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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Siebenter Abschnitt.

Nach zween Tagen erschien Hieronymus, vor des Bauers Hütte, abermals zu Pferde. Ihm folgten zween von seinen Kornwagen, leer, nur daß auf einem ein Sarg stand. In diesen ward Wilhelminens Leichnam geleget. Unterdessen daß der Bauer mit seinen und Hieronymus Knechten des Sebaldus sämtliche Mobilien auf die Wagen packte, ging Hieronymus zum Mag. Tuffelius, um für die doppelte Beerdigung die Gebühren zu bezahlen. Tuffelius bezeigte über des Sebaldus Unfälle ein christliches Mitleiden, versicherte, daß er gegen denselben gar keine Feindschaft hege, und um sein verträgliches Gemüth zu zeigen, erbot er sich sogar, der sel. Frau Pastorin eine öffentliche Leichenpredigt zu halten, wenn es dem Herrn Hieronymus beliebte die Gebühren dafür zu entrichten. Dieser fand es aber eben nicht nöthig, und kehrte nach dem Bauerhause zurück, wo er mit Beyhülfe des gutherzigen Bauern die Beerdigung beider Leichen besorgte, und unmittelbar darauf Sebaldus und Marianen mit sich nach der Stadt nahm.

Sie hielten sich einige Monate in Hieronymus Hause auf, ohne daß ihnen der geringste Unfall begegnet wäre. Zwar hielt D. Stauzius, den Sonntag nach ihrer Ankunft, eine scharfe Gesetzpredigt über den Spruch: einen ketzerischen Menschen meide, worinn er sehr deutlich zeigte, daß derjenige, der einen ketzerischen Menschen beherberget, sich seiner Sünden theilhaftig machet, welches er mit 2 Joh. v. 10. bestätigte. Doch hatte er das Misvergnügen, daß diese Predigt gar nicht auf Sebaldus, sondern auf einen katholischen Zuckerbecker gedeutet ward, den der Fürst hatte aus Wien kommen lassen. Und da durch Veranlaßung dieser Predigt, auf dem eben vorseyenden Landtage, die Ritterschaft aus diesem Zuckerbecker ein Landesgravamen machte, und Sr. Durchl. in Unterthänigkeit vorstellte, daß das süße Confect dieses Mannes die Bitterkeit der papistischen Lehre nimmermehr versüßen könte, so bekam D. Stauzius noch dazu aus dem Fürstl. Cabinette einen Verweis, den er zu den Trübsalen rechnete, die der Satan frommen Lehrern erwecket, und ihn in Geduld ertrug, bis er in der am Ende des Landtages zu haltenden Predigt, sich wider diejenigen die den Wächtern Zions ihre Wachsamkeit verweisen, mit Nachdruck erklären könnte.

Sebaldus und Mariane, die die ihnen zugedachte Abkanzelung nicht einmahl erfahren hatten, lebten indessen sehr ruhig und vergnügt. Mariane beschäftigte sich mit weiblichen Arbeiten und mit dem Unterricht zweyer kleinen Töchter des Hieronymus. Sebaldus aber, brachte die meiste Zeit in Hieronymus Laden zu, um aus alten prophetischen Schriften Collectaneen zu seinem apocalyptischen Commentar zu sammlen. Er durfte auch nicht befürchten, daß ihn hier etwa einer von seinen Feinden stören möchte, denn weder der Präsident, noch der Superintendent hatte im Buchladen etwas zu thun. Der erste war ein Genie, und als ein solches hielt er es für sich nicht anständig, viel zu lesen, der andere erwartete alle Wirkung seiner Predigten von der seligmachenden Gnade, und hielt also alle menschliche Gelehrsamkeit für ganz überflüßig.

So zufrieden aber auch Sebaldus und Mariane in dem Hause ihres freundschaftlichen Wirthes waren, so lagen sie ihm doch beständig an, für sie Posten zu finden, in denen sie ihren Unterhalt erwerben könnten. Kurz darauf fand sich eine gewünschte Stelle für Marianen, denn als Hieronymus wieder in Geschäften verreiset war, erfuhr er, daß eine adeliche Dame, eine französische Demoiselle zu Erziehung ihrer beiden Fräulein verlangte. Hierzu schlug er Marianen vor, die auch sehr gern darin willigte. »Diese Stelle, sagte Hieronymus, scheint für Sie sehr vortheilhaft zu seyn, aber ich rathe Ihnen, nicht Ihren Namen zu führen. Diese Dame ist eine weitläuftige Verwandtin des D. Stauzius, und ich befürchte, er mögte aus Rachgier Ihnen auch dort üble Dienste leisten. Und ob es gleich heißt, daß Sie zur Erziehung der jungen Fräulein berufen werden, so ist doch, wie ich merke, die Uebung in der französischen Sprache, das vornehmste, das von Ihnen verlangt wird. Ich habe Sie also, als die Tochter eines von den Russen vertriebenen französischen Predigers aus einem Städtgen der Neumark angekündigt. Dessen Namen müssen Sie also führen, weil der Namen vielleicht nicht wenig beigetragen hat, daß Sie andern Competentinnen. sind vorgezogen worden.«

Mariane nahm also einen französischen Namen an, ob in en oder in ere, oder in on, oder in ac, haben wir nicht eigentlich erfahren können, und reisete mit demselben, und einem Empfelungsschreiben des Hieronymus versehen, nach dem Gute der Frau von Hohenauf ab, welches sechszehn Meilen von der fürstl. Residenzstadt entlegen war.

Ende des ersten Buchs.

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