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Das letzte Abenteuer

Frédéric Boutet: Das letzte Abenteuer - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorFrédéric Boutet
titleDas letzte Abenteuer
publisherGeorg Müller Verlag A.-G.
year1927
firstpub1926
translatorHanns Heinz Ewers und Maria Ewers aus'm Werth
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160102
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Gabriele und ihr Faun

Gabrieles Vater war unbekannt – ihre Mutter war Wäscherin. Da diese glaubte, daß ihr Töchterchen eine große Zukunft vor sich habe, Schneiderin in einem Hause der Rue de la Paix, – vielleicht sogar Schülerin des Konservatoriums – so quälte sie sie mit nichts, außer vielleicht mit der gelegentlichen, nicht ernst gemeinten Drohung, daß sie nun bald Klavierspielen lernen müsse. Unterdessen verwöhnte sie die Kleine, so sehr sie konnte und ließ sie tun, was sie nur wollte. Übrigens hatte Gabriele, die man Gaby nannte, eine jener glücklichen, sonnigen Naturen, die aller Welt gefallen und der jeder eine Freude machen möchte. Sie war außerdem ein sehr artiges kleines Mädchen, das seine Kindheit damit verbrachte, entweder in den Straßen zu vagabundieren oder im Arbeitszimmer ihrer Mutter unter dem großen Tisch der Plätterin zu sitzen, um den gesalzenen Unterhaltungen der Arbeiterinnen zu lauschen, die sie zwar nur unvollkommen verstand, aber von denen sie doch mehr begriff, wie man glaubte.

Ihre Mutter schickte sie regelmäßig zur Schule, wohin sie auch ganz gern ging, vorausgesetzt, daß das Wetter nicht allzu schön und verlockend war. Ihre Lehrerin war eine alte, etwas überspannte Dame, die Gabriele vor allen anderen Schülerinnen begünstigte, und zwar so sehr, daß sie sie oft noch nach den Unterrichtsstunden lang bei sich behielt, um sie mit Bonbons zu füttern und ihr lange wunderbare Geschichten zu erzählen. In diesen Erzählungen, in denen die alte Dame sich ganz von der Eingebung des Augenblicks leiten ließ, reihten sich Helden und Ereignisse der Weltgeschichte direkt an Feenmärchen und biblische oder mythologische Legenden an und bildeten ein buntes Durcheinander, in dem sich stets eine Geschichte an die andere schloß, zum Entzücken der kleinen Gabriele, die selbst eine sehr lebhafte Einbildungskraft besaß ... Mit besonderer Vorliebe träumte sie von jenen fabelhaften Wesen, die halb Tiere und halb Menschen, die Helden so seltsamer Abenteuer sind ... Und die kleine Gaby verbrachte nicht wenig Stunden damit, sich in eine Wunderwelt zu versenken, in der sie Königin war, durch Feenpaläste wandelte und die wunderbarsten Liebhaber hatte ...

So lebte sie sehr vergnügt dahin; indessen mußte sie doch schon früh die Erfahrung machen, daß die Wirklichkeit nicht die Schwester des Traumes ist, und ihr praktisches Debüt in der Kenntnis der kleinen Jungfräulein verbotenen Dinge ermangelte jeder Größe.

Es ereignete sich an einem Juliabend und in dem Revier eines verlassenen Gartens, der ganz von Gesträuch und von Unkraut überwuchert war. Gabriele hatte sich dahin zurückgezogen, weil sie nicht gern vor der Essenszeit in die erstickende Atmosphäre der Werkstätte ihrer Mutter zurückkehren wollte. Ein kleiner Taugenichts ihres Alters, der krauses Haar hatte und den sie gut kannte, war ihr dahin gefolgt, indem er es wie sie gemacht und sich durch zwei lose Planken der Umfriedigung des Gartens durchgedrängt hatte. Er stand plötzlich in ziemlich verlegener Haltung vor ihr und mit nichtssagendem Grinsen, aber ohne jede weitere Vorrede frug er, ob sie den zwischen Männern und Frauen bestehenden Unterschied kenne.

»Die Frauen haben langes Haar und keinen Bart,« antwortete Gabriele mit einer Naivität, die nicht ganz echt war.

»Das ist nicht alles,« antwortete der Junge, »den Bart kann man rasieren, aber die Frauen ...« er hielt inne, trotz seiner natürlichen Unverschämtheit.

Er errötete ein wenig, zögerte und fuhr dann entschlossen fort:

»Der Unterschied ist hier,« sagte er mit einer bezeichnenden Gebärde.

»Oh!« sagte Gabriele zurückweichend und erschrocken, obwohl ihre Neugierde sofort erregt wurde. »Das ist nicht wahr,« setzte sie hinzu.

»Doch, es ist wahr,« sagte der Junge, der heiße Ohren hatte und dessen Stimme noch rauher klang wie sonst. »Es ist wahr. Willst du, daß ich es dir zeige? Du mußt mir's dann aber auch zeigen?«

»Du bist ein Schmutzfink,« antwortete Gaby, »und ich werde es meiner Mama sagen.«

Eitle Drohung! Sie sagte unausgesetzt, daß sie davonlaufen wolle, aber sie blieb. Obwohl von verlegenen Pausen und angsterfülltem Zittern unterbrochen, wurde doch die Unterhaltung fortgesetzt ... und sie endete damit, daß Gaby einwilligte, sich von dem Unterschied der Geschlechter zu überzeugen, daß sie sehen und zeigen wollte, vorausgesetzt, daß kein häßliches und anstößiges Wort dabei gesprochen werden dürfe. Die Bedingung wurde angenommen und der Austausch fand statt ... Gaby hob ihr Kleidchen auf ... dann standen sich die Kinder mit rotglühendem Kopfe gegenüber und zwei verlegen blickende Augenpaare schauten einander an.

»Du bist ein ekelhafter Bengel,« schrie Gaby plötzlich, in Weinen ausbrechend.

Und sie lief davon, so rasch sie nur konnte.

*

Die Erinnerung an dieses, ihr erstes Erlebnis, erfüllte Gabriele mit einem Gefühl der Scham, das aber doch mit einer Art von Freude gemischt war. Sie empfand von jenem Augenblick an einen unüberwindlichen Haß gegen den Taugenichts mit dem krausen Haar – und eine ganz besondere Vorliebe für den verlassenen Garten, der Schauplatz ihres ersten Abenteuers gewesen – so wenig ruhmvoll dasselbe auch gewesen war.

Unbebaute Grundstücke und verlassene Gärten verwandeln sich nach einer gewissen Zeit in Miniaturwälder, in denen kleine wilde Tiere leben, die mitten im Tumult der großen Stadt sich eines freien und geschützten Daseins erfreuen. Zwischen Gesträuch und Unkraut sieht man hier und da den braunen oder gelben Boden unter trockenen Blättern. Vögel nisten in den Ästen der Bäume, deren dichtes Laub im Sommer den Bewohnern der umliegenden Häuser den Blick versperrt. In Winternächten heult der Wind durch die entlaubten Äste; die wilden Ratten haben tiefe Löcher in den Boden gewühlt, in denen sie, wenn die Frühlingsregen einsetzen und wie kleine Wasserfälle über die sich mit frischem Grün schmückenden Abhänge rieseln, elend ertrinken.

Gabriele kannte bald alle eingefriedeten Gehege ihres Viertels, in dem es deren ziemlich viele gab. Sie wußte, in welchen die tiefste Stille herrschte und wo ihre Einsamkeit am wenigsten gestört wurde. Sie wußte sich geschickt überall Eingang zu verschaffen, indem sie entweder die Umzäunung überkletterte oder zwei lockere Planken voneinanderzerrte und durch die so entstandene Öffnung schlüpfte. Sie wählte die größten und verwildertsten Plätze und besonders solche, von denen sie wußte, daß die Polizisten des Viertels sie nicht aufzusuchen pflegten. Da lag sie dann an schönen Sommertagen stundenlang im Grase und träumte ihre kindlichen Träume von Glück und Reichtum. Aber in ihre Phantasien mischte sich jetzt ein neues Element, und es war die Erinnerung an den Tunichtgut mit dem Lockenkopf, die viel dazu beitrug, ihren eingebildeten Abenteuern eine andere Wendung zu geben. Die Geschichten der Mythologie, dazu die Lektüre ziemlich übler Romane, deren gefährlichen Reiz sie um diese Zeit kennen lernte, wirkten lebhaft auf ihre leicht erregte Phantasie. So geschah es, daß Gabys Gedanken sich eine eingebildete, unwirkliche Welt schufen, die ihr von so großer Wichtigkeit erschien, daß sie begann, es sich zu Herzen zu nehmen, sich täglich neu davon überzeugen zu müssen, daß das wirkliche Leben ein so vollständig anderes sei. Die Werkstätte ihrer Mutter, mit den gewöhnlichen und schmutzigen Arbeiterinnen, die obszönen Scherze oder die sentimentalen Dummheiten der Straßenbummler und kleinen Angestellten, die unzüchtigen Verfolgungen alter lüsterner Herren in den Straßen, selbst die übertriebene Zärtlichkeit ihrer Mutter, die ihr nichts abzuschlagen vermochte und all ihren Launen nachgab, dies alles widerte sie an.

So erreichte Gaby ihr sechzehntes Jahr. Sie bekam lange Kleider und ihre Mutter fing an, eindringlich mit ihr vom Konservatorium zu sprechen ... Aber sie schüttelte den Kopf und lächelte; sie wollte gern glücklich sein, aber sie wollte sich durchaus keine Mühe darum geben. Sie war immer noch ein verträumtes kleines Mädchen, das seine Freiheit zu sehr liebte, um einzuwilligen, sich in eine Schule zu begeben, in der man sie sicher strenger anfassen würde, wie in der Schule der alten, überspannten Dame, die kürzlich gestorben war. Sie war aber doch oft ein wenig melancholisch, denn sie sehnte sich nach Liebe, aber sie hielt keinen von allen, die sie kannte, für ihrer würdig. Der Bursche mit dem Lockenkopf verfolgte sie hartnäckig, aber der Gedanke, sich ihm oder einem seinesgleichen zu ergeben, erfüllte sie mit Grauen ... und sie frug sich, wann endlich der kommen würde, für den sie sich bewahrte? ...

*

An jenem Morgen war Gabriele traurig, und sie zog sich daher in das Innerste einer ihrer Domänen zurück, die so groß war, daß sie nicht sicher war, sie ganz genau zu kennen und die so lange schon verlassen dalag, daß die alte Portiersfrau von gegenüber, die wenigstens achtzig Jahre alt war, erzählte, das sei von jeher so gewesen, und das von zerfallenden Mauern umgebene, große, verwilderte Revier, mit den alten, untereinander verwachsenen Bäumen, habe niemals einen Herrn gehabt.

Nachdem Gabriele das zu ihrem Ziele führende verödete Gäßchen durchwandert hatte, öffnete sie die große wurmstichige Gartentür, zu der man, dank ihrer Schmeichelkunst, der niemand zu wiederstehen vermochte, ihr den Schlüssel anvertraut hatte, denn die das Revier umgebende Mauer war zu hoch, um darüber klettern zu können. Nachdem sie die schwere Flügeltür hinter sich geschlossen, gab sie sich ganz dem beglückenden Gedanken hin, daß diese grüne Einsamkeit, die sich vor ihrem Auge erschloß, ihr und nur ihr allein angehöre. Es war an einem Maimorgen und es hatte in der Frühe stark getaut, aber schon sandte die Sonne ihre goldenen, erwärmenden Strahlen durch das junge Grün der Bäume und verwandelte die auf allen Blättern, Kräutern und Grashalmen hängenden kristallhellen Tropfen in leuchtende Brillanten. Gaby lief entzückt in die feuchte Herrlichkeit hinein und achtete es nicht, daß ihre Stiefelchen davon durchnäßt wurden.

Sie folgte dann einer der verwilderten Alleen, die sich eben mit neuem Laub geschmückt hatten, und erreichte endlich ihren Lieblingsplatz, ein altes Boskett, das vor Wind und Regen völlig geschützt war, da ein Hollunderbaum, dessen Zweige durch üppig dazwischen emporwuchernde Kletterpflanzen eng miteinander verbunden waren, ein undurchdringliches Dach darüber gebildet hatte. Die ringsum wachsenden Bäume und Gesträuche drängten sich so dicht heran, daß sie jeden Ausblick verhinderten und nur hier und da schimmerte ein Stückchen des blauen Himmels durch die Wipfel. Eine Moosbank lud zur Ruhe ein, und Gabriele, die müde geworden war, streckte sich behaglich darauf aus. Über diesem umschlossenen Plätzchen, in das kein Luftzug drang, lagerte eine drückende Treibhausluft, und nur ganz vereinzelt huschten matte Sonnenflecken durch den tiefen Schatten des Laubes. Gabriele fühlte sich ganz überwältigt von einer wollüstigen Müdigkeit, und die Augen schließend, überließ sie sich mythologischen Träumen, die sie über alles liebte. Kraft ihrer Phantasie versetzte sie sich in jene fabelhaften Zeiten, wo die Götter mit den Menschen verkehrten und einander liebten, wo alle Dinge auf Erden von einer geheimnisvollen Seele erfüllt waren, wo die tiefen Wälder durch die bizarren Gestalten von Waldgöttern, Satyrn und Faunen und deren verliebte Spiele und unzüchtige und doch so reizvollen Verfolgungen von Nymphen und Menschentöchtern belebt wurden ... Und die schwüle duftgeschwängerte Luft, die ewige Zauberkraft des Frühlings, dazu ihre heiße Liebessehnsucht bewirkten, daß sie immer tiefer in ihre Träume versank und endlich selbst eine vergessene, außerhalb der Zeit und des Lebens stehende Nymphe zu sein wähnte.

Ganz plötzlich wurde dann durch ein ganz leichtes Geräusch die glückliche Sorglosigkeit ihrer Träume gestört. Die Zweige über ihr bogen sich mit leisem Rascheln auseinander und zwischen den Blättern erschien ein Kopf. Gaby zitterte, aber sie bewegte sich nicht. Die Zweige bogen sich dann weiter auseinander und vor Gaby erschien eine Gestalt, in der sie sofort das Ideal ihrer Träume erkannte. Schultern und Arme des seltsamen Wesens waren nackt und sein hübsches, bärtiges Gesicht, das er forschend über Gaby neigte, war das eines jungen, lebensfrohen Jünglings. Ein um seine Schläfen gewundener Efeukranz ruhte auf den dichten, kurzen Locken, die jedoch keineswegs seine kleinen, zurückgebogenen Hörner versteckten. Er hatte vielleicht eine gewisse Ähnlichkeit mit jenem Buben, der Gaby einst über die Verschiedenheit der Geschlechter aufgeklärt hatte, aber das bemerkte sie nicht. Sie blieb unbeweglich liegen und tat so, als ob sie immer noch ganz fest schlief. Da sie nachlässig hingestreckt, das eine Knie emporgezogen hatte, verschob sich ihr leichtes Kleid und enthüllte das andere, wohlgeformte, schlanke und mit einem feinen, durchbrochenen Strumpfe bekleidete Bein. Ihre Aufregung war so groß, daß ihre junge Brust sich unruhig auf und nieder senkte und durch ihr verräterisches Leibchen, das ein wenig geöffnet war, schimmerte die blendende Weiße ihrer zarten, feuchten Haut. Die Augen des Fauns funkelten und blitzten noch heller wie der Morgentau. Die Nüstern seiner Stumpfnase blähten sich vor Begierde. Er lachte geräuschlos, und seine blendend weißen Zähne zeigend, trat er näher heran. Unter den geschlossenen Augenlidern vorsichtig hinblinzelnd, beobachtete Gabriele jede seiner Bewegungen. Er schien ein wenig außer Atem zu sein, seine muskulöse Brust war mit kurzem Haar bedeckt und die trockenen, ebenfalls behaarten Beine endeten in zierlichen kleinen Hufen, auf denen er völlig geräuschlos durch den weichen Rasen glitt.

Er beugte sich tief über Gabriele, erfaßte ganz leise und vorsichtig den Saum ihres Kleides und hob es ein wenig auf. Sie konnte es nicht verhindern, eine ganz leichte Bewegung zu machen, worauf er sofort inne hielt, und es schien, als ob er die Flucht ergreifen wolle. Da sie jedoch unbeweglich liegen blieb, fing er wieder an, mit leiser, vorsichtiger Hand die Falten ihres leichten Sommerkleides aufzuheben. Dabei blickten seine glühenden und freudesprühenden Augen unausgesetzt auf die hübschen Beine, die er nach und nach bis obenhin enthüllte.

Gaby nahm all ihre Kraft zusammen, um sich nicht zu bewegen. Sein heißer Blick, der sich gierig durch ihre dünnen Unterkleider zu drängen schien, erfüllte sie mit solcher Angst, daß sie am liebsten laut geschrien hätte – aber sie fürchtete, daß dann die Erscheinung verschwinden würde. – Und nun fühlte sie, wie eine starke, ein wenig zitternde kleine Faust um ihre Taille tastete und sich bemühte, die Knöpfe ihrer Unterkleider zu lösen, deren leichte Gewebe sie dann rasch und geschickt unter dem zurückgeschobenen Kleid wegzog. In dem freundlichen Wunsche, bei dieser Operation sich ein wenig hilfreich zu erweisen, hatte sie, ihre Schamhaftigkeit vergessend (kannte man wohl in der mythologischen Vergangenheit ein solches Gefühl?), sich ein wenig aufgerichtet ... und nun fühlte sie, daß sie von der Taille bis zu den Knien völlig nackt sei. Der frische Hauch der sie umspielenden Luft machte sie frösteln. Dann wurde rasch ihr Mieder gelöst und unter dem zärtlichen Drucke der kleinen festen Hand hoben sich wollüstig die Spitzen ihrer bebenden jungfräulichen Brüste ... dann aber glitt eine andere Hand tiefer und wagte eine intime Berührung, gegen die sich ihr ganzes Sein empörte ... Sie wollte aufspringen, schreien ... Aber schon hatte sich ein warmer, behaarter Körper über sie gestürzt, ein lachendes, freudestrahlendes Antlitz beugte sich dicht über das ihre, bärtige Lippen suchten ihren rosigen Mund – dann aber ... dann ... Sie empfand plötzlich einen stechenden Schmerz, der sie krampfhaft zusammenzucken machte und der sie zwang, die Zähne fest aufeinander zu pressen, um nicht laut zu schreien. Es ging aber bald besser und sie tat willig alles, was die mythologische Unzucht des Mannes mit den Bocksbeinen von ihr forderte.

*

So geschah es, daß Gabriele in die Geheimnisse der Liebe eingeführt wurde, dieses arme, kleine Mädchen, dessen Einbildungskraft und Sinnlichkeit gleich groß waren und das sich in Träume versenkt hatte, die nicht von unserer Zeit waren.

Die Freuden dieses Morgens sollten sich niemals für sie erneuern. Ganz trunken vor Liebe kehrte sie gegen Mittag heim, nachdem ihr geheimnisvoller Liebhaber ihr »Auf morgen!« zugeflüstert hatte. Aber sie sah ihn nie mehr. Als sie am anderen Tage wiederkam, war ein Heer von Arbeitern, von bösen Geistern, wie sie dachte, in den verlassenen Garten eingedrungen; die alten Mauern wurden abgerissen, die Bäume gefällt. Die Fragen der ganz bestürzten Gabriele wurden mit Spöttereien und unziemlichen Redensarten beantwortet. Der alte Eigentümer des Grundstücks war gestorben und sein Erbe wollte den verödeten Platz nutzbar machen und Mietshäuser darauf bauen.

Vergebens forschte Gabriele nach dem Fabelwesen, das an jenem Maimorgen Besitz von ihr ergriffen hatte. Sie sah es niemals wieder, denn Leute seiner Art wagen sich nicht in den Tumult der Arbeitsplätze, und in den gepflasterten Höfen und mageren kleinen Gärten moderner Häuser sind sie ebensowenig zu finden.

Gabriele war anfangs ganz verzweifelt, aber mit der Zeit tröstete sie sich, und da sie wirklich im Grunde ein sehr vernünftiges, kleines Mädchen war, das gut und glücklich leben und seine Tage, von Luxus umgeben, aber in relativem Müßiggang verbringen wollte, wurde sie Kurtisane.

Sie hatte glänzende Erfolge, die ihr Ruhm und Geld einbrachten – aber dies alles ließ sie doch niemals ihren ersten, fabelhaften Liebhaber vergessen, der für sie der Beste war und blieb.

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