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Das leere Haus

Arthur Conan Doyle: Das leere Haus - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorArthur Conan Doyle
titleDas leere Haus
publisherAlexander Wlk
year2009
firstpub2009
translatorAlexander Wlk
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Wlk
created20090129
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Im Frühling des Jahres 1894 war das gesamte London neugierig und die Oberschicht in der ganzen Welt bestürzt über den Mord am ehrenwerten Ronald Adair, der unter den ungewöhnlichsten und rätselhaftesten Umständen zu Tode kam. Die Öffentlichkeit hat die Einzelheiten der Tat, die bei den Ermittlungen der Polizei zu Tage kamen, schon erfahren. Ein Teil wurde trotzdem geheim gehalten, da die Beweise so erdrückend waren, daß es nicht nötig gewesen war, alle Fakten preiszugeben. Erst heute, nach fast zehn Jahren, darf ich die fehlenden Glieder ergänzen, die eine überaus bemerkenswerte Kette bilden. Das Verbrechen war für sich genommen schon von Interesse, aber für mich war das gar nichts, wenn man es mit den unfaßbaren Folgeereignissen vergleicht, die mir den größten Schock und Überraschung meines abenteuerlichen Lebens bereiteten. Selbst heute, nach so langer Zeit, fühle ich noch die gleiche Spannung wenn ich zurückdenke und auch die plötzlich hereinbrechende Freude, Erstaunen und Ungläubigkeit, die über mich gekommen waren. Der Öffentlichkeit, die einiges Interesse an den Eindrücken, die ich ihr von Zeit zu Zeit über die Gedanken und Vorhaben eines gewissen Jemands gewährte, will ich sagen, daß es nicht an mir lag, daß ich mein Wissen nicht mitteilte. Denn ich hätte es als meine erste Pflicht angesehen, eben das zu tun, hätte mich ein Verbot aus seinem Munde nicht daran gehindert, welches erst am Dritten des letzten Monats wieder aufgehoben wurde.

Es ist nicht schwer sich vorzustellen, daß meine Nähe zu Sherlock Holmes mein Interesse an begangenen Verbrechen geweckt hatte und nach seinem Verschwinden habe ich es nie versäumt, mich über die Probleme, mit denen die Öffentlichkeit konfrontiert wurde, zu informieren. Ich versuchte sogar mehr als einmal für mein privates Vergnügen seine Lösungsmethoden anzuwenden, jedoch ohne Erfolg. Es gab jedoch kein Rätsel, das mich mehr ansprach, als die Tragödie von Ronald Adair. Als ich die Untersuchungsergebnisse las, die zu dem Schluß kamen, daß er von einer oder mehreren unbekannten Personen vorsätzlich ermordet worden war, wurde mir mehr denn je klar, welch einen Verlust wir alle mit dem Tod von Sherlock Holmes erlitten haben. Einige Punkte dieser seltsamen Angelegenheit hätten ihn sicher interessiert und von seiner Hilfe hätten die Bemühungen der Polizei sicher von der geübten Beobachtungsgabe und des wachen Verstandes des besten Detektivs Europas sehr profitiert. Den ganzen Tag drehte ich den Fall in Gedanken hin und her, aber fand keine zufriedenstellende Erklärung. Auf die Gefahr hin eine bekannte Geschichte noch einmal zu erzählen, rekapituliere ich hier die Fakten, wie sie der Öffentlichkeit damals bekannt waren.

Der ehrenwerte Ronald Adair war der zweite Sohn des Earl of Maynooth, damaliger Gouverneur einer der australischen Kolonien. Adairs Mutter kam aus Australien zurück, um sich einer Operation gegen den grauen Star zu unterziehen. Sie, ihr Sohn Ronald und ihre Tochter Hilda lebten zusammen in Park Lane Nummer 427. Er verkehrte in den besten Kreisen, hatte keine bekannten Feinde oder Laster. Er war mit Miss Edith Woodley aus Carstairs verlobt, aber diese wurde einige Monate zuvor im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst und es gab keine Anzeichen, daß irgendwelche verletzten Gefühle zurück blieben. Des weiteren spielte sich sein Leben in einem kleinen und überschaubaren Umfeld ab. Seine Gewohnheiten waren still und seine Natur unaufdringlich. Und doch wurde dieser unkomplizierte junge Aristokrat auf höchst unerwartete und rätselhafte Weise in den Stunden zwischen zehn und elf Uhr zwanzig in der Nacht zum 30. März 1894 vom Tode heimgesucht.

Ronald Adair spielte gerne und oft Karten, aber nie um solch hohe Einsätze, daß ihn der Verlust des Geldes geschmerzt hätte. Er war Mitglied im Baldwin, im Cavendish und im Bagatelle Spielklub. Es stellte sich heraus, daß er am Tag seines Todes nach dem Dinner eine Partie Whist im letztgenannten Klub spielte. Er war auch schon am Nachmittag dort gewesen. Die Aussagen seiner Mitspieler – Mr. Murray, Sir John Hardy und Colonel Moran – ergaben, daß sie Whist spielten, und daß das Spiel sehr ausgeglichen verlief. Adair mochte vielleicht 5 Pfund verloren haben, aber nicht mehr. Sein Vermögen war beträchtlich, so daß ihm ein solcher Verlust nichts hätte anhaben können. Er spielte fast jeden Tag in einem der Spielklubs, aber er spielte vorsichtig und ging zumeist als Sieger hervor. Es kam heraus, daß er im Team mit Colonel Moran in einer Partie einige Wochen zuvor sogar 420 Pfund von Godfrey Milner und Lord Balmoral gewonnen hatte. Soviel zu seiner jüngeren Geschichte, die bei den Befragungen herauskam.

Am Abend des Verbrechens kam er Punkt zehn Uhr aus dem Klub zurück. Seine Mutter und Schwester verbrachten den Abend bei einer Verwandten. Die Hausangestellte sagte aus, daß sie ihn in den vorderen Raum im ersten Stock, der als Wohnzimmer diente, eintreten hörte. Sie hatte dort im Kamin ein Feuer entfacht, und da es stark qualmte, das Fenster geöffnet. Es war still im Haus, bis um elf Uhr zwanzig Lady Maynooth und ihre Tochter zurückkehrten. In der Absicht, ihrem Sohn eine gute Nacht zu wünschen, wollte sie in das Zimmer ihres Sohnes eintreten, fand es aber von innen verschlossen vor. Er antwortete weder auf Klopfen noch auf Rufe. Sie holte Hilfe und die Tür wurde aufgebrochen. Der unglückliche junge Mann wurde neben dem Tisch liegend gefunden. Sein Kopf war von einer Revolverkugel schwer zugerichtet worden, aber es wurde keine Waffe im Zimmer gefunden. Auf dem Tisch lagen zwei Zehn Pfund Banknoten und 17 Pfund und zehn Schillinge in Gold und Silber. Das Geld war in Stapeln mit verschiedenem Wert aufgehäuft. Auf einem Blatt Papier waren einige Zahlen und gegenüber die Namen seiner Spielpartner geschrieben. Daraus wurde geschlossen, daß er vor seinem Tod versucht hatte, seine Gewinne und Verluste am Spieltisch zu bilanzieren.

Die genaue Ermittlung der Todesumstände machte den Fall noch komplexer. Zu allererst gab es keinen Grund für ihn, die Tür von innen abzuschließen. Natürlich hätte das auch der Mörder tun können und anschließend über das Fenster geflüchtet sein. Allerdings lag es mindestens sieben Meter über dem Boden und unter dem Fenster war ein Beet mit Krokussen in voller Blüte. Weder die Blumen, noch die Erde wiesen Spuren auf und auch auf dem schmalen Grasstreifen, der das Haus von der Straße trennte, war nichts dergleichen zu sehen. Demnach war es wohl der junge Mann selbst, der die Tür abgeschlossen hatte. Aber wie kam er dann zu Tode? Niemand hätte an der Wand hochklettern und durch das Fenster einsteigen können, ohne Spuren zu hinterlassen. Angenommen, jemand hätte von außen durch das offene Fenster geschossen, hätte es wirklich ein Meisterschütze sein müssen, um jemandem mit einem Revolver solch eine tödliche Wunde beizubringen. Auch ist Park Lane eine viel befahrene Durchgangsstraße mit einem Droschkenstand keine 100 Meter entfernt. Niemand hat einen Schuß gehört. Und doch war da der Tote und die Revolverkugel, vom Aufschlag flachgedrückt, wie es Weichmantelgeschosse tun, und dadurch eine Verletzung verursachte, die zum sofortigen Tod führte. Dies waren die Begleitumstände des Park Lane Mysteriums, das noch weiter verkompliziert wurde durch das völlige Fehlen eines Motivs, da, wie ich schon erwähnte, er keine bekannten Feinde hatte und auch das Geld und die Wertgegenstände im Zimmer nicht angerührt worden waren.

Den ganzen Tag ließ ich mir diese Fakten durch den Kopf gehen und versuchte eine Theorie zu finden, die auf alle Fragen eine Antwort hätte, um den Weg des geringsten Widerstandes zu finden, von dem mein armer Freund gesagt hatte, daß dieser der Ausgangspunkt jeder Ermittlung wäre. Ich muß gestehen, daß ich kaum Fortschritte machte. Am Abend ging ich durch den Park und fand mich gegen sechs Uhr abends an der Kreuzung Oxford Street und Park Lane. Eine Gruppe von Schaulustigen, die auf dem Gehweg standen und zu einem bestimmten Fenster hinauf schauten, führte mich zu dem Haus, das ich sehen wollte. Ein großer, schlanker Mann mit einer Sonnenbrille, von dem ich annahm, daß er ein Polizist in Zivil sei, erklärte gerade seine eigene Theorie, während ihm die anderen Leute zuhörten. Ich hörte ihm eine Weile zu, aber seine Schlußfolgerungen schienen mir arg absurd, also wandte ich mich leicht angewidert wieder ab. Dabei stieß ich mit einem älteren, gebeugten Mann zusammen, der hinter mir stand und daraufhin einige Bücher fallen ließ. Ich erinnere mich, daß ich beim Aufheben den Titel eines Buches gelesen hatte: »Der Ursprung der Baumanbetung«. Ich schloß, daß dieser Kerl ein armer Buchsammler sein mußte, der entweder als Geschäft oder Hobby diese exotischen Bücher sammelte. Ich versuchte mich für den Zusammenstoß zu entschuldigen, aber offenbar hatte dieses Buch, das ich unabsichtlich malträtiert hatte, einen großen Wert für seinen Besitzer. Mit einem verächtlichen Knurren drehte er sich um und ich sah seine gebeugte Gestalt und seine weißen Koteletten in der Menge verschwinden.

Mein Ausflug nach Park Lane 427 half wenig das Problem zu lösen, an dem ich interessiert war. Das Haus war durch eine kleine Mauer mit Geländer von der Straße getrennt, die beide zusammen aber nicht höher waren als anderthalb Meter. Daher war es sehr leicht für jeden in den Garten zu kommen. das Fenster jedoch war unerreichbar, da es keine Regenrinne oder dergleichen gab, an der man sich festhalten und hochklettern konnte. Verwirrter denn je, ging ich zurück nach Kensington. Ich war keine fünf Minuten in meinem Arbeitszimmer, als das Dienstmädchen hereinkam und eine Person ankündigte, die mich sehen wollte. Zu meinem Erstaunen war es niemand anderes als der kauzige alte Buchsammler. Sein kantiges, runzliges Gesicht stach aus einer Mähne von weißem Haar hervor. Seine kostbaren Bücher, mindestens ein Duzend davon, hielt er unter seinem rechten Arm.

»Sie sind überrascht mich zu sehen, Sir«, fragte er mit einer sonderbar krächzenden Stimme.

Ich gab zu, daß er Recht hatte.

»Nun, ich habe ein schlechtes Gewissen, Sir, und als ich Sie durch Zufall in dieses Haus gehen sah, dachte ich mir, ich könnte vielleicht eintreten und diesem netten Herrn sagen, daß ich vorhin etwas rüde war und es nicht so gemeint war und ich ihm vielmals dafür danke, daß er meine Bücher aufgehoben hat.«

»Sie machen aus einer Mücke einen Elefanten.«, sagte ich. »Darf ich fragen, woher Sie wußten, wer ich bin?«

»Nun, Sir, wenn es Ihnen nichts ausmacht, ich bin ein Nachbar von Ihnen, Sie finden meinen Buchladen an der Ecke zur Church Street und es würde mich freuen, wenn sie mal vorbeikämen. Vielleicht sammeln Sie ja selbst, Sir. Hier sind ›Britische Vogelarten‹ und ›Catullus‹ und ›Der heilige Krieg‹ – jedes von ihnen ein kleines Vermögen wert. Mit fünf Bänden könnten Sie diese kleine Lücke dort oben auf dem Regal füllen. Es sieht unaufgeräumt aus, nicht wahr?«

Ich schaute nach rechts, um das Regal zu begutachten. Als ich mich wieder umdrehte, stand Sherlock Holmes mir gegenüber, lächelnd. Ich sprang auf die Füße und starrte ihn einige Sekunden in wildester Verwirrung an und dann muß ich wohl das erste und letzte Mal in meinem Leben in Ohnmacht gefallen sein. Ein grauer Schleier schwirrte vor meinen Augen und als er sich lichtete fand ich mich auf dem Boden wieder, mein Kragen geöffnet und der prickelnde Nachgeschmack von Brandy auf meinen Lippen. Holmes war über mich gebeugt, die Flasche in seiner Hand.

»Mein lieber Watson«, sagte die wohl bekannte Stimme, »ich schulde Ihnen eintausend Entschuldigungen. Ich hätte nie gedacht, daß Sie das so mitnimmt.«

Ich griff ihn am Arm.

»Holmes!« schrie ich. »Sind Sie es wirklich? Kann es wirklich sein, daß Sie am Leben sind? Ist es möglich, daß Sie erfolgreich aus diesem grauenvollen Abgrund herauskletterten?«

»Warten Sie einen Moment«, sagte er. »Sind Sie sicher, daß Sie in der Lage sind, über diese Dinge zu reden? Ich habe Ihnen mit meinem unnötig dramatischen Auftritt einen ziemlichen Schock bereitet.«

»Mir geht es gut. Aber ehrlich, Holmes, ich kann es kaum fassen. Gute Güte! Daß ausgerechnet Sie hier in meinem Arbeitszimmer stehen.« Wieder faßte ich ihn am Ärmel und fühlte seinen dünnen, sehnigen Arm darunter. »Also, Sie sind jedenfalls kein Geist,« sagte ich. »Mein lieber Freund, ich bin überglücklich, Sie zu sehen. Setzen Sie sich und erzählen Sie mir, wie Sie aus dieser fürchterlichen Schlucht entkommen sind.«

Er saß mir gegenüber und zündete sich in seiner gewohnt nonchalanten Art eine Zigarette an. Er trug immer noch den schäbigen Mantel des Buchverkäufers, aber der Rest dieser Person lag in einem kleinen Haufen weißer Haare und alter Bücher auf dem Schreibtisch. Holmes war dünner und angespannter als früher, auch war da ein weißer Farbton auf seiner Adlernase, der mir sagte, daß sein Lebenswandel in letzter Zeit nicht gerade gesund war.

»Ich bin froh, mich einmal auszuruhen, Watson«, sagte er. »Es ist kein Spaß, wenn ein großer Mann sich über Stunden als ein kleinerer ausgeben muß. Nun mein Freund, was die Erklärungen angeht, so haben wir, wenn Sie mich heute Abend begleiten wollen, eine schwere und gefährliche nächtliche Arbeit vor uns und könnten uns vielleicht danach über meinen Werdegang unterhalten.«

»Ich bin so voller Neugier, daß ich es am liebsten sofort hören würde.«

»Kommen Sie heute Nacht mit mir mit?«

»Überall hin, zu jeder Zeit.«

»Dann ist es wirklich wie in den alten Zeiten. Wir haben noch Zeit für einen Happen Abendessen, bevor wir los müssen. Also, was die Schlucht angeht, so war es für mich sehr leicht dort, heraus zu kommen, aus dem einfachen Grund, daß ich niemals darin war.«

»Sie waren nie in der Schlucht?«

»Nein, Watson, das war ich nicht. Meine Nachricht an Sie war jedoch absolut ehrlich gemeint. Ich hatte wenig Zweifel, daß mein Ende nah war als ich die dunkle Gestalt des nun verblichenen Professors Moriarty zwischen mir und dem schmalen Weg in Sicherheit erblickte. Ich sah eine erbarmungslose Absicht in seinen grauen Augen. Nach dem Austausch einiger Bemerkungen, durfte ich Ihnen mit seiner freundlichen Erlaubnis diese kurze Notiz schreiben, die Sie ja später auch gelesen haben. Ich ließ meine Zigarettenschachtel und meinen Stock zurück und ging weiter den Pfad hinauf, Moriarty direkt hinter mir. Am Ende angekommen saß ich in der Falle. Er zog keine Waffe, kam aber auf mich zugestürzt und packte mich mit seinen Armen. Er wußte, daß sein Spiel vorbei war und wollte sich nur noch an mir rächen. Wir rangelten und taumelten am Rand des Abgrunds. Glücklicherweise habe ich einige Kenntnis des japanischen Kampf-Stils Baritsu, die mir schon bei vielen Gelegenheiten sehr nützlich war. Ich entkam also seinem Griff und er suchte fürchterlich schreiend und mit den Armen einige Sekunden lang in der Luft wirbelnd nach Halt, jedoch ohne Erfolg und stürzte in die reißenden Fluten. Über den Rand gebeugt, sah ich ihn in die Tiefe fallen. Dann schlug er auf einen Felsen auf, prallte ab und platschte ins Wasser.«

Gebannt hörte ich Holmes' Bericht zu, der nur von gelegentlichen Zügen an der Zigarette unterbrochen wurde.

»Aber die Fußspuren!« rief ich aus. »Ich sah doch mit eigenen Augen, daß zwei hin und keine zurück führten.«

»Das erklärt sich folgendermaßen. In dem Moment, als der Professor abstürzte, kam mir der Gedanke welch ausgesprochene glückliche Fügung mir das Schicksal brachte. Ich wußte, daß nicht nur Moriarty meinen Tod wollte. Es gab da mindestens drei andere, deren Rachedurst durch den Tod ihres Anführers nur noch geschürt wurde. Sie waren alle hochgefährliche Männer. Einer von denen hätte mich sicher gekriegt. Andererseits, wenn die ganze Welt von meinem Tod überzeugt wäre, würden diese Männer sicher nachlässig und sich verraten, so daß ich sie früher oder später erwischen würde. Dann erst wäre es für mich an der Zeit bekannt zu geben, daß ich immer noch im Reich der Lebenden weile. So schnell schossen mir diese Gedanken durch den Kopf, daß ich glaube, ich hatte das alles schon durchdacht, bevor Professor Moriarty unten an den Reichenbachfällen aufschlug.

Ich stand auf und begutachtete die Felswand hinter mir. In Ihrem blumenreichen Bericht des Vorfalls, den ich einige Monate später höchst interessiert las, sprachen Sie davon, daß diese Wand unbezwingbar sei. Das war nicht ganz der Fall. An ein paar kleinen Stellen konnte man Fuß fassen und es gab auch einen winzigen Absatz. Das gesamte Kliff hochzuklettern war, da hatten Sie recht, allein schon wegen der Höhe unmöglich und daßelbe galt für den Rückweg über den nassen Pfad, ohne Spuren zu hinterlassen. Ich hätte natürlich, wie ich es früher schon ein paar mal gemacht habe, rückwärts laufen und so meine Abdrücke umkehren können, jedoch hätte ein drittes Paar Fußspuren in die gleiche Richtung eindeutig nach einem Trick ausgesehen. Alles in allem war es daher am besten, den Aufstieg zu versuchen. Ich sage Ihnen, Watson, das war keine angenehme Aufgabe. Der Wasserfall dröhnte unter mir. Ich bin kein leichtgläubiger Mensch, aber ich hätte schwören können, daß ich Moriarty aus der Schlucht hinauf habe schreien hören. Ein Fehltritt wäre tödlich gewesen. Mehr als einmal, als ich statt Fels nur Grasbüschel in der Hand hatte oder in den nassen Scharten des Felsens abrutschte, dachte ich es wäre nun vorbei mit mir. Aber ich kämpfte mich weiter nach oben und erreichte einen Vorsprung, vielleicht einen Meter breit und mit weichem Moos bedeckt. Dort konnte ich mich sehr komfortabel verstecken. Dort lag ich ausgestreckt, als Sie dann, mein lieber Watson, und all Ihr Gefolge kamen und in rührendster und ineffektivster Weise die Umstände meines Todes erforschten.

Schließlich, als Sie alle Ihre naheliegenden, doch vollkommen falschen Schlußfolgerungen zogen und zum Hotel zurück gingen, war ich wieder allein. Ich dachte eigentlich, daß damit meine Abenteuer an diesem Tag beendet wären, aber eine unerwartete Wendung zeigte mir, daß auf mich immer noch Überraschungen lauerten. Ein großer Felsblock schoß von oben herab an mir vorbei, fiel auf den Pfad und rollte weiter in den Abgrund. Einen Augenblick lang dachte ich es hätte sich um einen Zufall gehandelt, aber dann sah ich, als ich hinaufschaute, den Umriß eines Kopfes gegen den Nachthimmel und ein weiterer Brocken traf den Absatz, auf dem ich lag und verfehlte meinen Kopf nur um Haaresbreite. Natürlich war die Bedeutung dessen klar. Moriarty ist nicht allein gewesen. Ein Komplize – und obwohl ich nur einen kurzen Blick auf ihn erhaschte, wußte ich wie gefährlich dieser Komplize war – hat für den Professor Wache gehalten als er mich angriff. Aus einiger Entfernung und von mir unentdeckt war er Zeuge des Todes seines Freundes und meines Entkommens geworden. Er wartete und ging dann außen herum zur Spitze des Kliffs, von wo aus er beabsichtigte, das Werk zu vollenden, bei dem sein Kamerad gescheitert war.

Ich hatte kaum Zeit nachzudenken, Watson. Wieder sah ich das grimmige Gesicht über das Kliff sehen und wußte, daß gleich der nächste Stein fallen würde. Ich kämpfte mich wieder hinunter zum Pfad. Ich hätte es wahrscheinlich nicht geschafft, wenn ich Zeit gehabt hätte nachzudenken, es war hundertmal schwieriger als der Aufstieg. Es gab aber nur diese Möglichkeit. Ein weiterer Stein sauste herab, als ich mit den Händen an dem Felsvorsprung hing. Nach der halben Strecke rutschte ich ab und fiel hinunter, aber Gott sei Dank landete ich blutend und verstaucht auf dem schmalen Pfad. Ich nahm daraufhin die Beine in die Hand und schaffte zehn Meilen über die Berge in der Dunkelheit und eine Woche später erreichte ich Florenz mit der Gewißheit, daß niemand auf der Welt wußte was aus mir geworden war.

Ich hatte nur einen Mitwisser – meinen Bruder Mycroft.

Ich schulde Ihnen so viele Entschuldigungen, meine lieber Watson, aber es war sehr wichtig, daß jeder glaubte ich sei tot, und sicherlich hätten Sie keinen so überzeugenden Todesbericht über mich verfaßt, wenn Sie nicht selbst geglaubt hätten, daß es wahr wäre. Ich habe in den letzten drei Jahren so oft meinen Stift angesetzt, um Ihnen einen Brief zu schreiben, aber jedes Mal fürchtete ich, daß Sie aus Sorge um mich versucht sind, sich zu verplappern und dadurch mein Geheimnis verraten. Darum habe ich mich auch heute Abend von Ihnen weggedreht, als Sie meine Bücher zu Boden warfen, denn ich war zu der Zeit in Gefahr und jedes Zeichen der Überraschung oder ein Gefühlsausbruch Ihrerseits hätte meine Fassade zerstört und betrübliche und irreparable Konsequenzen gehabt. Was Mycroft angeht, so mußte ich ihn einweihen, damit er mir das nötige Geld zukommen lassen konnte. Die Ereignisse hier in London liefen nicht so gut wie ich es mir erhofft hatte. Der Prozeß gegen die Moriarty-Bande ließ zwei der gefährlichsten Mitglieder, meine persönlichen und rachsüchtigen Feinde, auf freiem Fuß. Darum bereiste ich zwei Jahre lang Tibet, besuchte Lhasa und verbrachte einige Tage mit dem Dalai Lama. Sie haben vielleicht von den bemerkenswerten Entdeckungen eines gewissen Norwegers namens Sigerson gelesen, aber ich wette, es ist ihnen nie in den Sinn gekommen, daß Sie in Wirklichkeit Nachrichten Ihres alten Freundes empfingen. Danach durchquerte ich Persien, schaute in Mekka vorbei, stattete dem Kalifen in Khartoum einen kurzen, doch interessanten Besuch ab, dessen Ergebnisse ich über das Auswärtige Amt übermitteln ließ. Wieder in Frankreich verbrachte ich einige Monate mit der Forschung an Steinkohle-Derivaten in einem Labor in Montpellier im Süden Frankreichs. Als diese zu meiner Zufriedenheit abgeschlossen war und ich herausfand, daß nur noch einer meiner Feinde sich in London aufhielt, fand ich es an der Zeit wieder zurück zu kehren. Diese Pläne wurden noch beschleunigt durch das sonderbare Park Lane Mysterium, das mich nicht nur von sich aus ansprach, sondern auch einige ganz vorzügliche persönliche Möglichkeiten bot. Ich kam also sofort nach London, stellte mich wieder als Sherlock Holmes in der Baker Street vor, versetzte Mrs. Hudson dadurch in einen hysterischen Anfall und fand heraus, daß mein Bruder Mycroft meinen Raum und meine Papiere so konserviert hatte wie sie immer schon waren. So war es also, mein lieber Watson, daß ich um zwei Uhr heute Mittag wieder in meinem alten Sessel saß und mir nur wünschte, daß mein alter Freund Watson den anderen Stuhl zieren würde.«

Dieser kaum zu fassenden Geschichte habe ich also an diesem Abend im April gelauscht, eine Geschichte, die ich niemals geglaubt hätte, wenn sie nicht durch die Anwesenheit der schmalen Figur mit dem kantigen Gesicht, von dem ich nie gedacht hätte es jemals wiederzusehen, bestätigt worden wäre. Irgendwie hatte er auch von meinem schmerzlichen Verlust erfahren und seine Anteilnahme zeigte sich mir mehr in seinem Gebaren als in seinen Worten. »Arbeit ist das beste Mittel gegen Trauer mein lieber Watson«, sagte er, »und vor uns liegt ein Stück Arbeit, das, wenn erfolgreich erledigt, für sich allein schon die Existenz auf diesem Planeten rechtfertigt.« Vergeblich flehte ich ihn an mehr zu verraten. »Sie werden noch genug sehen und hören bevor der Morgen graut«, antwortete er. »Wir haben die drei zurückliegenden Jahre zu besprechen. Lassen Sie es damit bis halb zehn gut sein, wenn wir unser rühmliches Abenteuer des leeren Hauses beginnen.«

Es war tatsächlich wie in alten Zeiten als wir zur genannten Stunde zusammen in einer Droschke saßen, mein Revolver in meiner Tasche und der Nervenkitzel des Abenteuers im Herzen. Holmes war emotionslos, ernst und still. Als ein Strahl der Straßenlaterne auf sein düsteres Gesicht fiel, sah ich, daß seine Augenbrauen nachdenklich zusammengezogen und seine Lippen zusammengepreßt waren. Ich wußte zwar nicht welche wilde Bestie wir im Dschungel des kriminellen Londons jagen wollten, aber ich war mir sicher, anhand des Verhaltens dieses Meisterjägers, daß dieses Abenteuer ein tückisches war – während das sardonische Lächeln, das gelegentlich über sein Gesicht huschte, kein gutes Zeichen für unsere Beute war.

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