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Das liebe Nest

Paula Dehmel: Das liebe Nest - Kapitel 115
Quellenangabe
typepoem
booktitleDas liebe Nest
authorPaula Dehmel
firstpub1919
year1919
publisherE. A. Seemann
addressLeipzig
titleDas liebe Nest
created20041205
sendergerd.bouillon
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Neujahrsspiel

Das alte Jahr (tritt in grauem Mantel ein)
Grüß Gott, ihr Leute, ich bin das Jahr,
das immer ist und immer war,
das immer kommt und immer geht
und niemals zaudernd stille steht,
das mit geheimem Pendelschlag
die Weltuhr regelt Tag für Tag.
Die Würfel werf ich: Leben und Tod,
Glück oder Unglück, Heil oder Not –
sie fallen gewichtig und ordnen die Welt,
einem Höheren unterstellt.
Zwölf Kinder hab ich zur Welt gebracht,
sie gleichen sich wenig, doch jedes hat Macht;
sie ziehen gestaltend durch die Welt,
eins mir immer zugesellt,
während die andern harren und ruhn
zu neuer Arbeit, zu frischem Tun.
Nur heute an meinem Geburtstag sind
sie alle gekommen, aus Regen und Wind,
aus Sonne und Nebel, aus Tiefen und Höhn,
ihre alte Mutter wiederzusehn.
Herein, meine Söhne, ein Kompliment,
und sagt den Leuten, was ihr könnt!

Januar (in dickem Pelz, mit Schlittschuhen und Schellen)
Grüß Gott! Ich bin der Januar,
voll Schnee und Eis hängt Bart und Haar;
der Vetter Nordwind versteht das Blasen,
steif sind die Ohren, rot die Nasen.
Zugefroren ist See und Fluß;
rasch den Schlittschuh unter den Fuß!
          Die Eisen gleiten
          durch blitzende Weiten
          in Bogen und Zacken,
          das gibt rote Backen!
Hört ihr das Schellengeläut? Meine Gäste
sausen durch Schnee und Rauhreifgeäste.

Februar (in Karnevalskostüm mit Pritsche)
Grüß Gott! Ich heiße Februar,
gleiche dem Bruder fast aufs Haar,
nur trage ich gern ein Maskenröckchen,
an meiner Kappe klingeln Glöckchen.
Weil ich im Spiel und Tanzen tüchtig,
schelten sie mich vergnügungssüchtig,
spotten und lachen hinter mir her,
weil ich zu kurz geraten wär,
          rufen: »Prinz Karneval,
          Narren gibt's überall!«
Doch meinen Punsch und Pfannekuchen
möchten Narren wie Weise versuchen.

März (in Landstreichertracht, mit einem Veilchensträußchen)
Grüß Gott! Ich bin der Bruder März,
ich habe ein wildes, stürmisches Herz.
Kann mich nicht mit den Brüdern vertragen,
puste ihnen den Schnee vom Kragen.
          Säubre die Wälder,
          fege die Felder,
tu aus der Seele das Kalte hassen,
muß es doch oft mir gefallen lassen;
aber bin ich erst König ein Weilchen,
grüßt ihr mit mir die ersten Veilchen,
seht ihr die Spitzen an Sträuchern und Bäumen,
die selig von künftger Entfaltung träumen.

April (in Wandervogeltracht mit Zupfgeige)
Grüß Gott! Ich bin der lustge April,
der immer tut, was er grade will.
Mal liebe ich's naß, mal liebe ich's trocken,
die Zugvögel tu ich nach Hause locken.
          Schneewassergüsse
          schwellen die Flüsse,
ich aber streif durch den Wiesengrund,
öffne der Obstblüte lieblichen Mund
und nicke den närrischen Träumern zu;
mit denen steh ich auf du und du,
schickt sie nur immer! ich lehre sie lachen
und sich aus den Plagen der Welt nichts machen.

Mai (in Bauerntracht mit Maiglöckchenstrauß)
Grüß Gott! Der Mai darf kaum noch wagen,
Besondres von sich auszusagen.
Ich schäme mich wirklich; bin so bekannt
wie ein bunter Pudel rings im Land.
Diese sammetlockigen teutschen Tichter,
hol der Kuckuck das Reimgelichter:
          »– der süße Mai,
          der entzückende Mai,
der blütenbekränzte, der himmlische Mai –«
mir wird ganz blümerant dabei,
denk ich an all die Dudelei.
Die Kinder lob ich; das lärmt und lacht
und feiert ganz ungereimt meine Pracht.

Juni (in Gärtnertracht, mit Gießkanne und Rosenstrauß)
Grüß Gott! Ich werde Juni genannt,
Farben und Düfte bring ich ins Land.
Seht, wie's im Garten knospet und quillt,
seht, wie die Frucht sich rundet und schwillt!
Vor allem muß ich die Rosen wecken,
ich küsse sie wach an Stamm und Hecken.
          Sind Regen und Wind
          mir wohlgesinnt,
schaff ich und wirk ich am grünen Gewande,
halte die Hoffnung am schimmernden Bande
und pflege das Wachstum der kommenden Zeit;
wenn der Schnitter prüft, ist die Saat bereit.

Juli (in Schäfertracht, mit Kornblumenstrauß)
Grüß Gott! Erlaubt mir, daß ich sitze,
ich bin der Juli; spürt ihr die Hitze?
Kaum weiß ich, was ich noch schaffen soll,
die Ähren sind zum Bersten voll;
reif sind die Beeren, die blauen und roten,
saftig sind Möhren und Bohnen und Schoten.
So habe ich ziemlich wenig zu tun,
darf mich ein bißchen im Schatten ruhn.
          Duftender Lindenbaum,
          rausche den Sommertraum!
Seht ihr die Wolke? fühlt ihr die Schwüle?
Bald bringt Gewitter Regen und Kühle.

August (in Schnittertracht, mit Sichel und Harke)
Grüß Gott! Ich bin der Monat August,
bin ernster Pflichten mir bewußt;
muß Frucht und Korn zur Ernte reifen,
meine Lieblingsmusik ist das Sensenschleifen.
Bald kommt die Ernte; der Himmel lacht,
der Segen wird in die Scheunen gebracht.
          Zum fröhlichen Reigen
          Jubeln die Geigen.
Doch mancher steht abseits vom Taumel und denkt
des Schöpfers, der alles zum Besten lenkt,
der Ordnung bringt in den Gang der Dinge,
daß Schweiß und Fleiß auch Freude bringe.

September (im Touristenkostüm)
Grüß Gott! Ich bin der September, ich ziere
mit rotem Weinlaub eure Spaliere.
Dem Wandrer lachen auf allen Wegen
köstlich die reifenden Früchte entgegen,
die gelben und blauen. Ich liebe die Ferne,
am Ufer der Meere träume ich gerne,
          wo die Welle beginnt,
          wo die Welle zerrinnt,
wo die Brandung braust und überschäumt
und ein Zugvogelschwarm den Himmel säumt;
da lieg ich und grüble und suche vergebens
den Sinn des Sterbens, den Sinn des Lebens.

Oktober (in Winzertracht mit Weinglas und Flasche)
Grüß Gott! Ich bin der Bruder Oktober;
die Nase glänzt mir wie Zinnober,
das kommt vom Gucken ins Gläschen. Vor Zeiten
lehrt ich die Menschen Wein bereiten;
der wurde bald ihr Lieblingsgetränke,
Jetzt krigt man ihn in jeder Schänke.
          Kommt mit zum Wein,
          ich lade euch ein!
Seht, wie die Wälder sich buntselig färben,
sie wissen: ein Schlaf nur ist alles Sterben.
So kommt und sinnt und fragt nicht viel;
»das Leben ist des Lebens Ziel!«

November (in Jägertracht mit Gewehr)
Grüß Gott! Der November stellt sich vor.
Mir ist ergeben der große Chor
der Winde und Stürme, die das Gefilde
von Unrat säubern; und auch die Gilde
der Nebel und Wolken ist mir vertraut.
Wer auf des Meeres Sanftmut baut,
wagt sein Leben, wenn ich regiere;
ich hasse den Frohsinn in meinem Reviere,
ich hasse die Sonne, hasse die Milde,
zerreiße im Felde das letzte Gebilde.
Ich liebe nur eins: wenn das Jagdhorn schallt,
hinter scheuem Wild die Büchse knallt.

Dezember (in beflittertem Pelz, mit kleinen Weihnachtsbäumchen)
Grüß Gott! Ich bin der Dezember und flechte
zu kurzen Tagen die langen Nächte.
Karg ist die Sonne in meinem Gezelt,
doch bring ich ins Haus eine schimmernde Welt.
Wenn im Ofen die Bratäpfel schmoren,
flüstert es leise von Mündern zu Ohren,
gibt es ein Reden, ein Kichern und Necken,
ein Fragen und Freuen, Pakete verstecken,
ein »bitte, Mama«, ein »sag doch, Papa,
ists Christkindel denn noch nicht da?«
Wenn am Heiligen Abend der Tannenbaum brennt,
bin ich in meinem Element;
          hell sind die Kerzen,
          warm sind die Herzen,
uns kümmert nicht Kälte noch Regen noch Wind.
Und denen, die arm und traurig sind,
und wo die Not sonst die Freude verbannt,
geben wir gern mit Herz und Hand.

Das Jahr (läßt den grauen Mantel allmählich fallen, steht dann in hellem Festgewand)
Wohl, meine Kinder! Jetzt aber denkt
an den Wechsel der Dinge und Den, der sie lenkt!
Stein wird zu Sand, Lebendges zu Stein,
Luft wird zu Wasser, Glut zu Wein,
Frucht wird zum Samen, Samen zum Baum,
Raum wird zu Zeit, und Zeit zu Raum.
Und immer rollt durchs Himmelszelt
die Erde, unsre alte Welt,
die stets verjüngt, in neuer Kraft,
fruchtbar ihr prangendes Kleid sich schafft.
Jedoch ihr Diadem und Zier,
ihr Menschenkinder, das seid ihr!
Drum freut euch ihrer Herrlichkeit,
freut euch des Meeres, so stark und weit,
freut euch der Wälder, der Blüte, der Frucht,
freut euch der Berge mit Tal und Schlucht!
Und freut euch eurer eignen Kraft,
die der Erkenntnis Wunder schafft;
seid glücklich, daß ihr Menschen seid,
der schönste Schmuck an Gottes Kleid,
wenn ihr euch seiner wert gestaltet,
euch immer göttlicher entfaltet.
Seid glaubensstark, seid willensklar,
das wünscht das neue Erdenjahr!

Chor der Monate Seid friedensstark, seid liebesklar,
das wünscht der Monate bunte Schaar!
          Prosit Neujahr!
    Nun reicht euch zur Wende
    des Jahres die Hände
    und grüßt euch mit Neigen
    und schlingt einen Reigen!
    Spiel auf, Musik, begleite sie,
    des Jahres Schluß sei Harmonie!

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