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Das letzte Bankett der Girondisten

Charles Nodier: Das letzte Bankett der Girondisten - Kapitel 1
Quellenangabe
authorCharles Nodier
titleDas letzte Bankett der Girondisten
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180808
projectid3db2eafd
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An die Leser

Die Form dieses Werkchens ist so alltäglich geworden, und es würde mir so übel anstehn, mit den Talenten zu wetteifern, die sie angewendet haben, daß es mein erstes Verlangen ist, diese Ungeschicklichkeit und Anmaßung von mir abzulehnen.

Meinen Freunden ist bekannt, daß die » Girondisten« seit mehr wie sechs Jahren fertig sind, und die Leseprobe vor ihnen bestanden haben, ehe Jemand auf diese etwas ungesetzliche Vereinigung des Drama und der Geschichte verfiel. Ich werde zuverlässig nicht zu beweisen suchen, daß sie in künstlerischer Bedeutung von Werth sei; mir ist nur daran gelegen, mich gegen den Vorwurf eines Plagiats zu verwahren, und im Uebrigen lege ich der Sache keine größere Wichtigkeit bei, als sie verdient. Ich bin jedoch nicht abgeneigt, zu glauben, daß eine Arbeit dieser Art eben so gut sei, wie eine andere, wenn sie von Ungefähr gut wäre. Das ist eine Hypothese, bei der ich völlig unparteiisch bin.

Wie Allewelt kam ich also auf die Idee, daß die lebendigste und ergreifendste Manier, historische Personen darzustellen, die wäre, sie bei einem feierlichen Momente ihres Lebens auftreten und die Sprache reden zu lassen, welche ihnen auf uns gekommene Traditionen in den Mund legen. Diese Zusammenstellung war schon damals nicht neu, wo ich sie zu erfinden meinte, und keine klassische Schule hat viel Aufhebens von den Mustern gemacht, denen ich unbewußter Weise folgte. Für Thatsachen sind es Journalartikel oder die Relation des Almanach; für Reden ist es die Copie und für den Dialog das ento.

Eine glänzende Erzählung von Herrn Bailleul, die ich im fünfundzwanzigsten Jahre auf der Durchreise in Amiens mir angeeignet hatte, reifte seitdem langsam eine Idee, mit der ich längst vertraut war. Ich sah im Geiste ich weiß nicht mehr welche lebendige und große Scene, die ich mir schmeichelte, eines Tages schildern zu können, wenn den unabhängigen Schriftstellern die publicistische Freiheit wieder ertheilt sein würde. Im fünfundzwanzigsten Jahre glaubt man an Alles, was man hofft, und hofft Alles, was man wünscht.

Meiner Ansicht nach gab es in der ganzen Geschichte der Vergangenheit nichts Herrlicheres, als jenes Bankett der Märtyrer der Freiheit, die unter sich plauderten von ihrer theuren Republik, von ihrer Größe und ihrem Sturze, von dem vermutlichen Geschick eines Barbaren Preis gegebenen und zweifelsohne der Tyrannei vorbehaltenen Landes; von den vorübergehenden Rollen, welche sie auf dem großen Theater der Revolution spielten, und die nun einem tragischen Ende auf dem Schaffot entgegengehn, allein durch die Annäherung eines eclatanten Todes über alle Begriffe erhaben wurden: die ferner von einem ernstlichen und sublimen Insichgehen, zu Betrachtungen über das Wesen ihrer Seele selbst bewogen, jene glorreiche Nacht bei Gesprächen über die Unsterblichkeit vollbrachten, und dabei eben so viel geistige Freiheit behaupteten, wie sie im Schatten eines Säulenganges oder in den Laubgängen der Akademie gethan haben würden.

Man bedenke, daß die Elite des Menschengeschlechts hier in einen Saale der Conciergerie repräsentirt wurde; der Adlige und der Plebejer, der Prälat und der Krieger, der Dichter und der Tribun, der von seinen Hoffnungen eingenommene Spiritualist und der Ungläubige, vom eignen Wissen Betrogene, und alle diese, fröhlich wie an einem festlichen Abend, sollten morgen sterben. Für sie gab es keine Appellation, keine Gnade; sie hatten keinen Kampf zu bestehn, konnten von keinem Siege träumen; ihrer harrte nur Guillotine und Henker.

Dieses Gedicht von den Thermopylen der Freiheit, – Sie erfassen es besser als ich; dieses war es, womit ich mich beschäftigte, als ich noch Arbeit, Ausdauer und Leben aufzuwenden hatte. Ernsthaft darüber nachdenkend, verzichtete ich darauf mit dem bittern Gefühl, welches Dädalus empfinden mußte, als er seine wächsernen Flügel an der Sonne schmelzen sah. Ich begriff, daß es einen Plato erwartet, der mit dem satyrischen Geiste des Aristophanes an ein Gemälde aus des Aeschylus Schule ginge. In der That glaub' ich noch, daß nie weniger nöthig wäre, und der Himmel ist mein Zeuge, das ist es nicht, was ich dem Publikum hier anbiete, wie man in Vorreden sagt, sondern ein Stoff für den ersten Besten, welcher ihn zu würdigen und zu behandeln wissen wird, wie ich es im Stande zu sein glaubte, als ich noch eine Zukunft besaß; ein Stoff, bewundernswürdig aufzufassen, erhaben auszuarbeiten, der zehntausend Meilen über den Bereich meines kühnsten Strebens hinausliegt, der ich nur noch zehn Schritte auf der Erde zu wandeln habe.

»Greis,« werden die Journale sagen, welche dieses ehrwürdigen Titels Verantwortlichkeit meinem funfzigsten Jahre aufbürden, »was kann dich denn bewegen, der Kritik einen Entwurf Preis zu geben, dessen Unvollkommenheit dir so wohl bekannt ist?«

Ach, meine Herren, es geschieht, weil er mich ziemlich lange und schwierige Studien, anstrengende Nachtwachen gekostet hat, und die Studien und Nachtwachen meiner jungen Jahre das einzige Glück meines Alters geworden sind. Produciren ist für mich kein instinctartiges Gebot, aber ein Gebot der Nothwendigkeit, ein natürliches und ehrenvolles, das der Annehmlichkeit so lange nicht entbehrt, als man noch Kraft hat, ihm zu genügen; denn wer über die Nothwendigkeit zu arbeiten klagt, ist kaum des Lebens würdig. Diese mit Liebe verfolgten, gewissenhaft betriebenen, mit Ueberzeugung erweiterten Studien, obgleich matt, kalt und todt, gewähren doch vielleicht dem Zeichner eine Zierrath, dem Coloristen einen Effect, eine Inspiration dem Maler oder Dichter. Mein Verleger meinte das, und ich wünschte sehnlich, daß er sich nicht täuschte, weil mir nichts den Gedanken rauben würde, dieses Werk werde schön sein, wenn es ein Anderer ausgeführt haben wird.

Es sei mir erlaubt, die Wichtigkeit hier zu erklären, welche ich meinen Materialien beilege, indem ich gleichwol ihren wahren Werth auf seinen einfachsten Ausdruck reducire. Ich werde dabei nicht lange verweilen.

Die Girondisten waren die großen historischen Figuren meiner Jugend, die Helden der ersten Tragödie, welche meine Blicke auf sich zog, das Orakel meiner Rhetorik. Ich schuldete ihnen die ersten Gemüthsbewegungen, die ersten Rührungen, welche in meinem Kinderherzen sich regten, Sympathie, Bewunderung, Enthusiasmus; ich sättigte mich mit ihren Worten und Schriften, ich las sie, und wieder las ich sie; ich lernte sie auswendig. Nach und nach identificirte ich mich mit den geheimsten und verborgensten Partien ihres Lebens; ich gewöhnte mich daran, im Gedanken unter ihnen zu weilen, sie in der Ruhe der Einsamkeit zu beobachten, während der Hitze der Debatten zu hören. Zuletzt fand ich mich manchmal vertrauter mit ihrem inneren Leben, als das Gedächtniß ihrer eigenen Kinder, von denen mehrere meine Freunde wurden. Was die Form ihres Styles, die Physiognomie ihrer Sprache, den so imposanten und mannichfaltigen Charakter ihrer rednerischen Gaben anlangt, so waren das Dinge, deren würdige Nachahmung schwierig ist, allein Personen von Gewicht, die sie gut kannten, sprechen mir das Verdienst zu, wahr wie ein Wiederabdruck und treu wie eine Schulübersetzung zu sein. Meine Bestrebungen scheinen in dieser Beziehung nicht ganz fruchtlos gewesen zu sein, da eine meiner Nachahmungen Vergniaud's, die ich sehr deutlich für nichts Anderes gegeben zu haben glaubte, in seine Werke aufgenommen worden ist.

Leicht einzusehen ist es jedoch, daß auf diese beschränkte Skizze, wo der Mensch nur einen Augenblick auftritt, nothwendig die gezwungene Zusammendrängung des Stoffes einwirken mußte. Man bringt nicht zwanzig Personen in einen Akt, ohne genöthigt zu sein, sie mit hervorstechenden Zügen zu bezeichnen, die mehr Bürde sind als Portrait. Es würde aber die Absicht der geringfügigsten Composition verfehlen heißen, wollte man sich vor einem Umstande scheuen, der eine Person charakterisirt, sobald das ganze Drama durch diese Einzelheit gewinnt. Ich habe daher meine Ansichten und Erinnerungen zusammengedrängt und verdichtet, weil die Grenzen der Handlung mir nicht erlaubten, sie auszudehnen und zu entwickeln. Vergniaud, der so viel Geschmack besaß, drückte sich anders wie in poetischen Apophthegmen aus; er war einfach und oft naiv beim vertrauten Gespräch. Fauchet kam nur ruckweis zur biblischen Sprache zurück; er hatte, ach! eine andre geredet. Allein der Mann, den ich zu schildern versuchte, war nicht der nach seinem Gesammtleben betrachtete; es war das zum Tode verurtheilte Mitglied des Nationalconvents, dessen Samson an der Pforte harrt. Der Biograph umfaßt Alles, der Geschichtschreiber des letzten Tages sieht nur das Ende. Ersterer kann nichts vernachlässigen, der Andere beschränkt sich auf das Studium der Krisis und die Schilderung des Todeskampfes.

Es liegt überdies in einer so erhabenen Scene, wie diese, etwas Episches und Theatralisches, das jeden menschlichen Organismus aus seiner normalen Fassung bringt. Hier ist es, wenn ich mir eine richtige Vorstellung davon mache, wo mit Federkraft die unbedeutendsten Reliefs des Charakters wieder hervortreten und seine geringsten Lineamente sich in kräftigen Strichen zeigen müssen. Wenn die Seele nahe daran ist, sich ihrer letzten Windeln zu entledigen, macht sie keine Umstände, sich nackend zu zeigen. War die letzte Nacht der Girondisten nicht so, wie ich sie auffaßte, muß sie ihr ungemein geglichen haben.

Sie glich ihr mindestens in allen mir bekannt gewordenen Details, in allen denen, welche die Geschichte nicht erfinden darf, und die ich sorgfältig aus den zuverlässigsten Quellen schöpfte. Es genügt, sich zuweilen mit literarischen Ausarbeitungen beschäftigt zu haben, wie es Allewelt gethan hat, um völlig zu begreifen, daß, wenn ich meine Episoden erfunden hätte, ich sie anders erfunden haben würde. Es wird mir gewiß hinlängliche Kenntniß der gewöhnlichsten Gesetze des Romans oder der Novelle zugestanden werden, um z. B. die Voraussetzung zu beseitigen, ich habe dicht hinter einander zwei, durch ihre Hingebung sich so ähnliche Nebenpersonen, wie den Bedienten Duprat's und den Schweizer Gensonné's, auf die Scene gebracht, ohne diesen Fehler aus Treue gegen mein System zu begehen. Es wäre das an einem erdichteten Werke ein schweres Gebrechen, ich würde mich aber sehr wundern, wenn es künftig oft an geschichtlichen getroffen würde. Die Menechmen der Tugend setzen unsere Phrenologen nicht in Verlegenheit. Großmüthige Seelen findet man nicht alle Tage paarweise.

Noch muß ich mich rechtfertigen, drei Männer zum Bankett der Girondisten geladen zu haben, welche die Erfahrung von der Republik abwendig machte, und deren versöhnende Rückkehr zu den alten socialen Doctrinen unsre in dieser Hinsicht sehr oberflächlichen Geschichtschreiber vor mir nicht darzuthun beliebten. In den am Ende dieses Bändchens befindlichen Anmerkungen werd' ich die Quellen anführen, auf die ich mich wegen Fauchet und Duchâtel stütze; Le Hardy erspart mir den Beweis, daß er Royalist war. Er hat es ausgesprochen. – Ich würde mich wohl hüten, eine ausgemachte, so wesentliche Wahrheit, absichtlich und der Opposition wegen, in einem Buche zu opfern, das am Ende nur zur Nachweisung geschrieben ist.

Das wären denn Seiten genug wegen einiger andern, die kaum gelesen zu werden verdienen, und die nur zu einer neuen Bearbeitung brauchbar sind, was ich soeben ausdrücklich wiederholte. Einen trefflichen Beweggrund hab' ich aber, eines meiner noch nicht publicirten Werke zu vertheidigen, den nämlich, daß ich mich beeile, es an dem Tage zu vergessen, wo es erscheint, wodurch ich während meines ganzen literarischen Lebens dem Publikum um vierundzwanzig Stunden vorausgeblieben bin.

Ch. N.

 

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