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Das leere Haus

Arthur Conan Doyle: Das leere Haus - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorArthur Conan Doyle
titleDas leere Haus
publisherAlexander Wlk
year2009
firstpub2009
translatorAlexander Wlk
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Wlk
created20090129
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Ich dachte eigentlich, daß wir zur Baker Street fahren würden, aber Holmes ließ die Droschke schon an der Ecke zum Cavendish Square anhalten. Ich beobachtete als er ausstieg, daß er einen besorgten Blick nach rechts und links warf und an jeder weiteren Straßenecke machte er sich die größte Mühe um sicherzugehen, daß wir nicht verfolgt wurden. Unsere Route war sicher einzigartig. Holmes' Kenntnisse der Abkürzungen in London war außergewöhnlich und er ging daher schnell und sicheren Schrittes durch ein Netzwerk von Stallungen und Schuppen, von deren Existenz ich noch nie etwas gewußt habe. Wir kamen schließlich auf eine kleine Straße mit alten, düsteren Häusern, die uns in die Manchester Street und danach in die Blandford Street führte. Dort bog er geschwind in eine enge Gasse ein, ging an einem Holztor vorüber und gelangte in einen verlassenen Innenhof. Dort öffnete er mit einem Schlüssel die Hintertür eines Hauses. Wir gingen hinein und schlossen sie hinter uns wieder ab.

Der Ort war stockdunkel, aber mir war sofort klar, daß dieses Haus leer stand. Unsere Schritte quietschten und krachten über die bloßen Holzplanken und meine Hand berührte eine Wand, deren Tapete nur noch in Streifen herabhing. Holmes' kalte, dünne Finger schlossen sich um mein Handgelenk und er führte mich vorwärts in eine lange Halle, bis ich das schwache Oberlicht einer Tür entdeckte. Hier drehte sich Holmes abrupt nach rechts in einen großen, quadratischen und leeren Raum, der in den Ecken völlig im Dunkeln lag, in der Mitte schwach durch die Lichter von außen erhellt war. Es war keine Lampe da und die Fenster waren dick mit Staub bedeckt, so daß wir nur unsere eigenen Gestalten schwach als Spiegelbild sahen. Mein Begleiter legte mir die Hand auf die Schulter und seine Lippen kamen nah an mein Ohr.

»Wissen Sie wo wir sind?« flüsterte er.

»Das ist doch Baker Street«, sagte ich nachdem ich aus den trüben Fenstern geschaut hatte.

»Genau. Wir sind im Camden House, das direkt gegenüber zu unserem alten Quartier steht.«

»Aber wieso sind wir hier?«

»Weil man von hier eine exzellente Aussicht auf das Geschehen hat. Darf ich Sie bitten einmal näher ans Fenster zu treten, aber so, daß man Sie nicht sehen kann und Sie bitten einmal zum Fenster unseres alten Zimmers – dem Ausgangspunkt so vieler unserer Abenteuer – zu schauen? Mal sehen, ob meine dreijährige Abwesenheit mir völlig die Fähigkeit genommen hat Sie zu überraschen.«

Ich kroch vorwärts und schaute mir das Fenster gegenüber an. Als ich erkannte was ich sah, schnappte ich nach Luft und stieß einen Schrei des Erstaunens aus. Die Jalousie war unten und im Zimmer brannte ein helles Licht. Die Silhouette eines Mannes, der in einem Stuhl in dem Raum saß zeichnete sich deutlich als Umriß auf der beleuchteten Leinwand im Fenster ab. Man konnte die Gestalt nicht verwechseln, die Kopfhaltung, die quadratischen Schultern, die scharfen Gesichtszüge waren eindeutig. Das Gesicht war im Profil, so daß es aussah wie eines der Schattenbilder, die unsere Großeltern so gerne aufhängten. Es war eine perfekte Reproduktion von Holmes. Ich war so erstaunt, daß ich mit meiner Hand nach meinem Begleiter griff, um sicherzugehen, daß er auch wirklich neben mir stand. Er bebte in stillem Gelächter.

»Nun?« sagte er.

»Meine Güte!« rief ich. »Das ist fabelhaft.«

»Ich schätze weder das Alter, noch die Gewohnheit läßt meine unendliche Vielfalt schwinden«, sagte er und ich erkannte in seiner Stimme die Genugtuung und Stolz eines Künstlers über sein Werk. »Es sieht wirklich aus wie ich, oder?«

»Ich hätte schwören können, daß Sie es sind.«

»Die Ausführung geht auf das Konto von Monsieur Oscar Meunier aus Grenoble, der einige Tage mit der Modellierung verbrachte. Es ist eine Büste aus Wachs. Den Rest habe ich heute Nachmittag bei meinem Besuch in der Baker Street selbst arrangiert.«

»Aber wofür?«

»Weil, mein lieber Watson, ich den starken Wunsch hatte, daß bestimmte Leute glaubten ich sei dort, während ich in Wirklichkeit woanders bin.«

»Und Sie denken dieser Raum wird beschattet?«

»Ich WEIß, daß er beschattet wird.«

»Von wem?«

»Von meinen alten Feinden, Watson. Von der so reizenden Gesellschaft, deren Chef nun in den Reichenbachfällen liegt. Sie müssen sich erinnern, daß sie und nur sie wußten, daß ich immer noch am Leben war. Sie dachten, das ich früher oder später sicher wieder in meine alten Räume zurückkehren würde. Also waren sie regelmäßig auf der Lauer und heute Morgen haben sie mich ankommen sehen.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich habe ihren Späher erkannt, als ich aus dem Fenster schaute. Er ist ein eher kleiner Fisch namens Parker, schwerer Diebstahl seine Spezialität und er ist ziemlich gut an der Maultrommel. Er war mir egal. Aber die Person, die hinter ihm stand, war mir ganz und gar nicht egal: Der Busenfreund Moriartys, der Mann, der mir die Steine über das Kliff entgegengeworfen hatte, der gewiefteste und gefährlichste Verbrecher in London. Das ist der Mann, der heute Abend hinter mir her ist, Watson, und er ist sich bestimmt nicht bewusst, daß wir hinter ihm her sind.«

Die Pläne meines Freundes enthüllten sich mir langsam. Durch seinen genialen Trick wurden die Beschatter beschattet und die Verfolger verfolgt. Die Silhouette oben im Fenster diente als Köder und wir waren die Jäger. Wir standen still nebeneinander am Fenster und beobachteten die Leute, die vor uns vorüber gingen. Holmes war still und regungslos, aber ich wußte, daß er sehr aufmerksam war und seine Augen waren auf den Strom der Passanten fixiert. Es war eine düstere und stürmische Nacht und der Wind heulte schrill die Straße entlang. Es gingen viele Leute vorbei, die meisten in ihre Mäntel und Schals eingemummt. Ein oder zwei Mal war mir als hätte ich die Person zuvor schon einmal gesehen und mir fielen besonders zwei Männer auf, die sich scheinbar vor einer Eingangstür etwas weiter oben an der Straße unterstellten. Ich versuchte meinen Begleiter auf sie aufmerksam zu machen, aber er wies meine Versuche nur ungeduldig zurück. Mehrere Male zuckte er mit den Füßen oder tippte mit den Fingern auf die Wand. Es war deutlich zu erkennen, daß er langsam ungeduldig wurde und sein Plan nicht so funktionierte wie er es sich erhofft hatte. Kurz vor Mitternacht, als sich die Straßen langsam leerten, ging er in unkontrollierbarem Ärger im Zimmer auf und ab. Ich wollte ihm schon etwas sagen, als ich noch einen Blick auf das Fenster warf und wieder eine unglaubliche Überraschung erlebte. Ich packte Holmes am Arm und zeigte nach oben.

»Der Schatten hat sich bewegt!« keuchte ich.

Es war tatsächlich nicht mehr das Profil sondern der Rücken, der zu uns zeigte.

Die drei Jahre hatten ihn offensichtlich nicht gütiger oder geduldiger werden lassen was sein Temperament im Umgang mit weniger intelligenten Leuten als sich selbst anbelangt.

»Natürlich hat er sich bewegt«, sagte er. »Bin ich solch ein grauenhafter Stümper, Watson, daß ich eine offensichtliche Attrappe aufstelle und erwarte, daß einer der klügsten Menschen Europas darauf hereinfällt? Wir sind jetzt schon länger als zwei Stunden hier und Mrs. Hudson hat nun schon acht Mal Veränderungen an der Figur vorgenommen, immer jede Viertelstunde. Sie arbeitet von vorne, so daß ihre Silhouette niemals zu sehen ist. Ah!« Er atmete schnell und aufgeregt ein. In dem schwachen Licht sah ich wie sein Kopf nach vorne sprang und seine ganze Haltung sich vor Aufmerksamkeit starr wurde. Sie Straße war nun völlig leer. Die zwei Männer standen vielleicht immer noch vor der Eingangstür, aber ich konnte sie nicht mehr sehen. Alles war dunkel und still, bis auf das hell erleuchtete Fenster mit dem schwarzen Umriß der Figur darin. In der vollkommenen Stille hörte ich wieder den zischenden Ton voller unterdrückter Spannung. Einen Augenblick später zog er mich in die dunkelste Ecke des Zimmers und ich fühlte seinen warnenden Finger auf meinen Lippen. Die Finger, die mich griffen waren bebend. Nie hatte ich vorher meinen Freund so angespannt erlebt, obwohl die Straße vor uns immer noch einsam und verlassen lag.

Doch plötzlich erkannte ich auch, was seine schärferen Sinne schon vernommen hatten. Ich hörte ein tiefes, schleichendes Geräusch, nicht von der Baker Street, sondern von innerhalb des Hauses, in dem wir uns gerade versteckten. Eine Tür wurde geöffnet und wieder geschlossen. Sekunden später kamen Schritte aus dem Durchgang, Schritte, die nicht gehört werden sollten, die aber rau durch das leere Haus hallten. Holmes drückte sich mit dem Rücken gegen die Wand und ich tat es ihm gleich, meine Hand griff nach dem Revolver. Vor uns sah ich in der Dunkelheit einen menschlichen Umriß, der gerade noch eine Stufe dunkler als die umgebende Dunkelheit war. Er stand für einen Moment still da, dann schlich er hockend und bedrohlich weiter in den Raum. Die dunkle Gestalt kam keine drei Meter an uns vorbei, ich erwartete schon, daß sie auf uns zu stürzte, bevor mir klar wurde, daß sie keine Ahnung von unserer Anwesenheit hatte. Sie kroch an uns vorbei zum Fenster und machte es vorsichtig und geräuschlos einen Spalt breit auf. Als sie sich zur Öffnung hinabbeugte, fiel das Licht, jetzt nicht mehr von den Fenstern getrübt, auf ihr Gesicht. Sie schien außer sich vor Aufregung zu sein. Ihre Augen leuchteten wie Sterne und ihr Gesicht bewegte sich krampfhaft. Es war ein älterer Mann mit einer dünnen, vortretenden Nase, einer hohen, kahlen Stirn und einem großen gekräuselten Schnurrbart. Er schob nun einen Zylinderhut nach hinten auf seinen Kopf und das Hemd seiner Abendgarderobe schimmerte zwischen seinem offenen Mantel durch. Sein Gesicht war dunkelhäutig und eingefallen, mit tiefen Falten. In seiner Hand hielt er etwas, das aussah wie ein Gehstock, aber als er ihn auf den Boden legte gab er einen metallischen Klang von sich. Dann holte er aus seiner Manteltasche ein unförmiges Objekt und machte sich so lange daran zu schaffen, bis ein lautes Klicken ertönte, als ob ein Bolzen eingerastet wäre. Auf dem Boden kniend beugte er sich mit all seinem Gewicht gegen einen Hebel, der dann ein schleifendes und mahlendes Geräusch verursachte, das auch in einem Klicken mündete. Er richtete sich auf und ich sah, daß er einen Gegenstand in der Hand hielt, der aussah wie eine Art Gewehr mit einem seltsam mißgebildeten Kolben. Er öffnete den Verschluß, steckte irgend etwas hinein und ließ ihn wieder zuschnappen. Dann kniete er sich wieder hin und legte den Gewehrlauf auf den Fenstersims des offenen Fensters und ich sah wie sein Auge sich entlang des Laufs ausrichtete. Ich hörte ein leises zufriedenes Seufzen als er das Gewehr auf seiner Schulter ablegte und sah, daß er sein erstaunliches Ziel, die schwarze Figur auf gelbem Grund, voll im Visier hatte. Eine Sekunde lang war er still und bewegungslos. Dann drückte er den Abzug durch. Es gab ein lautes Pfeifen und ein langes Klirren zerbrochenen Glases. In diesem Moment sprang Holmes den Schützen wie ein Tiger von hinten an und warf ihn auf den Boden. Er war einen Moment später wieder auf den Füßen und mit einer abartigen Kraft ging er Holmes an die Gurgel, aber ich schlug ihn mit der Rückseite meiner Waffe nieder und er fiel wieder auf den Boden. Ich hielt ihn fest und mein Kamerad blies ein Signal in eine Polizeipfeife. Es folgte der Lärm von rennenden Füßen auf dem Gehweg und zwei uniformierte Polizisten und einer in Zivil rannten durch den Vordereingang und in den Raum.

»Sind Sie das, Lestrade?« fragte Holmes.

»Ja, Mr. Holmes, das habe ich mir nicht nehmen lassen. Es ist schön, daß Sie wieder in London sind, Sir.«

»Ich dachte mir, daß Sie vielleicht ein wenig inoffizielle Hilfe brauchen könnten. Drei unaufgeklärte Mordfälle sind zu viele, Lestrade. Aber bei dem Molesey-Rätsel haben Sie sich gar nicht so dumm – ich meine ganz gut geschlagen.«

Wir waren alle aufgestanden, unser Gefangener schwer atmend und auf jeder Seite eine Schrankwand von einem Beamten neben sich. Es begannen sich draußen schon die Schaulustigen zu sammeln. Holmes ging zum Fenster, schloß es und zog die Jalousien zu. Lestrade zündete zwei Kerzen an und die Polizisten nahmen die Abdeckungen von ihren Laternen. Nun war ich endlich in der Lage unseren Gefangenen ordentlich zu begutachten.

Es war ein ungeheuer kräftiges und doch ein düsteres Gesicht, das uns anblickte. Mit den Augenbrauen eines Philosophen und dem Kiefer eines Gauners, muß dieser Mann mit dem großen Potential zum Guten oder zum Bösen begonnen haben. Aber man konnte nicht in seine grausamen blauen Augen mit seinen herabhängenden, zynischen Lidern oder auf seine grimmige, aggressive Nase oder auf seine bedrohlichen Brauen schauen, ohne deutlich die eindringlichsten Warnsignale der Natur zu bemerken. Er hat nicht versucht uns anzugreifen, seine Augen lagen aber auf Holmes' Gesicht und er hatte einen Gesichtsausdruck, bei dem Hass und Erstaunen gleichwertig gemischt waren. »Sie Unhold!« murmelte er die ganze Zeit. »Sie kluger, kluger Unhold!«

»Ah, Colonel«, sagte Holmes und rückte seinen zerknitterten Kragen zurecht. »man trifft sich immer zweimal im Leben, wie man so schön sagt. Ich glaube ich habe Sie nicht mehr gesehen, seit Sie mich mit diesen Aufmerksamkeiten beehrt haben als ich auf dem Felsvorsprung an den Reichenbachfällen lag.«

Der Colonel starrte meinen Freund immer noch wie in Trance an. »Sie kluger, kluger Unhold!« war alles was er sagen konnte.

»Ich habe Sie noch nicht bekannt gemacht«, sagte Holmes. »Er, Gentlemen, ist Colonel Sebastian Moran, einst bei der indischen Armee Ihrer Majestät und der beste Großkaliberschütze, den wir im östlichen Empire je hatten. Ich glaube ich liege richtig, wenn ich sage, daß die Anzahl erlegter Tiger, die auf Ihr Konto gehen, immer noch unübertroffen ist?«

Der grimmige alte Mann sagte nichts, starrte meinen Begleiter aber immer noch an. Durch seine wilden Augen und seinen borstigen Bart sah er selbst einem Tiger sehr ähnlich.

»Ich bin überrascht, daß Sie auf meine simple List hereingefallen sind, Sie alter Shikari«, sagte Holmes. »Das muß Ihnen doch sehr bekannt vorkommen. »Haben Sie nicht ein Kind unter einem Baum angeleint und selbst im Baum mit Ihrem Gewehr gewartet, bis der Köder Ihnen einen Tiger anlockte? Dieses leere Haus ist mein Baum und Sie sind mein Tiger. Sie hatten sicher noch andere Gewehre in Reserve, falls es mehrere Tiger gegeben hätte oder für den unwahrscheinlichen Fall, daß Sie Ihr Ziel verfehlt hätten. Dies«, er zeigte auf uns, »sind meine Reservegewehre. Der Vergleich ist perfekt.«

Colonel Moran stürzte plötzlich mit einem wütenden Grunzen nach vorne, wurde aber von den Beamten zurückgehalten. Die Raserei in seinem Gesicht war grauenvoll anzuschauen.

»Ich gestehe, daß Sie mich in einem Punkt ein wenig überrascht haben«, sagte Holmes. »Ich hätte nicht gedacht, daß Sie sich dieses leere Haus und das überaus geeignete Vorderfenster zunutze machen würden. Ich hatte gedacht, daß Sie von der Straße aus operieren würden, wo mein Freund Lestrade und seine Männer auf Sie gewartet hätten. Bis auf das, lief alles wie ich erwartet habe.«

Colonel Moran wandte sich an den Kommissar.

»Vielleicht haben Sie genug Beweise, um mich festzuhalten, vielleicht auch nicht«, sagte er, »aber es gibt absolut keinen Grund warum ich mich von dieser Person verspotten lassen muß. Wenn ich verhaftet bin, dann soll der Prozeß entscheiden.«

»Na, das hört sich doch gut an«, sagte Lestrade. »Haben Sie noch etwas hinzuzufügen, bevor wir gehen, Mr. Holmes?«

Holmes hatte das starke Luftgewehr aufgehoben und untersuchte den Mechanismus.

»Eine beeindruckende und einzigartige Waffe«, sagte er, »geräuschlos und unglaublich durchschlagkräftig. Ich kannte Von Herder, den blinden deutschen Ingenieur, der sie im Auftrag des verstorbenen Professors Moriarty entwickelt hat. Ich wußte schon Jahre lang von ihrer Existenz, obwohl ich noch nie Gelegenheit hatte sie zu begutachten. Ich empfehle Ihnen, Lestrade, sie sich genauestens anzusehen, auch die Kugeln, die hineinpassen.«

»Sie können sich darauf verlassen, wir werden sie uns ansehen, Mr. Holmes«, sagte Lestrade, als die ganze Gruppe zur Tür ging. »Gibt es sonst noch etwas?«

»Nur die Frage wie die Anklage lauten soll.«

»Die Anklage, Sir? Natürlich der versuchte Mord an Mr. Sherlock Holmes.«

»Nein, Lestrade, ich möchte in diesem Fall überhaupt nicht auftauchen. Ihnen, und nur Ihnen gebührt der ganze Ruhm für diese bemerkenswerte Verhaftung. Ja, Lestrade, ich beglückwünsche Sie! Mit Ihrer üblichen Mischung aus Gerissenheit und Dreistigkeit ist es Ihnen gelungen ihn zu schnappen.«

»Ihn schnappen? Wen schnappen, Mr Holmes?«

«Den Mann, den die ganze Polizei bisher vergebens gesucht hat – Colonel Sebastian Moran, welcher den ehrenwerten Ronald Adair mit einer Weichmantelkugel aus diesem Luftgewehr durch das offene Fenster des ersten Stocks von Park Lane Nummer 427 am dreißigsten des letzten Monats erschossen hat. Das ist die Anklage, Lestrade. Und nun, Watson, wenn Sie den Luftzug eines zerborstenen Fensters ertragen, denke ich, daß eine halbe Stunde in meinem Arbeitszimmer mit einer Zigarre für Sie ganz unterhaltsam sein könnte.«

Unsere alten Gemächer waren dank der Aufsicht von Mycroft Holmes und der Fürsorge von Mrs. Hudson unverändert geblieben. Zugegeben, als ich eintrat sah ich, eine ungewohnte Sauberkeit, aber alle wichtigen Gegenstände waren an ihrem gewohnten Platz. Da war die Chemikerecke und der mit Säureflecken übersäte Kieferntisch. Auf einem Regal stand da die Reihe der fabelhaften Einklebebücher und die Referenzmappen, die einige unserer Mitbürger so gern vernichtet sehen würden. Die Diagramme, das Violinenkästchen und der Pfeifenständer – selbst der persische Schuh, in dem der Tabak aufbewahrt wurde- all das fiel mir ins Auge als ich mich umsah. Der Raum hatte zwei Bewohner – die eine, Mrs. Hudson, strahlte über ihr ganzes Gesicht als wir eintraten – der andere, die absonderliche Attrappe, die so eine wichtige Rolle in den heutigen Abenteuern gespielt hatte. Es war ein angemaltes Wachsmodell meines Freundes, so detailreich gefertigt, daß es ein perfektes Faksimile war. Es stand auf einem kleinen Podest und ein altes Kleidungsstück von Holmes war so herumdrapiert, daß die Illusion von der Straße aus perfekt war.

»Ich hoffe, daß Sie alle Vorsichtsmaßnahmen beachtet haben, Mrs. Hudson?« sagte Holmes.

»Ich ging auf Knien, genau so wie Sie gesagt haben.«

»Ausgezeichnet. Das haben Sie sehr gut gemacht. Haben Sie zufällig mitbekommen, wo die Kugel eingeschlagen ist?«

»Ja, Sir. Ich fürchte sie hat Ihre schöne Büste zerstört, denn sie ging direkt durch den Kopf und ist dann an der Wand abgeprallt. Ich habe sie vom Teppich aufgehoben. Hier ist sie.«

Holmes hielt sie für mich sichtbar ins Licht. »Ein Weichmantelgeschoß, wie Sie sehen, Watson. Es ist genial, denn wer würde erwarten, daß so etwas von einem Luftgewehr abgefeuert wird? Nun gut, Mrs. Hudson. Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe. Und nun, Watson, setzen Sie sich doch auf Ihren angestammten Platz im Sessel, denn ich möchte mit Ihnen gerne noch einige offene Punkte besprechen.«

Er hatte den schäbigen Mantel abgelegt und war nun wieder der altbekannte Holmes in seinem mausgrauen Anzug, den er seiner Attrappe abnahm.

Die Nerven des alten Shikaris haben nichts an ihrer Stärke verloren, noch die Augen ihre Präzision«, sagte er lachend als er den zerschmetterten Kopf seiner Büste in Augenschein nahm.

»Direkt in den Hinterkopf, durch das Gehirn und wieder hinaus. Er war der beste Schütze in Indien und ich glaube kaum, daß es in London viele bessere gibt. Haben Sie seinen Namen eigentlich schon einmal gehört?«

»Nein, habe ich nicht.«

»Naja, so ist das mit dem Ruhm! Aber wenn ich mich recht entsinne haben Sie auch Professor Moriarty noch nicht gekannt, der immerhin einer der klügsten Menschen in diesem Jahrhundert war. Geben Sie mir doch bitte meine Kollektion an Biographien von dem Regal dort.«

Er saß im Sessel, blätterte ohne Hast darin und blies nebenher große Rauchwolken mit seiner Zigarre.

»Meine Sammlung von M's ist wirklich erlaucht«, sagte er. »Moriarty selbst ist es wert einen Buchstaben hervorzuheben und hier ist Morgan, der Vergifter, Merridew mit seinem abscheulichen Gedächtnis, Mathews, der meinen linken Eckzahn in der Wartehalle von Charing Cross ausgeschlagen hat und hier ist schließlich unser Freund aus dieser Nacht.«

Er gab mir das Buch und ich las:

MORAN, SEBASTIAN, COLONEL. Arbeitslos. Ehemals bei den ersten Bangalore-Pionieren. Geboren in London, 1840. Sohn von Sir Augustus Moran, C.B., ehemals britischer Minister in Persien. In London und Oxford in die Schule gegangen. Gedient im Jowaki-Feldzug, dem Afghanistan-Feldzug, Char Asiab (erledigt), Sherpur und Kabul. Autor von »Voller Einsatz in den westlichen Himalayas« (1881), »Drei Monate im Dschungel (1884). Adresse: Conduit Street. Klubs : Der Anglo-Indische, der Tankerville, der Bagatelle Spielklub.

Am Rand stand in Holmes' präziser Handschrift:

Der zweitgefährlichste Mann Londons.

»Das ist erstaunlich«, sagte ich und gab ihm das Buch zurück. »Seine Karriere hat als ehrbarer Soldat angefangen.«

»Das ist wahr«, antwortete Holmes. »Bis zu einem gewissen Punkt lief es in seinem Leben rund. Seine Nerven waren immer schon wie Drahtseile und in Indien wird immer noch die Geschichte erzählt wie er in einem Abflußkanal kroch, um einen verwundeten menschenfressenden Tiger zu erlegen. Es gibt einige Bäume, Watson, die eine gewisse Höhe erreichen und dann plötzlich einen unansehnlichen Spleen entwickeln. Das sieht man oft bei Menschen. Ich habe da die Theorie, daß eine Einzelperson die Entwicklung seiner ganzen Vorfahren aufnimmt und daß eine solche Tendenz für das Gute oder Böse einem starken Einfluß eines Astes seines Stammbaums entspringt. Die Person wird damit die Essenz ihrer ganzen Familienhistorie.«

»Das ist jetzt wirklich eher gewagt.«

»Naja, ich bestehe nicht darauf. Warum auch immer, aber bei Colonel Moran ging etwas schief. Obgleich ohne öffentlichen Skandal, war er in Indien dennoch nicht zu halten. Er wurde entlassen, kam nach London und machte sich einen kriminellen Namen. Zu dieser Zeit wurde er von Professor Moriarty ausgesucht und war daraufhin seine rechte Hand. Moriarty versorgte ihn mit Geld und engagierte ihn nur für ein oder zwei hochkarätige Jobs, die kein gewöhnlicher Krimineller hätte erledigen können. Sie haben vielleicht noch eine vage Erinnerung an den Tod von Mrs. Stewart aus Lauder im Jahr 1887. Nicht? Nun, ich bin mir sicher, daß Moran dahinter steckte, aber man konnte ihm nichts nachweisen. Der Colonel wurde so klug gedeckt, das man ihn selbst nach der Zerschlagung der Moriarty-Bande nicht festhalten konnte. Sie wissen doch noch, daß ich, als ich vor meinem Verschwinden bei Ihnen war, die Fensterläden zugezogen hatte aus Angst vor Luftgewehren? Ohne Zweifel hielten Sie das damals für paranoid. Ich wußte genau was ich tat, denn ich wußte von der Existenz dieser bemerkenswerten Waffe und auch, daß einer der besten Schützen der Welt sie bedienen würde. Als wir in der Schweiz von Moriarty verfolgt wurden war es ohne Zweifel er, der mir diese höllischen fünf Minuten auf dem Reichenbacher Felsvorsprung bereitete.

Sie können sich denken, daß ich mit einiger Aufmerksamkeit Zeitung gelesen habe, als ich mich in Frankreich aufhielt. Ich suchte eine Möglichkeit wie ich ihm ein Bein stellen konnte. So lange er noch auf freiem Fuß London durchstreifen konnte, wäre mein Leben dort nicht lebenswert gewesen. Seine Spitzel hätten mich Tag und Nacht überwacht und irgendwann hätte sich ihm garantiert eine Chance geboten. Was konnte ich also tun? Ich konnte ihn nicht einfach so erschießen, denn dann wäre ich ja selbst eingekerkert worden. Mich an die Justiz zu wenden hätte auch nichts gebracht. Sie hätten aufgrund einer – wie es ihnen vorgekommen wäre – wilden Vermutung nichts unternehmen können. Ich konnte also rein gar nichts tun. Aber ich las die Verbrechensnachrichten ganz genau, in dem Wissen, daß ich ihm irgendwann auf die Schliche kommen würde. Dann kam der Tod dieses Ronald Adair. Meine Chance war endlich da. Mit dem was ich schon wußte, war es für mich klar, daß nur Colonel Moran es gewesen sein konnte. Er hat mit dem Burschen Karten gespielt, ihn vom Klub nach Hause verfolgt und ihn durch das Fenster erschossen. Es gab keinen Zweifel. Die Gewehrkugeln allein könnten ihn an den Galgen bringen. Also kam ich sofort her. Ich wurde von dem Beschatter gesehen, der, da war ich sicher, sofort Colonel Moran von meiner Rückkehr berichten würde. Für ihn war der Zusammenhang zwischen meinem plötzlichen Wiederauftauchen und seinem Verbrechen sicher auch sofort klar und war deshalb ziemlich aufgeschreckt. Er wollte mich natürlich sofort aus dem Weg räumen und dafür diese mörderische Waffe benutzen. Ich habe ihm ein exzellentes Ziel im Fenster geboten und die Polizei angefordert, da sie vielleicht gebraucht würde. Sie haben die Anwesenheit der Polizisten in dem Türgang bemerkenswert genau ausgemacht. Wir beide haben dann einen, wie ich fand, ausgezeichneten Beobachtungsposten bezogen, ich hätte nie gedacht, daß auch er diese Örtlichkeit für sein Verbrechen aussuchen würde. Nun, mein lieber Watson, bleibt da noch eine Frage ungeklärt?«

»Ja«, sagte ich. »Sie haben nicht erklärt welches Motiv Colonel Moran hatte den ehrbaren Ronald Adair umzubringen.«

»Ah, mein lieber Watson, jetzt kommen wir in das Reich der Spekulation, wo selbst der logische Verstand falsch liegen kann. Jeder mag sich daher eine eigene Theorie auf Basis der bekannten Tatsachen bilden und Ihre könnte genauso richtig sein wie meine.«

»Sie haben also eine Theorie?«

»Ich glaube es ist nicht schwer die Fakten zu erklären. Bei den Ermittlungen kam heraus, daß Colonel Moran und der junge Adair zusammen eine beträchtliche Menge Geld gewonnen hatten. Nun hat Moran zweifelsohne falsch gespielt – das war mir schon länger klar. Ich glaube am Tag des Mordes hat Adair herausgefunden, daß sein Partner betrog. Sehr wahrscheinlich hatten die beiden ein privates Gespräch, in dem Adair ihm drohte es publik zu machen, wenn er seine Mitgliedschaft in dem Klub nicht kündigen und nie wieder Karten spielen sollte. Ich glaube nicht, daß ein Jungspund wie Adair einen schrecklichen Skandal mit einem so viel älteren und bekannten Mann auslösen wollte. Wahrscheinlich handelte er wie ich eben beschrieb. Der Ausschluß aus dem Klub hätte den Ruin Morans bedeutet, da sein Einkommen mittlerweile nur noch aus den Gewinnen beim Kartenspielen bestand. Darum ermordete er Adair, als der gerade daran war zu ergründen wie viel Geld er selbst wieder zurückzahlen mußte, da er nicht von dem Falschspiel seines Partners profitieren wollte. Er schloß die Tür ab, damit nicht eine der Frauen ihn überraschen und ihn drängen konnte zu erklären was es mit dem Geld und den Namen auf sich hatte. Stimmen Sie mir zu?«

»Ich habe keine Zweifel, daß Sie den Nagel auf den Kopf getroffen haben.«

»Das wird im Gericht bestätigt oder widerlegt werden. In der Zwischenzeit wird uns Colonel Moran jedenfalls nicht mehr in die Quere kommen. Das berühmte Luftgewehr Von Herders wird die Sammlung im Scotland Yard Museum bereichern und Mr. Sherlock Holmes kann sich nun wieder den interessanten kleinen Problemen widmen, die das komplexe Londoner Leben so reichlich präsentiert.«

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