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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Vierter Abschnitt.

Die beiden Liebenden giengen in den Garten, und die Alten blieben zusammen. Säugling der Vater, um dem Sebaldus einen Brief wegen Bezahlung der Quaterne zu diktiren, und Sebaldus, um ihn zu schreiben.

Kaum war diese Arbeit fertig, als Rambold angefahren kam, um den Herrn von Haberwald abzuholen. Dieß war seine gewöhnliche Verrichtung, wenn sein Gönner sich so wohl that, daß er nicht nach Hause kommen konnte. Weil dieser aber noch schnarchte, so trat er zum alten Säugling ein.

Er entfärbte sich nicht wenig, als er den Sebaldus wieder erblickte, den er seit der letzten ZusammenkunftS. oben S. 380., nicht gesehen hatte. Dennoch wollte er diese Gelegenheit, seine Rache gegen den jungen Säugling auszuführen, nicht vorbeylaßen. Er nahm eine scheinheilige Mine an, und sagte: »Sein Gewissen, da er ehemals der Hofmeister des jungen Herrn gewesen, verbinde ihn, dem alten Herrn eine unangenehme Nachricht zu geben, nehmlich, daß der junge Herr Säugling, sich an eine Landläuferinn gehänget habe, die, demselben zu gefallen, in einem nicht weit entlegenen Hause sich aufhalte.«

Der Alte sagte lächelnd:»Ich weiß es wohl. Aber eine Landläuferinn ist sie nicht, sondern ein Mädchen das gute funfzehntausend Thaler hat.«

Rambold schlug eine laute Lache auf: »Laßen Sie sich doch so etwas von Ihrem Sohne nicht einbilden. Sie hat gar nichts. Kein Mensch weiß, wem sie angehört.«

Der alte Säugling, der sich bey diesem Mißverständnisse genoß, sagte mit belehrender Geberde: »Wenns kein Mensch weiß, so weiß ichs doch. Sehen Sie, das Mädchen, das Sie für eine Landläuferinn halten, ist des Herrn Pastors hier, einzige Tochter. Er hat in der letzten Ziehung der Lotterie eine Quaterne von funfzehntausend Thalern gewonnen. Sie ist meines Sohnes Braut, denn ich habe meine Einwilligung gegeben und ihr Vater auch. Also kommt ihr guter Rath zu spät, mein lieber Herr Rambold.«

Rambold war äußerst betreten. Seine natürliche Unverschämtheit verließ ihn. Er ward bald blaß bald roth, sahe den Sebaldus, voll Verwirrung, bald an, bald wieder weg; biß sich die Nägel, schien etwas sagen zu wollen, ohne daß er etwas herausbringen konnte. Murmelte endlich: »Aber wirklich, – funfzehntausend Thaler hat dieser Herr gewonnen!« Sah wieder nach Sebaldus, mit betroffner Mine, und schlug halb beschämt die Augen nieder, wollte wieder zu reden anfangen, und das Wort schien ihm auf dem Munde zu vergehen. –

Indessen traten eben Säugling der Sohn und Mariane ins Zimmer.

»Kommen Sie meine Tochter, rief der alte Säugling schmunzelnd: Vertheidigen Sie sich. Hier dieser Herr, wollte mich eben für Sie, als für der Verführerinn meines Sohnes warnen.«

»Nichtswürdiger! rief Mariane, und sah Rambolden mit einem Blicke voll tiefster Verachtung an. Du denkst schändlich gnung, um zur Verfolgung noch Verläumdung hinzuzuthun. – Deine niederträchtige Liebe, die nur Bosheit war.« –

»Und doch sollen Sie mich gewiß noch lieben,« fiel ihr der faselhafte Rambold grieflachend ins Wort, gewohnt, bey einer Geckerey, die ihm in den Kopf kam, alle ernsthafte Gedanken zu vergessen.

»Wie? rief Mariane höchsterzürnt, nimmermehr!« –

»Aber doch gewiß liebstes Marianchen!« neckte Rambold weiter.

Mariane erblaßte vor Zorn, über diese unglaubliche Unverschämtheit, und wiederholte: »Nimmermehr! Niederträchtiger!«

»Ja gewiß! – erwiederte Rambold, der seine Geckenmine, in eine ernsthafte verwandeln wollte, und unbeschreiblich einfältig aussah, – zwar nicht als Liebhaber, aber doch als Bruder. Ich bin Ihr Sohn – rief er und warf sich zu Sebaldus Füßen – Ich fühle die größte Reue, daß ich Ihnen nicht geschrieben und mich Ihnen hier nicht eher zu erkennen gegeben habe – Ich wollte aber mein Glück erst fest setzen, ehe ich meinen im Kriege angenommenen NamenS. Erster Theil S. 30. verließe – Ich bin weit herumgeirrt – Ich habe, nachdem Sie von Hause vertrieben worden, nie Nachricht von Ihnen gehabt – Erst ganz kürzlich habe ich erfahren, wer sie waren – Da war ich gleich ausserordentlich unruhig – Ich wollte – Ich wuste nicht recht« – Hier stammelte er noch einige kahle Entschuldigungen, an denen es schlechten Leuten nie fehlet.

Alle erstaunten. Sebaldus faßte sich nach einigen Augenblicken, und sagte: »Mein Sohn! Du wußtest doch also, wer ich war? Edler wäre es gewesen, wenn du mich nicht verschmähet hättest, als ich noch in elenden Umständen war! Aber ich vergebe dir.« Er hob ihn auf, und umarmte ihn.

Auch der junge Säugling umarmte ihn. Mariane that ein gleiches, aber nicht mit der Fülle des Herzens, mit der sie sonst einen Bruder würde umarmet haben.

Rambold hingegen war guter Dinge, als ob alles so recht wäre, und da der Herr von Haberwald auch endlich aus seinem Schlafzimmer hervorkam, erzählte er ihm lachend, daß er seinen Vater und seine Schwester gefunden habe, und stellte ihm dieselben vor.

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