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Das letzte Bankett der Girondisten

Charles Nodier: Das letzte Bankett der Girondisten - Kapitel 3
Quellenangabe
authorCharles Nodier
titleDas letzte Bankett der Girondisten
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Es war gegen zehn Uhr am dreißigsten Octoberabende des Jahres 1793, als sich die Pforten der Conciergerie öffneten, um einundzwanzig Gefangene wieder aufzunehmen, welche vom Tribunale kamen. Vier Kerkerknechte leuchteten dem Zuge mit brennenden Pechfackeln vor. Einige Soldaten blieben im Eingange stehen, und Waffengeklirr zeigte an, daß sich draußen ebenfalls Wachen befänden. Diese Mannschaften gehörten zu keinem regulären Corps, und trugen weder eine Regimentsnummer noch Uniform. Ihre dichten Schnurrbärte, lüderlichen Anzüge, blutrothen Mützen und der rohe Lärm ihrer Reden und ihres Gelächters bewiesen hinlänglich, daß sie zu jenen Gemeinde-Janitscharen gehörten, deren gräßliche Hingebung der furchtsame Hébert durch Aufreizung und Wein gesteigert hatte. Aus dieser Cohorte recrutirten die Maires seit dem einunddreißigsten Mai, wo der Berg über die Gironde triumphirte, Zeugen, Richter, Kerkermeister und Henker. Es war der bewaffnete September.

Die Pforten schlossen sich wieder; alle vor Gericht gestellte Gefangene waren zurückgekehrt. Eine Anzahl anderer Eingekerkerter, – so viele, als es wegen ihrer Unwichtigkeit, oder aus Gefälligkeit gegen ihre besonderen Geldmittel erlaubt bekommen hatten, – erwartete sie in den Sälen. Die Uebrigen lugten nach ihnen durch die Gitter der Höfe und die dichten Eisenstäbe vor den Fenstern. Besorgte Neugierde, tiefe, schweigende Aufmerksamkeit folgte den Vorübergehenden. Keine Stimme ward laut, denn unmöglich war es, in den Zügen der Angeklagten dieses Tages Aufklärung über Etwas zu finden, was alle Welt beunruhigte. Man faßte wieder Muth und hoffte und glaubte, sie wären nicht verurtheilt.

An der Spitze der Zurückkehrenden ging ein Mann, kaum in das Alter getreten, wo man aufhört jung zu sein, um mit Bedacht und Ueberlegung das ernstere Leben zu beginnen. Elegante Formen, gewählte – vielleicht zu gewählte Haltung, lebendige, geistreiche Züge, von einem fast unveränderlichen Lächeln erhellt, dessen – je nach den Umständen – heitere, spöttische oder gezwungene Weise, einen boshaften Rückhalt verrieth, waren die charakteristischen Kennzeichen dieses Deputirten. Sein ausnehmend starkes, die Stirn deckendes und nach damaliger Sitte gepudertes Haupthaar, in das er häufig mit der Hand fuhr, ohne für dessen Symmetrie etwas zu besorgen, lieh seinem aufrechten, ein wenig zurückgebogenen Kopfe ein Ansehen von Majestät, das dem Pomp des rednerischen Vortrages sehr günstig war. Er schritt einher wie ein Minister, der an die Spitze des Cabinets treten will, und sprach dabei mit der Beflissenheit eines Mannes, der gehört zu sein wünscht. Bald an diesen, bald an jenen seiner ihn umgebenden Amtsgenossen richtete er das untrügliche Wort, allein ohne die Stimme zu erheben, ohne alle leidenschaftliche, declamatorische Betonung und Geberde, ganz in der Weise gleichgiltiger Rede, die leicht und ohne von tiefer Aufregung oder vorwaltendem Interesse im Mindesten gestört zu werden, mit natürlichem Flusse dem Mund entströmt.

Um Gensonné, – denn das war der Name dieses Mannes mit ruhiger Haltung und gefaßter Seele, – drängten sich mit gespannter, hingebender, achtungsvoller Aufmerksamkeit, und gleichsam an seinen Worten hängend, Lacaze, Gardien, Lesterpt-Beauvais, Antiboul, die treuesten Clienten dieses seit zehn Jahren die Schranken und die Rednerbühne ehrenden, reinen Talentes. In ihren Zügen sprach sich nur schweigsame Spannung aus, und sie schienen den Athem an sich halten und stehen bleiben zu wollen, um keinen Laut der ernst-milden Beredsamkeit zu verlieren, welche von Zeit zu Zeit durch die lärmenden Ausbrüche der folgenden Gruppe bedeckt ward.

Die drei zunächst folgenden Personen kamen nämlich selten zusammen, ohne daß sich eine stürmische Discussion zwischen ihnen entspann, obgleich im Ganzen genommen eine große Uebereinstimmung der Neigungen und Grundsätze bei ihnen obwaltete. Es bedurfte aber nur eines Funkens, um die helle Glut in diesen entzündbaren Seelen anzufachen, die dann ein Hauch eben so leicht verlöschte. Die feurige Ueberspannung ihres Charakters war dem Nationalconvente so bekannt, daß man sie nicht ohne Erstaunen ihr Leben für die gefährliche Sache der Ordnung und Mäßigung würde haben in die Schanze schlagen sehen, wäre diese Vereinigung von Ungestüm und innigem Wohlwollen überhaupt etwas Neues, und besonders für die Beobachter gewesen, welche den moralischen Charakter unserer Provinzen zum Gegenstande ihrer Forschungen machten. Duperret aus Languedoc, dessen angestammtes Feuer sechsundvierzig Winter nicht gekühlt hatten, gehörte zu jenen Edelleuten, in denen chevallereske, auf die Traditionen von Fehde und Duell basirte Erziehung, und das von höfischem Einflusse frei gebliebene Herkommen des Stammschlosses, den rohen Heroismus und die Galanterie der alten Paladine unverändert auf die Gegenwart gebracht hatte. Zuverlässig als Freunde, als Feinde an Courtoisie den Amadis nicht nachstehend, hielten sie höher als alle Doctrinen die ultima ratio des Degens Duperret. In beiden gesetzgebenden Versammlungen, deren Mitglied er war, führte er nur den Titel eines Landwirths, der auch allein zu seinem politischen Berufe paßte. Sein Sohn, der Aufmerksamkeit verdienende Schriften herausgegeben, hat diese Partie seines Lebens aufgehellt und seiner Familie, wenn auch keine ehrenwerthere, doch eine glänzendere Herkunft zugeschrieben. Was Duperret betrifft, ist Alles dem Moniteur entlehnt.. Viger, ein beweglicher Anjouaner mit bretannischem Kopfe, war bei der Wahl seiner bürgerlichen Laufbahn zu keinem Resultate gelangt, hatte sich aber in Allem versucht. Officier zur See und zu Lande, Rechtsgelehrter, Magistrat, Akademiker, wurde er im reiferen Alter freiwillig gemeiner Soldat, und der Genius des Kriegs hatte die Oberhand behalten, als er binnen wenigen Tagen seiner letzten Verwandlung im Senate eines im Aufstande begriffenen Volkes unterlag. Dem Dritten hätte sein bürgerlicher Beruf eine ganz andere Sphäre anweisen sollen, allein auch Lasource war von der Glut jener südlichen Sonne durchdrungen, die selbst in den Adern eines Dieners des Friedens das Blut zum Sieden bringt. Verkündiger von Gottes Wort in der reformirten Kirche, hatte gleichwol den entfesselten Leidenschaften seiner Zeit Niemand reichlicheren Tribut gezollt, als er. Seine ungestüme Dialektik gefiel sich für gewöhnlich nur in Ausfällen und Drohungen, und häufig ließ er bei den friedfertigsten Erörterungen seine Hitze an den besten Freunden aus.

Eine schwer zu erklärende Sympathie, sobald sie nämlich nicht vom Bedürfnisse des Widerspruches erzeugt wurde, hatte im Kerker eine große Annäherung dieser drei eisernen Tribunen bewirkt, deren eckige Formen sich nie ohne Geräusch berührten. Niemand wunderte sich daher, sie mit gewöhnlicher Heftigkeit sprechen zu hören, und daß Duperret's scharfe und stolze, allein bedächtigere und mildere Rede sie nicht beschwichtigen konnte. Man dachte gar nicht daran, daß sie in einem anderen Tone sprechen könnten, und fragte sich nur, wie es käme, daß der unerschrockene Valazé bei dieser streitsüchtigen Gruppe fehle, wo er gewöhnlich seine Meinung mit dem Nachdrucke eines Rechtsgelehrten von Profession verfocht, der den Ruf der unerschütterlichen Wortkämpfer von Caen und Alençon rechtfertigte. Umsonst suchte man ihn unter den Uebrigen; Valazé fehlte.

Jetzt folgte im Zuge ein Einzelner, der keine Neigung bewies, sich an Jemand anzuschließen. Er war sich selbst genug bei einem monotonen Selbstgespräche, von dem kein Wort verloren ging, so sorgfältig wiederholte er es bei jedem Stillstande, das aber den Zuhörern deshalb nicht weniger unverständlich blieb. »Es lebe die Republik!« sprach Boileau, Friedensrichter von Avallon, indem er wiederholt auf seine Tabaksdose schlug: »es lebe die eine und untheilbare Republik! es lebe der unvergängliche Berg! ich für meine Person bin kein Föderalist; ich gehöre ganz und aufrichtig zum Berge.«

Dieses zu spät ausgesprochene Glaubensbekenntniß eines Deputirten, der kürzlich noch anders dachte, und vor einigen Monaten Marat ein Ungeheuer nannte, machte in verschiedenem Grade die Munterkeit zweier Freundespaare rege, die, heiteren Angesichts und mit verschlungenen Armen, Boileau fast auf dem Fuße folgten. Es waren vier junge Männer; in den Zügen eines der Vordersten lag mehr Ruhe und Ueberlegung, wie in denen der Anderen. Auf den ersten Blick errieth man, daß Leidenschaften und Geschäfte auf seiner siebenundzwanzigjährigen Stirn schon Furchen ziehen konnten, und daß, was ihm an Beweglichkeit nach außen abging, weniger eine Wirkung augenblicklicher Befangenheit als alter Gewohnheit war. Sein Nebenmann besaß alle Lebendigkeit seines Alters, und sein beherztes, lautere Freude strahlendes Auge funkelte von jener unbesonnenen Zuversicht, die der kecken Jugend keineswegs übel ansteht. Er trillerte einen Refrain, versuchte eine Melodie, improvisirte eine Strophe und tauschte dann Blicke und Lächeln mit seinem Begleiter aus. Beide verknüpfte innige Zuneigung, und Familienbande befestigten diesen Bruderbund noch mehr; die Geschichte selbst wird den Zwillingsnamen Boyer-Fonfrede und Ducos ein gemeinschaftliches Gedächtniß bewahren.

Das andere Paar wurde von geräuschvollerer Fröhlichkeit beseelt, die sich meistens durch betäubende Ausbrüche kund gab, an jenem Tage aber die gewohnte Thorheit zu überbieten schien. Auch schwebten die Namen der beiden Kaufleute, Duprat und Mainvielle aus Avignon, schon lange vor ihrem Erscheinen auf den Lippen der Zuschauer. Die nicht zu entschuldigende gewalttätige Rolle, welche sie bei den Umwälzungen ihres unglücklichen Vaterlandes gespielt hatten, schien zwar geeignet, ihnen Erinnerungen vorzuhalten, herbe genug, um dies fröhliche Ungestüm zu mäßigen; allein seit einigen Monaten milderen Ansichten zugewendet, genossen sie den Lohn ihrer Rückkehr zu den socialen Ideen und ihrer frühzeitigen Buße. Dies galt besonders von Mainvielle, der nur eine vorübergehende Erscheinung im Nationalconvente gewesen und von den brutalen Antipathien des Berges gleich am Tage seines Eintritts zur gemäßigten Partei getrieben worden war Wegen seiner Gewaltthätigkeiten in Avignon vor Einverleibung der Grafschaft ist Mainvielle nicht zu rechtfertigen, allein was machte der Bürgerkrieg an einem Jünglinge und Feuerkopfe nicht begreiflich, dem historische Erfahrungen abgehen? Ueberdies ging das die französische Revolution nichts an, sondern nur Mainvielle's Heimat. Kein Mitglied des Convents ist jedoch fälschlicher beurtheilt worden, oder es spricht vielmehr kein einziger seiner Biographen mit Sachkenntniß von ihm. So wird z. B. versichert, den Berg sogar hätten Mainvielle's Verbrechen so empört, daß er ihn mit Abscheu als Mörder zurückgestoßen habe. Das heißt aber dem Berge ein seltsames Zartgefühl und der gemäßigten Partei eine merkwürdige Verläugnung ihrer Grundsätze zuschreiben. Mainvielle wurde zwar allerdings eines Mordversuchs angeklagt, allein ohne Erfolg, und der Kläger war Duprat der Aeltere, der rasendste Revolutionsmann Avignons, der laut den Kopf seines Bruders, des gemäßigten, föderalistischen, conspirirenden Conventsmitglieds, gefordert hatte. Der mit Duprat dem Jüngern engverbundene Mainvielle hatte sich bei dieser Gelegenheit ganz der Heftigkeit seines Charakters hingegeben, und dies Verbrechen war es, was ihm Marat vorwarf.. Zwischen sieben- und achtundzwanzig Jahr alt, war er nebst Duchâtel der Schönste unter den Angeklagten, und die Milde seiner natürlichen, ihrer wahren Richtung wiedergegebenen Neigungen hatte schnell das wahre oder falsche Unrecht verwischt, dessen sein Ruf ihn zieh; denn in den Annalen eines vom Wahnsinn befangenen Volkes gibt es Tage, wo die einfachste Ablegung von Fehlern den ganzen Heroismus der Tugend besitzen kann. Man hätte sagen mögen, die nachsichtige Vorsehung habe schon auf Erden seinen Muth zu freiwilliger Besserung vergelten wollen, indem sie ihm sogar die Trübsal der Gewissensbisse ersparte. Sein naives, unversiegbares Gelächter, ähnlich dem eines über Kleinigkeiten entzückten Kindes, hatte oft die unerschrockendsten Mitglieder des Berges auf der Tribüne verwirrt, und Danton's feierlichen Baß, Marat's grimmiges Kreischen mit einem bizarren Accompagnement verziert. Mehr als zehnmal hatte es vor dem Revolutionstribunale die falsche, dünne Stimme Fouquier-Tinville's, den Ruf der Huissiers und das dumpfe Geräusch der Zuhörer übertönt. In dem Augenblicke, von dem hier die Rede ist, unterbrach er es plötzlich, um seine anmuthige Haltung zu zeigen, und mit nachlässiger Hand die Locken des in Verwirrung gerathenen Haares zu ordnen. Er glaubte ein Frauenzimmer bemerkt zu haben, das jedoch, auf den Arm eines mitleidigen und fühlenden Kerkerknechts gestützt, über den dunkeln Hof hinüber kaum zu erkennen war. Es befand sich damals ein Weib in der Conciergerie, allein nicht Mainvielle war es, den sein aufmerksamer und besorgter Blick suchte.

Brissot gewann durch diese plötzliche Unterbrechung Zeit, einige an seinen nächsten Nachbar gerichtete Bemerkungen zu vollenden. Ersterer war ein kleiner, hagerer, etwas mißgestalteter Mann von sechsunddreißig bis vierzig Jahren, auf dessen Angesicht nichts Besonderes zu sehen war, eine übermäßige Blässe ausgenommen, welche Arbeit und Nachtwachen vermehrt hatten. Sein Anzug war sehr einfach, allein von sonderbarem Geschmack. Das Haar trug er rund, anliegend und ohne Puder, wie die Quäker, und sein ganzes Benehmen athmete eine Art Originalität, die man weder in seinen Reden noch in seinen Schriften wiedergefunden hätte. Ohne Begünstigung der von der Revolution erzeugten neuen politischen Lehren und eine oberflächliche Bekanntschaft mit fremden Sprachen hätte er sich weder als Publicist noch als Philosoph unter der großen Menge derjenigen ausgezeichnet, welche sich durch Studieren einen hinlänglichen Ideenvorrath angeeignet haben und sich geschickt auszusprechen wissen. Als Redner war er reicher an Gedanken als an Wendungen und mehr redselig wie beredt, besaß aber die Gattung von Rednertalent, welche dem Bedürfnisse repräsentativer Regierungen am meisten zusagt, Geschäftskenntniß und Klarheit des Ausdrucks. Er hatte mit Nachahmung der Manier J. J. Rousseau's begonnen, dem ihn seine Freunde gern an die Seite stellten, und war er demselben in geistiger Hinsicht bei weitem untergeordnet, so stand er ihm wenigstens an Rechtschaffenheit des Charakters und Wärme des Gefühls nicht nach. Wahr ist, Brissot würde in allen Verhältnissen ein ausgezeichneter Mensch gewesen sein, und fortgerissen von der Revolution über seinen natürlichen Bereich, hatte er einiges Recht, sich für einen außerordentlichen zu halten. Diese Ueberzeugung flößte ihm eine Art von Selbstgefälligkeit ein, die sich in der Manier seines Ausdrucks oder, besser gesagt, in der eitlen Aufmerksamkeit verrieth, mit welcher er sich reden hörte. Daher hatten ihn denn auch die unmäßigen Ausbrüche Mainvielle's und Duprat's, als sie unter dem Kerkergewölbe wiederhallten, sehr unangenehm in seiner an Carra gerichteten Rede gestört.

Von allen Girondisten erweckte dieser das wenigste Interesse. Funfzig Jahre, in ganz Europa mit abenteuerlichem, geheimem und selbst verdächtigem Treiben hingebracht, wenn man den ehrenrührigen Angaben der niedern literarischen Sphäre glauben dürfte; ein Ruf, mindestens verdunkelt durch vorgefaßte Meinungen, die zwar nie vollständig erwiesen, allein auch eben so wenig ganz gehoben wurden; ein wenig rationale Bildung, die nur aus seltsamen Begriffen von Spitzfindigkeiten der Physik, oder eitlen etymologischen Hypothesen bestand; eine weitschweifige, unverdaute Unterhaltung, in der sich die ungereimtesten Ansichten, die verwegensten Doctrinen und zügellosesten Paradoxen zu einem Chaos schauderhafter Ueberspannung und Lüge verschmolzen; endlich die Heftigkeit seiner politischen Grundsätze, die sich nur seit dem Processe des Königs zu mildern schienen – kurz, Alles vereinigte sich, um die Mehrzahl der Vernünftigen gegen ihn einzunehmen. Gleichwol war der kleine Kreis seiner Vertrauten, der ihn besser kannte und beurtheilen konnte, darüber ziemlich einig, daß Redlichkeit hinter seiner Charlatanerie und Narrheit stecke. Brissot, der wenig aus ihm machte, verschmähte dennoch seine Unterhaltung nicht, weil er einige Fähigkeit, seinem Raisonnement zu folgen, und Kenntnisse bei ihm fand, die bei den erleuchtetsten Conventsmitgliedern sehr selten waren. Für diesmal hatte Carra nur halb auf ihn gehört, denn er war gerade eifrig mit seiner großen Theorie der ewigen Wiedererzeugung und Gestaltung der Materie beschäftigt, dem verwirrtesten und vorherrschenden seiner philosophischen Hirngespinste. Bitterlich klagte er, sie unvollendet zu hinterlassen, denn nicht grundlos war der Zweifel, daß einer seiner Schüler sie ganz und gar, mit allen Syllogismen, Dilemmen, Theoremen und Corollarien, im Gedächtniß behalten habe.

Obgleich Brissot dann und wann stehen blieb, um durch eine absichtliche Pause wichtigen Nuancen seiner Meinung Nachdruck zu geben, war doch zwischen ihnen und dem nächstfolgenden Deputirten eine Lücke bemerklich, und die auffallende Art, mit welcher dieser neue Ankömmling sich von seinen Collegen absonderte, ließ wahrnehmen, daß es nicht ohne Absicht geschah. Er war schon bei Jahren, allein die Auszeichnung, welche er zu verlangen schien, mußte auf andere Ansprüche gegründet werden, denn es lag in seinem Benehmen etwas Ungezwungenes, Feines und Anmuthiges, welches einnahm, ohne Ehrfurcht zu fordern. Genau betrachtet, war es nur ein an Jahren, nicht an Charakter, gealterter junger Mann. Nicht einmal das Haar verrieth sein Alter, so geschickt hatte eine sorgfältige Toilette dessen Weiße verborgen. Eine elegante Sauberkeit, gehoben durch Zierathen eines jetzt verworfenen Luxus, die an seinen Fingern glänzenden Juwelen, welche er dem Licht aussetzte, indem er die Hand über die flatternden Zipfel seiner Halsbinde hielt, seine aufrechte, ceremoniöse Haltung, der kurze, gemessene Schritt, selbst das Lächeln vornehmer Güte, welches um seine Gönnerlippen schwebte, und mit dem er jeden Blick erwiderte, – Alles verrieth einen durch die Ereignisse in die Reihen des Volkes gerathenen Höfling, mißvergnügt wegen der übel angebrachten Rolle, die ihn wider Willen simplen Bürgern ähnlich gemacht hatte. Dieser Aristokrat der Gironde gehörte wirklich zum Hofe, und man glaubte, er habe nur nach der Gunst der Meinung gestrebt, um einer erhabenen Freundschaft damit zu huldigen, aber sein von Natur aufrichtiges Gewissen habe längst Beide den Pflichten des rechtschaffenen Mannes geopfert. Zufrieden sogar, durch den Tod der Verantwortlichkeit seines historischen Lebens zu entgehen, nahm er mit Stolz die Würde wieder an, die er durch Rang und Geburt zu besitzen glaubte, und der Augenblick seines Sturzes vom Gipfel der Volksehren hatte ihn plötzlich in seinen Augen wieder über seines Gleichen von gestern gestellt. Noch bestand die zuvorkommende Vertraulichkeit des Collegen, allein die nichts aufgebende Herablassung des großen Herrn diente ihr zur Folie.

Sillery, den wir so eben vor uns sahen, war der bejahrteste jener Staatsmänner, welche der vor Schreck stumme Convent am zweiten Junius der Wuth des Berges überließ. Duchâtel, der ebenfalls allein und nachdenklicher auf ihn folgte, war der Jüngste. Auf einem Meierhofe erzogen, obgleich er einer Familie angehörte, der man Ansprüche auf Adel nachsagte, entwickelte sich seine kräftige Jugend bei den männlichen Leibesübungen und frommen Sitten der Vendée, der Bürgerkrieg überraschte ihn aber in dem Alter, wo sich noch keine feste Meinung gebildet hat, und Täuschungen, wenn sie großartig sind, leicht zu Leidenschaften werden. Duchâtel focht gegen seine Landsleute für die Revolution, und sein Name blieb nicht ohne Ruhm in diesem Franzosenkriege, wo Muth und Ehre auf beiden Seiten zu finden war.

Es war bekannt geworden, daß er jede Beförderung zurückgewiesen hatte, und so sah sich denn in jener Periode, wo zwei große republikanische Tugenden, Uneigennützigkeit und Bescheidenheit, als seltene Ausnahme in unserer Geschichte, nach ihrem wahren Werthe galten, der Soldat mit Erstaunen zum Deputirten machen, ohne sich nach diesen neuen Gefahren, unheilvoller, wie die der Schlachten, gesehnt zu haben. Auf diese Weise kam Duchâtel mit fünfundzwanzig Jahren in den Nationalconvent, und wohnte der Eröffnung des Processes Ludwig XVI. bei. Die Bitterkeit jener so wenig richterlichen und seinen Gewohnheiten so fremden Debatten machte ihn bestürzt. Erschrocken vor der unerwarteten Wichtigkeit seiner Mission und vor den außerordentlichen Pflichten, welche sie ihm aufbürdete, war er nahe daran, den schmerzlichen Gemüthsbewegungen zu erliegen, die tagtäglich Gift in seine schlecht vernarbten Wunden träufelten. Der Heroismus der Menschlichkeit vertheidigte ihn allein gegen die Anfälle der Krankheit, und halbtodt ließ er sich auf die Tribüne tragen, um unter Drohungen und Dolchen für Freisprechung zu stimmen. Dieser feierliche Umstand hatte in seinem Charakter, in seinem Benehmen und auf seinem Antlitz einen tiefen Eindruck von Rührung und Schrecken hinterlassen, wodurch die seltene Schönheit dieser Formen und dieses apollonischen Angesichts, von welchem Louvet spricht, noch pathetischer wurde. Kein freundlicher Gedanke schien seitdem seine von Natur ernsten und nachdenklichen Züge zu erheitern. Man sah ihn unbeweglich, schweigsam, über Unbekanntes brütend, wie Jemand, der sich zu sammeln und von einem beunruhigenden, unvollständig enthüllten Geheimnisse Rechenschaft zu geben sucht. Am Abend des dreißigsten Octobers wurde nicht ohne Verwunderung bemerkt, daß seine Züge wieder eine Heiterkeit anzunehmen begannen, welche Vergessen der Besorgnisse und Ruhe der Seele verrieth. Nur indem er den Theil des innern Hofes betrat, wo Mainvielle's eingebildete Gefallsucht von einer flüchtigen Erscheinung angeregt worden war, blieb er einen Augenblick stehen und schaute nach derselben Gegend, um vermutlich denselben Gegenstand zu suchen, der auch wirklich wie ein flüchtiger Schatten erschien und dann im Corridor hinter einer Thür verschwand, welche sich schwerfällig wieder schloß Diese Liebschaft im Kerker hat zwei große Fehler; erstens ist sie romanhaft, etwas beinah Unerträgliches an einer mühsam entstandenen geschichtlichen Arbeit, die sich die größtmöglichste Wahrheit zur Pflicht macht, und zweitens, daß sie gewöhnlich in einem Genre ist, was Gewöhnliches nicht verträgt. Ich kann sie mit nichts Anderm entschuldigen, als damit, daß mir wiederholt und mit wenig Abweichungen davon erzählt worden ist. Es bedurfte nicht mehr, um mich zu verpflichten, sie auch in der dunkeln Form beizubehalten, in der sie meine unzureichenden Nachrichten erscheinen lassen. Die Kürze dieser Episode wird übrigens einige Nachsicht verdienen; sie nimmt nur eine Seite ein.. Duchâtel hatte die Hand vor die Stirn gedrückt und erhob die Blicke zum Himmel, als aber die Hand wieder herabsank, war seine Stirn so klar wie vorher, und aus seinen Augen strahlte eine wohlthätige, von aller Ungewißheit freie Ueberzeugung, seine Lippen lächelten ohne Bitterkeit; das Gerücht von der Freisprechung der Angeklagten, welches, während sie vorübergingen, fortwährend zugenommen hatte, bestätigte sich, als ein frischer Auftritt alle Besorgniß erneuerte und beendigte.

Siebenzehn Angeklagte waren in das Sprachzimmer der Gefangenen zurückgekehrt und einundzwanzig hatten es am Morgen verlassen. Diese Berechnung nahm alle Gemüther in Anspruch, als noch eine letzte Gruppe anlangte, welche anscheinend dichter war, als die andern, obgleich nur drei Köpfe über der vom Schimmer der letzten Fackeln in dunkle Schatten gehüllten Masse sichtbar waren. Daraus, daß die gebückt gingen, welche sie bildeten, schloß man, daß sie etwas tragen müßten.

Die beiden Vordersten dieser Ankömmlinge waren den Genossen ihrer Gefangenschaft wohlbekannt, die Zeit genug gehabt hatten, sich in der Vertraulichkeit des Kerkers, wo sich alle Gemüther erschließen, an ihre Art und Weise zu gewöhnen; Niemand war verwundert, Vergniaud noch nicht gesehen zu haben, der überall zuletzt kam, weil er in seiner gewöhnlichen Zerstreuung stets etwas vergessen hatte. Da war Vergniaud endlich, Vergniaud mit der stolzen Stirn, dem theilnahmlos umherirrenden Auge, selbst in der Nachlässigkeit seiner Haltung und Manieren mit der ganzen Größe imponirend, an welche seine Reden erinnerten; Vergniaud, unbekümmert über den verstreichenden wie über den kommenden Augenblick. Seine Rechte spielte an den Breloquen seiner Uhr, wie auf der Tribüne der Reitbahn; die Linke hatte sich von den Falten des abgenutzten Jabots in das schlecht geordnete Haar verirrt, das er hatte wachsen lassen, seit er keinen Bedienten mehr besaß; Vergniaud in tiefen Gedanken, allein wer konnte sagen, an was er dachte, wenn es nicht das seiner gegenwärtigen Lage Fremdeste war, – vielleicht das mangelhafte Thema seines ersten Plaidoyers, die Unterbrechung seiner letzten Rede, eine Meinung, eine Idee, deren Faden mit seinem Leben zerreißen sollte.

Zu seinem Ohr neigte sich ein viel bejahrterer, allein darum nicht alter Mann, der mit einer Stimme, feierlich wie Kirchenton, einige gewichtige Worte flüsterte, denn Vergniaud wendete sich von Zeit zu Zeit mit einer Art von Aufmerksamkeit nach ihm hin, die aber sogleich wieder verschwand. Es war wirklich ein Priester, und sein langes Haupthaar, das neben der Tonsur ungeziert auf seine Schultern herabfiel, kündigte an, daß er im Kerker die ehrwürdigen Insignien seines früheren Standes wieder angenommen habe, wie es mit der Sprache desselben geschehen war; denn Fauchet hatte seit beinahe einem Jahre dem kindischen Kauderwelsch der geheimen Gesellschaften entsagt, welches seinem Nebenbuhler in Beredsamkeit und Offenherzigkeit, seinem Freunde Bonneville Nicolaus Bonneville aus Evreux, Mitarbeiter Berquin's, Uebersetzer des » Théâtre allemand«, Dichter, Publicist, Philosoph, nebst Fouchet Redacteur des » Bouche de fer«; einer der an Geist und Herz ausgezeichnetsten Männer der Revolutionsepoche, dessen Thätigkeit in einer den Wissenschaften günstigen Zeit mehr Spuren nachgelassen hätte. Die unruhige Zeit, welche die Zügellosigkeit seiner jungen Einbildungskraft begünstigte, und vorzüglich die klägliche Anwendung eines maurerischen Wortkrams, den einige deutsche Illuminaten bis zur Unverständlichkeit steigerten, wendeten ihn von einem Wege ab, wo ihn zahlreiche Erfolge erwarteten; allein nichts konnte dies herrliche Talent der Mäßigung und Tugend entfremden. Enthusiasmirt für Freiheit, doch ein Feind aller Excesse, und unfähig, sich bis zur Idee politischer Gewaltthaten herabzulassen, wurde er von Marat als Royalist denuncirt, und nur seine ausgezeichnet schöne Bildung schützte ihn vor der Volkswuth. Noch vor seinem Freunde André Chénier dichtete er treffliche Dithyramben gegen die Mörder des Septembers, und Chénier selbst hat ihn darin nicht übertroffen. Er ward auch der Freund von Thomas Payne und Kosziusko, und die Unglücklichen aller Parteien fanden bei ihm eine bereitwillige Aufnahme, denn industrielle Unternehmungen hatten ihn für den Augenblick reich gemacht. Durch Herausgabe des » Bien informé«, halb von Louis Sebastian Mercier redigirt, machte er sich Bonaparte verhaßt, der ihn durch die ungesetzliche Beschlagnahme seiner Pressen gleich im ersten Jahre des Consulats ruinirte. Damals lernte ich ihn in den Gefängnissen kennen und erhielt von ihm jenes schöne Bild von Fauchet, damals noch frisch in seinem Gedächtniß, das aber natürlich bei mir durch Zeit und Ereignisse viel von seiner Treue verloren. Bonneville, dessen erste Verse, so anmuthig, so zart, so neu in unsrer Sprache, die große Gunst der Königin gewonnen, welche diese achtzehnjährige Muse unter ihren Schutz nahm, überlebte lange die Restauration und starb so arm, daß er nicht einen Stuhl hatte, sich zu setzen, in einer Niederlage der Straße des Grés. Eine leider zu späte Bitte für ihn, welche von Victor Hugo, de Vigny und mir an Herrn von Martignac, meinen zur Beförderung des Talents und Unterstützung Unglücklicher stets bereiten Freund, gerichtet, diente nur zur Deckung der Begräbniskosten., so werth war, um zu den herrlichen Inspirationen der Bibel zurückzukehren. Diese Erhabenheit des Gedankens, welche sich in seinen letzten Reden ausgesprochen und sogar Vergniaud oft überrascht hatte, wiederholte sich seitdem bei den geringfügigsten Aeußerungen seines lebhaften Gefühls und selbst beim vertrauten Gespräch. Es war dieser wunderbare Einfluß des einzigen ihm unbekannten rednerischen Ausdrucks, welcher auf Augenblicke die staunende Aufmerksamkeit Vergniauds fesselte, der allzutreu dem Beispiele der classischen Redner war, deren Meister er gewesen sein würde.

Der Dritte war der gute Doctor Le Hardy, ein kluger und gelehrter Arzt aus Dinan, wenig gekannt von den heutigen Biographen, obgleich das Beispiel seiner Ernennung zum Deputirten des Morbihan bei einem Volke nicht zu verschmähen sein dürfte, das noch immer ein gutes Wahlsystem sucht und, wenn der Schein nicht trügt, wol kaum auf dem Wege ist, es zu finden. Sein Wahlprotocoll besagt, daß er einstimmig und durch Acclamation »als der rechtschaffenste Mann« gewählt worden sei Alles, was über Le Hardy hier und in der Folge gesagt ist, habe ich vor länger als fünfundzwanzig Jahren von Frau Magot, seiner Schwester, erfahren, der Gattin eines wackern Infanteriehauptmanns, der zu St. Ylie bei Dôle Steuereinnehmer geworden war. Zugleich verdanke ich ihr die Mittheilung einer großen Anzahl Briefe ihres edlen Bruders, wo immer einer dem Charakter dieses Edlen mehr Ehre brachte, als der andre..

Le Hardy hielt mit beiden Händen ein müdes Haupt auf einer Art Trage, welche ein blutiges Tuch bedeckte, und jetzt erst wurde klar, weshalb man nur zwanzig Girondisten gezählt hatte.

Endlich war der ganze Zug in dem Saale beisammen, wo sich die Deputirten alle Abende zum gemeinschaftlichen Mahle vereinigten. Die Tafel war servirt, die Stühle waren geordnet. Ein alter Diener, welcher sich Zutritt zu verschaffen gewußt hatte, und ein Gefängnißwärter mit strenger Miene, aber mitleidigem Herzen, auf dessen Arm wir schon ein armes, zärtliches Weib sich stützen sahen, hatten das Nöthige besorgt.

Die Träger legten ihre Bürde im Hintergrunde dieses Saales und grade oberhalb des Lehnstuhles nieder, in welchen sich Vergniaud kraft der nicht widerrufenen Rechte seiner letzten Präsidentschaft nachlässig fallen ließ.

Le Hardy war ihnen dahin mit einer Art andächtiger Aufmerksamkeit gefolgt, die kein Schimmer von Hoffnung erhellte, und enthüllte jetzt den Leichnam Valazé's. Er entfernte die Kleider, welche seine Wunde bedeckten, beleuchtete sie in der Nähe, sondirte mit Auge und Finger, that einige Schnitte und sagte dann bestimmt und gefaßt: »Der Stich ist durch's Herz gegangen; er ist todt.«

»Doctor,« versetzte Vergniaud, »opfert dem Aeskulap einen Hahn; einer Eurer Patienten ist schon genesen.«

Erst jetzt erfuhr man in der Conciergerie, was vor dem Tribunale geschehen war. Alle Angeklagte ohne Ausnahme waren zum Tode verurtheilt und hatten den Richterspruch mit dem Rufe: »es lebe die Republik!« erwidert. Nur vier, Fauchet, Duchâtel, Le Hardy und Valazé, hatten dem feierlichen Bekenntnisse ihrer Collegen sich nicht angeschlossen. Die drei Ersten waren in tiefen Betrachtungen befangen, welche sie von vorn herein den Verhandlungen zu entfremden schienen und sie von den Einzelnheiten nichts bemerken ließen; der Letztere war beflissen, sich seinen Henkern lautlos und ohne sich durch eine Bewegung zu verrathen, zu entziehn. Er führte den Stahl mit einer so zuversichtlichen Entschlossenheit, daß man nicht die mindeste Veränderung seiner Züge bemerkte und daß – als er den Armen Gensonné's entglitt, der sich bemühte, ihn sitzend auf der Bank zu erhalten, indem er sagte: »was machst du denn, Valazé, fürchtest du dich?« – er bei der mit der stoischen Ruhe eines Brutus gegebenen Antwort: »ich sterbe,« wirklich starb. Sein letztes Wort war sein letzter Athemzug.

Die Personen, deren Schilderung versucht worden, hatten sich im Saale vertheilt und setzten die im Gange befindlichen Gespräche fort oder näherten sich einander, je nachdem es die Neigungen oder Interessen mit sich brachten, welche sie noch beschäftigen konnten, und das Geräusch vermischter Stimmen verhallte neben Vergniaud, der an keiner Unterhaltung Theil nahm. Fauchet war ihm jedoch nicht von der Seite gegangen, und seine Worte erhielten eine neue Herrlichkeit von der tragischen Umgebung, denn sein erhobenes Haupt verlor sich fast in Valazé's Leichentuch. – »Ja, Vergniaud,« hob er an, die Hand ausstreckend wie ein Kanzelredner; »das ist eine von den Ausgleichungen, welche der Vergelter sich vorbehielt in seinem Zorne, und wohl dem Menschengeschlechte, wenn sie mit uns zu Ende gehn! Blut fordert Blut, und wer mit dem Schwerte getödtet hat, verfällt dem Schwerte.«

»Opfer um Opfer,« fuhr der hinzutretende Duchâtel fort; »nach dem Morde folgt die Buße.«

Vergniaud sah ihn etwas verwundert an und versetzte: »Wie, Herr Duchâtel, lassen Sie uns einen Schwanengesang hören? Niemals,« fuhr er lächelnd fort, »haben sich Ihre edlen und keuschen Lippen zu einer solchen Sylbenzahl geöffnet! Sollte der Schreck, welcher zuweilen stumme Zungen löst, auf Sie eben so wirken, wie auf das Kind des Krösus?«

»Ich bin nicht erschrocken,« antwortete Duchâtel; »ich will sterben. Schrecken gibt es nur für Schuldige.«

»Halt!« nahm Vergniaud lebhaft das Wort, indem er sich besorgt umsah, als fürchte er Ohren, die nicht abgehärtet genug für dieses Gespräch wären; »halt, Duchâtel, und bedenken Sie, daß für Ihr Alter und Ihren Charakter die Rolle der Nemesis am Lager Sterbender zu peinigend ist. Gestatten Sie mir überdies zu glauben, daß die Augen des Richters, vor dem mein Gewissen sich zu entfalten bereit ist, unfehlbarer sind, als die Ihrigen, und geduldigen Sie sich noch einige Stunden auf jenes unergründliche Morgen, auf das ich mit Ihnen baue, ohne es weiter zu fürchten. Wir haben Ihre standhafte Ueberzeugung und Hingebung bewundert; warum wollen Sie unsern peinlichen und herben Muth nicht berücksichtigen? Glauben Sie, er habe nichts gekostet? Nicht die That begründet vor dem ewigen Richter ein Verbrechen, sondern das Gewissen. Die Lösung der verhängnißvollen Frage, welche uns veruneinigte, ist nicht auf lange verschoben. Ist Ihr Glaube der rechte, täuschen meine Hoffnungen nicht, so wird sie in unseren Ohren dröhnen, bevor der Stundenweiser seinen schnellen Kreislauf vollendet hat. Bewahren Sie bis dahin in Ihrem großmüthigen Herzen, – Fauchet, verschließe in dem deinigen Ergießungen, welche die Feier unsers – vielleicht ewigen – Abschieds trüben würden, denn nichts wird von Menschen den Menschen unumstößlich bewiesen. Wir steigen hinab in die Höhle der Sibylla, und Orakel taugen nicht für heute.«

Fauchet setzte sich. Duchâtel reichte Vergniaud die Hand, denn er war ihm werth, und die Discussion über einen erhabenen Gegenstand, welcher die Girondisten in zwei Parteien gespalten hatte, ward nicht wieder aufgenommen.

Personen und Gespräche mengten sich immer mehr unter einander; nur mit Mühe konnte man hin und wieder einzelne Reden verstehen, ehe der verwirrte Lärm vieler Stimmen sie verschlang, welche wieder das schallende Gelächter Ducos' und Mainvielle's übertönte.

»Was kann uns denn noch länger abhalten,« rief dieser endlich aus, »uns zu einem köstlichen Mahle zu setzen, zu einem Mahle, würdig, wie es je eines war, der üppigen Abendgesellschaften eines Héraut-Séchelles, Guinette und Danton sammt der braunen Gabriele und luftigen Illyrine Diese sehr charakteristischen Einzelnheiten, die zufällig zu meiner Kenntniß gekommen, glaubte ich nicht weglassen zu dürfen; allein ich würde mir ein Gewissen daraus gemacht haben, sie zu erfinden. Ich sah diese Damen gereifter an Jahren wieder, aber nicht an Vernunft, zurückgekommen von Leidenschaften, nicht aber von der Intrigue; sie gaben sich mit Politik ab, und, was vielleicht noch schlimmer ist, waren Schriftstellerinnen. Ihre ziemlich schlecht geschriebenen und in historischer Hinsicht sehr verdächtigen Romane haben jedoch ein gewisses anekdotenartiges Interesse, und mehrere darin enthaltne Briefe befinden sich als Autographien in meinen Händen.

»Ich erkenne daran Bailleul's Bailleul, Advocat und Deputirter des Departements der untern Seine, damals 31 Jahre alt, war nach seiner Verhaftung zu Provins Mitgefangener der Proscribirten gewesen, und sein energisches und aufrichtiges Wesen im Nationalconvent verdiente wol diese Auszeichnung. Nach der Erzählung alter Freunde der Girondisten waren sie mit einander übereingekommen, daß die Freigesprochnen dies Todesmahl der Verurtheilten ausstatten sollten, und Bailleul, der allein dem Tode entging, soll diese Verpflichtung nicht unerfüllt gelassen haben. Ich konnte mich nicht enthalten, eine für ihn so ehrenvolle Anekdote anzuführen, die Herr Bailleul, der noch lebt, nur allein widerlegen kann.Sorgfalt,« setzte Ducos hinzu, »und ich bekenne, daß er der Anordnung des Festes gewissenhaft vorgestanden hat. Er allein fehlt aus dem Kreise unserer gewöhnlichen Tischgenossen, und es ist das erste Mal, daß sich unsre Freundschaft über seine Abwesenheit beruhigt. Wir wollen ihm mit dem Glase in der Hand unsern Dank votiren.«

»Das wird ihm lieber sein,« meinte Mainvielle lachend, »als der Bruderkuß in Samsons Korbe.«

»Die Sitzung ist eröffnet!« rief Vergniaud. »Ich berufe euch zum Liebesmahle der alten Christen; die Tiger mögen brüllen bis morgen, die unserer warten.«

Alle hatten sich gesetzt, Duprat ausgenommen, welcher die Hand eines vorhin schon von uns bemerkten alten Dieners drückte und ihn mit fast kindlicher Geberde freundlich ansprach.

»Ich suchte dich, Baptiste, und war verwundert, dich nicht zu sehen. Hast du vergessen, daß ich zu Anfang des Abendessens gern ein volles Glas mit dir leere? Es würde heut etwas spät sein, auf meine Gewohnheiten zu verzichten.«

»Ich bitte um Vergebung,« versetzte Jean Baptiste Morand Das rührende Benehmen von Duprat's Bedienten wird von allen Berichten angeführt, aber nicht sein Name, über den alle meine Nachforschungen mir nur eine zweifelhafte Wahrscheinlichkeit verschafft haben. Noch weniger war von Pierre Romond, dem Schweizer Gensonné's, zu erfahren. Seine Geschichte ist eben so authentisch, sein Name aber erdichtet. halblaut; »allein es lag mir so viel daran, etwas zu erfahren, und in diesem Hause weiß man nicht, wem man trauen soll ... Manche reden von Ketten, Andere von ewigem Gefängniß, von Deportation, vom Tode!« Und sich niederbeugend bis zum Ohre seines Herrn, der neben den Uebrigen Platz nahm, um eine unwillkürliche Gemütsbewegung vor ihm zu verbergen, deren er sich schämte, fuhr er fort: »sollten wirklich einige dieser Herren verurtheilt ... Gott im Himmel! ... zum Tode verurtheilt sein?«

»Wir sind's Alle, Baptiste, Alle verurteilt, morgen zu sterben, den Teufelskerl Valazé ausgenommen, welcher sich wacker aus dem Handel gezogen hat, um mit dem Henker nichts zu thun zu haben. Ich würde mich sehr glücklich schätzen, meinen Gläubigern dieselbe Eulenspiegelei vormachen zu können, wenn Emilie ... arme Emilie! was wird aus ihr?«

Baptiste wäre beim Anfang von Duprat's Antwort beinahe ohnmächtig geworden und erhielt sich mit Mühe an der Stuhllehne dieses schönen jungen Mannes aufrecht, den er ungemein liebte, denn er war sein Pflegevater gewesen. Bei den letzten Worten aber, welche weiter schallten, als Duprat wollte; bei dem Seufzer, welcher die geheime Verzweiflung des Lachers verrieth und die Vertheilung der Speisen einen Augenblick störte – richtete sich Baptiste so hoch auf, als es seine lange, vom Alter etwas gebeugte Gestalt erlaubte:

»Ihren Gläubigern, Herr; Sie haben keine mehr,« sagte er mit Bestimmtheit. »Sie hatten Ihnen Manches zu danken, und waren zufrieden, Alles zu nehmen. Was Madame betrifft, so behält sie das kleine Haus in Villeneuve, das sie dem in Avignon vorzog, und außerdem die siebenzehnhundertunddreißig Livres Einkünfte von Jean Baptiste Morand als volles Eigenthum.«

»Dein Vermögen, Baptiste, nachdem du allem Anscheine nach von einigen andern Ersparnissen, welche du in meinem Geschäft zur Zeit seiner Blüte machtest, meine Angelegenheiten geordnet hast! ... Und was verbleibt dir?«

»Die Liebe und Furcht Gottes, in der ich aufgewachsen bin, und Brod bei Madame Duprat. Mein Ehrgeiz verstieg sich nie höher. Ich fand bei Ihnen mein erstes Brod und will mit Ehren dabei bleiben, und ohne Jemand Unrecht gethan zu haben. Bei Ihnen hätt' ich die mir übrigen wenigen Tage verlebt. Müssen Sie vor mir abtreten ... Ach, und es ist so! ... dann bin ich zeitlebens der treue Diener der Madame Duprat und Ihrer Kinder, wie ich der Ihres Vaters und der Ihrige war. Ich habe keine Familie; nur einen Sohn konnte ich in der Wiege liebkosen, und es ist der, dessen Stelle Sie am Herzen meiner Frau einnahmen. Auch sie ist geschieden, ohne mir Pflichten gegen diese Welt zu hinterlassen. Gelobt sei Gott allerwegen! Mein ganzes Besitzthum rührte von Ihren Eltern her, die mich beinah reich machten, und von Ihnen, der Sie eine Freude daran fanden, meinen kleinen Schatz mit jugendlicher Freigebigkeit zu vergrößern. Ich dachte bei mir: schon gut, Jean verzettelt sein Vermögen, aber seine Kinder sollen nicht um Alles kommen, und wenn ich Sie mit schuldigem Respecte ausschalt, so begnügten Sie sich, mich bei beiden Schultern zu fassen und zu lachen wie nicht gescheidt; denn vor der Revolution waren Sie so liebenswerth und sanft, Sie behandelten mich so sehr wie einen Freund, daß ich mich daran gewöhnen konnte ... verzeihen Sie mir's, Herr ... daß ich mich befugt hielt, Sie wie meinen Sohn und Erben zu betrachten ...«

Hier fiel Duprat dem Alten um den Hals; Mainvielle umarmte Beide und gewiß nicht ohne augenblickliche Rührung, da er sich für Duprat's Angelegenheiten mehr interessirte, als für seine eigenen. Baptiste fing darüber an zu weinen, wie das arme Leute geringen Herkommens thun, indem sie sich unbewußt dem Eindrucke mit hingeben, welchen einzig und allein ihre Naivetät und das Gefühl hervorbrachten. Allein diese Regung eines edelmüthigen Herzens, welche ihn auf einige Zeit zerstreut und seine Fassung erhalten hatte, wich dem bittersten Kummer, als er sich wie beim Erwachen aus einem Traum daran erinnerte, daß Duprat sterben solle.

»O mein Gott!« hob er an, »kannst du das zugeben? muß Jean, mein Söhnchen, mein armer Jean so sterben, den ich so oft gewärmt, so oft an mein Herz gedrückt, dem ich so oft gesagt habe: siehst du wol, Kleiner, wie die Rhone so schön und breit ist und die Ufermauern so blumig sind? willst du nicht hin und sie in der Nähe besehen? Ach! damals wußt' ich nicht, wohin ich Sie eines Tages begleiten würde! Wehe, wehe! Gott steh' uns bei!«

Mit starkem Arm umfaßte der Schließer den alten Baptist, um sein Umsinken zu verhüten, und führte ihn nach der Thür, welche er öffnete und hinter ihm schloß.

»Herr Baptist,« sprach der Marquis von Sillery, indem er den vorüberwankenden alten Diener achtungsvoll grüßte, »Sie sind unser Aller Freund, und ich würde es mir lange zur Ehre schätzen, wenn ich die Zeit dazu hätte, in so wackerer und nobler Gesellschaft gewesen zu sein.«

»Burke, Dupan, Ihr habt gut reden!« rief Carra, auf die Thränen weisend, welche Duprat's Wangen benetzten; »das sind keine Blutmenschen Nicht Carra gehört diese Aeußerung, sondern Herrn Réal, der sie auf eine treffliche und entscheidende Art im Proceß des Revolutionscomités von Nantes anwendete. Herr Réal wurde nachher ein Mann des Kaiserreichs, und ist jetzt unter dem Namen des Grafen von Réal bekannt, welchen Titel ich ihm nicht gegeben, um die Epochen nicht unter einander zu werfen. Ich verdanke ihm nichts; indeß würde meine Dankbarkeit auf meine literarischen Ueberzeugungen auch keinen Einfluß haben können, und ich erkläre laut, daß er durch seine glänzenden Verhältnisse mehr in Schatten gestellt wird, als meine Freunde und ich. Drei oder vier fast improvisirte Verteidigungsreden auf dem dramatischen Schauplatze der Revolutionstribunale versprachen ihm dort den ersten Rang. Ich weiß sie noch auswendig, und erinnere mich nie daran, ohne Bewunderung zu empfinden und zu bedauern, daß ein so schönes Talent Ehrenstellen und Glücksgütern zum Opfer gebracht wurde.

Der Effect dieser Scene war lebhaft und allgemein, jedoch rasch vorübergehend, denn die feierliche Stimmung Aller ließ nichts neben sich aufkommen; zudem wurden dadurch sämmtliche Verurtheilte auf ihre persönlichen und Familienbeziehungen hingewiesen. Daß sie ihre Plätze darnach gewählt und zu ihren nächsten Nachbarn immer Leute hatten, welche damit vertraut waren und ohne Weiteres auf Herzensergießungen eingehen konnten, wird leicht begreiflich sein. So gaben sich Fonfrede und Ducos denselben Gefühlen hin und nannten dieselben Namen; Vergniaud und Gensonné unterhielten sich von denselben Freunden und von derselben Vergangenheit, wenn die Meditationen des Erstern der herben Süßigkeit dieser Unterhaltung Raum gaben. Zum ersten Male tauschten die Bretagner Duchâtel und Le Hardy offen und unverhohlen Meinungen aus, von welchen ihre Verurtheilung jeden Schleier entfernt hatte. Ein Gleiches war der Fall mit den meisten Andern.

Brissot, betrübt, aber in sein Geschick ergeben, brach sein Schweigen nur, um von Zeit zu Zeit und von einem Seufzer begleitet seines Sohnes Namen auszusprechen. Sillery war solchen rührenden Aeußerungen fremder, denn in einem anderen Kreise der Gesellschaft geboren, hat er beim eigenen Schiffbruche fast alles ihm Theure untergehen sehen, und das Gefühl der Verlassenheit, in welches sein politischer Umschwung ihn versetzt hatte, erregte seit einiger Zeit in seiner Brust das Bedürfniß nach Trost aus einer andern Quelle. Er sprach heimlich mit Fauchet, und das evangelische Antlitz des vom Unglück bekehrten Sünders verklärte sich während des Zuhörens. Es war in diesem, von seinen Irrthümern genesenen und aufrichtig zum Glauben und zur Hoffnung zurückgekehrten Priester Etwas von himmlischer Zuversicht, welche den unheilbarsten Schmerz wieder ermuthigt hätte. Die Heiterkeit seines Lächelns und seiner Züge verrieth eine so ungetrübte Freude, daß um diesen Preis das Märtyrerthum lieblich erscheinen konnte.

Die Versammlung hatte demnach jetzt ein ernstes Ansehn, was unter obwaltenden Verhältnissen sehr natürlich war, allein Mainvielle's Beweglichkeit lästig beschränkte. Nichts war im Stande, seine flüchtige Einbildungskraft zu fesseln, sein heißes Blut zu kühlen. Plötzlich brach er das Schweigen.

»Das heißt doch wahrlich peinlichen Gedanken zu viele Zeit an einem der Freude und dem Ruhme geweihten Abend widmen, wo alle Herzen nur nach gemeinschaftlichem Genusse der Tafelfreuden verlangen. Sie vergeht, die fröhliche Nacht, und noch haben wir kein Glas geleert, kein Lied angestimmt; noch wurde der theuren Namen unserer Kameraden, unserer Frauen, unserer Geliebten nicht gedacht. Freude und Wohlergehen auf dieser Welt Allen, die unserer in Liebe gedenken! Präsident,« fuhr er fort, indem er aufstand und an Vergniaud's Glas anstieß, »Ihr werdet mir Bescheid thun in diesem alten Madeira; ich bürge dafür, daß Ihr nimmer bessern kostet.«

Vergniaud. Ich trinke dir's und Allen zu! doch das ist der Becher des Theramenes. Den Rest wollen wir dem schönen Kritias überlassen.

Fonfrede. Dem schönen Kritias? Himmel! welchem der widerwärtigen Tribunen des Berges denkst du die Rolle zu? etwa dem kleinen perpendiculären, starren und steifen Saint-Just, der, mit Camille zu reden, den Kopf wie ein Sacramentshäuschen trägt?

Lacaze. Oder Robespierre, welchen Mercier, der Narr, mit einem Luchs in Ballkleidern vergleicht?

Antiboul. Vielleicht Danton, dessen scheußlicher Anblick die Freiheit entsetzt? Diese Hyperbel ist von St. Just.

Gardien. Etwa Couthon ...

Carra. Couthon, dem die in die Zukunft blickende Natur wohlweislich die Kraft der freien Bewegung nahm, um sein Vermögen, zu schaden, zu beschränken?

Gensonné. Marat wird keine Ansprüche machen, Ihr Herren; er hat Vespasians Partie ergriffen und ist Gott geworden.

Ducos. Laßt uns diese Elenden vergessen, und nur an Vaterland und Freunde denken!

Und augenblicklich schwebten auf Aller Lippen zwanzig geehrte Namen, die zwar nicht alle mit gleichem Glanze auf die Nachwelt kommen werden, allein auf denen damals die Hoffnung und Liebe der Rechtschaffenen ruhte. Villar, Viennet, Mazuyer, Laurençot, Vandelaincourt, Seguin, Noël, Harmant, Guirot, Casenave, Boissy-d'Anglas, Lanjuinais, Daunou, Pontécoulant, Larivière wurden genannt. Jean de Bry war es, welcher den meisten Einfluß auf die Menge besaß, der jung und feurig wie die Feurigen und Jungen, gewaltig durch das Wort wie die Redner, an Kenntnissen reich wie Gelehrte und von erhabenen, moralischen und religiösen Ideen beseelt war, wie die Weisen. Den Proscribirten besonders widmete sich die allgemeine Theilnahme, als wären Gefahren und Leiden nur für sie da. – »Wo sind sie? was machen sie? was wird aus ihnen werden?« – Diese Fragen durchkreuzten und wiederholten sich von allen Seiten mit einer innigen Besorgniß, welche von der kleinsten Ungewißheit gesteigert wurde.

»Bedarf's noch der Frage?« versetzte Gensonné in dem ihm eigenen Tone düsterer Stimmung und milder Ironie, einem Hauptzuge seines Charakters. »Der Wuth des Berges seit fünf Monaten entgangen, haben sie lange Zeit Guadet GuadetCussy. Einige der hier erwähnten Personen stehen zu sehr in Beziehung mit der meinigen, um nicht den Leser mit ihnen bekannt zu machen. Ich will sie der alphabetischen Ordnung nach vornehmen.
Barbaroux, Charles Jean Marie, geboren zu Marseille, Advocat und Schriftsteller, 26 Jahre alt, Deputirter des Departements der Rhonemündungen, starb am 25. Juni 1794 auf dem Schaffotte zu Bordeaux, nachdem er sich umsonst durch zwei Pistolenschüsse zu tödten versucht. Er war eines der jüngsten und beredtesten Mitglieder des Convents. Seine Kraft und Schönheit machten eine Art epischen Heros aus ihm, dessen Physiognomie in den Memoiren Louvet's und der Madame Roland trefflich gezeichnet ist.
Buzot, François Nicolaus Léonard, geboren zu Evreux, Advocat, Deputirter des Departements der Eure, 33 Jahre alt, gestorben den Sommer nachher auf einem Felde bei St. Emilion, wo man seinen Leichnam, halb von Wölfen verzehrt, auffand. Der Berg nannte ihn den König Buzot, weil er ihn für den Chef und die Seele der angeblichen Complotte der Föderalisten hielt.
Girey-Dupré, Joseph Marie, geboren zu Paris, Literat und Journalist, 24 Jahre alt, wurde den 20. November 1793, 20 Tage nach den Girondisten, zu Paris guillotinirt. Er gehörte nicht zum Nationalconvent, hatte sich aber durch seine zu lebhafte Anhänglichkeit an die Grundsätze der Staatsmänner ihren Henkern verdächtig gemacht. Er war zu der Zeit, wo Gensonné spricht, schon Gefangener zu Bordeaux, wurde aber erst nach dem Tode seiner Freunde in die Conciergerie geschafft.
Guadet, Marguerite-Elie, geboren zu St. Emilion, Advocat, Deputirter des Departements der Gironde, 35 Jahre alt, starb den 17. Juli 1794 auf dem Schaffotte zu Bordeaux mit dem größten Theile seiner Familie. Guadet war in der Beredsamkeit Vergniaud's und Gensonné's Nebenbuhler, allein der beständige Freund Beider. Einige seiner rednerischen Aeußerungen sind gewaltiger als Alles, was wir an Altem und Neuem Bemerkenswerthes dieser Art haben.
Louvet, genannt von Couvray, Jean Baptiste, geboren zu Paris, Literat und Journalist, Deputirter des Loiret, 29 Jahre alt; gestorben den 25. August 1797 im dreiunddreißigsten Jahre. Er ist die Einzige der historischen Personen dieses Abschnittes, die eines natürlichen Todes starb. Der Roman » Faublas« hatte ihm schon sehr jung einen Ruf erworben, auf den wenig Schriftsteller der Gegenwart eifersüchtig sein würden. Er besaß Rednertalent, wiewol er sich mitunter etwas gezwungen ausdrückte.
Petion oder Pethion de Ville neuve, Jerome, geboren zu Chartres, Advocat, Maire von Paris, Deputirter des Departements der Eure und Loire, vierzig Jahre alt, verhungerte 1794 auf den Feldern von St. Emilion und wurde dort von Wölfen und Hunden aufgefressen. Seine Partei nannte ihn ihren Aristides. Die Biographen sind nicht einmal über die Rechtschreibung seines Namens einig.
Salles, Jean Baptiste, geboren zu Vezelise, Arzt und Literat, Deputirter des Departements der Meurthe, 33 Jahre alt; hingerichtet zu Bordeaux, einige Monate nach dem Tode der Girondisten, den 20. Juni 1794.
gesucht; könnte der Tod einen so kräftigen Verfechter der Freiheit verschonen! Ohne Zweifel fanden sie irgend ein sicheres Asyl, wo sie ruhig des Tages harren, an welchem sie dem Triumphe der Vernunft und der guten Gesetze über eine wahnsinnige Faction rühmlich beiwohnen können. Die Hölle selbst würde ihnen dazu gedient haben, wenn sich die Reise des Orpheus in der prosaischen Welt der Jacobiner erneuern könnte, denn wie uns Girey-Dupré in Versen gesagt hat, des Orpheus Leier hat in seinen Händen geruht. Es ist leicht zu errathen, wie sie dort in tiefer Ruhe über ihr Schicksal, und vielleicht auch über das unsrige, die Zeit verbringen. Mir ist, als säh' ich sie leibhaftig vor mir. Salles liest und feilt an jener ewigen Tragödie, welche Voltaire'n unverzüglich entthronen soll. Barbaroux reimt eine lustige Geschichte, von der die Damen nicht eingestehen werden, daß sie dieselbe gelesen haben, oder besser, der Herkules der Revolution, von einer neuen Liebe besiegt, spinnt zu den Füßen einer anderen Omphale, welche ihn in ihrem Boudoir verbirgt. Valady schaudert bei bloßer Erwähnung des Schaffots, in welchem er das glorreichste Ziel eines ehrenhaften Lebens sah, und beklagt sich in seiner aufrichtigen Furcht, daß er nicht seine Tage in bescheidener Abgeschiedenheit, etwa wie die des alten Virgil, beschließen könne. Hört Ihr nicht Louvet, wie er zärtliche Anrufungen seiner auf sarmatisch Lodoiska getauften plumpen Iris durch alle Tonarten seiner schulgerechten Prosa modulirt, die mir aber etwas kalt verkommt, wenn ihr die Ausgelassenheit fehlt. Buzot, hochmüthiger als er selbst, glaubt an das eingebildete Königthum, welches ihm seine Feinde verliehen haben, declamirt mit imposanter Stimme oder schilt die unentschlossenen Geister mit imperatorischer Strenge. Der auf seine vor der Zeit gebleichten schönen Haare stolze Petion predigt mit der Gravität des Patriarchen oder der Salbung des Hohenpriesters. Cussy tobt über sein Podagra und tröstet sich deshalb, indem er mehr trinkt, als seine Diät erlaubt ...« Zwei der weiter oben genannten Deputirten, Mazuyer und Noël, sind ebenfalls Opfer der Revolution geworden; eine Menge Anderer müssen, um nicht zu weitläufig zu werden, wegbleiben. Die Katastrophe des 31. Mai würde für sich allein eine lange biographische Galerie erfordern.

»Ich trinke auf das Wohl Aller und eines Jeden insbesondere!« sprach Mainvielle, mehrere Gläser nach einander füllend.

»Auf ihre und Frankreichs Zukunft!« sprach Ducos.

»Ich trinke auf die eine, untheilbare und unvergängliche Republik!« rief Boileau.

Vergniaud. Ausgeburt des Verstandes! kindisches Hirngespinnst, fortan höchstens hinreichend, die Phantasie eines Enthusiasten im Flügelkleide einzuwiegen! Gedenkt der Worte Barbaroux's: »Hätt' ich mein Leben von »Neuem zu beginnen, so würde ich es gänzlich den edlen »Forschungen widmen, welche den menschlichen Geist über »diese Welt erheben, und sollte mir nimmer einfallen, ein »sittenloses Volk der Freiheit zuführen zu wollen. Dieser »rasende Haufe ist einer philosophischen Ordnung der Dinge »nicht würdiger, als die Lazaroni von Neapel und die »Menschenfresser der neuen Welt« Diese Ausdrücke rühren in der That von Barbaroux her, der sich vor der Trennung von seinen Freunden ihrer bedienen konnte; allein sie später mit unsterblichen Schriftzügen in einem Briefe an seinen Sohn in der Wiege niederschrieb. Wir empfehlen jedem Republikaner dies bewundernswerthe Denkmal von Beredsamkeit und Vernunft.. – Barbaroux hat wahr gesprochen. Rolands ideale Republik müßte auf einer für Bösewichte verborgenen Erde gegründet werden. Wahre Weise träumen mit Plato von den Gesetzen und mit Thomas Morus von Utopien. Sie zu verwirklichen, lassen sie unversucht.

Gensonné. Vergniaud ist durchaus der Jacob Dupont der Republik; er glaubt nicht mehr an die Freiheit Jacob Dupont ist ein übrigens wenig bekanntes Conventsmitglied, das sich auf der Tribüne zum Atheismus bekannt hatte. Dupont wich dem seltsamen Deismus Robespierre's, und starb, wie es heißt, als Wahnsinniger..

Vergniaud. Ich glaube nicht mehr an die Göttin, welche mit Händen voller Wohlthaten in die Mitte der Menschen kommt, sondern an jene Furie, welche sie berauscht und verschlingt. Nennt Ihr sie die Freiheit? Als die Völker einstimmig die Göttlichkeit der Sonne anerkannten, war sie nicht vom blutigen Schleier des Unglücks verhüllt.

Fonfrede. O, Vergniaud! unsere in der Natur begründete bürgerliche Gleichheit sollte auch nur ein eitles Wort sein?

Vergniaud. Prokrustes besaß ein Bett von Eisen, dem er alle Reisende anpaßte, indem er die kleineren ausreckte, die größeren verstümmelte. Dieser Tyrann meinte sich trefflich auf Gleichheit zu verstehen.

Brissot. Sie kann sich nach und nach bei einem jungen Volke begründen, oder bei einem verjüngten, wie es durch Revolutionen und Auswanderungen entsteht; bei einem Volke, wo Jedermann gleichmäßig bei der Befestigung und Ausbildung der Institutionen betheiligt ist, welche das Schild Aller sind, weil es der Lauf der Dinge von den Irrthümern der Civilisation zur Unbefangenheit der ersten Menschen zurückgeführt hat, – bei einem Volke von Brüdern.

Vergniaud. Großer Gott! welche Brüderschaft war die eines Abel und Kain!

Carra. Ich für meine Person glaube, daß, wie es zur innigsten Wesenheit alles Lebendigen und selbst dessen gehört, was mißbräuchlich für abgestorben gehalten wird, von Modification zu Modification, oder, wenn man will, von Form zu Form zur möglichsten Erdferne der Entwickelung zu gelangen; daß, sag' ich, ebenso die jetzigen Staaten von Natur und zugleich aus einem anderen Antriebe, über welchen ich noch nicht ins Reine gekommen bin, sich mit aller Macht zur definitiven Herstellung der Republik hinneigen.

Brissot. Ich habe das Unglück der Völker, die Gebrechen der Gesetzgebungen, den unheilbaren Wahnsinn der Könige in der Nähe gesehn. Mit Herz und Seele glaube ich an den Triumph der Revolution.

Vergniaud. Die Revolution ist ein Saturnus; sie wird alle ihre Kinder verschlingen Diese berühmte Phrase Vergniaud's wurde in einer Verhandlung über die Assignaten ausgesprochen. Um die hier auftretenden Personen nichts ihrer Unwürdiges reden zu lassen, habe ich das Beste von ihnen gesammelt und benutzt, so wie es der Gegenstand zuließ. Diese Gattung des Cento besitzt nach meiner Ansicht nichts Abstoßendes, so lange es natürlich bleibt..

Brissot. Ich werde ihr sterbend noch ein schmerzliches und hoffnungsvolles Lebewohl sagen!

Vergniaud. Auch ich will ihr Lebewohl sagen, das Lebewohl des überwundenen Gladiators. Blinder, grimmiger Tyrann, die Sterbenden grüßen dich! – Doch die Trauer über jene erhabene Revolution, wie sie mein Gedanke sich geschaffen, die nimmt meine Seele mit sich, wie Mirabeau die über die Monarchie.

Brissot. Deine Menschenfeindlichkeit »Ich nehme die Trauer um die Monarchie mit mir; die Parteien werden sich die Fetzen derselben streitig machen« – waren die letzten Worte Mirabeau's nach Cabanis. rechtfertigen Verbrechen, vor denen ich nicht weniger schaudere als du, allein sie führt dich zu weit. Deine späten Erfahrungen wurden in den Tagen des Weh's und der Verzweiflung gemacht. Der sterbende Vergniaud sah nur die Wiege des Herkules.

Vergniaud. In der Wiege würgte Herkules Schlangen; er spie keine aus.

Brissot. Ich rede zu dir mit jener ruhigeren und tieferen Anschauung der Menschen und Begebenheiten, welche mir Alter, Nachdenken und Reisen verliehen haben. Ich sah Völker, rein in ihren Sitten, einfach in ihren Bedürfnissen, bescheiden in ihren Ansprüchen und folglich im Genusse des vollen Glückes, was Bescheidenheit, Einfachheit und Unschuld verschaffen können. Damals begriff ich, daß die Gewöhnung an gute Institutionen gute Bürger bildet und daß die Gewöhnung schnell vor sich geht, denn jene, wie die, welche wir zu gründen beabsichtigten, waren kaum aus einer Revolution hervorgegangen, welche vor unsern Augen ausbrach und binnen wenig Jahren vollendet wurde. Auch Moses verschwand in einem Ungewitter, und sein Gesetz überlebte Jahrtausende.

Fauchet. Jenes Ungewitter kam von Oben, dies Eurige aber aus dem Abgrunde.

Vergniaud. Genug, Fauchet! wir wollen unsere Irrthümer nicht durch gezwungene Gleichnisse rechtfertigen. Das Greisenalter verjüngt sich nicht wieder. Mit alten Völkern bringt man keine jungen Institutionen zur Welt.

Brissot. Die Nordamerikaner nenne ich mir ein altes Volk. Ihre Civilisation ist ein Kind der unsrigen.

Vergniaud. Das zum Wahrzeichen für alle Welt sehr schwer geboren ward; es kostete der Mutter das Leben.

Carra. Ich bin doch der Meinung, daß, wenn es eine deutliche, schlagende, unverwerfliche Antwort, eine überzeugende, unverwerfliche Lösung des skeptischen Paradoxon Vergniaud's gibt, es diejenige ist, welche augenscheinlich aus der amerikanischen Revolution hervorgeht, die auf Erfahrung begründet und vollständig ist.

Vergniaud. Gelehrter Carra, ich versichere Ihnen, daß zwanzig von Ihnen ausgewählte Beiwörter, nach Ihrer Manier vor diesem Beweise angebracht, für mich doch nichts mehr beweisen würden. Meine Ansichten über Alles, was der beschränkte Verstand des Menschen umfassen kann, stehen fest. Morgen wissen wir das Uebrige.

Carra. Es ist jedoch gewiß, unbestreitbar und allgemein anerkannt ...

Vergniaud. Daß die Völker ihre Sitten, die Zeiten ihre Bedürfnisse, die Gesetze ihre unerläßlichen Antecedenzen haben, – man entschuldige den übeln Ausdruck, – und daß jede politische Organisation aus diesen Elementen besteht. Brissot, den umfassende und mannichfaltige Studien in die verschleiertsten Geheimnisse der Politik eingeweiht haben, hat nicht aufgehört, uns jene atlantische Constitution als Beispiel aufzustellen, die vielleicht für das Volk taugt, welche sie sich gab; allein für unsre verbrauchte Welt nicht anwendbarer ist, als die amerikanische Bodenkultur für unsre kalten Gegenden und unsre erschöpften Ländereien. Hätten Sie uns, lieber Brissot, eines Tages die Pflanzen der Tropenländer sammt ihrem reizenden, vaterländischen Zubehör, der belebenden Wärme ihres Himmels, der Kraft ihres Geschmacks und Geruchs geben können? Auf diesem Mysterium beruht die ganze Frage. – Uebrigens, was ist die Bevölkerung einer Colonie? Eine heranwachsende Familie, eine mündige und selbstständige Gesellschaft von Zwillingen, welche durch übereinstimmende Erziehung eine fast gleiche Bildung erhielten, ein conventioneller Staat, der nur seine Erhaltung zum Zwecke, nur seine Unabhängigkeit als Ruhm, in seinem Vortheil allein das zusammenhaltende Element besitzt. Gleichzeitig ins Exil hinausgestoßen, kommt ein solches Volk als Reisender an, und bürdet sich leicht einen Vertrag auf, der nur der Ausdruck der zu seiner Erhaltung nöthigen materiellen Bürgschaften ist; nur die Bedingung dieser relativen Existenz, welche man nirgends in der Bestimmung des Menschen begründet findet; ein Pact auf Lebenszeit, welcher kaum einige Generationen bindet, nichts von der Vergangenheit entlehnt und der Zukunft nichts schuldig ist, weil es keine Vergangenheit und keine Zukunft für ein Eintagsvolk gibt, dem sogar die Gegenwart nur als Zufall angehört, wie die Luft, welche es athmet, und das Licht, welches ihm leuchtet. Es gibt kein Grundgesetz, keine politische Religion für eine dem Vaterlande entfremdete Civilisation, weil es ohne Vaterland keine gibt. Es gibt kein Vaterland an einem Orte, wo die Mütter nicht von der Wiege ihrer Kinder träumten, die Kinder nicht Blumen auf das Grab des Großvaters streuen können. Jener Scythe, welcher einem Fremdlinge erwiderte: »Kann ich zu den Gebeinen unsrer Väter sagen, erhebt euch und geht mit uns?« – definirte das Vaterland vortrefflich. Das Vaterland eines Naturmenschen ist nicht so weit, als man glaubt. Wenn er eine Furche gezogen, einen Stall gebaut, einen Baum gepflanzt, eine Frau unter Dach und Fach gebracht, ein Kind erzogen hat zwischen der Hütte, wo er geboren, und dem Kirchhofe, wohin er seines Vaters Sarg gefolgt, so hat er sein Vaterland. Die unstäte Verfassung einer volksmäßig organisirten Caravane ist ein gutes Modell für nomadisirende Araber und abenteuerliche Zigeuner. Die Gesetzgeber der alten Welt bedürfen anderer Grundlagen. Als Pygmalions Statue vom Athem der Venus beseelt wurde, fielen die Menschen vor ihr nieder und erkannten ihre Schönheit an; allein selbst Rousseau hat ihr nur das dunkle Gefühl einer sterilen Persönlichkeit beigelegt. Kein Schooß hatte sie getragen, kein befreundeter Blick belauschte ihre ersten Versuche zu gehen, kein Ohr ergötzte sich an den leeren und doch so süßen Tönen ihres ersten Stammelns; nie spielten ihre Finger mit grauem Haar, nie schlug ihr beunruhigtes und bekümmertes Herz an einem Herzen. Ein sinnreiches Werk der Kunst, auf Augenblicke belebt vom natürlichen Feuer, allein nur aus Unwissenheit unschuldig, unbekannt mit dem natürlichen Gefühle der Liebe, unfähig sogar den Steinblock zu erkennen, aus dem sie entstand, grenzt ihr ganzes Dasein überall an das Nichts, und die Mythologie empfand das so deutlich, daß sie dieselbe niemals Paphus soll jedoch von ihr geboren worden sein. Mutter werden ließ. Jene amerikanischen Republiken sind dieser Statue sehr ähnlich.

Bernhard de St. Pierre erzählt in seiner Reise nach der Insel Bourbon von einer Pflanze, die er am Vorgebirge der guten Hoffnung fand, und die eine prächtige, scheinbar von keinem Stängel an den Boden gefesselte, Blüte treibt, aber vom kleinsten Lüftchen beschädigt wird. Ihr gleichen jene amerikanischen Republiken. – Als Moses sein Volk ins Land Canaan führte, verkündete er ihm nicht blos, er führe es in ein vom Herrn gesegnetes Land, wo Milch und Honig fließt, sondern er sprach: ich verheiße dir das Land, welches deinen Vätern verheißen wurde, und das der Herr ausersehen hat zum Erbtheile Israels.

Begreiflich scheint mir, wenn auch etwas schwer, daß eine Civilisation, basirt auf die Sagen der Druiden, bei uns heimisch werden könne; nie wird auf rein moralische Principien eine begründet werden. Das ist das Geschick des Menschen. Die Göttin, welche bei socialen Schöpfungen präsidirt, ist weder die Doctrin des Philosophen, noch die Erfahrung des Gesetzgebers; es ist die Nymphe des Poeten und die Fee des Romanciers. Zum Ende einer Gesellschaft gekommen, erfüllte uns thörichte Einbildung auf unsre Werke, als wir hinter uns Ruine sich auf Ruine thürmen sahen; allein wir haben nichts gebaut. Fauchet wird euch den Grund davon mit den Worten seines Glaubens sagen, welcher eine der tausend Verkündigungen der ewigen Wahrheit ist, wo nicht die vorzüglichste; – weil nämlich der erhabene Unbekannte nicht mit uns war, der Alles aus Nichts entstehen hieß, und weil das Wunder einer Schöpfung durch das Wort sich nicht erneuern wird.

Müde war mein Herz, wie das eure, des langen Irrthums so vieler zum Thier herabgewürdigten Generationen, des langen Unglücks so vieler Sklavengeschlechter. Wie das eurige rang es in seiner Verblendung nach unmöglichen Verbesserungen, die dem Menschengeschlechte Thränen und Blut schon genug gekostet haben. Penelope's Freier wurden nicht bittrer getäuscht, als die der Freiheit. Die Intelligenz der Völker hat ihre langen Nächte, die die Werke des Tages zerstören. Für den Staat wie für den erfahrungsreichen Mann gibt es nichts Neues, als den Tod. Die Peliaden, welche ihren greisen Vater erwürgten, um ihn zu verjüngen, waren geschickte Republikanerinnen. Sie verstanden sich auf das Geheimniß der Revolutionen! Bei der Geburt eines Volkes wiegt die Aufopferung des Einzelnen etwas, allein hat eine Nation gealtert, so schließe sich der Schlund des Curtius nun über dem Ganzen Ueber die Schwäche dieses Redeabschnittes täusche ich mich nicht; allein er gibt wenigstens ein Bild der Sprache und Redeform Vergniaud's..

Brissot. Welchen Tag hast du abgewartet, uns diesen Schreckensgedanken zu verkünden!

Vergniaud. Weißt du, an welchem Tage Brutus einsah, daß Tugend nur ein Name sei?

Gensonné. Beschränken sich darauf die Offenbarungen deines Genius? Der im geweihten Haine ermordete Gracchus warf Staub zum Himmel, und aus diesem Staube ging Marius hervor, der den Stolz der Patricier vernichtete. Vergniaud, es gibt ein Morgen!

»Ich weiß es wohl,« sagte Mainvielle; »ein Morgen, dem kein anderes folgen wird.«

Vergniaud. Republiken, welche Monarchien gründen; Monarchien, welche die Republik gründen, und hinterher das Chaos.

Brissot. Die englische Monarchie ist kein Chaos und steht noch an der Spitze der Civilisation beider Welten.

Vergniaud. Die englische Monarchie ist von Gestern; als sie entstand, waren die Blitze des Berges Sinai nicht erloschen. Oeffne das Buch ihrer Geschichte, du wirst darin überall die Traditionen der Schrift lebendiger wiederfinden, als in den ersten Tagen der Kirche. Der Geist ihrer Revolution war der Geist Gottes in der Bibel. Das Scepter der Meinung war die goldene Ruthe des Propheten. Punkt für Punkt entstand die Constitution aus den heiligen Schriften, und an der Spitze des Volkes wandelten die Priester mit dem Schwerte und dem Buche des Gesetzes. Gib deiner Republik einen solchen Einband, oder deck' ein Bahrtuch über ihren Leichnam; sie wird nicht wieder lebendig.

Sillery. Vergessen Sie nicht, Herr Brissot, daß dieses von so erhabenen Lehren erleuchtete Volk durch seine geographische Lage gewaffneten Drohungen, wie dem Eindringen von Doctrinen, Trotz bot; der Ocean umgibt es wie ein Gürtel. Dürfen wir einer solchen Lage der Sachen die einer zwar ohne Zweifel großen und edlen Nation entgegenzustellen wagen, die aber einander ungleiche Gewohnheiten, unbestimmte Grenzen, unausgeprägte, bewegliche Sitten besitzt?

Carra. Einer bastardartigen, heterogenen Nation ohne selbstständigen Ursprung, unverschmolzen, ohne Sympathien?

Fauchet. Einer Nation ohne Gott? Die Geschichte aller solcher, Staaten genannter Menschenanhäufungen steht mit unverlöschlichen Zügen in der Schöpfungsgeschichte verzeichnet. Trunken pflückt der Verführte die Frucht vom Baume der Erkenntniß, und erfährt statt aller Erkenntniß, daß er des Todes sterben muß. Die Früchte vom Baume der Erkenntniß, hören Sie, meine Herren, sind die Revolutionen.

Ducos. Vielleicht irr' ich mich, Freunde, allein was ich von dorther vernehme, klingt mir ganz, wie im Traume. Vor einem halben Jahre disputirtet ihr wie Encyklopädisten, und jetzt predigt ihr wie Puritaner! O Fauchet! verleumde mindestens in deiner letzten Stunde nicht die liebliche Verführung des Weibes im irdischen Paradiese, dessen erhabene Langweiligkeit dadurch so wonnig beseitigt ward. Mehr als einmal hab' ich mir sagen lassen, das Herz eines Liebenden habe unter deiner apostolischen Stola geschlagen.

Fauchet. Mein Leben, Ducos, ist kein Muster, und wenn dem Himmel das Opfer gefällig ist, wird meine letzte Stunde eine Sühne sein. Mehr als ein Hinderniß ist zu besiegen, mehr als ein Schmerz zu verbeißen auf dem Wege des Heils.

Vergniaud. Wie mehr als ein Schimpf zu erdulden ist auf dem des Triumphes. Schlag' ein in Ducos' dargebotene Hand; er wollte dich nicht kränken.

Mainvielle. Fauchet, jetzt ein wenig Indulgenz für die Fröhlichkeit. Euer Meister von Galiläa freute sich am Frohsinne der Kinder. Wir kommen so jung nicht wieder zusammen, pflegte meine arme Mutter zu sagen, und mir ist's grade, als würd's älter auch nicht oft geschehn.

Fauchet. Der Friede des Herrn sei mit dir, lieber Ducos, sammt allen Segnungen, welche mein Herz dir ertheilt.

Brissot. So ist's Recht! welch' Erbarmen können wir von der Nachwelt erwarten, wenn wir für uns selbst keins haben, wir, die wir Einer mit dem Andern beim Suchen nach dem allgemeinen Besten irre gegangen sind?

Lasource. Ich entsinne mich, daß mein letzter Vortrag an meine gläubigen Zuhörer den zweiundzwanzigsten Vers des fünften Kapitels des Evangeliums Matthäi zum Thema hatte: »Wer seinen Bruder verurtheilt oder Drohungen gegen ihn ausstößt, ist werth, verurtheilt zu werden.« Wohl denen, welchen diese Lehre mehr genützt hat, als mir! Mein hitziger Charakter verleitete mich nur zu rasch zu Verirrung der Leidenschaft und des Zorns, obgleich ich von Natur, wie durch mein Amt, zu Gefühlen der Duldung und Milde angewiesen wurde. Sillery, ich bitte um Vergessenheit unserer beklagenswerthen Streitigkeiten La Source, der im Herzoge von Orleans nur einen Usurpator oder Dictator sah, hatte nicht aufgehört, ihn mit heftigen Reden zu verfolgen. Er war es, der die Verhaftung dieses Prinzen und Sillery's verlangte, mit dem er auf dem Schaffot zusammentraf. Von dem Abbé Emery habe ich erfahren, daß La Source und Sillery sich vor der Hinrichtung wiederholt umarmten, wie denn überhaupt alles Thatsächliche in dieser Erzählung sich auf schriftliche Nachrichten oder glaubwürdige mündliche Ueberlieferungen gründet..

Sillery. Bei meiner Ehre, Herr von Lasource, Sie können mir keinen willkommeneren Vorschlag machen. Sie sahen mich heute Abend meine Podagristenkrücke mit den Worten ins Parket schleudern: »Krank und schwach bin ich hierher gekommen; euer Urtheil gibt mir die ganze Kraft meiner Jugend und meiner Gesundheit wieder; das ist der schönste Tag meines Lebens!« – Wohlan, Herr von Lasource, halten Sie sich überzeugt, daß ich mich der Schwachheiten meines Herzens nicht minder entledige, und als Ihr aufrichtiger Freund sterben werde. Ich hege nicht einmal Groll gegen die Herren vom Tribunal.

Lasource. Wir sterben an dem Tage, wo das Volk den Verstand verlor; die Unglücklichen werden an dem sterben, wo es ihn wiederbekommt. Ist ihr oder unser Schicksal das bessere? Möge der Himmel sich wenigstens ihrer Reue nicht verschließen.

Mainvielle. Gott sei Dank, das sind Worte des Friedens, und so mußte es kommen, weil wir glücklicherweise Vertreter beider Kirchen unter uns haben.

Carra. 'S ist wahr, wir sind – man entschuldige den Vergleich – grad' in derselben Lage wie Buridan's Esel, zwischen zwei Gefäßen evangelischer Weisheit.

Gensonné. Ich erkläre, daß wir beim nächsten christlichen Concilium auf noch einen Vertreter zählen können. Fonfrede ist Missionair gewesen, und ich habe seine beredte Stimme sich zu den Improvisationen der Tribüne durch Improvisationen von der Kanzel vorbereiten hören.

Fonfrede. Eitles Bemühen eines unruhigen Gemüths, das sich gern an alles Große und Erhabene in der Zukunft des Menschen hängen will, und von Versuch zu Versuch nur zur traurigen Wirklichkeit der Proscriptionen und Hinrichtungen gelangt.

Brissot. Wem sagst du das, Fonfrede? Die Unabhängigkeit meines Charakters und meiner Lebensart, meine friedliche, arbeitsame Armuth, mein seit lange allen blutdürstigen Leidenschaften als Opfer dargebotenes Leben, die Popularität, welche meine Schriften mir in der ganzen civilisirten Welt erworben haben, und die mich zum Dollmetscher von vier Millionen Amerikanern in einer Angelegenheit der Menschheit machte, Nichts hat mich vor den Ausschweifungen dieser Volksraserei geschirmt. So eben hat sie mir durch den Mund ihrer vertrauten Richter zugerufen, daß es gestorben sein muß.

Lesterpt-Beauvais. Du hast wie Aristides gelebt, und stirbst wie Sidney Worte Girey-Dupré's, kurz nachher vor dem Revolutionstribunal ausgesprochen, als er wegen seines Verhältnisses zu Brissot befragt worden war. Ich habe sie hier einem Andern in den Mund gelegt, und mir dergleichen öfters erlaubt, wo meinen Personen der edle Ausdruck eines verwandten Andern natürlich schien..

Lasource. Ich stehe in Bezug auf Dienste und Hingebung Ihnen nicht nach, Brissot! Die Republik schuldete mir eine Statue dafür, daß ich den Verräther Lafayette entlarvt habe, den Abgott Lafayette, dem ich so lange opferte Man vergleiche den Moniteur, Sitzung der gesetzgebenden Versammlung vom 19. August 1792. Möchte keine neue Revolution den edlen Greis an die Undankbarkeit und Ungerechtigkeit der Republik erinnern!.

Duchâtel. Ruhig, mein Herr. Vielleicht bewilligt Ihnen die Menschheit, Ihre Irrthümer übersehend, eine dauerhaftere Ehrensäule, als die Denkmäler der Republik. Nie wird sie vergessen, mit welchem Muth und Talente Sie die Sache der unschuldigen Kinder der Emigrirten verfochten haben.

Vergniaud. Das Bewußtsein eines nützlichen und wohlthätigen Lebens ist in der That das süßeste Privilegium auf einen guten Tod. Es ist uns nicht vergönnt, wie Scipio einen ungerechten Senat zu zwingen, uns zum Capitol zu folgen; allein die Nachwelt erwartet uns dort. Je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger find' ich, was dem Ruhme unsrer historischen Namen abgehen könne. Für meine Person erklär' ich, daß mein Dasein mir sehr vollendet erscheint.

Ducos. Wahrlich, sehr vollendet, die Dauer abgerechnet. O, wie erfinderisch ist ein bei uns in Bordeaux gebildeter Verstand an schmeichlerischen Freuden und tröstlichen Eitelkeiten! Die Nachwelt ist etwas Herrliches, Vergniaud, und das Capitol auch; allein diese imposante Perspective macht mich nicht schweigen über die Verkürzung meiner Tage. Sie halten das Maß nicht.

Vergniaud. Was kümmert den das Maß der Zeit, der für's Vaterland stirbt! Der nächste Tag ist der beste, wenn er der glorreichste ist. Unser politisches Alter ist das unserer Ansprüche auf das Schaffot, und das Schaffot, Ducos, ist das Capitol böser Zeiten. Bis zu diesem Glücke verstieg sich mein Streben nicht.

Ducos. Dann freue dich, bekränze dich mit Blumen und bade dich in Wohlgerüchen. Des Leonidas Gefährten thaten es auch, ehe sie vom Schlachtfelde zur Unsterblichkeit eingingen.

Carra. Mit einem Epitaphium von Simonides, das ich aus mehreren Gründen für unrecht halte.

Fonfrede. Der Märtyrer, welcher an den Altären der Freiheit den Tod erleiden soll, ist nimmer zu rein, noch zu geschmückt.

Hier strich Sillery sein Haar zurecht, glättete die langen Klappen seiner weißen Weste und hob an: »Jenes Ereigniß im Leben, das der Tod genannt wird, verdient kaum beachtet zu werden, wenn man so glücklich ist, durch Glauben oder Tugend angemessen darauf vorbereitet zu sein. Ueber andre Menschen haben wir den kostbaren Vortheil voraus, ihm zu einer bestimmten Stunde entgegenzusehen. Das Unvermeidliche muß ertragen werden. Zu frühzeitig für die Mehrzahl von Ihnen, meine Herren, ist es doch ein tröstlicher Gedanke, daß Sie durch kein rechtliches Mittel den Eintritt desselben verzögern können.«

Ducos. Es gab eins. Ich bedaure jetzt, während Decrete von uns ausgingen, wie der Tag sie verlangte, nicht die Untheilbarkeit des Hauptes und der Wirbelbeine in Antrag gebracht zu haben.

Boileau. Es gab noch ein andres: es hieß die Hand zu den Plänen des Berges leihen, der vielleicht das Vaterland gerettet hat.

Mainvielle. Und Boileau nicht mit; der Undankbare! O, welches Versehen!

Boileau. Erinnert ihr euch an Danton's drohende Weissagung? »Das Metall, aus welchem die Bildsäule der Freiheit entstehen soll, ist in vollem Flusse. Verfehlen wir den Augenblick zum Gießen, so wird es uns Alle verschlingen!«

Vergniaud. Es wird sie verschlingen! Unser Ruhm wird es bleiben, lieber als ihre Opfer, denn als ihre Mitschuldigen gestorben zu sein.

»Verdammt!« sprach Viger, und griff mit der Hand dahin, wo er während seiner stürmischen Argumentationen im Nationalconvent sein Säbelgefäß zu suchen pflegte; »wer wirft uns vor, nicht ihre Mitschuldigen gewesen zu sein? Wir Soldaten sehen dem Tode ins Angesicht, und vergleichen uns nie mit dem Verbrechen. Rechtfertigung einer politischen Missethat ist das »Rette sich, wer kann« der Feigen. Gott verzeihe denen, die sich daran halten, wie der Herr Abbé Fauchet sagen würde. Ich wundre mich, meine Herren, daß Sie nicht ein bessres Mittel ausfindig machten, einen elenden Haufen Besessener zum Schweigen zu bringen, die beim Anblicke des Schwertes erblaßten! Ich erkenne in euch treffliche Advocaten und geistreiche Köpfe, Dinge, auf die ich mich als ehemaliges Mitglied der Akademie von Angers verstehe; allein noch niemals hat eine Rede, sie mochte noch so vortrefflich sein, eine Revolution geendigt. Nicht die Rhetorik mit ihren abgemessenen Redensarten und Vorbehalten war die Gewalt, welche mitten im Sturme unsrer Tage die socialen Ideen aufrecht erhalten konnte. Die Stärke, eine männliche, martiale Stärke war es, die mit dem Degen beweist. Die alte Geschichte liefert davon merkwürdige Beispiele. Mit dem Degen, meine Herren, anders nicht, als mit dem Degen. Duperret da kann es bezeugen, und Valazé da würde es auch, wenn er's noch im Stande wäre; in Zeit von fünf Minuten, um nicht zu übertreiben, hätten wir das ganze bissige und feige Wolfsgezücht des Berges zur Vernunft gebracht. Das zog besser, als lange, selbstgefällige Reden im Geschmacke des Isokrates und Cicero. Ha, ha, ha! eins, zwei! Robespierre ist hin! Eins, zwei! der schöne Lacroix wird des Abends beim Namensaufrufe nicht antworten. Eins, zwei! Collot d'Herbois fleht um Gnade. Der Elende! allein er erhält keine.«

Und hingerissen von seinem Eifer, verfehlte Viger nicht, seine Worte mit entsprechenden Geberden zu begleiten.

»Welch' entsetzliches Blutbad!« rief Mainvielle, »nehmt den Menschen fest!« – Viger fuhr fort:

»Auf diese Art gründen sich gute Constitutionen, und nicht mit dem elenden Plunder angeblicher Maximen von Staatsmännern, die noch nie den Leuten etwas gelehrt haben, die nichts lernen wollten. Verzeihung, Vergniaud! entschuldige, Gensonné! ich wollte, weiß Gott, kein Freundesherz beleidigen; allein ich bleibe dabei, daß ihr mir folgen mußtet, als ich euch mit meiner Säbelspitze den Weg nach Versailles zeigte, und mir jene noch furchtsamere und unverschämte Canaille zweimal einen breiten Weg auf die Terrasse öffnete. Nicht im brandigen Herzen einer verdorbenen Stadt, die allen Volkstyrannen zum Erbtheil verfallen ist, wie der Schindanger den Raben, können die Elemente einer gesunden Republik zusammengebracht werden. Anders wo war überall der Ort dazu, denn das sociale Princip hätte uns begleitet, und um dasselbe vereinigen sich stets die Völker. Wer weiß, von woher es nach Paris zurückkehren wird, wenn das je geschieht? Aus der Orangerie von St. Cloud vielleicht!«

Duperret. Ohne mich zu ereifern, wie Herr Viger, der ich von Natur sehr sanften Charakters bin und mir schmeichle, mit Ihnen Allen stets in gutem Vernehmen gelebt zu haben, kann ich doch nicht umhin, das Vernünftige seiner Meinung anzuerkennen. Meiner Ansicht nach war der Garten dort zu Discussionen der Art sehr bequem, und es wäre Wunsch und Wille unsrer Committenten gewesen, mit einigen Schwertstreichen die Sache abzumachen, statt sie schmählicherweise in schimpfliche Debatten auszudehnen, die stets, wie Sie bemerkt haben können, zum Vortheil der Schurken und Schelme ausfallen. Ich bin kein Schwätzer, allein ich habe ein sicheres Auge und eine zuverlässige Hand. Ihr hättet mich sollen mit dem faden D'Herault Sechelles und dem dürren Tallien anbinden sehen! Viger, Dufriche und ich, wir hatten Alles arrangirt ...

Ducos. In eurer Weisheit ...

»Sie persifliren, dünkt mir!« rief Duperret und sah Ducos scharf an, indem er ungeduldig seine Serviette zusammenballte.

Ducos. Nicht doch, Duperret, wahrlich nicht! Ich spaße nach meiner Weise, und bitte recht sehr, mich nicht etwa zu einem jener Rendezvous zu laden, bei denen sich ein paar wackre Männer unbarmherzigerweise den Hals brechen. Dergleichen ist nicht mehr unsere Sorge. Wir würden ein Privilegium des Bergs beeinträchtigen.

Duperret. Meinetwegen, denn ich habe ohnedies geschworen, mich mein Lebtage nicht mehr zu ereifern. Indessen, wenn man mir geglaubt hätte, und wenn, wie Viger sagt, noch Andere, als Dufriche und ich, seinen tapfern Ausfall unterstützt hätten, würde euch morgen kein elender Henker die Hände binden, um öffentlich, wie es unser ehrwürdiger Freund Lamourette Lamourette, Adrien, geboren zu Tervent, Literat, Priester, constitutioneller Bischof von Lyon und Mitglied der gesetzgebenden Versammlung; 52 Jahre alt, am 10. Januar 1794 und sechzig Tage nach den Girondisten zu Paris guillotinirt. Er befand sich mit ihnen zugleich in der Conciergerie, wo ihn der Abbé Emery, wie er mit Fauchet gethan hatte, mit Gott und der Kirche aussöhnte. Von demselben Abbé Emery rührt auch die Verbreitung des jetzt allbekannten Ausdrucks her, auf den hier angespielt wird. nennt, einen Nasenstüber an den Hals zu bekommen.

Carra. Kraft jener Redefigur, die gemeinhin Euphemismus heißt.

Duperret. Beim heiligen Evangelium Duperret war Protestant, was diesen Ausruf, den ihm die Tradition in den Mund legt, rechtfertigt.! Parteikämpfe werden nicht anders geschlichtet; aber ich hatte die Leutchen kaum mit dem Blitze meines Säbels geblendet, als ihr Girondisten ein Zetergeschrei erhobt.

Vergniaud. Phozion war das Beil der Reden des Demosthenes. Duperret, Dufriche und Viger waren das Schwert der Complotte des Berges.

Duperret. Und wenn ihr gewollt, würde dies Schwert den gordischen Knoten der Revolution zerhauen haben.

Fauchet. Ein anderes wird es thun.

Gensonné. Das Cromwell's ...

Duchâtel. Das Monck's.

Vergniaud. Vielleicht das Thrasybul's.

Viger. Wer weiß es? Frankreich ist im Kriege mit ganz Europa, und der Krieg allein erzeugt Männer, geschickt zur Leitung der Staaten.

Duperret. Welche die Völker vor der eignen Raserei retten, nachdem sie die Anfälle der Fremden abgewehrt haben.

Vergniaud. Wie Pelopidas.

Duchâtel. Oder Alfred.

Fauchet. Wie Makkabäus, meine Herrn, wie Makkabäus.

Carra. Was schon früher geschehen, wird unabänderlich wieder eintreten, wie ich bewiesen habe, wie ich wenigstens anfing zu beweisen, wie ich auf die bündigste Art beweisen will ... Von einem langen Seufzer unterbrochen, fuhr er fort:

Da alle zukünftigen Ereignisse nur eine unvermeidliche Wiederholung der Vergangenheit sind, so scheint mir festzustehen, daß unfehlbar ein Schwert die Revolution endigen wird. Dieser Fall tritt nothwendig ein, wenn über die Zukunft der Nationen Recht und Gewalt sich streiten.

Le Hardy. Eine Revolution ist nichts anderes, als der Ausdruck eines neuen Interesse, das sich gegen einen alten Besitz auflehnt, d. h. ein Versuch, das Factische an die Stelle des Rechts, die Tyrannei an die der Gewalt zu setzen.

Vergniaud. Ist das auch nicht der Zweck aller Revolutionen, ist es doch ihr gewöhnliches Ende. Es tritt zuletzt ein Kriegsmann auf, der, wie Camillus, sein Schwert in die Wagschale wirft, und wehe dem Besiegten!

Duprat. Dabei fällt mir ein, was über dieselbe Sache mir ein junger Artilleriehauptmann sagte, mit dem ich vor einem Jahre in Beaucaire Bonaparte konnte allerdings damals in Beaucaire gewesen sein. Eines der kleinen politischen Pamphlets, womit er jener stürmischen Zeit seinen Tribut zahlte, war betitelt: » Le Souper de Beaucaire«, und man weiß, daß es zu Avignon, d. h. unter den Augen der Freunde Duprat's, in den ersten Monaten des Jahres 1793 gedruckt wurde. speiste. Ich habe so ziemlich seine eignen Worte behalten: »Sie werfen sich in die Revolution, und werden die Früchte derselben nicht genießen. Sie werden Constitutionen gründen und brechen, und sich beim Volke und bei der Menschheit durch Frevel verhaßt machen, wie sie die Geschichte seit Sulla und den Triumvirn nicht kennt. Dann wird ein Mann auftreten, geleitet vom Glück und vom Gotte des Ruhms, und wird zu ihnen sprechen: Ich hab' euch Gesetze erlassen, und ihr habt sie mit Füßen getreten. Was habt ihr gethan mit dem Blute der Braven, das unnütz vergossen wurde für's Vaterland? Und er wird sie vor sich herscheuchen wie Spreu.«

Vergniaud. Die Zukunft spricht aus diesem Hauptmann poetischer Zunge; er wird Marcellus werden.

Mainvielle. Ich hab' ihn gesehn. 'S ist ein Corse, ziemlich klein von Person, mit schwarzen, tiefglänzenden Augen, magerem, langem Profil, erdfahlem Teint und glatt herabhängendem Haar; er sprach wenig und stets in Sentenzen und Gleichnissen. Irr' ich nicht, hieß er Bonaparte.

Antiboule. Wie, so gehört er dem Volke an, von dem die Römer keine Sklaven haben wollten Dieser Tadel kann durchaus nicht beleidigen, da es für ein Volk sehr ehrenvoll ist, sich nicht zur Sklaverei zu eignen; allein die zahlreichen Feinde der kaiserlichen Regierung bedienten sich seiner in der übeln Bedeutung sehr eifrig, als Napoleon offen mit dem revolutionären Princip gebrochen, weil er es nicht mehr nöthig hatte. Die fragliche Redensart wurde bald populär und in Frankreich unter dem Namen des Herrn von Lanjuinais verbreitet, eines der Mitglieder der schwachen Opposition des Senats, wo sich noch einiges Gefühl für Freiheit erhalten hatte.?

Fonfrede. Gemißbraucht von blödsinnigen Aristokraten, die nur rückwärts blicken, und von wüthenden Demagogen, deren Instinkt nur Zerstörung, Raub und Mord kennt, würden die Franzosen vielleicht eines Tags froh sein, von ihm einen Gebieter zu empfangen!

Vergniaud. Es gibt Epochen der Auflösung, wo selbst die Tyrannei nicht festen Fuß fassen kann bei den Völkern. Mitunter baut sich zwar die Flut der Revolutionen mit eigner Kraft eine mächtige Schutzwehr, indem sie Felsen an ihre Ufer wälzt; allein die eintretende Ebbe entfernt sie auch wieder. Alle Gewalten, die nicht auf historische, nothwendige und durch lange Gewohnheit mit dem Nationalgeiste verschmolzene Institutionen basirt sind, gleichen Colossen ohne Fundament. Montesquieu vergleicht das mittelalterliche Feudalwesen mit einem ungeheuren Baume, der seine gewaltigen Zweige, seine dichten Schatten über Europa ausbreitete, allein der Baum der socialen Verhältnisse braucht einen festen und tiefen Boden, um starke Wurzeln zu schlagen, die in dem Sande und Kothe des heutigen Europa nirgends einen Anhalt finden würden. Eine Revolution ist der längste Tag des Volks; allein wie der längste Tag des Sonnenjahres, verspricht er nur Abnahme. Er kündigt sich mit glänzenden Tugenden an aus demselben Grunde, den die Philosophen dafür anführen, daß Leben in der Flamme sei, allein man säet nichts Lebendiges in Asche. Der Despotismus wird fortan in Frankreich vorübergehend sein, wie die Freiheit.

Duchâtel. Wenn die Freiheit nicht eines Tags die Oberhand unter den Auspicien derselben Gewalt behält, die Sie so eben definirten, und die auf historischen und nothwendigen Institutionen beruht. Freunde, verstattet hier einer Seele volle Freiheit, die ihrer ewigen Befreiung so nahe ist. Ihr glaubtet die Monarchie zu zerstören, und trugt nur zu ihrer Erneuerung bei, indem ihr sie durch eine gewaltsame Reaction in die Nothwendigkeit versetztet, sich bei ihrer nahen Wiederherstellung den Forderungen ihres Lebensprincips und den Bedingungen ihres Ursprungs zu unterwerfen. Die Monarchie war in unsrer alten Civilisation nur die bewaffnete Garantie der öffentlichen Freiheit. Jahrhunderte gesellschaftlicher Verderbniß machten sie vor Alter verfallen. Mächtig und verjüngt wird sie auf fortan unerschütterlichen Grundlagen sich wieder erheben. Ja, die Monarchie wird sich wieder erheben! Die Bretter des Schaffots haben nicht den letzten Tropfen jenes edlen Bourbonischen Blutes getrunken, das des Landes eignes Blut ist, und welches nie floß, ohne daß Frankreich vor Entsetzen und Schmerz in seinen Grundfesten erbebte! ...

Bei diesen Worten erhob sich ein dumpfes Geräusch des Erstaunens, Unwillens und Zorns, das Duchâtel's Rede allgemach übertäubte und endlich ganz unterbrach.

»Ja, die Monarchie wird sich wieder erheben und die Bourbons werden zurückkehren!« rief Le Hardy dazwischen, mit der sonoren, stentorischen Gewalt seiner eisernen Lungen, die ihn dem Berge so furchtbar gemacht hatten.

»Zurückkehren werden sie aus der Babylonischen Gefangenschaft,« stimmte Fauchet ein, und hob den entzückten Blick empor zum Gewölbe des Kerkers, als sähe er durch dasselbe den offenen Himmel; »ja, die Monarchie wird sich triumphirend wiedererheben und des Tempels Mauern mit ihr ...«

» Es lebe die Republik!« rief Ducos, »Respect vor Meinungen! wir haben sämmtlich heut einige Ursache, die unsrigen für frei von Interesse und Ehrgeiz zu halten. Uebrigens ist es nicht klar bewiesen, daß Fauchet vom prophetischen Geiste heimgesucht worden, jedenfalls ist er's aber sehr zur Unzeit wie Jener, von dem der alte Cazotte Cazotte, Jacques, geboren zu Dijon 1720, guillotinirt zu Paris, den 25. September 1792, im 73. Jahre; einer der talentvollsten und edelsten Männer des achtzehnten Jahrhunderts. In der Stelle, die zu dieser Note Veranlassung gab, ist auf die famöse Weissagung von Cazotte angespielt, die Laharpe einige Jahre später bekannt machte. Authentisch, würde sie etwas ganz Außerordentliches sein; untergeschoben, beweist sie wenigstens, daß die kalte Einbildungskraft Laharpe's sich durch das Studium der heiligen Schrift zu einem Genre der Auffassung erhoben, wovon in seinen Werken sich kein Beispiel weiter findet. Ich bin geneigt, zu glauben, daß die Idee dazu von Cazotte herrührt, als die ersten Entwickelungen der Revolution die Zukunft mit einiger Wahrscheinlichkeit bestimmen ließen. Ich erinnere mich, Cazotte gesehn zu haben, wie man sich aus dem achten, neunten Jahre an etwas erinnert. Er war der Freund meines Vaters, und die gewöhnlichen Gegenstände seiner Gespräche eigneten sich sehr, die Aufmerksamkeit eines Kindes zu fesseln. Als einer der liebenswürdigsten Erzähler und der schönsten Greise gefiel er sich in einer lebhaften und anziehenden Unterhaltung, welche auch den Trägsten munter erhalten hätte. Seine Einbildungskraft glich einer fortlaufenden orientalischen Erzählung, worin er gern selbst eine Rolle übernahm, sei es nun, daß er wirklich an den Ereignissen Theil genommen, wovon er sprach, oder daß er nicht umhin konnte, sich mit einer seiner Personen zu identificiren. Von seinen sogenannten Visionen weiß ich nichts, weil ich sie wahrscheinlich mit seinen Geschichten vermengte; allein ich habe oft bei meinem Vater davon reden hören. Cazotte wurde, vermöge einer seltnen Ausnahme, alle Ehre eines politischen Todes zu Theil. Sein Ankläger hatte zu ihm gesagt:
»Warum muß ich Sie nach zweiundsiebzig Jahren von Tugend noch schuldig finden! Es ist nicht hinlänglich, guter Sohn, Gatte und Vater gewesen zu sein, man muß auch ein guter Bürger sein.«
Die Anrede des Präsidenten ist die ruhmvollste Huldigung, welche der Unschuld auf dem Wege zum Schaffot zu Theil werden konnte.
»Sieh' dem Tode furchtlos ins Gesicht,« sprach er, »eingedenk, daß er kein Recht hat, dich zu erschrecken. Einen Mann, wie dich, kann ein solcher Augenblick nicht erschüttern.«
Seine Tochter hatte ihn gegen die Mörder des Septembers vertheidigt; allein sie vermochte nichts gegen seine Richter.
erzählte, der während dreier Tage den Untergang von Jerusalem verkündigte und seinen eignen Tod nicht eher erfuhr, als da er ihn nicht mehr vermeiden konnte.«

Alle Girondisten, außer jenen Drei, stimmten in Ducos Ruf ein, und lange hallten die Lebehoch der Republik und der Freiheit an dem traurigen Orte wieder, den Fouquier-Tinville mit dem blutigen, aber malerischen Cynismus jener Unglückszeit das Vorzimmer der Guillotine genannt hatte.

Nachdem sich der Lärm gelegt, erhob sich Duchâtel mit jenem ruhigen, stolzen Wesen, wodurch seine Jugend etwas von der Gravität des feierlichen Alters erhielt, und begann: »Es lebe der König! der König und die Freiheit! Der würde kein Franzose sein, ja, er verdiente nicht Mensch zu heißen, der seinen Nacken ohne Erröthen vor einer auf Sklaverei und Erniedrigung seines Gleichen gegründeten Gewalt beugen könnte. Fluch, o mein theures Vaterland, über dasjenige deiner unwürdigen Kinder, das in seiner feierlichsten Stunde Wünsche gegen deine Ruhe und dein Glück hegen könnte! Gott ist mein Zeuge, oder wird es bald sein, daß sich mein aufrichtiger und getreuer Patriotismus mit der Idee einer volksthümlichen, auf die unverjährbaren Menschenrechte basirten Monarchie erst während der Verzweiflung einer unmöglichen, während der Schmach einer lügenhaften, heuchlerischen Republik vertragen lernte, die das Blut der unschuldigsten Opfer zu ihrem Wachsthume bedarf. Er wird mir es bezeugen, theure Brüder, im Leben und Tode, daß dieser mir neue Gedanke in meinem Gemüthe aufgetaucht ist, wie ein süßer Traum während des Schlafs, ohne Ueberlegung, ohne Nachdenken, als ich ihm mich hinzugeben anfing, furchtlos, wie ich ihm jetzt mein schönes sechsundzwanzigjähriges Dasein mit allen Aussichten auf Liebe und Glückseligkeit als Tribut darbringe. Was seht ihr mich fragend an? Mein bekümmertes Herz war nicht mehr im Stande, sich bei eitlem Hoffen auf Verbesserungen zu beruhigen, deren wir uns geschmeichelt hatten. Ich glaubte nicht mehr an das Glück der Völker, und doch sucht' ich darnach, suchte es überall mit dem Eifer, der uns die Rückkehr von einer angenehmen Illusion, von einigen Augenblicken des Irrthums und der Thorheit entgelten lassen wird. Mit meinen Blicken folgte ich euch, mit meinen Wünschen und manchmal mit meinen Sympathien. Ich fand nichts, nichts als Verwirrung und Bodenloses. Ihr debattirtet ins Blaue, und konntet euch nicht mehr zurecht finden. Da war es, wo ich das Auge zurückwandte nach dem Gestade, von dem ihr ausginget, und auf die Rückkehr dahin dachte. Saget aber nicht, ich habe verkannt, wie demüthigend und kränkend die Usurpationen der Aristokratie für eine stolze Seele sind, wie sie der Hochmuth des Adels und der Höfe empören müsse! Die Geschichte ließ mich in ihrer ganzen Blöße die permanente Verschwörung der Tyrannei gegen die Freiheit, des Fanatismus gegen die Vernunft, des servilen, eigennützigen Herkommens gegen jene Ideen und Entdeckungen sehn, die unser Geschlecht seiner hohen Bestimmung entgegenführen und nach und nach, durch einander folgende Eroberungen, alle Unebenheiten der alten socialen Welt ausgleichen. Das morsche, kindisch gewordene Regiment der alten Zeit, ein unzüchtiger, geschminkter Greis, beladen mit Thorheit und Schande, war mir so verhaßt, wie euch, und ich schwur ihm lebenslängliche Fehde. Allein ich sah die legitimen Gewalten im Despotismus untergehen, und die Religion und Sitte als Aberglauben und Vorurtheil, die heiligen Wahrheiten mit der Lüge, die Schuldigen mit den Unschuldigen. Ihr zeigtet mir Marat! Ob ich da noch einen Augenblick schwankte zwischen ihm und dem Schaffotte, ist euch bewußt. Von dem Augenblicke an, wo ich mich dem Tode geweiht wußte, überlegte ich noch sorgfältiger, denn war ich mir auch der Rechtschaffenheit gegen meine Committenten bewußt, so hatte ich doch noch mit mir selbst abzuschließen. Und leicht erkannte ich die Wahrheit dessen, was uns Vergniaud so eben auf dem Grund einer Autorität sagte, die weit über mir steht. Wie thörichte, eigensinnige Kinder sind wir einhergegangen, glücklich, die Fetzen unsrer zerrissenen Windeln und Gängelbänder hinter uns herzuschleppen. Wir stürzten uns in die Zukunft, ohne sie zu verstehen, wie in eine offene Straße; blinde, unbändige Renner, die den Wagen der civilisirten Welt zu ziehen glaubten, zogen wir die Schleppe einer selbstmörderischen Gesellschaft von Abgrund zu Abgrund. Ich weiß nicht, was ihr davon haltet, allein das haben wir gethan. Die alten, leider! von mir zu spät studirten Satzungen der Monarchie enthielten tausendmal mehr Elemente der Freiheit, als in tausend Jahren aus den Eingeweiden des Berges hervorgehen werden. Und deshalb rufe ich: »Es lebe der König!«

Wie vorher, ward auch jetzt dieser Ausruf von denselben Stimmen übertäubt; nur Sillery, körperlichen Leiden unterliegend, hatte sich seit einiger Zeit an die Wand gelehnt, und schien zu schlafen.

»Schweig',« sagte Duprat zu Mainvielle, dessen Stimme alle überbot, so lange Le Hardy nicht sprach; »Sillery schläft.«

Boileau. Es lebe die Republik! die eine, untheilbare, die unvergängliche! Es lebe der Berg!

Carra. Es lebe die eine, untheilbare Republik! Was den Berg betrifft, so erkläre ich Ihnen, Herr Boileau, daß er mich auf's Deutlichste an den Berg Kaf in den morgenländischen Sagen erinnert, der seit undenklichen Zeiten die Zuflucht aller bösen Geister ist.

»Hu!« meinte Mainvielle.

Vergniaud. Wahrlich, die menschliche Einbildungskraft ist eine große Thörin. Es wurden hier, wie ich glaube, alle Formen der Gesellschaft durchgemustert, und das Gelübde, was uns fast sämmtlich verbindet, ist doch eigentlich nur eine unbestimmte Verneinung der verschiedenen politischen Ansichten, denen die Welt gehorcht. Ich hab' auch schon gestanden, daß ich nichts Anderes mehr in der Republik sähe, die wir mit so viel Enthusiasmus decretirten. Der Nachwelt wird eine gesetzgebende Versammlung viel zu denken geben, die nur einen Tag einig und dies nur über ein Wort war, dessen Sinn jedes ihrer Mitglieder anders nahm. Das Wort allein war Gesetz, die Sache blieb ein Mysterium. Die Republik, meine Herren, in Buzot's Augen ein Föderativsystem; für Condorcet ein ökonomistisches Utopien; ein lärmender, mit Zuckungen behafteter Haufe für Thomas Payne Thomas Payne von Thetford, Literat, von vier Departements zum Deputirten bei der Nationalversammlung gewählt; zur Zeit der Wahl 56 Jahre alt, und gestorben sechzehn Jahre nachher in Amerika. Thomas Payne, den ich nur selten sah, gehörte, so viel ich weiß, zu den bessern Menschen, war kühn in der Theorie, vorsichtig in der Praxis, ließ sich von revolutionären Bewegungen hinreißen, doch ohne ihre gefährlichen Folgen zu billigen, war gut von Natur und Sophist aus Ueberzeugung. Seine Biographen haben ihn nur sehr unvollständig gewürdigt.; eine große, landwirtschaftliche, philanthropische, industrielle Anstalt für Brissot; ein ungeheures, verjüngtes Athen des Demosthenes und Plutarch, nach Ducos; für St. Just eine nach spartanischer Weise, die Heloten und Könige ausgenommen, organisirte Welt; eine unaufhörlich rasende Orgie für den Sybariten Danton; eine Dictatur nach Robespierre, eine Schlachtbank nach Marat's Sinne: das ist die Republik, dieser vielseitige Würfel, den die Taschenspieler vor den Augen der Menge hinrollen lassen, und der von ihnen so viel Namen erhält, als er Seiten hat.

»Gebt nur zu,« fuhr Vergniaud mit vieler Heiterkeit fort, »daß das Schicksal nicht hart war, als es uns erlaubte, unser historisches Leben der Verantwortlichkeit einer solchen Zukunft bei Zeiten zu entziehen. Die Freistatt des Todes ist kaum tief und unverletzlich genug, um sich mit Zuversicht vor den Attentaten dahin zu flüchten, welche die Welt entsetzen werden. Und da nun die unbewußt wohlthätige Tyrannei zu euren Gunsten der gütigen Natur vorgreift; an dem Tage, wo ihr anfangt, ihren Gewalttaten entrückt zu werden, erschöpft ihr euren Geist mit eitlen Vermuthungen über die mancherlei Wege, auf denen eine mit dem Tode ringende Gesellschaft während weniger Jahre ihren letzten Kampf kämpfen wird? Was kümmert es den von süßem Grabesschlummer Umfangenen, ob die nachfolgenden Generationen das bestürzte Haupt unter Robespierre's Beil oder Tamerlan's Säbel beugen? ob sie Ludwig XI. heuchlerischen Rosenkranz oder Marat's scheußliche Amulette anbeten? ob sie sich bettlerisch und knechtisch in den Vorhöfen eines Palastes, oder trunken von Wein und Blut im Kothe der Rinnsteine herumschleppen? Wird uns nicht ein friedliches und glorreiches Asyl am Busen der ewigen Freiheit? Bei diesem Gedanken fühlt die Seele ihre Fittige!«

Brissot. Unermeßliche Wonne, die des Geächteten Herz sprengen würde, könnte er beruhigt über das Loos der Seinen sterben!

Vergniaud. Und welche ist denn nach deiner Meinung die Stunde eines Erdenlebens, wo ein Mensch, geboren, um zu lieben, sterben könnte, ohne einen Schmerzensblick auf den Gegenstand seiner Liebe zu richten? Das bleibt sich auf dem Throne wie auf dem Schaffotte gleich. Wäre beim Tode nicht diese grausame Bedingung, wer wünschte ihn nicht vor der Zeit, wo Gott ihn schickt?

Fonfrede. Wir wollen unsere Kinder nicht wegen unsres Todes beklagen; er wird einst ihr schönstes Erbtheil sein.

Brissot. Oder auch nach Vergniaud's Ansicht von der Zukunft, ein neuer Grund zur Verfolgung.

Fonfrede. Mag es drum sein, wenn des Vaterlandes Unglück ihrem Muthe dies Schicksal auferlegt! Mein Heinrich mag seine Bluttaufe immer vergessen, und sich eher dem Tode weihen, wie wir, als mit der grimmigen Faction sich vertragen, welche die Freiheit erwürgt hat, – sie zweimal erwürgen würde.

Vergniaud. Dein Gedanke wird auf ihn aus einer Region herabschweben, die den schmählichen Irrthümern Sterblicher unzugänglich ist, und dein Geist wird ihn zu deiner würdigen Eingebungen entflammen. Die Sorge um unsre Theuren, die uns heute erfüllt, ist das letzte Band, das uns an unsre schwache Menschheit knüpft; allein sie wird sich in reine Wonne verwandeln, sobald wir sie mit ruhiger Aufmerksamkeit in ihrer irdischen Beschränkung verfolgen, uns in ihnen wiedergeboren sehen, über ihre Tugenden uns freuen, über ihre Prüfungen trösten können, indem wir der untrüglichen Hoffnung im Voraus genießen, daß wir sie nicht wieder verlassen. Diese Idee ist Alles für den, der sie zu erfassen weiß.

Ducos. Und nichts für den, der sie verkennt. Vergniaud berührt da eine große Frage, hat sie aber nicht entschieden.

Mainvielle. Du hast große Eile; die Guillotine wird sie bald entscheiden.

Vergniaud. Ich mußte bis zuletzt meines Amtes Pflichten erfüllen, eh' ich es für immer verlasse. Die Unsterblichkeit der Seele ist ohne Zweifel die einzige Frage, welche auf der Tagesordnung bleibt.

Carra zitterte vor Ungeduld. Sein ganzes System der materiellen Wiedergeburt und Auferstehung durch Zusammenwirkung einer Verbindung homogener Atome trat in unzähligen Formen vor seine Seele. Wie aber davon zu einer Versammlung reden, die den Schlüssel seiner wissenschaftlichen Terminologie nicht besaß? Unmuthig kaute er an den Nägeln, da er selbst bei seinen gefälligsten und eifrigsten Zuhörern nicht auf hinlängliche Geduld und Aufmerksamkeit rechnen konnte, um seine Terminologie zu entwickeln, seine Axiome und Inductionen festzustellen, und nahm sich nicht ohne bittre Reue über die Vergangenheit vor, sein Leben besser anzuwenden, sobald ihn der Zufall wieder in seine philosophische Individualität versetzen werde.

Le Hardy. Die Lösung dieses Zweifels ist keine Sache des Worts, es ist ein tiefes Gefühl der Seele. Im Herzen jedes rechtschaffenen Menschen steht sie geschrieben, dessen Verdienste die Welt schlecht vergalt. Es gibt keine Unvollkommenheit in Gottes Schöpfung, und wenn verfolgte Rechtschaffenheit, unglückliche Unschuld kein Recht vor ihm fänden, würde die ganze Moralität dieser erhabenen Schöpfung ein Wahnbild sein.

Fonfrede. Die Natur hat diese Lösung dem Instinkte des einzigen Wesens eingeprägt, das ein Bedürfniß der Auferstehung fühlt. Was die Natur mich wünschen läßt, weil sie mir das Vorgefühl davon gab, ist sie mir auch schuldig.

Brissot. Für den Philosophen hat Plato die Frage gelöst; menschlicher Verstand wird sich nie höher versteigen. Was Plato mir im Namen des großen Baumeisters der Welten verspricht, will ich suchen.

Fauchet. Weiser, als Plato, hat sie der Glaube für den Christen gelöst, dessen Zukunft reicher, als die des Philosophen ist. Was im Namen des Herrn der Glaube mir gegeben, will ich im Himmel in Besitz nehmen.

Gensonné. Diese für uns wichtige Angelegenheit scheint mir nicht der Art, um so über Hals und Kopf von allen Seiten aufgefaßt werden zu können, und ich trage daher darauf an, diese Debatte auf die Abendsitzung zu verschieben.

Ducos. Auf den Bericht Valazé's, der im Interesse der Aufklärung mit seinem gewöhnlichen Eifer vorangeeilt ist Valazé war Berichterstatter im Proceß des Königs gewesen, und Ducos, der mit ihm gleicher Meinung war, erinnerte ihn an den Eifer und die Unbeugsamkeit, womit er die Anklage des Königs unterstützt..

Duprat. Wir werden dann aus Erfahrung viel besser urtheilen können; gegenwärtig, meine Herren, können wir uns nicht verhehlen, daß wir den Kopf nicht bei uns haben.

Mainvielle. Während wir dann zum ersten Male mit beruhigten Köpfen votiren.

Dergleichen heroische Persiflagen, Einfälle, würdig eines Sokrates, in denen der Muthige sich gefällt, der zu sterben weiß, lautes Gelächter und die mit Punsch gefüllten Gläser Dieser Uebergang scheint vielleicht zu hastig bei einer Discussion, die einer so weitläufigen Entwicklung fähig ist. Anfangs war ich derselben Meinung; allein reiflichere Ueberlegung zeigte mir das Langweilige einer Verlängerung dieser philosophischen Episode, so wie die Unwahrscheinlichkeit, daß sich die Girondisten bei ihrem letzten Bankett lange damit beschäftigt. Außerdem war der damaligen Zeit nichts fremder, als eine gesunde psychologische Idee, und ich hätte daher höchstens einige fade Sätze der Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts anführen können, von der heutzutage Niemand mehr etwas wissen will. Dadurch würde ich auf die redenden Personen und die Sache selbst den Schein des Lächerlichen geworfen haben; und nichts wäre meinem Zwecke mehr zuwider gewesen, als dies. Ein sehr geistreicher Mann, bekannt durch sein Talent, Anekdoten und Bonmots in seinem Gedächtnis zu bewahren, die man anderswo vergebens suchen würde, erzählt, daß die Girondisten ihre Discussion mit einer Abstimmung endigten, und daß die Sache des Spiritualismus und der Gottheit durch die Mehrheit einer Stimme verloren ging. Dies ist sehr traurig; allein glücklicher Weise glaube ich nicht daran. machten nunmehr die Runde, und das Gespräch ward immer lebendiger und lärmender. Unumwunden sprach sich Jeder aus, und die Charaktere traten immer entschiedener hervor. Was von ernsten Gedanken und Erinnerungen hier und da noch auftauchte, ward unwiderstehlich in den Strudel des allgemeinen, rauschenden Jubels gezogen, der an Wahnsinn grenzte. Vergniaud, in sein gewöhnliches Sinnen versunken, lachte nur in Unterbrechungen über einen oder den andern überraschenden Einfall; Fauchet, Duchâtel, Le Hardy und Brissot, noch fremder solchen Ausbrüchen der Freude und Thorheit, störten sie wenigstens nicht durch melancholische und strenge Mienen, und sahen so heiter drein, daß jeder ihrer Gesichtszüge zu lachen schien. Die meisten Andern genossen ganz das Glück eines letzten Beisammenseins, und gaben sich ihm mit dem Enthusiasmus, mit der Lust zu genießen und der Sorglosigkeit hin, die dem französischen Charakter vor allen eigen ist. Der nahe, gewisse Tod war vergessen, oder steigerte vielmehr durch geheime Befriedigung der Eitelkeit, dem Unvermeidlichen furchtlos zu begegnen, die Aeußerungen der allgemeinen Freude. Der Wetteifer der Hingebung war nur etwas Gewöhnliches und kaum Bemerkenswerthes unter so erhabenen Seelen, allein der Wetteifer in stoischer Gleichgiltigkeit und wahrer Unerschrockenheit war nicht ohne Reiz für diese großen Geister. Die Aussicht auf politischen Nachruhm mußte sehr ungleich für die Girondisten sein, und wenn es eine Auszeichnung für die Schwachen und Unbedeutenden gibt, so könnte man dieselbe in der Art den Tod zu nehmen sehn, der doch zuletzt die entscheidende Probe wahrer Superiorität ist.

Seit einem Jahre bereiteten die Ereignisse täglich die Girondisten auf die Entwickelung der großen Tragödie vor, in der sie großmüthig die Rollen der Märtyrer übernommen hatten, und ihr bisher nach einem Ziel gerichteter Ehrgeiz hatte sich nie nebenbuhlerischer gezeigt. Es ist jedoch anzunehmen, daß bei Einigen der besprochene Wetteifer erst auf dem Schaffott erwachte, der letzten Bühne, wo dieser Vortheil zu erhaschen war.

Ducos und Boyer-Fonfrede, deren Freisprechung Camille Desmoulins, dem zaghaften Las-Casas der Revolution Dieser Ausdruck ist nicht von mir, sondern aus einer der schon Anmerk. 13. erwähnten gerichtlichen Vertheidigungen des Herrn Réal., versprochen worden, verfielen unerwarteter als ihre Freunde der vertrauten und sympathisirenden Gerichtsbarkeit Fouquier-Tinville's und des Scharfrichters. Die Proscription schwebte einige Zeit gleich dem Schwerte des Damokles über ihnen, und sie traten kaum die Lehrzeit des Kerkers wegen des damals unverzeihlichen Verbrechens an, ihre Collegen und unterdrückten Brüder vertheidigt zu haben, als der Berg sie der Guillotine preis gab. Der Gedanke an diesen unerwarteten Tod, den sie nach dem Zeugniß ihrer bittersten Feinde nicht verwirkt hatten, ward in ihnen zuerst durch eine jener von Mord triefenden Tafeln geweckt, die man Urtheile zu nennen wagte Camille Desmoulins war so weit entfernt von dem Gedanken, daß Ducos und Fonfrede verurtheilt werden würden, daß er Ströme von Thränen darüber vergoß. – »Leider!« rief er, »bin ich es, der sie zu Grunde gerichtet, indem ich meinen »entlarvten Brissot« publicirte! Ducos, mein armer Ducos!« – Diese Mischung von Thorheit, zärtlichem Gefühl und Eitelkeit gibt, bis auf einen gewissen Punkt, den Maßstab für die Männer jener Zeit. Dieser war nicht boshaft, und sein Tod hat vielleicht die Schuld seines Lebens gesühnt. Camille folgte den Girondisten bald als Haupt der Conspiration »der Nachgiebigen!« Kann man sich wol etwas Schrecklicheres denken, als die Geschichte eines Volks, wo die Ankläger der Girondisten, ihre wegen »Nachsicht« geächteten Verfolger, das Bedauern der Rechtschaffnen mit sich nahmen! Ja, kennten wir genau das Geheimniß des 9. Thermidor, so würden wir Robespierre selbst verfolgt sehn als Fortsetzer von Camille's System, den er geopfert hatte.. Ich weiß nicht, welcher muthige Stolz und welche Selbstverläugnung sie befürchten ließ, hinter der anmuthig-heitern Resignation ihrer Unglücksgenossen zurückzubleiben, und daher überboten sie wie gewöhnlich in solchem Falle die Heiterkeit derselben bei dem Bestreben, sie zu erreichen. Der weiseste Grieche, auf des Orakels Ausspruch für des Gedankens geheiligte Freiheit inmitten seiner Schüler sterbend, erhielt zur Antwort auf seine geistreichen Ironien nur Thränen; aber seine Schüler starben nicht mit ihm, und wäre ihnen diese Gunst beschieden gewesen, sie würden gewiß lachend gestorben sein, wie die Athenienser der Gironde.

Nach dem geräuschvollen Jubel dieses beispiellosen Festes zu urtheilen, hätte man glauben müssen, es handle sich um eine Siegesfeier, und etwas Aehnliches war auch der Fall, denn der Schandfleck, welchen die triumphirende Tyrannei durch dieses unerhörte Attentat wider die Nationalrepräsentation sich aufdrückte, mußte früher oder später der Faction zu Hause und zu Hofe kommen, und den künftigen Generationen ein Schreckensbild hinterlassen, fähig, die Rückkehr ihrer verabscheuungswürdigen Gewalt für immer zu hindern. Niemand urtheilte anders. Allein die Ueberlegung hatte kein Gewicht in dem ungebundnen Aufschwunge, der Alles mit fortriß. Es war ein Tag der Bezauberung und Sorglosigkeit.

»Meine Herren!« rief plötzlich Mainvielle, »wollen Sie meinem Antrage Gehör geben, so wird diese neue Bowle Punsch zu Ehren der Schönen geleert, die uns in den jüngsten bösen Tagen ein wenig Mitleid zollten. Es ist das Geringste, was wir ihnen schuldig sind, allein dennoch Alles, was wir in diesem Augenblicke der Erlösung für sie thun können. Ich hoffe, die schweigsame Gravität Duchâtels wird diese Huldigung einer anbetungswürdigen Eingekerkerten nicht versagen, die seinem Herzen nahe steht, wenn meine Beobachtungen mich nicht täuschten. Ueber die Richtung ihrer Blicke kann ich mich aber kaum geirrt haben, denn Herr Duchâtel wandelt immer allein. Ich bringe also diese Gesundheit der göttlichen, der himmlischen Cäcilie von ... wer, zum Henker! sagt mir ihren Namen?«

»Halt!« unterbrach ihn heftig Duchâtel, den die letzten Worte aus seinen Träumen geweckt hatten. »Der Name eines Weibes ist ein heiliges Geheimniß, das im Rausche eines Gelags nicht entweiht werden darf. Euer Kopf ist noch unreif, Mainvielle.«

»Was das anlangt,« versetzte Letzterer, »so erlauben Sie mir zu widersprechen; er ist so reif, wie irgend einer, und wird bald abfallen.«

»Fürchten Sie nichts für Ihr Geheimniß, lieber Duchâtel, wenn Sie eins haben,« nahm Vergniaud das Wort; »es wird in wenig Stunden gesichert sein. Ich sehe keinen verwegenen Mund hier, der es morgen zu verletzen wagte. Mainvielle selbst mit seinem übereilten, leichtsinnigen Wesen verspricht Ihnen mit mir, binnen Kurzem über Ihre und viele andre Angelegenheiten so schweigsam zu werden, wie Valazé. Nicht einmal die Kraniche des Ibikus werden Sie zu Zeugen haben. – Zerstreue dieses letzte Gewölk, Ducos; singe uns eins der Lieder, die unsre Abende so oft erheiterten, und die Steine unsres Kerkers bewegt hätten, wenn Steine noch Gefühl für Lieder besäßen. Achilles sang. Singe, Ducos, ergreife die Leier!«

Ducos. Der eigensinnigste Ephor soll keine Saite dran verletzen. Ich will Eines vom Pontneuf singen.

Gensonné. Vom Pontneuf? ich dachte, du suchtest dich in die Hilfsregionen des Parnaß zu Fabre und Chenier zu erheben, und du senkst dich noch unterhalb Laignelot's irrenden Flug Fabre d' Eglantine und Chénier sind zu bekannt, um mich hier in lange Erörterungen über sie einzulassen, nicht so Joseph François Laignelot, Deputirter des Departements der Seine und Oise beim Nationalconvent, der vor Kurzem, 80 Jahre alt, in der Verborgenheit starb. Noch jung, kündigte sich Laignelot der literarischen Welt durch die 1779 aufgeführte Tragödie: »Agis«, an, deren Gegenstand auf eine sehr merkwürdige Art mit dem damals noch nicht geahnten Schicksal eines Tribunen verwandt war, der eines Tages seinen König richten sollte. Agis war bekanntlich König von Sparta und wurde von seinem Volke zum Tode geführt. Die kritischen Jahre der Restauration verlebte Laignelot ganz ruhig zu Chaillot, treu dem Cultus seines vielgeliebten Marat, äußerte aber seinen religiösen Enthusiasmus für das blutige Idol des Bergs nur im vertrautesten Beisammensein unter vier Augen. Uebrigens war er sanft, ruhig, einfach in seinen Sitten, ein guter Gesellschafter, und beschäftigte sich angelegentlich mit der Literatur, von der er jedoch schwerlich, weder bei seinem Leben noch nach seinem Tode, würde erwähnt worden sein, wenn er nur Verse gemacht hätte. bis zu dem trivialen Geschwätz eines Pons de Verdun Robert Pons aus Verdun, Deputirter des Departements der Meuse, einer der Männer, die ihren Geist als kleine Münze ausgeben. In der Erzählung, dem Epigramm und andern kleinen Sachen besaß er seltne Leichtigkeit, was ihm den Namen der Providence des Musenalmanachs verschaffte. Der Katalog seiner Bibliothek spricht für einen aufgeklärten und geistreichen, doch etwas bizarren Geschmack, und gewiß würde er den Ruf eines liebenswürdigen Literators behauptet haben, wäre er nicht auf den unglücklichen Einfall gekommen, eine politische Person werden zu wollen. Noch größere Genie's, als er, scheiterten an dieser Klippe.!

Ducos. Ausnahmsweise, ich werd' es nie wieder thun. Die Idee hab' ich während der langweilenden Verhöre Fouquier-Tinville's gefaßt, und mich ihr gern hingegeben, um den schlechten Styl des Chatelet zu vergessen Fouquier-Tinville war Generalanwalt beim Revolutionstribunal, worauf Ducos hier anspielt. Fouquier war übrigens keineswegs mit der Literatur ganz unbekannt, wie man aus der häßlichen Sprache seiner Vertheidigung schließen könnte, sondern hatte mit süßlichen und sehr unschuldigen, hauptsächlich Ludwig XVI. und seine Familie sehr lobhudelnden Versen debutirt. Die Sächelchen wurden wahrscheinlich schlecht aufgenommen und bezahlt, und vielleicht verdankt dieser Geringschätzung des Vertheilers der Gnaden die Menschheit eine ihrer ärgsten Geißeln.. 'S ist übrigens, wie ihr hören werdet, bei einem Bankett von Wichtigkeit, das wir Bailleul's Freigebigkeit verdanken. Ich habe seine letzte Odyssee gereimt Man hat sehr mit Unrecht behauptet, wie der alte Beaulieu in seiner » Biographie universelle« bemerkt, daß Ducos in diesem improvisirten, nicht unangenehmen Liedchen von seiner eignen Verhaftung spreche. Ducos wurde zu Paris verhaftet, als er aus dem Convent ging. Das Liedchen erhielt sich, und ich habe es einige Jahre nachher öfters auf der Straße von einer jungen Frau singen hören, von der es hieß, sie habe am Tage der Hinrichtung des Dichters vor Liebe zu ihm den Verstand verloren. Genau besinn' ich mich, daß der Contrast dieser schlaffen Züge und seufzenden Stimme zusammen mit Ducos' Späßen auf mein junges Herz einen unaussprechlichen Eindruck machte. Wie ich gehört, ist die Unglückliche in der Salpétrière gestorben..

In der That stimmte er das lustige Potpourri an, in welchem er so komisch die Verhaftung seines Freundes Bailleul erzählt.

In diesem Herbst des Abends gingen
Von Provins wir nach Haus ...
Wie, zu der Nonnenmelodei
Soll mein Geschichtchen klingen?
Nein, nein, die Ehre will, es sei
Hübsch rührend abzusingen. U. s. w.

Die scharfe Betonung, mit der Ducos vortrug, zeigte die picante Weise in vollem Lichte, mit der er die Manier eines schon berühmten jungen Landsmannes nachahmte. Gelächter unterbrach ihn bei dem feierlichen Verse:

»Volk der Franzosen, hör' mich ohne Lachen!«

und tobender Beifall feierte alle komischen und satyrischen Stellen, die vorkamen; die meisten wurden im Chor wiederholt Alles das ist genau historisch, und in der That gab es genug Witzworte in Ducos' Pot-pourri, um diese tolle Lustigkeit zu entschuldigen, selbst an von Natur lustigen Männern, wenn sie nur bei einer andern Gelegenheit stattgefunden. Z. B. folgende Stellen:
Und unterwegs kam ein Langohr
Mir wie ein Jacobiner vor ...
...
Wenn ich ausseh' wie'n armer Teufel,
So rührt's von Deputirten her. U.s.w.
Der weiter oben erwähnte junge Landsmann von Ducos ist Pierre Jean Garat, den ein Biograph den musikalischen Proteus und modernen Orpheus nennt, was sagen will, daß Garat vortrefflich sang, und was nicht zu viel gesagt ist.
.

Der Enthusiasmus für Refrains hat etwas Ansteckendes, und sie machten mit dem Punsch die Runde. Lied folgte auf Lied, eins durchkreuzte das andre, und der Jubel nahm fortwährend zu. Die herrlichen patriotischen Gesänge der Revolutionszeit erklangen hier frei von den Grausamkeiten des Parteigeistes und rein von den Unfläthereien des großen Haufens. Die Gironde starb als Republikanerin, allein nimmer vor diesem Augenblicke hatte sie besser begriffen, rein von ihren unseligen Verbindungen mit wahnsinnigen Leidenschaften zu sterben, die wie ein Ungewitter über die Republik losbrachen, und nur untaugliche Ruinen hinter sich lassen mußten.

Vergniaud hatte aufgehört, die Ausgelassenheit seiner Gefährten zu theilen. Er drehte seit einiger Zeit seine Uhr zwischen den Fingern, ohne einen Blick darauf zu werfen; plötzlich öffnete er ihr doppeltes Tombakgehäuse und sah hin. »Fünf Uhr!« rief er aus; »wie schnell vergehen die schönen Nächte! Bleibt uns nichts Bessres zu thun übrig, als zu singen und zu trinken? Zwei Stunden sind vielleicht nicht zu viel zum Nachdenken, zum Schreiben, zur Regulirung unsrer weltlichen Angelegenheiten, oder wenigstens um etwas zu schlafen.« Zerstreut zog er seine Uhr wieder auf.

»Die Welt wird Alles machen, wie sie kann,« versetzte Mainvielle, »ich habe mich nie viel um sie bekümmert, und thue es jetzt weniger, als je. Denken ist meine Sache auch nur selten, Schreiben langweilt mich; zum Schlafen hab' ich aber Zeit.«

Die plötzlich auf ernste Dinge hingewiesene Versammlung blickte einmüthig schweigend auf Vergniaud und schien bereit, seinem Beispiele zu folgen, als die Thüren des Saales sich öffneten und die Kerkermeister und Knechte in Begleitung eines Huissiers hereintraten, der die Gefangenen namentlich aufrief, um sie von jenem in ihre Kerker abführen zu lassen.

»Meine Herren,« sprach Vergniaud lächelnd, »die Sitzung ist aufgehoben.«

Fünf Minuten später war Valazé allein im Saale.

*

Zum letzten Male ordneten sich, wie bisher, in der Vorhalle die Girondisten, nach der Anweisung ihrer Wächter. Das gewöhnliche Lebewohl schwebte auf Aller Lippen, aber ein plötzlicher Gedanke machte es verstummen. Sie hatten keine Hoffnungen, keine Wünsche mehr. Die gewöhnlichen Abschiedsformeln paßten nicht weiter für sie, und diese außerordentliche Vorstellung vermag auch den festesten Muth zu erschüttern.

Sie suchten, betrachteten sich noch einmal beim Scheine der acht Fackeln, die den engen Raum erhellten, und sanken einander fast ohne Wahl schweigend in die Arme. Nichts verschmilzt alle Meinungen und Interessen so schnell, wie die Nähe des Todes. Die Gleichheit, welche sie mit solchem Eifer gewollt, sie war da. Ruhig und gefaßt war ihre Bewegung, aber es mußte eine tiefe, innige sein; sogar Mainvielle's unbesiegbares Lachen ward einen Augenblick davon unterbrochen.

»Meine Herren,« nahm der erste Kerkermeister das Wort, »an Ihre Plätze, und daß Niemand seine Nummer verläßt. Sagen Sie sich meinetwegen guten Abend oder guten Tag, aber der Dienst darf nicht gestört werden, denn ich bin nicht hier, um auf Sie zu warten; umarmen Sie sich morgen ...«

Und diese vor einem Jahre so mächtigen Männer, die spielend Karls des Großen Thron stürzten, gehorchten ohne Widerrede dem Gefangenwärter. Die Fackeln theilten sich und verschwanden in den Windungen gewölbter Gänge.

Gensonné sah sich plötzlich von seinen gewöhnlichen Gefährten getrennt und zu seinem Erstaunen in ein ihm unbekanntes Gemach geführt, das nur eine Person aufnehmen zu können schien. Seine Verwunderung verdoppelte sich, als er den ihn begleitenden Wächter die schwere Thür inwendig verschließen, die Laterne auf den Boden setzen und selbst ohne Umstände zu Füßen des schmalen Lagers Platz nehmen sah, welches das einzige Geräth in diesem Loche war. Gensonné wußte nicht, was er denken sollte. Der Schließer zog indessen seine Mütze ab, fuhr sich mit der Hand in die Haare und schaute den Deputirten steif an.

»Nun, Meister Pierre, begann Gensonné, »soll ich Euch zum Gesellschafter oder Hüter in den letzten Stunden haben, die noch nirgends ein Gesetz dem Verurteilten streitig gemacht hat?«

»Nein,« versetzte Jener, »wir trennen uns gleich. Sagen Sie mir aber doch vorher, erkennen Sie mich nicht?«

Gensonné. 'S ist mir, als hätt' ich Euch schon gesehn, ich weiß aber nicht wo, und ich sann ein wenig darüber nach, als ich Euch hier wiederfand.

»Erinnern Sie sich nicht wenigstens des Namens von Pierre Romond, Hundert-Schweizer Sr. Maj. Ludwig XVI.?«

Gensonné. Pierre Romond von Payerne! ich besinne mich dunkel auf ihn, wie im Traume; übrigens scheint mir die Erinnerung an ihn weder für Euch, noch für mich von Wichtigkeit. Der Augenblick dünkt mir nicht passend, um davon zu reden.

Pierre Romond. Passender vielleicht, als Sie glauben. Den zehnten August haben Sie doch gewiß nicht vergessen?

»Den zehnten August,« sprach Gensonné, die Hand vor die Stirn legend, »ich entsinne mich dessen.« Halblaut setzte er hinzu: »Er würde nicht die ganze Zukunft der europäischen Gesellschaft umgestürzt haben, wenn meinen Rathschlägen nicht unsinnige vorgezogen worden wären Die Politiker der gesetzgebenden Versammlung waren weit entfernt, den Umsturz des Thrones zu wollen, weil sie die Folgen eines so unglückschwangern Ereignisses voraussahn. Gensonné insbesondre sparte nichts, den Hof über die Gefahren der Monarchie aufzuklären. Der, wie es scheint, sehr gut unterrichtete Verfasser des Artikels über ihn in der Biographie » des contemporains« erzählt, daß dieser Deputirte und seine Freunde noch eine letzte Unterhandlung mit dem Hofe durch den Maler Boze anknüpfte, der den König zu malen beauftragt war, und ihn während der Sitzungen ohne Zeugen sah. Boze überreichte sogar Ludwig ein von Gensonné redigirtes Memoire, dem es weder an Bündigkeit, noch Beredsamkeit fehlte. Das Verhängniß, das eine unglückliche Dynastie stürzen wollte, ließ diese heilsamen Erbietungen der einzigen, damals urtheilsfähigen Köpfe scheitern, und, was kaum zu begreifen ist, die Räthe des Königs suchten mit Danton und seiner Partei zu unterhandeln!
Nichts ist seltsamer und unterrichtender, als die Analogie der Umstände bei allen Revolutionen, von welcher unfehlbaren Lehre aber weder Könige noch Völker je Nutzen gezogen. Die Einundzwanzig von 1793 würden 1792 eine Stütze der Krone gewesen sein, wie die Zweihunderteinundzwanzig im Jahre 1830. Mit einem Ministerium Gensonné würde es keinen zehnten August gegeben haben, und mit einem Ministerium Casimir Perier keinen 29. Juli.

Pierre Romond. Am zehnten August haben Sie einen Schweizer vor der Volkswuth gerettet.

Gensonné. Ich war so glücklich, Mehrern durchzuhelfen, und Eure Züge erinnern mich an Einen derselben. Doch wozu das?

Pierre Romond. Nach meiner Rettung nahmen Sie mich mit nach Hause, gaben mir andre Kleider, denn meine Uniform wäre mein Todesurtheil geworden, und Geld, um in meine Heimat kommen zu können. Indeß blieb ich in Paris bei einem Handwerker, dessen Gewerbe ich verstand. Als Sie nun im jüngsten Sommer verhaftet wurden, dachte ich nur auf Erstattung meiner Schuld an Sie. Das Ding war nicht leicht. Ich mußte den Jakobiner spielen, um Kerkermeister zu werden. Mit Hilfe guter Freunde in den Clubs und Sectionen errang ich auch diese Auszeichnung, die mir heute um kein Königreich feil ist. Seitdem hab' ich entschlossen, aber geduldig den Gang der Dinge abgewartet. Frei gesprochen, wie ich hoffte, hätten Sie nie von mir gehört; Sie sind verurtheilt, und ich bezahle meine Schuld.

Gensonné. Was wollt Ihr damit sagen, guter Freund?

Pierre Romond. Das Einfachste, was Sie sich denken können. Ohne weitere Mühe haben mir meine Kameraden das wenig gesuchte Amt überlassen, diesen Morgen einen Gewissen – den Scharfrichter – zu holen. Um sechs Uhr soll ich gehen; hier ist meine Ordre. Sie ziehen jetzt meine Kleider an und binden mich auf diesem Bette fest. Sobald es sechs schlägt, gehen Sie statt meiner mit dem Schlüsselbunde hinaus. Hier ist der Schlüssel zur ersten, da der zur zweiten, der zur dritten, der zur vierten Thür; sehen Sie wohl? Vergessen Sie nicht, daß ich sie Ihnen der Reihe nach einhändige, und gehen Sie mit den Schlössern nicht um, wie Jemand, der nicht Bescheid weiß, damit es kein Aufsehn gibt. Da: eins, zwei, drei, vier; ein Kind begreift das. Darauf gehen Sie keck durch den Saal der Wächter, die nicht auf Sie achten werden, da sie bis gegen Morgen gewacht und sich in Ihrem Weine gütlich gethan haben; sie sind gewiß schläfrig. – An der letzten Thür, die ins Freie geht, befindet sich eine von der Commune abgeordnete, außerordentliche Wache, die uns alle Beide nicht kennt. Sie zeigen ihr die Ordre, ohne ein Wort zu sagen, oder auf etwaige Fragen zu antworten; so ist der Befehl. Man wird Sie dann hinauslassen, und mein Auftrag wird wol unbesorgt bleiben. Ein Zufluchtsort kann Ihnen nicht fehlen. Hab' ich armer Schweizersoldat doch einen im Hause eines der ersten Bürger von Frankreich gefunden, der mich im Leben nicht gesehn und schon so weit wieder vergessen hatte, daß er mein Gesicht so wenig wie meine Sprache erkannte. Gern gäb' ich Ihnen alle Ihre unglücklichen Freunde zur Begleitung, allein die Ordre lautet nur auf eine Person; und ich habe auch keine Schlüssel zu ihren Kerkern. – Hören Sie nicht? – und bei diesen hastigen Worten riß Romond seine Weste auf, – mein Gott, ist das nicht sechs Uhr?

»Nur drei Viertel auf Sechs,« sagte Gensonné, »du hast noch Zeit.« – Darauf sah er dem Schließer ins Gesicht, legte ihm beide Hände auf die Schultern und sprach: »Nur an dich selbst, edelmüthiger Mann, hast du bei diesem Plane nicht gedacht. Wann der Gewisse kommt, denn der Henker kommt immer auch ungerufen, was wird dann aus dir?«

Pierre Romond. Das weiß ich nicht. Allein man wird mich zu keinem wichtigen Manne, zu keinem großen Redner, zu keinem Präsidenten der gesetzgebenden Versammlung oder des Nationalconvents machen. Das kommt auch gar nicht in Betracht. Müssen einige Monate oder Jahre im Kerker ausgestanden werden, so weiß ich das zu ertragen; muß ich sterben, so kann ich es auch. Ich bin Soldat, und bin dann immer noch wegen vierzehn Monat und zwanzig Tagen in Ihrer Schuld, um die Sie mich mit Lebensgefahr reicher machten. – Aber ins Himmels Namen, machen Sie ein Ende! bald würd' es für uns Beide zu spät sein.

Gensonné drückte ihn an sein Herz. »Nimm den Ring,« sprach er dann, »und trag' ihn zum Andenken an meine Freundschaft. Zaudere nicht, er hat keinen Werth, und es verlohnt nicht der Mühe, ihn abzulehnen.«

»So gehen Sie auf meinen Vorschlag ein!« frohlockte der Schweizer.

»Nein, guter Freund; ich weise ihn zurück.«

Pierre Romond. Sie wollten bleiben? unmöglich!

Gensonné. Höre! als ich so glücklich war, einen Mann wie dich zu retten, in welcher Lage warst du?

Pierre Romond. Meine Compagnie war aufgelöst, ich stand allein, hatte die Waffen weggeworfen und floh.

Gensonné. Ganz recht. Wenn ich dir nun aber eine Stunde früher vorgeschlagen hätte, deine Compagnie zu verlassen und dich zu mir zu retten, was hättest du geantwortet?

Pierre Romond. Das ist bald gesagt. Ich bin auf meinem Posten, und einen Posten verläßt man nicht.

Gensonné. Nun sieh', guter Freund, mein Platz hier ist wie der des Soldaten vor dem Feinde. Wann die Freiheit nicht mehr ist, dann ist der Posten der Girondisten auf dem Schaffot. Dringe nicht weiter in mich, du würdest dir nur schaden, ohne mir zu nützen, denn mein Entschluß steht unerschütterlich fest, und – da schlägt es Sechs.

Während dieses edlen Streites hatte Gensonné die Schlüssel in der Hand behalten, die der Schweizer ihm hineingedrückt hatte. Er öffnete jetzt damit die Thür des Kerkers und gab sie an Pierre zurück, der ihn bestürzt ansah.

»Adieu,« sagte Gensonné, »adieu, mein Freund; geh', wohin du geschickt wurdest, ich bitte dich und verlange es im Namen unserer Freundschaft, wenn es sein muß. Zauderst du noch, so wirst du bestraft, und ich entbehre des Trostes, dich heute noch einmal zu sehen.«

Duchâtel und Le Hardy hatten den Zuspruch der frommen Abbés Emery Emery, Jacques André, Generalsuperior der Congregation von St. Sulpice, bei seiner Ernennung dazu 61 Jahre alt, gestorben 1811 als beinah achtzigjähriger Greis und als Obervicar des Erzbischofs von Paris. Ich hatte das Glück, ihn einige Jahre vorher mit seiner naiven und doch lebhaften und malerischen Beredtsamkeit einige der hier benutzten Details erzählen zu hören, die jedoch unter meiner Feder viel verloren haben. Aus seinem Munde habe ich den Namen des Abbé Lothringer gehört, von dem Weitres zu erfahren mir unmöglich gewesen. Fouquier-Tinville ließ Emery aus einem Grunde leben, der diesem achtbaren Priester mehr Ehre macht, als jeder Lobspruch.
»Die Sanftmuth und Resignation dieser alten Calotte,« meinte er nämlich, »nützen uns mehr, als zwanzig Schließer, weil sie das Geschrei der andern Gefangnen verhindern.«
und Lothringer erlangt, die ihnen geistlichen Beistand zukommen lassen sollten und die ohne Mühe in diesen gläubigen und zarten Seelen eine schon von der Verfolgung belebte, überhaupt nie erloschene Begeisterung weckten. Der erste dieser würdigen und ausgezeichneten Priester hatte aus der Zeit seiner glorreichen Gefangenschaft schwierigere und kostbarere Triumphe aufzuzählen. Sein wohlwollender und wirksamer Zuspruch hatte seit mehrern Monaten die verirrte Einbildungskraft Fauchet's geregelt, und in ihm dem unendlich barmherzigen Gott einen Geist wiedergewonnen, gemacht, um ihn zu begreifen, und ein Herz, um ihn zu lieben. Es war das eine edle Eroberung. Gewiß des zum Märtyrerthum vorbereiteten Neubekehrten, hatte er den vorübergehenden Abfall des Bischofs von Calvados durch seine Absolution ausgeglichen und ihm die geistliche Gewalt zurückgegeben, die gewiß durch die neue Ordinirung auf dem Schaffot und die Bluttaufe hinlänglich verdient ward. Und der seinem heiligen Amte wiedergegebene Fauchet hörte Sillery's Beichte.

Nicht weit davon fuhr Carra fort, vor zwei oder drei ziemlich unaufmerksamen Zuhörern seine dunkle Lehre von der ewigen Wiedererzeugung der Wesen und von der ewigen Wahrscheinlichkeit der physischen Seelenwanderung zu entwickeln, die durch unaufhörliche Combinationen der Materie in einer unendlichen Folge moleculairer Aggregate – man wird wol merken, daß wir des Philosophen eigne Worte brauchen – wesentlich und fortwährend dieselben sinnlichen Resultate und Arten des Daseins erneue, so daß z. B. die Girondisten sich nothwendig bei demselben Bankett nach einigen Jahrtausenden und so fort unzählige Male beisammen fänden, um ihr Haupt unter das Schwert derselben Mörder zu liefern. Allein man hörte kaum auf ihn und verstand ihn nicht In der That hatte Carra seinen Freunden ein Buch angekündigt, das die Auferstehung und Unsterblichkeit mit materialistischen Gründen beweisen sollte, wie ich von dem bekannten Dr. Seiffert weiß, mit dem ich in einer Verbindung stand, wie sie mein Alter zuließ. Er war am Hofe Ludwigs XVI. sehr angesehn und hatte sich dort unter den Auspicien des Herzogs von Orleans, dessen Leibarzt er gewesen sein soll, einen zahlreichen Anhang gebildet. Seiffert bekannte sich zu Carra's Theorie und gab Letzterem schuld, sie ihm gestohlen zu haben, was Carra's Charakter nicht unwahrscheinlich macht..

Duprat theilte nebenan dem alten Morand neue ihm ins Gedächtniß gekommene Nachweisungen über die Hilfsquellen mit, welche ihm die Unredlichkeit seiner Schuldner noch eröffnen könne, und wünschte sich Glück, einige vorher unbewußte Existenzmittel für seine Kinder, seine Frau und seinen Freund aufgefunden zu haben. Er hatte darüber seine ganze Heiterkeit wiedererlangt.

Mainvielle mischte sich nicht gern in Geschäftssachen und war überdies beschäftigt genug. Er warf nämlich versificirte Anrufungen der kalten Schönheit auf's Papier, von der zwischen Duchâtel und ihm die Rede gewesen und die seine Seufzer grausam verschmähte. Laut überlas er sie dann, begleitet von emphatischen, burlesken, pomphaften Gesten und von seinem wahnsinnigen Gelächter begleitet, das den Bewohnern der Conciergerie den schönen Mainvielle von fern ankündigte.

Unweit davon stand Duperret, aller Sorgen ledig und focht mit der Hand gegen die Mauer, als habe er's mit einem geübten Kämpfer zu thun, und einige Schritte weiter zürnte im Schlafe der zürnend eingeschlafene Viger, die Faust auf das Bettgestell gestemmt, als wär' es ein Degen.

*

Mit Ausnahme Gensonné's waren die Girondedeputirten in ein gemeinschaftliches Gefängniß gebracht worden, das in der Conciergerie lange unter dem Namen der Gironde bekannt blieb, bis es neuere Bauten verschwinden ließen. Sie beeilten sich, einige Abschiedszeilen an ihre Familien zu entwerfen, während Vergniaud, der sich der Sonderbarkeit rühmte, nie einen Brief geschrieben zu haben Er hatte das in der Nationalversammlung gesagt. Der Tadel, welcher diese Antwort hervorrief, wurde vor dem Tribunal wiederholt, und Vergniaud vertheidigte sich wenig oder schlecht wegen des Briefwechsels mit seinen Freunden in Bordeaux; allein was beweist der Verbalproceß, wie man ihn im Moniteur liest, da die Presse schon in den Händen der Tyrannen des Bergs ein Werkzeug der Unterdrückung geworden war? In den Händen der Tyrannen werden auch die Garantien der Freiheit zu Werkzeugen der Tyrannei., die Zeit damit verbrachte, den Namen Adele und den seinigen in sein Uhrgehäuse einzugraben Fräulein Adèle Sauvan war ein liebenswürdiges Kind, als Vergniaud starb. Vielleicht war sie ihm zur Ehe bestimmt, vielleicht fand zwischen ihnen nur eine zarte Freundschaft statt, womit sich Vergniaud, wie andre ernste und zärtliche Männer, für ein Cölibat entschädigte, dem er sich gewidmet, um seine Unabhängigkeit zu behalten. Gewiß ist, daß die Neigung, die sie ihm eingeflößt, die lebhafteste gewesen zu sein scheint, die man an ihm gekannt. Wer das Glück hatte, Fräulein Adèle Sauvan als Frau Legouvé zu kennen, weiß, durch welche köstliche Eigenschaften des Geistes und Herzens ein für ihre Jugend so ehrenvolles Gefühl gerechtfertigt wird. Die Uhr Vergniaud's kam wirklich in ihre Hände, und sie fand auch die erwähnte einfache, kaum leserliche Inschrift, ließ aber aus Furcht, sie möchte allmählich ganz verschwinden, sie durch einen Graveur erneuern, als es den Freunden der Girondisten gestattet war, ihr Andenken ohne Gefahr zu ehren. Wie schon gesagt, verleitete der neue Kalender den Künstler zu dem Irrthume mit dem Datum. Möglich ist auch, daß Vergniaud selbst sich irrte und in der Zerstreuung vergaß, daß der October 31 Tage habe, was, wenn wir die Originalschrift besäßen, einen interessanten Zug abgeben würde.
Vergniaud's Uhr ist in meinen Augen eine merkwürdige Reliquie eines der schönsten Talente der Revolution, und verdient daher für Liebhaber solcher Dinge beschrieben zu werden. Sie hat ein sehr leichtes goldnes Gehäuse von achtzehn bis neunzehn Linien im Durchmesser, die Rückseite ist azurfarbig emaillirt und bildet eine Art Sonne mit zahlreichen Strahlen. Das Zifferblatt, mit arabischen Zahlen, führt den Namen des Uhrmachers: Cronier, und den des Orts der Fabrikation: Paris. Die Emaille ist am Schlüsselloch sehr ausgesprengt. Der Zeiger steht auf drei Uhr weniger drei Minuten, und man glaubt, daß sie seit Vergniaud Niemand wieder aufgezogen habe. Das Ganze umschloß ein Doppelglasgehäuse, an dem aber nur ein Glas sich erhalten hat.
Ich besitze diese Uhr als ein Vermächtniß der Freundschaft, und würde sie nicht für jene prachtvolle hingeben, welche Harun al Raschid Karl dem Großen schenkte. Madame Legouvé vermachte sie meinem Freunde Jouy, und dieser mir, nur mit dem Unterschiede, daß ich sie schon jetzt von ihm erhielt, und nicht durch das traurige Privilegium des Ueberlebenden. Deshalb habe ich so viel von Vergniaud's Uhr gesprochen, und vielleicht sogar die »Girondisten« vollendet.
. Der Unbekannte, dem dies traurige Pfand vertraut ward, hat sich treu und gewissenhaft bewiesen. Es war das letzte Zeichen einer zärtlichen und keuschen Freundschaft, die niemals verleumdet werden konnte. Vergniaud's Adele zählte nur dreizehn Jahre.

Ehe Vergniaud sich von seiner Uhr trennte, soll er mittelst einer ihm bekannten Vorrichtung den Carneolstein eines der daran hängenden Petschafte entfernt und aus diesem geheimen Behältnisse die Reste eines feinen Giftes genommen, das er dort für eine ähnliche Gelegenheit aufbewahrte, und sie auf den Tisch geschüttet haben, an welchem seine Gefährten schrieben, indem er sprach: »Freunde, das war die letzte Zuflucht, welche ich mir gegen die Tyrannen meines unglücklichen Vaterlandes aufgespart hatte, als ich anfing, ihren Triumph vorauszusehn. Doch nur für mich berechnet und von der Zeit vielleicht schon geschwächt, würde es für uns Vier nicht ausreichen. So müde ich daher der Reise bin, muß ich doch wol mit euch bis ins Wirthshaus gehen, weil unterwegs keine gemeinschaftliche Herberge für uns zu finden ist.«

Lacaze umarmte Vergniaud und drückte ihn ans Herz. Fonfrede that einige Schritte hin und her, trat dann zum Tische und schob das Gift heftig zur Seite. »Das blutige Schauspiel, welches sich vorbereitet,« entgegnete er, »ist der wesentlichste Act unsres politischen Lebens und die Moral desselben für die Geschichte. Wir müssen vor den Augen des Volkes sterben, und ich bedaure es, wegen Valazé's Ruhm, daß er eine obscure Figurantenrolle noch vor Entwicklung einer so schönen Tragödie übernahm.«

Ducos legte sich nieder und schlief, den Refrain seiner Favoritarie trillernd, beinahe auf der Stelle ein. Bald nachher saß Vergniaud allein, die Augen zur Decke emporgerichtet, die Arme auf der Brust gekreuzt. Unfähig, einer erschöpften Idee noch nachzuhängen, gab er sich seiner natürlichen Trägheit hin und ließ den Kopf mit der gewöhnlichen Sorglosigkeit auf der Lehne seines Stuhles ruhen.

*

Endlich kam der verhängnißvolle und glorreiche Augenblick, der alle Verurtheilte zum letzten Male versammeln sollte. Das Lächeln des letzten brüderlichen Scheidens war noch nicht erloschen, und sie begrüßten einander so heiter, daß es das Ansehn hatte, als gingen sie einem Feste entgegen. Brissot, immer träumend und niedergeschlagen, war an diesem Tage minder ernst, als gewöhnlich; Sillery war gesprächiger und minder ceremoniös, Vergniaud minder zerstreut, oder hing wenigstens heitern Gedanken nach; Ducos rieb sich die Augen und sang noch immer. Le Hardy sprach mit seinem ironischen Kopfschütteln: »Die Sache däucht mir eine große klinische Lection in articulo mortis.« Viger musterte mit drohenden Blicken die Soldaten; Duperret maß ihren Anführer mit verächtlicher Miene. Fauchet wanderte unter seinen Freunden umher und richtete kurze, aber zärtliche Worte an sie, welche, je nach der Person, die Form eines guten Rathes, der Ermuthigung und des Glückwunsches annahmen, und grüßte dann Alle mit so feierlicher und frommer Miene, als habe er ihnen im Herzen eine allgemeine Absolution ertheilt. Boyer-Fonfrede eilte, sich zu seinem Adoptivbruder zu gesellen, um sich im Tode nicht von ihm zu trennen. Der alte Morand küßte die Hände seines armen Herrn, während man sie band, und alle Welt bedauerte diesen weinenden Greis, der nicht mit sterben sollte. Gensonné suchte unter den Kerkermeistern nach Pierre Romond, erkannte ihn an den rothgeweinten Augen und lächelte ihm zu. »Meine Herrn,« hob er an, »mit Stolz seh' ich die Deputation der Gironde an ihrem Posten; ich schlage Ihnen vor, zu erklären, daß sie sich um's Vaterland verdient gemacht hat.«

»Dieselbe Ehre fordere ich für die Deputation der Rhonemündungen,« sprach Mainvielle; »ich bürge für Barbaroux, daß er seiner Pflicht nicht untreu wird.«

»Und ich verlange sie für ganz Frankreich,« rief Viger, »das sehr passend hier vertreten ist, die Commune Paris nicht ausgenommen.«

»Den Repräsentanten der letztern kann ich doch nicht finden,« meinte Ducos.

»Da ist er ja,« versetzte Viger und wies auf den Scharfrichter.

Während dieser Reden nahm einer der Verurtheilten nach dem andern den hölzernen Sessel ein und unterwarf sich den schreckenden Vorbereitungen zur Hinrichtung mit einer Ruhe, als handle es sich nur um seine Morgentoilette. Als Duchâtel an die Reihe kam und sein schönes langes Haar den Knechten Samsons preisgab, ließ eine unsichtbare Hand einen Strauß Immortellen zu seinen Füßen niederfallen, der mit einem himmelblauen, schwarzgeränderten Bande gebunden war. Ein Papier sah daraus hervor.

»Noch eine Conspiration!« rief der anwesende Justizbeamte, bemächtigte sich des Billets und versuchte es zu lesen. Der Secretair kam ihm zu Hilfe und las:

 

»Für Herrn Duchâtel.

Mein Herz theilte Ihre Liebe, theurer Duchâtel, und doch hab' ich sie nicht erwidert, weil auf Erden keine Annäherung für uns möglich war. – Heute unterliegen Sie Ihrem Urtheile, und ich werde angeklagt. Sie gehen mir nur wenige Tage im Hochzeitbett voran. Erwarten Sie mich, mein Freund. Mein Herz und meine Hand gehören Ihnen in Ewigkeit.

Cäcilie.«

 

»O Wonne!« rief Duchâtel, »o Tag, der mein Herz mit mehr Seligkeit erfüllt, als ich es fähig hielt, zu umfassen!« – und zum Scharfrichter sich kehrend, setzte er hinzu: »steckt mir den Strauß und das Band an, ich bin der Bräutigam!«

»Nichts für ungut, glücklicher Freund,« fiel ihm Mainvielle ins Wort; »Sie waren in jeder Hinsicht eines Vorzugs würdig, der mir ewigen Kummer auferlegt, den ich aber nie mißbilligen werde. Beweisen Sie sich aber großmüthig und wählen Sie mich zum Hochzeitbitter. Sie sollen sehen, daß ich mich auf Festlichkeiten verstehe.«

Mainvielle würde eine unerschöpfliche Quelle seines lärmenden Scherzes, auf den Duchâtel nicht hörte, in der grotesken Zusammenstellung dieser Ideen gefunden haben, und wollte seinem Muthwillen eben mit verdoppelter Thorheit den Zügel schießen lassen, als die erste Thür der Conciergerie sich öffnete, um den Zug passiren zu lassen. Gleichzeitig bemerkte man Bewegung im Innern und vernahm von daher einen Schrei.

»Hat nichts zu bedeuten,« sagte der Abgeordnete des Tribunals, »es ist keine Revolte; es stirbt nur ein Weib.«

Im Hofe wurden die zwanzig Verurtheilten auf einen langen Leiterwagen gepackt, dem beim Abfahren ein anderer, nur mit einem Pferde bespannter, folgte, auf den Valazé's Leichnam geworfen worden war. Unzureichend bedeckte denselben ein grobes Linnen, unter dem ein bleicher Arm und eine blutige Hand hervorsahen.

»Es lebe der Berg!« rief das Volk.

»Es lebe die Republik!« antworteten die Girondisten.

Nie kündigte sich ein trüber, regnerischer Herbsttag düsterer an, als der 31. October. Kein dichterer Nebel verschleierte je die Sonne; kein feinerer, eindringlicherer Regen war mehr geeignet, Neugierige zurückzuschrecken, die gewöhnlich von allen Seiten dem pikanten Schauspiele eines öffentlichen Mordes zuströmen, vollbracht von einem priviligirten Würger, der unter dem Schutz des Gesetzes heimgeht, sich die Hände wäscht und mit seiner Frau frühstückt. Dennoch war der Zusammenlauf ungeheuer und größer, als früher bei irgend einer ähnlichen Gelegenheit. Die dichte Masse, wogend wie das bewegte Meer, schien von mannichfachen Leidenschaften und Gefühlen erregt, unter denen ohne Zweifel Staunen und Schreck vorwalteten. In Zwischenräumen ließ sich entsetzliches Geschrei hören, ähnlich dem Brüllen des Donners während eines Sturms, auf das die Verurtheilten mit wiederholtem: »Es lebe die Republik!« oder: »Es lebe Frankreich!« antworteten, welchen Ruf Le Hardy's Kraftstimme nicht verhallen ließ.

»Es lebe die Republik!« wiederholte Gensonné persiflirend, »die ihr nicht habt und nie haben werdet.«

»Unterwerft euch dem Gesetze und vergeßt nicht Frankreich, eure Mutter,« sagte Fonfrede.

»Wie viel Bayonnette wären nöthig, diese blutgierige Canaille zu verjagen!« murrte der kühne Viger.

»Nehmt doch die Kinder in Acht, daß sie nicht zu Schaden kommen!« rief Fouchet.

Zuweilen ließen auch Alle im Chor jene schönen Verse Rouget's von Lille vernehmen, dem man ein poetisches Vorhersehn des Schicksals der Girondisten zutrauen könnte.

Auf, auf! es ruft das Vaterland,
Es brach der Tag des Ruhmes an!
Das blut'ge Banner in der Hand,
Tritt drohend Tyrannei heran.

Endlich hielt der Wagen, und die Menge schwieg einen Augenblick, um ungestört ihre Augen zu weiden, denn es begaben sich Dinge, die ihre Aufmerksamkeit zu fesseln vermochten. Valazé's Leichnam ward von dem Karren genommen, der ihn hergebracht, um auf eine Bahre gelegt zu werden, die auf dem Schaffotte stand. Einer von denen, die ihn hinauftrugen, trat fehl, und der seiner Hand entgleitende Körper rollte die Stufen hinab bis auf's Straßenpflaster. Gleichzeitig überzeugten sich andere Gehilfen des Henkers von der Zuverlässigkeit der Guillotine, während ihr daneben stehender Meister unter seinem grünen Regenschirme den zur Hälfte von einer großen dreifarbigen Cocarde bedeckten Hut auf dem Kopfe mit Wort und Geberde bei den letzten Anordnungen des schauerlichen Auftrittes präsidirte.

Eine lärmende Unruhe, dem gierigen Murren wilder Bestien vergleichbar, denen ihr Fraß vorgeworfen wird, wogte jetzt auf dem ungeduldigen Menschenmeere, das die Hinrichtung erwartete. Ein Greis (Sillery) bestieg ohne Unterstützung das Schaffot mit einer Leichtigkeit, die sein Alter und seine Kränklichkeit nicht erwarten ließ. Lächelnd grüßte er rechts und links die unzählige Menge. Oben angelangt, grüßte er abermals und rief: »Es lebe die Republik!« dann warf er sich unter das Beil, und der Tod hinderte ihn, seinen Ruf nochmals zu vollenden. Seine Freunde ergänzten ihn. »Es lebe die Republik!« jubelten sie, sich enthusiastisch von ihren Sitzen erhebend. »Es lebe die Republik!« wiederholte das Volk und klatschte in die Hände.

Duprat's Stimme war noch nicht verhallt, als eine Erinnerung an die Ereignisse des letzten Abends Mainvielle's Phantasie erheiterte. – »Schweig',« rief er ihm zu, »der Lärm ist zu groß; Sillery schläft!«

»Weshalb wäre das Lager nicht so gut, wie ein andres,« entgegnete Duprat, »wenn es ein Kopfkissen hätte?«

»Da thust du doch offenbar die albernste Frage in deinem Leben,« lachte Mainvielle zurück, »was soll einem Kopflosen ein Kopfkissen?«

Rasch folgten sich die Verurtheilten auf dem blutigen Brete, ohne daß ihre heitere Ruhe sich im mindesten getrübt zeigte; nur Carra schien düsterern Betrachtungen nachzuhängen, als gewöhnlich.

Boyer-Fonfrede und Ducos saßen neben einander; als man sie trennte, gaben sie sich den Abschiedskuß. »Mein Bruder,« sprach Fonfrede, »ich habe dich zum Tode geführt! ...«

»Beklage mich nicht,« versetzte der Andere lebhaft, »tröste dich; sterben wir nicht zusammen?«

Jeder Hinrichtung folgte derselbe Ruf, wie der Sillery's, von den Unglücksgefährten auf dem Wagen wie von einem Echo wiederholt, und pflanzte sich dann über den ganzen Platz fort. Aber matter und matter wurde er mit der Verminderung der Gruppe der Märtyrer, und verhallte endlich ganz in dem Augenblicke, wo mit Brissot Ueber den Ersten der Girondisten, welcher hingerichtet wurde, ist kein Zweifel; es war Sillery. Die Mehrzahl der von mir befragten Augenzeugen nennen Fauchet als den Zweiten. Wegen der Uebrigen läßt sich nichts Bestimmtes sagen, den Letzten ausgenommen, wiewol auch hier nicht alle Nachrichten übereinstimmen. Nach dem Ceremoniell eines Justizmordes wird der schlimmste Verbrecher zuletzt hingerichtet, und diese Ehre gebührte Brissot, den die Anklageacte das Haupt der angeblichen Verschwörung der Föderalisten nannte. Indeß wollen sich einige Zeitgenossen erinnern, Viger habe das Blutbad geschlossen, der mit dem Föderalismus nichts gemein und sich in der Nationalversammlung kaum hatte sehen lassen. Uebrigens ist diese Einzelnheit nicht sehr von Gewicht für die Geschichte, die nur zu viel damit zu thun haben wird, unsre Todten zu zählen, um noch die Reihenfolge zu beachten, in der ihr Schicksal sie ereilte. die Republik auf den Leichenwagen sank.

Um elf Uhr fing das Blutbad an, und dreißig Minuten nachher standen einundzwanzig Richter des Königs von Frankreich vor ihrem ewigen Richter.

Ende.

 

Anmerkungen als Fußnoten eingearbeitet, joe_ebc.

 

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