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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Sechster Abschnitt.

Wilhelminens Krankheit nahm sehr schnell zu, und bey der kleinen Charlotte, die einige Tage in der äussersten Hitze lag, fingen sich an die Pocken zu zeigen. Der ehrliche Bauer pflegte sie so sehr, als es seine eigene nothdürftige Umstände erlaubten. Er gab ihnen seine einzige Stube ein, schlief mit Sebaldus abwechselnd in der Scheune, und wachte mit ihm abwechselnd bey den Kranken. Mariane aber kam ihrer kranken Mutter und Schwester nie von der Seite. Alles was möglich war, um ihnen Erleichterung zu verschaffen, that sie, aber leider! war nur sehr wenig möglich. Mit jedem Tage vermehrte sich das Elend. Wilhelmine in der äussersten Entkräftung, Charlottchen mit zusammenfliessenden Eiterbeulen überdeckt, keine Arzney, wenig Speise, keinen Freund ausser dem ehrlichen Bauer, keine Hofnung, daß dieser Zustand verbessert werde, keine Aussicht wie man in diesem Zustande fortleben könne. Schon seit einigen Wochen hatte die Familie von dem Verkaufe einiger Wäsche und Mobilien gelebt, die der Bauer, wenn er zu Markte fuhr, in der Stadt verkaufte. Es war zu übersehen, daß diese kleine Hülfe nicht lange dauren könnte. Hernach zeigte sich der kommende Winter, keine Nahrung, kein Obdach, das bitterste Elend. »O großer Gott, rief Sebaldus aus, verdienet eine Abweichung von den symbolischen Büchern, daß eine Familie, die beständig nach deinen Geboten zu wandeln beflißen gewesen, in den kläglichsten Mangel gestürzt werde!«

Inzwischen beschäftigte das gegenwärtige und vergangene Elend den Geist viel zu sehr, als daß oft an das künftige gedacht werden konnte. Jeder Tag sezte zu der großen Masse des Kummers seinen reichlichen Antheil hinzu. Charlottgens Krankheit stieg schnell bis auf den äußersten Gipfel. Je mehr die Säfte ihres Körpers in die schreckliche Gährung geriethen, durch die alle Theile aus der Mischung, in der sie sich einander zusammenhalten und ernähren, in die versezt werden, in der sie sich einander zerstören und auflösen, desto mehr nahm ihr zarter Geist an gezwungener Stärke, an tumultuarischer Thätigkeit zu. Phantasien traten an die Stelle der Empfindungen, und ein taubes Hinbrüten an die Stelle der sanften Ruhe, die Körper und Geist erquickt. Sie gerieth endlich einen Tag lang in einen betäubenden Schlummer, aus dem sie mit der Heiterkeit einer gesunden Person erwachte, sie streckte ihre kleine Hände mit einem zärtlichen Lallen nach dem Bette ihrer schwachen Mutter aus, redete ihren Vater und ihre Schwester an, die sie seit acht Tagen, bey aller zärtlichen Bemühung derselben ihr zu helfen, nicht gekannt hatte, richtete ihr Haupt auf, forderte ihres Vaters Segen, aber indem er einen Schritt zu ihr trat, sank sie zurück in die Arme ihrer Schwester, die sie unterstützen wollte. Mariane that einen lauten Schrey, Sebaldus fiel auf den todten Körper, die schwache Wilhelmine richtete sich auf, als ob sie ihrer Tochter helfen wollte. Umsonst! sie war dahin. Nun sank Sebaldus in die tiefe Betäubung, die keinen Theil des Elends einzeln empfindet, weil das Ganze die Seele völlig eingenommen hat. Auch Marianens Kräfte reichten nicht zu, so viel Unglück zu ertragen. Sie fiel unter einem Strome von Thränen auf ihr Lager, und blieb den ganzen Tag in einer betäubenden Mattigkeit, ohne daß sie im Stande war, ihrer kranken Mutter die gewöhnlichen zärtlichen Liebesdienste zu leisten. Wilhelmine aber, die bisher in der äußersten Entkräftung gelegen hatte, rief alle ihre Lebensgeister hervor, um ihr überschwengliches Elend zu empfinden, denn bey großer Traurigkeit ist die Traurigkeit selbst der einzige Genuß, und daher der Seele angenehm. So schwach sie war, so wendete sie Kräfte an, bald zu klagen, bald zu seufzen, bald, weil selbst der Anblick der Leiche ihre Zärtlichkeit stärker auf die Lebendigen zog, um ihren Mann und ihre Tochter zu trösten. Sie wollte sogar aufstehen, um denen Handreichung zu leisten, deren Handreichung sie selbst nöthig hatte. Aber hier merckte sie, daß ihr Körper schwächer war, als ihr Geist. Sie fiel ermattet nieder, und konnte nur noch blos durch Zureden Trost geben. So brachte diese unglückliche Familie eine Nacht und einen Tag zu, ihr Elend ganz zu empfinden, und einen sehr kleinen Theil davon durch wechselseitigen Trost zu erleichtern. Am Ende dieses Tages fühlte Wilhelmine schon, daß sie mehr Kräfte hatte anwenden wollen als sie besaß, sie fiel Abends in eine außerordentliche Ermattung, und in ein mit vieler Hitze verknüpftes Fieber. Kaum konnte sie gegen Mitternacht einen unruhigen unerquickenden Schlaf genießen. Sie brachte den folgenden Tag in einem schmachtenden Zustande zu. Gegen Abend ergriff sie das Fieber mit viel stärkerer Hitze, sie erwachte des andern Morgens bey Sonnenaufgang äusserst entkräftet, und empfand etwas, dergleichen sie noch nie empfunden hatte. Sie legte ihre Hand in die Hand ihres Mannes, der nebst Marianen die ganze Nacht über nicht von ihrem Bette gewichen war, und sagte mit schwacher Stimme: »Ich sterbe, ich fühle es. Vergeben Sie mir es, mein lieber Mann, daß mein unbedachtsamer Enthusiasmus, den ich oft genug bereuet habe, die unerwartete Folge gehabt hat, Sie und unsere ganze Familie unglücklich zu machen. Der Tod fürs Vaterland ist der Vorwand unsers Unglücks; wollte Gott, ich könnte ihn sterben diesen Tod! Doch ich würde achten, daß ich fürs Vaterland gestorben wäre, wenn unser Unglück von einer empfindsamen Seele nacherzählt, unsere Geistlichen warnen könte, wegen Verschiedenheit der Lehre nicht die bittere Feindschafft aufeinander zu werfen, die die eigentliche Ursach unsers Unglücks ist. Meine Absicht war gut. Mich und unsere Feinde richte der allmächtige Gott, der das innerste der Herzen kennet. Lebe wohl, meine liebe Tochter, lebe so, wie dich deine Aeltern gelebter haben, tugendhaft und unsträflich. Gott gebe, daß du deinen Bruder noch einmahl glücklich wieder sehest. Ists möglich, so unterstütze deinen alten Vater, so lange er lebt. Gott sey dein Erhalter! Seiner Vorsorge empfele ich dich, denn leider von Menschen bist du verlaßen! Umarme mich!« – Hier entrannen zwo Thränen ihren sich brechenden Augen, deren jedes nicht mehr Feuchtigkeit in sich zu halten schien, als nur eine einzige Thräne. Mariane küßte sie auf, und drükte ihren Mund auf den Mund ihrer Mutter, deren Haupt in diesem Augenblick sanft auf ihre linke Schulter sank, und die matten Hände glitten ab, die sie eben um ihre Mariane schlingen wollte. Sie entschlief. Mariane hatte nur noch Kraft, ein wimmerndes Seufzen hören zu laßen, indem sie ihr nochmals den kalten Mund küßte, und hernach sanft die Augen zudrückte. Sie fiel stumm in ihren Stuhl zurück, ohne Thräne, gleich einem unbeweglichen Bilde. Sebaldus in thränenloser Verzweifelung, stumm und staunend, saß ohne Bewegung, außer, daß er seinen düstern Blick von der Leiche seiner kleinen Tochter zu der Leiche seiner Frau wendete. So saßen zwischen zwo geliebten Leichen zween Lebende, todtenähnlich, in stummen Todeskummer. Der einzige Laut den man hörete, war von dem gutherzigen Bauer, der auf der Bank am Ofen sitzend, den Kopf an die Wand gelehnt, innerlich schnuckte.

So saßen sie, und der Mittag war vorbey, ohne daß jemand sich gereget, oder etwas zu sich genommen hätte, als ein Mann in einem großen Reiserocke und in einer Reisekappe vor der Thür vom Pferde abstieg, und in die Stube trat. Es war Hieronymus, der in seinen Geschäften verreiset gewesen war. Weil ihn sein Rückweg durch dieses Dorf führte, so wolte er seinen alten Freund den Pastor besuchen. Er fand aber im Pfarrhause, anstatt seines Freundes, den Magister Tuffelius und den Superintendenten, die eben abgespeist hatten, und nach Tische noch bey einem Glase Wein, von alten Geschichten, von der Convention von Closter-Seven und von dem Atheismus der in den Brandenburgischen Landen, statt der symbolischen Bücher eingeführt werden solte, u. d. gl. sich unterhielten. Sie nöthigten ihn aufs freundlichste hinein, so bald er aber von ihnen den ganzen Vorgang erfahren hatte, setzte er sich alles Nöthigens ohngeachtet wieder zu Pferde, und ritt nach dem ihm bezeichneten Bauerhause.

Hier fand er den traurigsten Anblick. Das Kind im Sarge, die Mutter erblasset, die Tochter halb ohnmächtig, den Vater vor Schmerz betäubt, den gutherzigen Bauer, der anfing ihnen Trost zuzusprechen, da er selbst Trost nöthig gehabt hätte. Beym Anblicke des Hieronymus ergoß sich das weiche Herz der Mariane in einen Thränenstrom. Sie zeigte auf die Leiche ihrer Mutter und Schwester, ihre Blicke sagten mehr, als ihre gestamleten Worte. Hieronymus brachte auch Thränen anstatt Worte herfür. Mariane fiel von Thränen erschöpft in seinen Armen in Ohnmacht. Er brachte sie mit Hülfe des gutherzigen Bauers wieder zu sich. Nun ging seine Sorge auf Sebaldus, der, starre Blicke auf beide geliebte Leichen geheftet, ohne alle Empfindung dessen, was um ihn vorgieng, da saß. Auf alles Zureden des Hieronymus, antwortete er nur durch abgebrochene Worte, tiefe Seufzer und starre Blicke gen Himmel. Endlich stand er auf, hob seine beiden Hände empor, faltete sie, und brach in apocalyptischer Entzückung folgendermaßen aus: »Ja, ich habe Unrecht, o meine verklärte Wilhelmine, dich zu beklagen, daß du einer Welt voll Elend, voll Betrug, voll Bosheit bist entrissen worden: wo das Laster in güldenem Stücke gehet, wo Tugend und Menschenfreundschaft betteln muß, wo fühllose Priester noch jenseits dieses Lebens ihre Verdammungen ausspenden. Wohl dir, daß du gestorben bist! Zwar betrübt mich dein Abschied jetzt sehr, aber o wie sehr viel freudiger wird unsere Zusammenkunft seyn, wenn wir uns in dem himmlischen Jerusalem wiedersehen werden, wo kein Verbannetes mehr seyn wird, wo wir sehen werden den lautern Strom des lebendigen Wassers, klar wie ein Crystall, wo die, die da siegeten an dem Thiere und seinem Bilde und an der Zahl seines Namens, stehen werden, und haben Gottes Harfen, und singen das Lied Mosis und das Lied des Lämmleins, und sprechen: Groß und wundersam sind deine Werke, Herr Gott, Allmächtiger, gerecht und wahrhaftig sind deine Wege du König der Nationen! Wer sollte dich nicht fürchten, Herr, und deinen Namen verherrlichen, weil du so gnädig bist!«

Mit diesen und andern Worten der Apocalypse tröstete sich Sebaldus, und suchte Kräfte, sein Leid zu ertragen. Hieronymus ließ ihn in dieser beruhigenden Extase, gieng zu seinem Mantelsacke, der noch auf dem Pferde lag, holte daraus ein paar gebratene Hüner, und unter einem seiner Pistolenhulfter, eine geschliffene Flasche Rheinwein hervor, denn er pflegte auf Reisen, die Pistolen für seine Feinde, und den Wein für seine Freunde bey sich zu führen. Er zog seinen schweren Reiserock aus, und bereitete in der Scheune das Mahl, von dem er und der Bauer ihrer Traurigkeit ungeachtet, dennoch herzlich aßen, weil sie beide hungrig waren. Sebaldus und Mariane aber, nahmen auf wiederhohltes Zureden, wenigstens so viel zu sich, daß der Körper in den Stand gesetzt ward, die Bekümmernisse der Seele besser zu ertragen.

Nach der Mahlzeit trug Hieronymus mit dem Bauer, Wilhelminens erblassten Körper, und den Sarg der kleinen Tochter in die Scheune, die dem Sebaldus bisher zum Nachtlager, und noch kürzlich zum Speisezimmer gedient hatte. Er rieth Sebaldus und Marianen, nunmehr ihren Körper zu pflegen, da sie die Todten nicht mehr pflegen konnten. Er versprach in zween Tagen wiederzukommen, und für Wilhelminens und des Kindes Begräbniß zu sorgen. Zuletzt erbot er sich, alsdenn Sebaldus und Marianen mit sich nach der Stadt zu nehmen, wo sie ihm in seinem Hause willkommen seyn solten. Beide nahmen ein so freundschaftliches Anerbieten mit Dank an. Hieronymus bat Vater und Tochter nochmals, ihre Traurigkeit zu mäßigen, gab, als er seinen Reiserock aus der Scheune holte, dem Bauer etwas Geld, um sie besser pflegen zu können, umarmte sie, und ritt nach Hause.

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