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Das liebe Nest

Paula Dehmel: Das liebe Nest - Kapitel 117
Quellenangabe
typepoem
booktitleDas liebe Nest
authorPaula Dehmel
firstpub1919
year1919
publisherE. A. Seemann
addressLeipzig
titleDas liebe Nest
created20041205
sendergerd.bouillon
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Kasperle und der Krieg

Ein Stückchen fürs Kasperltheater

Kasperle (allein, singt):

Bummvallera
ist nicht da;
wo ist Bummvallerallerallera?

(Er gähnt) Ach, ist die Welt langweilig! Vor lauter Langerweile hab ich schon ein paarmal meine Finger gezählt; aber komisch, es kommt immer was andres raus. (Er zählt an seinen Händen): 1, 2, 3, 5, 7, 8, 10, 12, 14, 15 – na ja, nun sind's wieder 15. Na, noch mal: 1, 2, 3, 5, 7, 9, 10, 12, 13, 14 – komisch, nu sind's wieder 14. Mal hat der Mensch 15 und mal 14 Finger; und dabei sehn sie immer egal aus. (Es klopft.) Ei, da kommt Besuch. Immer 'rein, meine Herrschaften, immer 'rein! (Polizist kommt.)

Polizist: Bist du der Kasper?

Kasperle: Was? Kasper? Herr Kasper heißt es, geehrter Herr Kasper heißt es, wertgeschätzter Herr Kasper heißt es, Sie oller Helmaffe Sie, Sie untertänigster Rasselsäbel!

Polizist: Mann, seien Sie mal etwas höflicher zur königlichen Polizei!

Kasperle: Höflich? Hi hi, höflich? Mit Höflichkeit fängt man nicht mal 'nen Floh. Oder soll man etwa sagen: bitte, Herr Floh, seien Sie so gut, Herr Floh?

Polizist: Kasper, du bist ein Esel!

Kasperle: Ein Esel? Was Sie sagen! Ist 'n nettes Tierchen, so'n Esel, hihi; klettert auf die höchsten Stellen und fällt nicht runter. Hihi, möcht schon solch Tierchen sein.

Polizist: Lirum, larum, Kasper, du mußt jetzt in den Krieg; darum bin ich hergekommen.

Kasperle: Krieg? Was ist denn das? Kriecht man da rum, in dem Krieg? Ich bin doch kein Kriechtier!

Polizist: Du dummer Kasper, du dammliger, der Krieg sind Schlachten mit Bomben und Kanonen.

Kasperle: Schlachten? Ei, das kenn ich, da gibt's frische Wurst; Blut- und Leberwurst, hihi, das schmeckt aber fein! – Und Bomben? wissen Sie, die backt meine Omama mir immer zu Weihnachten; die kenn ich auch. Und Kanonen? ja, die stehn noch vom Großvater selig her auf'm Kramboden; der war Sie nämlich Mistbauer, und brauchte so'ne dicken hohen Schmierstiebeln. Also, dann kenn ich ja den Krieg; muß 'ne lustige Sache sein.

Polizist: Na warte man, du Frechdachs, wirst es schon merken, wenn's dir man erst um die Ohren knallt.

Kasperle: Knallen tut's da? O jemine! Wissen Sie, Herr Kriegsminister, gegen Knallen hab ich von Kind auf 'ne Idiokratie.

Polizist: Idiosynkrasie meinst du wohl, dummer Kasper.

Kasperle: Nee, Herr Rasselsäbel, Sinn ist da nicht drin; sonst wär's ja keine Idiotokratie. (Er singt):

Die Welt, die haut sich tot wie nie,
tot wie nie, tot wie nie,
und füttert das Meer mit Korn und Vieh,
Korn und Vieh, Korn und Vieh;
das ist doch Idiotokratie, Tokratie, Tokratie,
Idiotokratie!

Polizist: Halt deinen dummen Schnabel, Kasper, das verstehst du nicht; das ist die hohe Diplomatie. Sage mir lieber, wie dein Vater heißt, Kasper.

Kasperle: Das kann ich Ihnen durchaus nicht sagen, Sie neugieriger Iltis, alldieweil ich das selber nicht weiß. Ich glaube, ich hatte gar keinen Vater.

Polizist: Und deine Mutter?

Kasperle: 'ne Mutter? 'ne Mutter hab ich auch nicht gehabt. Bloß 'ne Großmutter und 'ne Urmama; die haben mich zusammen zur Welt gebracht.

Polizist: Du bist 'n Ochse, Kasper, oder 'n Frechdachs. Jeder Mensch hat doch 'ne Mutter.

Kasperle: 'n Ochse? das wär was, ei der Daus! Was wär ich da wert bei den heutigen Fleischpreisen? wir wollen mal zusammen rechnen, Herr Kriegsminister. Also: ich wiege 150 Pfund, das Pfund kostet jetzt 8 Mark 50. Erst also 100 mal 8 Mark 50 – hängen wir einfach zwei Nullen an, das macht 85000 Mark; und dann noch 50 mal 8 Mark 50, das ist mir zu schwer, das kann ich nicht rechnen. Wissen Sie's vielleicht, Herr Kriegsrat?

Polizist: Na, das sind ungefähr 4000 Mark, Kasperle; es ist ja auch schon lange her, daß ich in der Schule war.

Kasperle: Also, ich hatte 85 000 Mark; und Ihre 4000 Mark dazu, macht 100000 Mark. Sehn Sie, Herr Kriegsminister, soviel ist der Kasper wert, wenn er ein Ochse ist; hihi, was sagen Sie nun, Herr Oberkanonenrat? Was mag man da erst wert sein, Sie, wenn man ein fettes Schwein ist! Wissen Sie was: wir wollen beide Bauern werden und fette Schweine zusammen ausbrüten. (Er singt):

O wär ich doch ein Öchselein,
Öchselein, Öchselein,
oder auch ein fettes Schwein,
fettes Schwein, fettes Schwein,
dann pökelt' ich mich selber ein,
si- sa- selber ein.
Da käm ich in ein großes Faß,
großes Faß, großes Faß,
da rollt' ich in das Kellergelaß,
Kellergelaß, Kellergelaß,
da hätt ich für den Winter was,
Wi- Wa- Winter was.

Polizist (packt ihn): Ach was, vorwärts marsch mit dir in den Krieg! und hast-du-nicht-gesehn ins Feuer!

Kasperle: Ins Feuer soll ich? Ich ins Feuer? Aber ich bin doch keine Preßkohle, Herr Oberheizer, daß ich ins Feuer soll? (Er ruft ins Haus): Großmama, mein Puttchen, du alte Knochenmühle! komm doch mal her, aber putz dich nicht erst! man will dein Kasperle ins Feuer stecken! (Großmutter kommt.)

Großmutter: Was ist denn los? Was schreist du so, Kasperchen?

Polizist: Er muß in den Krieg und will nicht, der Racker!

Großmutter: O Gott, o Gott, in den Krieg, mein Herzblatt? Da werden sie dich totschießen, armes Kasperchen! Ogottogottogottedoch!

Kasperle: Laß man, Omamachen wenn sie schießen wollen, nehm ich meine Pritsche und hau sie selber tot. Guck mal, so – so – haste nich gesehn – (er haut den Polizisten tot, wirft ihn über die Rampe und sagt dabei:) Ja, quiek man! den Kasper krigst du nicht! der lebt ewig, du oller Rasselsäbel! –

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