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Das letzte Abenteuer

Frédéric Boutet: Das letzte Abenteuer - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorFrédéric Boutet
titleDas letzte Abenteuer
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1927
firstpub1926
translatorHanns Heinz Ewers und Maria Ewers aus'm Werth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160102
projectidf420debe
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Die Dame in Grün

Es ist unmöglich, festzustellen, zu welcher Zeit Lucie Dargel zuerst die Bekanntschaft der »Dame in Grün« machte, die eine solche Rolle in ihrem Leben spielte. Als ganz kleines Mädchen erzählte sie schon der Mutter von ihr, die absolut nicht verstand, was ihr Töchterchen meinte.

»Wie drollig diese Kleine ist,« sagte Frau Dargel, die Witwe war und ihr einziges Kind abgöttisch liebte; »sie hat eine so merkwürdige Einbildungskraft ... Sie werden es kaum glauben, daß sie ihre Zeit damit verbringt, mit einer Person zu plaudern, die sie die ›Dame in Grün‹ nennt und die außer ihr kein Mensch sieht ... natürlich, weil sie nur in ihrer Phantasie lebt ... Sie sagt ihr guten Tag und auf Wiedersehen, frägt, wie es ihr geht und erzählt ihr ihre kleinen Erlebnisse, wie einer wirklich lebenden Person ... Es ist geradezu unsinnig, eine so lebhafte Phantasie zu haben! Dieses Kind ist zu intelligent, zu nervös ... ich muß durchaus mit dem Arzte darüber sprechen ...«

Aber der Arzt, den sie konsultierte, war zwar ein ganz tüchtiger Mann, der sich leidlich auf körperliche Krankheiten verstand, aber von geistigen Störungen auch nicht das geringste wußte und der grünen Dame der kleinen Lucie nicht die mindeste Bedeutung beilegte. Er sagte, daß einzige Kinder, die keine Geschwister haben, und sich zu viel selbst überlassen sind, sich oft solche eingebildete Kameraden schaffen. Er erklärte, daß das kleine Mädchen, das er von seiner Geburt an kannte, eine bewunderungswürdige Gesundheit habe, was auch wahr war. Um Frau Dargel Genüge zu tun, verschrieb er Lucie ein kleines Beruhigungsmittel und versicherte, daß ihre Einbildungen mit dem raschen Wachstum der Kleinen zusammenhingen und sehr rasch vorübergehen würden.

Es ging jedoch nicht vorüber, aber Lucie lernte bald die Gegenwart der Dame in Grün zu verhehlen. Als sie bemerkte, daß ihre Mutter und ihre kleinen Schulkameradinnen sie verblüfft anschauten, wenn sie von der Dame in Grün sprach, die nur sie sah und die die anderen nicht sahen, hörte sie auf, diese von der geheimnisvollen und unsichtbaren Person zu unterhalten. Sie erbat keinerlei Erklärungen und gab auch selbst keine; aber es ist ganz gewiß, daß sie nach wie vor häufig mit der Dame in Grün verkehrte, denn ihre Mutter fand sie oft, wie sie mit völlig ruhigem Gesichtsausdruck, mit halblauter Stimme, aber ganz vernünftig plauderte – sich mit dem Nichts, der Leere vor ihr, zu unterhalten schien.

Die Dame in Grün begleitete Lucie durch ihre ganze Schulzeit, und als sie erwachsen war und von ihrer Mutter in die Welt eingeführt wurde, fand sie auch dort die geheimnisvolle Gefährtin wieder. Lucie hatte sich zu einem ungewöhnlich hübschen Mädchen entwickelt, sie war ziemlich schüchtern, sanft, sehr intelligent, ernst und taktvoll. Die Dame in Grün war ihre einzige Absonderlichkeit, sie sprach nicht mehr von ihrem Erscheinen, aber sie verbarg es auch nicht. Wenn sie irgendwo auf Besuch war, oder auch wenn sie spazieren ging, sah man sie plötzlich sich mit leisem Senken des Hauptes nach einem leeren Stuhle oder einem verlassenen Winkel hin graziös verneigen, während ihre Lippen halblaute höfliche Begrüßungsformeln murmelten. Ihre Freunde und Bekannten waren schon so daran gewöhnt, daß sie sich nicht mehr darüber wunderten. Wenn ein Fernstehender es bemerkte und sie erstaunt nach dem Grunde eines so seltsamen Wesens frug, lächelte sie meistens, ohne eine Antwort zu geben, manchmal aber sagte sie sehr ruhig:

»Mit wem ich rede? Nun natürlich mit der Dame in Grün! Da ist sie ja, natürlich.«

Viele Leute glaubten, daß dies eine Art von Pose sei, daß Lucie gern für etwas Besonderes gehalten zu werden wünschte; aber die intimen Freundinnen des jungen Mädchens beunruhigten sich schon längst nicht mehr deshalb; auch ihre Mutter nahm keine Notiz von solch seltsamem Gebaren, und trotz der Dame in Grün erschien Lucie körperlich und geistig vollkommen frisch und gesund.

Als sie ungefähr zwanzig Jahre alt war, verheiratete sich Lucie. Sie liebte ihren Gatten auf das zärtlichste; er war ein junger ehrgeiziger Advokat, dessen Zeit ganz von seinem Berufe in Anspruch genommen war. Er betete Lucie an, und da Frau Dargel, als er seinen Antrag machte, sich verpflichtet glaubte, ihn auf das, was sie eine kleine Originalität ihrer Tochter nannte, aufmerksam zu machen und ihm von der unsichtbaren Gefährtin sprach, die diese von ihrer frühesten Kindheit an immer um sich sah, da lachte er herzlich darüber. Lucie war so wunderhübsch, so liebenswürdig und vernünftig, daß diese kleine Absonderlichkeit ihm beinahe wie ein Reiz mehr erschien.

»Nun,« so meinte er lustig, »dann hat sie eine Freundin, die wenigstens nicht so schwatzhaft und oberflächlich ist, wie all die kleinen Papagei-Weibchen, mit denen sie verkehrt. Übrigens werden Sie sehen, wie rasch sie diesen Unsinn vergißt.«

Und in der Tat schien Lucie in den ersten Monaten ihrer Ehe – während der Hochzeitsreise nach Ägypten und der darauffolgenden fröhlichen Zeit, in der sie von der Einrichtung des neuen Heims und den ersten gemeinschaftlich besuchten Gesellschaften ganz in Anspruch genommen war – die Dame in Grün vollständig vergessen zu haben. Nur nach der Zeremonie der Trauung war sie ihr zweifellos erschienen. Denn als die Hochzeitsgäste bei der sogenannten Gratulationscour bei dem jungen Paare vorüberdefilierten, bemerkten sie, wie die Braut plötzlich die Hand ins Leere ausstreckte und mit einigen liebenswürdigen Worten für Glückwünsche dankte, die kein lebendes Wesen ausgesprochen hatte.

Aber im folgenden Winter kehrte die Dame in Grün zurück. Lucie war traurig, weil ihr Mann, dessen Zeit ganz von politischen Angelegenheiten und einem wilden Wahlkampfe beansprucht war, sie gegen seinen Willen ein wenig vernachlässigte. Es war an einem ihrer Empfangstage, als sie mit einer leichten Bewegung des Erstaunens einer Person entgegenging, die niemand sah. Sie rückte ihr einen Stuhl hin, unterhielt sich halblaut mit ihr und setzte ihr eine Tasse Tee auf ein Tischchen. Ihre Mutter war die einzige unter allen Anwesenden, die dieses überraschende Benehmen bemerkte, aber sie war an derartiges so gewöhnt, daß sie sich nicht darüber wunderte.

Von da an kam die Dame in Grün sehr oft wieder. Lucie sprach häufig mit ihr, jedoch mit so leiser Stimme, daß man nicht verstand, was sie sagte; aber wenn die rätselhafte Erscheinung der jungen Frau anfangs Vergnügen gemacht zu haben schien, so änderte sich dies doch sehr bald, indem sie vielmehr ein peinliches Gefühl in Lucie auslöste. Es schien, als ob die nur ihr sichtbare Gestalt der Dame in Grün sie ermüdete und einen unbestimmten Verdacht in ihr erweckte. Sie wurde unglücklich und reizbar wie eine Frau, die von einem unbestimmten Kummer gequält wird. Obgleich ihr Mann sie noch ebenso zärtlich liebte wie am ersten Tage ihrer Ehe, so war er doch in dieser Zeit so mit geschäftlichen Dingen überhäuft, daß er sie ziemlich viel sich selbst überlassen mußte. Es steht außerdem zweifellos fest, daß die Dame in Grün sich, selbst wenn die beiden jungen Leute allein miteinander waren, einzudrängen wußte; Lucie wurde dann plötzlich ohne jeden Grund unruhig und ungeduldig, und murmelte:

»Was, da ist sie schon wieder! Sie könnte uns doch wohl ein wenig allein lassen, ich habe ihn nicht zuviel bei mir ...«

Eines Tages aber fügte sie, ihren Mann scharf ansehend, noch hinzu:

»Freilich, wenn es dir Vergnügen macht? ...«

Er antwortete nicht darauf. Er dachte an die Leitung einer Gruppe des Parlaments, zu deren Partei er gehörte.

Zwei Tage später trat Lucie bleich und mit rotgeweinten Augen vor ihren Gatten und sagte barsch:

»Du findest sie hübscher wie mich, nicht wahr?«

»Wen denn?« fragte er erstaunt.

»Oh! Ich bitte dich,« murmelte die junge Frau bitter, »verstelle dich doch nicht; ich weiß ganz genau, was ich davon zu halten habe!« ...

Sie fügte kein weiteres Wort hinzu. Er legte ihrer Erregtheit keinen Wert bei, glaubte an einen vorübergehenden Anfall von Nervosität oder daß irgendeiner aus der Verwandtschaft ihn verdächtigt und ihre Eifersucht erregt habe. Da er, wie alle Männer dies sind, sehr zufrieden damit war, eine, wenn auch völlig ungerechtfertigte Eifersucht erregt zu haben, zu gleicher Zeit aber auch aufrichtig betrübt darüber war, sie so unglücklich zu sehen, so war er doppelt zärtlich und freundlich mit ihr, versprach ihr, in Zukunft nicht mehr so ausschließlich seinen Geschäften zu leben, sprach von hübschen gemeinschaftlichen Reisen und Vergnügungen. Lucie schien wirklich getröstet zu sein und lächelte ihrem Manne freundlich zu, aber nachdem er sie verlassen hatte, weinte sie verzweifelt, rang die Hände und murmelte:

»Ich liebe ihn zu sehr ... Ich kann das nicht ertragen ... ich kann es nicht ...«

Drei Tage später – die Dame in Grün war, wie es scheint, während dieser Zeit nicht erschienen – kehrte Lucie plötzlich nachmittags nach Hause zurück, nachdem sie vorher mit Bestimmtheit angekündigt hatte, daß sie erst zum Mittagessen wieder da sein würde. Sie eilte zu dem Arbeitszimmer ihres Mannes, in dem sich dieser ganz allein befand, sie stürzte hinein. Dann vernahm man einen verzweifelten Wutschrei und unmittelbar darauf zwei Schüsse.

Man ergriff sie, während sie noch den rauchenden Revolver in der kleinen behandschuhten Hand hielt und während ihr Mann, in einer Blutlache am Boden liegend, die letzten Atemzüge aushauchte.

»Ich habe ihn zu sehr geliebt,« sagte sie einfach, »und er hat mich betrogen. Ich habe ihn soeben mit seiner Geliebten überrascht ... Es ist die Dame in Grün, die dort in dem Winkel steht und mich verhöhnt,« fügte sie hinzu, mit dem Finger nach der leeren Ecke des Arbeitszimmers zeigend.

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