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Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker

Friedrich Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
authorFriedrich Nicolai
year1991
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008694-9
titleDas Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker
pages443-459
created19990827
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1773
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Zweyter Abschnitt.

Säugling der Vater, befand sich in ziemlicher Unruhe, theils, weil sein Sohn zur gesetzten Zeit nicht zurückkam, theils, weil er unschlüssig war, wie er sich gegen die Frau Gertrudtinn und ihre Tochter betragen sollte, die noch nicht wußten, daß der Absicht, wegen welcher man sie auf heute gebeten hatte, ein so großes Hinderniß in den Weg gelegt war. Indessen ward ihm ein Theil dieser Verlegenheit benommen, da die Frau Gertrudtinn ohne ihre Tochter erschien. Ob Säuglings Gedichte, oder die Furcht und Hofnung wegen seiner Entschließung, oder andere Ursachen, auf ihre zarten Nerven allzustark gewirket haben mochten, ist ungewiß. Genug, sie war denselben Morgen mit Kopfweh, Uebelkeiten und Zittern der Glieder befallen worden, eine Krankheit, wegen welcher ihre Mutter in ziemlichen Sorgen zu seyn schien.

Kurz nachher kam auch der junge Säugling mit seiner Gesellschaft an. Mariane ward indessen in Sebaldus Zimmer geführt, bis man nach Tische dem Alten diesen Vorgang berichten konnte.

Bey Tische war die ganze Gesellschaft nicht sonderlich aufgeräumt. Alle suchten ihre innerliche Verlegenheit zu verbergen, und dachten ihren besondern Entwürfen nach. Nach Tische zog der Freund der Frau Gertrudtinn, den alten Säugling, in das Fenster eines Nebenzimmers, wo sie bald in ein tiefes Gespräch über die Heurathssache geriethen. Der junge Säugling schlich sich, ohne daß jemand darauf dachte, zu seiner Mariane, und die Frau Gertrudtinn blieb mit Sebaldus auf einem Kanape sitzen, weil sie heute sich vorgenommen hatte, mit ihm, die wichtige Lehre von dem geistlichen Verderben der menschlichen Natur, aus dem Grunde abzuhandeln. Sebaldus hatte, in ihren vorigen Disputen, der menschlichen Natur Kräfte zur Besserung zugestanden, die Frau Gertrudtinn aber, hatte hierbey alles der Gnade zugeschrieben. Sie war schon einige mahl vom Sebaldus mit verschiedenen Argumenten ziemlich eingetrieben worden, heute aber hatte Sie sich vorbereitet, ihn schlechterdings danieder zu schlagen. Da das Geschnatter einer Religionscontroversistinn, zumahl, wenn es erst zu einer gewissen Stärke gekommen, schwer zu überwältigen ist, und da der gute Sebaldus ohnedem von Marianens kritischer Lage den Kopf voll hatte, so ist leicht zu erachten, daß diesesmahl die Frau Gertrudtinn leichter gewonnen Spiel haben konnte. Sie hieb also alle menschliche Tugenden unbarmherzig nieder, um nachher der Gnade daraus ein Siegeszeichen zu errichten. Sie erzählte, mit geläufiger Zunge, alle die Wunder die durch die Gnade, an unwiedergebohrnen Menschen, im Leben und auf dem Todbette, je haben sollen verrichtet worden seyn, sie plünderte die düstern Schriften einer Bourignon, eines Hans Engelbrechts, Gerbers, Reiz, Bogatzki und anderer, und zuletzt, weil doch ein jeder Heiliger, gern ein Wunder von seinem eignen Machwerke zu haben pflegt, erzählte sie, daß in dem Wirthshause, ihrem Hause gegenüber, ein junger Kornet im Quartiere liege, der zwar immer ein natürlich guter, aber doch ein unwiedergebohrner Mensch gewesen, nachdem er aber nun, seit länger als einem halben Jahre, die Erbauungsstunden, die sie in ihrem Hause halte, besucht habe, sey er von der Gnade auf eine so kräftige Art ergriffen worden, daß sie seine merkwürdige Bekehrungsgeschichte aufgezeichnet habe, und sie nächstens nach Magdeburg schicken wolle, um, den Ungläubigen zur Beschämung in das geistliche Magazin eingerückt zu werden.

Unter diesen Gesprächen, fuhr ein Wagen vor die Thüre, aus welchem der Hr. von Haberwald halbbetrunken heraustaumelte. Die Frau Gertrudtinn wollte mit solchem Weltkinde nichts zu thun haben, ließ sich also vom Sebaldus in den Garten führen, ehe der Herr von Haberwald heraufkam.

Dieser, nachdem er sich mit seiner Flasche Wein erfrischt hatte, legte sich in den Lehnstuhl und fieng an zu schwatzen:

»Ich komme da vom Landtage zurück, wo der Sechs und zwanziger geflossen ist, und denn hatte der Prälat von *** ein Ohmchen Neuner, so just für 'nen Kenner. Doch haben wir auch übers Landes Beste die Köpfe zusammengesteckt, denn so wahr ich lebe, Nachbar Säugling, was mich betrift, ich habe Verstand für zwey, wenn ich getrunken habe. – Ja nun, was wollte ich doch sagen, – der Landtag war aus, so muß man doch auch'n bischen sehen, wie's zu Hause aussieht – so fahren wir denn zurück und ich komme heute um halb eilfe nach *** da hab' ich im rothen Löwen, bey dem putzigen Wirthe mit der Stumpfnase gegessen, der Kerl hat Burgunder, so gut wie in Lüttich, Forçe! Feuer! wer ihn nicht versteht, den wirft er untern Tisch – Ja was wollte ich doch sagen – Gegenüber wohnt, du weist's Nachbar Säugling, die alte reiche Hexe die Gertrudtinn, mit einemmahle, wie wir im besten Trinken sind, wird da ein Lärm im Hause, die Leute liefen vor der Thür zusammen, und wir ans Fenster.« –

»Wie so? fragte der Freywerber: Es war doch wohl nicht Feuer im Hause?«

»Ey! warum nicht gar! Aber vor neun Monaten mag wohl Feuer gewesen seyn, da kriegt nun die Tochter jetzt, ich weiß nicht was für 'nen Zufall, und die Mutter ist nicht 'nmahl zu Hause, drüber wird 'n Aufruhr, 's Mädchen hohlt'n Doktor, ja der thut's noch nicht. – ›He! schrie Stumpfnase, und wieß mir'n alt Weib auf der Straße – da haben sie Mutter Ilsen von der andern Ecke geholt, die wirds ins Gleis bringen, und denn der Kornet, der bey mir in Quartiere liegt, ist auch schon herüber geschlichen –‹ Ey daß dich übern Kornet, wenn doch unser einer auch 'nmahl so im Quartier läge! –«

Hierbey schlug Haberwald eine wiehernde Lache auf, und der Freywerber, dem sich, während der ganzen Erzählung, die Kinnbacken verlängert hatten, gieng in den Garten, um der Frau Gertrudtinn den für ihre Absichten so verdrießlichen Vorfall, mit möglichstes Vorsicht zu hinterbringen.

Er störte sie in einer sehr glücklichen Lage, denn da sie ihre heutige Ueberlegenheit über Sebaldus vermerkte, hatte sie ihn warm gehalten und war jetzt eben im Beweise begriffen, daß die dritte PosauneOffenb. Joh. VIII. 10. in der Apokalypse, die Indifferentisten bedeute, welche von Erbsünde und Wiedergeburt nichts wissen wollen, und dadurch eine bittere Religionsmengerey verursachen, dagegen Sebaldus, der aber jezt gar nicht zum Worte kommen konnte, vermeinte, daß dadurch die französischen Atheisten angedeutet würden, welche die ersten Quellen der menschlichen Glückseligkeit vergiften.

Der Freywerber raunte der Frau Gertrudtinn die unglückliche Nachricht ins Ohr, wodurch sie außer aller Fassung gebracht ward. Sie fiel beynahe in Ohnmacht, kam wieder zu sich, ward in ihren Wagen gepackt und nach Hause gefahren.

Der Herr von Haberwald machte sich mit noch ein Paar Flaschen vollends fertig, und ward in ein Bette gebracht, um seinen Rausch auszuschlafen. Seine Pferde aber, die nüchterner waren, giengen nach Hause.

Des alten Säuglings Nerven, keiner Anstrengung gewohnt, waren, durch die mannigfaltigen diesen Tag vorgefallenen Begebenheiten, dermaßen erschüttert worden, daß er halb betäubt da saß. Gleichwohl sollte er noch nicht zur Ruhe kommen, denn der junge Säugling stellte ihm, wider alles Vermuthen, Marianen vor. Beide warfen sich ihm zu Füßen. Sein Sohn, um ihn mit der größten Heftigkeit zu flehen, in ihre Verbindung zu willigen. Mariane, um ihn mit Thränen zu versichern, daß sie, so sehr sie seinen Sohn liebe, doch, ohne seine Einwilligung, nie demselben ihre Hand geben würde. Sebaldus, bestärkte sie in diesem Entschluße, und setzte den Undank, dessen sie beide sich sonst schuldig machen würden, weitläufig ins Licht.

Säugling der Vater, hob Marianen auf, versicherte sie, daß er sie werthschätze, daß er ihren Vater werthschätze, daß er aber ihre Heurath mit seinem Sohne nicht zugeben könne. Uebrigens bat er alle, ihn nur heute ruhig zu laßen, denn er könne nun kein Wort weiter sagen.

Der Abend nahte nun heran, und die ganze Hausgenossenschaft gieng bey Zeiten zu Bette, aber niemand schlief ruhig, als der Herr von Haberwald, welcher, im Dunste des lüttichschen Burgunders, nach Herzenslust schnarchte.

Der alte Säugling schlief nicht, weil ihm der Querstrich mit der Jungfer Anastasia im Kopfe lag und weil er gar nicht absehen konnte, wie er seinen Sohn zufrieden stellen sollte, den er sehr liebte. Er konnte leicht erachten, daß derselbe von seiner Liebe nicht so leicht abgehen werde, und er konnte sich doch auch nicht entschließen, in die Heurath seines einzigen Erben, mit einem armen Mädchen, zu willigen. Nach langem Hin- und Hersinnen wollte ihm nichts bessers beyfallen, als daß er seine väterliche Autorität zusammennehmen, und seinem Sohne rund heraussagen müßte: Aus der Sache würde nichts. Nachdem er diesen Entschluß genommen hatte, ward er etwas ruhiger, und schlief endlich ein.

Sebaldus konnte nicht einschlafen, weil ihm Marianens mißlicher Zustand am Herzen lag. Doch war an seiner Unruhe auch nicht wenig Schuld, daß die Frau Gertrudtinn seine Erklärung der dritten Posaune so schnöde verworfen hatte. Er fieng an, sich die Gründe für seine Meinung ausführlich zu wiederholen. Je mehr er darüber nachdachte, desto richtiger fand er seine Meinung, und destomehr beruhigte er sich über den Widerspruch der ungelehrten Frau, so daß er endlich einschlief.

Der junge Säugling und Mariane, hatten jedes für sich eine schlaflose Nacht, und zwar aus einerley Ursach, nehmlich, weil sie verliebt waren, und weil sie ihrer Liebe, ein beynahe unübersteigliches Hinderniß in den Weg gelegt sahen. Sie beschäftigten sich, jeder besonders, wer weiß wie viel spanische Schlösser in die Luft zu bauen, und thaten darüber, bis an den hellen Morgen, kein Auge zu.

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