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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Dritter Abschnitt.

Des folgenden Tages, erschien Säugling der Sohn, ungerufen, sehr früh beym Theetische seines Vaters. Seine heftige Leidenschaft hatte nun einiger Ueberlegung Raum gegeben. Er sahe ein, daß ohne seines Vaters Einwilligung nichts auszurichten sey, und daß er ihn, auf irgend eine Art, müsse zu beugen suchen. Er hatte ausgerechnet, daß sein Vater ihn liebe und sonst eben nicht allzu standhaft sey. Er hatte also, die Nacht über, alle schwachen Seiten, die er seinem Vater abgewinnen könnte, ausfindig zu machen gesucht, und griff ihn diesen Morgen, mit einer Inbrunst und mit einer Beredsamkeit an, die er für unwiderstehlich hielt.

Er betrog sich aber. Der Vater runzelte, seinem angenommenen Entschlusse gemäß, die Stirn, und gebot ihm in einem verdrießlichen Tone: »Von dieser Sache kein Wort mehr zu reden, weil es sich für ihn einmahl nicht schicke, ein Mädchen ohne alles Vermögen zu heurathen.«

Der Sohn wolte Einwendungen machen, aber der Vater setzte trockner Weise hinzu:

»Die Sache sey so klar, daß er Marianens eignen Vater zum Schiedsrichter annehmen wolle.«

Sebaldus fiel ihm völlig bey. Der junge Säugling, dem, seiner schönen Rede ungeachtet, von der er sich die kräftigste Wirkung versprochen hatte, von beiden zukünftigen Schwiegervätern, seine Braut abgesprochen wurde, stand starr da, wie eine Bildsäule.

Der alte Säugling, um von dem ganzen Diskurse abzukommen, ersuchte den Sebaldus, die Zeitungen zu lesen.

Nachdem verschiedene Zeitungen durchgelesen waren, kam Sebaldus endlich auf folgende Stelle:

»Bey der N. N. Ziehung der Königlichen N. N. privilegirten Zahlenlotterie, welche den N. N. dieses Monats, mit gewöhnlichen Formalitäten öffentlich vollzogen worden, sind die Nummern 33. 42. 12. 66. 6. aus dem Glücksrade gekommen.«

»Laß sehen – rief der alte Säugling, indem er seine Loose aus dem Schranke holte und nachsah – warhaftig wieder nicht eine einzige Zahl – der verdammte arabische Lotteriewahrsager – Und doch sind mir die Nummern so bekannt, ich dächte, ich hätte sie rathen müssen. – Wie ists denn? Von Ihren Zahlen wird auch wohl keine heraus seyn. Sehen Sie doch nach, Herr Pastor.«

Sebaldus nahm seinen Zettel aus der Schreibtafel und der alte Säugling las die Zahlen ab, und verglich jede mit der Zeitung.

Sein Auge ward starr, sein Gesicht lang. Endlich rief er: »Was zum Teufel 33 – 12 – 66 – 6. Ists möglich! Eine Quaterne! Sie sind ein Glückskind Herr Pastor.«

»Habe ich was damit gewonnen?« fragte Sebaldus ruhig.

»Gewonnen? rief der Alte, und ergrif Bleystift und Papier um auszurechnen. Laß sehen:

1 Quaterne à 4½ stbr. 4500 Rthl.
4 Ternen à 30 stbr. 10600
6 Amben à 3¾ stbr. 101 15 Stbr.

Macht wahrhaftig, 15 201 Rthl. 15 Stüber. Daß dich doch! Bin ich nicht ein Schöps, daß ich nicht die Nummern genommen habe!«

»Wie? Was? funfzehntausend Thaler! rief der junge Säugling, indem er sich seinem Vater zu Füßen warf. Nun sagen Sie nicht, daß meine Mariane arm ist. Ich umfasse Ihre Knie, und stehe eher nicht auf, bis Sie mir Ihre Einwilligung geben. Nun ist alle Hinderniß gehoben! –«

»Mein Sohn! rief der Alte, du denkst bloß an deine Heurath, – davon ist jetzt die Rede nicht, – ich denke an den verwünschten Lotteriewahrsager! – (indem warf er das Buch, unwillig, ins Kohlfeuer, das im Kamine stand, und das Lotterievademecum flog hinterher.) – daß dich doch – Aber wie wars doch Herr Pastor! Ist Mamsell Mariane Ihr einziges Kind?« –

Sebaldus antwortete seufzend: »Ich habe noch einen Sohn, von dem ich aber, seit er in den Krieg gegangen ist, keine Nachricht habe.«

»Sie sehen, rief Säugling der Sohn, der seines Vaters Meinung errieth, meine Mariane ist das einzige Kind. Wer weiß, bey welcher Action der Sohn geblieben ist. – Funfzehntausend Thaler! – Hätte ich doch nicht geglaubt, daß mir Geld Vergnügen machen könnte! – Ich bitte Sie, liebster Vater, bedenken Sie, daß Mariane übrig reich für mich ist!« –

»Laß mich gehen, mein Sohn! – Wer weiß ob auch das Geld richtig ausgezahlt wird.« –

»Liebster Papa! bedenken Sie doch – eine Königliche Lotterie sollte nicht bezahlen!« –

Damit sprang er auf, um Marianen ihr beiderseitiges Glück zu hinterbringen.

Als er weg war, saßen die beiden Alten stockstille. Der alte Säugling fuhr fort, sich zu ärgern, daß er die Zahlen nicht für sich gewählt hatte, und maß, an der Entzückung, die er in Sebaldus Augen las, die Entzückung ab, in der er selbst gewesen seyn würde, wenn er die Quaterne gewonnen hätte.

Sebaldus, saß wirklich ganz entzückt da, aber nicht über das gewonnene Geld, denn ob ihm gleich die vortheilhafte Wendung, die die Sachen nahmen, erfreulich war, so kam doch eigentlich seine Entzückung daher, daß ihn die Zahlen, durch verwandte Ideen, an die Apokalypse und an seinen Kommentar erinnerten. Er überdachte seine Meinung, daß alle böse Menschen, durch Strafen gebessert, in dem neuen Jerusalem gut und glücklich seyn würden, welche reizende Vorstellung, ihn allemahl in die innigste Freude versetzte.

Säugling der Sohn, kam bald mit Marianen zurück. Beide warfen sich zu seines Vaters Füßen, der, nach wenigen Schwierigkeiten, seine Einwilligung gab, welche Sebaldus auch bekräftigte.

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