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Das liebe Nest

Paula Dehmel: Das liebe Nest - Kapitel 116
Quellenangabe
typepoem
booktitleDas liebe Nest
authorPaula Dehmel
firstpub1919
year1919
publisherE. A. Seemann
addressLeipzig
titleDas liebe Nest
created20041205
sendergerd.bouillon
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Räuber und Prinzessin

Eine Kartoffelkomödie

Einführung

Habt ihr schon mal was von der Kartoffelkomödie gehört? Nein? So will ich euch erzählen, was das ist.

Die Kartoffelkomödie ist ein Theaterstück, das statt mit Puppen mit Kartoffeln gespielt wird. Ihr bittet um ein paar glatte, nicht zu große Kartoffeln, bohrt mit dem Messer in jede ein rundes Loch, so daß ihr euern Zeigefinger bis zum ersten Glied hineinstecken könnt, und die Hauptsache ist fertig. Ein paar mit Stecknadeln angepiekte Hemdknöpfchen als Augen, ein Stückchen Rübe als Mund, und eins als Nase, bilden das Gesicht. Ein farbiger Puppenlappen wird oben mit einer Schnur zusammengezogen und um den Zeigefinger gebunden, nachdem zwei kleine Löcher für Daumen und Mittelfinger hineingeschnitten sind. Ihr werdet euch wundern, wie fein man die Finger als Arme und Hände benutzen kann.

Natürlich muß man sich in der Kleidung ein bißchen nach den Personen des Stückes richten. In unsrer Komödie, die ich nach einer älteren Vorlage ausgebaut habe, bekommt der König eine Krone von Goldpapier und ein rotes oder grünes Gewand, das ihr auch etwas mit Goldstreifen besetzen könnt. Pumpfia trägt am besten einen kleinen Schleier mit einem Streifchen Silberpapier um den Kopf, Jagomir einen großen braunen oder grauen Hut mit einer roten Feder, der Kanzler einen schwarzen Zylinder. Natürlich wird all das aus Papier gemacht. Die Kleider könnt ihr euch selbst ausdenken, jeder Flicken ist dazu brauchbar.

Wenn ihr das Stück aufführen wollt, ist es am bequemsten, ihr spannt irgendeine Decke oder ein Tuch in einen offenen Türrahmen, und zwar so hoch, daß ihr bequem mit den Händen hinauflangen könnt; eure Köpfe dürfen natürlich ebenso wenig zu sehen sein wie eure Füße. Einen Vorhang braucht man nicht, die Puppen verschwinden einfach hinter dem Tuch und kommen auch wieder so zum Vorschein. Jedes Kind kann zwei Puppen spielen, mit jeder Hand eine; bei einer muß es dann seine Stimme etwas verstellen.

So, nun versucht mal euer Heil. Es wird euch viel Spaß machen, und den Zuschauern auch.

Personen:

König Pflaumenmus.

Prinzessin Pumpfia.

Der Kanzler.

Der Räuber Jagomir.

Erste Szene.

Der König tritt auf, vom Kanzler begleitet.

König: Der Sommerabend ist so schön,
da muß man doch spazieren gehn.
Die Rosen duften süß, hazieh!
Die Nachtigall singt türütü –
– wie schmerzt mein linker großer Zeh,
und auch der rechte tut schon weh.
Den Schuster häng mir an den Galgen,
    (Kanzler verbeugt sich)
denn er gehört zu den Kanallgen.
    (König schnüffelt in der Luft)
Wie duftet's hier nach Bratkartoffeln,
da krigt man wirklich Appetit.
Geh, Kanzler, hol mir die Pantoffeln,
und bring die Abendzeitung mit.
    (Kanzler verbeugt sich und will gehn)
Halt! hemme noch den eiligen Lauf
und setz mir erst die Brille auf.
    (Kanzler tut's, dann ab.)
Ein König muß sich informieren,
es könnt doch was im Land passieren.

(Kanzler kommt mit der Zeitung und den Pantoffeln zurück.)

Kanzler: Hier, König, bringe ich die Zeitung,
die allerneuste Meinungsleitung.
Auch Schlupfschuh hier aus Woll' und Watte,
wie Majestät befohlen hatte;
und frage untertänigst an,
ob ich noch sonstwie dienen kann.

König: Nun ja, rück mir die Krone grade;
denn fiel sie runter, wär's doch schade.
    (Kanzler rückt die Krone zurecht.)
Was steht denn hier im Tageblatt?
Prinz Kasimir kommt in die Stadt?
Da wird er uns gewiß besuchen.
He, Kanzler, haben wir noch Kuchen?

Kanzler: Herr, nicht 'ne einzige Butterschrippe.

König: Na, häng nicht gleich die Unterlippe;
hol Streußelkuchen vom Konditor,
auch Vollmilch, einen halben Litor.

Kanzler: Ach, Herr, von Geld ist keine Spur.

König: Das schad't nix, Kanzler; pumpe nur.
Wir Könige lassen uns nicht lumpen,
und sollten wir die Welt auspumpen.
Geh jetzt und sorge für mein Land
mit Militär und mit Verstand!

(Kanzler verneigt sich, tritt vor.)

Kanzler: Was hat ein Kanzler doch für Sorgen;
wo soll ich bloß schon wieder borgen?
Wer schafft mir von der Deutschen Bank
den Schlüssel zu dem Kassenschrank?
Reichskanzler sein ist wirklich schwer;
ich dachte nicht, daß es so wär.
Ich annonciere in der »Quelle«,
vielleicht krieg ich 'ne andre Stelle.

(Kanzler ab.)

König (lesend):
Den Streik, den soll der Kuckuck holen!
Wir haben so schon keine Kohlen,
mein Thronsaal wird tagtäglich kälter,
und ich – ich werde immer älter.
Auf diese Bank will ich mich legen,
ein Stündchen süßer Ruhe pflegen.
    (Legt sich hin und schnarcht.)

Zweite Szene.

Pumpfia, König.

Pumpfia: Wo bist du denn, mein Väterchen,
mein süßer Pumps, mein Käterchen?

König: Wer stört mir meine Ruh im Grase?
Ach, Du bist's, kleine Stumpelnase.

Pumpfia: Papa, ich bring dein Leibgericht,
Bratkartoffeln! riechst du's nicht?
Ich briet sie selbst, ist das nicht nett?
mit Liebe und mit Hammelfett;
und machte Klopse dir zulieb,
vom Fleisch, das gestern übrig blieb.

König (essend):
Ich danke dir, mein Herzensmops,
für die Kartoffeln und den Klops.

Pumpfia: Papa, ich bin bald zwanzig Jahre
und kriege nächstens graue Haare;
ich mach mich immer wunderschön,
allein kein Freier läßt sich sehn.
Ich krieg am End gar keinen Mann;
was fang ich alte Jungfer an?
    (Sie weint.)

König: So liebe mich, mein süßes Kind!
Heiraten geht nicht so geschwind.

Pumpfia: Ach doch, Papa, 's geht ganz bequem.
Wenn doch ein Prinz, ein trauter, käm!
    (weint stärker.)

König: Mein Pümpfchen, tröste dich bis morgen,
da will ich dir 'nen Mann besorgen.

Pumpfia (fällt ihm um den Hals):
Du guter einziger Papa,
ich sag gewiß zu allen ja.

König: Leb wohl, ich muß zur Konferenz;
es ist nicht gut, wenn ich die schwänz.
    (König ab.)

Dritte Szene.

Pumpfia, nachher Jagomir.

Pumpfia: Ich arme Pumpfia und Prinzessin,
ach könnt ich doch mein Leid vergessen!
allein, o leider ganz allein,
in diesem holden Mondenschein!
Kein Jüngling liebt mich nur ein bißchen,
kein Prinz gibt mir ein holdes Küßchen.
Mein Herz ist leer, mein Kopf ist dumm,
ich fall vor lauter Sehnsucht um –
    (fällt um.)

Jagomir (tritt auf):
Ick stahl mir heimlich hier herein,
hier wird doch was zu mausen sein?
    (Schnüffelnd)
Nee, wo mit Hammelfett gebraten,
da regnet's sicher nich Dukaten.
    (Er erblickt Pumpfia)
'ne Dame? Ei, wie wunderschön;
die muß ich mal genau besehn. (Er tut's.)
Ich nehme mir den Hochgenuß
und geb ihr einen süßen Kuß. (Er tut's.)

Pumpfia (erwachend):
Was ist das für ein schöner Mann?
Ich wag's und red ihn lieblich an.
Wer seid Ihr, herrlicher Genoß?
Wie kamt Ihr her in dieses Schloß?
Ich bin durch Euern Gruß beglückt;
hat Euch ein Engel hergeschickt?

Jagomir: 'n Engel? Nee, das war der Robert;
der hat das Ding hier ausbaldowert.

Pumpfia: Ist alles gleich; du bist mein Schätzchen,
mein süßer Freund, mein Busenlätzchen.

Jagomir: Aber – was wird dein Vater sagen?

Pumpfia: Ach was, wer wird den Alten fragen.

Jagomir (küßt sie):
Mein honigsüßer Sirupstengel,
mein Marzipan, mein Zuckerengel!

Pumpfia: Welch Geist, welch Witz, welch hoher Held!
Pumpfia geht mit dir durch die Welt!

Jagomir: Mein Schätzchen, hast du auch Moneten?

Pumpfia: Die sind hier weniger vertreten;
an diese Frage rühre nich,
geliebter Freund, entführe mich.

Jagomir: Na, denn man zu, du süße Hummel!
    (Beiseite)
Verflixt, das wird 'n schöner Rummel.

Vierte Szene.

König, die Vorigen.

König: Prinzessin Pumpfia, Kasimir,
wo seid ihr kleinen Schäker ihr?
Ihr wollt euch wohl vor mir verstecken?
Na wart't, ich werd euch gleich entdecken.

Jagomir (beiseite):
I, du meine himmlische Güte,
die jlooben, ick sei 'n Prinz von Geblüte;
dabei gehör ick zum Räuberstand,
der ernährt seinen Mann besser als so'n Land.
    (Laut):
Guten Tag, Herr König, ich habe die Ehr
und verbeuge mir sehr. (Er tut's.)

König: Mein Vaterherz hüpft froh und warm:
mein Pümpfchen in des Prinzen Arm.
Mein hoher Gast, Prinz Kasimir,
wie findet meine Tochter Ihr?

Jagomir: Das Mädel hier? Na, himmlisch süß,
wie'n Engelken im Paradies.

König: Na, nimm se dir se denn se doch,
und spanne sie ins Ehejoch;
dann kocht dir deine kleine Braut
Erbsen mit Speck und Sauerkraut.

Jagomir: Ach ja, und dann Kartoffelklöße
mit einer süßen Pflaumensöße. (Umarmung.)

Pumpfia: Wenn man in deinen Armen ruht,
dann kocht sich's gleich noch mal so gut.

König: Ich bin gerührt wie Quetschkartoffeln,
verlier vor Rührung die Pantoffeln.

(Er tut's, die Pantoffeln fallen in den Zuschauerraum.)

Fünfte Szene.

Kanzler, die Vorigen.

Kanzler: Der Brief kommt eben von der Post,
der fünfundzwanzig Pfennige kost't.

König: Wie oft schon hab ich deklariert,
ich nehme nichts mehr unfrankiert.
Kommt mir noch mal so'n Ding ins Haus,
dann fliegt es gleich zum Fenster raus.
    (Er öffnet den Umschlag)
Laß sehn, was steht in diesem Brief.

Jagomir (beiseite):
Na, geht die Sache doch noch schief?

König. (liest):
»Prinz Kasimir entbeut den Gruß
dem hohen König Pflaumenmus;
er wird ihn heute noch besuchen
und hofft auf Kaffee und auf Kuchen.« –
Von alldem tut der Bauch mir weh;
was nun, mein Schwiegersohn in spe?
Seid Ihr denn nicht Prinz Kasimir?

Jagomir (stolz):
Ich bin der Räuber Jagomir!

König: Ein Räuber? Hu, das ist ein Graus,
der reißt mir die Gedärme aus!
Gewiß, er wird mich massakrieren
und mir mein Pümpfchen dann entführen.
    (Er weint.)

Pumpfia: Was mich betrifft, ich halte still,
wenn er nur dich verschonen will.

Jagomir: Ich schon ihn gern, und auch sein Geld –
    (beiseite): das er nicht hat!
Ich bin ein edler Räuberheld.

Pumpfia: Mein süßer Schuft, mein Wonneheld,
mit dir stehl ich die ganze Welt.

(Umarmung.)

Jagomir: Bald kommt der Kasimir ins Haus;
komm, Pümpfchen, komm, wir rücken aus!
Im Walde steht mein freies Schloß,
da schläft sich's fein – auf Heu und Moos.

König: Na, dann leb wohl, mein teures Kind!
Hier hast du noch ein Angebind
    (gibt ihr einen Zweimarkschein)
und außerdem noch meinen Segen.

Pumpfia: Den kannst du uns auf Zinsen legen.

(Beide ab.)

König: Nun sind sie weg, o Schmerz, o Graus,
ich weine mir ein Auge aus.
    (Er tut es, wirft den Augenknopf unter die Zuschauer.)
O Kasimir, Prinz Kasimir,
warum warst du nicht eher hier!
Wirr ist mein Herz, wirr ist mein Kopf;
die Welt, die ist ein Wackeltopf.
Nur eins ist unverrückt und wahr,
nur eins wie meine Pleite klar:
Hoch herrschen über Raum und Zeit
die Freiheit und die Dreistigkeit.

(Vorhang.)

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