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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Letzter Abschnitt.

Die Quaterne ward bezahlt, und Säugling ward kurz darauf mit Marianen verbunden. Die ersten Honigmonate verflossen in allen Entzückungen einer zärtlichen Liebe. Säugling machte sich den schönsten Plan zu einem arkadischen Schäferleben, voll Zärtlichkeit, Unschuld, Liebe, und besonders voll lieblicher Gedichte. Indessen gieng es in der folgenden Zeit nicht ganz nach diesem schön ausgedachten Plan. Mariane hatte, während ihres einsamen Winteraufenthaltes im Hause im Walde, und sonst, Gelegenheit gehabt zu erfahren, wie eitel poetische Phantasien sind, wenn sie ins gemeine Leben gebracht werden. Ihr kleiner Hang zu romantischen Gesinnungen, und die, von Jugend an, so gern gehegten Aufwallungen der Einbildung, verschwanden, da sie in die wichtigen Verhältnisse des wirklichen Lebens trat. Ihre süßen empfindsamen Phantasien, ersetzte ihr wirkliche Liebe, ihre unbestimmten Aussichten auf überschwengliche himmlische Seligkeiten, gemäßigtes, aber wahres Wohlbefinden. Gespräch vom Wohlthun, machte thätiger Geschäfftigkeit Raum. Sie weihte sich ganz ihren Pflichten, ward eine Landwirthinn, versorgte ihr Haus, und erzog ihre Kinder. Sie verschmähte auch nicht die kleinen Unannehmlichkeiten, die das häusliche Leben mit sich führt. Ihrem edlen Geiste ward dadurch von seiner feinen Empfindung nichts entzogen, sie ward vielmehr dadurch gestärkt. Mariane empfand nunmehr, wie weit sentimentales Gefühl, im wirklichen Leben thätig angewendet, das leichte Geschwätz davon, überwieget. Sie merkte, daß, Mutter und Hausfrau zu seyn, etwas mit sich führt, was keine jugendliche Phantasey, so weit sie zu fliegen scheint, erreichen kann.

Säugling, immer gewohnt, dem Frauenzimmer zu folgen, modelte sich unvermerkt nach Marianen. Er erinnerte sich, daß er, ein Mann, nicht mehr ein Jüngling sey. Er entsagte, freylich nach einigen kleinen Kämpfen, erst seiner allzu genauen Achtsamkeit auf den Kleiderputz, dann seinen zierlichen Gesinnungen, und endlich sogar seinen Gedichten. Er hat selbst an seinen empfindsamen Roman nicht nur nicht weiter gedacht, sondern ist auch allmählig ein völliger Landwirth geworden. Er steht mit Tagesanbruch auf, theilet seinen Leuten ihr Tagewerk aus, reitet, in aller Witterung, zu ihnen aufs Feld, und hat sich, durch unabläßige Thätigkeit, eine solche praktische Kenntniß des Ackerbaues erworben, daß er auf seines Vaters Gütern die wichtigsten Verbesserungen zu Stande gebracht hat. Indessen, da sich lange angewöhnte Unarten selten ganz ausrotten lassen, so ist er doch, unter der Hand, wieder ein Schriftsteller geworden, denn es wird nächstens von ihm eine Abhandlung vom Bau der Kartoffeln gedruckt werden, welche er, nach einer ihm eignen Methode zu vervielfältigen weiß, und womit er, in den letzten theuern Jahren, die armen Heuerleute seiner Gegend, aus eignem Vorrathe, beynahe ganz erhalten hat.

Als der Frau von Hohenauf die vorhabende Verbindung zwischen ihrem Neffen und Marianen gemeldet ward, antwortete sie in kaltem Tone: »Sie wisse lange, daß ihr Bruder beständig nur niedrige Neigungen gehabt, und ihre Bemühungen, die Familie aus dem Staube zu heben, nie gehörig geschätzt habe.« Da kurz darauf ihr Gemahl starb, so vermählte sie sich abermals mit einem wohlgewachsnen, unmittelbaren Reichsritter, dessen alter stiftsfähiger Adel allein schon aus den Akten eines weitläufigen, über hundert Jahre bey dem Reichskammergerichte schwebenden Konkursprocesses, zu beweisen war. Um die Güter ihres Gemahls, wo möglich, von Schulden zu befreyen, gieng sie mit demselben nach Wetzlar, mit Empfehlungsschreiben an den hernach, durch die Reichskammergerichtsvisitation, berühmt gewordenen Juden Nathan. Da ihr indessen, zu Wetzlar, auf den Assembleen einige Kränkungen begegneten, und ihr Mann, der, in Ansehung seines alten Adels, und seiner zärtlichen Liebe gegen die schöne Wittwe, sich in den Ehepakten sogleich völlige Gewalt über ihr Vermögen hatte verschreiben lassen, mit einer durchreisenden Tänzerinn nach Paris gieng; so kehrte sie unverrichteter Sachen, nach ihres Gemahls Herrschaft zurück. Sie bringt daselbst, weil ihre Nachbarn, aus Etikette, mit ihr nicht umgehen mögen, einsam und unmuthig ihre Tage damit zu; daß sie alle Sonntage und Festtage in die Kirche gehet, um für den Kaiser, für alle Könige, und für die gnädige Guthsherrschaft bitten zu hören, und daß sie in der einen Hälfte der Werkeltage ihre Kammermädchen ausschilt, und in der andern, mit einem armen Fräulein, von guter Familie, Pikett spielt.

Die Gräfin von *** nachdem sie die wahren Umstände von Marianens Entführung erfahren hatte, ließ derselben Charakter die vollkommenste Gerechtigkeit wiederfahren, und ward wieder ihre wahre Freundinn. Beide haben sich einigemal persönlich gesehen, und unterhalten einen freundschaftlichen Briefwechsel.

Doktor Stauzius war um diese Zeit, nach dem Tode des Präsidenten, wegen einiger allzuscharfen Gesetzpredigten, in die Ungnade des Fürsten gefallen. Man hatte ihm daher, ohne sein Verlangen, einen Adjunkt gesetzt, einen schönen Geist, welcher, nach neuester Art, in morgenländischen Bildern, und in abgebrochenen Kraftphrasen, bloß für das Gefühl predigte. Dieser neue Vicegeneralsuperintendent bediente sich auch in seinen Predigten vieler Prosopopöien, Fragen und Ausrufungen, aber alles in einer so melodiereichen Aussprache, daß der Fürst, welcher zuweilen schnell aufgefahren war, wenn Stauzius die Ewigkeit der höllischen Strafen herausbrüllte, nun bey höchstem Wohlseyn, in seiner Loge auf seinem Polsterstuhle, unter der Predigt sanft ruhen konnte. Der Neuling kam daher in so große Gnade, daß Stauzius, als er sich über einige von dessen Anordnungen beschweren wollte, aus Höchsteigener Bewegung, gänzlich pro Emerito erklärt ward. Dieses gieng ihm sehr nahe, zumahl, da er, außer dem öffentlichen Verluste seines Ansehens, zu Hause, von seiner Frau, seiner Unvorsichtigkeit halber, täglich die bittersten Vorwürfe hören mußte. Diese Unglücksfälle machten, daß er des Lebens satt, und dadurch vielleicht auch gegen seine Feinde versöhnlicher wurde. Denn da er von Hieronymus die Glücksveränderung des Sebaldus vernahm, ließ er deshalb an ihn ein höfliches Gratulationsschreiben gelangen, welches aber unbeantwortet blieb.

Hieronymus nahm, mit der wärmsten Freundschaft, Antheil an der glücklichen Lage seines Freundes Sebaldus, und an Marianens Verbindung. Er besuchte sie persönlich, um seinen alten Freund nochmals zu umarmen, und brachte demselben zugleich, nebst dem ebengedachten Gratulationsschreiben des D. Stauzius, auch den bisher treulich verwahrten Kommentar über die Apokalypse, mit.

Nothanker der Sohn, alias Rambold, veruneinigte sich bald mit dem Hrn. von Haberwald wegen einer Spielschuld, und verlor also alle Hoffnung, dem alten Pfarrer desselben adjungirt zu werden. Daher ist er auf andere Rathschläge zu seiner Versorgung gefallen. Er hat sich in den Kopf gesetzt, Professor der praktischen Philosophie oder der schönen Wissenschaften, auf irgend einer Universität, oder allenfalls an einem akademischen Gymnasium, zu werden, weil er sich einbildet, in diesen Wissenschaften wichtige Entdeckungen gemacht zu haben. Wenn er eine solche Stelle eher erhält, als der Kornet den gesuchten Abschied bekömmt, so könnte er auch wohl etwan noch die Jungfer Anastasia heurathen, bey welcher er seit einiger Zeit, wie es scheint, nicht ohne Absicht, fleißig aus- und eingehet. Indessen lebt er bey seinem Vater, und läßt sich seit einigen Jahren gefallen, dessen Kommentar über die Apokalypse, so wie er fertig wird, ins reine zu schreiben. Dabey ist er in Nebenstunden beflissen, Abhandlungen und Recensionen, in verschiedene Journale und Zeitungen einzusenden. Wenn man irgendwo schielende und ungereimte Urtheile lieset, über Dinge, wovon, wie offenbar zu sehen ist, der Recensent nichts verstanden hat; wenn dabey verdiente Männer mit naseweisem Geschnatter, fein superklug, über die ersten Gründe der Kunst oder Wissenschaft, in der sie vorzüglich groß sind, belehrt werden; wenn unbescheidner Eigendünkel für deutsche Freymüthigkeit, und ungehobelter Gernwitz für Laune verkauft wird; wenn eine bestimmte Nothwendigkeit für den Grund der Moral, oder ein hobbesischer Krieg aller gegen alle, für den Grund des Rechts der Natur gelten soll; wenn verstandloses Gefühl über philosophische Wahrheit entscheiden, und verwirrtes Träumen einer angebrannten Einbildungskraft, der höchste Schwung der Dichterey seyn soll; wenn besonders dabey die Worte: – »'ch muß dir sagen, liebes Publikum! – lieber Autor hör' an! – Lieber Leser merk' dirs!« – und andere solche Floskelchen gebraucht werden, worauf sich diejenigen etwas einbilden, die sich auf sonst nichts etwas einbilden können: so wird man, wenn man nicht etwan sicher weiß, welcher andere Geck die Feder geführt habe, nicht unwahrscheinlich schließen können, daß der Rambold dahinterstecke.

Sebaldus hat sich, in der Nachbarschaft seines Schwiegersohns, ein kleines Gut gekauft, wo er noch, vergnügt und geehrt, in ruhigem und glücklichem Alter lebt. Er theilt seine Zeit unter die Besorgung seiner Angelegenheiten, unter die Gesellschaft seiner Kinder und weniger Freunde, unter wohlthätige Unterstützung seiner bedürftigen Unterthanen und Nachbarn, und unter fleißiges Studieren, das er nun völlig, seiner Neigung gemäß, treiben kann.

Verschiedene denkende Männer unter seinen Freunden, welche, ohne selbst sehr consequent zu seyn, nicht leiden mögen, daß andere Leute inconsequent seyn sollen, haben sich viele Mühe gegeben, ihn sowohl von der Crusiusschen Philosophie, (welcher, nach ihrer Meinung, außer etwan in Leipzig oder in Bützow, niemand mehr beygethan seyn kann,) als auch von seinem Irrglauben an die Apokalypse zu bekehren. Da aber niemand, wenn er über funfzig Jahre alt ist, sein System zu ändern pflegt, so sind diese Dispute so unglücklich ausgeschlagen, daß Sebaldus, anstatt bekehrt zu werden, in seinen Meinungen vielmehr bestärkt worden ist.

Verschiedene dieser seiner Freunde haben ihm beweisen wollen, daß von einigen Wahrheiten, die er für ungezweifelt hält, nach den Sätzen der Crusiusschen Philosophie gerade das Gegentheil folgen würde. Sie sind aber ganz an ihm irre geworden, da er auf eine eigne, ihm geläufige Weise, wider ihr Vermuthen, alles aus der Crusiusschen Philosophie bewiesen hat, was sie meinten, nur aus der Wolfischen oder Dariesschen, oder Federschen, oder wer weiß welcher Philosophie, folgern zu können.

Einige haben daher den alten Mann, obgleich mit einigem Kopfschütteln, seyn lassen, wie er ist. Andere hingegen, weise systematische Männer, haben ihn dadurch völlig in die Enge zu treiben vermeint, daß sie ihm demonstrirt haben, sein eigner Charakter, (in welchem ohnedieß, wenn man die in dem Gedichte Wilhelmine befindlichen Nachrichten, für historisch richtig annähme, vieles bedenklich seyn müsse,) könne gar nicht zusammenhängen, wenn er bey seinen herrlichen theologischen Einsichten, zugleich an ein so ungereimtes Ding, wie die Apokalypse sey, ferner glauben wollte. Aber hierbey ist der gute Sebaldus, wider Vermuthen, ungeduldig geworden, welches diese, übrigens tiefen Kenner der menschlichen Natur, mit seinem sonst so sanften Charakter wieder nicht zusammenzureimen wußten.

Sie haben vielleicht dabey nur nicht gleich an eine sehr gemeine Bemerkung gedacht, welche durch das Beyspiel des seligen Don Quixotte, und durch das Beyspiel verschiedener noch lebender Genies, bestärkt wird, nehmlich: daß ein Mensch sehr wohl in allen Dingen so denken und handeln könne, daß ihn die ganze übrige Welt für verständig gelten läßt, und nur in einem einzigen so, daß ihn jedermann für einen Thoren hält.

Sie hätten sich auch wohl erinnern können, daß der beste, nachgebendste Mensch, ein Ding, über welches er seine Geisteskräfte einmal bis zu einer gewissen Anspannung angestrengt hat, sich nicht so leicht werde nehmen lassen. Daß daher ein Gelehrter ein Buch, besonders ein biblisches Buch, worüber er eine ihm wichtig scheinende Hypothese erfunden hat, niemals ganz werde fahren lassen können.

Sie mögen übrigens deshalb unbesorgt seyn, daß des Sebaldus vermeintliche abergläubische Achtung gegen das, was sie für Fratzen halten, seinen andern guten Eigenschaften und guten Meinungen schaden werde. Der Mann, der nun einmal seine Menschenliebe und seine Toleranz durch die bildliche Vorstellung des neuen Jerusalems bestätigt, zumal, wenn er ein scharfsinniger Kopf ist, wird seine Theorie von Eingebung und Prophezeyung auch schon so zu modeln wissen, daß seinen menschenfreundlichen Gesinnungen dadurch kein Eintrag geschehe. Und warum sollte dieß, an sich, schwerer seyn, als solche Theorien so zu formen, daß sie zu herrschsüchtigen und verdammenden Absichten gemißbraucht werden können?

Wirklich beschäftigt sich Sebaldus, seit einiger Zeit, mehr als jemals mit der Apokalypse, und hat seinen Kommentar darüber beynahe völlig geendigt. Er hat auch schon seinem Freunde Hieronymus den Verlag desselben angetragen, welchen dieser aber, mit aller Schonung gegen einen Autor, der zugleich ein Freund ist, verbeten hat. Hieronymus weiß freylich, was Sebaldus noch nicht glauben will, daß, seitdem Oeder, und nach ihm Semler, die Aechtheit dieses Buchs verdächtig gemacht haben, niemand mehr etwas über die Apokalypse lesen mag, so gar nicht einmal in Schwaben, wo jetzt, statt der vorherigen allgemeinen Beschäfftigung mit diesem sonst, dort für das Buch der Bücher geachteten Buche, durch eine, für die theologischen Wissenschaften glückliche Veränderung, das Variantensammlen und Arabisch exponiren eingetreten ist.

Diese abschlägige Antwort seines Freundes hat Herrn Sebaldus Nothanker auf die Gedanken gebracht, seine Erklärung und Auslegung über die Offenbarung Johannes, die Frucht einer Arbeit von mehr als dreyßig Jahren, nach dem Beyspiele anderer großen Gelehrten, auf Subscription drucken zu lassen.

Es wird daher hierdurch bekannt gemacht, daß sie drey starke Bände in groß Quart betragen wird, und auf feines weißes Druckpapier abgedruckt werden soll. Sobald sich eine hinlängliche Anzahl Subscribenten, allenfalls auch nur zu einer kleinen Auflage von etwan zweytausend Exemplarien, gemeldet hat, wird der Druck sogleich angefangen werden, und vier Monate nachher, die Ablieferung des ersten Theils geschehen.

Ende.

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