zu uns. Eine höchst einfache Geschichte.«

»Das begreife ich nicht.« Seeger hatte Mühe, gelassen zu erscheinen. »Zufällig kenne ich die Schwester, sie gehört dem Freundeskreis meines Neffen an, und soviel mir bekannt ist, sind die Schwestern nicht ohne Vermögen.«

»Solange der Onkel lebte, ging es ihnen vermutlich gut, aber jetzt haben sie schwer zu kämpfen. Ursula wurde Bardame, um ihre Schwester zu unterstützen. Die Studentin hatte einen Skiunfall und muß sich noch einer längeren Kur unterziehen, wenn sie das Krankenhaus verläßt.«

»Das hat Ihnen die Kleine erzählt?« Jetzt war Seeger sichtlich fassungslos, zu unglaublich erschien ihm das Gehörte.

Weißenborn blickte stumm von einem zum anderen. Sein Gesicht war unbewegt, nur seine Augen verrieten die ungeheure Spannung.

»Ja«, nickte, der Direktor und verbarg seine Verwunderung, »und ich habe gar keine Veranlassung, daran zu zweifeln. Schon vor einiger Zeit machten die Schwestern einen Notverkauf, um den Krankenhausaufenthalt hier bezahlen zu können. Und als uns die Lolo verließ, kam die Kleine, die bis dahin im Empfangsbüro arbeitete, zu mir und bat mich um die vakante Stellung. Dabei nannte sie mir die Gründe für diesen Entschluß. Nebenbei bemerkt, sie ist nicht nur klug und charmant, ich halte sie auch für ein äußerst tüchtiges und tapferes Mädchen.«

»Unbegreiflich«, murmelte Seeger und rang sich ein mühsames Lächeln ab. »Ich kenne diese Geschichte ganz anders. Aber Sie haben den besseren Einblick, lieber Direktor. Es ist nur interessant, zu erfahren, was sich hinter dem schönen Gesicht eines Mädchens verbirgt. Ich hielt diese Ursula für etwas leichtfertig, Sie sprechen mit großer Anerkennung von ihr. Wie sehr man sich doch täuschen kann.« Seine Stimme, die wieder an Sicherheit gewonnen hatte, verklang müde und schwer.

Weißenborn blickte kurz und forschend auf. War da etwa noch einer, dem das Mädchen Ursula zum Schicksal geworden war? Mißtrauen lag in seinen Augen, die weiterwanderten zu der jungen Bardame.

Gerade blickte sie etwas hilflos zu dem langen Jonny auf, der ihr vertraulich und zärtlich zugleich zulächelte und sofort helfend an ihrer Seite war und die scheinbar sehr übermütigen Ausländer mit einem Scherz von ihr ablenkte. Ein kindliches und doch schwermütiges Lächeln dankte ihm.

Finster wurde das Gesicht des Professors – dieser Jonny war ein hübscher und auch sympathischer Bursche.

Der Direktor erhob sich und sagte verbindlich:

»Die Pflicht ruft, meine Herren, ich muß meine Runde machen.«

Seeger sagte wenig später:

»Ich schätze, es lohnt nicht, noch länger zu warten. Wer weiß, wo der gute Dr. Bienert unterwegs hängengeblieben ist. Ich werde beim Pförtner Bescheid hinterlassen, man kann mich ja jederzeit erreichen. Es ist spät geworden.« Er sah plötzlich sehr müde und alt aus.

Weißenborn nickte.

»Es wäre an der Zeit, ich gehe auch bald hinauf.«

Sie verabschiedeten sich voneinander. Seeger ging, es befanden sich nur noch wenige Gäste in der Bar.

Wenig später erhob sich auch Weißenborn.

Ein paar bange Augen blickten ihm entgegen. Ursel wußte es, jetzt wollte er mit ihr tanzen.

Aber sie irrte sich.

Er stand vor dem Bartisch und bat:

»Würden Sie ein Glas Champagner mit mir trinken, Fräulein Kamphofer?«

Er nannte sie nicht Ursula, wie es hier üblich war.

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich möchte nicht trinken, Herr Professor.«

»Ich bitte darum«, sagte er leise und drängend, mit weicher, dunkler Stimme. Seine Stimme und sein Blick trieben ihr das Blut in die Wangen, ließen ihr Herz heftig schlagen. Wie unter einem Zwang neigte sie den Kopf. Sie holte zwei Gläser. Er nahm ihr die Flasche aus der Hand, goß perlenden Champagner in die spitzen Kelche und reichte ihr ein Glas.

»Trinken Sie mit mir auf die Erfüllung meines sehnlichsten Wunsches, Ursula.«

»Herr Professor ...« Sie wollte das Glas absetzen.

»Bitte, Ursula.«

Ich will doch nicht, was gehen mich seine Wünsche an, dachte sie erregt – und doch bannten sie seine Augen. Doch mußte sie tun, was er verlangte.

Leise, mit zartem, hellem Klingen berührten sich die Gläser – seine Augen ließen sie nicht los. Sie tranken.

»Ex«, sagte er leise, als sie absetzen wollte – und sie leerte das Glas.

»Gute Nacht, kleine Ursula.«

Wie weich seine Stimme war? Wie unbegreiflich sein Blick?

Ursel zitterte und legte doch ihre Hand in die seine. Sie spürte den festen Druck und hatte das Empfinden, etwas Glühendes berührt zu haben. Und es war doch nur eine warme, feste Männerhand. Die Hand ihres Feindes. Er ging.

Da war Jonnys Stimme neben ihr:

»Ursula, er hat dich heute verschmäht. Ein komischer Heiliger, der Professor«, meinte er neckend.

Sie zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht.

»Es scheint so, Jonny, er hat mich verschmäht«, gab sie lustig zurück und schluckte heftig. Nur nicht weich werden, rief sie sich zu.

*

Gegen die Liebe war niemand gefeit, auch der Fabrikant Seeger war es nicht. Aber er war gewöhnt, sich zu beherrschen und jede seiner Handlungen unter Kontrolle zu halten. Nur ein immer waches Mißtrauen sicherte den Erfolg. Es war ihm so sehr in Fleisch und Blut, übergegangen, daß es ihm gelang, seine leidenschaftliche Liebe zum Schweigen zu bringen, als er glaubte, nicht mehr vertrauen zu können.

Es fiel ihm nicht leicht, aber er wartete in kluger Vorsicht ab. Sein Geld öffnete ihm viele Türen, auch die der Auskunfteien. Es dauerte nur wenige Tage, da wußte er alles, was ihm wissenswert erschien.

Der Vater der Schwestern Kamphofer war Chemiker gewesen, er und seine Frau waren vor zehn Jahren einem Autounfall zum Opfer gefallen. Vermögen war nicht vorhanden, die beiden Schwestern wurden auf Kosten eines sehr vermögenden Verwandten in einem Internat erzogen. Kurz vor seinem Tod ging dieser Onkel noch eine Ehe ein, die junge Frau wurde seine Alleinerbin. Die jüngere Schwester mußte daraufhin das Internat verlassen, die ältere hatte ein Stipendium beantragt, um ihr Studium fortsetzen zu können. Es folgten noch kurze Angaben über Ursels jetzige Tätigkeit.

So also sah die Wahrheit aus, dachte Egbert Seeger und kämpfte gegen die Traurigkeit, die ihn überfallen wollte. Es war ein wundervoller Traum gewesen, als er glaubte, sich die Liebe der jungen, schönen Studentin errungen zu haben, als er annehmen konnte, sie liebe ihn selbstlos, ohne an sein Geld zu denken. Das war nun vorbei.

Aber ein brennender Schmerz fraß an ihm. Er war nicht mehr jung genug, um leicht und schnell zu überwinden. Er wußte, sie war seine letzte Liebe gewesen, die schöne, stolze Sybille. Und sie war noch nicht erloschen, diese Liebe, die keine Erfüllung finden durfte.

Lange saß er grübelnd an seinem Schreibtisch. Dann sprang er mit einem Ruck auf. Man mußte hart sein können, vor allem gegen sich selbst. Je weniger übrigblieb von dem Idealbild, das er in seinem Herzen getragen hätte, desto besser würde es sein, dachte er in verzweifeltem Grimm.

Sybille Kamphofer stand am Fenster, als er das Krankenzimmer betrat. In einem kirschroten Morgenrock aus duftigem Chiffon sah sie schöner denn je aus.

»Oh, Herr Seeger«, sagte sie sichtlich erfreut und ließ ihre Augen strahlen.

»Es scheint Ihnen gut zu gehen«, erwiderte er zurückhaltend. »Sie stehen auf – ein gutes Zeichen.«

»Ja«, erwiderte sie heiter und wunderte sich insgeheim, daß er ihr keine Blumen brachte, »es geht mir ausgezeichnet. Noch ein paar Wochen Wildbad und alles ist gut.«

»Sie gehen nach Wildbad?« Er blickte sie aufmerksam an.

Sie wurde etwas unruhig. Er war so anders als sonst.

»Ja«, gab sie etwas ernster zurück, »es ist notwendig. Eine Sehne ist nicht ganz in Ordnung, aber durch Bäder und Massagen läßt sich der Schaden beheben. Das Sanatorium, das man mir empfohlen hat, soll ausgezeichnet sein.«

»Vermutlich auch sehr teuer?«

Sie wunderte sich ob dieser Frage. Hatte Seeger sich je einmal darum gekümmert, ob eine Sache teuer war?

Sie zuckte leicht mit den Schultern.

»Solche Häuser pflegen nicht billig zu sein. Aber das spielt ja keine Rolle«, erwiderte sie nachlässig, als stünde ein großes Bankkonto hinter ihr.

»Gewiß nicht«, stimmte er mit unbewegtem Gesicht zu.

Erneut fragte sie sich unruhig nach dem Grund für sein verändertes Wesen.

»Aber, was ich fragen wollte«, fuhr er ruhig fort und blickte sie forschend an, »haben Sie inzwischen mit Ihrer Schwester gesprochen?«

Sie zuckte zusammen. Das also war es, dachte sie, und eine kaum bezähmbare Wut gegen Ursel erfüllte sie. Und doch mußte sie sich jetzt zusammennehmen.

Sie gab ihrem Gesicht den Ausdruck tiefen Schmerzes.

»Oh, Ursel«, flüsterte sie mit einem schweren Seufzer und Augen, die voller Trauer waren, »Sie macht mir großen Kummer. Ich habe sie beschworen, habe gebettelt und gefleht – aber es war alles zwecklos. Sie hält an ihrem unglückseligen Plan fest. Was ich auch versuchte, es war umsonst. Ich ...«, und nun hob sie die Hände mit einer wahrhaft erschütternden Gebärde des Schmerzes empor, »ich habe mich von ihr losgesagt. Ich habe keine Schwester mehr.«

Er antwortete nicht und sah sie nur stumm an.

Eine unklare Angst stieg in ihr auf. Genügte es ihm etwa nicht, was sie getan hatte? Verlangte sein spießiges Selbstbewußtsein noch mehr?

»Bitte«, sagte sie flüsternd, »habe ich recht getan? Es war die einzige Möglichkeit.«

»Das müssen Sie selbst wissen, ob Sie recht getan haben, Fräulein Kamphofer. Ein Fremder vermag das nicht zu beurteilen«, erwiderte er kalt. »Man sieht nur die Außenseite und nicht, was sich dahinter verbirgt.«

Fassungslos starrte sie ihn an. Ihre stolze Haltung zerbrach an seinem harten Blick.

»Herr Seeger«, murmelte sie verstört.

»Ja«, fuhr er unerbittlich fort, »man kann da sehr leicht irren. Ihre Schwester hatte ich gründlich verkannt, ich lernte sie inzwischen als sauberes und tapferes Menschenkind kennen. Aber meine Zeit ist leider bemessen – ich muß mich verabschieden. Darf ich Ihnen für Ihre Genesung und für die Zukunft alles Gute wünschen, Fräulein Kamphofer?«

»Ich danke Ihnen, Herr Seeger.« Sie hatte ihre stolze Haltung wiedergefunden. »Ich bin noch jung genug, um an eine glückliche Zukunft zu glauben.«

Er sah ihr spöttisches Lächeln, das ihn an sein Alter gemahnen sollte, und verneigte sich leicht.

»Das ist Ihr gutes Recht, Fräulein Kamphofer. Leben Sie wohl.«

Er hatte nicht einmal abgewartet, ob sie ihm die Hand reichte.

In dumpfer Beklommenheit starrte sie auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen hatte. Dann sank sie fassungslos in den Sessel.

Große, dunkle Augen irrten unruhig hin und her – Sybille Kamphofer begriff nichts –, sie wußte nur, sie hatte ein hohes Spiel verloren.

*

Ursel erschrak, als sie ihn eintreten sah und wußte, nun würde die Qual wieder beginnen.

Hatte sie eigentlich schon einmal aufgehört? fragte sie sich bang. Nein, nie – seit jenem Tag nicht, als sie in seinen Augen den furchtbaren Verdacht las. Es war nur immer schlimmer geworden.

Seit sie mit ihm den Champagner getrunken hatte, erfüllte sie eine Rastlosigkeit ohnegleichen. Immer noch glaubte sie diese weiche, dunkle Stimme zu hören. Weshalb sprach er so zu ihr? Es tat weh und war doch nur Hohn, nicht mehr.

Sie hatte aufgeatmet, als sie am anderen Vormittag im Empfangsbüro feststellte, daß er abgereist war. Ein paar Tage würde sie jetzt Ruhe haben – aber es gab keine Ruhe.

Heute mittag war Ursel, wie fast täglich, wieder zu einem kleinen Schwatz bei Fräulein Lang gewesen – sie hatte ja kaum einen Menschen, mit dem sie sprechen konnte, und das alte Fräulein war immer recht nett. Man konnte sich durch einen kurzen Blick in die Zimmerliste überzeugen, daß er heute wieder dasein würde.

Den ganzen Abend wartete sie schon – und schrak doch zusammen, als sie ihn erblickte. Welchen Wunsch würde er heute haben? Tanzen? Trinken? Oder war ihm inzwischen noch etwas anderes eingefallen, womit er sie quälen, sich rächen konnte?

Ich verzeihe nie, dachte sie erbittert und mußte doch immer wieder hinschauen zu ihm, mußte alle Willenskraft aufbieten, um mit lächelndem Gesicht ihre Pflicht zu tun. Sie wurde ja bezahlt für ihr Lachen, für das leichte Geplauder mit den Gästen.

Es war Montag; früher als sonst brachen die Gäste auf, nur wenige hielten noch aus. Ein Herr bat um einen Tanz – sie hatte nichts zu tun und mußte ihm folgen. Und sie wäre doch am liebsten fortgelaufen, weit, weit fort.

Ein neuer Tanz.

Ursel sah ihn kommen. Sie hörte seine höfliche Frage, die doch einem Befehl gleichkam. Er wußte es ja, daß sie tanzen mußte, wenn er es wollte.

In steifer Abwehr stand sie vor ihm; er legte den Arm um sie, und ein Beben ließ ihre Glieder weich werden. Das Gefühl grenzenloser Hilflosigkeit gegen etwas, das stärker war als sie, verwirrte ihr klares Denken. Willenlos folgte sie seiner Führung.

Fester zog er sie in seinen Arm, sein Kopf neigte sich tiefer zu ihr herab, sie spürte es.

»Ursula, wann kann ich Sie morgen sprechen?« fragte er leise.

Sie schaute verwirrt auf und blickte in ein paar Augen, die zwingend in den ihren ruhten.

Es war schwer, den Kopf zu schütteln, zu sagen:

»Ich möchte aber nicht mit Ihnen sprechen.«

Seine Augen ließen nicht los.

»Ich muß Sie aber sprechen, hören Sie – ich muß.«

Sie strebte von ihm fort, ihr Gesicht spiegelte alle Qual wider.

»Nein. Wir haben nichts miteinander zu sprechen.«

»Doch, Ursula«, nickte, er ernst, mit einem Blick, so ernst und voller Güte, daß sie unruhig wurde. »Doch, Ursula, ich habe Ihnen etwas zu sagen. Es ist wichtig, kleine Ursula – soll ich umsonst bitten?«

Da ist sie wieder, die weiche, warme Stimme.

Sie begriff sich selbst nicht, als sie sich hörte:

»Gut. Um welche Zeit?«

»Um zwei Uhr in der Halle? Paßt es Ihnen so?«

Ein vorwurfsvoller Blick trifft ihn, als wolle sie ihn fragen, ob er sich schon einmal darum gekümmert habe, ob ihr etwas passe oder nicht.

Aber sie antwortet nur kurz:

»Ich werde kommen.«

»Ich danke Ihnen, Ursula.«

In ihrem Rücken spürte sie den sanften Druck seiner Hand und hörte sein tiefes Aufatmen.

Scheu blickt sie zu ihm auf. In seinen Augen ist es hell, ein Licht glänzt darin – ein Schauer durchfährt sie.

Da ist der Tanz zu Ende.

»Ich freue mich auf morgen«, raunt eine Stimme dicht an ihrem Ohr.

Sie antwortete nicht.

Er führte sie zurück zum Bartisch.

Dort stand Uwe Seeger und blickte ihnen grinsend entgegen.

Der Professor sah, wie Angst in die Augen des Mädchens trat. Er bemerkte auch, daß der Student angetrunken war.

Schnell trat er zu ihm, begrüßte ihn freundschaftlich und schlug ihm dabei leicht auf die Schulter.

»Kommen Sie, Seeger, Jonny muß uns einen Drink mixen.«

Uwe hatte wenig Neigung, sich von Jonny bedienen zu lassen, aber die Persönlichkeit Weißenborns war zu stark, der Respekt vor dem berühmten Mann zu groß. Er fügte sich sofort und stimmte zu. Ein schräger, böser Blick traf Ursel, dann ging er auf das Gespräch ein, das der Professor, gewandt anknüpfte.

An Uwe vorbei blickte er einmal hinüber zu Ursel und nickte ihr beruhigend zu mit seinem guten Lächeln.

Ursel wußte nicht, wie ihr geschah, aber ihr war, als habe sie sich seit langer, langer Zeit nicht mehr so beschützt gefühlt wie jetzt. In ihren Augen lag ein träumendes Lauschen, als horche sie in sich hinein.

Als letzte Gäste verließen der Professor und Uwe die Bar.

Jonny schob seiner jungen Kollegin einen Drink zu. Es war ein hohes Glas mit einer dunkelroten Flüssigkeit.

»Das hat dein Professor für dich brauen lassen, Ursula«, meinte er mit verschmitztem Lächeln. »Ich glaube, er hat Angst, du könntest an Schlaflosigkeit leiden. Das Zeug garantiert dir einen langen Schlaf.«

Verwundert hörte sie zu, dann griff sie zögernd nach dem Glas und trank es langsam aus.

»Was war das eigentlich, Jonny?« fragte sie dann.

Er lachte.

»Lauter gute Sachen, Mädchen – du wirst heute herrlich schlafen.«

»Komisch«, lachte auch sie, wenn auch etwas befangen, »aber es wird ja wohl nicht schaden.«

»Bestimmt nicht«, versicherte Jonny grinsend.

Sie spürte schon eine leise Schwere in den Gliedern, als sie in ihr Zimmer kam. Aber es war angenehm. Es war schön, nicht mehr denken zu müssen – sie hatte schon Angst davor gehabt. Es gab so viel, worüber sie nachdenken mußte, aber das ging jetzt nicht mehr. Nein, wirklich nicht – sie war ja so müde, so schrecklich müde.

Achtlos flogen die Kleider umher – irgendwohin. Heute wurden sie nicht wie sonst sorgsam aufgehängt.

Ich bin herrlich müde, dachte sie, als sie schon im Bett lag, und dann noch ein letzter Gedanke – eigentlich nett von ihm, ich hätte sonst vor Aufregung kein Auge zugetan.

*

Ursula trug ein hellgraues Baumwollkleid mit weitem Rock und tiefem, viereckigem Ausschnitt, der von einer weißen Blende besetzt war. Sie sah rührend jung und kindlich darin aus. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch die unruhigen, bangen Augen, die hastig nach ihm suchten.

Er erhob sich aus dem tiefen Sessel, in dem er gewartet hatte, und kam ihr entgegen.

»Ich fürchtete schon, Sie würden nicht kommen«, lächelte er froh, denn tatsächlich hatte sie ihn warten lassen.

»Ich komme nicht gern, aber ich habe es versprochen«, erwiderte sie still. In schlecht verborgener Spannung blickte sie ihn an.

»Ich denke, wir fahren ein Stück hinaus, hier ist doch immer Unruhe«, meinte er ruhig.

Erschrocken schaute sie auf, zauderte, dann zuckte sie resignierend mit den Schultern.

»Wie Sie wollen.«

Es klang trotzig und hilflos zugleich.

Sie saß neben ihm im Wagen, die Hände reglos im Schoß gefaltet. Er fuhr nicht sehr weit hinaus. An einem Waldrand nahe der Stadt hielt er, stieg aus und schritt um den Wagen herum. Er streckte ihr die Hand entgegen, aber sie verschmähte seine Hilfe. Leichtfüßig sprang sie hinaus und blieb denn abwartend stehen. Plötzlich fuhr sie erregt auf, ihre Augen sprühten vor Zorn:

»Wenn ich nur wüßte, weshalb ich hier bin? Weshalb ich immer tun muß, was Sie wollen?«

Seine scheinbare Ruhe erregte sie noch mehr, denn sie sah nicht, daß auch er unsicher war. Ursel machte eine Bewegung, als wolle sie zurücklaufen in die nahe Stadt.

»Kommen Sie, Ursula«, bat er ernst, »es spricht sich besser, wenn wir ein wenig gehen.«

Und wieder war da etwas, das sie zwang, ihm zu folgen.

Einen Augenblick schritten sie schweigend nebeneinander auf dem moosigen Weg, der ihre Schritte lautlos machte.

»Ursula«, begann er, sich zur Ruhe zwingend, »ich habe Sie einmal schwer gekränkt. Sie wissen, daß es in einem Augenblick der Überraschung geschah. Kurz darauf bat ich Sie, mir zu verzeihen, aber Sie wiesen mich zurück. Seit dieser Zeit mußte ich immer wieder an Sie denken – manchmal auch voller Zweifel, aber wie es auch war, ich kam nicht mehr von Ihnen los. Und nun?« Er machte eine kurze Pause, blieb stehen, und auch sie verhielt den Schritt. Mit ernsten, verwunderten Augen blickte sie zu ihm auf. Ein kleines, unendlich zärtliches Lächeln lag um seinen Mund. Er nickte ihr au:

»Und nun liebe ich Sie, Ursula.«

In jäher Abwehr wich sie zurück und streckte die Hände aus. Sie wollte etwas sagen, aber es war nur ein kleiner, ächzender Laut, der über ihre Lippen kam.

»Ich weiß«, fuhr er mit erzwungener Gelassenheit fort, »es überrascht Sie. Ich will auch heute keine Antwort von Ihnen, aber ich wäre sehr glücklich, wenn Sie sich entschließen könnten, meine Frau zu werden.«

Ein Ruck ging durch den gertenschlanken Körper; Fassungslosigkeit lag auf ihrem Gesicht. Etwas Heißes stieg in ihr auf, und ihre Augen, diese schönen, klaren Augen schienen ihn durchdringen zu wollen.

»Herr Professor«, raunte sie mit erstickter Stimme, »der Dieb ist noch nicht gefunden!«

In atemloser Erregung blickte sie ihn an.

»Was kümmert mich das, Ursula? Ich weiß, daß ich Ihnen vertrauen kann wie mir selbst und ...«

»Der Bardame vertrauen Sie?« fiel sie ihm hastig ins Wort, und Unbeschreibliches ging in ihr vor.

»Ja«, antwortete er schlicht.

Es war, als sei ein Blitz neben ihr niedergefahren, so grell zuckte ein flammendes Licht in ihr auf. Eine atemberaubende Erkenntnis überfiel sie – sie wußte sich nicht mehr zu helfen, Ursula weinte hemmungslos, sie wandte sich ab, und schwere Tränen rollten über ihre Wangen. Der ganze Körper wurde geschüttelt von einem heftigen Schluchzen, das zu unterdrücken sie sich vergeblich mühte.

Da hielt es ihn nicht mehr. Er war plötzlich neben ihr und zog sie sanft in seine Arme.

»War es so schlimm, Ursula?« fragte er weich.

Sie antwortete nicht. Aber sie legte den Kopf an seine Brust. Es war eine Bewegung grenzenloser Hilflosigkeit. Es war, als suche sie Schutz bei ihm, vor sich selbst und vor all dem, was sie jetzt so jäh und übermächtig bedrängte.

In seinen Augen zuckte es auf, dann breitete sich ein zärtliches, hoffnungsvolles Lächeln über sein Gesicht.

Sanft streichelte seine Hand über das goldig glänzende Haar. Wieder und immer wieder. Sie ließ es geschehen. Er wußte nicht, ob sie es überhaupt empfand in dem Aufruhr der Gefühle, der sie erschütterte.

Das Schluchzen ließ nach, wurde ein lautloses Weinen, wie es Kinder tun, wenn ein schwerer Kummer von ihnen genommen wird.

»Ursel, kleine, liebe Ursel«, flüsterte er bewegt, »so möchte ich dich immer halten können, möchte dich nie mehr fortlassen.«

»Ich will ja auch nicht fort.«

»Ursel! Urselchen!«

Ein jubelnder Ausruf.

Er hob ihren Kopf mit sanften und dennoch festen Händen au sich empor, schaute ihr in die Augen und, sah darin etwas glänzen, auf das er noch nicht zu hoffen gewagt hatte. Sah trotz des dichten Tränenschleiers ein stummes, beredtes Bekenntnis.

Da neigte er sich ihr zu, und seine Lippen legten sich auf den jungen, rosigen Mund. Ein Sturm der Leidenschaft durchbrauste den sonst so ruhigen Mann, den er selbst nicht für möglich gehalten hätte.

Und in scheuer, leidenschaftlicher Hingabe drängte sie ihm entgegen und wußte selbst nicht, wie ihr geschah. Es war ein seliger, zitternder Rausch, der sie beide umfangen hielt.

»Urselchen, Mädel«, sagte er nach einiger Zeit und hielt sie ein wenig von sich ab, schaute ihr mit schrankenloser Innigkeit in die Augen und atmete tief und schwer. »Ist es denn möglich? Du hast mich lieb?«

»Ich wußte es selber nicht«, gestand sie scheu. »Ich glaubte, es wäre Haß.«

»Aber nun weißt du es, mein Liebes?« Seine Augen baten.

»Ja, ich habe dich lieb«, bekannte sie schlicht und voller Innigkeit. »Es ist ein Wunder.«

»Auch für mich, kleine Ursel, aber wir werden sehr glücklich sein. Alle deine Not wird ein Ende haben, deine Sorgen werden meine Sorgen sein.« Sanft berührten seine Lippen ihre gläubigen Augen, ihren Mund. Dann ging er langsam mit ihr auf und ab. Sie hielten einander umschlungen und sprachen von dem, was war und dem, was sein würde.

All ihren Kummer lud die junge Ursel bei ihm ab. Sie erzählte von Uwe Seeger, von der Schwester, von den Gründen, die sie veranlaßten, Bardame zu werden und von der unseligen Perlenkette.

Vieles war ihm nun schon durch den Direktor bekannt, aber neu war ihm, wie überlegt sie hinsichtlich der Perlen gehandelt hatte.

»Mich berührt das nicht mehr, denn so oft mich anfangs auch noch Zweifel überfielen, stets überwog das Vertrauen zu dir. Aber es war gut, daß du dir auf diese Art innere Ruhe verschafftest, mein Lieb. Ich sehe schon, ich bekomme eine sehr gescheite, kleine Frau. Aber sag, bin ich dir auch nicht zu alt? Ich bin sechzehn Jahre älter als du?«

Zum erstenmal hörte er wieder ihr klingendes, helles Lachen, sah er den Abglanz sonniger Heiterkeit auf ihrem schönen Gesicht.

»O Stephan, willst du Komplimente hören?« neckte sie übermütig und setzte zärtlich und ernsthaft hinzu: »Du dürftest gar nicht jünger sein, Stephan. Mir ist, als könne mich nichts mehr treffen, wenn du bei mir bist.«

*

Und es war, als könne sie nun wirklich nichts mehr treffen. Alles, was sie schwer nahm, nahm er ihr ab, immer stand er schützend und helfend neben ihr.

Er hatte eine lange, ernste Aussprache mit der schönen Sybille. Er schonte sie, soweit er es konnte, denn sie war ja die Schwester seiner kleinen Ursel. Aber die ungeheure Demütigung konnte er ihr doch nicht abnehmen, die das hochmütige Mädchen empfand, als er ihr das Geld für eine Kur und die Fortsetzung ihres Studiums zur Verfügung stellte. Sie nahm es an, aber es war eine Qual ohnegleichen für das stolze Mädchen. Der Neid auf die junge Ursel, der alles in den Schoß zu fallen schien, um das sie selbst vergeblich und mit allen Mitteln gekämpft hatte, erstickte jedes dankbare Gefühl in ihr.

Der Hoteldirektor gab die junge Bardame noch am gleichen Tag frei; er verstand, daß Weißenborn sie nicht länger in diesem schweren Beruf wissen wollte.

»Und was wird nun aus mir?« fragte Ursel etwas erschrocken.

»Du fährst in zwei Tagen mit mir an den Bodensee. Bei einer sehr lieben alten Tante wirst du alles für unsere Hochzeit vorbereiten, mein Liebling. Mein Haus wartet auf seine Herrin – und ich auf dich.«

»Stephan, Liebster, träume ich auch nicht, ist das denn alles wahr?« fragte sie versonnen und fuhr sich mit einer kleinen, verlorenen Geste über die Stirn.

Mit einem zärtlichen, dunklen Lachen zog er sie an seine Brust.

»Es ist Wahrheit, kleine Ursel, glückliche Wahrheit«, erwiderte er innig und küßte sie mit zarter, verhaltener Leidenschaft. Nichts konnte die junge Ursel besser überzeugen. Sie fühlte sich geborgen in einem großen, verheißungsvollen Glück.








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