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Das letzte Stündlein des Papstes Innocenz des Dritten

Heinrich Federer: Das letzte Stündlein des Papstes Innocenz des Dritten - Kapitel 1
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titleDas letzte Stündlein des Papstes Innocenz des Dritten
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Heinrich Federer

Das letzte Stündlein des Papstes Innocenz des Dritten

Der grosse Innocenz lag am Nachmittag des heissen 16. Juni 1216 im erzbischöflichen Palast von Perugia, auf erhöhten Lagern, bei offenen Fenstern in den letzten Zügen. Jäh war es über den blühenden Herrn gekommen und hatte ihn aus grossen Plänen und einem Tisch voll noch nasser, weltregierender Diktate ins Sterben geworfen. Eine Orange zur Unzeit, Fieber, verwirrter Medikus und der Tod, das ging in einen halben Tag.

Er sah vom Kissen aus das Tibertal zu den Gesimsen heraufleuchten und drüben die kleinen Stadtnestlein Assisi, Spello, Foligno und Trevi von den Gebirgshängen winken. Aber reden, schreiben, auch nur noch mit dem Finger deuten konnte der Sterbende nicht mehr. Steif und still lag er da. Unter den Fenstern auf dem Pflaster hörte er die Rosse trampeln, Wagen vorfahren, Eilboten im Galopp den Hügel hinunter nach Rom rasen. Er hörte die Ärzte arabische Phrasen gegeneinander schimpfen und dazu mit ihren langen Röcken rauschen. Und das Hofgesinde und die Prälaten hörte er flüstern: »Er ist aus reichem Haus und ein grosser Sparer gewesen. Wer kennt sein Testament? Was vermacht er uns?« – Und übel klang dazu, wie man sich schon um die Schlüssel zu dieser und jener Truhe sorgte. Aber noch viel übler war das fromme, ängstliche Durcheinander anzuhören: »Gott, was wird aus unserer heiligen Kirche? – So jung der Kaiser, so furchtbar der Muselman, so nötig unser Papst wie die Sonne am Himmel! Wer soll seinen Stuhl füllen? Die Welt fällt auseinander.« – Das und alle die tausend Geräusche, die das Abtreten eines Grossen und das Kommen des Nachfolgers begleiten, hörte er mit dem so feinen Ohr der Sterbenden. Aber er lachte in seine grosse Seele hinein. Ach, was war doch dies alles für Torheit! Drüben glänzt Assisi. Dort lebt der Mann, der für diesen Augenblick allein noch passt, Wo ist Franciscus, der Bettler? Franciscus her! Ach, wenn er ihn doch rufen könnte!

Der stand einmal vor seinem Stuhl in Rom und fragte demütig: »Herre Papst, dürfen wir arm sein?«

Der junge Papst schüttelte damals verwundert seinen lockenbraunen Kopf. Die Hofschranzen aber spotteten laut.

»Dürfen wir von der Armut leben?« wiederholte Franz.

Innocenz lächelte fein. Was war das für eine Speise, die Armut? Was für ein neuer Reichtum, das Nichtshaben?

»Herre Papst, so meine ich’s: Darf ich eine Familie gründen aus lauter Freiern? Aber nicht aus Freiern um adelige Töchter oder um Bischofsmützen oder um Baronate! Ach nein, aus Freiern um die schöne, reine, selige Frau Armut. Dürfen wir vom Almosen leben? Und daneben wie die Vögel und die Eichhörnchen im Walde hausen, die bequeme liebe Erde zu Stuhl und Tisch und Bett und Studierpult und Futterplatz nehmen? und das Summen und Brummen der Tierlein zur Musik und das Wasser zum Spiel? Und dürfen wir uns so sorgenlos der Natur und ihres Bauherrn freuen? Und weil ganz gewiss so eine Armut allein der wahre Reichtum ist: dürfen wir unser köstliches Freiertum auch andern predigen? etwa den Schwitzenden und den Belasteten? den Verdrossenen und den Geizhälsen und den Schlemmern? Damit alle einfach werden? Denn einfach sein, ist wie das Evangelium sein, ist selig sein. Dürfen wir, Herre Papst, sag, dürfen wir?«

Das sang und drang in des Heiligen Vaters Herz wie mit Vogelstimmen. Es war vor wenigen Jahren. Wie gut weiss er es noch! Und wie sieht er noch immer deutlich jenen blassen, jungen sonnigen Mönch in der staubigen Kutte mit seinen zwitschernden Gesellen vor ihm stehen und so fröhlich betteln, als hätte er den blauen Himmel im Auge und einen Engel auf der Zunge.

»Aber ihr fallet den Menschen zur Last mit euerem Betteln und leidet dann Not und haltet es nicht lange aus!«

»Lasset uns nur machen, Herre Papst, es wird schon gehen. Wenn es den unwissenden Vögeln gelingt, so einem Spatz und Gimpel sogar, warum nicht auch uns schlau-einfältigen Geschöpfen?«

Da liess Innocenz sie gewähren. Und als die Mindern Brüder mit ihrem herrlichen Wald– und Harzgeruch aus dem Marmorsaal des Lateran hinausgesprungen waren und nur noch ein leises blaues Wolkendüftlein von ihnen an der Diele hing und still verschwebte: da fühlte der Heilige Vater zum erstenmal wieder, seit er die weisse Papstseide trug, dass es noch Grösseres gibt als die grelle Glorie seiner Regierung: Einfachheit der Seele, Franzens, des heiligen Habenichts, Einfachheit.

Jetzt aus all der verschachtelten und verwinkelten Krämerwelt hinaus in die Nähe des Todes gerückt, fühlt er wie Heimweh einen Hauch dieser Einfachheit über sich kommen. Sehnsüchtig blickt er über die Bettpfosten am Fussende hinaus und hinüber nach Assisi, wo der Heilige nun schon jahrelang mit den Vögeln und Füchsen und Jüngern lebt und wirkt, der Adam einer neuen Schöpfung.

Wenn doch jetzt dieser arme Franz da wäre und zu ihm ein Wort vom Frieden der Seele reden wollte, jetzt in diesen paar so wichtigen letzten Minuten!

Die Umgebung sieht, wie der Schweiss aus der kühlen, bleichen Stirne des Papstes rinnt und wie sein Auge quälerisch etwas sucht. Was möchte er wohl?

Ob er kühles Wasser wolle oder den Erzbischof Baldi oder seinen treuen Hofkaplan?

Nein, nein, nein, nichts dergleichen. Ach, könnte er nur den einen Namen rufen!

Ob man ihm etwas vorbeten solle?

Seine schwarzen grossen Campagnaaugen sagen ja. Aber vorbeten sollte der grosse heilige Bettler. Das wäre ein Gebet wie von einem Riesen.

Man betet mit brennenden Kerzen ums Bett aus den alten gewaltigen Psalmen. Wie das dröhnt beim hundertsten Satz: »Nimm mich nicht aus der Mitte meiner Tage weg!« – Und wieder beim neunzehnten: »Die kommen mit Wagen und die mit Rossen – ich aber im Namen des Herrn!«

Oh, das alles erlöst nicht. Innocenz möchte eine mildere Sprache, er möchte das Wort Figliuolo hören, wie es Franz von Assisi so süss sagen kann, und Padre und Patria, wie er allein es so heimatlich ausspricht. Unbefriedigt irren seine Blicke umher und haften dann immer wieder an den fernen, schimmernden Mauern von Assisi.

Da fällt endlich einem Kleriker ein, dass der wunderbare Franz von dort drüben zurzeit in Perugia weile. Man hat ihn noch am Vormittag mit Bettlern auf der Piazza spielen sehen. Er ist ein Narr und ein Heiliger. Vielleicht könnte der noch helfen. Und vielleicht ist es das, was der Sterbende sucht. »Soll man den Poverello holen, Heiligkeit?«

Innocenzens Augen leuchteten vor Freude. Und ein Erzpriester von San Lorenzo rennt hinaus und sucht nach Franz durch alle Schnörkel der Stadt. Umsonst! Er läuft in alle Schenken! Torheit! Endlich findet er den Bruder hinten im Spitalhof, wie er einem Siechen Suppe schöpft und zu jeder Kelle ein prachtvolles Sprüchlein weiss.

»Saget dem Papst«, wendet sich Franz heiter gegen den Prälaten, »ich könne nicht kommen. Ich müsse der Kranken warten. – Unser grosser Papst hat hundert Diener. Aber Nazaro hier, der Blinde, hat niemand, der ihm gut und höflich servierte.«

Der Heilige Vater nickte leise mit den Augen auf diesen Bescheid und wartete geduldig. Als er dachte, Franzens blinder Krüppel sei nun wohl gut und höflich serviert, sandte er wieder hin. Und diesmal ging ein Erzbischof.

Wieder suchte man lange auf und ab. Endlich traf man den Heiligen an der alten Stadtmauer zur Porta Nella hinunter in einem Rudel Gassenkinder. Franz teilte ihnen zusammengebettelte Orangen und Feigen und Brötchen aus und erzählte, während sie mit grossen, weissen Zähnen alles appetitlich assen, Geschichtlein auf Geschichtlein von hohen und mächtigen Kindern der Bibel, also vom gewaltigen Hirtenbuben und Schleuderer David, vom übermächtigen Knaben Simson, der Löwen mit blosser Hand erwürgt; dann vom viel feineren, hübschen und unsinnig schlauen Daniel und von den hellhaarigen, grossartigen sieben Söhnen der Makkabäerin, die über Feuer und Messer wie über ein dummes Spielzeug lachten. – Und immer klatschten die kleinen Zuhörer in die schmutzigen Hände, schrien: »Bravo Davide! bravo Daniele! bravissimo piccolo figlio Maccabeo!« und flehten dann: »Noch ein Geschichtlein, nur noch eines, Bruder Franz! Es ist so schön, was du da alles weisst. Wir wollen es nachmachen, sicher! Also denn, was war’s mit dem kleinen Krausebürschlein Giovanni Battista?«

»Saget dem Papst«, unterbrach jetzt Franz seine Kinder und verneigte sich ehrsam vor dem Erzbischofe, »ich könnte wirklich nicht kommen. Ich müsse Kinder lehren. Unser Heiliger Vater ist ja weiser als alle Kinder und Greise. Er braucht keinen Lehrer. Er ist der Lehrer der Lehrer. Und wenn er sich doch einen klugen Spruch will sagen lassen, so hat er ja ein Dutzend Doktoren von Paris und Bologna um sich. – Und nun, ihr lieben losen Jungen, gebt acht, was ich euch vom kleinen Battista ...«

Schmerzlich verzog Innocenz den feinen Mund auf diese Meldung und wartete, bis Franz alle Geschichtlein von mächtigen, heiligen Kindern den Perugierschlingeln unten an der Mauer erzählt hatte. Er galt dem heiligen Bruder also weniger als Blinder im Spital oder als irgendein ungehobelter Gassenbengel! Das war sehr betrübend. Aber Innocenz demütigte sich und glaubte, Franz tue recht. Und als er meinte, die Kinder hätten nun alle schönen Geschichtlein gehört, da sandte er, fast gar schon ohne Atem und Herzschlag, noch einmal dringend hin. Franz möge jetzt doch um alles kommen! Der Papst sterbe, wenn er zögere. Es sei doch etwas Grosses, wenn ein Papst rufe. – Diesmal waren es zwei Kardinäle in langen, brennendroten Purpurschleppen.

Doch Franz befand sich schon nicht mehr bei den Kindern, sondern war durch den Garten des reichen Baglioni spaziert, als wäre der sein Gut. Und da fand man ihn mitten im Weglein zwischen den hohen Rebstangen stehen und eine Spinne trösten, der er unachtsam die silberne Hängebrücke von einem Busch zum andern zerrissen hatte. Nun flatterten die Reste traurig im Winde.

Franz zog aus seinen zerfaserten Ärmeln so lange dünne Fäden, als er nur konnte, und suchte mit Bedacht und Fleiss sie zu verschlingen und mit den Enden zu verknüpfen und der Kreuzspinne so den Weg hinüber wieder ordentlich zu flicken.

»Saget dem Papst, ich müsse doch wahrhaft dem Spinnlein den zugefügten Schaden wiedergutmachen. Der Heilige Vater hat mich nicht so nötig. Hundert Nachfolger warten auf sein Sterben, um gleich an seinem grossen Faden das Netz Petri weiter zu spinnen. Oder zu flicken, wie es ihnen gut scheint. – Aber du, zierlich gesprenkeltes Spinnlein, hast wohl Hunderte, die dein Gewebe zerstören; aber niemand, der es wieder flickt. Da muss schon der dumme Franz herhalten.«

Und er fuhr fort, sehr feine Fasern aus dem Ärmel zu zupfen und zu verknüpfen und über das Laub zu ziehen, indessen die Spinne mit ihren hundert dankbaren, schwarz funkelnden Augen dem seltsamen Gehilfen vom gezahnten Rand eines Blattes auf jeden Finger sah und sich an dieser menschlichen Plumpheit köstlich ergötzte.

Diesmal wagten die Boten nicht heimzukehren und zu sagen, Franz habe ein garstiges Ungeziefer dem heilig und dreifach Gekrönten vorgezogen. Sie warteten also, indem sie bald an der seidenen Schleppe zogen, wenn eine Schnecke darüber kriechen wollte, oder eine Fliege abwehrten, die auf ihr goldenes Brustkreuz sich geradwegs hinsetzte, weil es so funkelte in der süssen, gelben, umbrischen Vespersonne. Dann horchten sie wieder gegen San Lorenzo hinauf, ob dort vom Schalloch die Totenglocke immer noch nicht anschlage! –

Endlich war Franz mit seiner Feinweberei fertig.

Die Spinne bedankte sich durch ein munteres Gezappel der Füsse und durch ein gewaltiges Gefunkel der hundert Äuglein.

»Gehen wir jetzt«, sagte Franz fröhlich, nachdem er ringsum weder einen Krüppel noch ein Kind, noch ein Tierlein oder sonst was Bedürftiges sah, dem er etwas zulieb tun könnte.

Indessen lag Innocenz hochauf in den Kissen, dem Fenster und den Bergen von Assisi zugewandt. Und es fiel gerade die Sechsuhrsonne, die tiefgelbe, umbrische, auf die päpstliche Krone zu Häupten des Bettes. Das Geschmeide flammte auf wie eine zweite Sonne und tauchte das ganze Gemach bis in die hinterste Ecke in einen seltsamen, goldig–dunkeln Dunst.

Der Papst horchte auf jeden Tritt über das Strassenpflaster unter dem Fenster. Plötzlich öffnete er die Augen weit und lächelte. Von allen andern Füssen unterschied er das leichte Holzschuhgeklapper des Bruders Habenichts. Er atmete schon den Wald– und Heideduft und das Paradieslüftchen dazu, das von Franz ausging. Seine feinen, bleichen, seidigen Lippen öffneten sich leise wie zum Grüssen.

Aber auf der Schwelle blieb Franz jählings stehen und hielt die Hände wie geblendet vor das Gesicht und sagte: »Herre Papst, da kann ich nicht hinein.«

Man rief, drängte, stiess. Was soll nun das? Warum spielte er jetzt wieder den Sonderling? Ist dies die Demut des Gottesknechtes, sich so zu gebärden? Warum, warum doch kann er nicht hinein?

»Mich blendet die Erde allhier«, antwortete der Poverello einfach.

Da hoben sie die Krone weg, und es wurde dämmerig im Saal, und Franz konnte hereinkommen. Er kniete vor den Papst auf beide Knie nieder wie ein Kind. Und Innocenz lächelte so zufrieden, wie er seit der Siegeskunde von Tolosa nie mehr gelächelt hatte. Ihm war, es knie ein Cherubim an seiner Seite. Franz aber begann: »Vielglücklicher, Heiliger Vater, nun sagt Ihr: Fahr wohl, Welt! Aber da knistert und rauscht und schmeichelt sie noch immer um Euch, so dass der Himmel nicht recht herzu kann.«

Sprach’s und zog dem Papst, der immer fröhlicher dreinsah, das seidene Schulterröcklein und die goldene Kette und sogar die breite, golddurchwirkte, schwere Stola ab. Alles sah zu und entrüstete sich und wagte doch keine Widerrede. Aber Franz warf seinen braunen, von so vielen Bettelreisen verstaubten und von so vielen Gassenbuben verunglimpften Mantel ab und legte ihn dem Papst über Brust und Schulter.

Dann blickten sich die zwei lange in die Augen und durch diese offenen Fenster in die tiefste, heimlichste Seele, der oberste Gebieter und der unterste Knecht auf Erden – und beide verstanden sich.

»Rede doch mit ihm«, gebot der Kardinalbischof von Ostia. »Deinen Trost will er haben.«

»Von der Schlacht bei Navas de Tolosa sag ihm! Hunderttausend tote Heiden! sag das!« schrie der Graf von Benevent.

»Oder vom Kreuzzug nach Byzanz!« meinte ein flämischer Baron.

Franz zog ein paar Spinnfäden mit höflichen und feinen Fingern aus seinem Bart und zog sie dem Papst über das noch immer braune, krause und jetzt vom Sterben ganz nasse Haar. So andächtig tat er das, als wären diese grauen Fäden das Köstlichste der Welt.

»Seht, Herre Papst«, sprach er dann munter, »es bleibt Euch nichts von allem Rom und Weltreich. Ja, von allem grossen Spinnen und Weben und Sorgen über Alpen und Meere hin bleibt Euch weniger als meiner Schwester Spinne drüben in den Weinlauben.«

»Nicht so musst du reden«, schalt da der ritterliche Bischof von Pisa. »Von den Bannstrahlen sag ihm lieber, die über den Gotthard in den deutschen Schnee flogen; von den getrösteten Königinnen zu Paris und Leon, und solches mehr! Das klingt fürs Leben und Sterben schön.«

»Und doch«, fuhr Franz fröhlich fort, ohne im geringsten auf den Hoftross zu achten, »ist Euch Köstliches geblieben und das Beste von allem, Herre Papst: die reine Armut! Da nehmt dieses Fetzlein Spinnfaden! So arm seid Ihr. Ein Bettler in Trastevere ist dagegen ein Krösus.«

»Basta ... vom Konzil im Lateran erzähle!« mahnt der Statthalter von Spoleto.

»Vom Krieg gegen die Ketzer!« eifert Montforts junger Vetter.

Aber Franz sah die vermehrte Freudigkeit des Heiligen Vaters wie einen hellen Sonntag über die Stirne ausgebreitet und plauderte unverdrossen weiter: »Vergesset das alles, was Eure guten Herren da fabulieren. Und kehrt lieber zurück in Euere Jugend. – Da hast du«, begann er den Papst mit einem Mal zu duzen, »ein Büchlein geschrieben, lieber Bruder, weisst du noch?«

Jetzt lag nichts Politisches und Staatsmännisches mehr im Papstgesicht. Ein junges, weiches Lächeln überzog alle Härte dieses Marmorkopfes. Wie ein Kind sah der grosse Innocenz aus.

Denn er sah sich als feurigen, frühreifen Knaben, vom Wein und von der Minnemusik im elterlichen Palast hinauslaufen in die tiefen Rebenstauden des Schlosshügels von Segni und nachdenken, was mehr sei als so ein erhobener Becher und so ein geharfnetes Liebeslied und so ein bunter und doch schwermütiger Campagnertanz. Und wieder sah er sich nachts im Bücherzimmer seines Vaters sitzen und über dem Ekklesiastes studieren, wenn der Docht schon heruntergebrannt war und seine Adelsgenossen sich zechmüde nach Hause trollten – sah sich da sitzen im Finstern und nachsinnen über das, was das Genie aller Zeiten nie Grösseres lehrte: einfach sein! Und der Sterbende besann sich gut, wie er damals voll stürmischer Begeisterung anfing, rauhe Kleider zu tragen und das Wenigste und Gewöhnlichste zu essen und zu trinken, was durchaus zum Leben gehört; und die hochlehnigen, weichen Stühle zu fliehen und ein Werklein zu schreiben: De contemptu mundi. Ah, er weiss jetzt, dass er nie so glücklich war wie damals beim heissen, herzklopfenden Niedergekritzel jener wenigen Blätter. Sie machen ihn jetzt glücklicher als die gebogenen königlichen und kaiserlichen Knie seines ruhmvollen Pontifikats. Es war schon nicht mehr irdische Heiterkeit, es war eine andere, erdfremde Sonne, die auf seinem erblassenden Antlitz leuchtete.

»Bei allen Söhnen der Armut und bei allen Töchtern der heiligen Einfachheit«, sagte Franz, »wird dein Büchlein gelten. Deine Staatspapiere lärmen sich bald aus und liegen stumm in den Archiven wie Leichen im Sarg. Aber das Büchlein bleibt, solange der Weg vom Staub zum Geist und von der Erde zum Himmel durch das heilige Tor der Armut geht!«

Innozenz lag wie in Verzückung.

»So vollende denn diesen Königsweg, Herre Papst und Herre Bettler. Geh im Frieden! Um dieses Büchleins und seiner Stille willen wird dir viel Lärm verziehen werden.«

Damit fasste Franz die schon erkaltete Hand des Papstes, so wie man den Freund, der eine weite, gar stattliche Reise unternimmt, an der Hand fasst, als sollte er uns doch um der Bruderliebe willen aus dieser winkligen Langeweile heraus mitnehmen in seine helle, tapfere, wunderbare Strasse hinaus.

Die schlanke Gestalt des Papstes tat einen leisen, feinen Ruck vom Kopf bis zu den Füssen des Bettes, dass es wie ein silbernes Leuchten durchs Zimmer ging, und öffnete den Mund und liess fröhlich das letzte Lüftchen entgleiten. Und niemand hätte seiner hellen Miene den Tod angesehen und an einen Leichnam geglaubt, wenn sich Franz nicht zu den Versammelten gewendet und beinahe lustig gesagt hätte: »Seht einmal da unsern lieben Herrn Papst! Er hat seinem Nachfolger nichts hinterlassen als dieses Lächeln auf der Stirne und diese paar Spinnfäden im Haar. Aber das ist genug.«

Und mit der gleichen Heiterkeit und den feinen, höflichen Händen, womit er vorher dem blinden Nazaro serviert, die Rangen gestreichelt und das Spinnlein bedient hatte, schloss er dem Heiligen Vater den offengebliebenen Mund und scherzte noch: »Bleib nun still! Du hast genug gelärmt!«

Verwirrung und Gewoge im Palast und in der Stadt Perugia. Über die Leiche hin geht Posaunenstossen und Rossgetrappel und das schwere, erhitzende Geschäft einer neuen Papstwahl. Und in diesem grossen Getöse merken nur ein paar leise, fromme Menschen das Flattern einer weissen unbekannten Taube, die sich zu Häupten des aufgebahrten Papstes in San Lorenzo niederlässt, wie damals, als man den Jüngling zum Papst erkor.

Als Franz spät am Abend in die Klosterstube zu Assisi trat, sagte er: »Unser lieber Bruder Innocenz ist soeben drüben in Perugia in diesem Mantel gestorben und hat den Frieden gewonnen!«

Da liefen die Brüder herzu und küssten das braune, grobe Tuch und wollten alsogleich das Requiem aeternam für den Toten anstimmen.

Aber Franz vollendete: »Betet also für die arme Seele des – neuen Papstes!«








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